Monsieur Killerstyle

DER JACKE ANS LEDER

7/10

 

killerstyle© 2019 Koch Films

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: JEAN DUJARDIN, ADÈLE HAENEL, ALBERT DELPY, CORALIE RUSSIER, MARIE BUNEL U. A.

 

Frei nach dem ersten der zehn Gebote, die von Moses in Empfang genommen wurden: es darf keine andere Jacke geben außer diese. Und zugegeben – die ist wirklich endgeil: selbstredend 100 % echtes Hirschleder, kesse Schnallen, und das Beste: Fransen wohin das Auge auch reicht. Diese Jacke ist der letzte Schrei, zumindest für Loser Georges, der das Partnerkonto plündert (zum Leidwesen der Gattin) und sich das heiße Teil für schlappe 7000 Euro oder mehr unter den Nagel reißt. Was dann beginnt, ist ein ­– sagen wir mal so – neues Leben in den französischen Alpen. In trauter Zweisamkeit mit einem Textil, das bald ein seltsames Eigenleben entwickelt. Georges gibt sich dem hin, gehorcht dem größenwahnsinnigen Wildleder wie Gollum einst dem einen Ring. Und predigt zwischen Found Footage-Filmprojekt und narzisstischen Posen den fundamentalem Mode-Monotheismus.

Hier haben wir ihn, die Serienkiller-Version einer Werbesendung für Echtleder-Outfits, den wütenden Tanz ums goldene Ding, die krasse Anbetung eines Materialismus, der gar nicht mal so absurd erscheint, sind doch Fälle von Suizid bekannt, die aufgrund eines Kratzers im Autolack begangen wurden. Selbst Rainhard Fendrich singt von einer Zweierbeziehung mit einem fahrbaren Untersatz. Tom Hanks war notgedrungen auf einen Volleyball namens Wilson angewiesen. Die Seele des Objekts also, die manche zu spüren glauben, weil sie lieben, was sie besitzen. Im Extremen nennt man das Fetischismus. In Monsieur Killerstyle (oder auch Deerskin, im französischen Original: Le Daim) ist der Fetisch das Maß aller Dinge. Jean Dujardin, der zuletzt als gewissenhafter Ermittler in Roman Polanskis J’accuse brilliert hat, darf nun eine Art Perversion ausleben, um die ihn vielleicht so manche Schauspielkollegen beneiden würden. Und Dujardin ist großartig. Als heuchelnder Lügenbaron und Sklave seines Outfits exekutiert er zuerst trickreich, später aber bar jeder Höflichkeit als eine Ein-Mann-Armee das Anti-Jacken-Pogrom. Blut wird fließen, der kleinkarierte Georges hingegen wird immer mehr zum humanoiden Rotwild jenseits aller ethischen Ordnung. An seiner Seite: Adèle Haenel als Hobby-Cutterin, die in dieser Obsession des graumelierten Eigenbrötlers wahre Kunst erkennt. Oder aber ebenfalls der Macht der Wildlederjacke erliegt, so ganz genau weiß man das nicht.

Quentin Dupieux (am besten bekannt für seinen Autoreifen-Horror Rubber) hat mit dieser kurzen und knackigen, in blassen Winterbildern gehaltenen Psycho-Groteske wohl etwas ungewohnt Originelles geschaffen. Und alles andere als ein dummes Hirngespinst. Sein Anti-Held ganz in Leder ist eine widersprüchliche Figur, ein Wahnsinniger zwischen Aussteigerlust und kapitalistischem Gehorsam. Das ist herrlich surreal, oft nicht wenig verstörend und durchaus auch saukomisch, vor allem dann, wenn Jean Dujardin sein schickes (eigentlich aber unsägliches) Outfit nicht mehr packt. Als satirisches Zerrbild einer Gesellschaft im Werte-Chaos ist Monsieur Killerstyle treffsicher gelungen.

Monsieur Killerstyle

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