Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern

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