Gold (2022)

ANOTHER ONE BITES THE DUST

7/10


gold© 2022 Leonine Distribution


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: ANTHONY HAYES

CAST: ZAC EFRON, ANTHONY HAYES, SUSIE PORTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Cree haben es schon immer gewusst: Letztendlich kann sich keiner von Geld ernähren. Und genauso wenig von Gold. Da liegt er da, der Reichtum, gefühlt Milliarden Euro schwer, inmitten einer Ödnis, die kaum postapokalyptischer sein kann. Für Zac Efron als namenlosen Reisenden, den es in dieses Niemandsland verschlägt, ist das Glück womöglich ein Vogerl, dass sich auf seine Schulter gesetzt hat. Dass es dort auch noch hinkackt, davon merkt Zac Efron nichts. Und sein Chauffeur genauso wenig. Beide tanzen um das Goldene Kalb – einem Nugget so groß wie selbiges, halb eingegraben im staubtrockenen Boden und unmöglich, da rausgehoben zu werden. Es braucht einen Bagger – der Kerl mit dem Auto macht sich auf in die nächste Stadt, um alles Notwendige zu organisieren. Der andere, Efron eben, erklärt sich bereit, in der Wüste zu bleiben, um den Schatz zu bewachen. Vor wem, fragt sich? Wer wird hier wohl vorbeikommen, es sei denn, er hat eine Panne, wie eben genau diese beiden, um die es hier geht, eine gehabt haben. Aber seis drum, theoretisch könnten beide losziehen und den Bagger holen, aber so viel Gold überlässt man nicht einfach Skorpionen und Schlangen. Während der Glücksvogel auf der einen Schulter sitzt, meldet sich das kleine rote Teufelchen auf der anderen: Man weiß ja nie, sagt es. Die Gier wird zum streunenden Hund, den man mit Feuer fernhalten kann, während man allein hier unter sengender Sonne, trockenem Wind und ganz viel Staub die Zeit totschlägt. Schließlich sind’s doch nur ein paar Tage. Aus diesen paar Tagen wird schnell mehr, und der Namenlose bereut nun, hier geblieben zu sein.

Man nehme die Endzeitstimmung eines Mad Max-Abenteuers und verbinde diese mit einer Folge dieser Schatzsucher-Soaps, die gut und gerne auf DMAXX laufen. Fertig ist eine kleine, hundsgemeine Parabel auf die dunkle Seite des Reichtums, die mitunter sogar Anlehnung findet an die Legende von König Midas, der alles, was er berührt hat, zu Gold werden ließ und fast dabei verhungert wäre. Zac Efron ergeht es ähnlich, und diesmal hat der Schönling aus Baywatch und Bad Neighbours keinerlei Scheu davor, sich so richtig schmutzig zu machen. Der australische Schauspieler Anthony Hayes (u. a. The Rover, Cargo) bringt den glück- und auswegsuchenden Menschen von zivilisierten Gesellschaftsnormen ab, die moralische Verwahrlosung zeigt sich dabei in den Gesichtern, denen man nicht trauen kann. Selbst Efrons Figur birgt ein Geheimnis, das auf Gewalt zurückzuführen ist, aber so wirklich wird man’s nie wissen. Hayes selbst spielt den anderen Part, auch er schweißgebadet und staubverschmiert. Bald sieht man – vielleicht gar etwas überzeichnet, aber es passt zur expressiven, in der strahlenden Hitze ausgebleichten Optik des Filmes – was es anrichten kann, hat man keine Sonnencreme mit dabei. Der Durst ist da fast das geringste Problem, die abstrakte Panik vor dem Verlust des Reichtums, der da zu Füßen liegt, das allergrößte.

Efron verschwindet hinter einer Schicht aus Blut und Staub, wirkt bald wie Martin Sheen am Ende von Apocalypse Now, nur taucht Efron nicht aus dem Wasser, sondern aus dem Sand, und der verbläst sich in jede Ritze des streamingtauglichen Mediums bis hinaus ins Wohnzimmer oder wo man gerade sitzt, um einen symptomstarken Goldrausch zu umtosen, der seinen moralischen Kompass mit dem der Cree-Indigenen gleichgeschaltet hat. Ein feines, wind und wettergegerbtes Stück australisches Outdoorkino, bei dem man nicht schlecht staunt, was für trostlose Gegenden es in Down Under überhaupt geben kann.

Gold (2022)

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman

No Exit

MITGEHANGEN, MITGEFANGEN

3,5/10


noexit© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DAMIEN POWER

CAST: HAVANA ROSE LIU, DANNY RAMIREZ, DAVID RYSDAHL, DENNIS HAYSBERT, DALE DICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Schneechaos ist das Beste, was einem Thriller passieren kann. Gut, manchmal reicht auch Regen und Gewitter, denn bei so mieser Witterung will keiner wirklich aus dem Trockenen. In Drew Goddards Bad Times at the El Royale hat’s zumindest geschüttet wie aus Schaffeln, was Chris Hemsworth mit seinen blanken Brustmuckis nicht sonderlich gestört hat. Denn das Wetter ist die Stimmungskanone schlechthin. Da rücken die verbliebenen Insassen zusammen, auch wenn sich diese untereinander fremd sind. Keine Ahnung, was der oder die Einzelne schließlich im Schilde führt oder welchen Rattenschwanz an Lebensbeichten herumgeschleppt werden muss. In Quentin Tarantinos Hateful Eight ist das Schneechaos, ähnlich wie in vorliegendem Film No Exit, der Schraubstock für eine angespannte Gesamtsituation, in der sich alle auf Augenhöhe begegnen müssen – das Katz- und Mausspiel, sofern es eines geben soll, kann beginnen. 

Und ja, auch bei diesem Direct-to-Disney+-Thriller stehen die Zeichen auf Sturm. Wir befinden uns irgendwo auf dem Weg nach Salt Lake City, das heißt: Ex-Junkie Darby tut das, sie ist mit dem Auto unterwegs und will zu ihrer im Sterben liegenden Mutter. Blöd nur, dass ein Blizzard die Straße unpassierbar macht. Zurück in die Reha will Darby auch nicht, also bleibt ihr nur die Touristeninfo am Rande eines Waldes, weitab jeglicher Kontrollinstanz. Natürlich ist sie in dieser wohlig eingerichteten, mit allerlei Nationalparkinfos ausgestatteten Zuflucht nicht allein. Vier weitere Individuen harren besseren Zeiten entgegen. Ein älteres Ehepaar und zwei Mittzwanziger, die unterschiedlicher nicht sein können. Der eine pennt, der andere blickt verstohlen um sich, wagt dabei aber nicht, jemandem ins Gesicht zu sehen. Doch so Freaks gibt’s immer, was soll da schon groß passieren. Der Breakfast Club für die Durchreise ist angerichtet, am besten, man verbringt die Zeit mit Kartenspielen – was die Anwesenden dann auch tun. Der Film wäre nicht aufregender als das Wetterpanorama geworden, wäre Darby nicht durch Zufall auf das entführte und gefesselte Mädchen in einem weißen Van gestoßen. Einer oder eine aus der Gruppe muss also Dreck am Stecken haben. Nur wer?

Wenn Darby ihr Geheimnis noch für sich behält und gute Miene zu bösem Spiel macht; wenn alle fünf um den Tisch sitzen und das dubiose Kartenspiel Bullshit spielen, dann hat das latent bedrohliche Kammerspiel durchaus seinen Reiz. Den es aber auch wieder schnell verliert, so nach dem Motto: wie gewonnen, so zerronnen. Denn sobald klar wird, wer hier nun perfide genug ist, um ein unschuldiges Mädchen zu entführen, sackt die Spannungskurve nach unten. Vielleicht aber helfen ein paar Story-Twists, denn viel mehr ist angesichts des begrenzten Settings ja vielleicht gar nicht möglich. Irrtum – gerade in solchen Situationen lässt sich die Unberechenbarkeit menschlichen Verhaltens ausreizen. Da wären aufgesetzte Wendungen wie diese hier, die offensichtlich nur dazu da sind, um kreatives Defizit zu kompensieren, gar nicht mal nötig. Man hätte den Faktor X noch durchaus weiter in die Spieldauer hineinnehmen können, doch die Mystery weicht einem trivialen Duell Gut gegen Böse, wobei hier niemand Wert legt auf plausible Charaktere, mit Ausnahme vielleicht von Havana Rose Liu, die als moralisches Zentrum ihre sozialen Defizite durch ritterliche Verzweiflungstaten ausgleicht. 

No Exit überrascht nicht, sondern bestätigt immer wieder die Vermutungen des Zuschauers. Der würde sowieso anders agieren, und das gleich zu Beginn. Doch da wäre aus Damien Powers Romanverfilmung ein Kurzfilm geworden. Na und? Vielleicht wäre der aber knackiger.

No Exit

28 Weeks Later

DIE NÄCHSTE WELLE KOMMT BESTIMMT

6,5/10


28-weeks-later© 2007 Twentieth Century Fox


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, SPANIEN 2007

REGIE: JUAN CARLOS FRESNADILLO

CAST: ROBERT CARLYLE, IMOGEN POOTS, MACKINTOSH MUGGLETON, JEREMY RENNER, ROSE BYRNE, IDRIS ELBA, CATHERINE MCCORMACK, EMILY BEECHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Vermutlich ist’s verlorene Liebesmüh, tatsächlich 28 Wochen zu warten, um die Fortsetzung von Danny Boyles 28 Days Later zu besprechen. Von dieser Anspielung hab womöglich nur ich was davon, also verliere ich keine Zeit, 28 Weeks Later gleich jetzt in den Filmgenuss-Pool zu werfen. 28 Wochen, da wäre noch eine lange Zeit bis dahin. Das wäre irgendwann Ende September und die Erinnerungen an das brachiale Sequel wohl nicht mehr so taufrisch wie gerade eben. Nach 28 Wochen könnte man aber meinen, eine Endemie durchgestanden zu haben. In diesem gottseidank fiktiven Fall hat sich das Virus vorbehaltlich selbst aufgezehrt. Sprich: die Befallenen sind verhungert. Und jene, die den Kelch an sich vorübergehen ließen, sind evakuiert worden, darunter womöglich auch Cillian Murphys Figur des Jim, von dem wir aber niemals wissen werden, was aus ihm geworden ist. Eigentlich hätte dieser, wenn es nach Alex Garland und Danny Boyle gegangen wäre, gar nicht mal überleben dürfen. Doch das war dem Publikum des Test-Screenings zu düster. Woraufhin jetzt, fünf Jahre danach, Regisseur Juan Carlos Fresnadillo womöglich gar niemanden mehr zu einer Vorabsichtung eingeladen hat. Anders lässt sich der vehemente Nihilismus in diesem knüppeldicken Zombie-Actioner nämlich gar nicht erklären. Vielleicht ist Twentieth Century Fox in den wenigen Jahren dazwischen mutiger geworden.

Beschert hat uns das Studio schlussendlich dieses Worst Case-Szenario, das ganz gut beschreibt, was passieren kann, wenn verhängte Restriktionen zur Eindämmung lebensbedrohlicher Seuchen einfach missachtet werden. Und ehrlich: Robert Carlyle’s Filmkinder könnte man durch Sonne und Mond schießen, in Anbetracht dessen, was sie angerichtet haben. Gut, das war keine Absicht – aber genau das ist das Problem: Mit Absicht verursachen wohl die wenigsten irgendeinen Kollateralschaden. Sie nehmen diesen aber in Kauf, wenn es um eigene Interessen geht. So auch diese Kids (was heisst Kids: Imogen Poots geht da schon als junge Frau durch), die gemeinsam mit dem wiedergefundenen Papa (eben Robert Carlyle aus Ganz oder gar nicht) das Zentrum Londons rückbesiedeln. Weil sie unbedingt in ihr altes Haus wollen, um persönliche Dinge abzuholen, umgehen sie die Sperrzone – und stoßen auf Mama, die wider Erwarten gar nicht tot ist, aber auch kein Zombie. Was denn dann? Ein superimmuner Zwischenwirt, weitestgehend symptomfrei (deswegen ist testen ab und an mal gar nicht schlecht), aber Hölle ansteckend.

Omikron braucht längst nicht so viel Bewegungsenergie wie diese Wutviren, verbreitet sich durch diese Ersparnis aber auch nicht effizienter. Dafür agieren jene, die zum Zivilschutz das virenfreie Gelände sichern, umso wütender. Die neue Welle schwappt über die Insel der Seligen wie ein alles vernichtender Tsunami. Gesunde und Infizierte sind in panischer und tobsüchtiger Raserei nicht mehr voneinander zu unterscheiden. 28 Weeks Later macht keine Gefangene mehr, und das bisschen Menschlichkeit schrumpft und schrumpft und schrumpft. Fresnadillo führt den Film kaum noch mit feiner Hand, sondern viel lieber mit Brecheisen und Schlagring: in schnellen Schnitten und hektischer, teilweise völlig orientierungsloser Kamera findet Kameramann Enrique Chediak bluttriefende Abbilder eines finsteren Infernos nah am Trash, dazwischen versuchen eine ganze Menge bekannter Gesichter wie Jeremy Renner, Rose Byrne oder Iris Elba den Überblick zu bewahren. Feingeistiges Horrorkino ist also etwas anderes, und wir haben hier auch keine psychosozialen Spannungen wie im Original. Dafür aber weicht das bislang ungute Gefühl im Bauch spätestens ganz am Ende einer garstig um den Latz geknallten Hoffnungslosigkeit.

28 Weeks Later

Galveston

VOM INSTINKT DES BESCHÜTZERS

6,5/10


galveston© RLJE Films


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: MÉLANIE LAURENT

CAST: BEN FOSTER, ELLE FANNING, LILI REINHART, ADEPERO ODUYE, ROBERT ARAMAYO, MARÍA VALVERDE, BEAU BRIDGES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Wir kennen Mélanie Laurent doch spätestens nach ihrem Auftritt in Quentin Tarantinos virtuosem Fake-History-Thriller Inglourious Basterds, in welchem Hitler und seine Schergen den Flammentod im Kino sterben. Zuletzt gab sie sich recht beengt im Science-Fiction-Kammerspiel Oxygen von Alejandro Aja, welches auf Netflix zu sehen ist. Dass die charismatische Französin allerdings auch Regie führt – und das nicht nur aus einer Laune heraus, weil Schauspieler einfach mal alles gemacht haben müssen, sondern weil ihr das vermutlich genauso liegt wie Clint Eastwood – war mir allerdings nicht bewusst. Bis letztes Jahr, als ihr neuestes Werk Die Tanzenden erschienen war – ihre sechste Regie. Die vorletzte Arbeit gibt’s nun hier bei mir in meiner Review: Galveston – Die Hölle ist ein Paradies. Wobei der deutsche Untertitel so gut wie gar nichts über das existenzialistische Roadmovie aussagt. Hölle und Paradies – das kann alles sein. Zu generisch, um wirklich Sinn zu machen. Und Galveston? Das ist eine Stadt in Texas.

Dorthin muss Ben Foster alias Roy, ein Handlanger und Killer für einen abgeschleckten Mafiaboss im Zwirn (ölig: Beau Bridges), der in eine Falle tappt, da man ihn loswerden will. Irgendwie bekommt der abgehalfterte Säufer gerade noch die Kurve und rettet dann auch noch so ganz nebenbei eine Prostituierte namens Rocky, die gar nicht weiß, wie ihr geschieht. Die beiden sind also on the road, vermutlich sind längst böse Buben hinter ihnen her. Roy will nach Galveston, um dort Zuflucht zu suchen. Auf dem Weg durchs amerikanische Hinterland, gesäumt von Motels und früheren Erinnerungen, werden beide mit ihrem ganz persönlichen Trauma konfrontiert. Und da ist noch Rockys junge Schwester, die plötzlich mit von der Partie ist – und alles verändern wird.

Galveston sieht anfangs so aus, als wäre er von der Sorte wie zum Beispiel Thelma & Louise, Wisdom – Kühles Blut und Dynamit oder Nicht mein Tag: Zwei, die sich zusammenraufen, fliehen im Auto vor einer Übermacht. Ob Polizei oder das organisierte Verbrechen, ist ganz egal. Nur: Die Verfilmung des Romans von Jim Hammett (lieferte den Content für True Detective) schlägt immer mal wieder die subtileren Töne eines Psychodramas an, in welchem es um sehr viel mehr geht als nur darum, mit brummenden Motoren auf die Ideale der eigenen Existenz zuzusteuern. Ben Foster und Elle Fanning halten viel öfter inne als zu vermuten wäre, ihre Figuren entwickeln sich in überraschender Deutlichkeit. Beide folgen ihrem Beschützerinstinkt und steuern auf das Ideal eines familiären Konstrukts hin, das als einziges dafür taugt, wechselwirkend Halt zu geben in einer trostlosen Gesamtsituation. Laurent gelingt es, diese Dynamik, die hinter einem augenscheinlich routinierten Thrillerdrama liegt, freizulegen. Somit ist Galveston vor allem in seiner peripheren Ausstattung keine tadellose Kreativleistung, im Kern der Geschichte erklingen aber einige Takte eines zutiefst melancholischen Blues-Songs.

Galveston

Copshop

ÄRGER AM REVIER

5/10 


copshop© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOE CARNAHAN

CAST: GERARD BUTLER, FRANK GRILLO, ALEXIS LOUDER, TOBY HUSS, RYAN O’NAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Hab nur ich das Gefühl oder nimmt die Zahl der wirklich lohnenden Actionfilme mit der Zeit kontinuierlich ab? Wenige, darunter Guy Ritchie, bemühen sich noch, im Rahmen von Blutrache, Hopsnehmen und Geballere sowas wie eine Geschichte zu erzählen. Der Rest ist kaum nennenswerte Stangenware. Das liegt aber auch oftmals an den Skripts, die sich sichtlich schwertun, innerhalb der dem Film inhärenten Logik den Konflikt zu einem plausiblen Ende zu führen. Schade drum, denn gute Ansätze sind mit Sicherheit da. So auch im neuen Film von Actionspezialist Joe Carnahan, der mit Gerard Butler und Frank Grillo zwei heiße Eisen aufeinander loslassen kann.

Dabei ist die Ausgangssituation durchaus griffig und hätte jemanden wie Quentin Tarantino in seinen wilden Jahren womöglich hellhörig werden lassen: Ein Hitman namens Teddy Muretto (Frank Grillo mit schulterlanger Mähne) flieht vor einem anderen Hitman (Gerard Butler), der ihn am Kieker hat. Die Idee schlechthin: er lässt sich nahe dem lokalen Polizeirevier mitten in der Wüste festnehmen und inhaftieren. So müsste er sicher sein. Dumm nur, dass der andere Hitman dieselbe Idee hat. Und plötzlich sitzen sie sich gegenüber, jeder in einer Zeile, zur Freude aller direkt vis a vis. Wer sie da reingebracht hat? Jungpolizistin und Revolver-Aficionada Valerie, die gerne wissen will, was die beiden verbindet.

Klingt nach Dialogkrimi? Ist es aber nicht. Klar, dass die beiden nicht lange hinter Gitter bleiben, folglich fliegen bald die Fetzen und es spritzt das Blut quer durch die Büroräume einer Polizeistation, die sehr gut auch als Kulisse für den Klassiker Assault – Anschlag bei Nacht herhalten hätte können. Nicht minder rabiat wird diese dann auch heimgesucht. Und man möchte meinen: Butler und Grillo begleichen die Rechnung, wie es sich für Kontrahenten dieses B-Movie-Kalibers durchaus gehört. Dabei haben sie selbige ohne den Wirten gemacht, und der ist eine Frau, nämlich Alexis Louder, die allen die Show stiehlt. Ihre Rolle des tüchtigen Cops mit einer skeptischen Sicht auf die Dinge, die noch dazu zäh und widerspenstig alten Hasen Paroli bietet, könnte ein neuer Stern am Himmel des Actionkinos sein, eine Mischung aus knallharter Pam Grier und resoluter Lashana Lynch. Blut, Schweiß und jede Menge Patronen markieren ihren Weg durch den nächtlichen Wahnsinn. Das sind Shootouts, wie man sie gerne hat, und zwar auf engstem Raum. Wie eingangs erwähnt, erreicht Carnahans nächtlicher Reißer, der zumindest im Intro und im Abspann so tut, als wäre er ein Grindhouse-Movie aus den Bahnhofkinos der Siebziger, leider nicht sein Ziel. Mächtige Plot Holes tun sich auf, die das Erreichte zurück an den Start schicken. Da haben wir es wieder, das schlecht durchdachte Skript fürs Actionkino, das sich in der letzten Viertelstunde auf die faule Haut legt und keinen Ehrgeiz mehr hat, sein Publikum zu überzeugen, geschweige denn zu überraschen. In Erinnerung bleibt Alexis Louder. Nun – vielleicht war‘s das ohnehin schon wert.

Copshop

Gunpowder Milkshake

MÄNNER IM SCHUSSFELD

5,5/10


gunpowdermilkshake© 2021 Studiocanal

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: NAVOT PAPUSHADO

CAST: KAREN GILLAN, CHLOE COLEMAN, LENA HEADEY, ANGELA BASSETT, PAUL GIAMATTI, MICHELLE YEOH, CARLA GUGINO, IVAN KAYE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Sie alle haben uns gezeigt, wie es ist, als Auftragskillerin den Alltag zu bestreiten: Anne Parillaud, Charlize Theron, Jessica Chastain, Sasha Luss, erst kürzlich Mary Elizabeth Winstead in Kate – und das sind nur die, die mir spontan eingefallen sind. Die neueste Kampfmaschine ist Jumanji– und Marvel-Star Karen Gillan. Natürlich: miese Kindheit, von irgendeinem Mentor unter die Fittiche genommen. Trainiert, als gäbe es sonst nichts im Leben und abgerichtet, um kaltblütig den Job zu erledigen. Interessanterweise schimmert dann bei den meisten a la longue sowas wie Menschlichkeit durch und ein Hinterfragen der Gesamtsituation. Woher sie alle wissen, wie man sein eigenes Tun reflektiert, ist natürlich fraglich – und vielleicht gar fraglos menschlich. Oft folgt dann sowas wie Rache. Oder das Beiseiteräumen irgendwelcher Vertragsgläubiger, die ihr „Werkzeug“ lieber tot als im eigenen Haushalt schuften sehen wollen.

Viel ist es nicht – alles in allem ein sich wiederholendes Szenario mit unterschiedlichen Damen, die alle ihren persönlichen Stempel auf einen bereits recht fadenscheinigen Themenplot drücken. Karen Gillan macht‘s genauso. Nur wieder etwas anders. Ist Gunpowder Milkshake also ein entbehrlicher Appendix im Genre der Profikillerinnen-Filme geworden – oder die Kirsche auf einer viel zu üppigen Schlagsahne? Sagen wir so – es ist die halbe Frucht. und kein Grund, das Bestellte wieder zurückzuschicken. Trinken lässt sich dieser Milkshake eben trotzdem, weil der Israeli Navot Papadoshu hier mit kontrapunktiertem Kitsch arbeitet, und sich selbst und seine gewaltbereiten Figuren nicht ganz so ernst nimmt. Allerdings macht er sie nicht lächerlich, sondern erfindet eine postpubertäre „Ätsch“-Variante durchgekauter Genreschablonen.

Karen Gillan ist also klarerweise eine, die nie wirklich erwachsen wurde, und immer noch so tut, als käme sie erst in die Oberstufe – dabei hat sie schon viel gesehen, mit Ausnahme ihrer Mutter, die sie vor zwanzig Jahren verlassen hat. Die hängenden Mundwinkel sind ihr aus dem tatsächlichen Prozess des Erwachsenwerdens geblieben, aus einer Zeit, wo Genervtheit von den Eltern das neue Cool war. Im Zuge eines Auftrags fällt ihr ein junges Mädchen in die Hände. Kinder zu töten ist selbstredend tabu. Also muss die Göre gegen die Abmachung ihres Auftraggebers mitkommen, egal, wohin das führt. Laut dem Trailer wissen wir, dass Gillan irgendwann auf ihre Mutter stößt – und dann auf eine alteingesessene Golden Girls-Runde, die mehr draufhat als nur eine Bibliothek zu verwalten, die wiederum ebenfalls mehr versteckt als nur Kapitel und Gliedsätze. Die bösen Aufziehbuben rücken bald an, und die Projektil-Orgie kann starten. Natürlich augenzwinkernd und trotz des Blutzolls erfrischend unecht und daher harmlos.  

Weniger harmlos scheint der männerfeindliche Unterton des Films. Sieht man genauer hin, gibt es keinen einzigen Träger des Y-Chromosoms, der auch nur ansatzweise zu den Guten gehört. Die Männlichkeit ist hier das böse Syndikat, welches sich gegen eine eigentlich von Frauen zu regierenden Welt richtet. Natürlich wäre das besser, doch deshalb ist der Mann noch lange kein Missstand, der nur geduldet, wenn er bekämpft werden kann. Mit diesem Loblied an die dreiste Durchschlagskraft der Frau initiiert Navot Papushado den großen Grabenkampf zwischen den Geschlechtern, ohne ihn überbrücken zu wollen – natürlich mit lakonischem Humor und ironischen Attitüden. Gerade nochmal gutgegangen, denn je ernster die Lage in einem Film wie diesen, umso mehr wäre die Prämisse eine Frechheit.

Gunpowder Milkshake

Prisoners of the Ghostland

PUPPENTHEATER UNTER DEM ATOMPILZ

3/10


prisonersghostland© 2021 RLJE Films


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SION SONO

CAST: NICOLAS CAGE, SOFIA BOUTELLA, NICK CASSAVETES, BILL MOSELEY, CHARLES GLOVER, JAI WEST U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Der japanische Allrounder Sion Sono war mir bis zum diesjährigen Flash-Filmfestival in Wien so gut wie gar kein Begriff. Habe ich da bis dato irgendwas versäumt? Ein kleiner, eingeschworener Kennerkreis wird vermutlich ein JA in die Runde rufen – alle anderen, die damit nichts anfangen können, werden auch weiterhin die Finger davon lassen. Und das liegt nicht daran, dass zumindest Sonos letzter Film – Prisoners of the Ghostland – einem Publikum in Sachen Geschmack nicht zuzumuten wäre. Das ganz und gar nicht. Sondern viel mehr deswegen, weil diese phantastische Mär, die sich irgendwo zwischen Mad Max und Barbarella befindet, so sehr selbst fasziniert ist von ihrem in Kostümen schwelgenden Ausdruckstanz, dass Nicolas Cage geradezu Minderwertigkeitskomplexe bekommen könnte, weil der eben nicht so gut tanzen kann und als schwerverbrecherischer Antiheld, der in eine Zwischenwelt reisen muss, um eine junge Frau zu retten, salopp gesagt links liegen gelassen wird. Diese Zwischenwelt nennt sich übrigens Ghostland und hat irgend etwas mit einer atomaren Katastrophe und verstrahlten Knacki-Zombies zu tun. Jenseits dieser Dimension herrscht Westernstimmung. Wie bitte?

Es heißt aber nicht, dass Cages Konterfei einfach nur zur Vermarktung eines kostengünstigsten On Demand-Streifens herangezogen wird, obwohl er nur ein Cameo verbucht. Coppolas Neffe ist ganz vorne mit dabei, und neben ihm räkelt sich Sofia Boutella im späten Ripley-Outfit auf natürlichen Untergründen. Das beste: Cage trägt einen Sicherheitsanzug, den er nicht loswerden kann und der ihn moralisch bremsen soll, sollte er der zu rettenden Dame auf irgendeine (nötigende) Weise zu nahe treten. Eine schräge Idee, könnte aus den Sechzigern sein – und könnte tatsächlich auch in Roger Vadims Hippie-SciFi passen, wie so vieles in diesem Film. Doch eine schräge Idee und ganz viele wirklich innovative Outfits erwecken noch lange nicht die kunterbunte Abenteuerlust beim Zuseher. Sonos Film genügt sich insofern selber, da es keinen Wert darauflegt, auch nur irgendwie auf Zug inszeniert zu werden oder dem Szenario eine gewisse Bodenhaftung zu verleihen. Das Ergebnis: konfuser Japan-Prunk im Cowboylook zum postapokalyptischen Fünfuhrtee, zu dem niemand die Mühe wert findet, pünktlich zu erscheinen.

Inhaltlich ist Prisoners of the Ghostland ehrlich gesagt zu vergessen und genauso zu vernachlässigen wie Cage selbst. Der ist selbst oft ahnungslos, was die folgende Handlung betrifft. Und nicht nur er. Alle scheinen ahnungslos, das ganze Ensemble fügt sich in eine Performance-Veranstaltung, die zwar leidenschaftlich arrangiert ist, auf Dauer aber gehörig anstrengt, weil das schmucke Dekor zwar gefällt, doch eigentlich nichts auf der Habenseite hat, was es ausschmücken kann.

Prisoners of the Ghostland

30 Days of Night

SCHNEEFREI NUR FÜR VAMPIRE

4/10


30-days-of-night© 2007 SND


LAND / JAHR: USA, NEUSEELAND 2007

REGIE: DAVID SLADE

CAST: JOSH HARTNETT, MELISSA GEORGE, DANNY HUSTON, BEN FOSTER, PUA MAGASIVA, MANU BENNETT, MARK RENDALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Heute dürfte es hier in Wien so winterlich sein wie im nördlichsten Kaff der USA, in Barrow. Wenn wo der Arsch der Welt ist, dann unter Umständen dort. Im Sommer geht dort die Sonne zwar auch nicht unter, im Gegensatz dazu aber bleibt im Winter die Sonnenbrille zwei Monate lang im Handschuhfach, denn da reicht es gerade mal für eine Dämmerung. Untote Austauschstudenten, die das Sonnenlicht meiden müssen, würden Barrow vielleicht als Eldorado wähnen. Ein bisschen kalt vielleicht, aber kalt sind sie selber. Und so können sich die paar Bewohner dieses eigentlich am Meer gelegenen Städtchens über ungewöhnlich viel Fremdenverkehr freuen. Was sie weniger freut, ist der Blutzoll, den sie dafür zahlen müssen. Denn die Vampire, die per Schiff angereist sind, und einen seltsamen osteuropäisch anmutenden, für den Film erfundenen Kauderwelsch reden, sind dezidiert ausgehungert. Obendrein sind sie schnell, wendig und überhaupt nicht charmant wie vielleicht ihr transsilvanisches Vorbild. Wie sie da so mit der Tür ins Haus fallen – darauf ist niemand vorbereitet. Folglich wird ein Blutbad eingelassen, in welches Cop Josh Hartnett, seine Freundin Melissa George (ebenfalls Cop) und eine Handvoll integrer Gestalten überhaupt nicht hineinsteigen wollen. Blöd nur, dass es finster bleibt. Sowohl aus meteorologischer Sicht als auch in Sachen Erfolgschance.

Die erste Schwierigkeit in David Slades blutigem Spitzzahn-Slasher, der gerne auf Actionfilm tut (was ja nicht verkehrt ist), ist die Inkonsistenz in seinem Setting. Und darüber hinaus generell in der Zeit. Das Drehbuch verlangt, dass wir hier einem Zeitraum von 30 Tagen beiwohnen müssen, damit am Ende die Rechnung aufgeht. Warum auch immer, ist 30 Days of Night aber so konzipiert, dass es ganz klar nur an einer Nacht spielen kann. Verwunderung macht sich breit ob eines Inserts, dass darauf hinweist, bereits 18 Tage lang beim Versteckspiel unserer Helden zugesehen zu haben. Fragt sich, wie diese so lange in den gleichen Klamotten und ohne nennenswerte Nahrung überlebt haben konnten. Und warum die Vampire eigentlich nicht weitergezogen sind, wenn sie doch solchen Hunger haben und das Buffet nur mehr Krümel übrig hat. Was eben auch nicht funktioniert, ist die Sache mit dem Schnee. Es ist ja durchaus in Ordnung, temperaturunempfindlichen Kunstschnee zu verwenden, solange dieser die Szene adrett ausschmückt. Da lässt sich das völlig unsinnige Verhalten, wie der Schnee eben fällt, von mir aus ignorieren. Und den Vergleich zum tatsächlichen gefrorenen Wasser hätten wir auch nicht. Wenn man beides aber mixt, wird’s peinlich. Somit protzt Slade einerseits mit echtem Winter, andererseits ist ihm womöglich das Tauwetter dazwischengekommen. Sieht leider bescheuert aus.

Weniger bescheuert sind zumindest die Vampire mit ihren blutverschmierten Kauleisten und den dunklen Augen, ihrem enervierenden Geschrei und ihrer raubtierhaften Akrobatik. Das Make-up ist ein Hingucker – das übrige Szenario will sich aber leider nicht an gewisse Regeln halten, die die Basis für einen Actionfilm garantieren sollen, der in sich selbst logisch sein muss, um überhaupt zu packen.

30 Days of Night

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

PAARTHERAPIE DURCH DRITTE

6/10


thetrip© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: NORWEGEN 2021

REGIE: TOMMY WIRKOLA

CAST: NOOMI RAPACE, AKSEL HENNIE, ATLE ANTONSEN, CHRISTIAN RUBECK, ANDRÉ ERIKSEN, STIG FRODE HENRIKSEN, NILS OLE OFTEBRO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Am Wochenende sucht man Ruhe und Entspannung. Wenn’s ohnehin schon stressig zugeht, drängt sich die traute Zweisamkeit irgendwo abgelegen an einem See und umgeben von Wald und Wiese richtig auf. An so einem Wochenende kann gar nichts – oder alles passieren. Plüschige Aliens können kommen, wie in Save Yourselves!. Oder ein Psychokiller treibt sein Unwesen und lässt die Zerstreuungswütigen über die Klinge springen, wie Dan Stevens und Sheila Vand in Tod im Strandhaus das gemacht haben. Selbst Comedian Kevin James als bemüht bösartiger Knastbruder nervt in Becky eine Patchworkfamilie, die ohnehin genug Probleme hat. 

Ihr seht, es gibt jede Mange Zeug zum Thema Wochenende in Schieflage, und auch The Trip – Mörderisches Wochenende vom Norweger Tommy Wirkola hat da gar nicht den Anspruch, anders sein zu wollen als all die eben erwähnten genretypischen Produktionen. Wirkola, nicht sehr zimperlich, was seine Filme angeht (Händel & Gretel: Hexenjäger, Dead Snow) bringt in seiner Splatterkomödie die Ehekrise zum Bluten, da sind ihm alle Mittel recht. Und noch schöner ist es, wenn Noomi Rapace, die bereits in seinem originellen Science-Fiction-Thriller What Happened To Monday? in siebenfacher Ausführung ums Überleben gekämpft hat, den Nerv hat, um einer wie aus heiterem Himmel hereinbrechenden Home Invasion handfeste Argumente entgegenzusetzen. Bevor es aber so weit kommt, will „Headhunter“ Aksel Hennie seiner Göttergattin ans Leder – dahinter mag stecken was will, das ist für den Film nicht relevant. Ebenso hegt eine erblondete Rapace wohldurchdachte Pläne, um ebenfalls das Witwendasein zu forcieren. Wenn man doch nur miteinander reden könnte – doch dieser Zug ist abgefahren. Die beiden hätten sich wohl gegenseitig ins Aus manövriert, wären da nicht drei wirklich miese Gesellen, die ordentlich Stunk machen. Frei nach dem Sprichwort Der Feind meines Feindes ist mein Freund muss das Paar wieder ihr eheliches Gelübde ausgraben, welches für schlechte Tage den Zusammenhalt predigt.

Auch wenn The Trip – Mörderisches Wochenende vorzugsweise als respektlose, derbe Komödie zu bezeichnen ist, bleibt dennoch der größte Anteil einem gewalttätigen Thriller geschuldet, der den Hass auf die wirklich bösen Jungs gehörig schürt – um dann in aller Genugtuung dem Blut beim Herumspritzen zuzusehen. Da werden Arme geschreddert und Bäuche aufgeschlitzt, Köpfe weggeschossen und was weiß ich noch alles, natürlich ist das ganze Handgemenge mit Ironie zu genießen und das richtige Quantum an flapsigem Zynismus und lakonischem Humor verleihen der Hämoglobin-Groteske sogar noch sympathische Zwischentöne, vor allem Aksel Hennies Film-Vater könnte der grantige Bruder vom Mann namens Ove sein, so nordländisch geistert die schräge Nebenfigur durch das gar nicht jugendfreie Szenario.

Wirkola liebt den augenzwinkernden Trash, richtet sich ans weniger zartbesaitete Publikum und bietet genau das, was in so einem Genremix auch zu holen ist. Will man sich allerdings wirklichen Hirnideen widmen, die das Töten auf originelle Bahnen hebt, sollte man vielleicht lieber beim Saw-Franchise bleiben. Bei The Trip kommt zum Einsatz, was in einem Ferienhaus mit Garten eben so rumliegt, Rasenmäher inklusive. Doch den gab‘s auch schon bei Becky. Demnach ist der Splatterspaß zwar kurzweilig, aber nicht die eigentliche Attraktion: die findet sich in den kleinen, zwischenmenschlichen Verschnaufpausen, in denen nichts und niemand gewillt ist, die Hoffnung auf eine gute Ehe aufzugeben.

The Trip – Ein mörderisches Wochenende