Tschick

KEIN SOMMER WIE DAMALS

7/10

 

tschick

REGIE: FATIH AKIN
MIT TRISTAN GÖBEL, ANAND BATBILEG, MERCEDES MÜLLER

 

Dieser Sommer wird Maik und Tschick, auch wenn sie längst erwachsen sind, auf ewig in Erinnerung bleiben. Dieser Sommer von damals, das war eine kleine Odyssee, ein Fluchtweg raus aus der sozialen und familiären Einsamkeit, hinein ins beginnende Erwachsenwerden. Und hinein ins Erkennen der wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Fatih Akin, renommierter deutsch-türkischer Regisseur mit einem Faible für Roadmovies, hat uns mit der Sommerkomödie Im Juli schon zur Jahrtausendwende gezeigt, wie sehr man auf Reisen Grenzen überwinden und seine Sichtweise auf die Dinge ändern kann. Oder neu ausrichten. Einmal weg, nur kurz aus der Tristesse des unrund laufenden Lebens aussteigen. Moritz Bleibtreu und Christiane Paul waren da ein höchst sympathisches Gespann, dessen Funken nur so gesprüht und mich bestens unterhalten haben. Mit Tschick, der Verfilmung eines Jugendromans von Wolfgang Herrndorf, gelingt ihm Ähnliches, allerdings mit weniger Herzschmerz. Vielmehr mit Coming of Age. Und zwei liebenswerten Darstellern, die das Publikum für sich gewinnen. Und das, weil sie Außenseiter sind. Weil sie den Erwartungen ihres sozialen Umfelds nicht folgen können –  oder vielleicht auch gar nicht wollen. Weil das Mitziehen mit dem Schwarm die eigene Identität verrät. Scheiß drauf, so Maik und Tschick. Und dieses Scheiß drauf tut richtig gut. Weil jeder von uns irgendwann mal ein Außenseiter gewesen sein mag, gerade ist oder irgendwann wieder sein wird. Wichtig ist, sich selbst treu zu bleiben. Doch wenn man nicht weiß, wer man selbst überhaupt ist oder sein will, bedarf es einem Wechsel der Perspektiven. Also rein in die versiffte Karre und ab durchs Land.

Mit leichter Hand führt Akin seine spielfreudigen Jungspunde durch die Szene. Es ist zu vermuten, dass die Arbeit am Set völlig entspannt gewesen sein muss. Eine, die den Zeitdruck außen vor lässt und dem Aufbau der Charaktere und ihrem Verhalten genügend Zeit einräumt. Tschick ist entspanntes, tragikomisches und impulsives Sommerkino für die urbane Open Air-Leinwand. Mag sein, dass das Abenteuer Schulferien mehr Altersgenossen als Erwachsene ins Kino lockt, aber da wir alle mal in diesem Alter waren, lässt der Blick auf einen Sommer wie damals eigene Erinnerungen wach werden. Die womöglich ganz anders waren, aber nicht weniger wegweisend. Wunderbare Jahre, trotz mangelnden Glücks in den eigenen vier Wänden.

Tschick

Verstehen Sie die Béliers?

WER NICHT HÖREN KANN MUSS FÜHLEN

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beliers

Was für ein Lebenszeichen des französischen Filmes – obwohl es die meisten der in dieser herrlichen Familienkomödie agierenden Charaktere nicht hören können. Seit Sophie Marceau in den 80er Jahren in La Boum das Leben ihrer Familie und ihrer Mitschüler gehörig auf den Kopf stellen durfte, hat es kaum mehr Kinogeschichten gegeben, die in ihrer Natürlichkeit und ihrem Charme das Erwachsenwerden dermaßen einfühlsam erzählen konnten. Die Ausgangssituation in diesem Film ist alleine schon ungewöhnlich – als einzig hörende Tochter einer vierköpfigen, sonst gehörlosen Familie, versucht das 16jährige Mädchen Paula, aus der zwangsläufigen Abhängigkeit vor allem ihrer Eltern auszubrechen und ihre eigene Identität zu finden. Und wann bitteschön ist die Definition der eigenen Person notwendiger als auf dem Weg ins Erwachsenenleben?

Die Schauspielerin Louane Emera legt ihre Rolle der Paula dermaßen ungekünstelt und bodenständig an, dass man sie einfach lieb gewinnen muss. Die junge Schauspielerin ist wahrlich eine Entdeckung und steht Konkurrentinnen wie Sophie Marceau aus La Boum um nichts nach. Im Gegensatz zu dem Teenagerklassiker von damals dringt Verstehen Sie die Béliers  noch tiefer in das Seelenleben des Teenagers vor, ohne dieses jedoch krampfhaft zu sezieren. Das gelingt vor allem aufgrund der Tatsache, dass die besonderen Bedürfnisse ihrer Familie den Kontrast zwischen Individualität und familiärer Verpflichtung noch verstärken.

Den wahren Knalleffekt in der locker flockigen, angenehm humorvollen Geschichte gibt es aber dann, als das junge Mädchen sich entschließt, Gesangsunterricht zu nehmen. Einfach großartig, wie Regisseur Eric Lartigau das Loslösen aus dem gemachten Nest namens Familie darzustellen weiß. Ist es in Ordnung, dass sich das eigene Kind im Zuge seines Älterwerdens dazu entschließt, etwas zu tun, wovon die eigenen Eltern nicht profitieren können? Ist man seinen Erzeugern Rechenschaft schuldig für das, was man tun oder sein möchte. Laut der Familie Béliers, und auch meiner Meinung nach, ist man das nicht. Dieser Anspruch kann die Familie bei ihrem Nachwuchs leider nicht geltend machen. Bedingungen, die vielleicht früher einmal, allerdings vor gar nicht allzu langer Zeit, eine gesellschaftliche, selbstverständliche Bürde waren. Lartigaus Film ist ein Loblied an die Selbstbestimmung und die jugendliche Freiheit. An die Leidenschaft des Lebens, des Loslassens und an die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Dabei schildert Verstehen Sie die Béliers seine berührende Story mit einer sommerlichen Leichtigkeit, wie es nur französische Filme können.

Nach wie vor kann Frankreich die besten Komödien erzählen. Vor allem welche mit Weisheit, jeder Menge kluger Gedanken und niveauvollen Anekdoten, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. Und die Musik, hier in akustischer Gestalt typisch französischer Chansons, macht das kleine Meisterwerk noch erlesener.

 

Verstehen Sie die Béliers?