Der Trafikant

BOCKIG IN DIE DUNKLEN ZEITEN

6,5/10

 

DER TRAFIKANT© 2018 Tobis Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: NIKOLAUS LEYTNER

CAST: SIMON MORZÈ, JOHANNES KRISCH, BRUNO GANZ, EMMA DROGUNOVA, REGINA FRITSCH, KAROLINE EICHHORN, GERTI DRASSL U. A.

 

Tiefe Wolken hängen über einer fast schon verwunschenen Bucht des oberösterreichischen Attersees, irgendwann in einem Sommer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen in Österreich. Wie es das Schicksal will, muss der pubertäre Franz seine nicht mal ansatzweise fassbare Zukunft komplett umjustieren und wird, nachdem Mamas Liebhaber vom unvernünftigen Baden im See während eines Unwetters vom Blitz getroffen wird, nach Wien geschickt. Was hat er denn noch verloren in dieser Einöde zwischen Hühnern und dem Schlick unter dem hauseigenen Steg außer seiner eigenen Kindheit? Der Bub muss was G´scheites lernen, in die Welt hinausgehen. Dort in Wien gibt es eine alte Jugendliebe, den Trafikanten Trsnjek, bei dem soll er anlernen, der Bub. Dieser Abschied vom geborgenen Heim unter den Tannen wird niemals wirklich enden, und das Winken mit dem Sacktuch unter Tränen wird immer niedergeschlagener und kraftloser, in dieser Verfilmung eines Romans von Robert Seethaler, die genauso bühnentauglich wäre wie ein Drama von Ödön von Horvath. Sich genauso gegen Windmühlen stemmend, genauso aussichtslos, genauso resignierend.

Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner, unter anderem bekannt für den launigen Kleinganovenschwank Schwarzfahrer mit Lukas Resetarits, hat sich, so äußerten sich zumindest mehrere Kritiker-Stimmen, ziemlich genau – und manchmal fast zu unselbständig – an die literarische Vorlage gehalten. Das kann ich selbst nicht beurteilen, ich habe hier nur den Film vor Augen, und eine Geschichte, die sich mit keiner anderen Quelle des Erzählten herumschlagen muss. Die Möglichkeiten, die sich aber daraus ergeben, fügen sich dem narrativen Rhythmus eines so rustikalen wie braven Volksstückes, und vor allem in den Szenen, die in Wien der späten Dreißigerjahre spielen, entfaltet sich ein gewisser kulissenhafter Charme mit Hang zur wohlsortierten Miniatur, wie ihn seinerzeit der gute Franz Antel in seinem Bockerer ans Set gelegt hat. Ein bisschen was vom aufmüpfigen Fleischhauer kann Der Trafikant zumindest anfangs unter der Ladentheke hervorholen. Johannes Krisch, der sowieso alles spielen kann, sogar und besonders auch ambivalente Schatten wie Jack Unterweger, orientiert sich auf eine Weise an Karl Merkatz, die weder platte Kopie noch Hommage darstellt. Krisch kreiert aus dem Gehabe eines subversiv rebellischen Wieners den ganz eigenen Typus eines teilbelesenen, selbstbewussten und gütigen Kriegsveteranen, der viel Unschönes gesehen hat und weit davon entfernt ist, sich selbst zu verraten. Ohne dieser schillernden Gestalt des famos verkörperten Alt-Trafikanten wäre das düstere Vorabendszenario im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ein durch die Bank bemühtes Schauspielkino geworden. Hauptdarsteller Simon Morzé tut, was er innerhalb seiner erlernten Fähigkeiten kann, um glaubwürdig Bockigkeit an den Tag zu legen. Er bleibt aber, wie es das Variétémädchen Anezka immer wieder betont, ein naives „Burschi“, das seine Furcht vor einer unbestimmten Zukunft in unbequemen, entsättigten Traumsequenzen auslebt. Ihm zur Seite der große Bruno Ganz, der sich als Professor Freud in gepflegter Langeweile meist auf seinen unverkennbaren Bartwuchs verlässt und zur Do-it-yourself-Psychoanalyse rät.

Das Bühnenhafte der durchaus nicht billig scheinenden Produktion wird noch verstärkt durch das neben Krisch wirklich Erlebenswerte an dem Film: nämlich die Fulminanz der Ausstattung. Die Inventur sämtlicher Requisitenkammern dürfte dem Aufbau des Sets vorangegangen sein. In der nachgestellten Zwischenkriegs-Trafik finden sich bis ins kleinste Detail liebevoll nachgestelltes Interieur, von den „zärtlichen Magazinen“ in der verschlossenen Schublade bis zu den Postkarten am Tresen. Auch Freuds schmucke Einrichtung in der Berggasse entbehrt nicht eines gewissen kulturhistorischen Werts. In diesem Punkt war das Team ganz bei der Sache. Ihren Höhepunkt findet die Liebe zur Rekonstruktion im Hernalser Rummel, eine Szene wie aus Ferenc Molnar´s Liliom. Der Trafikant ist also akribisches Ausstattungskino im Stile eines Volksstückes, das aber die schildbürgerliche Zuversicht eines Karl Bockerer vermissen lässt. An seiner Statt tritt ein vergebliches Aufbegehren gegen die dunkle Zeit, die in Szenen wie die der berittenen Polizei einen beklemmenden Bogen in die Gegenwart spannt.

Der Trafikant

Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung

Die dunkelste Stunde

CHURCHILL SPIELT CHURCHILL

7,5/10

 

DARKEST HOUR© 2017 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOE WRIGHT

MIT GARY OLDMAN, LILY JAMES, KRISTIN SCOTT THOMAS, BEN MENDELSOHN U. A.

 

Das macht Europas größter Insel kein anderes Land nach: das Schicksal Großbritanniens inmitten des zweiten Weltkriegs ist eine Epoche voller Facetten, die wie kein anderer Schwerpunkt so sehr im Mittelpunkt der Kinogeschichte gestanden hat – und jetzt auch wieder stehen darf. Dabei lassen sich all diese fast schon nahtlos aneinander gereihten, zeitgleich passierenden Episoden als Gesamtpaket betrachten, wenn nicht gleich als Trilogie oder Quadrilogie. Da hätten wir The King´s Speech mit Colin Firth, der als stotternder Monarch Albert alles versucht, seine Rede zur Lage der Nation so flüssig wie möglich ans Volk zu bringen. Da hätten wir in The Imitation Game das Superhirn Alan Turing, gespielt von Benedict Cumberbatch, der es geschafft hat, ebenfalls zur selben Zeit den Code der Nazis zu knacken. Und da hätten wir jüngst Christopher Nolans schwer beeindruckendes Meisterwerk Dunkirk. Gerade die atemberaubend unorthodox erzählte Chronik des Wunders am Ärmelkanal ist mit Joe Wrights Politdrama Die dunkelste Stunde, am engsten verknüpft. Hat man Dunkirk gesehen, sollte man unbedingt auch Die dunkelste Stunde sehen. Hat man Die dunkelste Stunde gesehen, empfiehlt es sich, gleich unmittelbar hineindran Dunkirk auf die Watchlist zu setzen. Beide sind zweifellos völlig eigenständige Werke. Doch gemeinsam bilden sie eine vollkommene Einheit. Eine Schicksalssymphonie aus einem Guss. Und tatsächlich wäre es sogar denkbar, Dunkirk und Die dunkelste Stunde dramaturgisch ineinander zu verzahnen. Der eine Film, ergänzt den anderen. Zusammen lassen sie Geschichte erleben. Und das so packend, plastisch und fühlbar wie selten zuvor.

Die dunkelste Stunde funktioniert aber auch im Alleingang ganz ausgezeichnet. Und das Besondere daran: nicht trotz, sondern vor allem aufgrund all seiner Bescheidenheit, seiner Lust am Zitieren protokollierter Reden und den vielen Herren in dunklen Anzügen, denen das politische Gewissen ins verkniffene Gesicht geschrieben steht. Als Zaungast im britischen Parlament blickt man auf ein denkwürdiges Szenario hinunter und hört Worte wie „Weder Weichen noch Wanken“ oder „Sieg um jeden Preis“, die sich in die Eckpfeiler europäischer Geschichte gebrannt haben. Polternd in die dunklen, dunstigen Hallen gerufen hat das niemand geringerer als der legendäre Polittitan Winston Churchill. Denkt man an Churchill, denkt man zuallererst an Zigarre, alkoholische Getränke, womöglich Melone und Kleidergröße XXL. Und dann erst an seine donnernde, volksorientierte, heldengleiche Politik. Leicht kann es passieren und Filme über Jahrhundertpolitiker, wie Churchill durchaus einer war, expandieren zu Apotheosen gottgleicher Übermenschen. Nicht so Joe Wrights Film. Und darin liegt seine überzeugende Qualität. Churchill erhält trotz all dem effektiven, erzählerischen Pathos durch Die dunkelste Stunde die Chance, sich als Mensch zu erklären. Und nicht als Ikone einer Krisenpolitik. Der übergewichtige Exzentriker voller extrovertierter Intelligenz, voller eigentümlicher Ticks und leichtem Anflug von Cholerik zeigt sich gern im Schlafrock, unfrisiert und barfüßig. Es ist, als würde man ihn kennen. Vielleicht sogar schon lange bevor der Film überhaupt erst begonnen hat. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein. Und dann begegnet man Churchill sogar noch in Momenten des Zweifelns und Bangens. Momente, wo der wuchtige, laute Riese ganz klein wird, wie ein Kind.

Wirkliche Größe erlangt Wright´s politisches Psychogramm in den fragilen, feinen, kleinen Szenen. Wenn der Premierminister schweigend seine Sekretärin mustert, wenn beide wortlos in der Schreibkammer sitzen, zwischen ihnen die ganze unaussprechliche Stille des prekären Ist-Zustandes der Nation. Wenn Churchill Präsident Franklin anruft, zu später Stunde, irgendwo abseits und ganz auf sich alleine gestellt. Wenn sein Blick ins Leere gleitet – dann spiegelt sich die Schwere der Verantwortung in jeder Requisite des Films. Und graben neue Furchen in die hängenden Wangen des alten Mannes, der genauso aussieht wie die Person von damals. Dass dahinter Gary Oldman versteckt sein soll, kann ich kaum glauben. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wieso die Macher gerade Gary Oldman wollten. Bislang war es doch meist so, dass es vollauf genügt hat, historische Persönlichkeiten mit zumindest ansatzweise ähnlichen Schauspielern zu besetzen. Mittlerweile reicht das aber nicht mehr. Schon Anthony Hopkins wurde dem Konterfei von Alfred Hitchcock angeglichen. Und Leo Di Caprio durfte sich als J.Edgar Hoover maskieren. Maskenhaft waren sie, diese Gesichter. Aber auch da hat sich die Technik verändert. Obwohl in Die dunkelste Stunde sehr oft Close Ups von Gary Oldmans verwandeltem Profil zu sehen sind, weiß die physische Echtheit des wiederauferstandenen Politikers zu verblüffen. Gary Oldman ist verschwunden – an seine Stelle tritt der Mensch Churchill, der die schlimmsten Stunden seiner Regierungszeit nochmal Revue passieren lässt. Es ist, als würde Churchill Churchill spielen. Den verdienst hat die Maske natürlich nicht alleine – Oldman gelingt es, nach mit Sicherheit intensivstem Studium der historischen Figur nicht nur Churchill zu spielen – er ist zu ihm geworden. Und zwar nicht als plakative Erinnerung eingangs erwähnter Heldenskulptur, sondern als Mensch. Als verletzlicher und gleichzeitig ungemein starker Mensch. Daniel Day Lewis, der selbst zu Lincoln geworden ist, hätte den impulsiven Giganten nicht besser verkörpert.

Die dunkelste Stunde ist eine fesselnde Episode europäischer Geschichte im Erzählstil von Thirteen Days und das sensible, zutiefst humane Psychogramm eines großen Briten. In gleißend hellem Tageslicht und im Licht der Zigarrenflamme, auf offener Straße und barfuß an der Bettkante – bei diesem Poker mit dem Teufel haben sehr viele Profis sehr viel richtiggemacht. Vor allem Churchill, der sich selbst am besten spielt.

Die dunkelste Stunde

Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern

Allied – Vertraute Fremde

SPIEL´S NOCHMAL, HUMPHREY!

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allied

Brad Pitt ist längst nicht Humphrey Bogart. Marion Cotillard längst nicht Ingrid Bergman. Was sich Kultregisseur Robert Zemeckis, dem wir unvergessene Kinostunden wie Zurück in die Zukunft oder Forrest Gump zu verdanken haben, da geleistet hat, kann man ihm angesichts seiner filmographischen Habenseite durchaus verzeihen – besser macht es den Film aber dadurch nicht.

Dem romantischen Spionagedrama aus den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs, laut Drehbuchautor Steven Knight auf wahren Begebenheiten beruhend, gelingt es einfach nicht, die richtige Chemie zu mixen. Weder schauspielerisch noch dramaturgisch erreicht Zemeckis seine für ihn bekannte inszenatorische Intensität. Schauspielerisch deswegen nicht, weil Brad Pitt ab einem gewissen Punkt in seiner Filmkarriere sein schauspielerisches Potenzial auf niedrige Stufe heruntergefahren hat. Sei es aufgrund einer gewissen Celebrity-Müdigkeit, dem Einfluss von Angelina Jolie oder einer inneren Erfolgszufriedenheit. Dieser Wendepunkt dürfte so ungefähr um Innaritus Episodendrama Babel gewesen sein. Soweit ich mich erinnern kann, war dies seine letzte Rolle, in welcher er neben seiner mittlerweile dauerhaften, stoisch-nachdenklichen Mine auch noch andere Gefühlszustände im Repertoire hatte. Brad Pitt ist so ausdruckslos und nichtssagend geworden wie mittlerweile Bruce Willis oder Al Pacino. Ja, eine gewisse künstlerische Müdigkeit könnte schon der Grund sein. Marion Cotillard hingegen hat in Allied – Vertraute Fremde die besseren Karten, obwohl auch spätestens hier klar wird, dass ihr Steckenpferd weniger das Blockbusterkino als viel mehr das innovative Autorenkino zu sein scheint. Das haben wir zuletzt auch bei Assassins Creed gesehen. Ihre Figuren wirken im Big Budget-Kino viel zu aufgesetzt. Im Künstlerkino hingegen bleibt kein Auge trocken, denken wir nur an die Performance in Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen oder überhaupt an ihre Sternstunde in der Edith Piaf-Biografie La vie en rose. Soweit mal beide Akteure für sich betrachtet. Und miteinander? Nun, da können sie auch nicht so, wie sie vielleicht gewollt hätten. Chemie gibts da keine, ihre Emotionen haben mit ihrem jeweiligen Gegenüber nichts zu tun. Szenen wie „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ würden zwar gespielt, aber nicht gefühlt sein, vorausgesetzt es gäbe sie.

Wobei der Bezug zu Casablanca gar nicht so weit hergeholt ist. Mit einer der ersten Szenen, die eine Hommage an Rick´s Cafe zu sein scheint, gelingt zemeckis noch eine genüssliche Reminiszenz an Michael Curtiz´ Klassiker. Spätestens im zweiten Teil des Filmes, der in London spielt, kippt das Geschehen so ziemlich ins Flache. Und zieht sich auch gehörig in die Länge. Was man aus dem Stioff alles hätte machen können! Suspense a la Hitchcock, Dramatik a la Das Leben der Anderen. Pures, emotionales Spannungskino. So aber erlahmt das Interesse an der wahren Identität Cotillards ziemlich schnell. Suspense nur im Ansatz, gefühlte Emotionen an der Kassa. Ich werde das Gefühl nicht los, bei Betrachten des Filmes den Mangel an Spielfreude ausgleichen zu müssen. So, als hätten sie beide dem Publikum einen großen Gefallen getan. Oder gibt es von dieser Sorte Film schon mehr als genug Artverwandtes? Auch das ist möglich. Irgendwie hat man alles schon gesehen. Besser gesehen. Selbst das Finale Grande versickert im regennassen Grasboden eines Militärflughafens. Auch hier haben wir übrigens wieder einen Bezug zu Casablanca. Schwach zwar, aber die Assoziation ist da. In den letzten Filmminuten ereifert sich Zemeckis zu unzeitgemäß sagenhaftem Kitsch, der allerdings üblich für die späten Achtziger und frühen Neunziger war und den mittlerweile auch niemand mehr notwendig hat, um sich zu unterhalten. Den Gänsehauteffekt hätten die Schauspieler erzeugen sollen, nicht die Regie. Da aber vorallem Brad Pitt den ganzen Film über nicht wirklich bei der Sache zu sein scheint, bleibt Allied – Vertraute Fremde eine plump wirkende, leidenschaftslose Erinnerung an das amerikanische Spionagekino der 50er. Daher meine Bitte: Spiels nochmal, Humphrey!

 

 

Allied – Vertraute Fremde