Cemetery of Splendour

GESPRÄCHE MIT TRÄUMENDEN

5/10


cemeteryofsplendour© 2015 Rapid Eye Movies


LAND / JAHR: THAILAND, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, MYANMAR 2015

BUCH / REGIE: APICHATPONG WEERASETHAKUL

CAST: JENJIRA PONGPAS, BANLOP LOMNOI, JARINPATTRA RUEANGRAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Wer meint, das asiatische Kino wäre mit Südkorea, China oder Japan so gut wie abgedeckt, hat die Rechnung ohne Indonesien oder gar Thailand gemacht. Aus diesem beliebten tropischen Urlaubsland kommt nämlich ein ganz spezieller Filmemacher her: Apichatpong Weerasethakul. So richtig zum Begriff wurde dieser bemerkenswerte Sonderling 2010 mit seinem metaphysischen Drama Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben. Damit gewann er doch glatt die Goldene Palme von Cannes. Meines Erachtens auch zurecht – denn auch wenn man in der Welt des Kinos schon vieles gewohnt sein mag: diese Art, Geschichten zu erzählen, verlässt viele bislang vertraute Wege, und scheut auch sehr diszipliniert davor zurück, alle Stückchen spielen zu wollen, die filmtechnisch möglich sind. Gerade im Fantasygenre drängt sich die Möglichkeit, irreale Bilderwelten zu erzeugen, förmlich auf. Ich für meinen Teil schätze all diese erdachte Opulenz. Das es aber auch anders geht, wird in Weerasethakuls Entwürfen deutlich. Der Mann mit dem Namen, den ich bis dato nicht aus dem Gedächtnis buchstabengetreu wiedergeben kann, kreiert Werke, die sich genauso wenig einfach nacherzählen lassen. Uncle Boonmee zum Beispiel ist phantastisches Kino – doch von pittoreskem Dekor entschmückt und auf einen Alltag minimalisiert, zu dessen Tagesordnung so Dinge zählen wie Seelenwanderungen oder paranormale Erscheinungen, die jedoch keinerlei Furcht oder Skepsis auslösen. Die unserem Dasein, so, wie wir es kennen und so, wie wir es leben, ganz einfach inhärent sind. In fast schon semidokumentarischen Bildern widmet sich Weerasethakul auch in seiner Arbeit aus dem Jahr 2015 dem wissenschaftlich nicht Belegbaren. Mit in der Esoterik verorteten praxisnahen Selbshilfephänomenen hat das ganze aber nichts zu tun.

Schauplatz ist der Nordosten Thailands an der Grenze zu Laos. In einer ehemaligen Schule liegen mehrere Soldaten in ihren Betten, Ventilatoren spenden den in den Tropen essenziell notwendigen Luftzug. Diese Soldaten sind jedoch nicht Kriegsversehrte, sondern schlafen tief und fest. Sie leiden an einer der Narkolepsie verwandten seltsamen Krankheit. Betreut werden diese von einigen freiwilligen Helferinnen, darunter auch von Jen, einer körperlich etwas beeinträchtigten älteren Dame, die für einen der Patienten geradezu mütterliche Gefühle hegt. Unter den Besuchern gibt es ein junges Medium namens Keng. Sie kann durch Handauflegen Verbindungen zu den Schlafenden aufnehmen und als Sprachrohr dienen. Jen wiederum bekommt Besuch von zwei längst verstorbenen, antiken Prinzessinnen, die ganz plötzlich erscheinen, und die so einige Geheimnisse offenbaren, was den historisch interessanten Ort betrifft, auf welchem die Schule errichtet wurde. Ein Ort, der früher mal der Friedhof der Könige genannt wurde.

Diese radikale Nüchternheit von Cemetery of Splendour ist irritierend. Und auf eine ganz eigene, schwer zu fassende Weise erst im Nachhinein faszinierend. Lange, unbewegte Bildeinstellungen wechseln mit langen, völlig unaufgeregten Dialogen. Dann herrscht wieder Stille, nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören. Die seltsamen L-förmigen Leuchtkörper, die im Krankenzimmer mithilfe des ganzen Farbspektrums die bösen Träume der Schlafenden vertreiben sollen, setzen die wenigen visuellen Reizpunkte. Es ist, als wäre dieser ganze Kosmos hier ein transzendenter Reigen aus Schlafen und Erwachen. Vom Tod handelt der Film nicht. Es gibt noch ganz andere Sphären, die betreten werden können. Weerasethakul beobachtet wie selbstverständlich einen die Grenzen unseres Verstehens überschreitenden Zustandswechsel. Das ist langsam, sehr langsam, von der schwülen Tropenhitze ziemlich ermattet, mitunter finden sich sehr rätselhafte Szenen in diesem Film – zum Beispiel einen Mann, der im Busch seine Notdurft verrichtet, oder ein seltsames amöbenförmiges Wesen tanzt über den Himmel. Die Unaufgeregtheit führt im Gegensatz zu Uncle Boonmee jedoch zu einer sachlichen Lethargie, die das Besondere auf Small Talk reduziert.

Aber mal sehen, wie Weerasethakuls nächster Film wird – den gibt´s heuer in Cannes. Ich bleib‘ dran.

Cemetery of Splendour

Moonwalkers

MOND-SÜCHTIG

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moonwalkers

Man stelle sich folgenden Alptraum vor: der Augenblick, in dem der erste Mensch den Boden unseres Erdtrabanten betritt, wird weltweit live auf allen Fernsehkanälen, die es in den späten Sechzigern gibt, übertragen – und keiner landet. Nicht auszudenken. Eine Blamage, vor allem für die Vereinigten Staaten. Und nicht nur das. Die Supermacht im Westen verliert auch ihr Gesicht vor der Supermacht im Osten, die immerhin schon mit Juri Gagarin den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum geschickt hat. Was für ein Spektakel das gewesen sein muss. Und wie sehr sich die USA dabei in den Allerwertesten gebissen hat. Also muss der Mond zumindest ein amerikanischer sein. Und falls das nicht gelingt – dann trotzdem. Wen also damit am besten beauftragen als den britischen Kino-Visionär Stanley Kubrick, der doch erst kürzlich mit dem Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum die Illusion des Outer Space geradezu perfekt auf die Leinwand gezaubert hat.

Auf Basis dieser angeblich tatsächlichen Ereignisse begibt sich die psychedelische Thrillerkomödie Moonwalkers auf satirisches Terrain. Niemand geringerer als Hellboy Ron Perlman schlüpft in die fiktive Rolle eines vom Vietnamkrieg traumatisierten Spezialagenten, der den Deal mit Kubrick an Land ziehen soll. Nur, da gibt es noch die Idee eines von „Ron Weasley“ Rupert Grint dargestellten Taugenichts und Möchtegern-Bandmanager, die millionschwere Chance eines gefakten Mondabenteuers für sich selbst zu nutzen. Zugegeben, die turbulente Groteske hinter der ohnehin skurrilen Episode aus der Geheimdienst- und Mediengeschichte ist fürwahr ein origineller Spaß, der über weite Strecken unterhält. Die 60er genau wie die 70er Jahre kann man designtechnisch bis zum Abwinken ausschlachten – alleine die Mode der Flower-Power-Ära sorgt schon für Belustigung. Wie sehr muss dann auch noch das drogengeschwängerte Lebensgefühl der Children of Revolution auf die Gegenwart befremdlich wirken?

Moonwalkers ist ein bizarrer Mix aus dem Musical Hair, Gilliam´s Fear & Loathing in Las Vegas und – man möchte es kaum glauben – den österreichischen Drogenkomödien von Michael Glawogger und mit Michael Ostrowski, allen voran Contact High oder Hotel Rock ‚N‘ Roll. Auch in diesen beiden Filmen spielt die Handlung eine untergeordnete Rolle. Viel mehr ist die verharmlosende plakative Illustration einer aufgrund von LSD beeinträchtigter Wahrnehmung auf die Welt wohl die eigentliche lustgewinnende Ambition des Regisseurs. Diese farbenfrohe Grottenbahnfahrt ist natürlich gespickt mit allerhand absurden Einfällen, lässt den Film aber relativ rasch stagnieren. Ein zugedröhnter Ron Perlman ist in der ersten Szene vielleicht wirklich erlebenswert, in jeder weiteren allerdings nur noch repetitiv. Doch mit der ausufernden Eskalation der verabreichten chemischen Wirkstoffe ist es in Moonwalkers damit aber noch nicht getan. Gegen Ende kippt das schrullige, Kunst und Künstler parodistisch beäugende Szenario in einen blutigen Shootout, der an Kingsman oder Kick Ass erinnert. Das passt in seiner comichaft überzeichneten Extreme zwar einerseits dazu, wirkt aber auch so orientierungslos wie aufgesetzt. Abgeschossene Köpfe und gurgelndes Kunstblut hätten in keinster Weise sein müssen – dem Direct-to-DVD-Konsumentenkreis dürfte es gemäß dem trendigen Publikumsmotto „Blood sells“ aber gefallen.

Anders als im Home Cinema ist Moonwalkers zumindest hierzulande gar nicht anzusehen – eine vorgefertigte Zielgruppe fürs Kino hätte er vor allem bei Fans der Sex & Drugs & Rock ‚N‘ Roll-Trilogie in österreichischen Landen allerdings schon verbuchen dürfen.

Moonwalkers