Joyride – Spritztour

EIN FALL VON SELBER SCHULD

6/10


joyride© 2001 Twentieth Century Fox Deutschland


LAND: USA 2001

REGIE: JOHN DAHL

CAST: PAUL WALKER, STEVE ZAHN, LEELEE SOBIESKI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Womit hat sich J. J. Abrams eigentlich herumgeschlagen, bevor er das Kultkino der 80er fürs 21. Jahrhunderts salonfähig gemacht hat? Er hat Drehbücher geschrieben. Zum Beispiel für das Amnesiedrama In Sachen Henry mit Harrison Ford. Oder für Forever Young, dem Kryonik-Drama mit Mel Gibson. Wohl eher weniger bekannt ist seine Vorlage für den Autobahn-Psychothriller Joyride – Spritztour von Genrespezialist John Dahl (Red Rock West). J. J. Abrams ist ja irgendwie so ein verspielter Kerl wie Steven Spielberg es zu seinen besten Zeiten gewesen war. Dessen Lebenswerk dürfte Abrams mit Sicherheit auch inspiriert haben, da braucht man sich nur Super 8 anzusehen. Der Mann hat ein Händchen für Suspense und Spannung, für Figuren und deren Beziehung untereinander. Seine Filme wirken lebendig, und nicht wie aufgewärmte Variationen etablierter Klassiker. Abrams hat auch den Mut, neues zu wagen. Aber nicht immer. Sein Script zu Joyride ist eine deftigere Version des 70er-Fernsehthrillers Duell von – wie kann es anders sein ­- eben Steven Spielberg, der damit eines der besten Genrestücke abgeliefert hat, die mit wenig Budget größtmögliche Wirkung erzielen. Für die, die das Szenario nicht kennen: ein Mann fährt mit seinem Auto den Highway entlang und wird von einem schwarzen Truck verfolgt, dessen Fahrer man nie zu Gesicht bekommt. Mehr ist es nicht – doch das reicht schon, um mit Spaß an der Freude und den Versatzstücken aus Paranoia und dem Unberechenbaren herumzujonglieren. Macht und Ohnmacht wurde selten so gnadenlos gut auf grobe Muster reduziert.

Joyride ist ähnlich. Auch hier jagt bald ein dunkler Truck die formschöne Karre von Paul Walker und Steve Zahn. Diesmal aber, im Gegensatz zu Duell, aus gutem Grund: die beiden Brüder erlauben sich einen schlechten Scherz mit einem Trucker, der glaubt, das Date seines Lebens zu verbuchen. Walker tut nämlich auf leichtes Mädchen und lockt den Unbekannten, dessen Funk-Pseudonym „Rostiger Nagel“ lautet, um Mitternacht in ein Motel. Natürlich ist dort vom Date keine Spur. Solche Spielchen kann man treiben – muss man aber nicht. Und wenn doch, sollte man in Betracht ziehen, dass manche einen ganz anderen Sinn für Humor an den Tag legen als die, die andere bis zur Peinlichkeit triezen wollen. Durchaus kann es passieren, dass dieser andere gar einer ist, der nicht ganz so eine gesunde Psyche an den Tag legt wie du und ich.

Was folgt, ist ein Katz- und Mausspiel. Falsche Fährten und gemeine Finten wechseln sich ab, irgendwann ist auch noch Leelee Sobieski mit dabei. Das alles ist schön auf Zug inszeniert, doch das Nachsetzen des Psychopathen ist eine hausgemachte Sache, nicht so eine völlig ungeahnte Katastrophe, die aus heiterem Himmel kommt wie bei Duell. Abrams und Dahl machen aus diesem David gegen Goliath-Konzept einen handfesten Thriller mit allem, was dazugehört, von verstörender Gewalt bis zum eskalierenden Showdown. Von perfiden dramaturgischen, aber doch halbwegs zu erahnenden Hakenschlägen bis zur Anonymität des Bösen. Joyride ist ein Fall von selber schuld – ohne Chance auf ein klärendes Gespräch.

Wenn ihr erst kürzlich den Thriller Unhinged mit Russel Crowe gesehen habt, der ungefähr in dieselbe Kerbe schlägt, könnt ihr John Dahls Reißer schon mal richtig einordnen. Im Grunde ein ähnlicher Film, nur das Böse hat dort Star-Appeal.

Joyride – Spritztour

The Trial of the Chicago 7

UNTER DEM DRUCK DER STRASSE

6,5/10


chicago7© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: AARON SORKIN

CAST: EDDIE REDMAYNE, SACHA BARON COHEN, JOSEPH GORDON LEVITT, MARK RYLANCE, FRANK LANGELLA, JEREMY STRONG, MICHAEL KEATON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Eigentlich wäre dieser historische Stoff hier das richtige Thema für Vietnamkriegs-Veteran Oliver Stone gewesen. Vielleicht gar als Ergänzung für sein hochgeschätztes Drama Geboren am 4. Juli. So gesehen sind beide Filme recht verwandt, nur dass The Trial of the Chicago 7 Erfahrungen an der Front komplett ausspart. Relevant ist hier das politische Engagement der breiten Masse Ende der 60er Jahre, die verfechteten Grundwerte der freien Meinung und vor allem das Demonstrationsrecht in Zeiten wie den damaligen. Ein ewiges Recht, das aktuell nicht mal durch allerlei Corona-Maßnahmen groß beschränkt werden kann. Das Versammeln des Volkes, um Unmut oder Statements kundzutun, das lässt sich den Menschen genauso wenig nehmen wie das Recht auf Schlaf, Verpflegung und Gesundheit. Die Vorsicht vor skandierenden Kritikern war zu Präsident Nixons Amtsantritt eine ungemein große. Dementsprechend wenig wollte man den Anti-Vietnam-Tonus zu hören bekommen.

Völlig logisch – was hätte eine Demonstration für einen Sinn, wäre sie nicht unbequem? Ausarten sollte sie nicht, zu keinen Straßenschlachten sollte es kommen. Doch genau das war an besagtem Tag im Jahre 1969, vielleicht auch inspiriert und motiviert durch den Studententumult im überseeischen Frankreich, leider passiert. Acht Mitglieder unterschiedlichster Vereine sind festgenommen worden. Die Frage ist also vor Gericht: war es bewusste Aufwiegelei zur Gewalt? Oder doch nur reine Eigendynamik angesichts ganzer Herden hochgerüsteter Polizisten.

Drehbuch-Erfolgsmann Aaron Sorkin, berühmt geworden durch sein Stück Eine Frage der Ehre, schwimmt im Dunstkreis der Justiz längst nicht in unbekannten Gewässern. Jack Nicholson auf der Anklagebank ist bis heute noch gut in Erinnerung, zuvor wurde das Stück am Broadway stürmisch gefeiert. Später dann sind seine Drehbücher für The Social Network oder Moneyball mit dem Oscar geadelt worden. Jetzt führt er selbst Regie – nach Molly’s Game seine zweite Arbeit hinter der Kamera. Und es scheint, dass Aaron Sorkin auch als investigativer Reporter eine ganz gute Figur gemacht hätte. Warum? Weil seine Filme vor allem eines sind: dramatisierte Chroniken brisanter Fakten. Informativ, das sogar sehr, dafür aber ausgeprägt sachlich. Eine gewisse Distanz zu den handelnden Personen bleibt gewahrt, um berichterstattende Objektivität zu wahren. Bei The Trial of the Chicago 7 ist genau das passiert: sein Polit- und Justizdrama, das sich fast ausschließlich im Gerichtssaal abspielt, ist zwar bis unter den Talar prominent besetzt – von Eddie Redmayne über Sacha Baron Cohen bis Michael Keaton – emotional mitreißen vermag sein Werk aber wenig. Aber wäre das dann nicht ohnehin allzu pathetisch? Wäre das nicht Boulevardkino zur falschen Zeit am falschen Ort?

Sorkin ist alles andere als ein impulsiver Künstler. Sein Blick ist geordnet, seine Arbeit akkurat, sein Team unter planender Hand auf seine Plätze verwiesen. Bizarre Lichtgestalt des ganzen True Story-Prozesses ist allerdings nicht Borat-Ikone Baron Cohen, der allerdings auch eine recht schillernde Performance hinlegt, sondern „Euer Ehren“ Frank Langella. Seine unberechenbaren Eskapaden hinter dem Richterpult könnten in die Filmgeschichte eingehen.

The Trial of the Chicago 7

Becky

KÄMPFEN WIE EIN MÄDCHEN

5/10


becky© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: JONATHAN MILOTT & CARY MURNION

CAST: KEVIN JAMES, LULU WILSON, ROBERT MAILLET, JOEL MCHALE, AMANDA BRUGEL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Rotkäppchen hat am Ende des Tages das Unmögliche geschafft: die Naturgewalt eines großen bösen Wolfes gebändigt, trotz anfangs schlecht gemischter Karten. Obwohl in Grimms Märchen kinderfreundlich abstrahiert, war Rotkäppchen mit der Wahl ihrer Mittel aber genauso wenig zimperlich wie ihre jenseits der Märchenwelt befindliche Schwester im Geiste, genannt Becky. Die hat nämlich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als nur Großmutter einen Besuch abzustatten. Becky betrauert ihre an Krebs verstorbene Mutter und verbringt das kommende Wochenende im familiären Landhaus mitten im Wald. Großer Wermutstropfen: Papa überrascht mit seiner neuer Liaison und dessen Nachwuchs. Für Becky ein schlechter Scherz.

Mit ähnlich holpriger Pointe bahnt sich eine weitere Wochenendattraktion an: eine Handvoll aus dem Knast entflohener Neonazis stören die patchworkfamiliäre Idylle, wobei hier nicht von Zufall die Rede sein kann. Ein Artefakt soll hier versteckt sein, welches der Rädelsführer – ein gedrungener Glatzkopf mit Rauschebart und Hakenkreuz-Tattoo, damit auch Quereinsteiger im Bilde sind – unbedingt haben will. Pech für ihn: das Objekt der Begierde trägt Becky um den Hals. Und die ist gerade im Wald, als die bösen Buben ihre Home Invasion starten.

So wie Busenfreund Adam Sandler versucht, seinem Image als trivialer Pausenclown gegenzusteuern, probiert es diesmal auch King of Queens-Paketbote Kevin James. Er tut zumindest äußerlich alles, um als böser Bube wirklich zu funktionieren. Das Problem dabei: es will ihm nicht gelingen. Kevin James ist ein waschechter Sitcom-Buddy, ein talentierter Comedian, ein bequemer Zeitgenosse, der vorrangig nichts Böses im Schilde führt, der vielleicht manchmal ein bisschen auf Eigennutz unterwegs ist, aber es sei ihm verziehen, so schrullig wie er ist. Ein Neonazi? Beim besten Willen nicht. Er tötet, er quält, er blutet – doch er bleibt seltsam phlegmatisch dabei, fast schon gemütlich. Im Gegensatz dazu ist Problemkind Becky fast schon so ein Systemsprenger wie Helena Zengel in gleichnamigem Film, nur natürlich um mehrere Ticks brutaler. Lulu Wilson, manchen vielleicht bekannt aus Ouija 2, ist da mehr die planende Furie mit Buntstiften, Schiffsschrauben und Rasenmähern als Waffe ­– entsprechend tief greift das Regieduo Jonathan Milott und Cary Murnion in die Hämoglobin-Trickkiste. Splatter- und Gorespitzen verteilen sich über die zweite Hälfte des Films wie Pilze im Forst, und klar – man ist auf Beckys Seite, wenn die asozialen Radaubrüder ihre Sünden abbüßen. Zwischendurch aber gibt’s jede Menge Leerlauf, auch schauspielerisch können Lulu Wilsons Co-Stars nicht so recht überzeugen. Etwas Besonderes ist Becky kaum, allenfalls ein überspitztes Mädchen-sieht-Rot-Szenario mit Strickmütze, nach dessen Release Kevin James vielleicht doch überlegt, lieber wieder in gewohnten Gewässern zu witzeln.

Becky

Unhinged – Ausser Kontrolle

ICH HASSE MONTAGE

6,5/10


unhinged© 2020 Leonine Distribution 


LAND: USA 2020

REGIE: DERRICK BORTE

CAST: RUSSEL CROWE, CAREN PISTORIUS, GABRIEL BATEMAN, JIMMI SIMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Ist das Wochenende vorbei, und die Arbeitswoche beginnt, hat nicht nur Kater Garfield jeden Grund zum Jammern. Der ganze Stress geht wieder von vorne los. Doch Kopf hoch: das nächste Wochenende kommt bestimmt – oder? Im Falle der frisch geschiedenen Jungmutter Rachel könnte dieser Montag zum schlimmsten ihres Lebens werden. Und das nur, weil Rachel, gestresst und entnervt, einem Verkehrsteilnehmer ein wutentbranntes Hupkonzert um den Latz geknallt hat. Jeder andere würde da maximal den Finger zeigen (auch nicht die feine englische), doch dieser hier verlangt bei der nächsten roten Ampel eine Entschuldigung. Was denn – den Verkehr behindern und dann noch die beleidigte Leberwurst spielen? Rachel denkt nicht daran, einzulenken. Und der andere, der namenlose bärtige Hüne im Cockpit eines monströsen Geländewagens, ebenso wenig. Nur: dieser ist ein Psychopath, Rachel hingegen nicht. Und es kommt, was kommen muss: ein Katz- und Mausspiel, für das nun an einem Montag wie diesen wirklich keiner Zeit hat, spinnt sich durch den Wochenbeginn.

Inspiriert von stilbildenden Klassikern aus dem Genre, wie zum Beispiel Steven Spielbergs Duell, darf Althase Russel Crowe mal so richtig den ganz bösen Buben spielen. Mit flatternden Nerven, die nur medikamentös zu beruhigen sind, schweißnasser Stirn und einer Wut in Bauch und Blick, das einem irgendwie anders wird, zieht seine Figur des scheinbar völlig grundlosen Irren eine Spur der Verwüstung durch New Orleans. Dabei hätte doch alles mit einem bisschen mehr an Selbstbeherrschung und vielleicht einer Anlehnung an die Binsenweisheit „Der klügere gibt nach, der Esel fällt in den Bach“, nur ein beschissener Montag wie jeder andere werden können. Aber nein – Wut tut nicht immer gut, Trotzverhalten genauso wenig. Nicht zu vergessen – die Arg- und Achtlosigkeit. Im Psychothriller Unhinged – Ausser Kontrolle scheint so manches arrangiert zu wirken, um überhaupt eine Gewaltspirale wie diese in Gang zu setzen: bei näherer Betrachtung allerdings sind diese Umstände durchaus reale, verdammt blöde Zufälle, die in garstiger Fatalität wie Dominosteine aufeinander fallen. Russel Crowe ist dieses Chaos eine Genugtuung. Warum allerdings, das weiß keiner so genau. Nur so viel: der Staat ist wieder mal an allem schuld. Näher geht Derrick Borte nicht auf seinen Wutbürger ein. Das unterscheidet ihn nicht gerade vorteilhaft von der Figur aus Joel Schumachers ähnlichem Amoklauf Falling Down. Michael Douglas Ambition für sein Ausrasten ist dort allerdings viel präziser, nachvollziehbarer – trotz all der sträflichen Handlungen war D-Fens immer noch einer, auf dessen Seite man war, da sein Unmut einem ganzen System galt. Russel Crowe quält hingegen nur einen einzelnen Sündenbock. Dieser widerwärtige Fokus ist längst nicht mehr Teil eines Vorhabens, diese Wut erklären zu wollen. Was bleibt, ist ein Hickhack zwischen Stark und Schwach, teils richtig perfid und finster, teils horrend überzeichnet. Unterm Strich aber grundsolide, auf Zug inszeniert und die Spannungsschraube lässt sich auch nur mehr mit Drehkreuz aufdrehen.

Unhinged – Ausser Kontrolle ist kurzweiliges Aggressionskino ohne sozialpolitischer oder gar psychologischer Metaebene. Hier geht´s um das, was man sieht und auch wieder nicht sieht, wenn der fahrbare Untersatz des bösen Mannes um die nächste Ecke biegt. Stimmt, ER kann jedem passieren. Also immer recht freundlich, nicht immer gleich hupen, denn das macht jeden Autofahrer rasend – wer weiß, wofür es gut ist. 😉

Unhinged – Ausser Kontrolle

Marlene

SHOWDOWN IN LITTLE STYRIA

3/10


marlene© 2020 Panda Film


LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: STEFAN MÜLLER

CAST: PAUL HASSLER, CAROLINE MERCEDES HOCHFELNER, SOPHIA GRABNER, AUGUST SCHMÖLZER, EVA-MARIA MAROLD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn das Herzblut so sehr nach Filmemachen schreit, dann ist das ansteckend. Und Qualität nur noch sekundär. Kann ja auch sein, dass durch diese Leidenschaft sowas wie Kult entsteht. Man braucht nur die richtigen Vibes und den Spaß an der Sache. Manch ein Fanfilm zu sattelfestem Franchise hat ähnliche Eigenschaften. Auch wenn in ihren Filmen nur das Notwendigste bis zur finanziellen Schmerzgrenze eingebracht wurde – die Freude am Werkeln und das Ausleben des Fandoms macht manche richtig sehenswert.

Der österreichische Thriller Marlene ist zwar kein Fanfilm, wirkt aber wie einer. Da er sich keines Franchises oder eines bereits etablierten popkulturellen Interessensgebietes bedient, hat er auch anfänglich nichts auf der Habenseite, um in der Pole Position starten zu können. Was er hat, sind lediglich Vergleiche mit ganz anderen Filmen aus diesem Genre – nämlich weitaus besseren.

Marlene erzählt die relativ triviale Geschichte eines lakonischen Auftragskillers, der bald schon draufkommt, für den falschen Mann zu töten, als er sich in eines seiner Ziele verliebt. Da er den Auftrag folglich nicht durchführen kann, wird die titelgebende junge Dame von anderen Leuten aus dem Syndikat entführt. Was unser Protagonist natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Er startet einen Befreiungsfeldzug gegen eine scheinbare Übermacht.

Phantom Commando in der Steiermark? Dazu fehlen Arnies Muskelberge und die dazugehörige Camouflage-Schminke. Schauspieler Paul Hassler holt sich eher einige Ezzes aus Jason Stathams Filmschaffen. August Schmölzer gibt einen in Trachtenwesten gekleideten Paten im steirischen Hinterland. Und siehe da: österreichische Star Wars-Fans werden jubeln, wenn Sophia Grabner, bekannt aus Regrets of the Past, als schwertschwingender Vamp zum Duell fordert. Dennoch: die Charaktere sind Stereotypen, nichts ist hier wirklich originär. Und schauspielerisch bewegt sich der Film auf dem Niveau eines sommerlichen Laientheaters. In Sachen Intonation ist hier einige Luft nach oben, dramaturgisch fehlt es an Straffheit, zwischendurch hängt der Thriller immer wieder ratlos durch. Explodierende Köpfe wirken wie auch die übrige explizite Gewalt seltsam deplatziert. Hätte sich Marlene nicht so sehr aus den Schubladen vorhandener Werke bedient, hätte Marlene viel mehr etwas Eigenes geschaffen, ohne vorhersehbar Bekanntes zu erzählen, hätte Stefan Müllers Gehversuch eines Actionfilms zumindest ein gewisses Etwas. So allerdings hat es weder Raffinesse noch Spannung. Was bleibt, ist ein Genre-Fanfilm, der mit ordentlich Engagement und freundlicher Genehmigung des Bundeslandes Steiermark sogar das Licht des Kinos erblickt hat. Und doch – im Vergleich fehlen hinten und vorne die eigenen Argumente.

Marlene

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

Upgrade

EIN KREUZ MIT DER TECHNIK

7/10

 

upgrade© 2018 Universal Pictures Germany

 

LAND: AUSTRALIEN 2018

REGIE: LEIGH WHANNELL

CAST: LOGAN MARSHALL-GREEN, MELANIE VALLEJO, HARRISON GILBERTSON, CHRISTOPHER KIRBY, BENEDICT HARIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN

 

Meine Bewunderung an alle Experten der IT – mit einer mir nicht aufbringbaren Engelsgeduld leiern diese Unglaubliches aus den digitalen Synapsen eines künstlichen Speichermediums. In Zeiten drängender Entwicklungen ein Know-How mit Jobgarantie. Mir als End-User geht aber bereits schon das Geimpfte auf, wenn sich auf meinem Apple die kunterbunte Semmel des Todes dreht, als würde mich der Rechner persönlich beleidigen. Weil ich diese gefühlte Launenhaftigkeit einfach nicht verstehen kann. Aus diesem Mysterium heraus lässt sich wutentbrannt in die Zukunft fabulieren und philosophieren: Zu welchen Schandtaten Computertechnik denn noch fähig wäre. Kombiniert mit Biomechanik: zu sehr vielen. Allerdings auch für den Zweck einer physischen Assistenz, wie wir seit Paul Verhoevens Robocop wissen. 

In diesem bereits auf Streamingplattformen zum Kultfilm avancierten Science-Fiction-Thriller ist das stählerne Outfit einem Implantat gewichen, das als Zweithirn an der Wirbelsäule sitzt. Medizinisch betrachtet ein Quantensprung: Querschnittgelähmte könnten so wieder all ihre Extremitäten bewegen, da das kleine, insektenartige Teil als Access-Point zwischen Hirn und Bewegungsapparat fungiert. Der mit Analogem sympathisierende Automechaniker Grey (ein Typ wie Tom Hardy: Logan Marshall-Green) bekommt nach einem sabotierten Autounfall mit anschließendem Mordanschlag auf dessen Gattin von einem recht abgehobenen High-Tech-Priester namens Eron Keen die Chance, durch dieses noch unbekannte Implantat wieder ein neues Leben zu beginnen. Der nimmt an, geht´s Grey doch nur darum, den Mord an seiner Frau zu rächen. Bald aber ist unser Held nicht mehr allein – denn der kleine Computer am Kreuz, der scheinbar alles kann, beginnt zu sprechen. Erinnert ein bisschen an Venom? Ja das tut es, vor allem weil Logan Marshall-Green auch so aussieht wie Tom Hardy. Nur statt Venom ist das subkutane Wunderteil kaum sichtbar – und auch nur dann, wenn es die Kontrolle über den menschlichen Körper übernimmt. Bald ist Grey hinter einer ausgemachten Verschwörung her, hinter Grey die Polizei und natürlich der High-Tech-Priester, der gar nicht will, das sein Baby für Rachegelüste zweckentfremdet wird.

Leigh Wannell, der vor Corona die Neuinterpretation vom Unsichtbaren in die Kinos und dann ins Heimkino brachte, hat 2018 einen brachialen Cyberpunk-Reißer inszeniert, der wortwörtlich ans Eingemachte geht. War Robocop schon ein knochenhartes Stück Actionkino, ist Upgrade tatsächlich ein Upgrade dessen, da sieht Peter Weller in der wehrhaften Karosserie eines plumpen Transformers direkt alt aus. Whannells Film macht wenig Gefangene, und wenn, dann ist ihr Dasein befristet. Das Kuriose an der Sache: wenn Grey mit seinem altklugen Zweithirn kommuniziert, bekommt der Film eine ironische Note. Und wenn Grey seinen Technical Support beim Schlagabtausch mit den ganz fiesen Jungs freie Bahn lässt, gehören diese Haudrauf-Szenen zum Bizarrsten, was handgreifliche Action bislang zu bieten hatte. Andererseits aber ist die Technik letzten Endes für Whannell, der auch das Drehbuch schrieb, einfach nur ein Hund: seit Skynet ist klar, dass künstliche Intelligenzen irgendwann zur Macht greifen wollen. Und der Mensch wird zur hilflosen, völlig unzulänglichen Kreatur ohne Aussicht auf nur die geringste Chance. Mit schmerzhaftem, dystopischem Nihilismus lässt Upgrade die Kehrseite der Medaille den strahlenden Benefit sklavischer Technik in Dunkelheit tauchen. Die Unterjochung bricht sich Bahn. So radikal und letzten Endes verstörend war selten ein Film aus diesem Genre.

Upgrade

Apocalypto

MENSCH MAYA!

7/10


apocalypto© 2006 Constantin Film


LAND: USA, MEXIKO, GROSSBRITANNIEN 2006

REGIE: MEL GIBSON

CAST: RUDY YOUNGBLOOD, RAOUL TRUJILLO, DALIA HERNÁNDEZ, JONATHAN BREWER, MORRIS BIRDYELLOWHEAD U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Endlich ist er von der Watchlist: Mel Gibsons wuchtiges Mittelamerika-Epos über das Volk der Maya – kurz gesagt: Dschungelwahnsinn in Cinemascope. Dass der Australier gerne exzentrische Auflagen für seine Filme hat, das wissen wir spätestens seit Die Passion Christi: ein Film, gedreht auf Aramäisch und dem Straßenlatein der Römer. In Apocalypto ist es die Sprache Mayathan, ein in manchen Regionen immer noch gebräuchliches Sprachgut, das sich vom klassischen Maya ableitet. Mit diesem linguistischen Kolorit gelingt ein Versinken in die damalige, völlig unbekannte Ära einer der letzten Hochkulturen der Welt um Vieles einfacher. Eine gemähte Wiese sozusagen – doch gemäht ist hier nichts: der Dschungel ist überall, auch ganz am Anfang sieht man außer dieser grünen, zirpenden, lodernden Hölle aus Pflanzen, tropischer Hitze und unsichtbaren Gefahren nichts: bis ein Tapir aus dem Unterholz bricht. Wie Mel Gibson und sein Kameramann Dean Semler die Jagd nach Frischfleisch quer durchs Gemüse einfängt, mag hier schon alleine eine Nummer zu groß sein für andere Filmemacher. Ein Aufwand, und ein Zugeständnis an einen satten Naturalismus, dem Mel Gibson huldigt und auf den er so versessen ist. Wenn in Apocalypto ein Lebewesen schreit, dann schreit es vor Schmerz und nicht nur so. Wenn das Blut fließt, dann tut das schon beim Zusehen weh. Wenn die Unwirtlichkeit eines vom Rest der Welt isolierten Öko- und Gesellschaftssystems den Alltag nichts für Zartbesaitete werden lässt, dann lässt sich staunen ob der niemals selbst erleben wollenden Umstände einer Zeit, die schleichend ihrem Ende zustrebt. Verdörrte Felder, eine nicht näher definierbare Krankheit rafft die Menschen dahin: In Apocalypto steht ein Paradigmenwechsel bevor.

Ein Jungpapa namens Pranke des Jaguar lebt mit seiner schwangeren Frau Sieben, seinem Sohn Schnelle Schildkröte und dessen Opa in einem Dorf im Dschungel und bekommt von diesem drohenden Sturm erstmal überhaupt nichts mit. Ein Dorfleben wie im Bilderbuch, mit seinen Festen, Querelen und Scherzen. Schön eingefangen, man ist mittendrin statt nur dabei. Doch es kommt, wie es kommen muss: Menschenjäger brechen eines Morgens in die schläfrige Idylle, massakrieren alle Einwohner und die sie nicht massakrieren, werden gefangengenommen und weggeschafft. Sieben und Schnelle Schildkröte können sich in einem Loch im Boden verstecken, die Pranke des Jaguar muss wohl oder übel mitziehen gen Süden, an einen Ort ohne Wiederkehr. Der erinnert frappant an all die archäologischen Stätten auf Yukatan. Gibson erweckt dieses historische Szenario zum Leben, mit einer Detailverliebtheit, die den Atem raubt. Rauf geht´s auf die Stufenpyramide, und wer die Geschichte der Mayas ungefähr kennt, wird wissen, was da oben passiert. Pochende Herzen als Opfergaben, ein Menschenverschleiß sondergleichen. Als eine Sonnenfinsternis eintritt, erhält die Pranke des Jaguar die Chance, zu fliehen, um zu seiner Familie zurückzukehren. Klar, dass ihm da einige der härtesten Typen ihrer Hochkultur auf den Fersen sind.

Im Grunde ist Apocalypto ein sehr simpler Abenteuerfilm. Nichts, das inhaltlich fordert. Was Mel Gibson aber daraus gemacht hat, ist ein bislang in der Filmhistorie exklusives Zeitbild über ein Volk, dass sich nicht gerade unzähliger filmischer Interpretationen ihrer selbst erwehren muss. Apocalypto ist das einzige Werk. Und gerade in den Szenen, in denen unser Protagonist in die Zivilisation eindringt, wird die filmische Expedition zum Augenschmaus. Jade, wohin man blickt. Exzentrische Frisuren, weiß und blau bemalte Körper, Federn, geschliffene Zähne. Maya-Prunk am Gipfel der Pyramide. Die Kamera schwelgt mit, taucht ein, rückt näher. Distanz gibt es keine mehr, und als Zuseher gibt man sich dem Drang hin, einfach mitgerissen werden zu wollen. Als dann aber die Jaguarpranke im Wald verschwindet, und die Häscher hinterher, erzählt Mel Gibson die Version des uns wohlbekannten John Rambo neu, der sich als Indigener mitsamt seinem Survival-Knowhow zu wehren versucht. Aus einem geradezu nihilistischen Zeitbild wird ein straffer Actioner, erdig, blutig und fiebrig. Ein Film, unter enormem Aufwand entstanden, diese Verausgabung sieht man nicht nur an Rudy Youngblood, der sich die Seele aus dem Leib rennt. Die sieht man auch, als der Wahnsinn an der Küste der Karibik sein Ende findet – und damit auch eine ganze, längst selbstzerfressene und autoaggressive Kultur, die auf erschreckende Weise alle Prophezeiungen erfüllt sehen wird.

Apocalypto

Bacurau

DAS DORF DER UNBEUGSAMEN

6,5/10

 

bacurau© 2019 MUBI

 

LAND: BRASILIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: KLEBER MENDONÇA FILHO

CAST: SÔNIA BRAGA, UDO KIER, BARBARA COLEN, THOMAS AQUINO, SILVERO PEREIRA, THARDELLY LIMA U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN 

 

Brasilien, ein wunderbares Land. An landschaftlicher Vielfalt, Biodiversität und Lokalesprit kaum zu überbieten. So beeindruckend Brasilien aber auch ist, an gleichviel schwierigen Problemen muss das Land herumkauen. Da ist erstmal dieser Präsident, der das Land, dem er verpflichtet ist, an den Meistbietenden verhökert, keine Rücksicht auf Ethnien nimmt und die grüne Lunge unseres Planeten roden lässt. Da gibt es jede Menge Korruption, reaktionäres Gedankengut direkt aus der Chefetage und sonstige zweifelhafte Vorgehen, den riesengroßen Staat gefügig zu machen. Wie so etwas funktionieren kann – und gleichsam doch nicht – das zeigt ein südamerikanischer Killer-Western mit hohem Bodycount, der in offenen Wunden bohrt und mit jeder Menge Sarkasmus das gesellschaftspolitische Versagen eines gewählten Establishments vorführt.

Dabei erinnert Bacurau streckenweise stark an den diesjährigen Skandalfilm The Hunt von Craig Zobel. Gleichermaßen aber ist Bacurau ein Werk, das ähnlich huldigend die Genres mixt und mit genau jener Art von Gewaltdarstellung arbeitet, wie Quentin Tarantino es tut. Ein dramatisches Märchen, das zwischen kauzigem Trash und explizit eingeforderter Gerechtigkeit Probleme auf ungestraft radikale und wohlwollend naive Art der Vergangenheit angehören lässt. War das nicht schon bei Inglourious Basterds so? Oder bei Once Upon a Time … in Hollywood? Bacurau ist genauso – es gibt den Verlieren zumindest im Kino die Möglichkeit, ordentlich zurückzuschlagen.

Bacurau gibt es nicht wirklich. Gleichzeitig allerdings schon. Ein nachtaktiver heimischer Vogel wird so bezeichnet. Das Dorf selbst allerdings, diese kleine Gemeinde mit lokalem Museum als einzige Touristenattraktion, ist alles anderer als das. Die paar Gestalten müssen sich nämlich schon länger mit dem Provinzbürgermeister herumschlagen, der den Leuten den Wasserhahn zudreht. Eine Bande Rebellen wettert dagegen. Zur selben Zeit aber geschehen seltsame Anschläge in der Gegend, was folgt sind brutale Morde an ganzen Familien. Könnte sein, dass eine Gruppe Ausländer hier sportlich aktiv geworden ist und nur so zum Spaß die Bewohner des Dorfes auslöschen will. Könnte sein, dass der Mann mit dem stahlblauen Blick, Udo Kier, dahintersteckt. Doch wie auch immer – Bacurau lässt sich nicht einschüchtern. Und rüstet sich zum kollektiven Widerstand.

Im Werk des auch im privaten Leben politisch aktiven Regisseurs Kleber Mendonça Filho geht´s deutlich gesellschaftskritischer zu als in The Hunt. Die Kritik richtet sich hier auch mehr auf das politische Establishment, das versucht, seine Bürger ruhig zu stellen und einzulullen, während die kleine Apokalypse hereinbrechen kann. Trotz all der Gewalt und des Blutes und auch der hemmungslosen Rache der unbescholtenen Einwohner hat Bacurau etwas Stolzes und Befreiendes. Ein eigensinniger, mit folkloristischem Gitarrensound untermalter Shootout, der eine simple, aber aufrichtig wütende Geschichte erzählt, stellvertretend für ein ganzes Land.

Bacurau