Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Bad Boys for Life

IN DECKUNG, BRUDER!

6/10

 

badboys3© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

CAST: WILL SMITH, MARTIN LAWRENCE, VANESSA HUDGENS, ALEXANDER LUDWIG, JOE PANTOLIANO, CHARLES MELTON U. A.

 

Whatcha gonna do, whatcha gonna do if they come for you. Ein cooler Song, den Inner Circle da in den 80ern auf den Markt gebracht hat. Ein cooler Song für ein cooles Duo, das Michael Bay hier Mitte der 90er in die Kinos brachte. Will Smith und Martin Lawrence, die hatten Synchro-Vibes sondergleichen, da waren beide auf einer Wellenlänge. Was Miami Vice nicht mehr geschafft hat, hat Bad Boys dann mit ordentlich mehr Action und Buddy-Klamauk im sonnigen Florida auf Schiene gebracht. Worum es in diesem Blockbuster und dem nächsten eigentlich gegangen ist, hat sich aus dem Gedächtnis verflüchtigt. Das weiß ich von der vierteiligen Lethal Weapon-Reihe auch nicht mehr. Beide haben aber etwas gemeinsam: das Konzept des Buddy-Movies, das erstmals in Nur 48 Stunden einen seiner erfolgreichsten Einstände erleben durfte. Seitdem hat sich hinsichtlich des Aufbaus eines solchen Films nicht viel verändert. Es gibt Humor, es gibt Action, meist geht’s um Rache oder um die Genugtuung, wenn die platten Bösen ihre Abreibung bekommen. Und die bekommen sie, das weiß jeder. Und immer im Rahmen eines knüppeldicken Finales. Ein bisschen Herz ist auch dabei, Freundschaft ganz groß geschrieben. Sie stehen zusammen, sie fallen zusammen, das sagen Lawrence und Smith ja immer. Schön, so einer gemähten Wiese zu folgen, da weiß man, was man bekommt. Wie bei einer Schüssel Popcorn. Und immer wieder nascht man diese doch gern.

Teil Drei hat Michael Bay nun in die Hände der beiden belgischen Filmemacher Adil El Arbi und Bilall Fallah gelegt (obwohl er sich seinen Cameo-Auftritt letztlich auch nicht verkneifen konnte) und dabei aber auch ein gutes Händchen bewiesen: Bad Boys for Life folgt den gleichen Pfaden wie all die anderen Buddy-Movies, die bereits schon mehrere Sequels am Buckel haben, löst die altbekannte Formel aber mit markttauglichem Witz, der diesmal fast zur Gänze auf das Konto von Martin Lawrence geht. Der in die Jahre gekommene Kalauerschieber und Dauerquassler wird Opa und freut sich auf die Rente. Fast zeitgleich wird Buddy Mike von Unbekannten angeschossen – klarerweise überlebt er und will sich rächen. Anfangs solo, aber mit einer Gruppe Special Force-Leuten als Deckung – A-Team und Charlies Angels lassen grüßen. Später kommt auch Lawrence alias Marcus wieder dazu. Und los geht’s, um eigenmächtig ihrem Namen nochmal alle Ehre zu machen. Die bösen Jungs steuern also in einem schaumgebremsten Michael-Bay-Gedächtnisfilm – flirrende Sonnenuntergänge, coole Schlitten, Sonnenbrillen und wenige, aber doch tiefe Zoten – einem üppigen Showdown entgegen, der mit ordentlich Schmackes und Budenzauber in voller Länge fast schon einer theatralischen Götterdämmerung gleichkommt, was natürlich ordentlich pathetisch wirkt. Fast wie bei einer Telenovela – und diese Ähnlichkeiten kommen nicht von ungefähr, hat John Carnahan (Das A-Team, The Grey) doch eine Story konstruiert, die sich klassischen Aha-Momenten aus dem serialen Genre von Liebe und Leidenschaft bedient.

Während Will Smith relativ solide sich selbst und niemanden sonst überrascht, hat Lawrence ein paar wirklich brüllkomische Momente, die das zweite Dacapo dann auch noch nachdrücklich in die Richtung Actionkomödie locken, was Smith alleine nicht hinbekommen hätte. Aber immerhin – sich auf seinen Partner zu verlassen ist wie in Abrahams Schoß zu verweilen. Als Dank dafür könnte Lawrence filmischer Chaos-Cop endlich in Rente gehen. Denn ob Bad Boys 4 die bewährte Schiene noch mal variieren kann, ist fraglich. Es sei denn, die Popcorn-Rechnung geht nochmal auf.

Bad Boys for Life

Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund

1917

REISE NACH MORDOR

7,5/10

 

1917© 2019 Universal Pictures

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: SAM MENDES

CAST: GEORGE MCCAY, DEAN-CHARLES CHAPMAN, COLIN FIRTH, RICHARD MADDEN, BENEDICT CUMBERBATCH U. A.

 

Es gibt Filme, viele Filme, die Bücher als Grundlage nehmen und diese dann komplett anders interpretieren oder eins zu eins verfilmen oder den Stoff einfach aufblasen. Es gibt Bücher, die lesen sich wie Filme. Und es gibt aber zu guter Letzt auch Filme, die sichtet man wie Bücher. Genau das ist bei den Werken von Sam Mendes der Fall. Der Brite mit dem Oscar für American Beauty ist zur Zeit wohl der Romancier des Kinos. Die Qualität des Erzählens von Geschichten liegt nicht jedem, vieles ist zu verkopft und nur in den Augen des Verfassers logisch. Bei Mendes ist das, was er erzählt, von solch einer narrativen Eleganz, dass das Publikum den Film rund um den Globus völlig ähnlich erfahren wird. Auch sein neuester Film, das Kriegsdrama 1917, entspricht dieser Fertigkeit – indem er ein erschütterndes Szenario so in eine Filmsprache bettet, dass man das Gefühl hat, einen Roman zu sehen, voller prosaischer Klasse, feinen bildsprachlichen Details und emotionaler Wärme. 1917 ist die Lyrik eines Krieges, so sehr und so weit auch beide Begriffe auseinanderliegen. Obwohl Mendes´ Oscar-Favorit nicht der erste Film ist, der so einen Weg wählt. Wir erinnern uns natürlich an Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Natürlich, ein ganz anderes Timbre, eine ganz andere Sprache und ein anderer Stil, aber auch er hat den Krieg nicht in seiner ganzen nackten Schrecklichkeit bloßgelegt, sondern als Traumgespinst verformt, als ein Gespenst für einen destruktiven Zustand.

1917 ist eine ähnliche Odyssee. Zwar eine, die nicht ganz so in die Dunkelheit wie bei Coppola führt, aber dorthin, wo zwei Soldaten mit einer sehr dringlichen Nachricht hineilen, scheint auch nicht wirklich die Sonne. Schauplatz ist Frankreich, ein Jahr vor dem Kriegsende, Schützengraben überall. Zerstörte Erde, endzeitliche Zustände. Die Nerven liegen blank. Den Stellungs- und Grabenkrieg in Frankreich, den hatte schon Erich Maria Remarque in seinem schrecklich traurigen Klassiker Im Westen nichts Neues beschrieben – und das in einer sehr drastischen, aber zutiefst hypnotischen Sprache. Diese Sogwirkung hat auch 1917, schon allein dadurch, dass Mendes´ Film wie ein One Shot wirkt. Wer nach der Eingangssequenz, in der die Kamera den beiden Soldaten scheinbar ewig durch den Schützengraben folgt, noch nicht mittendrin im Geschehen weilt, der hat woanders hingesehen. Kameramann Deakins leistet wieder mal Erstaunliches. Der Aufwand für diesen Film muss ebenfalls enorm gewesen sein. Hier scheint der Naturalismus Teil des Casts zu sein, hier ist der Boden, der Schlamm, die verbrannten Bäume und all die tierischen und menschlichen Kadaver in all ihren unterschiedlichen Verwesungszuständen so plastisch, als würde man selbst darin wühlen, in diesem verheerten Chaos, das die beiden Protagonisten umgibt. Und die sind standhaft, vorsichtig, haben einen Auftrag – wie Frodo und Samweis, die Richtung Mordor gingen, beide füreinander da, beide im Sinne für alles, was kein Krieg ist. Leicht kippt das Unaussprechliche in ein Mittelerde, wo das Gute in den Händen der Schwachen liegt, die sich dem Gigantismus des Krieges scheinbar nur schwer entgegenstellen können. Jedoch hat Pathos, falsches Pathos in Mendes Werk nichts verloren, sein Film ist das Intonieren eines vergessenen Refrains, der an der Front davor bewahrt, nicht ganz den Verstand zu verlieren. Und tatsächlich tönt im Film irgendwann auch ein solches wehmütiges Lied durch den Hain.

Petersen hat mit Das Boot die Gefühlswelten junger Soldaten bislang am besten eingefangen. Mendes schafft das mit 1917 ebenso, allerdings sind die Aussichten auf bessere Zeiten im Gegensatz zum U-Boot-Drama zumindest welche, für die es sich lohnt, am Leben zu bleiben. Nihilismus hat bei Mendes keinen Platz, das Gute ist da, aber hält sich versteckt. Ein Antikriegsfilm ist 1917 somit nicht geworden, sondern eine epische Erzählung für nur einen Tag, zwischen expressionistischen Kontrasten auf weitem Feld und den kargen letzten Krümeln einer Freundschaft, die George McKay aufliest, bis zum Ziel. Doch dieses ist nur eine Etappe, bis die Schlacht wieder beginnt, und neue Befehle wieder jemanden durchs Niemandsland schicken.

1917

Die zwei Päpste

EINKEHR-SCHWUNG IM VATIKAN

6/10

 

thetwopopes© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: FERNANDO MEIRELLES

CAST: JONATHAN PRYCE, ANTHONY HOPKINS, JUAN MINUJIN, FEDERICO TORRE U. A.

 

Mit dem Pontifex auf ein Bier zu gehen, das wäre gar nicht mal so unmöglich. Unser aller Franziskus (zumindest für all die Katholiken), der begegnet seinen Schafen nämlich auf Augenhöhe. Der braucht den ganzen Pomp, den ganzen Luxus und das ganze Zeremoniell nicht. Der speist lieber mit den Angestellten in der Vatikansküche. Einer unter vielen, das ist er. Und ein Hoffnungsträger. Einer, der anscheinend wirklich das Prinzip des Franz von Assisi lebt, tagtäglich. Und so nah am Original wie möglich. Wim Wenders hat darüber vor zwei Jahren einen Film gemacht: Franziskus – Ein Mann seines Wortes. Der deutsche Filmemacher, so hat es den Eindruck, begab sich damals wirklich mit dem Argentinier auf Augenhöhe, und so intim und unter vier Augen fühlt sich der Film auch streckenweise an. Nicht von oben herab, in keinster Weise weiser als all die anderen Menschen, denen er sich widmet. Zwischendurch dann Mitschnitte während seiner Reisen rund um den Globus. Franziskus, der ist ein Globetrotter. Einer, der überall sein will, und am liebsten mitten in der Menge. Dieses Authentische, das hat schon damals Kardinal Ratzinger beeindruckt, seines Zeichens Papst Benedikt XVI. und zu Lebzeiten abgedankt. Dabei hatte er damals, bei der Wahl des neuen Papstes nach Johannes Paul II., nur knapp gegen Jorge Bergoglio gewonnen.

Die ungewöhnliche Netflix-Produktion Die zwei Päpste soll nun zeigen, wie es zu diesem Machtwechsel gekommen ist, oder viel eher: welches intime Gespräch diesem seit dem 13. Jahrhundert einzigartigen Staffellauf der Päpste eigentlich vorangegangen ist. Natürlich, darüber lässt sich hauptsächlich nur mutmaßen. Überliefert sind die Gespräche wohl nicht eins zu eins. Überliefert sind eher die Fakten, die dieses Treffen umrahmen. Dass sich Joseph Ratzinger und Jorge Bergoglio trotz ihrer unterschiedlichen Anschauungen in Sachen Religionspolitik gut verstanden haben, zum Beispiel.

Und doch ist der Film Die zwei Päpste eine auffallend unstringente Filmschau. Was meiner Meinung nach zu erwarten war? Eine knisternde, kontroverse, spannende Doppelconference, ein Dialogfilm mit Schliff, womöglich mit dem Knalleffekt der Abdankung. Was hätte Paolo Sorrentino, Liebhaber und schwelgerischer Kritiker des Klerikalen, wohl aus diesem Stoff gezaubert? Etwas so schlagkräftiges und dichtes wie seine Serie The Young Pope mit Jude Law? Womöglich. Umbesetzt hätte er die Rollen von Benedikt und Franziskus aber nicht. Unterstanden hätte er sich das. Denn Anthony Hopkins und Jonathan Pryce sind in diesem biographischen Dialogdrama auf der Höhe ihres Schaffens. Bei Hopkins denkt man längst nicht mehr an Hannibal Lecter – seine Darstellung des betagten Ex-Oberhauptes der konservativen Glaubenskongregation findet in der noch so kleinsten Mimik glaubhafte Entsprechung. Sein Gang durch die Räumlichkeiten des Papstbesitzes refkletiert Schauspielkunst vom Feinsten. Und Pryce? Pryce ist Bergoglio, anders lässt sich das nicht umschreiben. Hätten wir am Ende des Filmes nicht Szenen der tatsächlichen Personen, würde mir der Unterschied rein aus der Erinnerung heraus gar nicht einfallen. Wie er blickt, wie er sinniert, wie er sich schämt für sein Versagen während der Junta-Diktatur in Argentinien – das ist schon eine Imitation, für die es nicht so schnell annähernde Alternativen gibt. Beide zusammen sind ein elektrisierendes Duo. Und dennoch – der Film von City of God-Regisseur Fernando Meirelles zerfällt in einzelne Fragmente, und weiß nicht so recht, was er sein möchte. Ein runder Tisch über den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert? Ein Philosophikum? Ein semidokumentarisches Kirchendrama? Oder doch lieber nur eine Hommage an den aktuellen Papst Franziskus? Das Ziel vor Augen Meirelles bleibt verschwommen. Sowieso ist Bergoglio der Mann, um den es hier geht und dessen Vergangenheit mit Archivaufnahmen und SW-Einsprengseln viel mehr im Rampenlicht steht als beim bayrischen Kollegen. Es geht um Schuld, um menschliche Fehler und Vergebung. Um Idealismen und Weltsichten. Der einzige gemeinsame Nenner dieser zerfahrenen Beobachtung ist wohl am Ehesten das Ende obsoleter kirchlicher Weltbilder und der Neuanfang mit entrümpelter, mehr glaubhafter Weitsicht. So wie sie Papst Franziskus zelebriert.

Mit Die zwei Päpste bekommen jene, die es eínteressiert, die Möglichkeit, völlig wertfrei auf das Dilemma der Kirche zu blicken, ohne der visuellen Extravaganz eines Sorrentino, sondern zurückgenommer, karger, nüchterner. Und Wim Wenders filmische Einsicht in die Gedankenwelten des Brückenbauers an dieser Stelle – am besten danach -– wäre wärmstens zu empfehlen.

Die zwei Päpste

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Booksmart

PARTY MACHT SCHULE

7,5

 

booksmart© 2019 Annapurna Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: OLIVIA WILDE

CAST: BEANIE FELDSTEIN, KAITLYN DEVER, BILLIE LOURD, SKYLER GISONDO, LISA KUDROW, JASON SUDEIKIS, WILL FORTE U. A.

 

„Wo foahr‘ ma hin? – eine‘ ins Leben!“ – so lässt es das österreichische Musiker-Duo Pizzera & Jaus ertönen. Wie bezeichnend für Olivia Wildes Regiedebüt, die sich dem farbenfrohen Genre des Coming of Age-Films angenommen hat. Da gibt es natürlich unterschiedliche Herangehensweisen. Von der Entdeckung der eigenen Reife, verschachtelt mit der Allegorie eines Monsters, ob Vampir oder Werwolf (u.a. So finster die Nacht oder When Animals dream). Da wäre auch die ziellose Schwerelosigkeit wie sie Lady Bird aka Saoirse Ronan in Greta Gerwigs gleichnamigem Film hatte. Da wären aber auch niveaulose Kalauerkomödien im College-Dunstkreis, die zum Fremdschämen einladen. Oder kluge, niemals peinliche Einblicke in die Gedankenwelt völlig unterschiedlicher Jugendlicher wie in John Hughes immer noch aktuellem Klassiker Breakfast Club. Hughes selbst war ohnehin einer der wenigen, die aus der Pubertät nicht gleich ein Zerrbild notgeiler Sex-Debütanten gemacht hat. Und hat gezeigt, dass da weitaus mehr dahintersteckt als nur Spritztouren und Mädelsaufreißen, Schönheitswahn und Zickenkrieg. Olivia Wilde findet das auch. Und lässt die beiden College-Absolventinnen Molly und Amy so einiges über sich selbst und all die anderen erfahren, die längst nicht das sind, was sie all die Jahre hindurch vorgegeben haben zu sein.

Die Bedenken, die ich bei Filmen wie diesen habe, nämlich, dass sie sich als ordinäres Spaßkino auf Kosten diverser Pennälerklischees entpuppen, ist bei Booksmart so ziemlich unbegründet. Die Zuneigung, die Olivia Wilde ihren jungen Alltagsheldinnen entgegenbringt, macht fehlenden Respekt unmöglich. Beanie Feldstein und Kaitlyn Dever danken es ihr, indem sie aufspielen, als gäbe es kein Morgen mehr. Oder zumindest keine Schule. Was dieser augenzwinkernde Abgesang auf einen längst in seiner Routine liebgewonnenen Lebensabschnitt bereithält, ist das Umtriebige einer Nacht, ein feuchtfröhliches Roadmovie durch jugendliche Feierlichkeiten zwischen Luxusjacht und Gefängnis, doch alles soweit geerdet, dass es zwar klassisch amerikanisch und durchaus schrill einhergeht, dabei aber nie den Tag nach dem Abfeiern aus den Augen verliert. Denn das ist es, was alle hier bewegt, vom Mädchenschwarm bis zum Mauerblümchen: der Morgen nach der Schule, der erste Schritt in eine Zukunft, die mit Selbstbestimmung  frohlockt, aber auch die Obhut der Eltern entzieht. Die eine geht für ein Jahr nach Botswana, die andere nach Yale, und ganz andere versuchen sich im Sport. Dabei wird klar, dass diese Nacht, die hier so liebevoll gezeichnet wird, sämtliche Masken fallen lässt. Was zum Vorschein kommt, ist Neugier, Angst, Unsicherheit und der Versuch, ein jahrelang penibel zugelegtes Image auf Null herunterzusetzen, um sich und die anderen neu kennenzulernen. Oder selbst anders gesehen zu werden. In dieser Nacht haben alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, nämlich genau das gemeinsam: eine ungewisse Zukunft, die alle Absolventen neu definieren wird.

Booksmart ist kein sonderlich origineller Wurf, nichts unerwartet Neues. Dafür aber unerwartet bodenständig, wortgewandt und witzig. Ein wohlgesampelter Soundtrack mit fetten Beats pusht so richtig die Lust, einen draufzumachen. Wobei Humor hier nicht zum Selbstzweck verkommt. sondern aus den unerwarteten Situationen resultiert, in denen sich zwei Streberinnen wiederfinden, die dem Trugschluss erliegen, womöglich vieles verpasst zu haben. Beanie Feldstein agiert dabei unglaublich sympathisch und entwickelt einen dermaßen kumpelhaften Ehrgeiz, dem ich mich nicht entziehen kann. Partymachen muss also nicht zwingend etwas sein, das den nächsten Morgen in verschämter Katerstimmung und hinter dicken Sonnenbrillen durchbeißt, sondern kann auch wie das Nachsitzen bei John Hughes zu interessanten Erkenntnissen führen. Solche über verkannte Mitmenschen, Freundschaft oder über das Leben selbst, dem man sich irgendwann stellen muss.

Booksmart

Tolkien

ZUR SPRACHE GEBRACHT

7/10

 

tolkien© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: DOME KARUKOSKI

CAST: NICHOLAS HOULT, LILY COLLINS, COLM MEANEY, ANTHONY BOYLE, PATRICK GIBSON, SIR DEREK JACOBI U. A.

 

In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit. Dieser Satz legt den Grundstein für eine Welt fernab der unsrigen, die aber dennoch durchdrungen ist von all dem Schönen und Schrecklichen, das im realen Dieseits unserer Geschichte zu finden ist. Eine Welt, so ganz anders, und doch so ähnlich. Das ist das Faszinierende an Mittelerde: Die Möglichkeit, im verfremdet Phantastischen Erlebtes sagenhaft zu poetisieren. Und Teil einer selbstlos heroischen Gemeinschaft zu sein. Denn Gemeinschaft, das war für den sprachbegeisterten Engländer J.R.R. Tolkien das Wichtigste. Gemeinschaft und das Verlassen können aufeinander, wenn es hart auf hart kommen sollte. Das lesen wir im Hobbit, wenn sich die Zwerge aufmachen Richtung Erebor, das lesen wir im ersten Teil der Herr der Ringe-Trilogie, wenn sich die Gefährten durch eine Welt voller Orks und Ringgeister durchkämpfen müssen. Der Hobbit Sam lässt seinen Freund Frodo trotz der drohenden Düsternis des Landes Mordor nicht im Stich. Was für Entbehrungen das wohl sind, und nicht mal zum eigenen Nutzen. Das ist ein Ziehen in den Krieg, gemeinsam und auf ewig verschworen. Wer da niemals feuchte Augen bekommen hat, hat die Sehnsucht nach Freundschaften nie verspürt. Und wer bei den anfangs erwähnten Zeilen keine Gänsehaut bekommt, ist womöglich kein High Fantasy-Geek. Allerdings – bei der eben im Kino laufenden Biographie Tolkien muss man nicht zwingend ein solcher sein. Das geht auch mit weniger Begeisterungsfähigkeit für das Phantastische. Das geht auch mit einer Lieber zur Sprache. Dem Wort, dem Ausdruck und der Bedeutung der Bezeichnungen für Dinge.

Der Film zum Leben dieses Vaters aller erdachten neuzeitlichen Fantasy ist ähnlich wie die Lindgren-Biografie Astrid ein Epilog für eine Berühmtheit, die später Leserinnen und Leser im Sturm erobern wird. Er beschreibt die Zeit, in der Tolkien sich erst auf dem Weg macht, das zu finden, was ihn zur Umschreibung seiner völlig durchdachten Welt inspirieren wird. Und es ist in erster Linie die geheimnisvolle Welt der linguistischen Kommunikation, der Phonetik, des Zergehens auf der Zunge, wenn das Altenglische wie Elbisch klingt. Was Nicholas Hoult, der den jungen Studenten sehr souverän verkörpert, mit Lily Collins als Edith Bratt für Gespräche über die Bedeutung bekannter Sprachgebilde führt, sind erhellende Momente, sind genauso hörenswert wie die aus dem Stehgreif formulierten Abhandlungen seines Professors in Philologie, den Tolkien soweit bringt, ihn in seinen Kurs aufzunehmen, hat er doch eine eigene Sprache entwickelt, eine Feensprache, mit allem, was dazugehört. Tolkien zeichnet, ersinnt immer mehr Details eines noch im Nebel liegenden literarischen Giganten, der Jahrzehnte später sogar noch den Weg auf die Leinwand finden und zu einem Höhepunkt des Kinos werden wird.

Dieser Nebel aber, dieses sphärische Flüstern eines zu bergenden Schatzes, eben Tolkiens spätere Werke, durchzieht den ganzen Film. Nichts davon ist trockene Biographie, alles ist beseelt von einer lockenden Mystik, von einer geheimnisvollen Stimmung, die natürlich verklärend sein mag, und die das Leben dieses Schriftstellers auch nicht unbedingt zu einer bis in jedes Detail authentischen Lebensgeschichte macht. Was der zypriotische Regisseur Dome Karukoski herausgearbeitet hat, ist eine pittoreske Hommage für Liebhaber der Materie, eine sakrale Verflechtung von Tolkiens Œuvre mit dem Weg seiner Erkenntnis für einen ganz großen Plan. Dazu gehört auch das Erleben des Ersten Weltkrieges aus der ersten Reihe, dessen Szenen von der Front so wirken, als wären sie selbst ein Teil seiner Prosa aus Mittelerde, wo der Boden brennt, das Feuer und der Rauch die Sicht vernebeln und die Schlacht sich so anfühlt, als wäre Saurons Heer der Verwüster einer göttlichen Ordnung. Da kann es schon vorkommen, dass inmitten des existenzvernichtenden Grauens dunkle, geharnischte Reiter über das Feld traben, das Schwert gezogen, um gegen gesichtslose Antagonisten anzutreten. Inmitten dieses Wahnsinns Tolkien, dessen Wahrnehmung mit der Phantasie verschmilzt und der wohl viel aus diesen Erlebnissen mit in seinen damals noch vagen Entwurf seiner Chroniken nehmen wird. Das hat Tolkien, der Film, in ein herbstfarbenes, holzgetäfeltes und freilich pathetisches Portrait verpackt, dass nun mal keine innovativen inszenatorischen Hattricks verlangt, in diesem rustikalen, historischen Kolorit aber die Entsprechung findet, die wie ein wort- und stilverwandter Klappentext zu Tolkiens Büchern erscheint. Das zwar nicht unbedingt militante Experten der Materie bewegen wird, aber zumindest jene, welche ihre Liebe zu Sagen und Legenden mit biographischen Fußnoten ergänzen wollen. Um dann vielleicht nochmal zum Buch zu greifen, um vielleicht noch mal von vorne zu beginnen, mit dem Hobbit nämlich, der in einem Loch in der Erde wohnt. Und noch gar nicht weiß, was auf ihn zukommt. So wie seinerzeit der junge Tolkien.

Tolkien

100 Dinge

FKK FÜR EGO-MESSIES

4/10

 

100dinge© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, FLORIAN DAVID FITZ, MIRIAM STEIN, MARIA FURTWÄNGLER, HANNELORE ELSNER, KATHARINA THALBACH U. A.

 

Die Filme von Matthias Schweighöfer, die kennen wir. Das heißt: kennen wir einen, keinen wir eigentlich alle. Sie sind gefällig, farbentsättigt wie bei Til, den Geist junger Bobo-Erfolgsmänner bis in jede Pore einmassiert. Die Riege talentierter Jungschauspielerinnen umkreisen den Egomanen in teils angestrengt distanziertem, aber stets anhimmelndem Spiel. Denn in Wahrheit ist Schweighöfer ja unwiderstehlich, auch wenn er sich zwischenmenschliche Eskapaden leistet, die mit einer konventionell schrägen Entschuldigung wieder sofort vergessen sind. Denn ja, Frau liebt ihn. Florian David Fitz, der Vincent, der Meer wollte und als Kehlmann´scher Gauß in der Verfilmung Die Vermessung der Welt beeindruckend spröde großes Schauspieltalent bewies, will diesmal aber auch so sein wie der blonde, sommersprossige Athlet, der stets sich selbst spielt und selbst in der als Thriller angedachten Amazon-Serie You Are Wanted einfach nicht aus seinem Yuppie-Hedonismus hinauskann. Fitz wiederum will da hinein, also einfach mal selbst so einen Film inszenieren, genauso wie sein Buddy. In welchem die beiden Männer ihren nackten Po in die Kamera halten dürfen und eigentlich von allen, vor allem vom weiblichen Geschlecht, geliebt werden dürfen. Ob das in deren echten Leben auch so ist? Keine Ahnung, deutsche Schauspieler halten ihr Privatleben natürlich auch zurecht bedeckt. Nicht bedeckt bleiben wie gesagt die ansehnlichen Körper der beiden. Warum? Weil sie dem Konsumzwang eins auswischen wollen.

Kurz gesagt: es geht um eine Wette. Beide Freunde müssen ihren ganzen Besitz in einen Lagerraum sperren, und für hundert Tage dürfen sie sich täglich ein Ding aus dem ganzen Fundus wieder herausnehmen. Das gilt selbst fürs Untergewand. Im Adamskostüm beginnt also die Challenge für die konsumgeilen Schnösel, die sich dadurch eigentlich auf griffigere Werte besinnen sollen, was aber nicht vorrangig der Fall ist, denn Grund der Wette ist der Aus- und Verkauf ihrer Softwarefirma, die eine App entwickelt hat, die alle haben wollen. Vor allem einer, der so aussieht wie Mark Zuckerberg. Bei diesem Vorhaben der beiden Erfolgsmänner, die gefühlt sowieso immer das Glück auf ihrer Seite haben, kann einer wie Mel Brooks nur lachen. Wieso Mel Brooks? Weil der Ähnliches erlebt hat. Zum Beispiel als reicher, asozialer Millionär, der den Altruismus mit Füßen tritt, in einer Satire, die Das Leben stinkt heißt. Ebenfalls ist eine Wette der Kern des Plots, nur dass Geizkragen Brooks für rund einen Monat auf der Straße leben muss. Der Reiz dieser Satire liegt darin, dass der alte Industrielle tatsächlich auf sich alleine gestellt ist, dass letzten Endes der Verrat der anderen zu einer gewissen Erkenntnis führt, und er sich eigenhändig aus dem Schlamassel ziehen muss. Ein bisschen wie bei Scrooge, ein bisschen wie beim Fischer und seiner Frau, die letztendlich Papst sein wollte. Fitz und Schweighöfer, die sind sowohl vor als auch hinter der Kamera einfach immer Stars und haben auf dem Weg zu ihrer kolportierten Selbsterkenntnis kaum Berührungspunkte mit anderen sozialen Schichten. Eloquente, toughe, charmante Frauenversteher, auf die keiner böse sein kann, die einfach zu gelackt sind, um sich selbst wirklich zu hinterfragen. In 100 Dinge stehen sie zwar kurze Zeit vor dem Nichts, doch in Wahrheit haben sie alles, und zwar zu jederzeit. Die Frage nach der Kunst des Weglassens, des Verzichts und dem „Weniger ist Mehr“-Prinzip ist gar nicht richtig gestellt, das wollen die Firmenchefs längst nicht so genau wissen. So, wie sich die beiden darauf besinnen und die eigenen Schattenseiten des Kapitalismus aufdröseln, bleibt das Ganze ein Lippenbekenntnis ohne tieferen Sinn.

100 Dinge handelt von einer Freundschaft, von beruflicher Partnerschaft und Beziehungen. Wie so viele Filme Schweigers und Schweighöfers. Und jetzt auch von Fitz. Es ist eine gehetzte, viel zu schnelle Komödie zweier elitärer Helden um die Vierzig, die alles können, aber nicht alles können müssen. Die alles haben, aber nicht alles haben müssen. Das macht den Film so schlaksig, als würde man beim Fangenspielen mit einem Bein andauernd im Leo stehen. Das geht so nicht, nicht wirklich. Das kaufe ich den beiden nicht ab. Und wenn doch, dann will ich es geschenkt. Blöd nur, dass sie nichts davon hergeben werden.

100 Dinge