Memories of Murder

JAGD AUF EINEN UNSICHTBAREN

8/10

 

memories-of-a-murder© 2003 WVG Medien GmbH

 

LAND: SÜDKOREA 2003

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG-HO, KIM SANG-KYUNG, HIE-BONG BYEON, JAE-HO SONG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 10 MIN

 

Was genau haben all die uns bekannten und so verehrten Meister des Filmschaffens eigentlich so berühmt gemacht? Steven Spielberg, Roman Polanski, Jean Pierre Jeunet oder Quentin Tarantino – sie alle konnten mit ihren ersten Arbeiten ihr außerordentliches Talent unter Beweis stellen, ihren Stil aus der Taufe heben oder zeigen, in welchen Kategorien sie bestimmt keinen Meister mehr bräuchten. Eines dieser sogenannten Lehrstücke oder Anfangswerke hat auch Oscarpreisträger Bong Joon-Ho vorzuweisen. Ein Werk, schon 17 Jahre alt, erstaunt mit einer narrativen Selbstsicherheit, hinter der ein wahres Naturtalent stecken muss. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass das Kriminaldrama Memories of Murder zu den besten Arbeiten zählt, die der Koreaner jemals aufs Kinopublikum losgelassen hat. Dabei ist mein persönlicher Favorit immer noch die postapokalyptische Parabel Snowpiercer, unmittelbar gefolgt von einem Film, der stark an das Vokabular eines David Fincher erinnert, insbesondere an dessen True Crime Drama Zodiac.

Auch Memories of Murder beruht vage auf wahren Begebenheiten, oder sagen wir: hat sich davon inspirieren lassen. Schauplatz ist natürlich Korea, allerdings das Korea der 80er Jahre, das noch unter der Fuchtel des Militärs stand. Ein Frauenmörder treibt zu dieser Zeit sein Unwesen. Und zwar einer, der nirgendwo Spuren hinterlässt, der aber anscheinend immer zu einer bestimmten Wetterlage seine Verbrechen verübt. Darauf angesetzt werden ein Kommissar und seine Entourage, wobei diese alles andere als geeignet dafür scheint, gewissenhaft und fokussiert der Sache nachzugehen. Prestige unter den Kollegen ist immer noch oberstes Gebot. Der Fall will gelöst werden, unter welchen Voraussetzungen auch immer. Da kann es durchaus sein, dass so manch Unschuldiger, der sich nicht wehren kann, zum Handkuss kommen könnte.

Und genau hier schafft das koreanische Kino wieder mal etwas, was selbiges aus anderen Ländern sonst nicht kann – oder auch nicht will, weil die Gefahr vielleicht zu groß wäre, durch konterkarierende Elemente und Stimmungen den eigenen Film zu verhauen: es ist die Sache mit der selbstironischen Überzeichnung. Memories of Murder nährt mitunter den Eindruck, in einer genrebezogenen Parodie zu stecken, die mit grotesken Charakterstudien nur so um sich wirft. Kenner des österreichischen Kottan-Fernsehkults werden sich vielleicht manchmal daran erinnert fühlen, allerdings: sobald sich auch nur die geringste stilistische Tendenz für diesen Film manifestieren will, ist der Eindruck auch schon wieder weg. Joon-Ho kontert mit melodramatischen, teils epischen Versatzstücken. Lässt die Kriminaltragödie wie Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder wirken. Lässt seine imperfekten Figuren in ihrer Verantwortung straucheln wie in Dürrenmatts Krimiszenarien. Dazwischen das in fast schon abstrakten Details eingefangene Verbrechen, wie Panels einer Graphic Novel. Dieser Mix ist aber kein Potpourri roter Fäden, sondern ein wohlkomponiertes Stück großes Krimikino, das berührt, irritiert und sich selbst nicht immer ernst nimmt. Sowas kann leicht in die Hose gehen, sowas kann geschmacklos und fahrig sein. Nicht in Memories of Murder: hier ist die Psyche der Ermittelnden genauso relevant wie die Psyche des Mordenden, hier findet die Ohnmacht vor etwas Unberechenbarem seine Bühne für irrationales Verhalten. Dieses Versagen einer Mission – ob resignativ, schadenfroh oder einfach nur melancholisch traurig – so dermaßen facettenreich herauszuarbeiten, ist beeindruckende Filmkunst, auch wenn man fernab jeglicher Genugtuung ratlos zurückbleibt.

Memories of Murder

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Monsieur Killerstyle

DER JACKE ANS LEDER

7/10

 

killerstyle© 2019 Koch Films

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: JEAN DUJARDIN, ADÈLE HAENEL, ALBERT DELPY, CORALIE RUSSIER, MARIE BUNEL U. A.

 

Frei nach dem ersten der zehn Gebote, die von Moses in Empfang genommen wurden: es darf keine andere Jacke geben außer diese. Und zugegeben – die ist wirklich endgeil: selbstredend 100 % echtes Hirschleder, kesse Schnallen, und das Beste: Fransen wohin das Auge auch reicht. Diese Jacke ist der letzte Schrei, zumindest für Loser Georges, der das Partnerkonto plündert (zum Leidwesen der Gattin) und sich das heiße Teil für schlappe 7000 Euro oder mehr unter den Nagel reißt. Was dann beginnt, ist ein ­– sagen wir mal so – neues Leben in den französischen Alpen. In trauter Zweisamkeit mit einem Textil, das bald ein seltsames Eigenleben entwickelt. Georges gibt sich dem hin, gehorcht dem größenwahnsinnigen Wildleder wie Gollum einst dem einen Ring. Und predigt zwischen Found Footage-Filmprojekt und narzisstischen Posen den fundamentalem Mode-Monotheismus.

Hier haben wir ihn, die Serienkiller-Version einer Werbesendung für Echtleder-Outfits, den wütenden Tanz ums goldene Ding, die krasse Anbetung eines Materialismus, der gar nicht mal so absurd erscheint, sind doch Fälle von Suizid bekannt, die aufgrund eines Kratzers im Autolack begangen wurden. Selbst Rainhard Fendrich singt von einer Zweierbeziehung mit einem fahrbaren Untersatz. Tom Hanks war notgedrungen auf einen Volleyball namens Wilson angewiesen. Die Seele des Objekts also, die manche zu spüren glauben, weil sie lieben, was sie besitzen. Im Extremen nennt man das Fetischismus. In Monsieur Killerstyle (oder auch Deerskin, im französischen Original: Le Daim) ist der Fetisch das Maß aller Dinge. Jean Dujardin, der zuletzt als gewissenhafter Ermittler in Roman Polanskis J’accuse brilliert hat, darf nun eine Art Perversion ausleben, um die ihn vielleicht so manche Schauspielkollegen beneiden würden. Und Dujardin ist großartig. Als heuchelnder Lügenbaron und Sklave seines Outfits exekutiert er zuerst trickreich, später aber bar jeder Höflichkeit als eine Ein-Mann-Armee das Anti-Jacken-Pogrom. Blut wird fließen, der kleinkarierte Georges hingegen wird immer mehr zum humanoiden Rotwild jenseits aller ethischen Ordnung. An seiner Seite: Adèle Haenel als Hobby-Cutterin, die in dieser Obsession des graumelierten Eigenbrötlers wahre Kunst erkennt. Oder aber ebenfalls der Macht der Wildlederjacke erliegt, so ganz genau weiß man das nicht.

Quentin Dupieux (am besten bekannt für seinen Autoreifen-Horror Rubber) hat mit dieser kurzen und knackigen, in blassen Winterbildern gehaltenen Psycho-Groteske wohl etwas ungewohnt Originelles geschaffen. Und alles andere als ein dummes Hirngespinst. Sein Anti-Held ganz in Leder ist eine widersprüchliche Figur, ein Wahnsinniger zwischen Aussteigerlust und kapitalistischem Gehorsam. Das ist herrlich surreal, oft nicht wenig verstörend und durchaus auch saukomisch, vor allem dann, wenn Jean Dujardin sein schickes (eigentlich aber unsägliches) Outfit nicht mehr packt. Als satirisches Zerrbild einer Gesellschaft im Werte-Chaos ist Monsieur Killerstyle treffsicher gelungen.

Monsieur Killerstyle

In the Shadow of the Moon

KOMMT ZEIT, KOMMT TAT

6/10

 

in-the-shadow-of-the-moon© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JIM MICKLE

CAST: BOYD HOLBROOK, CLEOPATRA COLEMAN, MICHAEL C. HALL, BOKEEM WOODBINE U. A. 

 

Wer kein Blut sehen kann, sollte die Ermittlungen im vorliegenden Science-Fiction Thriller getrost jemand anderem überlassen. Natürlich ist das noch lange nichts gegen den Hämoglobin-Neuanstrich im Stanley-Hotel bei Shining, aber immerhin – wenn scheinbar x-beliebige Opfer plötzlich nicht nur Nasenbluten haben (dabei könnten sie ja den Kopf in den Nacken legen, ein nasskaltes Tuch auf selbigem, wir wissen das seit der Volksschule) sondern auch aus Ohren, Augen und sonstigen uns unbekannten Öffnungen im Kopfbereich ordentlich auszurinnen beginnen, dann färbt das mitunter auch die Straßen rot. Mit solchen Fällen nämlich hat es Officer Lockhart zu tun – oder auch nicht zu tun, denn der ist nur ein gewöhnlicher Streifenpolizist, der sich aber ins Geschehen drängt, will er doch um Biegen und Brechen ähnlich spannende Ermittlungen durchführen wie sein Schwager, der den Verdacht hegt, es mit einem Serienkiller zu tun zu haben. Neben der Tötungsart ist noch etwas ganz anderes äußerst mysteriös: drei Nadelstiche im Nacken – könnte Akupunktur sein, ist es aber nicht. Zu allem Unglück in dieser besagten Nacht, die noch dazu einen Blutmond zur Folge hat, kommt dazu, dass Lockhart Papa wird, während Mama die Geburt nicht überlebt. Was dieses Schicksal mit dem Fall zu tun hat? Sehr viel, wie sich später herausstellen wird. Und auch ein farbiges Mädchen in blauem Hoodie scheint in dieser Nacht äußerst präsent zu sein.

Das Bemerkenswerteste an dieser Netflix-Produktion ist der enorme Zeitraum des Geschehens. Die obskuren Fälle werden lange nicht aufgeklärt, Officer Lockhart, der irgendwann gar kein Officer mehr ist, sondern nur noch Privatdetektiv, entwickelt fast schon eine dürrenmatt´sche Verbissenheit samt innerer wie äußerer Verwahrlosung bei seinem Versuch, das Rätsel zu lösen. Regisseur Jim Mickle setzt in seinem Spiel mit der Zeit aber längst nicht auf epische Versatzstücke. Wichtig dabei ist lediglich ein ganz bestimmter Tag pro Dekade, der sämtliche Parameter wieder neu ordnet. In the Shadow of the Moon ist ein elegant gefilmter, urbaner Kriminalfilm in polizeilichem Sirenenblau und Halogenlicht, das hat ein bisschen Achtzigerjahre-Style, ein bisschen wie Black Rain oder Glitzernder Asphalt, nur weniger auf cooler Typ, sondern – und das trotz all des vielen Nasenblutens – ungewöhnlich zartbesaitet. Passt das zum übrigen Kontext des Films? Eigentlich schon. In Mickles Zeitreisekrimi geht’s ganz viel um Streben nach dem Gutmensch, auch wenn man das anfangs gar nicht glauben möchte. Es hat was Philosophisches, ungefähr so wie der mittlerweile zum Klassiker avancierte Predestination, der sehr geschickt mir den entropischen Dimensionen spielt. Doch so raffiniert ist In the Shadow of the Moon dann doch nicht geworden. Etwas zu gefühlsduselig, und das Hauptproblem neben dieser Tendenz ist Hauptdarsteller Boyd Holbrook, der mich irgendwie an Jason Segel erinnert hat und diese prinzipiell schwierige Rolle eines weltvergessenen, verschrobenen Ermittlers über eine so lange Zeit hinweg mit etwas deplatzierter unfreiwilliger Komik und sichtlich gefakter Kopf- und Gesichtsbehaarung selten glaubhaft transportieren kann.

Abgesehen davon ist das schwer fassbare Mysterium Zeit ein gern gesehener Studiogast im verschwurbelten Raum-Zeit-Kontinuum der Science-Fiction, Filme wie 12 Monkeys haben da gehörig Biss, komödiantisch gesehen sowieso Zurück in die Zukunft. In the Shadow of the Moon fährt da eher die entspannte Schiene, klaubt sich so manches aus dem Genre zusammen und findet nichtsdestotrotz seine Stimmigkeit, das aber eher das Werk eines fleißigen Schülers als das eines Meisters ist.

In the Shadow of the Moon

Lost Girls

IM SUMPF DER TRAUER

6,5/10

 

lostgirls© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: LIZ GARBUS

CAST: AMY RYAN, THOMASIN MCKENZIE, GABRIEL BYRNE, OONA LAWRENCE, REED BIRNEY, LOLA KIRKE U. A. 

 

Wer von euch kann sich eigentlich noch an Aktenzeichen XY erinnern? Lief immer freitags im Hauptabendprogramm, und immer dann, wenn mal nicht Derrick oder Der Alte ermitteln mussten. Aktenzeichen XY ließ sein Publikum anhand ungelöster Fälle rätseln und zittern – plus gespielter Szenen, die dem realen Schrecken noch eins draufsetzten. Ganz so wie dieses Aktenzeichen XY, wie die Chronik eines ungeklärten Verbrechens, von dem nur bekannt ist, dass die- oder derjenige Opfer krimineller Aktionen wurden – ganz so mutet Lost Girls an. Ein Film über ein Tappen im Dunkeln, über einen Fall, der sich tatsächlich so zugetragen hat. Vorlage dafür war das Sachbuch gleichen Titels von Robert Kolker. Die Spielszenen, bei XY normal nur einige Minuten lang, expandieren hier zu Spielfilmlänge – und zu einem bewölkten, trüben Drama mit schwermütigem November-Blues.

Love and Death in Long Island, könnte man sagen. Nur ohne Love, dafür doppelt so viele Tode. Gesucht wird die Tochter von Mari Gilbert, in resoluter Verbissenheit und mit Hausverstand darf nun Amy Ryan, die man sonst nur in Nebenrollen zu Gesicht bekommt, ganz vorne stehen. Der Nachwuchs – Tochter Shennan – hätte eigentlich beim Rest der Familie aufschlagen sollen, ist aber nie erschienen. Das Gewerbe, dass sie ausübt, nämlich das älteste der Welt, trägt auch nicht dazu bei, die Sicherheit im Job zu gewährleisten. Irgendwas muss passiert sein. Die Polizei wassert nach – mehr schlecht als recht – und Mari Gilbert tritt den laxen Kerlen in den Hintern. Bis noch mehr Mädchen auftauchen, tot natürlich. Und der Verdacht auf einen Serienkiller die Runde macht. Diesen hat es wirklich gegeben. Und gibt es noch. Denn aufgeklärt wurde die Causa eigentlich nie. Die Erkenntnis entfacht Unruhe, hinterlässt gar ein unbequemes Grundgefühl. Verdachtsfälle gab’s genug, einer davon sehr konkret. Aber ein Verdacht ist kein Beweis, also heißt es weiterforschen auf eigene Faust, damit zumindest die Leichen geborgen werden können und all die Mütter ohne Töchter zumindest über Leben und Tod Bescheid wissen können.

Wie lähmend muss das sein, genau diesen Umstand nicht zu wissen. Unweigerlich muss ich an den Fall von Natascha Kampusch denken. Letzten Endes eine Entführung, die das Mädchen überlebt hat. Als vermisst galt sie rund 8 Jahre lang. Ein Horror für die Eltern. Da lässt sich erahnen, wie entlastend das sein muss, zumindest darüber Gewissheit zu erlangen, ob das eigene Kind noch lebt, kein Leid ertragen hat oder beerdigt werden muss. Lost Girls ist eine freitagabendliche Kriminaltristesse, die sich in keinster Weise schönreden lässt. Die Suche nach den Toten ist ein quälendes Umherirren im Morast, quer durch die unwirtlichen Sumpfgebiete der wenig einladenden Ostküste. Das einzig Tröstende ist die Solidarisierung der Hinterbliebenen. Zu den Schwestern der Vermissten zählt auch die talentierte Newcomerin Thomasin McKenzie, die zuletzt in Taika Waititis Jojo Rabbit zu bewundern war. Sie bleibt aber eher im Hintergrund – das Feld führt Amy Ryan an, die sehr praktisch veranlagt – und das vielleicht zum eigenen Schutz – mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Liz Garbus (Oscarnominierung für die Doku What happened, Miss Simone?) erster Spielfilm ist eine Netflix-Premiere. Schön, dass der Streamingriese auch Sundance-Beiträgen eine Plattform bietet, so wie dieses sehr ernste, semidokumentarische, nüchterne True-Crime-Szenario, das nur noch Eduard Zimmermann benötigt hätte, um den mysteriösen Fall auf eigene Initiative wieder aufzurollen.

Lost Girls