Hokum (2026)

CHECK-IN MIT HEXE

6/10


EIN GASTKOMMENTAR VON MARIJA MEGUSCHER


Adam Scott als Ohm Bauman im Gothic-Grusel Hokum
© 2026 Neon


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE 2026

REGIE / DREHBUCH: DAMIAN MCCARTHY

KAMERA: COLM HOGAN

CAST: ADAM SCOTT, PETER COONAN, DAVID WILMOT, FLORENCE ORDESH, MICHAEL PATRIC, WILL O’CONNELL, AUSTIN AMELIO, SIOUX CARROLL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Es gibt Hotels, bei denen bereits beim Betreten klar ist, dass man hier möglichst schnell wieder auschecken sollte. Und dann gibt es das Bilberry Woods Hotel. Warmes, schummriges Licht, dunkles Holz und draußen jene feucht-düstere irische Herbstlandschaft, die förmlich nach Halloween riecht. Eigentlich möchte man sofort ein Wochenende buchen. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit der Hexe in der Honeymoon Suite. Und ein Mordfall lässt ebenfalls nicht allzu lange auf sich warten.

Regisseur Damian McCarthy (Oddity, Caveat) versteht es in Hokum, einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig behaglich und bedrohlich wirkt. Das alte Hotel ist dabei mindestens ebenso wichtig wie seine Bewohner – und wird mit jedem Stockwerk sowohl rauf als auch runter ein bisschen unheimlicher.

Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem letzten Kapitel

Im Mittelpunkt steht Ohm Bauman (Adam Scott), ein mürrischer Schriftsteller, der nach Irland reist, um die Asche seiner Eltern unter einem Mammutbaum zu verstreuen. Gleichzeitig arbeitet er am finalen Kapitel seiner „Konquistadoren-Trilogie“. Oder besser gesagt: Er versucht es.

Denn Ohms Problem ist weniger die Formulierung als die fehlende Quintessenz. Sein bisheriges Leben scheint ihm schlicht zu unspektakulär verlaufen zu sein, um jene Erkenntnis hervorzubringen, die sein Werk zum Abschluss bringen könnte. Ein Problem, um das sich Irland bald höchstpersönlich kümmert.

Im Bilberry Woods Hotel stößt Ohm auf die Geschichte einer Hexe, die mit dem Haus verbunden sein soll, eine Honeymoon Suite, die aus guten Gründen besser nicht betreten wird, und schließlich auf einen Mordfall. Als eine junge Barkeeperin verschwindet, die ihm zuvor aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen hat, wird aus dem Schriftsteller wider Willen ein Ermittler.

Dass ihn dabei ausschließlich sein plötzlich erwachtes Pflichtgefühl antreibt, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch die schriftstellerische Neugier. Denn wo Ohm zu Beginn noch mit einem gepflegten „Mir ist alles wurscht, ich will nur in Ruhe gelassen werden“ durchs Leben geht, beginnt er zunehmend, hinter die Geheimnisse des Hotels blicken zu wollen und Stoff für sein letztes Kapitel bekommt er dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte.

Irland, Whisky und die Hexe ohne Lebenslauf

Besonders sympathisch ist, wie deutlich sich McCarthys irischer Hintergrund in der Atmosphäre des Films widerspiegelt. Hokum sieht aus, als hätte man den irischen Herbst persönlich darum gebeten, einen Horrorfilm auszustatten. Umso erstaunlicher ist allerdings, wie wenig der Film tatsächlich in die irische Folklore eintaucht.

Da gibt es eine Hexe, selbstverständlich. Einen richtigen Hexen-CV inklusive Werdegang bekommen wir nur anfangs kurz und knapp vom Hauseigentümer, dessen Aufgabe im Film dann auch gleich wieder erledigt scheint. Das Buch Cursed People and Places taucht gleich zweimal auf und wirkt dabei beinahe wie das modische Must-have der irischen Herbstsaison.

Aber sonst? Gerade ein Land, das für seine Mythen, Legenden und Anekdoten bekannt ist, hätte doch einiges an Material zu bieten. Wurde das alles zugunsten der 107 Minuten Laufzeit gestrichen?

Der vielleicht authentischste irisch-mythische Moment gehört Jerry, einem Einsiedler aus der Gegend. Auch er trägt eine tragische Vergangenheit mit sich herum: Seiner schwerkranken Frau leistete er einst Sterbehilfe. Als er Ohm erstmals im Wald begegnet, bietet er ihm – wie könnte es anders sein – erst einmal einen kräftigen Schluck Whisky an, den er annimmt, weil er zuvor den Cocktail aus Milch und Magic Mushrooms vorbildlich ablehnt.

Ganz entkommt er dem Rausch trotzdem nicht. Und ausgerechnet während seines kurzzeitigen Ausfalls passiert jener Mord, der ihn tiefer in die Geschichte des Hotels hineinzieht.

So ernst die Biografien seiner Figuren teilweise sind, McCarthy lässt sie nie vollständig in Schwermut versinken. Ohm und Jerry sind zynisch, trocken und bisweilen überraschend komisch. Das tut einem Film gut, der ansonsten fast vollständig in herbstlicher Melancholie badet.

Horror nach Farbenlehre

Die eigentliche Stärke von Hokum liegt ohnehin weniger in seiner Mythologie als in seiner Atmosphäre. Das Hotel wird zu einem kleinen vertikalen Horrorkosmos: Erdgeschoss, Ohms Zimmer, die ominöse Honeymoon Suite und schließlich das Untergeschoss. Je tiefer Ohm in das Gebäude und seine Vergangenheit vordringt, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass auch die Grenzen zwischen Realität, Mythos und Halluzination verschwimmen.

Ob sich die Hexe nun in der Honeymoon Suite eingenistet hat, ursprünglich aus den Tiefen des Hotels stammt oder gerade sukzessive die Immobilie übernimmt, bleibt dabei nicht immer ganz eindeutig. Vielleicht hätte man ihr doch einen Mietvertrag geben sollen.

Visuell funktioniert das ausgesprochen gut. Warme Farbtöne und schummriges Licht wiegen uns im Hotel zunächst in Sicherheit. Sobald Hokum in seine übernatürliche Welt hinübergleitet, übernehmen kühlere Farben. Das ist keine Neuerfindung filmischer Bildsprache, sondern im Gegenteil ziemlich klassische Horrorschule, aber genau deshalb funktioniert es.

Die vertraute Farbdramaturgie gibt dem Film seine Behaglichkeit und zugleich seine Bedrohlichkeit. Man weiß intuitiv, wann etwas nicht stimmt. Hokum versucht gar nicht erst, die Regeln des atmosphärischen Horrors neu zu schreiben, sondern beherrscht sie lieber.

Daher danke für diesen Horror-Klassizismus.

Ähnlich verhält es sich mit den Jumpscares. Fans zählen – je nach Zählweise – rund 19 davon. Viele folgen einem ähnlichen Muster: ein Gesicht hier, ein Gesicht dort, eine Bewegung im richtigen beziehungsweise falschen Moment. Oft spürt man bereits, dass gleich etwas kommt.

Adam Scott macht Adam-Scott-Dinge

Schauspielerisch liefert Adam Scott ziemlich genau das, was man von ihm erwartet – allerdings auch nicht wesentlich mehr.

Den unnahbaren, leicht genervten Schriftsteller nimmt man ihm sofort ab. Sein trockener Zynismus macht Ohm trotz seiner abweisenden Art erstaunlich sympathisch. Interessanter ist seine allmähliche Wandlung: Der Mann, der zu Beginn eigentlich nur seine Ruhe haben, die Asche seiner Eltern verstreuen und irgendwie sein Buch fertigschreiben möchte, findet plötzlich etwas, das ihn aus seiner selbstgewählten Distanz herauszieht.

Vielleicht sucht Ohm ohnehin nach mehr als nur einem Ende für seine Trilogie. Seine Reise wirkt auch wie der Versuch, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und irgendwo jenes gutgelaunte, längst verflossene Ich wiederzufinden, das nicht nur seinem Leben, sondern womöglich auch seinen Figuren guttun könnte.

Dass ausgerechnet Mord, Hexerei und ein ausgesprochen fragwürdiges Hotelarrangement dabei therapeutisch hilfreich sein könnten, gehört zu den angenehmen Absurditäten von Hokum.

Einchecken?

Hokum ist am stärksten, wenn der Film nicht erklärt, sondern Atmosphäre erzeugt. Das Bilberry Woods Hotel ist warm, gemütlich und unheimlich zugleich; seine Figuren tragen tragische Geschichten mit sich herum, ohne ihren trockenen Humor verloren zu haben. Und Damian McCarthy inszeniert seinen Horror mit einer erfreulich klassischen Lust an Licht, Schatten, Gesichtern im falschen Moment und Dingen, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.

Etwas schade ist, dass der Film sein irisches Setting eher atmosphärisch als mythologisch ausschöpft. Gerade die Hexengeschichte hätte ein wenig mehr Folklore vertragen. Irland hätte schließlich genügend Geschichten dafür auf Lager.

Vielleicht ist Hokum damit ein bisschen wie sein Bilberry Woods Hotel selbst: Man weiß nicht immer ganz genau, was sich hinter jeder Tür befindet oder warum manches dort ist, wo es ist. Aber es ist so schön schummrig beleuchtet, dass man trotzdem weiter durch die Gänge geht.

Nur die Honeymoon Suite würde ich beim Check-in sicherheitshalber nicht nehmen.

Hokum (2026)

Never Let Go (2024)

WENN ALLE STRICKE REISSEN

7/10


NEVER LET GO - LASS NIEMALS LOS / Ab 26. September 2024© 2024 Lionsgate


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ALEXANDRE AJA

DREHBUCH: KC COUGHLIN, RYAN GRASSBY

CAST: HALLE BERRY, PERCY DAGGS IV, ANTHONY B. JENKINS, WILL CATLETT, MATTHEW KEVIN ANDERSON, STEPHANIE LAVIGNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Hütten und Häuser im Wald gibt es viele. Dort auszuharren bedeutet oft nichts Gutes. Entweder ist die Welt bereits den Bach runter, die Menschheit ausgelöscht oder ein Fluch hindert die darin Lebenden, ihre Existenzblase zu verlassen. Ob Evil Dead, The Cabin in the Woods oder Knock at the Cabin – irgendwo ist dabei immer das Böse einen Steinwurf entfernt und nur das bedächtige Verhalten einer Handvoll Überlebender entscheidet über Leben und Tod. Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl, Oxygen) will Raimi oder Shyamalan weder kopieren noch parodieren noch sich gar vor ihnen verbeugen. Er schafft es, dank einer literarischen Vorlage, die den bekannten Versatzstücken entgeht, eine völlig anders geartete Variation des Haunted Cabin-Genres vorzulegen. Wir befinden uns dabei inmitten eines Waldes irgendwo in den Vereinigten Staaten, dort steht eine relativ alte Immobilie, die noch den Großeltern von Halle Berry gehört hat, die in Never Let Go eine traumatisierte Mutter gibt, die nichts mehr anderes in ihrem entbehrlichen Überleben antreibt als auf ihre beiden Söhne aufzupassen. Denn eines weiß sie: Eine niederträchtige Entität lauert jenseits des Grundstücks. Sie kann jedwede Gestalt annehmen und ihre Opfer zum Wahnsinn treiben, sobald diese berührt werden. Allerdings gibt es da eine Methode, um der Belagerung zu entgehen: Alle drei, Mutter und Söhne, müssen mit einem Strick stets mit dem Haus verbunden bleiben. Solange keine Abnabelung stattfindet, kann das Böse den Überlebenden nichts anhaben. Die Kinder zeigen sich, je älter sie werden, zunehmend skeptisch: Wie kann es sein, dass nur Mama das Böse sieht? Warum wir nicht? Und was, wenn alles gar nicht wahr ist und Mama längst in die Geschlossene gehört, weil sie was auch immer aus ihrer Vergangenheit nicht verarbeiten kann? Ist das Ende der Welt wirklich passiert oder liegt eine gänzlich andere Wahrheit irgendwo da draußen?

Wenn sich der Nachwuchs aus der elterlichen Fürsorge entwindet, um auf eigene Faust die Welt, in der er lebt, zu erforschen, mag das sehr viel mit Trial und Error zu tun haben, aber auch mit dem Erlernen notwendiger Selbstständigkeit. Es gibt Mütter und Väter, die das nur schwer zulassen können. Die sich viel zu sehr mit ihren Kindern identifizieren, ohne diese als autarke Persönlichkeiten zu betrachten. Wie monströs können Eltern werden, wie fanatisch, wenn juveniles Reifen nichts ist, was sich entwickeln darf. So sitzt Halle Berrys Figur wie eine Glucke auf den Brüdern Nolan und Samuel, lehrt sie, ihr Zuhause zu lieben und lehrt sie, niemals loszulassen. Der Titel ist dabei maßgeblich Programm. Und sagt vielleicht schon viel zu viel darüber aus, ob der Schutz vor der Außenwelt wirklich berechtigt ist oder nicht.

Dennoch belässt Aja die meiste Zeit des Films sein Publikum im Dunkeln, um nicht zu sagen: Fast die gesamte Laufzeit. Dieses Spiel mit Vertrauen, Misstrauen, Glaube und Aberglaube gerät zum dichten Reigen eines familiären Albtraums zwischen Einbildung, Angst und der klaren Sicht auf die Dinge, wie sie vermutlich sind. Never Let Go entwickelt dort noch Suspense, wo andere Filme längst aufgegeben haben und zur Tagesordnung eines Showdowns übergegangen sind. Mit The Village gelang Shyamalan – um einen Vergleich mit dem Regiekollegen dennoch zu bemühen – ähnliches. Dort konzentrierte sich dieser auf das fatale Dilemma rund um Verschwörung und Aberglaube, womit der Film mit Never Let Go einiges gemeinsam hat. Letzterer nimmt sich aber auch noch der Problematik elterlicher Erziehung an. Mag sein, dass Never Let Go letzten Endes zu viel will. Und ja, Aja stopft hier einiges in seine hundert Minuten, vor allem allerlei Symbolträchtiges und Allegorisches und verliert dabei vollends eine gewisse inhärente Logik aus den Augen, die den Nebel aus Halluzinationen, Tatsachen und Phantastischem teilen könnte.

Festhalten kann sich das Publikum nirgendwo. Was Never Let Go dann auch so beklemmend macht. Wenn es keine Wahrheit mehr gibt, schwindet der Boden unter den Füßen. Immer wilder wird der Ritt, wer hätte gedacht, dass Berry und zwei Jungdarsteller so ein Inferno entfesseln? Den rettenden Strohhalm gewährt Aja dann doch, aber erst dann, wenn jedwede Zuversicht schon aufgegeben scheint.

Never Let Go (2024)

Queer (2024)

IM SCHWEISSE KOSMISCHEN ANGESICHTS

7,5/10


queer© 2024 MUBI


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2024

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: JUSTIN KURITZKES, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM S. BURROUGHS

CAST: DANIEL CRAIG, DREW STARKEY, JASON SCHWARTZMAN, LESLEY MANVILLE, ANDRA URSUTA, MICHAËL BORREMANS, DAVID LOWERY, HENRY ZAGA, DREW DROEGE U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Sieht man sich das schauspielerische Oeuvre von Daniel Craig an, so fällt auf, dass gerade seine finanziell erfolgreichste Rolle des 007-Agenten James Bond im Grunde wohl am wenigsten das schauspielerische Können des smarten Briten illustriert. Seine Bond-Interpretation mag etwas stiernackig und verbissen wirken – ein Charakter, den Craig liebend gerne gegen andere tauscht, die dem Image des charmant-chauvinistischen Actionhelden zuwiderlaufen oder dieses geradezu konterkarieren. Die schmissige Hercule Poirot-Hommage des Benoit Blanc aus Knives Out war da schon ein erster Schritt in die für Craig ideale Richtung. Jetzt kommt das Sahnehäubchen obendrauf, jetzt darf der lange im Dienste der Broccolis gestandene, leidenschaftliche Akteur Dinge tun, die Tür und Tor aufstoßen in eine regenbogenfarbene Vielfalt an verlorenen, verkorksten, herumirrenden Gestalten, die sich in ihren Schwächen verlieren. Und dies mit ausgesuchter Leidenschaft.

Luca Guadagnino, seines Zeichens Meister im Abbilden verlorener Sehnsüchte – siehe Call Me By Your Name – weiß, was er gewinnt, wenn er Craig besetzt. Für ihn ist dieser ein in hellen Leinenanzügen gekleideter, ungehemmt dem Alkohol und allerlei Drogen zugetaner Privatier mit Fedora auf dem Kopf und genug Geld in den Taschen, um den lieben Gott tagelang einen guten Mann sein zu lassen. Aufgrund seiner Liebe zu rauschigen Stoffen aller Art hat William Lee den Staaten der Rücken gekehrt. Hier, in einem pittoresken, fast unwirklichen Mexiko City der Fünfzigerjahre, ist das Leben ein ewiger Zyklus aus Barbesuchen, Aufrissen und Trunkenheit. Was Lee allerdings begehrt, sind, wie der Titel schon sagt, Männer knackigen Alters, die des Nächtens für die nötige Süße sorgen sollen. Eine Affäre folgt der anderen, bis der Ex-Soldat Eugene Allerton (Drew Starkey aus Outer Banks) Lees Wege kreuzt. Ab diesem Moment ist es aus und vorbei mit der kunterbunten Auswahl an Bettgesellen. Eugene bedeutet mehr, obwohl dieser, eigentlich hetero, nur des Geldes wegen mit dem betuchten Lebemann ins Bett steigt. Alles sieht danach aus, als wäre diese Romanze zum Scheitern verurteilt, als eine gemeinsame Reise in den Dschungel Perus nebst schweißnassem Entzug auch die Entdeckung eines Rauschmittels mit sich bringt, die das Leben der beiden für immer verändern wird.

Die Vorlage zu Queer lieferte 1985 niemand geringerer als der Meister der literarischen Beat-Generation: William S. Burroughs. Der Konnex zum Kino: Dessen Kultbuch Naked Lunch, ein als unverfilmbar geltendes Sammelsurium an Grenzerfahrungen durch Drogeneinfluss, hatte sich Anfang der Neunziger David Cronenberg zu Herzen genommen. Guadagnino kann es besser. Sein psychologisches Drama einer Reise ins Unbekannte war dieses Jahr der Überraschungsfilm der Viennale und ist deutlich leichter verständlich als der zu Papier gebrachte bizarre Wahnsinn aus Tausendfüßern, Alienwesen und kriminellen Verschwörungen. Daniel Craig liefert in der ersten Hälfte des Films, die sich handlungsarmen Betrachtungen hingibt, dafür aber auf Stimmung setzt, das grenzlabile, psychologisch durchdachte Portrait eines Ruhelosen und Verlorenen, einer zutiefst einsamen Seele, die dem wahren Glück näherkommen will, indem sie sich überall sonst, nur nicht in sich selbst verliert. Der bittersüßen Liebesgeschichte schenkt Craig das schmachtende, fieberhafte Zittern eines Süchtigen. Guadagnino lässt dabei, wie schon in Call Me By Your Name, malerischen Sex unter Männern nicht zu kurz kommen. Hier ist er ein Ausdruck von Nähe und weniger die pure Befriedigung.

Es wäre aber nicht Burroughs, wenn dieses flirrende Delirium von Film nicht vollends in einen surrealen Albtraum kippen würde, der im tropischen Dschungel den irreversiblen Schritt in halluzinogene Welten wagt, um hinter den Vorhang des Realen zu blicken. Queer wird zum selbstvergessenen Horrortrip, verrückt bebildert, kosmisch aufgeladen und bewusstseinsverändernd. Wie Guadagnino diese Brücke schlägt, ist gewagt, gelingt aber dank Craigs beharrlichen Ego-Eskapaden so überzeugend, als hätte Captain Willard aus Apocalypse Now am Ende seiner Reise festgestellt, General Kurtz gäbe es nur in seiner vom Kriegswahn gezeichneten Vorstellung. In Queer ist es der Drogenwahn, dem man am liebsten zu zweit frönt. Und so eigentümlich dieses Psychodrama sich auch anfühlt – so, als könnte man sich kaum etwas Erbauliches mitnehmen aus diesem Dilemma – sickern Filme wie Fear and Loathing in Las Vegas ins Gedächtnis: Auch dieser nur ein Trip in die fantastischen Welten psychedelischer Substanzen.

Guadagninos Psycho-Abenteuer ist eine Überdosis Burroughs – der Wahnsinn kommt nicht überraschend. Sein existenzialistischer Schlussakkord wiederum erinnert an Lovecraft. Oder, um es anders auszudrücken: Der transzendente Abenteuerfilm ist zurück. Und Craig gibt ihm Seele.

Queer (2024)

The Woman in the Window

WENN DAS DIE NACHBARN WÜSSTEN

3,5/10


womaninthewindow© 2021 Twentieth Century Fox / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOE WRIGHT

DREHBUCH: TRACY LETTS, NACH DEM ROMAN VON A. J. FINN

CAST: AMY ADAMS, GARY OLDMAN, JULIANNE MOORE, ANTHONY MACKIE, WYATT RUSSELL, FRED HECHINGER, JENNIFER JASON LEIGH, TRACY LETTS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wenn ich schon vermute, dass die verschrobene Dame von vis a vis andauernd rüberäugt, werde ich mir a) entweder Vorhänge zulegen oder b) einfach die Jalousien runtertun. Kann ja kein Problem sein. Aber nein: aufgrund eines vagen exhibitionistischen Drangs sieht die Familie von gegenüber, die womöglich einige Geheimnisse birgt, keinerlei Notwendigkeit dazu. Ein höchst obskures Verhalten – und schon mal ein sehr offensichtlicher Fehler im von Schauspieler Tracy Letts verfassten Drehbuch, der auch hier – ohne in den Credits erwähnt zu werden – Amy Adams‘ Therapeuten gibt. Die wiederum leidet als Anna unter Agoraphobie und würde einen Lockdown überhaupt nicht spüren, gäbe es einen. Sie hütet also das Haus, und nicht nur die Wohnung, denn Adams besitzt eine mehrgeschossige Immobilie, in der gerade mal ein Junggeselle (Wyatt Russell aus The Falcon and the Winter Soldier) zur Miete wohnt. Adams Figur wirkt ziemlich durch den Wind – was sie den ganzen Tag macht, weiß keiner. Oder vielleicht doch – nämlich aus dem Fenster sehen und mit Fotoapparat und Binokular das Treiben im Haus gegenüber ausspionieren. Vielleicht ist es, so wie bei James Stewart aus Das Fenster zum Hof, einfach aus einer situationsbedingten Langeweile heraus, die sie vors Fenster bannt. Eine kleine Abwechslung bietet das Auftauchen des Sohnes von gegenüber und auch dessen Mutter, gespielt von Julianne Moore, die so wirkt als wäre sie auf einem glückseligmachenden Drogentrip – dauergrinsend und überdreht. Eines weiteren schönen Tages allerdings beobachtet Anna das Unvermeidliche: einen Mord an just jener Frau, die erst kürzlich zu Besuch war. Das passiert natürlich schön vor dem Fenster, damit die ganze Nachbarschaft das Ereignis mitbekommt. Schockschwerenot, die Polizei muss her! Und schon ist nichts mehr, weder die Wirklichkeit noch sonst was, wie es vorher war. Eigentlich kein Wunder, suhlt sich die Kinderpsychologin außer Dienst doch tagtäglich in einem Mix aus Wein und rezeptpflichtigen Tabletten, die additiven Alkohol grundlegend verneinen.

Hitchcock, schau runter! Wie sehr erinnert dich dieser Film wohl an deinen eigenen? Und für wie gut würdest du ihn finden? Du würdest vielleicht mal auf der Habenseite die wandelbare Amy Adams sehen. Das stimmt – als vom Schicksal gezeichnete, psychisch ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Housesitterin wandelt sie durch ihre Gemächer, an der einen Seite die Katze, an der anderen das Weinglas. Die Grundlage für ein Kammerspiel mit doppeltem Boden wäre geschaffen. Auch all die anderen Co-Stars wie Gary Oldman, der gefühlt auch keine Angebote mehr ausschlägt wie seinerzeit Christopher Lee, liefern saubere Arbeit. Wofür sie sich jedoch bemühen, ist ein relativ überschaubares, wenn nicht gar enttäuschendes Soll. Dabei sitzt Joe Wright im Regiestuhl, von welchem man bereits einige souveräne Arbeiten kennt. Im Falle von The Woman in the Window ließe sich noch so gut Regie führen – es würde alles nichts helfen, wenn der Plot nicht will. Denn dieser hier bremst sich selbst aus. Das macht er, indem er nicht nur einen Psychothriller alter Schule erzählt (mit ganz eindeutigen, auch visuellen Referenzen an Hitchcocks Klassiker), sondern auch Amy Adams‘ Leidensgeschichte. Ein knackiger Thriller konzentriert sich auf den expliziten Schrecken seines Verbrechens und den nachhaltig verstörenden Folgen. The Woman in the Window tut sich schon von Beginn an schwer, dramaturgisch aufzuräumen, damit alles seinen Lauf nehmen kann. Stattdessen nimmt er den eigentlichen Storytwist vorweg, irgendwann in der zweiten Hälfte des Films, um dann nochmal einen weiteren, wenig plausiblen Twist zu bemühen, der das längst zum Stillstand gekommene Szenario noch retten soll.

Vor kurzem gab es einen ähnlichen Film – Stunde der Angst mit Naomi Watts. Auch sie psychisch sichtlich angeschlagen, verlässt sie die Wohnung nicht und fürchtet sich vor einem Serienkiller, der in der Gegend sein Unwesen treibt. Hier arbeitet Alistair Bank Griffins ganz bevorzugt mit dem seelischen Dilemma der Protagonistin, während sich der Krimi-Plot begleitend unterordnet. Auch kein Meisterwerk, aber deutlich besser als dieses leider in den Keller krachende Konstrukt eines versuchten Selbstbeweises in Sachen Suspense.

The Woman in the Window

47 Meters Down

FISCHE VON UNTEN

7/10

 

47metersdown© 2017 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, DOMINIKANISCHE REPUBLIK 2017

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: CLAIRE HOLT, MANDY MOORE, MATTHEW MODINE, YANI GELLMAN, CHRIS J. JOHNSON U. A.

 

Im Urlaub, da sind die Pflichten des Alltags kein Thema mehr, da ist Frau und Mann schon ein bisschen wer anderer. Außerdem wagemutiger als sonst, Möchtegern-Abenteurer schlechthin, die auch gerne mal über den Durst trinken, dabei leicht zu überreden sind und Dinge wagen, die sie sonst nicht mal im Traum tun würden. Zum Beispiel Käfigtauchen mit Weißen Haien. Ich kenne jemanden, der hat das getan – seiner Meinung nach ein tolles Erlebnis, mit Sicherheit – wenn alles klappt. Dabei werden die zahlenden Gäste ohnehin nur ein paar Meter tief ins Wasser gelassen. Haben die Knorpler dann das Interesse verloren oder neigt sich die Atemluft dem Ende zu, geht’s wieder hoch. Bestanden ist das Abenteuer. Im Rahmen lukrativer Urlaubsflirts will Mann Frau aber unbedingt beeindrucken, also chartert Mann fernab des Mainstream-Tourismus einen unterdurchschnittlich frequentierten Kahn mit zwei Mann Besatzung, davon einer ein zauseliger Ex-Vietnamveteran Marke Matthew Modine (schon lange nicht mehr irgendwo in einem Film gesehen), der mal so zwischen Reling und Steg die salopp formulierte Frage stellt, ob sowieso alle Beteiligten den tauchsport beherrschen. Das wird natürlich bejaht, denn die Damen und Herren Mittzwanziger sind schon voller Tatendrang, obwohl sich dennoch manchmal ein gewisses ungutes Gefühl einschleicht, zumindest bei einer der Ladys. Der Film würde nicht 47 Meters Down heißen, würde sich dieses ungute Gefühl später nicht auch bewahrheiten. Denn der Kahn, mit dem an den Tauchplatz geschippert wird, hat auch schon mal bessere Tage gesehen. Und es ist diesmal nicht die Tücke eines sinisteren Psychopathen, der den Naivlingen ans Leder will, sondern die des Objekts. Und wenn das Käfigseil reißt, geht’s non-stop Richtung Meeresgrund.

Dieses Worst-Case-Szenario passiert dann auch, und erstaunlich ist dabei, welch belastbares Trommelfell die beiden Mädels haben, die ohne Druckausgleich Dutzende Meter tief in die Finsternis stürzen. Allerdings ist dieser Umstand interessanterweise der einzige, der nicht ganz den körperphysikalischen Gesetzen entspricht. Johannes Roberts hat ansonsten nämlich einen Survivalthriller unter Wasser gesetzt, der überraschenderweise ordentlich für Spannung sorgt und Szenen findet, die, vor allem wenn man selbst Taucher ist und Momente wie diese ungefähr nachvollziehen kann, panikmachende Beklemmung erzeugt. Der wirkliche Witz an der Sache ist – der Haikäfig lässt sich öffnen, gefangen sind die beiden Taucherinnen, wie man vermuten würde, also nicht. Der räumliche Hemmschuh liegt in der Unmöglichkeit, jenseits eines Nullzeittauchgangs (also 20 Meter) schnurstracks aufzutauchen, ohne sich die Taucherkrankheit einzutreten. Mit anderen Worten: ein Zwischenstopp wäre nötig, von mehreren Minuten sogar. Wie denn aber, angesichts der gefräßigen Tiere, denen das Blut, welches den beiden Verunglückten aus allen möglichen Wunden sickert, ordentlich in der Nase juckt? Fast schon ein brillanter Umstand, den 47 Meters Down sich da geschaffen hat. Und der Film spielt nicht nur mit Wasserdruck, Luftressourcen und der Trägheit schwerer Dinge, sondern auch mit der Wahrnehmung. Das ist fast schon perfid, mit der zielsicheren Suspense eines Psychothrillers und um Haifischlängen aufregender als Blake Lively in The Shallows oder unlängst Crawl, der leider seiner Vorhersehbarkeit zum Opfer fiel. 47 Meters Down lässt sich viel weniger einschätzen, Erwartungen werden durchaus unterwandert, und wer in Bälde mal vorhat, Sharkwatching zu betreiben, der sollte diesen Film tunlichst, oder zumindest nur fürs erste, lieber meiden. Es sei denn, sie oder er liebt den Nervenkitzel. So wie die beiden Mädels in einem Reißer, der dem Genre des Wildlife-Thrillers frischen Sauerstoff in die Venen pumpt.

47 Meters Down

Moonwalkers

MOND-SÜCHTIG

* * * * * * * * * *

moonwalkers

Man stelle sich folgenden Alptraum vor: der Augenblick, in dem der erste Mensch den Boden unseres Erdtrabanten betritt, wird weltweit live auf allen Fernsehkanälen, die es in den späten Sechzigern gibt, übertragen – und keiner landet. Nicht auszudenken. Eine Blamage, vor allem für die Vereinigten Staaten. Und nicht nur das. Die Supermacht im Westen verliert auch ihr Gesicht vor der Supermacht im Osten, die immerhin schon mit Juri Gagarin den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum geschickt hat. Was für ein Spektakel das gewesen sein muss. Und wie sehr sich die USA dabei in den Allerwertesten gebissen hat. Also muss der Mond zumindest ein amerikanischer sein. Und falls das nicht gelingt – dann trotzdem. Wen also damit am besten beauftragen als den britischen Kino-Visionär Stanley Kubrick, der doch erst kürzlich mit dem Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum die Illusion des Outer Space geradezu perfekt auf die Leinwand gezaubert hat.

Auf Basis dieser angeblich tatsächlichen Ereignisse begibt sich die psychedelische Thrillerkomödie Moonwalkers auf satirisches Terrain. Niemand geringerer als Hellboy Ron Perlman schlüpft in die fiktive Rolle eines vom Vietnamkrieg traumatisierten Spezialagenten, der den Deal mit Kubrick an Land ziehen soll. Nur, da gibt es noch die Idee eines von „Ron Weasley“ Rupert Grint dargestellten Taugenichts und Möchtegern-Bandmanager, die millionschwere Chance eines gefakten Mondabenteuers für sich selbst zu nutzen. Zugegeben, die turbulente Groteske hinter der ohnehin skurrilen Episode aus der Geheimdienst- und Mediengeschichte ist fürwahr ein origineller Spaß, der über weite Strecken unterhält. Die 60er genau wie die 70er Jahre kann man designtechnisch bis zum Abwinken ausschlachten – alleine die Mode der Flower-Power-Ära sorgt schon für Belustigung. Wie sehr muss dann auch noch das drogengeschwängerte Lebensgefühl der Children of Revolution auf die Gegenwart befremdlich wirken?

Moonwalkers ist ein bizarrer Mix aus dem Musical Hair, Gilliam´s Fear & Loathing in Las Vegas und – man möchte es kaum glauben – den österreichischen Drogenkomödien von Michael Glawogger und mit Michael Ostrowski, allen voran Contact High oder Hotel Rock ‚N‘ Roll. Auch in diesen beiden Filmen spielt die Handlung eine untergeordnete Rolle. Viel mehr ist die verharmlosende plakative Illustration einer aufgrund von LSD beeinträchtigter Wahrnehmung auf die Welt wohl die eigentliche lustgewinnende Ambition des Regisseurs. Diese farbenfrohe Grottenbahnfahrt ist natürlich gespickt mit allerhand absurden Einfällen, lässt den Film aber relativ rasch stagnieren. Ein zugedröhnter Ron Perlman ist in der ersten Szene vielleicht wirklich erlebenswert, in jeder weiteren allerdings nur noch repetitiv. Doch mit der ausufernden Eskalation der verabreichten chemischen Wirkstoffe ist es in Moonwalkers damit aber noch nicht getan. Gegen Ende kippt das schrullige, Kunst und Künstler parodistisch beäugende Szenario in einen blutigen Shootout, der an Kingsman oder Kick Ass erinnert. Das passt in seiner comichaft überzeichneten Extreme zwar einerseits dazu, wirkt aber auch so orientierungslos wie aufgesetzt. Abgeschossene Köpfe und gurgelndes Kunstblut hätten in keinster Weise sein müssen – dem Direct-to-DVD-Konsumentenkreis dürfte es gemäß dem trendigen Publikumsmotto „Blood sells“ aber gefallen.

Anders als im Home Cinema ist Moonwalkers zumindest hierzulande gar nicht anzusehen – eine vorgefertigte Zielgruppe fürs Kino hätte er vor allem bei Fans der Sex & Drugs & Rock ‚N‘ Roll-Trilogie in österreichischen Landen allerdings schon verbuchen dürfen.

Moonwalkers