Die reichste Frau der Welt (2025)

DER GÖNNERHAFTE GLEICHMUT EINER DIVA

4/10


Isabelle Huppert und Pierre Lafitte im Film Die reichste Frau der Welt
© 2026 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: THIERRY KLIFA

DREHBUCH: THIERRY KLIFA, CÉDRIC ANGER, JACQUES FIESCHI

CAST: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, MARINA FOÏS, RAPHAËL PERSONNAZ, ANDRÉ MARCON, MATHIEU DEMY, JOSEPH OLIVENNES, MICHA LESCOT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Isabelle Huppert mag vielleicht, neben Catherine Deneuve und Juliette Binoche, wirklich zu einer der reichsten Frauen zumindest Frankreichs gehören. Bei dieser Ausdauer kann schon einiges an Kapital zusammenkommen, denn Mrs. Huppert hält sich wacker seit den Anfängen der Siebziger – sie ist , so könnte man es fast bezeichnen, der Rolling Stone unter den Akteurinnen. Und was ihr dabei zugute kommt, ist folgendes Phänomen: Sie altert nicht.

Die Serviette des Picasso

Bei einer fast schon sechzigjährigen Karriere kann es allerdings passieren und der Ehrgeiz, sich schauspielerisch nochmal neu zu entdecken, sei anderen Künstlerinnen gegönnt. Sicher nicht mehr Isabelle Huppert, denn schließlich muss sie längst nichts mehr beweisen. Als womöglich unkomplizierter Star gerne gefragt, schüttelt sie wohl ihre Routine aus dem Ärmel wie Picasso, der – wir alle kenne die Anekdote – für ein Gekritzel auf einer Tischserviette Millionen verlangen konnte.

Die Made im Speck

Apropos Millionen: Davon hat Hupperts Figur der Marianne Ferrere jede Menge. Und zwar so viele, dass sie eben als reichste Frau der Welt gilt, dank einer Kosmetikkette, die wie Red Bull ihren globalen Absatz findet. Doch irgendwie ist neben all dem materiellen Elysium irgendetwas im Argen. Die Lust am Leben weicht einer depressiven Stimmung, die Leute wohl befällt, die nichts mehr erreichen müssen.

Wie gerufen kommt da die Anfrage eines Establishment-Journals für ein Interview – inklusive Fotoshooting. Dieses darf der windige Alleskönner Pierre-Alain Fantine absolvieren, einer nicht nur mit dem Talent für das Lichtbild, sondern auch, andere, die vielleicht bedürftig nach etwas mehr Abwechslung sind, um den Finger zu wickeln. Fantin ist letztlich ein Hochstapler – einer, der mit lautem Auftreten und vulgärem Vokabular das konservative Dasein dieser älteren, aber nimmermüden Dame umkrempelt und für sich beansprucht. Fantin wird zur Made im Speck, eine Zeit lang sieht die Familie dabei zu, bevor auch ihnen die Hutschnur reisst.

Wir wollen niemanden beim Namen nennen

So ganz verfolgt hatte ich die Affäre rund um die L’oreal-Erbin Bettencourt, die in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends Frankreich erschüttert hat, leider nicht. Denn hätte ich das, wären mir all die Parallelen des Films von Thierry Klifa sofort aufgefallen.

Auch im realen Fall spielt ein Fotograf die Erbschleicher-Rolle, illegale Spenden an politische Parteien und die Klage der eigenen Tochter sind nur einige Fakten, die auch im Film wiederkehren. Das alles ist streng genommen und unterm Strich ein wohl erdrutschartiges Drama, die Destruktion einer Familie und ein Pamphlet über die Schande des Reichtums.

Über den Ernst der Lage hinweglächelnd

Herausgekommen ist eine halbgare Sache, eine enervierende Dramödie, die sich so anfühlt, als wäre sie vergnügliches Zerstreuungskino. Nicht unwesentlich daran beteiligt mag die gehetzte Tonalität sein, die man aus den Komödien eines Louis de Funès oder mittlerweile Christian Clavier kennt, der ja immer noch den Eindruck vermitteln will, so gut zu sein wie der Gendarm von Saint Tropez.

Helles Licht, französischer Strand und ein Kommen und Gehen prägen den Rhythmus. Als Zwillingsfels in der Brandung sind Diva Isabelle Huppert und Laurent Lafitte zu sehen, frei nach dem Motto: Kennt man eine Szene, kennt man alle. Ein Fehler? Durchaus.

Huppert scheint den Eindruck zu vermitteln, ihrer Rolle wohl kaum mit Ehrgeiz begegnen zu müssen. Ihre Mimik ist immer die gleiche, ihr Schmunzeln ebenso. Keine Trauer, kein Ärger, keine Freude – Gefühlswelten, die Die reichste Frau der Welt allerdings verlangt, die von Huppert aber mit einer gönnerhaften Gleichform interpretiert werden. Auf der anderen Seite Laurent Lafitte (beide kennen  sich aus Paul Verhoevens Elle) – immer gleich aufgekratzt, immer gleich vulgär, immer gleich überheblich grinsend.

Seinen Untergang nimmt er mit Lippenbekenntnissen, beiden sind ihre Rollen zu voluminös, während Thierry Klifa an der auf mehreren Ebenen komplexen Dramatik des Stoffes unweigerlich scheitert.

Die reichste Frau der Welt (2025)

Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

EXORZISMUS IN DER MODEBRANCHE

3/10


Anne Hathaway, Meryl Streep und Stanley Tucci in Der Teufel trägt Prada 2© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DAVID FRANKEL

DREHBUCH: ALINE BROSH MCKENNA

KAMERA: FLORIAN BALLHAUS

CAST: MERYL STREEP, ANNE HATHAWAY, EMILY BLUNT, STANLEY TUCCI, TRACIE THOMAS, TIBOR FELDMAN, KENNETH BRANAGH, LUCY LIU, JUSTIN THEROUX, B. J. NOVAK, SIMONE ASHLEY, PATRICK BRAMMALL, RACHEL BLOOM, LADY GAGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Die Leibhaftige der Modebranche trägt zwar immer noch sündteure Markenware, und die Frisur sitzt – sie selbst aber hat an Biss verloren. Warum? Weil Frau zwanzig Jahre später einfach nicht mehr so herumgiften darf wie Frau gern würde. Weil es ganz plötzlich Compliance-Richtlinien und einen Verhaltenscodex selbst für die Chefetage gibt, die auch auf Miranda Priestly abfärben. Einerseits: natürlich korrekt so. Keiner braucht Redaktionsdrachen, die einen unentwegt auf den Kopf kacken.

Ein Klassiker des strebsamen Karriere-Kinos

Diese ausgelebte, verachtende Verhaltensweise war das Salz in der Suppe eines komödiantischen und selten klugen Karriere-Knüllers, der 2006 über die Leinwände flimmerte: Der Teufel trägt Prada. Ein Film war das, der sogar Glamour-Banausen und Modemuffel ins Kino lockte. Ein Film, dem Thema und Branche egal war, der diese abgehobene Welt des eitlen Wahnsinns als etwas verkauft hat, was uns alle angeht: Als gewaltige Baustelle für Ethik, Akzeptanz und Wertebewusstsein.

Worauf, so hat sich Anne Hathaways Figur der Andrea Sachs damals gefragt, kommt es eigentlich an, wenn man Karriere machen will? Auf das Geld? Auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft? Auf Ellenbogen? Vielleicht sogar auf die eigenen Prinzipien, die man dann doch nicht aufgeben möchte. Meryl Streep bekam dafür eine ihrer vielen Oscar-Nominierungen, Anne Hathaway und Emily Blunt waren ideal besetzt als die zwei Seiten der Erfolgsmedaille.

Lange nicht gesehen, wie geht’s?

Und jetzt? Was ist alles passiert, nach so langer Zeit? Fühlt sich an, als würde man im Supermarkt alten Bekannten über den Weg laufen, die aber auf die Frage hin, was es denn Neues gäbe, nur milde lächelnd mit den Achseln zucken, und darauf, wie es denn selbst so gehe, lediglich meinen: Wie die anderen wollen. Wie es der Zeitgeist eben will, biedert sich in Der Teufel trägt Prada 2 eine Geschichte an, die all die Veränderungen der letzten zwei Dekaden passiv wie ein Schwamm in sich aufsaugt, um auf diese dann in gestellter Praxis zu reagieren.

Darüber hinaus gibt es kaum noch Interessantes zu erzählen. Streep, Hathaway und Blunt haben sich völlig auseinandergelebt und müssen nun um Kopf und Kragen den Modedrachen reiten, der eigentlich gar nicht mehr aus seiner Höhle will. Während ich diesem dahinplätschernden Treiben eher gelangweilt zusehe, wird deutlich, warum Pretty Woman, Und täglich grüßt das Murmeltier und andere Komödienklassiker um eine Fortsetzung nur um des Mammons willen herumgekommen sind.

Geht’s der Wirtschaft gut…

Der Teufel trägt Prada 2 ist verdünnter Prosecco, ein zwangsbeglückend kapitalistischer Epilog, den man getrost auslassen kann, wenn man sich nicht für mit Glamour durchsetzte Firmenpolitik interessiert. Viel wird geredet, drumherum knapp geschnitten, ohne Luftholen und Wirkung, als hätten alle zu wenig Zeit, um den Plot durchzubringen, und zwar in einer Dauer von zwei Stunden, die sich anfühlen wie mehrere Episoden von Sex and the City hintereinander aus der Sicht eines Quereinsteigers.

Nur geht es nicht um Sex und auch nicht um die City, sondern um ein Verlagshaus, das alle retten müssen, weil ohne Luxus die Welt ja untergeht. Und um Sasha Barnes (Lucy Liu), deren Bekanntheitsgrad der Plot voraussetzt, von der aber niemand weiß, wer das sein soll.

Dem Zeitgeist geschuldete Vorhersehbarkeit

Was bringen wir noch alles in einen so zeitgeistigen Film über die Reichen und Schönen und noch nicht Reichen, aber Schönen und trotzdem zu wenig Beachteten? Alles, was die Zeit eben so hergibt: Tech-Milliardäre, Konzerndenken, digitale Medien statt Print, Equality (davon kann es nie genug geben) und den immer strahlenden Materialismus, dem Emily Blunts Figur auf zynische (und leider auch nervige) Weise erliegt. Streeps geschaffene Ikone ist müde und zahm geworden – Anne Hathaway lässt sich immer noch gerne quälen, während Stanley Tucci als ewige Konstante den Faden hält, den alle verloren haben.

Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

WER SICH SORGT, DEM WACHSEN FLÜGEL

5/10



© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AZIZ ANSARI

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: KEANU REEVES, AZIZ ANSARI, SETH ROGEN, KEKE PALMER, SANDRA OH, BLANCA ARACELI, JOE MANDE, ADITYA GEDDADA, ALEXANDER JO, KRISTEN HENLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Schau nicht so griesgrämig drein

Dass Keanu Reeves eigentlich auch Lustig kann, hatte ich längst vergessen. Ich muss auch zugeben: Seine Bill & Ted-Kultfilme habe ich nie gesehen (Filmbildungslücke – Ja oder nein?) Wir kennen den bekanntlich mit einer starken sozialen Ader ausgestatteten Filmstar schon seit geraumer Zeit nur noch als Kandidaten für das schwermütige Actionfach, als grübelnden Auserwählten oder als  spaßbefreiten Hardliner, der die Dinge in überzogenem Maße ernst nimmt. Als Ikone der distinguierten Killermaschine wird er sowieso schon längst in die Filmgeschichte eingehen, zusätzlich zu Matrix und My Own Private Idaho. Dabei kann seine Rolle als unkaputtbarer John Wick ohne Selbstironie ja gar nicht existieren. In John Wick: Kapitel 4 hat ihm dann doch jemand das Handwerk gelegt. Bevor sich die Ikone aber wieder aus dem Grabe erhebt und Reeves nur noch dazu ausersehen ist, seine von regennassen urbanen Nächten strähnig wirkende Haarpracht aus dem stoischen Gesicht zu wischen, um raunende Onliner zu schieben, muss er schnell die Seite wechseln. Zurück ins Komödienfach, raus aus dem Slimfit-Anzug, hinein in einen beigen Columbo-Gedächtnis-Trenchcoat. Was hier noch dazukommt, sind Engelsflügel aus dem Diskonter, ganz bewusst auf Billig getrimmt, denn Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel, will damit schon die wohllaunige Basis säen, auf der einer wie Reeves schon mal, bevor er auch nur irgendetwas zum besten gibt, gar nicht erst ernstgenommen werden kann.

Reichtum ist keine Schande

Als Schutzengel der Autofahrer, und dort wiederum nur in der Kategorie Handy am Steuer tätig, fühlt sich Gabriel (nicht der Erzengel) längst schon unterfordert und denkt an Karriere, die einhergeht mit etwas mehr Verantwortung. Und zwar über das Leben eines Sterblichen. Also nimmt er sich des von einer Pechsträhne verfolgten Arj an, der alles verliert: Job, Geld, Wohnung, Selbstachtung. Die Chance, beim superreichen Jeff (Seth Rogen) das Mädchen für alles zu machen, vermasselt er ebenso. Was Arj sich wünscht? Soll er doch zufrieden sein mit seinem Dasein, Reichtum ist nicht alles, meint Gabriel, der auf Probezeit nun intervenierender sein darf. Und schon tauschen der Reiche und der Arme wie durch Zauberhand die Rollen. Die Gegenwart schreibt sich neu, Jeff ist nun der Loser, Arj einer, der ein Haus mit Pool in den Hollywood Hills besitzt und auf die sozial Schwachen hinabsieht. Doch damit, dem Neureichen mit dieser Methode zu verklickern, was Materialismus alles für Schattenseiten besitzt, wird Gabriel nichts erreichen. In Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel stellen wir alle fest: Geld macht glücklich. Und Arm sein lässt sich nicht schönreden. Zumindest vorerst nicht.

Wohlstandsengel im Argumentationsnotstand

Es ist, als träfe John Landis‘ Die Glücksritter auf Wim Wenders. Fernsehliebling Aziz Ansari dürfte dessen Himmel über Berlin längst gesichtet haben, anders lassen sich die eingängigen Reminiszenzen an den in Schwarzweiß gedrehten Arthouse-Hit der 80er gar nicht anders erklären. Wie Reeves da vom Dach eines Hochhauses auf die darunterliegende Metropole blickt, hat was melancholisch-nostalgisches. Es könnte sich eine himmlische Romanze anbahnen, wie zwischen Nicolas Cage und Meg Ryan, die in der US-Amerikanisierung des Films mit Bruno Ganz die Tiefe der Vorlage etwas trivialisierten. Doch romantisch wird es eigentlich nie – und auch  von einer gewissen schadenfrohen Leidenschaft, die noch bei Dan Aykroyd und Eddie Murphy zu beobachten war, bleibt wenig über. Ansari mag das Drehbuch zwar löblicherweise auch selbst verfasst haben, doch ein Schreiber fürs Kino ist er nicht. Vielleicht liegt es auch am unbeholfenen Charme dieses Engels, der zwei linke Hände hat, der die auf der Hand liegenden Turbulenzen etwas ausbremst. Für mangelnden Verve sorgen auch die etwas zu grobmaschigen Dialogszenen, der betulich arrangierte Plot und die überhaupt nicht aufgehende Besinnung auf das Wesentliche im Leben, für das man dennoch auch ohne Geld schwer seine Motivation zeigen kann. Natürlich will Anzaris Figur von diesem Wohlstand nicht weg, selbst der Engel Gabriel hätte den gern.

Was Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel letztendlich aussagen will, sucht nach wie vor nach einer Probe aufs Exempel. Finden wird er sie nie, doch immerhin bleibt die Erkenntnis am Rande für alle übrig, dass Keanu Reeves eben nicht immer den angepissten Elite-Killer spielen muss, sondern einfach den völlig ausgenüchterten Good Guy von nebenan, der dir in der Fast Food Bude die Pommes rüberreicht. Ein angenehmer Anti-Star in einem zu beiläufigen Wertesuchspiel, dessen Ziel irgendwo dazwischen liegt, nur nicht am Ende.

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

SO ROMANTISCH IST DER PARTNERHANDEL

6,5/10


© 2025 Sony Pictures


ORIGINALTITEL: MATERIALISTS

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CELINE SONG

KAMERA: SHABIER KIRCHNER

CAST: DAKOTA JOHNSON, CHRIS EVANS, PEDRO PASCAL, ZOE WINTERS, SAWYER SPIELBERG, DASHA NEKRASOVA, MARIN IRELAND, LOUISA JACOBSON, EDDIE CAHILL U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Man möchte meinen, man fände sich bei Was ist Liebe wert in einer gediegenen, hipp-biederen Dramödie von Albert Brooks oder Nancy Meyers wieder, wo frisch verliebte Babyboomer und deren Nachkommen in Verstrickungen verwickelt sind, die fast ausschließlich für den Valentinstag geeignet sind – oder dem eigenen Jahrestag, oder passend sind fürs weihnachtliche Abhängen vor dem Fernseher, wenn die Liebe bereits durch den Magen ging. Leicht vergisst man bei diesem Film hier, inszeniert und geschrieben von Celine Song, den eigentlichen Titel: Materialists – Materialisten, Kapitalisten, sehnsüchtige Follower des guten, reichen, bürgerlichen Jetset-Lebens, die gerne Jetset-Partner hätten, die das eitle Selbst servicieren. Wenig überraschend geht es dabei weniger um die inneren Werte. Natürlich, die müssen schließlich auch stimmen, doch wenn man im viktorianischen Zeitalter dem Wissenschaftler Viktor Frankenstein begegnet wäre und gewusst hätte, er könne Menschen basteln, hätten einige den Mann oder die Frau ihrer Träume bestellt. Als wäre es ein Universalversand für Menschen, sitzen bedürftige Singles einer wie aus dem Ei gepellten, bildschönen Businessfrau namens Dakota Johnson gegenüber, die in gelerntem Kundenverständnis den Ansprüchen materialistischer einsamer Seelen lauscht, die sich einerseits weltgewandt und andererseits gar nichts von der Welt verstehen und auch nicht, worauf es ankommt. Es ist, als wäre der Wunschpartner die Farbe in einem Musterkatalog, als wäre Johnson die Spezialistin für Inneneinrichtung, als könnte man in der erwünschten Zweisamkeit jeden Zufall ausschließen, je genauer die Parameter gesetzt werden.

Celine Song, die vor zwei Jahren mit ihrem introvertierten, leise melodisch klingenden Sehnsuchtsdrama Past Lives für Aufsehen gesorgt und damit garantiert hat, dass man die Filmemacherin so schnell nicht wieder vergisst, weiß auch auf indirektem Wege die gesellschaftlichen Irrungen im Zeitalter künstlicher Intelligenz nachzuzitieren. Es scheint, als wäre es möglich, einen Partner mithilfe eines Prompts entstehen zu lassen. Makellos und akkurat, das Mindeste für die Liebe. Derlei Ansprüche hat eben auch Dakota Johnson, die als Lucy Mason den Spuren von Marylin Monroe und Lauren Bacall folgt und sich nur dann Männer angelt, wenn sie Millionäre sind. Da hat ihr Ex John (in erfrischend chaotischer, liebevoller Grunge-Manier: Chris Evans) längst das Nachsehen. Pedro Pascal, Liebkind Hollywoods und womöglich dank seines unkomplizierten Teamspirits gefühlt in jeder Produktion dabei, hat das nicht. Der ist stinkreich, charmant bis in die Zehennägel und fast schon zu glatt, um wirklich authentisch zu sein. Je länger man aber diesem adretten Gentlemen bei der stilvollen Anmache zusieht, umso mehr glaubt man selbst daran, dass dieser Harry Castillo so ist, wie er ist. Eine, wie man später herausfinden wird, durchkomponierte Fassade des Selbstbetrugs.

So, Dakota, wer soll nun dein Herzblatt sein?, tönt Susi es aus dem Off wie damals in Rudi Carrell’s Herzblatt-Show. Inmitten peripheren Erwachens so mancher Partnersuchenden, die feststellen, sich allzu sehr auf die Oberfläche verlassen zu haben, kurven Johnson und ihre beiden Männer in wortgewandten, aber allzu enstressten Gesprächen über Wert und Unmöglichkeit von Zweisamkeit an romantischen Plattitüden vorbei. Die Eloquenz, der geistreiche Exkurs zum Zeitgeist, den sich Celine Song von der Seele geschrieben zu haben scheint, heben die augenscheinlich formelhafte, urbane Lovestory aus dem Morast ausgetretener Klischees, um im Hier und Jetzt anzudocken. Mitunter auch dort, wo toxische Männlichkeit gut getarnt die Partnerlosen beschenkt, wo Selbstinszenierung und Rollenbilder ihr Fett wegbekommen, dabei aber gleichzeitig neu erfunden werden.

Songs Wege gehen letztlich allesamt Richtung Herz, das hat sich im Genrekino wie diesem seit Jahrzehnten nicht verändert. Den Willen, im Kino zu sehen, wie andere das Richtige tun, können Filmemacher nicht ignorieren, wohl aber die Art und Weise, wie man ihn erfüllt.

Was ist Liebe wert – Materialists (2025)

Priscilla (2023)

SÜSSES NICHTSTUN AUF SCHLOSS GRACELAND

5,5/10


priscilla© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: SOFIA COPPOLA

DREHBUCH: SOFIA COPPOLA, NACH DER BIOGRAFIE VON PRISCILLA PRESLEY & SANDRA HARMON

CAST: CAILEE SPAENY, JACOB ELORDI, TIM POST, LYNNE GRIFFIN, DAN BEIRNE, DAGMARA DOMINCZYK, ARI COHEN, RODRIGO FERNANDEZ-STOLL, EMILY MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Wer ist der bessere Elvis? Austin Butler oder Jacob Elordi? Wirklich schwer zu sagen. Am besten, man mixt beide Interpretationen zusammen – was dabei herauskommt, könnte dem wahren Wesen des King of Rock’n‘Roll schon ziemlich nahekommen. Während Butler sich ausgiebig auf die Bühnenperformance des Stars konzentrieren konnte, gibt ihm Elordi die private Breitseite. Sein nuschelnd dahingeschmissenes und für Nicht-Natives wirklich unverständliches Slang-Englisch klingt wie das Original und macht ihn allein schon dadurch zum souveränen Imitator. Wenn sich dann noch Elordis Profil im Halbschatten zu seiner „Cilla“ hinneigt, meint man in einigen Szenen, vollends verblüfft, dem 1977 verstorbenen Original zu begegnen. Und was ist mit Priscilla? Stimmt, Sofia Coppolas neues Werk will ja schließlich nicht ein weiteres Elvis-Biopic sein, sondern sich diesmal ganz und gar seiner besseren Hälfte widmen – der um viele Jahre jüngeren Lebens- und Leidensgenossin der in den Untergang gerittenen Musik-Ikone, die als lebendig begrabene, eierlegende Wollmilch-Rampensau in Las Vegas ihr Ende fand.

Priscilla hatte da schon einige Jahre früher, 1973 nämlich, die Reißleine gezogen und war ausgestiegen aus diesem schalen Promileben, bestehend aus Tabletten, Drogen und leidenschaftsloser Bühnenpräsenz. Die vom süßen, schüchternen Küken zur selbstbewussten Frau gewandelte Showbiz-Adelige fand ihr Heil in der Selbstfürsorge. Ein glückliches Eheleben war das längt schon keines mehr. Wie es dazu kam, wie Priscilla Presley ihr Leben an der Seite einer weltbewegenden Ikone wohl empfunden und gesehen haben mag – darüber gibt die mittlerweile stark geliftete Dame höchstselbst in ihrem Buch Elvis and Me reichlich Auskunft. Diesen Stoff hat Sofia Coppola nun verfilmt, streng aus der Sicht ebenjenes von heute auf morgen plötzlich privilegierten jungen, zerbrechlich und verletzbar wirkenden Mädchens, das wie Alice in ein Wunderland kam, in welchem man nicht sonderlich viel zu tun hatte ausser sich einlullen zu lassen vom Wohlstand, vom materiellen Glück und der fast schon väterlichen Kümmerung eines von allem Weiblichen vergötterten Idols, dem der Ruhm gar nicht mal so zu behagen schien. Der wie ein Thronfolger, der schließlich die Macht übernehmen muss, weil so vorgesehen, eben dieses Spiel zuspielen hatte  – kaum hinterfragend, warum das alles so weit hat kommen können. In diesem Herrscherhaus namens Graceland muss die aus Deutschland heimgeholte Priscilla nun das Spiel nach allen Regeln mitspielen – das scheint ihr anfangs alles recht, wenn sie doch nur an der Seite ihres Elvis sein kann. Doch früh schon quälen medial ausgeschlachtete Techtelmechtel des Stars und der viele verordnete Müßiggang, bestehend aus Warten und Harren und Shoppen, die junge Seele. Bis Elvis sich abermals bemüßigt fühlt, zu seinem Baby heimzukehren, um dann wieder zu verschwinden, für einen neuen Film. Und so weiter und so fort.

So, wie Priscilla vom Leben an der Seite eines Weltstars eingelullt und ruhiggehalten wird, so eingelullt und ruhiggehalten wird man auch als Zuseher. Während Baz Luhrman in seinem epischen Biopic ordentlich auf Emotionen setzt, mit den authentisch nachchoreographierten Gigs für die nötige Wucht sorgt und das Wort Drama ganz groß schreibt, gibt sich Sofia Coppola einem gemächlichen Makeup- und Styling-Pragmatismus hin. Alles ist akkurat nachempfunden, sogar die Fotos, die Hochzeit, all das, was Elvis-Fans längst von den echten bildlichen Dokumenten her kennen. Schmuck ausgestattet ist ihr Werk allemal, das sind sie immer. Hinter dieser Fassade eine Koexistenz aus Anhimmeln und Hinhalten, aus Wunschlosglücklichmachen und verhängtem Elvis-Dekret. Es plätschert, es knistern die Satinlacken, Cailee Spaeny mausert sich währenddessen vom traumverlorenen Sixties-Püppchen zum duldenden Eigentum mit hochdopierter Frisur. Der Wandel ist gut gespielt, wirklich viel Mut fasst sie in ihrem Spiel allerdings nie. Es bleibt bei wenigen Ausbrüchen, denen die Lust an der Reibung fehlt. Jacob Elordi hingegen ist das eigentlich Verblüffende an der ganzen, eigentlich redundanten Geschichte, die sich kaum weiterbewegt, obwohl sie es doch tut. Und plötzlich ist es da, das schmerzliche Ende der beiden, und ehe man sich versieht, ist es auch schon wieder vorbei. Fast schon als Fußnote oder filmisches Nachwort untergebracht, lässt Sofia Coppola auch hier kein Crescendo zu, zieht ihren ganzen Film im gleichen Rhythmus durch, ohne Höhen, ohne Tiefen, fast schon monoton, aber schön anzusehen.

Priscilla (2023)

French Exit

MADAME EMPFIEHLT SICH

6,5/10


french-exit© 2021 Sony Picture Classics


LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: AZAZEL JACOBS

DREHBUCH: PATRICK DEWITT, NACH SEINEM ROMAN

CAST: MICHELLE PFEIFFER, LUCAS HEDGES, VALERIE MAHAFFEY, DANIELLE MACDONALD, IMOGEN POOTS, ISAACH DE BANKOLÈ, TRACY LETTS, SUSAN COYNE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Was Filmlegende Catherine Deneuve in ihrem späten Filmschaffen stets so schillernd vor die Kamera bringt – das können andere auch. Nicht viele zwar, doch die wenigen, die fallen auf. Eine davon ist Michelle Pfeiffer. Eigentlich wenig überraschend, denn diese damenhafte Grandezza, die kennen langjährige Filmliebhaber bereits seit Die fabelhaften Baker Boys. Da war die Schöne mit der markant-sinnlichen Lippenpartie für die Bridges-Brüder mehr als nur ein unruhiger Männertraum. Michelle Pfeiffer, die hatte stets Klasse. Jetzt, im reiferen Alter, gibt’s davon noch mehr. Sogar so viel, dass es für eine Diva reicht. Da müsste Catherine Deneuve anerkennend nicken. Und auch, was die Radikalität schicksalsträchtiger Entscheidungen betrifft. Da lässt auch Michelle Pfeiffer keine Gelegenheit außer Acht, das Ende eines eleganten Ritts auf dem goldenen Kalb zu zelebrieren. Im Damensattel selbstverständlich.

Denn Frances Price, die steht in French Exit nach dem Ableben ihres Gatten vor dem Bankrott. Das Erbe war stolz, doch noch stolzer schien es, mit dem Vermögen hausieren zu gehen, nichts zu arbeiten und lieber die schönen Scheinchen unter urbanen Dienstnehmern zu verteilen. Jetzt allerdings scheint alles aus. Also nimmt sie das Angebot einer guten Freundin an, in deren Wohnung nach Paris zu ziehen, um ihr Leben neu zu sortieren. Die Alternative wäre, selbiges schlichtweg auszuleben, mit dem letzten Rest an Kapital, dass für das feudale Etablissement in New York noch rausspringen mag. An ihrer Seite: Sohnemann Malcolm, kein Müttersöhnchen im klassischen Sinn, sondern ein Phlegmatiker ohne eigenen Willen, der möchte, aber nicht kann. In Paris angekommen, scharen sich alsbald die unterschiedlichsten Leute um die beiden, die alle genau eine Sache verbindet: den Drang, aus einer stagnierenden Einsamkeit zu entkommen. Mittendrin ein schwarzer Kater, der mehr zu sein scheint als ein domestiziertes kleines Raubtier.

Was macht so jemand, der Zeit seines Lebens nichts geschaffen oder gearbeitet hat – und plötzlich mit leeren Taschen dasteht? Es wäre fast so, als würde man Marie Antoinette ihren Reichtum von Arbeit abhängig machen. Das kann nichts werden. Wohin mit der etablierten Fassade des ewigen Wohlstands? Jemand wie Michelle Pfeiffers Figur der stets schicken Herrin behält die Grazie bis zum frei interpretierbaren Ende. Das Metaphysische spendet Trost in einer geselligen Phase des Abschieds. Azazel Jacobs gelingt nach dem Roman von Patrick DeWitt ein Psychogramm, dass erfolgreich so tut, als wäre es ein Stück französisches Kino. Verlorene Gestalten, die den Neuanfang abwägen, geistern um Michelle Pfeiffer herum – sie selbst bleibt dabei unnahbar und auf sich allein konzentriert. Entwertet den Mammon und lässt sich fallen, einfach so fallen. Das ist durchaus tragikomisch, ein bisschen märchenhaft, und tröstet sich niemals mit Selbstmitleid. Andere würden sagen: ein Abgang mit Stil.

French Exit

Der Flohmarkt von Madame Claire

NACHLASS ZU LEBZEITEN

5/10

k

flohmarktmadameclaire© 2019 Neue Visionen

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LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JULIE BERTUCCELLI

CAST: CATHERINE DENEUVE, CHIARA MASTROIANNI, SAMIR GUESMI, LAURE CALAMY, OLIVIER RABOURDIN U. A.

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Ich kannte mal einen Nachbarn, der hatte bereits zu Lebzeiten noch damit begonnen, sein Hab und Gut in Bananenkisten zu schlichten – um den Erben die ganze Arbeit zu ersparen. Da saß er, inmitten seines Wohnzimmers in einem Fauteuil, umringt von Chiquita und Jaffa, darin all sein Besitz. Irgendwann ist´s gut, so meinte er. Irgendwann ist alles Materielle nur noch eine Last, die den Abschied schwieriger macht. Je weniger man im Alter besitzt, umso leichtfüßiger wird das Sterben?

Das denkt sich zumindest Madame Claire, die eines Nachts die Erkenntnis erlangt, nur noch einen Tag zu leben. Den Morgen danach stampft sie einen Flohmarkt vor ihrem Haus aus dem Boden und verkauft ihr gesamtes Interieur, das nicht aus irgendwelchem Ramsch besteht, sondern bemerkenswerten Antiquitäten, von mechanischen Puppen bis zu Kommoden aus der Gründerzeit. Ein fröhliches Fressen für Händler und Sammler, die dann auch alsbald eintrudeln, um der scheinber leicht verwirrten Dame zum Spottpreis schillernde Schätze abzuringen. Madame Claire ist das nur recht – der Preis ist symbolisch. Loswerden ist die Devise. Das sieht ihre Tochter allerdings mit anderen Augen, die ihrer Mutter der Prophezeiung vom plötzlichen Ableben natürlich keinen Glauben schenkt – und das eine oder andere Andenken aus der elterlichen Wohnung selbst gerne hätte.

Catherine Deneuve ist im Gegensatz zu Kolleginnen wie Brigitte Bardot, die ihre Filmkarriere Anfang der 70er bereits beendet hat, noch lange nicht filmmüde, und das nach über 70 Jahren. Mit 77 Jahren muss man als Künstlerin natürlich noch längst nicht leisetreten, da ist noch einiges drin. So richtig anstrengen muss sie sich aber auch nicht mehr, und leben davon schon gar nicht. Das merkt man. Es reicht, wenn „die Deneuve“ das Set betritt, in fast jeder Szene genüsslich am Glimmstengel zieht und verloren in die Ferne blickt. Da hat das französische Kino schon einiges auf der Habenseite. Schauspielerisches Engagement ist da fast nicht mehr erforderlich. Das übernimmt dann Filmtochter Chiara Mastroianni, die interessanterweise auch im tatsächlichen Leben Deneuves leibliche Tochter ist. Ihrem Vater Marcello ist sie dabei wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie umkreist also Madame Claire sorgenvoll und gleichsam nahvollziehbar entrüstet.  Und holt so manches verschüttete Trauma ihrer Familie wieder ans Licht.

Der Flohmarkt von Madame Claire ist, man kanns nicht schönreden und ich will es auch nicht, ein Film über das Sterben. Über die letzten Dinge, über das Unausgeprochene, das oftmals unfreiwillig mit ins Grab genommen wird. Wie schön wäre es für manche noch gewesen, in solchen Angelegenheiten reinen Tisch zu machen. Den reinen Tisch nimmt Regisseurin Jurie Bertucelli  wörtlich – und bringt mit all den alten, verstaubten Dingen, die vieles in den vier Wänden gesehen haben, die To do-Liste sämtlicher emotionaler Versäumnisse mit ans Tageslicht. Das ist gediegenes Antiquitätenkino, ein bisschen arg konstruiert und zu sehr verlassend auf Deneuves Kultstatus, die damit wie ein Denkmal aus ihrem eigenen Besitz inmitten einer bemühten Entourage thront, die versucht, dem Film ein bisschen mehr Lebendigkeit zu verleihen. Deneuve selbst jedenfalls tut sich sichtlich schwer, Emotionen zu zeigen. Dadurch gerät das ganze Szenario eines Abschieds zur wohnungsmuffigen Entrümpelung eines monoton traurigen Lebens zu Lebzeiten.

Der Flohmarkt von Madame Claire

Monsieur Killerstyle

DER JACKE ANS LEDER

7/10

 

killerstyle© 2019 Koch Films

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: JEAN DUJARDIN, ADÈLE HAENEL, ALBERT DELPY, CORALIE RUSSIER, MARIE BUNEL U. A.

 

Frei nach dem ersten der zehn Gebote, die von Moses in Empfang genommen wurden: es darf keine andere Jacke geben außer diese. Und zugegeben – die ist wirklich endgeil: selbstredend 100 % echtes Hirschleder, kesse Schnallen, und das Beste: Fransen wohin das Auge auch reicht. Diese Jacke ist der letzte Schrei, zumindest für Loser Georges, der das Partnerkonto plündert (zum Leidwesen der Gattin) und sich das heiße Teil für schlappe 7000 Euro oder mehr unter den Nagel reißt. Was dann beginnt, ist ein ­– sagen wir mal so – neues Leben in den französischen Alpen. In trauter Zweisamkeit mit einem Textil, das bald ein seltsames Eigenleben entwickelt. Georges gibt sich dem hin, gehorcht dem größenwahnsinnigen Wildleder wie Gollum einst dem einen Ring. Und predigt zwischen Found Footage-Filmprojekt und narzisstischen Posen den fundamentalem Mode-Monotheismus.

Hier haben wir ihn, die Serienkiller-Version einer Werbesendung für Echtleder-Outfits, den wütenden Tanz ums goldene Ding, die krasse Anbetung eines Materialismus, der gar nicht mal so absurd erscheint, sind doch Fälle von Suizid bekannt, die aufgrund eines Kratzers im Autolack begangen wurden. Selbst Rainhard Fendrich singt von einer Zweierbeziehung mit einem fahrbaren Untersatz. Tom Hanks war notgedrungen auf einen Volleyball namens Wilson angewiesen. Die Seele des Objekts also, die manche zu spüren glauben, weil sie lieben, was sie besitzen. Im Extremen nennt man das Fetischismus. In Monsieur Killerstyle (oder auch Deerskin, im französischen Original: Le Daim) ist der Fetisch das Maß aller Dinge. Jean Dujardin, der zuletzt als gewissenhafter Ermittler in Roman Polanskis J’accuse brilliert hat, darf nun eine Art Perversion ausleben, um die ihn vielleicht so manche Schauspielkollegen beneiden würden. Und Dujardin ist großartig. Als heuchelnder Lügenbaron und Sklave seines Outfits exekutiert er zuerst trickreich, später aber bar jeder Höflichkeit als eine Ein-Mann-Armee das Anti-Jacken-Pogrom. Blut wird fließen, der kleinkarierte Georges hingegen wird immer mehr zum humanoiden Rotwild jenseits aller ethischen Ordnung. An seiner Seite: Adèle Haenel als Hobby-Cutterin, die in dieser Obsession des graumelierten Eigenbrötlers wahre Kunst erkennt. Oder aber ebenfalls der Macht der Wildlederjacke erliegt, so ganz genau weiß man das nicht.

Quentin Dupieux (am besten bekannt für seinen Autoreifen-Horror Rubber) hat mit dieser kurzen und knackigen, in blassen Winterbildern gehaltenen Psycho-Groteske wohl etwas ungewohnt Originelles geschaffen. Und alles andere als ein dummes Hirngespinst. Sein Anti-Held ganz in Leder ist eine widersprüchliche Figur, ein Wahnsinniger zwischen Aussteigerlust und kapitalistischem Gehorsam. Das ist herrlich surreal, oft nicht wenig verstörend und durchaus auch saukomisch, vor allem dann, wenn Jean Dujardin sein schickes (eigentlich aber unsägliches) Outfit nicht mehr packt. Als satirisches Zerrbild einer Gesellschaft im Werte-Chaos ist Monsieur Killerstyle treffsicher gelungen.

Monsieur Killerstyle

Parasite

MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN

7/10

 

parasite© 2019 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2019

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG HO, LEE SUN KYUN, CHO YEO JEONG, CHOI WOO SHIK, PARK SO DAM, LEE JUNG EUN, CHANG HYAE JIN U. A.

 

„Ich kenn da wen, der kennt da wen…“ – diesen Postenschacher der jovial aushelfenden Art, sträflicherweise sowohl in der Politik als auch gern gesehen im Privatbereich, den kennen wir alle. Nichts geht über gute Beziehungen, und keiner braucht mehr die Gelben Seiten, wenn die Freunderlwirtschaft institutionalisiert werden würde. Die neureiche koreanische Familie Kim kann sich entspannt zurücklehnen – wie durch Zauberhand geben sich engelsgleiche Aushilfen in einem piekfeinen, architektonischen Juwel namens Zuhause die Klinke in die Hand – jeder und jede eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Scheint das verdächtig? Nicht für Familie Kim. Die hat andere Sorgen, ist vielbeschäftigt und merkt nicht mal, dass Englischlehrer, Kunsttherapeutin, Chauffeur und Haushaltshilfe letzten Endes alle eine Familie sind, die sich in den exorbitanten Reichtum ihrer eigenen Lottosieger-Spiegelbilder auf raffinierte Weise einschleicht. Home Invasion der kultivierten Art könnte man das nennen. Die andere, die Schleicherfamilie, die wohnt irgendwo in einer muffigen Kellerwohnung, die bei Starkregen schon mal überflutet wird. Aus der existenziellen Not machen die Vier eine Tugend im Eigeninteresse, erlernen ihren bis ins Detail durchkonzipierten, gesellschaftstauglicheren Avatar und suhlen sich bald wie die Made im Speck inmitten einer unglaublich netten, unglaublich arglosen Oberschicht, die alles hat, und vor allem das, was die anderen nicht haben.

Ob das auf die Dauer gut geht, beobachtet Südkoreas erster Palmengewinner auf seine typisch oszillierende, schwer einzuordnenden Art des – sagen wir mal so – komödiantischen Thrillers, der mit Szenen aufwartet, die in unschlagbar boulevardesker Theatralik griechischer Komödien frönt. Wobei Komödie fast schon ein zu sanftes Wort ist. Parasite ist eine Farce über das vermeintlich unverschämte Glück der Reichen, über das Fallen auf die Butterseite des Lebens und den Neid der kreativen Unterschicht, die lieber improvisiert, um ans Ziel zu kommen. Was ihr gelingt, zumindest temporär, was aber an den Skills liegt, die auch jenseits des kalkulierten Betrugs zu einem besseren Leben führen könnte. Diese Diskrepanz zwischen Arm und Reich, diese Klassengesellschaft in harten Gradationskurven, dieses Pyramidenspiel mit der gönnerhaften Attitüde jener Leute, die das Geld haben, um anschaffen zu können bis zu jenen, die als Plebejer die Infiltration proben, ist im Kino des Bong Joon-Ho kein unbekanntes Terrain, ganz im Gegenteil. Bereits in seiner dystopischen Railway-Parabel Snowpiercer durften sich Chris Evans und Co vom Proletariat bis an die Zugspitze des Establishments vorkämpfen. Krasser lassen sich die Tortenschichten der Gemeinschaft wohl kaum darstellen. Parasite erzählt ungefähr dasselbe, doch hier ist die Machtübernahme eine, die im Geheimen abläuft, wenngleich manche Konfrontation in bizarrem Handgemenge rund um Smartphones die Subtilität erstickt.

Bong Joon-Ho so gut aufgelegtes wie teilweise auch finsteres und zwischendurch sogar melancholisches Drama setzt vor allem in den ersten zwei Dritteln voll auf Zug, ist virtuos geschrieben und skizziert seine Figuren, die er nie wirklich lächerlich macht, mit Liebe zur subversiven Exzentrik. Aus manchen Bildern schwappt der gesellschaftskritische Sarkasmus wie das Abwasser aus der Klomuschel, stets aber ist die überzeichnete Bühnentragik inhärent, die sich aber selbst an gruseliger Absurdität, wenn es hinunter in den Keller geht, nicht die Finger verbrennt. Alles passt auf so typisch koreanische Art zusammen. Das sind Kompositionen, das bekommt das westliche Kino niemals hin. Parasite hängt aber gegen Ende etwas durch, weniger was die atemlose Virtuosität betrifft, sondern vielmehr die Erwartung einer radikalen Konsequenz dieser grotesken Geschichte. In unerwarteter Milde lässt Bong Joon-Ho die Moral obsiegen, kratzt die Kurve zu einem Lehrstück, in dem es keine Sieger gibt, sondern nur verloren werden kann, wenn die Missgunst von allen Seiten Gift und Galle spuckt.

Parasite

100 Dinge

FKK FÜR EGO-MESSIES

4/10

 

100dinge© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, FLORIAN DAVID FITZ, MIRIAM STEIN, MARIA FURTWÄNGLER, HANNELORE ELSNER, KATHARINA THALBACH U. A.

 

Die Filme von Matthias Schweighöfer, die kennen wir. Das heißt: kennen wir einen, keinen wir eigentlich alle. Sie sind gefällig, farbentsättigt wie bei Til, den Geist junger Bobo-Erfolgsmänner bis in jede Pore einmassiert. Die Riege talentierter Jungschauspielerinnen umkreisen den Egomanen in teils angestrengt distanziertem, aber stets anhimmelndem Spiel. Denn in Wahrheit ist Schweighöfer ja unwiderstehlich, auch wenn er sich zwischenmenschliche Eskapaden leistet, die mit einer konventionell schrägen Entschuldigung wieder sofort vergessen sind. Denn ja, Frau liebt ihn. Florian David Fitz, der Vincent, der Meer wollte und als Kehlmann´scher Gauß in der Verfilmung Die Vermessung der Welt beeindruckend spröde großes Schauspieltalent bewies, will diesmal aber auch so sein wie der blonde, sommersprossige Athlet, der stets sich selbst spielt und selbst in der als Thriller angedachten Amazon-Serie You Are Wanted einfach nicht aus seinem Yuppie-Hedonismus hinauskann. Fitz wiederum will da hinein, also einfach mal selbst so einen Film inszenieren, genauso wie sein Buddy. In welchem die beiden Männer ihren nackten Po in die Kamera halten dürfen und eigentlich von allen, vor allem vom weiblichen Geschlecht, geliebt werden dürfen. Ob das in deren echten Leben auch so ist? Keine Ahnung, deutsche Schauspieler halten ihr Privatleben natürlich auch zurecht bedeckt. Nicht bedeckt bleiben wie gesagt die ansehnlichen Körper der beiden. Warum? Weil sie dem Konsumzwang eins auswischen wollen.

Kurz gesagt: es geht um eine Wette. Beide Freunde müssen ihren ganzen Besitz in einen Lagerraum sperren, und für hundert Tage dürfen sie sich täglich ein Ding aus dem ganzen Fundus wieder herausnehmen. Das gilt selbst fürs Untergewand. Im Adamskostüm beginnt also die Challenge für die konsumgeilen Schnösel, die sich dadurch eigentlich auf griffigere Werte besinnen sollen, was aber nicht vorrangig der Fall ist, denn Grund der Wette ist der Aus- und Verkauf ihrer Softwarefirma, die eine App entwickelt hat, die alle haben wollen. Vor allem einer, der so aussieht wie Mark Zuckerberg. Bei diesem Vorhaben der beiden Erfolgsmänner, die gefühlt sowieso immer das Glück auf ihrer Seite haben, kann einer wie Mel Brooks nur lachen. Wieso Mel Brooks? Weil der Ähnliches erlebt hat. Zum Beispiel als reicher, asozialer Millionär, der den Altruismus mit Füßen tritt, in einer Satire, die Das Leben stinkt heißt. Ebenfalls ist eine Wette der Kern des Plots, nur dass Geizkragen Brooks für rund einen Monat auf der Straße leben muss. Der Reiz dieser Satire liegt darin, dass der alte Industrielle tatsächlich auf sich alleine gestellt ist, dass letzten Endes der Verrat der anderen zu einer gewissen Erkenntnis führt, und er sich eigenhändig aus dem Schlamassel ziehen muss. Ein bisschen wie bei Scrooge, ein bisschen wie beim Fischer und seiner Frau, die letztendlich Papst sein wollte. Fitz und Schweighöfer, die sind sowohl vor als auch hinter der Kamera einfach immer Stars und haben auf dem Weg zu ihrer kolportierten Selbsterkenntnis kaum Berührungspunkte mit anderen sozialen Schichten. Eloquente, toughe, charmante Frauenversteher, auf die keiner böse sein kann, die einfach zu gelackt sind, um sich selbst wirklich zu hinterfragen. In 100 Dinge stehen sie zwar kurze Zeit vor dem Nichts, doch in Wahrheit haben sie alles, und zwar zu jederzeit. Die Frage nach der Kunst des Weglassens, des Verzichts und dem „Weniger ist Mehr“-Prinzip ist gar nicht richtig gestellt, das wollen die Firmenchefs längst nicht so genau wissen. So, wie sich die beiden darauf besinnen und die eigenen Schattenseiten des Kapitalismus aufdröseln, bleibt das Ganze ein Lippenbekenntnis ohne tieferen Sinn.

100 Dinge handelt von einer Freundschaft, von beruflicher Partnerschaft und Beziehungen. Wie so viele Filme Schweigers und Schweighöfers. Und jetzt auch von Fitz. Es ist eine gehetzte, viel zu schnelle Komödie zweier elitärer Helden um die Vierzig, die alles können, aber nicht alles können müssen. Die alles haben, aber nicht alles haben müssen. Das macht den Film so schlaksig, als würde man beim Fangenspielen mit einem Bein andauernd im Leo stehen. Das geht so nicht, nicht wirklich. Das kaufe ich den beiden nicht ab. Und wenn doch, dann will ich es geschenkt. Blöd nur, dass sie nichts davon hergeben werden.

100 Dinge