Letztes Jahr in Marienbad

KENNEN WIR UNS?

5/10


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LAND / JAHR: FRANKREICH, ITALIEN 1961

REGIE: ALAIN RESNAIS

DREHBUCH: ALAIN ROBBE-GRILLET

CAST: DELPHINE SEYRIG, GIORGIO ALBERTAZZI, SACHA PITOËFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


War es in Marienbad? In Friedrichstadt, Karlstadt oder Baden-Salsa? Oder in diesem Salon? Nichts Genaues weiß man nicht. Das Einzige, was so ziemlich als gesichert gilt, ist, dass der Mann mit dem schmalen Gesicht beim mittlerweile als Marienbad bekannten Nim-Spiel stets gewinnt. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Und sonst? Sonst ist alles das Ergebnis subjektiver Erinnerungen an ein Damals vor einem Jahr. Oder sind diese Erinnerungen auch nur ein Konstrukt aus Begehren und Wunschtraum?

Die Sechziger, das Um- und Aufbruchsjahrzehnt für Gesellschaft, Soziales und Kultur, hat den Leuten gezeigt, dass vieles auch anders geht. Das die Norm keine Zügeln hat. Dass die Freiheit mannigfaltig sein kann. Da war Querdenken noch ein begrüßenswerter Umstand. Das Umkrempeln der bewährten Ordnung schuf in der Literatur den Nouveau Roman – folglich dauerte es nicht lange und im bereits durch die Nouvelle Vague erneuerten Medium Film etablierte sich der Versuch, die lineare Erzählform außen vor zu lassen, Strukturen aufzudröseln und mit diesen losen Fäden herumzuexperimentieren. Inspiriert von Alfred Hitchcocks filmischen Methoden und von so ziemlich allem, was neu war, entstand unter der Regie von Alain Resnais, der mit Hiroshima, mon amour ’59 die Goldene Palme von Cannes holte und sich nunmehr unorthodoxe Filmprojekte leisten konnte, ein nobles Verwirrspiel erster Güte: Letztes Jahr in Marienbad.

Dabei erstreckt sich die Handlung auf gerade mal fünf Minuten oder würde bei einem linearen Erzählkonzept bis zur zweiten Szene kommen. Ein namenloser Mann trifft auf eine namenlose Frau an einem unbekannten Ort – wir wissen, es ist ein Hotel in barockem Stil. Der Mann scheint die Dame zu kennen, sie wiederum kann sich an nichts erinnern. Also versucht der Mann, die Frau davon zu überzeugen, dass sich beide bereits letztes Jahr schon getroffen hatten. In Marienbad, Friedrichstadt, Karstadt, Baden-Salsa oder in diesem Salon. Dabei wiederholt sich seine artikulierte Beweisführung immer und immer wieder. Klingt jetzt nicht gerade prickelnd. Doch Resnais geht es keinesfalls um romantische Inhalte. Dieses bisschen Erzählsubstrat zerbricht wie ein Spiegel in hunderterlei Scherben. Ziel ist es, diesen Spiegel neu zusammenzusetzen. Bedingung dabei: all die Teile müssen neu arrangiert werden, letzten Endes aber dennoch wieder einen ganzen Spiegel ergeben.

Ein Experiment fürwahr. Doch was vielleicht in den Sechzigern für staunende Gesichter gesorgt hat, offenbart sich in der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts mittlerweile nur noch als recht aufgeräumter, jedoch wenig tangierender Versuch, aus überholten Normen auszubrechen. Aus filmhistorischer Sicht mag Letztes Jahr in Marienbad seinen Platz bis heute gut verteidigt haben. Dass dieser Film allerdings auch heute noch irritierende Verblüffung auslöst, wage ich zu bezweifeln. Resnais Werk mag surreal sein – der redundante Ablauf an ähnlichen Szenen und mächtig ausholenden Kamerafahrten bleibt gediegene, natürlich edel fotografierte Langeweile.

So gesehen gibt es mehrere Sprachblöcke, die sich stets wiederholen. Allein schon ganz am Anfang erzählt eine Stimme aus dem Off gefühlt zigmal dieselbe Beschreibung des Ortes. Die langen Gänge, den schweren Stuck, die vielen Salons. Wie Gedankenblasen dreht sich das Gesagte in zeitlosem Kreis. Inhaltsleere Gesprächsfetzen der anderen Gäste sind zu hören – Floskeln, die keinen Sinn ergeben. Oft stehen diese Damen und Herren – in Abendkleid und schwarzen Anzügen – orientierungslos inmitten des üppigen Interieurs oder halten im geometrisch angeordneten Schlossgarten plötzlich inne, als würde die Zeit stillstehen. Es sind die Abbildungen vager Anhaltspunkte aus dem Gedächtnis der beiden Hauptfiguren, die alles Irrelevante als bedeutungslose, abstrakte Peripherie in das Erinnernde eingliedern. Und immer wieder, immer wieder wiederholt sich diese Abfolge wie ein formelhaftes Mantra. Dazwischen wieder der Mann mit dem schmalen Gesicht, der im Nim-Spiel gewinnt.

Unterlegt ist dieses flüchtige Kaleidoskop, das keinen Anfang, kein Ende und deren Zeiten vollends durcheinandergeraten, mit konterkarierter schwerer Orgelmusik. Letzten Endes ist man um keine Nuance schlauer, letzten Endes erreicht ein Gähnen die letzten Szenen eines scheinbar nicht enden wollenden, intellektuellen Filmversuchs. Nun, es ist ein Ereignis, doch gleichermaßen ein recht geziertes Kind seiner Zeit.

Letztes Jahr in Marienbad

Buñuel im Labyrinth der Schildkröten

IM SCHLAGSCHATTEN DES SURREALEN

5,5/10


bunuel© 2019 Arsenal Filmverleih


LAND / JAHR: SPANIEN, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE 2019

REGIE: SALVADOR SIMÓ

DREHBUCH: ELIGIO R. MONTERO & SALVADOR SIMÓ, NACH DER GLEICHNAMIGEN GRAPHIC NOVEL VON FERMÍN SOLÍS

LÄNGE: 1 STD 20 MIN


Welche(r) (Film)kunstinteressierte kennt ihn nicht, diesen Kurzfilm aus dem Jahr 1929, der eigentlich keinen Sinn ergibt und in welchem überhaupt nie ein spanischer Vierbeiner zu sehen ist. Ganz richtig: Ein andalusischer Hund. Ein Eckpfeiler des Surrealismus, ein denkwürdiger Beitrag auch zum Thema Ekel im Film, denn was man mitunter sieht, ist nichts weniger als das Aufschlitzen eines Auges mit dem Rasiermesser. Bei dieser Szene kann man nur schwer dranbleiben – ist aber im Kontext zum bizarren Rest auch schon wieder sehenswert. Vielleicht, weil die Marke Salvador Dali dahintersteckt – und ihr künstlerischer Weggefährte Luis Buñuel. Während Dali seine Fantasien folglich nur noch in galerietauglichen Dimensionen bändigen wird (bis auf wenige Ausnahmen, so zum Beispiel die Traumsequenz aus Alfred Hitchcocks Ich kämpfe um dich), bleibt Buñuel weiter dem Medium Film treu. Dessen zweites Werk – der Skandalfilm Das goldene Zeitalter, in dem so richtig ordentlich mit Bigotterie und Katholizismus aufgeräumt wird – erhielt für rund 50 Jahre ein Aufführverbot. Ein Umstand, den Buñuel so gut wie alles gekostet hat. Und vor allem eines: Geld.

Und hier sind wir auch schon am Anfang eines hochgradig speziellen Animationsfilmes angekommen, der wiederum selbst auf einer Graphic Novel von Farmín Solís beruht und – anders als das Filmplakat mit den langbeinigen Elefanten wohl vermuten lassen würde – nur im weitesten Sinne auch etwas mit Dali zu tun hat. Der wiederum hängt wie das Damoklesschwert über Buñuels Kopf. Ein jeder ist dazu geneigt, dessen Werke mit den Ideen Dalis zu vergleichen. Aus dem Schatten des großen Surrealisten scheint der zukünftige Macher von Der diskrete Charme der Bourgeoise oder Belle de Jour wohl niemals wirklich heraustreten zu können. Im Schatten des Surrealismus selbst verweilt der eigenwillige Künstler allerdings gerne. Zu verlockend ist das verstörende Panoptikum der kritischen Auseinandersetzung mit Tod, Vergänglichkeit und religiösen Normen. Doch sei’s drum – Buñuel wird weiterdrehen, und zwar einen halbstündigen Dokumentarfilm, der ihn in die Region Las Hurdes verschlägt – einer hügeligen Karstlandschaft mit bitterarmen Dorfgemeinden, deren Dächer-Arrangements so aussehen wie die Panzer einer Schildkröte. Ein guter Freund, der Bildhauer Ramón Acin, sponsert das ganze Vorhaben, hat dieser doch zufällig in der Lotterie gewonnen, Buñuel aber vorab versprochen, im Falle eines Gewinns seinen nächsten Film zu finanzieren.

Las Hurdes – Land ohne Brot nennt sich dieser Film. Auch wieder ein Werk, das verboten wurde, weil Buñuel hier natürlich nicht im Sinn hatte, die unbekannten Regionen Spaniens in gefällige Bilder zu packen. Wie er entstanden ist, schildert Salvador Simós Film mit starkem Fokus auf Buñuels Gefühlswelt und seinem wandelbaren und unberechenbaren Sinn fürs Künstlerische. Als kluger Schachzug erweist sich dabei die Methode, die schwarzweißen Live-Act-Szenen des tatsächlich gedrehten Films deckungsgleich nach dem Part ihres dargestellten Entstehungsprozesses einfließen zu lassen. Buñuel im Labyrinth der Schildkröten ist also ein dramatisiertes Making Of, das einiges über den Künstler selbst erzählt – und über einen Film, den das breite Publikum kaum kennt, bei welchem allerdings der eine oder andere Cineast wohl wissend nicken würde. Simós Film ist eine spezifische Liebhaberei für Filmhistoriker, die mit Buñuel als Wegbereiter des surrealen Kinos ganz sicher nicht sympathisiert. Zu radikal erscheinen seine Methoden, zu verachtenswert dem tierischen Leben gegenüber. So lässt er Ziegen absichtlich abstürzen oder einen Esel den Tod durch Bienenstiche finden. Die Opferbereitschaft für seine Kunst ist moralisch fragwürdig, noch weniger nachhaltig. Und das eitle Ego ist, ungeachtet der künstlerischen Raffinesse, immer noch der gravitative Mittelpunkt, um welchen sich die Formen der Kunst zu drehen haben. Damit hätte er mit Dali wieder einen Schulterschluss gefunden.

Buñuel im Labyrinth der Schildkröten

Ich habe meinen Körper verloren

DIE POESIE DES LOSLASSENS

7,5/10


ilostmybody© 2019 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JÉRÉMY CLAPIN

MIT DEN STIMMEN VON: HAKIM FARIS, VICTOIRE DU BOIS, PATRICK D’ASSUMÇAO, BELLAMINE ABDELMALEK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Wenn man genau recherchiert, lässt sich auf Netflix das eine oder andere cineastische Kleinod entdecken. Filme, die längst nicht so beworben wurden wie preisverdächtige Ensemblefilme aus Hollywood, die aber in der Branche dennoch Aufsehen erregten. Darunter sind auch einige aus der Sparte Animation, und ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei den innovativen Trickfilm Ich habe meinen Körper verloren. Klingt ein bisschen nach den Büchern des Neurologen Oliver Sacks? Ist es aber nicht. Dieses Werk hat mit Anomalien aus der Medizin gar nichts zu tun, obwohl, wenn man es genauer nimmt, geht’s doch auch um physische Defizite, die aber rein sinnbildlich zu verstehen sind. Ich habe meinen Körper verloren ist eine märchenhafte Parabel und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte, die lose auf dem Roman Happy Hand von Guillaume Laurant beruht und auf eine visuelle Erzählweise setzt, die gleich von der ersten Sekunde an besticht und auch verblüfft.

Denn Regisseur Jérémy Clapin erzählt alles andere als einen konventionellen Film, sein Werk orientiert sich nicht nur am französischen Erzählkino der Gegenwart, sondern teilt noch dazu innerhalb seiner knappen Laufzeit die Geschichte kurzzeitig auf drei, dann auf zwei Erzählebenen auf, spielt sogar noch mit den Zeiten und jongliert sie über- und untereinander, ohne dabei die Orientierung zu verlieren oder seinem Konzept die Luft zum Atmen zu nehmen. Im Zentrum steht ein junger Mann, der – das sieht man in Rückblenden – vor langer Zeit bei einem Autounfall seine Eltern verlor. Gegenwärtig verdingt er sich als Pizzabote, wobei er im Zuge seiner Lieferfahrten durch besondere Zufälle auf das Mädchen Gabrielle trifft. Gleichzeitig aber verfolgen wir die Odyssee einer abgetrennten Hand, die aus einem medizinischen Labor ausbricht und sich auf die Suche nach ihrem Körper macht. Anders als im Buch, in welchem diese eine erzählerische Aufgabe innehat, bleiben die Szenen, in denen die Extremität auf virtuose Art durch Räume, Straßen und Kanäle wandert, ohne Worte und gewinnen dadurch enorm an Intensität. Auch sonst knickt der zarte Film nicht unter der Last ausufernder Gespräche ein – ganz im Gegenteil. Vieles bleibt nonverbal.

Die Poesie des Loslassens handelt vom Schmerz eines Verlustes als Hindernis für ein erfülltes Weiterleben. Es geht um die Akzeptanz irreversibler Defizite und um leere Nischen, die nicht mehr nachbesetzt werden können. Jede andere Art von Film würde damit ganz schön ins Straucheln kommen und selbst vielleicht zu viel Trübsal blasen. Nicht so mit dem stilisierten Vokabular eines Trickfilmes. Ich habe meinen Körper verloren pendelt wohldurchdacht zwischen haarfeinen Tracings, vollen Farben und leicht abstrahierten Fotografien. Die Sicht auf die Dinge des Lebens entdeckt das Kleine wie das Große, schafft Bilder wie aus einer Graphic Novel. Ein zauberhafter, diskreter und verspielter Film über das Grundbedürfnis des Hinwegkommens, zur Recht nominiert für den Oscar und ausgezeichnet in Cannes. Magisches Kino, mal ganz anders.

Ich habe meinen Körper verloren

What did Jack do?

COFFEE-BREAK MIT EINEM AFFEN

7/10


whatdidjackdo© 2020 Netflix


LAND: USA 2017

BUCH UND REGIE: DAVID LYNCH

CAST: DAVID LYNCH, EMILY STOFLE, EIN AFFE, EIN HUHN

LÄNGE: 17 MIN

 


Letztes Jahr lief in der Budapester Kunsthalle eine Ausstellung mit Werken von David Lynch. Ich hatte das Glück, zufällig dort zu sein. Betreten konnte man diesen Ort des Geschehens und Sehens durch das uns allen bekannte Traumportal aus Twin Peaks – schwarzweißer Zickzackboden, rote Vorhänge. Dahinter: allerlei Irritierendes. Fernab seines filmischen Schaffens und andererseits auch wieder eng verbunden waren dort photographische Collagen und andere künstlerische Objekte zu sehen. Wenn man Lynchs frühen Filme, insbesondere Eraserhead, bereits erlebt hat, lässt sich ungefähr vorstellen, was diese Werkschau, die meines Erachtens leider viel zu bescheiden war, beinhaltet hat. Das Resümee: Lynch ist ein Meister der Modulation, der seine Versatzstücke stets neu arrangiert, sich eines klar definierten Vokabulars merkwürdiger Objekte und Zustände bedient, die immer wiederkehren, so wie die Dunkelheit, der Kaffee, das unscharfe Etwas, süßlicher Gesang und das beklemmende Draußen, das man eigentlich gar nicht betreten will, aber man muss eben durch, wie durch das finstere Zimmer in einem Traum. Eraserhead ist auch der Film, der David Lynch am schönsten charakterisiert. Oder aber auch seine erst kürzlich auf Netflix veröffentlichte Fingerübung What did Jack do?, die sich bestens dafür geeignet hätte, diese Galerie des Absurden zu ergänzen.

Gerade mal 17 Minuten dauert David Lynchs Werk, streng gehalten in waberndem Schwarzweiß. Wir sehen eine Kammer mit Fenster, dahinter den kalten Stahl eines Bahnsteigs. Ein Tisch, zwei Stühle, links sitzt ein Kapuzineraffe, von rechts schiebt sich ein übergroßer David Lynch ins Bild. Der Affe ist zum Verhör geladen, denn er wird des Mordes verdächtigt. Lynch beginnt zu fragen, der Affe stellt Gegenfragen. Namen ohne Bezug poppen auf, irgendwann wird klar, dass Jack – also der Affe – eine Liaison mit einem Huhn eingegangen war. Die Dialoge sind absurd, so absurd wie der Titel seines Filmstudios – Absurda. What did Jack do? ist eine Wachtraumepisode im Halbschlaf, zwischen kafkaesker Primatisierung menschlicher Zurechnungsfähigkeit und den grotesken Fabelpossen eines manchmal auch recht subversiven Kinderbuchzeichners namens Janosch. Gespenstisch dabei die nicht sofort ersichtliche Verzerrung des äffischen Antlitzes, der statt eines Mauls einen menschlichen Mund besitzt. Das ist bewusst grob montiert, wie David Lynchs Fotografien, dabei besitzt sein Film im Gegenzug zu seinen Albtraumwelten sogar etwas wie den zynischen Humor aus dem Genre eines Film Noir.

David Lynch ist eine eigene Erfahrung. Weder Horror noch Krimi noch sonst was. Lynch lässt sich nirgends einordnen, schafft geradezu ein eigenes Genre. Mit diesem Werk anlässlich seines Geburtstages zeigt seine bizzare Conference wieder ganz genau, was alles hinter dem Sichtbaren steckt. Da ist etwas, das ist nicht zu fassen und zu erklären. Fühlt sich unbehaglich an und gleichzeitig wie eine kryptische Botschaft, die sich mitteilen will. Eine Märchenwelt des Unbehagens, eine Halbfabel im Industrial Design. Diese 17 Minuten, die sollte man erübrigen, um einer Anderswelt zu begegnen, die zwar keinen Sinn ergibt, der aber eine ganz eigene schräge Grammatik innewohnt.

What did Jack do?

Monsieur Killerstyle

DER JACKE ANS LEDER

7/10

 

killerstyle© 2019 Koch Films

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: JEAN DUJARDIN, ADÈLE HAENEL, ALBERT DELPY, CORALIE RUSSIER, MARIE BUNEL U. A.

 

Frei nach dem ersten der zehn Gebote, die von Moses in Empfang genommen wurden: es darf keine andere Jacke geben außer diese. Und zugegeben – die ist wirklich endgeil: selbstredend 100 % echtes Hirschleder, kesse Schnallen, und das Beste: Fransen wohin das Auge auch reicht. Diese Jacke ist der letzte Schrei, zumindest für Loser Georges, der das Partnerkonto plündert (zum Leidwesen der Gattin) und sich das heiße Teil für schlappe 7000 Euro oder mehr unter den Nagel reißt. Was dann beginnt, ist ein ­– sagen wir mal so – neues Leben in den französischen Alpen. In trauter Zweisamkeit mit einem Textil, das bald ein seltsames Eigenleben entwickelt. Georges gibt sich dem hin, gehorcht dem größenwahnsinnigen Wildleder wie Gollum einst dem einen Ring. Und predigt zwischen Found Footage-Filmprojekt und narzisstischen Posen den fundamentalem Mode-Monotheismus.

Hier haben wir ihn, die Serienkiller-Version einer Werbesendung für Echtleder-Outfits, den wütenden Tanz ums goldene Ding, die krasse Anbetung eines Materialismus, der gar nicht mal so absurd erscheint, sind doch Fälle von Suizid bekannt, die aufgrund eines Kratzers im Autolack begangen wurden. Selbst Rainhard Fendrich singt von einer Zweierbeziehung mit einem fahrbaren Untersatz. Tom Hanks war notgedrungen auf einen Volleyball namens Wilson angewiesen. Die Seele des Objekts also, die manche zu spüren glauben, weil sie lieben, was sie besitzen. Im Extremen nennt man das Fetischismus. In Monsieur Killerstyle (oder auch Deerskin, im französischen Original: Le Daim) ist der Fetisch das Maß aller Dinge. Jean Dujardin, der zuletzt als gewissenhafter Ermittler in Roman Polanskis J’accuse brilliert hat, darf nun eine Art Perversion ausleben, um die ihn vielleicht so manche Schauspielkollegen beneiden würden. Und Dujardin ist großartig. Als heuchelnder Lügenbaron und Sklave seines Outfits exekutiert er zuerst trickreich, später aber bar jeder Höflichkeit als eine Ein-Mann-Armee das Anti-Jacken-Pogrom. Blut wird fließen, der kleinkarierte Georges hingegen wird immer mehr zum humanoiden Rotwild jenseits aller ethischen Ordnung. An seiner Seite: Adèle Haenel als Hobby-Cutterin, die in dieser Obsession des graumelierten Eigenbrötlers wahre Kunst erkennt. Oder aber ebenfalls der Macht der Wildlederjacke erliegt, so ganz genau weiß man das nicht.

Quentin Dupieux (am besten bekannt für seinen Autoreifen-Horror Rubber) hat mit dieser kurzen und knackigen, in blassen Winterbildern gehaltenen Psycho-Groteske wohl etwas ungewohnt Originelles geschaffen. Und alles andere als ein dummes Hirngespinst. Sein Anti-Held ganz in Leder ist eine widersprüchliche Figur, ein Wahnsinniger zwischen Aussteigerlust und kapitalistischem Gehorsam. Das ist herrlich surreal, oft nicht wenig verstörend und durchaus auch saukomisch, vor allem dann, wenn Jean Dujardin sein schickes (eigentlich aber unsägliches) Outfit nicht mehr packt. Als satirisches Zerrbild einer Gesellschaft im Werte-Chaos ist Monsieur Killerstyle treffsicher gelungen.

Monsieur Killerstyle

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Der Leuchtturm

KEIN PLATZ AN NEPTUNS TAFEL

6,5/10

 

derleuchtturm© 2019 Universal Pictures International

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: WILLEM DAFORE, ROBERT PATTINSON, VALERIIA KARAMAN U. A. 

 

„Los gehen wir“ – „Wir können nicht.“ – „Warum?“ – „Wir warten auf Godot“. Zwei Seelen im Nirgendwo. Die eine dominant, die andere devot, irgendwann kommt noch ein namenloser Dritter, der sich wie ein Hund aufführt. Machtspiele auf engstem Raum, Suizidgedanken, nahe am Wahnsinn angesichts all der Sinnlosigkeit, die nur beendet werden kann, wenn der eine, dieser Godot, sich derer erbarmt, die auf ihn warten. Samuel Beckett hat seinen Klassiker, wie es scheint, als Allegorie auf die menschliche Existenz entworfen – zugegeben hat er das nie. Die Frage nach dem Zweck seiner Stücke blieb unkommentiert. Dabei macht gerade dieses Werk besonders Sinn – weil es die Episode unseres Daseins so gnadenlos verzerrt. Robert Eggers hat das mit seinem Inselkrieg in Schwarzweiß ungefähr ähnlich betrachtet. Ganz genau weiß ich das natürlich nicht, überhaupt blieben nach Sichtung von Der Leuchtturm manche Fragen offen. Was genau, und das haben sich, so vermute ich, auch andere Seher gedacht, hat dieses durchaus auffällige und gegen den Strom treibende Werk eigentlich zu bedeuten? Aller Zugang fällt schwer, man vergleicht mit bereits Gesehenem, das Grübeln über jedes Detail lässt sich nicht so schnell einstellen.

Für dieses surreale Theater eignet sich nichts besser als ein Eiland im Nirgendwo, umgeben von den unberechenbaren Launen des Meeres. In der Mitte ein Leuchtturm, mit dem Allerheiligsten ganz obendrauf, dem Licht, der Erleuchtung. Zwei Männer – wie bei Beckett: der eine dominant, der andere anfangs devot. Dem einen gehört das Licht, dem anderen die Drecksarbeit. Wie lange kann das gut gehen? Nun ja, es sind vier Wochen, das kann man schaffen. Doch nicht, wenn die Mythologie der Meere auch noch ein Wörtchen mitzureden hat, vor allem dann, wenn der eine – Ephraim – sich an den Seelen toter Seebären vergreift. Von da an tönt das Nebelhorn zum Endspiel. Ein Sturm zieht auf, Realität und Fiktion verschwimmen, das Dasein wird zur Belastungsprobe.

Mehr Plot gibt es nicht, in diesem Mikrokosmos des Kommens, Bleibens und Gehens. Robert Eggers macht aus dieser Allegorie einen wuchtigen, wenn auch in lahmen Leerläufen keuchenden Schreckensreigen, der von ganz klein auf anfängt, und der in arglos sittsamer Orientierung seinen Anfang nimmt, bevor Macht, Gier, Sünde und die Suche nach der Wahrheit zur Geißel werden. Da eignet sich besonders Schwarzweiß, und Eggers hat was ganz Spezielles probiert: so zu filmen, wie seinerzeit die alten Meister  – Murnau, Lang, Wegener, Wiene. In 4:3, analog und in expressionistischem Hell/Dunkel, das vorwiegend in der Hütte unter dem Licht der Petroleumlampe geisterhaft gut zur Geltung kommt. Der Leuchtturm ist ein entrücktes Stück Kino, eine Kopfgeburt und artifizielle Spielerei. Mit Willem Dafoe als Inkarnation aus Iglo-Seebär und Meeresgott Neptun hat er den ungekrönten König der Insel auf der einen Seite gefunden, auf der anderen Seite den argwöhnischen, sich duckenden, durchaus psychopathischen Robert Pattinson, der diesmal so richtig aus sich herausgeht, bis zum Exzess und viel weiter. Beide schenken sich nichts, da ist das Warten auf Godot lieber als das Warten auf das Nachlassen des Sturms. Doch der formlose Leviathan, die Welt der Toten und der vereitelnden Ankläger für welche Sünde auch immer, brechen auf diesen Felsen herein, pflügen die Erde um, lassen Wasser fließen und Blut vergießen. Über allem das gleißende Licht des Leuchtturms. Eine verheißungsvolle Wahrheit, die den Tod bringt, sich maximal posthum erschließt oder im Todeskampf. Ein ernüchterndes Zeugnis, das Eggers hier ausstellt: Der Mensch als geblendeter Sünder, der das Legendenhafte verlacht. Ist Eggers so gelagert? Glaubt er an das Paranormale, Transzendente? Ein Däniken des Kinos? Oder eher Lovecraft?

Was bleibt, ist eine nihilistische Sperrigkeit und das Auskosten eines Wahns, ähnlich wie in Roman Polanskis Psychohorror Ekel oder Der Mieter.  Während bei Polanski die Heimgesuchten schuldlos in den Untergang steuern, und bei Beckett naive Clowns bis in alle Ewigkeit ausharren, streunt in Eggers Film der Mensch als Sünder um den Leuchtturm herum. Die Gültigkeit dessen aber, was man sieht, wird zur Gänze zum Seemansgarn. Kein leichtes Stück Kino also – manisch egozentrisch, panisch und affektiert. Eine Filmerfahrung, das schon – für Liebhaber des schauerlich Abnormalen und für alle Philosophen der Leinwand, die Hochprozentiges gewohnt sind.

Der Leuchtturm

Die Blüte des Einklangs

EIN PILZ HEILT ALLE WUNDEN

3/10

 

blueteeinklangs© 2018 Filmladen

 

ORIGINALTITEL: VISION

LAND: JAPAN, FRANKREICH 2018

REGIE: NAOMI KAWASE

CAST: JULIETTE BINOCHE, MASATOSHI NAGASE, TAKANORI IWATA, MARI NATSUKI U. A.

 

Die beste Zeit für Schwammerlsucher ist rein witterungsmäßig nach ausgiebigem Regen, und zu einer Jahreszeit, in der es noch relativ warm ist. Das heißt: Dampfen muss der Wald, dann sprießen sie schon wie die besagten Pilze aus dem Boden, diese Pilze. Eine noch bessere Zeit zum Pflücken dieser Lebensformen, die weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen gehören, ist im Abstand von 100 Jahren genau dann angebrochen, als die Französin Jeanne im Zug durch Japan fährt. Sie ist auf der Suche nach diesem Gewächs namens Vision, das angeblich ultimative Heilung bringen soll, für Körper und Seele, aber mehr für die Seele, so wie mir scheint. Juliette Binoche spielt diese Reisende, und sie ist in Begleitung einer Dolmetscherin, da sie selbst kein japanisch spricht und auch so Schwierigkeiten hat, mit der Lebensgewohnheit des eremitischen Försters Tomo klarzukommen. Andererseits aber fasziniert er sie – und sie verliebt sich in ihn. Von Tomo, dem lakonischen Eigenbrötler, lässt sich das schwer sagen. Emotionen sind nicht dessen Stärke. Dafür aber Kontinuität in der Ein-Mann-Forstwirtschaft. Aber so wird man eben, wenn man in der Einschicht lebt, da spricht man nur noch mit den Bäumen, oder mit angeblich 100 Jahre alten, blinden Frauen. Die einiges zu wissen scheinen über diese Pflanze, diese Blüte oder diesen Pilz? Von dem keiner genau weiß, was es ist. Aber irgendwie hängt alles mit einem magischen Baum zusammen, und mit der Geburt eines Kindes mitten im Wald – und Juliette Binoche hat damit zu tun.

Ach du liebe Zeit, was ist nur aus dir geworden? In Naomi Kawases superesoterischer Filmmeditation spielt temporäre Stringenz überhaupt keine Rolle. Und auch sonst nichts, was zu einer handfesten Geschichte beitragen würde. Die Blüte des Einklangs, die interessiert nur eines: so verschwurbelt wie möglich einen Einklang zu finden, doch was Kawase da alles an magischen Zutaten in den brodelnden Kessel wirft, trübt die Sinne. Die Liebesgeschichte zwischen Juliette Binoche und ihrem Hinterwäldler ist so hölzern wie die aparte Forsthütte im grünen Nirgendwo, und die Suche nach der wirkungsvollen Pseudo-Blüte so zerstreut wie der Versuch, während eines Traumes den Fortgang des Erlebten zu bestimmen. Allein: es klappt nicht, sofern man sich nicht vor dem Einschlafen ausdauernd sein eigenes gewünschtes Traumprogramm suggeriert. Das hat Kawase nicht getan, sie hat sich beim Verfassen ihres Scripts sehr auf Assoziationen verlassen, hat sich womöglich gar während einer meditativen Phase dem willkürlichen Verlauf ihres Drehbuchs hingegeben. Am Ende kommen zwar manche Fäden zusammen, aber die Metaphysik dieser entrückten Welt ist viel zu pinseldick aufgetragen. Die Blüte des Einklangs versucht, bedeutungsschwer genug zu sein, um als erlesene Filmkunst zu gelten. Spätestens wenn sich mitten im Wald hingebungsvolle Individuen in bizarren Ausdruckstänzen zu erklären versuchen, indem sie nichts erklären, ist für mich im Gegensatz zu Juliette Binoche der Zug ins transzendente Hinterland Japans abgefahren.

Die Blüte des Einklangs

The Ballad of Buster Scruggs

SPIEL MIR DAS LIED VOM SCHICKSAL

8/10

 

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOEL & ETHAN COEN

CAST: TIM BLAKE NELSON, JAMES FRANCO, LIAM NEESON, TOM WAITS, ZOE KAZAN, BRANDON GLEESON. SAUL RUBINEK U. A.

 

Also ehrlich, das wäre doch was. Eine Neuverfilmung des Comics Lucky Luke unter der Regie von Joel und Ethan Coen. Das könnte ich mir durchaus vorstellen, womöglich aber kaum unter FSK 16 – das wäre ein Lucky Luke von der zwar schrägen, aber durchaus blutigeren Sorte. Ganz im Stile der ersten Erzählung im Rahmen eines vielgestaltigen Westerns, der da endlich wieder unter den Fittichen der beiden gelockten Masterminds über den Bildschirm stiefelt. Leider nicht über die große Leinwand, denn das war nur den Besuchern der Filmfestspiele von Venedig vorbehalten. Wir Endverbraucher können nur mit einem Stream via Netflix in den Genuss dieses bemerkenswerten Episodenfilmes kommen, und zwar exklusiv via Netflix. Da gibt es keine anderen Möglichkeiten. Das ist schon ziemlich raffgierig, dann sollte Netflix zumindest eine Kinokette eröffnen oder sich in anderen Ketten einkaufen, damit nicht nur das alternativlose Abo der einzige Weg nach Westen bleibt. Denn mit The Ballad of Buster Scruggs sind die Coens wieder ganz dick im Geschäft. Da bin ich ohne viel Überredungskunst sehr schnell bereit, den letzten Film aus 2016, nämlich Hail, Cäsar!, wieder ganz schnell zu vergessen. Überzeugt hat mich diese dünnsuppige Hollywood-Hommage nämlich überhaupt nicht. Die so eigenwillige wie genüssliche Anthologie aus dem Wilden Westen hingegen schon. Und ich wage sogar zu behaupten, diese ganz lässig im Sattel sitzende Fingerübung mit selbstverständlich einem Originaldrehbuch ist das Beste seit A Serious Man. Ganz die unverkennbare Handschrift, ganz der zynische, schwarze Humor. Und ganz die melancholische Lakonie, die in ihren Filmen stets ihre künstlerische Raffinesse am deutlichsten feiert.

Worin Joel und Ethan Coen für uns geschmackvoll blättern, das ist ein altes Buch gesammelter Kurzgeschichten, um die Jahrhundertwende verlegt. Für Bibliophile womöglich interessant, wäre es im Antiquariat erhältlich. Einzelne kolorierte Farbtableaus, geschützt mit Reißpapier. The Ballad of Buster Scruggs ist dabei nur die erste von insgesamt sechs Episoden, die unterschiedlicher nicht sein können, sich untereinander auch kein Crossover bescheren und aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen quer durch ein unwirtliches und gleichzeitig idyllisches Amerika wandern. Hineingepfeffert in dieses endlose Nirgendwo: der versprengte Mensch. Gemeinsam haben sie neben des Umherziehens, Vagabundierens und Irrens vor allem eines mit im Gepäck: die Ironie des Schicksals. Zu einer Zeit, in der Leben und Tod fast schon zur Grauzone einer unsicheren Existenz verschmolzen sind, kann das Glück sehr kurzlebig sein. Zukunft war womöglich etwas, worauf man sich nicht verlassen durfte. Ein gemachter Pionier war sehr schnell ein toter Pionier. Und die, die gut mit dem Schießeisen umgehen konnten, die trafen dann irgendwann auf jene, die das noch besser konnten. Ein Leben und Sterben lassen, vereint in einer messerscharfen filmischen Anthologie über den Westen. Und zwar so, wie er selten zu sehen ist. Manchmal hat The Ballad of Buster Scruggs etwas von den sarkastischen Stelldicheins eines raubeinigen Italowesterns, manchmal etwas von den redseligen Eskapaden eines Tarantino. Doch meist finden die Coens wieder zu ihrem Stil zurück, ohne Hommage an irgendwen sonst sein zu wollen. Dieser mehr als zweistündige Reigen des Willens, Unwillens und einer Art Schicksalsergebenheit stellt seine traurigen, verblendeten und idealistischen Gestalten, die allesamt wundervoll gecastet und gegen den Typ besetzt sind, vom Regen in die Traufe. Dieses weite, feindselige, unnahbare Land, in das die Sehnsuchtsvollen aufbrechen, scheint leere Versprechungen zu bergen und nur den wenigsten Gnade zu gewähren. Das ist ein Amerika des Wilden Westens, das völlige andere Randgeschichten erzählt, im sozialen Abseits, eingebettet in Bildern, durch die John Wayne und seine hemdsärmeligen Cowboykollegen bereits in bestem Cinemascope vorbeigeritten sind. Die Regiearbeit ändert Blickwinkel und behält sie dennoch bei. Als wäre der Focus längst nicht mehr der auf die der großen Helden, sondern auf begleitende Zaungäste, die auch so gamblen wollen wie jene, die als Ikonen des Westens längst verherrlicht wurden.

Was daraus wird, ist ein bizarres Panoptikum zwischen knarzenden Salontüren, staubigen Ebenen und dem Recht des Stärkeren. Zwischen Goldrausch, Armut und einem Herz für Hunde. Dazwischen kauzige Country-Balladen in verklärender Romantik, die sich selbst persifliert. In den besten Momenten hat Buster Scruggs dieses märchenhaft Entrückte wie in O Brother where art thou?. Dann ist dieser Film wie ein stockdunkler Song von Johnny Cash, der aber so klingt wie ein tänzelnder Salon-Gig auf dem verstimmten Pianino in irgendeiner Spelunke, und der dann endet, wenn irgendeiner auf den staubigen Brettern liegt.

The Ballad of Buster Scruggs

Der Trafikant

BOCKIG IN DIE DUNKLEN ZEITEN

6,5/10

 

DER TRAFIKANT© 2018 Tobis Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: NIKOLAUS LEYTNER

CAST: SIMON MORZÈ, JOHANNES KRISCH, BRUNO GANZ, EMMA DROGUNOVA, REGINA FRITSCH, KAROLINE EICHHORN, GERTI DRASSL U. A.

 

Tiefe Wolken hängen über einer fast schon verwunschenen Bucht des oberösterreichischen Attersees, irgendwann in einem Sommer kurz vor dem Einmarsch der deutschen Hitler-Truppen in Österreich. Wie es das Schicksal will, muss der pubertäre Franz seine nicht mal ansatzweise fassbare Zukunft komplett umjustieren und wird, nachdem Mamas Liebhaber vom unvernünftigen Baden im See während eines Unwetters vom Blitz getroffen wird, nach Wien geschickt. Was hat er denn noch verloren in dieser Einöde zwischen Hühnern und dem Schlick unter dem hauseigenen Steg außer seiner eigenen Kindheit? Der Bub muss was G´scheites lernen, in die Welt hinausgehen. Dort in Wien gibt es eine alte Jugendliebe, den Trafikanten Trsnjek, bei dem soll er anlernen, der Bub. Dieser Abschied vom geborgenen Heim unter den Tannen wird niemals wirklich enden, und das Winken mit dem Sacktuch unter Tränen wird immer niedergeschlagener und kraftloser, in dieser Verfilmung eines Romans von Robert Seethaler, die genauso bühnentauglich wäre wie ein Drama von Ödön von Horvath. Sich genauso gegen Windmühlen stemmend, genauso aussichtslos, genauso resignierend.

Der österreichische Regisseur Nikolaus Leytner, unter anderem bekannt für den launigen Kleinganovenschwank Schwarzfahrer mit Lukas Resetarits, hat sich, so äußerten sich zumindest mehrere Kritiker-Stimmen, ziemlich genau – und manchmal fast zu unselbständig – an die literarische Vorlage gehalten. Das kann ich selbst nicht beurteilen, ich habe hier nur den Film vor Augen, und eine Geschichte, die sich mit keiner anderen Quelle des Erzählten herumschlagen muss. Die Möglichkeiten, die sich aber daraus ergeben, fügen sich dem narrativen Rhythmus eines so rustikalen wie braven Volksstückes, und vor allem in den Szenen, die in Wien der späten Dreißigerjahre spielen, entfaltet sich ein gewisser kulissenhafter Charme mit Hang zur wohlsortierten Miniatur, wie ihn seinerzeit der gute Franz Antel in seinem Bockerer ans Set gelegt hat. Ein bisschen was vom aufmüpfigen Fleischhauer kann Der Trafikant zumindest anfangs unter der Ladentheke hervorholen. Johannes Krisch, der sowieso alles spielen kann, sogar und besonders auch ambivalente Schatten wie Jack Unterweger, orientiert sich auf eine Weise an Karl Merkatz, die weder platte Kopie noch Hommage darstellt. Krisch kreiert aus dem Gehabe eines subversiv rebellischen Wieners den ganz eigenen Typus eines teilbelesenen, selbstbewussten und gütigen Kriegsveteranen, der viel Unschönes gesehen hat und weit davon entfernt ist, sich selbst zu verraten. Ohne dieser schillernden Gestalt des famos verkörperten Alt-Trafikanten wäre das düstere Vorabendszenario im Angesicht des bevorstehenden Untergangs ein durch die Bank bemühtes Schauspielkino geworden. Hauptdarsteller Simon Morzé tut, was er innerhalb seiner erlernten Fähigkeiten kann, um glaubwürdig Bockigkeit an den Tag zu legen. Er bleibt aber, wie es das Variétémädchen Anezka immer wieder betont, ein naives „Burschi“, das seine Furcht vor einer unbestimmten Zukunft in unbequemen, entsättigten Traumsequenzen auslebt. Ihm zur Seite der große Bruno Ganz, der sich als Professor Freud in gepflegter Langeweile meist auf seinen unverkennbaren Bartwuchs verlässt und zur Do-it-yourself-Psychoanalyse rät.

Das Bühnenhafte der durchaus nicht billig scheinenden Produktion wird noch verstärkt durch das neben Krisch wirklich Erlebenswerte an dem Film: nämlich die Fulminanz der Ausstattung. Die Inventur sämtlicher Requisitenkammern dürfte dem Aufbau des Sets vorangegangen sein. In der nachgestellten Zwischenkriegs-Trafik finden sich bis ins kleinste Detail liebevoll nachgestelltes Interieur, von den „zärtlichen Magazinen“ in der verschlossenen Schublade bis zu den Postkarten am Tresen. Auch Freuds schmucke Einrichtung in der Berggasse entbehrt nicht eines gewissen kulturhistorischen Werts. In diesem Punkt war das Team ganz bei der Sache. Ihren Höhepunkt findet die Liebe zur Rekonstruktion im Hernalser Rummel, eine Szene wie aus Ferenc Molnar´s Liliom. Der Trafikant ist also akribisches Ausstattungskino im Stile eines Volksstückes, das aber die schildbürgerliche Zuversicht eines Karl Bockerer vermissen lässt. An seiner Statt tritt ein vergebliches Aufbegehren gegen die dunkle Zeit, die in Szenen wie die der berittenen Polizei einen beklemmenden Bogen in die Gegenwart spannt.

Der Trafikant