Away – Vom Finden des Glücks

DIE ENDLICHKEIT IM NACKEN

6/10


Away© 2019 Der Filmverleih


LAND / JAHR: LETTLAND 2019

BUCH / REGIE: GINTS ZILBALODIS

LÄNGE: 1 STD 14 MIN


Mach es zu deinem Projekt! Dieser Imperativ klingt ein bisschen wie die marketingtechnische Phrase einer Heimwerker-Marktkette, motiviert aber schlicht und ergreifend, das zu tun, woran das Herz dranhängt. Egal, wie lange es dauert. Im Grunde egal, wie viel es kostet. Und wenn ich es ganz alleine mache, muss ich auch niemandem Rechenschaft ablegen. Und es pfuscht mir auch niemand ins Handwerk. Fast schon paradiesisch – zumindest für einen Künstler, der das Tempo seines Workflows selber bestimmt. Beharrlichkeit ist da gefragt. Und am Ende des Tages kommt was Schönes dabei raus. Der lettische Filmemacher Gints Zilbalodis könnte über diese Art des Schaffensprozesses einiges erzählen. Sein Filmdebüt Away nämlich, das hat er ganz im Alleingang durchgeboxt. Selbst geschrieben, selbst entworfen, selbst gezeichnet und animiert. Alles in und aus einer Hand. Ein Autorenfilm, wie er klassischer nicht sein kann.

Zilbalodis Film trägt zumindest in der deutschen Übersetzung den Zusatz: Vom Finden des Glücks – was vielleicht ein bisschen den Anschein erwecken könnte, es hier mit etwas ganz Ähnlichem zu tun zu haben wie den Abenteuern aus der Feder eines François Lelord. Dessen Hector-Romane sind ja schließlich Bestseller, alltagsphilosophisch wertvoll, und sogar mit Simon Pegg ist einer davon verfilmt worden. Auch dort weilt das Glück im Titel, und auch dort ist es natürlich eine Reise weg von Vertrautem, weg von sich selbst, um sich schließlich selbst neu zu finden oder zu er-finden. Away hat aber bei weitem nicht diese unbeschwerte, augenzwinkernde Leichtigkeit – im Gegenteil. Sein Film erinnert an Motive aus dem literarischen Schaffen des Poeten, Kleinen-Prinzen-Schöpfers und Weltkriegspiloten Antoine de Saint-Exupéry, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Protagonist des universellen Abenteuers ebenfalls ein Pilot zu sein scheint, welcher mit dem Fallschirm auf einer namenlosen Insel hat notlanden müssen. Wir sehen den ebenfalls namenlosen jungen Mann, hilflos hängend in den Ästen des einzigen Baumes weit und breit. Dann aber wirds märchenhaft düster: Ein schwarzer Golem mit gespenstisch leuchtenden Augen schreitet durch die Landschaft und nähert sich seinem Opfer, um es vom Baum zu pflücken. Der Pilot kann dem Monster allerdings entkommen und findet sich jenseits eines steinernen Torbogens in einer Oase wieder. Dort wartet ein Motorrad und eine Tasche mit brauchbaren Utensilien. Überdies freundet sich der Bruchpilot mit einem gelben Vogel an, der von nun an nicht mehr von seiner Seite weicht. Beide beginnen eine Reise ans andere Ende der Insel, im Rücken der schreitende Gigant, der ihnen folgt.

Away – Vom Finden des Glücks ist ein zur Gänze wortloses, mitunter auch seltsam bedrückendes Sinnbild vom – wie soll ich sagen, ohne es zu pauschalisieren? – nun, vom Leben. Allgegenwärtig ist der Tod, das Vergängliche, ein riesengroßes, stummes, beängstigendes Wesen, das sich nicht abschütteln lässt, das immer sichtbar bleibt, auch aus großer Entfernung. Dessen Omnipräsenz man vielleicht nur für kurze Zeit ganz verdrängen kann. Die Kunst der Abkehr von Gedanken über das Vergängliche scheint der Protagonist immer besser zu beherrschen, währenddessen erhalten so wichtige ethische Gebote wie Freundschaft und Nächstenliebe ihre visuelle Interpretation. Zilbalodis bleibt aber konsequent meditativ, untermalt seinen Film mit situationsbedingten Geräuschen aller Art, kann aber seiner Geschichte nichts abringen, was auch nur entfernt mit Glück zu tun hat. Statt eines positiven, sinnerweckenden Weltbildes gönnt sich diese Reise nur einzelne, in sich ruhende Momente, während alles andere nichts anderes ist als die Flucht vor dem Unausweichlichen. Angesichts dieser beabsichtigten Roadmovie-Poesie scheint das ziemlich ernüchternd.

Away – Vom Finden des Glücks

Sunburned

SANDBURGEN UND LUFTSCHLÖSSER

6/10


Sunburned© 2020 Camino Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE, POLEN 2019

REGIE: CAROLINA HELLSGÅRD

CAST: ZITA GAIER, GEDION ODUOR WEKESA, SABINE TIMOTEO, NICOLAIS BORGER, FLORA THIEMANN, ANIMA SCHWINN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und mit ihm auch der geplante Urlaub. Wohin soll es diesmal gehen – von Covid-Hürden mal abgesehen? Vielleicht an die spanische Mittelmeerküste, speziell nach Andalusien, ganz im Süden? Dorthin, wo man an klaren Tagen hinübersehen kann aufs afrikanische Festland, um genau zu sein nach Marokko. Dort ist es schön, da ist es heiß, da gibt’s All Inclusive-Bettenburgen mit Animationsprogramm, reservierten Strandliegen und jede Menge Flüchtlinge, die sich unters badende Volk mischen, um Waren aller Art zu verscherbeln. Billigsdorferketten und Fake-Markenbrillen, darunter vielleicht auch das eine oder andere Handgeschnitzte. Und vielleicht auch den eigenen Körper. Dieses tagelange Herumschlendern und Verkaufen, das hat sich längst ins Urlaubsbild integriert. Die unabsichtlich vermittelte Exotik vom anderen Kontinent ist da durchaus willkommen. Eben all inclusive. 

Teenager Claire verbringt mit ihrer dysfunktionalen Restfamilie einen relativ langweiligen und auch sehr wortkargen Urlaub, was Mama und beide Töchter zusammenhält, ist praktisch nicht vorhanden, denn jede zieht sein eigenes Ding durch. Der Papa dürfte auf und davon sein, womöglich ein Scheidungsfall. Aus diesem lieblosen Vakuum heraus sucht Claire nach Abwechslung und freundet sich mit dem Flüchtlingsjungen Amram an, der am Strand auf und ab hausiert. Dabei passiert´s, dass Claire falsche Hoffnungen weckt, wobei die Träume, die dieser Junge hat, kaum mit der Wirklichkeit zu vereinbaren sind. Doch in einer Not wie dieser klammert man sich an alles. Auch an eine deutsche Touristin, die Amram plötzlich überallhin mitnimmt. Lange kann die Sache nicht gutgehen. Auch deswegen, weil Claire die Folgen ihres Handelns nicht absehen oder kaum erahnen kann, wie einer wie Amram die Welt sieht.

Die junge Schauspielerin Zita Gaier, bekannt geworden durch die Nöstlinger-Verfilmung Maikäfer flieg!, fasst in diesem auf den ersten Blick sommerleichten Müßiggangdrama ein heißes Eisen an: dass der Flüchtlingskrise. Den sozial etablierten Erwachsenen scheint das Thema generell wenig zu tangieren, viel weniger noch im Urlaub. Die Next Generation sieht das anders. Gaier alias Claire nimmt den umherirrenden Jungen ganz anders wahr, sieht Handlungsbedarf und versucht sogar, für sich selbst oder für beide eine erschreckend naive, aber zumindest eine Lösung zu finden. Irgendwo, so mag sie denken, muss man ansetzen.

Carolina Hellsgårds Film schlendert zwischen der Stimmungschronik einer Sofia Coppola (z.B. Somewhere) und bleiernem Betroffenheitsrealismus, der einzelne Figuren, vor allem jene von Mutter Sabine Timoteo, wie phlegmatische Traumgestalten durchs Bild traben lässt. Keiner scheint mehr zu sehen als die eigene Wunschwelt, nur Claire drängt sich dazwischen hindurch, will nichts wahrhaben und gleichzeitig klar erkennen. Urlaub als Auszeit zwischen Verantwortung und Verdrängung? Ein Lokalaugenschein als Kickoff für jugendliche Proteste a la Thunberg? Wie im Hochseedrama Styx ist auch Zita Gaier mit einem gordischen Knoten konfrontiert, der nur, um ihn zu lösen, zerstört werden muss. Filme wie Atlantique und Atlantic, beides völlig unterschiedliche Zugänge zum Flüchtlingsproblem, annektieren Sunburned als einen möglichen, gut gewählten dritten Ansatz im Bunde, obwohl sich anfangs eine direkt formelhafte Tristesse eröffnet, die in gekünstelter Langeweile sein Stranderlebnis hinbiegt. Sunburned eine Chance zu geben hat sich aber letzten Endes gelohnt, da Hellsgård erst spät, aber doch, allerdings viel zu verzögert und von der südspanischen Hitze scheinbar ermattet, in die Gänge kommt. Letzten Endes ist die Willkommenskultur an der Pforte nach Europa eine Kultur der Duldung. Vor allem aber etwas, das bei den Jungen kaum erwähnenswerte Aufklärung erfahren hat.

Sunburned

Vom Ende einer Geschichte

BLICK ZURÜCK IN REUE

5/10


endeeinergeschichte© 2018 Wild Bunch


LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: JIM BROADBENT, HARRIET WALTER, CHARLOTTE RAMPLING, MATTHEW GOODE, EMILY MORTIMER, MICHELLE DOCKERY, BILLIE HOWLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Den britischen Schauspieler Jim Broadbent kennt die breite Front der Kinogeher wohl am ehesten aufgrund seiner Rolle als Horace Slughorn, verschrobener Professor für Zaubertränke aus der Harry-Potter-Episode um den Halbblutprinzen. Dank ihm, also dieser Figur, wissen wir Bescheid über Horkruxe. In der Verfilmung eines Romans des Engländers Julian Barnes hat er alles Magische abgelegt und lebt als Pensionist ein Leben der Gelassenheit und der Freude an alten Fotoapparaten. Um seine Rente aufzubessern, führt er auch noch einen winzig kleinen Laden für Analoges aller Art. Irgendwann aber bekommt der Senior einen Brief vom Notar. Anscheinend hat er was geerbt – genauer gesagt ist es ein Tagebuch von einem ehemaligen Kommilitonen aus der Studentenzeit, das aber wiederum in die Hände der eben verstorbenen Mutter seiner ehemaligen Freundin geraten war. Was hat es damit wohl auf sich? Broadbent wassert nach. Mit ihm der Film, der natürlich, wie es für BBC-Produktionen oft typisch ist, auf zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen fährt. In einer davon lernen wir Broadbents Ich in jugendlichen Jahren kennenlernen. Und kommen der ganzen Sache mit dem Tagebuch langsam, aber sicher, auf die Spur.

Vom Ende einer Geschichte, inszeniert vom indischen Filmemacher Ritesh Batra (Lunchbox, Photograph) ist wirklich kein Film, der lange in Erinnerung bleibt. Kein Wunder, dass die Figur des Rentners Tony sich nur vage an all die Dinge von damals erinnert, so verdröselt und detailverliebt kommen sie daher. Im Grunde ist die Literaturverfilmung kein schlechter Film, aber auch nichts wirklich Bewegendes. Klassische Prosa, über Liebe, Freundschaft und tragischen Zufällen, die das Leben so einiger beeinflusst haben. Doch mich wundert nicht, das Vom Ende einer Geschichte allzu gemächlich vor sich hinsinniert und eigentlich lieber als Vorlage gelesen werden will: Ritesh Batra ist nicht wirklich dafür bekannt, fesselnde Geschichten zu erzählen. Zumindest mir nicht. Photograph war eine arg hölzerne Romanze. Dieser Film hier hat zumindest den professionell aufspielenden Jim Broadbent als Star in petto. Die Story selbst aber ist für einen Film recht bemüht konstruiert, über mehrere Ecken gehend, das Kolorit früherer Jahre so gerne einfangend. Dabei aber immer so in den Erinnerungen kramend, wie man es tut, wenn alte Fotoalben gesichtet werden und verschiedenste Bilder im Kopf wieder aufpoppen. Das ist für den, der dabei war, sicher emotional erregend. Für den fremden Betrachter einer solchen Geschichte ist das eine biedere Schicksalsnummer über Verantwortung und Widergutmachung, gesprächig und gut besetzt, allerdings recht distanziert und umständlich.

Vom Ende einer Geschichte

End of Watch

BLUTSBRÜDER AUF STREIFE

7,5/10


endofwatch© 2012 Tobis Film

LAND: USA 2012

DREHBUCH & REGIE: DAVID AYER

CAST: JAKE GYLLENHAL, MICHAEL PEÑA, ANNA KENDRICK, AMERICA FERRERA, DAVID HARBOUR, FRANK GRILLO, NATALIE MARTINEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Zugegeben: es gibt Filme, für die braucht es einen zweiten Anlauf. Ein solcher war End of Watch. Den hatte ich mal vor Jahren sichten wollen – die vulgäre Sprache und das Gewackel der Handkamera hatten mir damals die Freude verdorben. Dieses vorschnelle Urteil war jedoch nicht fair. End of Watch verdient eine zweite Chance. Ich ergreife sie – und zieh´s natürlich durch bis zum Ende. Und ja: man soll bei Filmen nie zu früh die Flinte ins Korn werfen, denn: David Ayers Buddy-Movie ist wohl einer der besten seinen Genres. Da haben Klassiker mit ähnlichem Aufbau (ich will jetzt keine Namen nennen) deutlich das Nachsehen. Und das liegt an mehreren Punkten.

Erstens mal an Ayers Originaldrehbuch. Der hat, um diesen Film zu schreiben, nur einige Tage gebraucht. Ein Geschenk des Himmels, wenn einem mal die kreative Arbeit so sehr von der Hand geht, dass sie wie aus einem Guss plötzlich am Papier geschrieben steht. Umso weniger an einem Script herumgezupft wird, umso mehr hat die erste Wahl des dramaturgischen Konzepts das Anrecht, umgesetzt zu werden. End of Watch, das sieht man, kam aus dem Bauch heraus und das in positivem Sinn.

Zweitens das Duo Jake Gyllenhal und Michael Peña. Die müssen sich auch abseits vom Set sagenhaft gut verstanden haben, denn anders lässt sich diese Bruderliebe ja gar nicht darstellen. Beide setzen voll auf Empfindung, wissen wohl selbst, was für ein Gefühl deppensichere Freundschaft auslöst und wie es ist, sich auf jemanden verlassen zu können.

Drittens probiert David Ayer kameratechnisch einiges aus. Er filmt nicht nur mit einer mobilen Kamera, er filmt auch mit dem Handy, mit Überwachungsequipment, Body Cams – im Grunde mit allem, was zur Verfügung steht. Oder mit allem, was gerade in der entsprechenden Situation greifbar scheint. Dabei ist End of Watch kein semidokumentarisches Reality-TV. Ist mal keine, in die Szenerie eingebettetes Medium zur Hand, tut’s dann auch die Profikamera aus dem Off. Was Ayer da aber zusammenmontiert und geschnitten hat, wird zu einem virtuosen Thrillerdrama, das prinzipiell mal nicht viel anderes erzählt als in so manchen Polizistenfilmen bereits erzählt wurde, in denen Buddys auf Verbrecherjagd gehen und für Recht und Ordnung sorgen. Aber wie Ayer das erzählt, und wie lückenlos sein Drehbuch in das ganze Projekt hineinpasst, angefangen vom Abchecken der Lage bis zum tragischen Finale, das hat seine ganz eigene, manchmal auch eben erschreckende, aber vor allem menschliche Faszination. Zwischen all dieser Poilzeiarbeit steckt überdies noch ganz viel ungeschminkter Sozialnotstand, den die beiden Cops Taylor und Zavala tagtäglich verarbeiten müssen. Sie können das nur, weil sie die besten Freunde sind. Das ist so ein gewinnender Zustand, da perlt der Schmutz der Straße ab wie Regen auf einer imprägnierten Oberfläche.

End of Watch

The Climb

ICH HEIRATE MEINEN BUDDY

7/10


theclimb© 2020 Prokino

LAND: USA 2019

BUCH & REGIE: MICHAEL ANGELO COVINO

CAST: MICHAEL ANGELO COVINO, KYLE MARVIN, GAYLE RANKIN, TALIA BALSAM, GEORGE WENDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wie viele echte Freunde hat man wirklich? Oder sind das doch nur Bekannte, Gelegenheitsbegleitungen oder nur gute Nachbarn? Kennt man sich zufällig nur über Dritte? Eine Freundschaft, die ist dann als solche zu bezeichnen, wenn sie vieles aushalten kann. Auch die schlimmsten Gemeinheiten. Eine Freundschaft, die ist fast nichts zufälliges mehr, sondern trägt eine gewisse Bestimmung in sich. Diese Bestimmung hält dann fürs Leben, auch wenn die Beziehung längst keine gesunde mehr ist oder über weite Strecken in einer winterschlafähnlichen Inaktivität vor sich hin dämmert. Peter Cornelius hat sie als unbequeme Freunde bezeichnet, mit denen man alles (nur nicht die Freundin) teilen, die einem alles sagen und denen man alles verzeihen kann. Quantität ist hierbei nicht Qualität und umgekehrt. Hat man solche Freunde, braucht man keine Feinde mehr. Denn kein Feind traut sich an so ein Buddy-Team heran.

Mike und Kyle sind solche Freunde. Und eines schönen sportbegeisterten Tages, als beide irgendwo in den französischen Bergen vor sich hin radeln, gesteht der eine dem anderen, mit seiner Verlobten im Bett gewesen zu sein. Kennt man aus vielen anderen romantischen Filmen. Aber das war’s dann schon mit der Gemeinsamkeit zum zweisamkeitstauglichen Mainstreamkino. In The Climb ist diese völlig deplatzierte Beichte Grundstein für das Psychogramm einer Beziehung zwischen zwei Männern, die ohneeinander nicht können, obwohl sie das vielleicht wollen würden. Dieses Dilemma zieht sich dann auch über mehrere Stationen ihres Lebens. Mike spannt also Kyle die Gattin aus, Jahre später stirbt diese an einer nicht näher definierten Krankheit, dann lädt Mikes Familie den seit Kindheitstagen bekannten Kyle an Weihnachten zur Party ein und so weiter und so fort. Kyle verschwindet einfach nicht aus Mikes Leben. Ja, wie schon gesagt: es ist wie vorherbestimmt.

Michael Angelo Covino, der diesen Film auch geschrieben, inszeniert, produziert und sich selbst als Mike besetzt hat, und Kyle Marvin, der mehr oder weniger ebenfalls sich selbst spielt – die beiden sind im wahren Leben tatsächlich Freunde, ungefähr so wie Matt Damon und Ben Affleck. Beide haben das Drehbuch verfasst, beide schenken sich in den versponnenen Dialogszenen und skurrilen Begebenheiten eigentlich nichts – außer ihre Bereitschaft, dem anderen in sein Leben zu pfuschen. Unwillkommen ist das Ganze nicht. Während alles andere im Leben der beiden anscheinend vergänglich ist, bleibt eines konstant: diese verdammte Freundschaftsdynamik.

The Climb ist Independentkino mit Etikette und Understatement. Entrückte Gesangs- und Akrobatikeinlagen dienen als Intermezzi zwischen den Anekdoten aus dem Buddy-Leben, die wiederum sehr unaufgeregt und fast beiläufig inszeniert sind und die ihre Qualität aus der Kunst des Weglassens nähren. Covinos menschelnde Miniaturen sind wie lose Seiten eines filmischen Tagebuchs, die Offensichtliches nicht mehrfach erklären müssen. Man sieht, die beiden Mannsbilder haben so ihren Spaß dabei, sich selbst und das Mysterium männlicher, heterosexueller Zweisamkeit wohlwollend aufs Korn zu nehmen. Wenn alle Stricke reißen, so scheint es, heirate ich eben meinen Buddy – könnte man meinen. Ach ja, und der eigene Sohnemann wird dann auch noch zur Konstanten.

The Climb

Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Bad Boys for Life

IN DECKUNG, BRUDER!

6/10

 

badboys3© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

CAST: WILL SMITH, MARTIN LAWRENCE, VANESSA HUDGENS, ALEXANDER LUDWIG, JOE PANTOLIANO, CHARLES MELTON U. A.

 

Whatcha gonna do, whatcha gonna do if they come for you. Ein cooler Song, den Inner Circle da in den 80ern auf den Markt gebracht hat. Ein cooler Song für ein cooles Duo, das Michael Bay hier Mitte der 90er in die Kinos brachte. Will Smith und Martin Lawrence, die hatten Synchro-Vibes sondergleichen, da waren beide auf einer Wellenlänge. Was Miami Vice nicht mehr geschafft hat, hat Bad Boys dann mit ordentlich mehr Action und Buddy-Klamauk im sonnigen Florida auf Schiene gebracht. Worum es in diesem Blockbuster und dem nächsten eigentlich gegangen ist, hat sich aus dem Gedächtnis verflüchtigt. Das weiß ich von der vierteiligen Lethal Weapon-Reihe auch nicht mehr. Beide haben aber etwas gemeinsam: das Konzept des Buddy-Movies, das erstmals in Nur 48 Stunden einen seiner erfolgreichsten Einstände erleben durfte. Seitdem hat sich hinsichtlich des Aufbaus eines solchen Films nicht viel verändert. Es gibt Humor, es gibt Action, meist geht’s um Rache oder um die Genugtuung, wenn die platten Bösen ihre Abreibung bekommen. Und die bekommen sie, das weiß jeder. Und immer im Rahmen eines knüppeldicken Finales. Ein bisschen Herz ist auch dabei, Freundschaft ganz groß geschrieben. Sie stehen zusammen, sie fallen zusammen, das sagen Lawrence und Smith ja immer. Schön, so einer gemähten Wiese zu folgen, da weiß man, was man bekommt. Wie bei einer Schüssel Popcorn. Und immer wieder nascht man diese doch gern.

Teil Drei hat Michael Bay nun in die Hände der beiden belgischen Filmemacher Adil El Arbi und Bilall Fallah gelegt (obwohl er sich seinen Cameo-Auftritt letztlich auch nicht verkneifen konnte) und dabei aber auch ein gutes Händchen bewiesen: Bad Boys for Life folgt den gleichen Pfaden wie all die anderen Buddy-Movies, die bereits schon mehrere Sequels am Buckel haben, löst die altbekannte Formel aber mit markttauglichem Witz, der diesmal fast zur Gänze auf das Konto von Martin Lawrence geht. Der in die Jahre gekommene Kalauerschieber und Dauerquassler wird Opa und freut sich auf die Rente. Fast zeitgleich wird Buddy Mike von Unbekannten angeschossen – klarerweise überlebt er und will sich rächen. Anfangs solo, aber mit einer Gruppe Special Force-Leuten als Deckung – A-Team und Charlies Angels lassen grüßen. Später kommt auch Lawrence alias Marcus wieder dazu. Und los geht’s, um eigenmächtig ihrem Namen nochmal alle Ehre zu machen. Die bösen Jungs steuern also in einem schaumgebremsten Michael-Bay-Gedächtnisfilm – flirrende Sonnenuntergänge, coole Schlitten, Sonnenbrillen und wenige, aber doch tiefe Zoten – einem üppigen Showdown entgegen, der mit ordentlich Schmackes und Budenzauber in voller Länge fast schon einer theatralischen Götterdämmerung gleichkommt, was natürlich ordentlich pathetisch wirkt. Fast wie bei einer Telenovela – und diese Ähnlichkeiten kommen nicht von ungefähr, hat John Carnahan (Das A-Team, The Grey) doch eine Story konstruiert, die sich klassischen Aha-Momenten aus dem serialen Genre von Liebe und Leidenschaft bedient.

Während Will Smith relativ solide sich selbst und niemanden sonst überrascht, hat Lawrence ein paar wirklich brüllkomische Momente, die das zweite Dacapo dann auch noch nachdrücklich in die Richtung Actionkomödie locken, was Smith alleine nicht hinbekommen hätte. Aber immerhin – sich auf seinen Partner zu verlassen ist wie in Abrahams Schoß zu verweilen. Als Dank dafür könnte Lawrence filmischer Chaos-Cop endlich in Rente gehen. Denn ob Bad Boys 4 die bewährte Schiene noch mal variieren kann, ist fraglich. Es sei denn, die Popcorn-Rechnung geht nochmal auf.

Bad Boys for Life

Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund

1917

REISE NACH MORDOR

7,5/10

 

1917© 2019 Universal Pictures

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: SAM MENDES

CAST: GEORGE MCCAY, DEAN-CHARLES CHAPMAN, COLIN FIRTH, RICHARD MADDEN, BENEDICT CUMBERBATCH U. A.

 

Es gibt Filme, viele Filme, die Bücher als Grundlage nehmen und diese dann komplett anders interpretieren oder eins zu eins verfilmen oder den Stoff einfach aufblasen. Es gibt Bücher, die lesen sich wie Filme. Und es gibt aber zu guter Letzt auch Filme, die sichtet man wie Bücher. Genau das ist bei den Werken von Sam Mendes der Fall. Der Brite mit dem Oscar für American Beauty ist zur Zeit wohl der Romancier des Kinos. Die Qualität des Erzählens von Geschichten liegt nicht jedem, vieles ist zu verkopft und nur in den Augen des Verfassers logisch. Bei Mendes ist das, was er erzählt, von solch einer narrativen Eleganz, dass das Publikum den Film rund um den Globus völlig ähnlich erfahren wird. Auch sein neuester Film, das Kriegsdrama 1917, entspricht dieser Fertigkeit – indem er ein erschütterndes Szenario so in eine Filmsprache bettet, dass man das Gefühl hat, einen Roman zu sehen, voller prosaischer Klasse, feinen bildsprachlichen Details und emotionaler Wärme. 1917 ist die Lyrik eines Krieges, so sehr und so weit auch beide Begriffe auseinanderliegen. Obwohl Mendes´ Oscar-Favorit nicht der erste Film ist, der so einen Weg wählt. Wir erinnern uns natürlich an Francis Ford Coppolas Apocalypse Now. Natürlich, ein ganz anderes Timbre, eine ganz andere Sprache und ein anderer Stil, aber auch er hat den Krieg nicht in seiner ganzen nackten Schrecklichkeit bloßgelegt, sondern als Traumgespinst verformt, als ein Gespenst für einen destruktiven Zustand.

1917 ist eine ähnliche Odyssee. Zwar eine, die nicht ganz so in die Dunkelheit wie bei Coppola führt, aber dorthin, wo zwei Soldaten mit einer sehr dringlichen Nachricht hineilen, scheint auch nicht wirklich die Sonne. Schauplatz ist Frankreich, ein Jahr vor dem Kriegsende, Schützengraben überall. Zerstörte Erde, endzeitliche Zustände. Die Nerven liegen blank. Den Stellungs- und Grabenkrieg in Frankreich, den hatte schon Erich Maria Remarque in seinem schrecklich traurigen Klassiker Im Westen nichts Neues beschrieben – und das in einer sehr drastischen, aber zutiefst hypnotischen Sprache. Diese Sogwirkung hat auch 1917, schon allein dadurch, dass Mendes´ Film wie ein One Shot wirkt. Wer nach der Eingangssequenz, in der die Kamera den beiden Soldaten scheinbar ewig durch den Schützengraben folgt, noch nicht mittendrin im Geschehen weilt, der hat woanders hingesehen. Kameramann Deakins leistet wieder mal Erstaunliches. Der Aufwand für diesen Film muss ebenfalls enorm gewesen sein. Hier scheint der Naturalismus Teil des Casts zu sein, hier ist der Boden, der Schlamm, die verbrannten Bäume und all die tierischen und menschlichen Kadaver in all ihren unterschiedlichen Verwesungszuständen so plastisch, als würde man selbst darin wühlen, in diesem verheerten Chaos, das die beiden Protagonisten umgibt. Und die sind standhaft, vorsichtig, haben einen Auftrag – wie Frodo und Samweis, die Richtung Mordor gingen, beide füreinander da, beide im Sinne für alles, was kein Krieg ist. Leicht kippt das Unaussprechliche in ein Mittelerde, wo das Gute in den Händen der Schwachen liegt, die sich dem Gigantismus des Krieges scheinbar nur schwer entgegenstellen können. Jedoch hat Pathos, falsches Pathos in Mendes Werk nichts verloren, sein Film ist das Intonieren eines vergessenen Refrains, der an der Front davor bewahrt, nicht ganz den Verstand zu verlieren. Und tatsächlich tönt im Film irgendwann auch ein solches wehmütiges Lied durch den Hain.

Petersen hat mit Das Boot die Gefühlswelten junger Soldaten bislang am besten eingefangen. Mendes schafft das mit 1917 ebenso, allerdings sind die Aussichten auf bessere Zeiten im Gegensatz zum U-Boot-Drama zumindest welche, für die es sich lohnt, am Leben zu bleiben. Nihilismus hat bei Mendes keinen Platz, das Gute ist da, aber hält sich versteckt. Ein Antikriegsfilm ist 1917 somit nicht geworden, sondern eine epische Erzählung für nur einen Tag, zwischen expressionistischen Kontrasten auf weitem Feld und den kargen letzten Krümeln einer Freundschaft, die George McKay aufliest, bis zum Ziel. Doch dieses ist nur eine Etappe, bis die Schlacht wieder beginnt, und neue Befehle wieder jemanden durchs Niemandsland schicken.

1917