Never After Dark (2026)

GEISTER MIT ZUKUNFT

7,5/10


Moeka Hoshi als Medium im Film Never After Dark
© 2026 The Festival Agency


ORIGINALTITEL: NEBÂ AFUTÂ DÂKU

LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVE BOYLE

KAMERA: PATRICK OUZIEL

CAST: MOEKA HOSHI, KURUMI INAGAKI, KENTO KAKU, MUTSUO YOSHIOKA, BOKUZŌ MASANA, TAE KIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Nein, das war kein Luftzug, weil das Wetter mal wieder Böen durch die Wohnung treibt. Es sind auch keine Geister, die unsereins triezen, weil sie uns mitteilen wollen, dass sie allgegenwärtig sind. Das, was uns frösteln lässt, ist der frische Wind, der einen Ideenreichtum mit sich bringt, der das Genre des J-Horrors, aber nicht nur dieses, sondern ganz allgemein das Genre des parapsychologischen Horrors ordentlich auffrischt.

Was Geister eigentlich wollen

Dort, wo James Wan mit seinem Conjuring-Universum langsam ans Ende gelangt, weil sich dann doch nur immer wieder dasselbe wiederholt, knüpft Never After Dark an. Ein Thriller, wechselnd zwischen den Dimensionen und in der Zeit, ein investigatives Abenteuer und gleichzeitig eine Reise ins Innere von Protagonistin Airi (Moeka Hoshi, Shōgun), die als Medium durchs Land zieht, um verängstigten Lebenden unheilvollen Spuk vom Leib zu halten.

Das tut sie aber nicht wie Spengler, Venkman und Co, die sich als Ghostbusters selten nach dem Warum erkundigt und ektoplasmische Störenfriede in ihre schuhschachtelgroßen Gefängnisse gesperrt haben. Airi sucht den Dialog, will wissen, was den Geist so umtreibt, warum er nicht zur Ruhe kommt, was ihn quält oder warum er Zorn verspürt. Ist die Ursache mal gefunden, ist auch das Überbleibsel des einst Verstorbenen erlöst. Alle können in Frieden ruhen, daheim auf der Couch oder im Jenseits.

Airi reist in Begleitung ihrer älteren Schwester, die aber auch schon längst tot ist und nun jünger aussieht als ihre noch lebende Blutsverwandte. Mit ihr gemeinsam sind die „Paranormal Investigations“ stets von Erfolg gekrönt – bis ein ganz besonderer Fall bisher noch nie gestellte Fragen aufwirft. Und dieser Geist, dem man nicht gerne ins entstellte Gesicht blicken will, hat auch nicht die geringste Lust, hier Supervision zu betreiben.

Wie man Geister ernst nimmt

Alle Warnungen, das hier könnte eine zu harte Nuss werden, schlägt Airi in den Wind. Denn würde sie das nicht tun, hätten wir keinen Film. Und damit auch nicht all diese cleveren Wendungen, die uns der US-amerikanische Japan-Kenner Dave Boyle hier auftischt, denn sein paranormaler Kriminalfall hat es in sich.

Das Besondere dabei ist, dass Never After Dark überhaupt nicht darauf aus ist, eine dekorative Geisterbahn sein zu wollen. In Japan ist das Geisterkino etwas anderes – weitaus weniger Jumpscares, weitaus weniger routinierte Versatzstücke, die des Effektes wegen verängstigen. In Asien nimmt man Geister eben deutlich ernster, sie sind dort keine Attraktionen und haben auch keine Ambitionen, erschrecken zu wollen.

Boyle hat die Parameter verstanden. Dennoch bleibt es unheimlich, in diesem leerstehenden Hotel, in dem dieser namenlose Geist in der Tretmühle hängt. Das machen Geister, und sie wissen auch nicht, wann und warum sie es tun. Zumindest nicht, wenn man keinen Dialog sucht. Letztlich wird man aber feststellen, dass Geister gar nicht erschreckender sein können als zu Lebzeiten ohnehin schon.

Dimensionen und ihre Gesetzmäßigkeiten

Never After Dark hat eine nachvollziehbare Logik erschaffen und ergänzt diese Dimensionsreise, der ein durch spezielle Artefakte, verbranntes Eigenhaar und eine Kerze ein Trancezustand vorausgeht, in dem Airi ihren Geist vom Körper trennen kann. Fast ist es wie bei Flatliners, doch hier weiß jemand, was er tut.

Bis alles anders kommt. Bis ein ganz wichtiger Faktor das Verständnis von Geisterdimensionen umkrempelt, dabei ein bisschen an die Conclusio von Villeneuves Arrival anknüpft und dann auch noch zum handfesten Serienkillerthriller mutiert. Man fragt sich wohl, wie das alles zusammenpassen kann, doch es passt.

Wohl auch oder vor allem durch das einnehmende, berührende Spiel von Moeka Hoshi, die man schon in der ersten Szene ins Herz schließt und von der man weiß: Keine Filmhandlung würde ihr langfristig etwas zuleide tun wollen.

So liebevoll wie erschreckend

Diese Herzlichkeit – dieses kleine Familiendrama, das da mitschwingt – nimmt den anderen Elementen aber nicht ihre Wirkung, und das ist diese Kunst, die asiatischen Filmen so innewohnt. Sie können im stilistischen Zickzackkurs dennoch in der Spur bleiben. Zwischen Schockmomenten, die es hier sehr wohl auch gibt und die vor allem für Leute, die so ihre Probleme mit Kieferheilkunde haben, wohl ungeeignet sind, und straff in den Händen liegendem, fantastischem Spannungskino hält Dave Boyle das Niveau von Anfang bis Ende und findet für seine bezaubernd grausige Geistergeschichte, die nur in einem gewissen Punkt die Conclusio hinterfragt, den richtigen Maßstab.

Wer Horror nur bis zu einem gewissen Grad verträgt, könnte sich dennoch in diesen Film hineinwagen, denn mit den Good Vibes, die von Medium Airi ausgehen, kann einem fast gar nichts passieren. Man sollte ihr nur nicht von der Seite weichen.

Never After Dark (2026)

Cemetery of Splendour

GESPRÄCHE MIT TRÄUMENDEN

5/10


cemeteryofsplendour© 2015 Rapid Eye Movies


LAND / JAHR: THAILAND, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, MYANMAR 2015

BUCH / REGIE: APICHATPONG WEERASETHAKUL

CAST: JENJIRA PONGPAS, BANLOP LOMNOI, JARINPATTRA RUEANGRAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Wer meint, das asiatische Kino wäre mit Südkorea, China oder Japan so gut wie abgedeckt, hat die Rechnung ohne Indonesien oder gar Thailand gemacht. Aus diesem beliebten tropischen Urlaubsland kommt nämlich ein ganz spezieller Filmemacher her: Apichatpong Weerasethakul. So richtig zum Begriff wurde dieser bemerkenswerte Sonderling 2010 mit seinem metaphysischen Drama Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben. Damit gewann er doch glatt die Goldene Palme von Cannes. Meines Erachtens auch zurecht – denn auch wenn man in der Welt des Kinos schon vieles gewohnt sein mag: diese Art, Geschichten zu erzählen, verlässt viele bislang vertraute Wege, und scheut auch sehr diszipliniert davor zurück, alle Stückchen spielen zu wollen, die filmtechnisch möglich sind. Gerade im Fantasygenre drängt sich die Möglichkeit, irreale Bilderwelten zu erzeugen, förmlich auf. Ich für meinen Teil schätze all diese erdachte Opulenz. Das es aber auch anders geht, wird in Weerasethakuls Entwürfen deutlich. Der Mann mit dem Namen, den ich bis dato nicht aus dem Gedächtnis buchstabengetreu wiedergeben kann, kreiert Werke, die sich genauso wenig einfach nacherzählen lassen. Uncle Boonmee zum Beispiel ist phantastisches Kino – doch von pittoreskem Dekor entschmückt und auf einen Alltag minimalisiert, zu dessen Tagesordnung so Dinge zählen wie Seelenwanderungen oder paranormale Erscheinungen, die jedoch keinerlei Furcht oder Skepsis auslösen. Die unserem Dasein, so, wie wir es kennen und so, wie wir es leben, ganz einfach inhärent sind. In fast schon semidokumentarischen Bildern widmet sich Weerasethakul auch in seiner Arbeit aus dem Jahr 2015 dem wissenschaftlich nicht Belegbaren. Mit in der Esoterik verorteten praxisnahen Selbshilfephänomenen hat das ganze aber nichts zu tun.

Schauplatz ist der Nordosten Thailands an der Grenze zu Laos. In einer ehemaligen Schule liegen mehrere Soldaten in ihren Betten, Ventilatoren spenden den in den Tropen essenziell notwendigen Luftzug. Diese Soldaten sind jedoch nicht Kriegsversehrte, sondern schlafen tief und fest. Sie leiden an einer der Narkolepsie verwandten seltsamen Krankheit. Betreut werden diese von einigen freiwilligen Helferinnen, darunter auch von Jen, einer körperlich etwas beeinträchtigten älteren Dame, die für einen der Patienten geradezu mütterliche Gefühle hegt. Unter den Besuchern gibt es ein junges Medium namens Keng. Sie kann durch Handauflegen Verbindungen zu den Schlafenden aufnehmen und als Sprachrohr dienen. Jen wiederum bekommt Besuch von zwei längst verstorbenen, antiken Prinzessinnen, die ganz plötzlich erscheinen, und die so einige Geheimnisse offenbaren, was den historisch interessanten Ort betrifft, auf welchem die Schule errichtet wurde. Ein Ort, der früher mal der Friedhof der Könige genannt wurde.

Diese radikale Nüchternheit von Cemetery of Splendour ist irritierend. Und auf eine ganz eigene, schwer zu fassende Weise erst im Nachhinein faszinierend. Lange, unbewegte Bildeinstellungen wechseln mit langen, völlig unaufgeregten Dialogen. Dann herrscht wieder Stille, nur das Zirpen der Zikaden ist zu hören. Die seltsamen L-förmigen Leuchtkörper, die im Krankenzimmer mithilfe des ganzen Farbspektrums die bösen Träume der Schlafenden vertreiben sollen, setzen die wenigen visuellen Reizpunkte. Es ist, als wäre dieser ganze Kosmos hier ein transzendenter Reigen aus Schlafen und Erwachen. Vom Tod handelt der Film nicht. Es gibt noch ganz andere Sphären, die betreten werden können. Weerasethakul beobachtet wie selbstverständlich einen die Grenzen unseres Verstehens überschreitenden Zustandswechsel. Das ist langsam, sehr langsam, von der schwülen Tropenhitze ziemlich ermattet, mitunter finden sich sehr rätselhafte Szenen in diesem Film – zum Beispiel einen Mann, der im Busch seine Notdurft verrichtet, oder ein seltsames amöbenförmiges Wesen tanzt über den Himmel. Die Unaufgeregtheit führt im Gegensatz zu Uncle Boonmee jedoch zu einer sachlichen Lethargie, die das Besondere auf Small Talk reduziert.

Aber mal sehen, wie Weerasethakuls nächster Film wird – den gibt´s heuer in Cannes. Ich bleib‘ dran.

Cemetery of Splendour

Die Mumie (1932)

WENN BLICKE TÖTEN KÖNNTEN

6/10

 

themummy1932© 1932 Universal Pictures

 

LAND: USA 1932

REGIE: KARL FREUND

CAST: BORIS KARLOFF, ZITA JOHANN, DAVID MANNERS U. A.

 

Halloween ist auch schon wieder Monate her, kommt aber bestimmt wieder. Und ich überlege jetzt schon, in welcher Verkleidung ich diesmal die Schüssel mit den Süßigkeiten auszuteilen gedenke. Mumie kann ich bereits abhaken, das war letztes Jahr. Und um den dämonischsten Herbstabend des Jahres natürlich themenverwandt abzuschließen, habe ich mir endlich mal den nach Frankenstein aus dem Jahr 1931 zweiten Filmklassiker mit Boris Karloff zur bandagierten Brust genommen.

Der knackige 72-Minüter des böhmischen Kameramanns Karl Freund (u. a. Dracula und Metropolis von Fritz Lang) sorgt vor allem in den ersten Minuten für verspielt-opulenten Retrocharme, wenn in sandsteinbehauenen Lettern DIE MUMIE in grobkörnig flirrendem Schwarzweiß, Format 4:3, vom Bildschirm knistert. Doch so, wie wir Boris Karloff vielleicht schon irgendwo, sei es in Filmlexikas oder Zeitschriften, gesehen haben, präsentiert sich uns der Brite mit dem verdächtig russisch klingenden Künstlernamen nur ganz am Anfang. Als mumifizierter Hohepriester Imhotep lehnt er mit überkreuzten Armen senkrecht im geöffneten Sarkophag, um alsbald daraus zu verschwinden, und das nicht ohne manch einen Archäologen in den Wahnsinn zu treiben. Dieser Imhotep, der hat nämlich nur eines im Sinn: Ank-es-en-Amun, die Liebe seines antiken Lebens, ebenfalls zurückzuholen. Am besten gleich in den Auffangkörper einer schönen Frau, die gar nicht weiß wie ihr geschieht, und der hypnotischen Wirkung des nun zum mysteriösen Ardath Bey regenerierten Zeitgenossen nicht widerstehen kann.

Im Grunde ist das die ganze Geschichte. Und wäre nicht Boris Karloff, der laut eigenen Angaben tatsächlich slawische Vorfahren gehabt haben soll, hätte das naive Grusel-Abenteuer wohl keine wirklich stechenden Argumente. So aber ist es der stechende Blick des ledergesichtigen Charakterdarstellers, der tatsächlich irgendwie beunruhigt, und das ganz ohne Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen. William Henry Pratt, so mit bürgerlichem Namen, wird auf ewig die Horror-Ikone bleiben, die er damals war – auf der Schreckskala allerdings gibt es im Vergleich zum Untoten aus der Hochkultur ganz andere Figuren, die effektiver das Gruseln lehren. Alleine schon Tod Browning´s Frankenstein, der deutlich mehr verängstigt und sogar den einen oder anderen Schreckensmoment für sich verbuchen kann. Als Frankenstein, da ist Boris Karloff bis heute von zeitlosem Erscheinungsbild. Die Mumie selbst aber würde perfekt in das Nachts im Museum-Konzept für etwas ältere Semester passen, so wie eigentlich der ganze Film. Was per se natürlich nichts Schlechtes ist, Nachts im Museum ist ein nettes Konzept – und die Vorstellung, dem Stoiker mit dem Killerblick zu nachtschlafender Zeit in den Untiefen des kunsthistorischen Museums zu begegnen, das sorgt dann doch wieder für wohliges Schaudern. Am Liebsten farblich entsättigt, und auf keinen Fall in Dolby Surround.

Die Mumie (1932)