House of Gucci

MADE IN ITALY

5,5/10


houseofgucci© 2021 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RIDLEY SCOTT

CAST: LADY GAGA, ADAM DRIVER, JARED LETO, AL PACINO, JEREMY IRONS, SALMA HAYEK, CAMILLE COTTIN, JACK HUSTON, REEVE CARNEY U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Ridley Scott, der momentan damit hadern muss, dass alle Welt seinen letzten Film (nämlich The Last Duel) nicht versteht, macht gelegentlich auch mal was anderes als nur Science-Fiction oder Weltgeschichte. Womit er ebenfalls liebäugelt, das sind gesellschaftsrelevante Skandale, die in ihrer akuten Phase so viel PR angelockt haben, um später noch kinotauglich zu sein. Wir erinnern uns: Christopher Plummer als Inkarnation von Dagobert Duck hatte in Alles Geld der Welt für die entführte Verwandtschaft keinen einzigen Cent übrig. Dieses Jahr zirkuliert die Lire im Norden Italiens, genauer gesagt in Mailand rund um feines Leder und noble Kleidung. Es geht um Gucci – eine jede und ein jeder kennt die Marke, auf schicken Flaniermeilen lässt sich das eine oder andere Monatsgehalt für Taschen in bekanntem Muster erstehen, auch sonstiges ledernes Accessoire und natürlich auch Schuhe mit – wenn’s hochkommt – Blattgoldeinsatz für den dekadenten Geschäftsmann. Hier ist Reichtum keine Schande, die Gier danach aber auf jeden Fall. Dabei hat alles so begonnen wie in einer klassischen Seifenoper: Ein Mädel aus dem Hemdsärmel-Business trifft in einer Bar den schicken Sprössling nämlichen Modehandels – und wittert natürlich ihre große Chance. Sie verliebt sich (oder auch nicht, das weiß man nicht so genau), lässt nicht locker, bezirzt den phlegmatischen Lulatsch, bis der klein beigibt und beide heiraten. Patricia, so heißt sie, ist nun eine Gucci, sehr zum Leidwesen des Schwiegervaters, jedoch zur Freude des charismatischen Onkels, der das Geschäft mehr oder weniger im Alleingang führt, und stets darauf achtet, dass sein eigener exzentrischer Sohn mit seinen kreativen Allüren den Geldhahn nicht verstopft. Dabei entgeht ihm, wie Patricia drauf und dran ist, sich das Familienunternehmen gänzlich unter den eigenen Nagel zu reißen

Für diesen etwas anderen, aber wuchtigen Familienfilm hat Ridley Scott sogleich Fashion-, Stil- und Popikone Lady Gaga nach Mailand einfliegen lassen, hat die doch sowieso italienische Wurzeln und hört nicht selten auf den Namen Stefani Germanotta. Als längst gefragte und tatsächlich höchst talentierte Schauspielerin schlüpft sie in die schillernde Rolle der Gucci-Mörderin Patricia Reggiani mit allen nur erdenklichen Jetset-Attitüden einer Möchtegern-Neureichen, die mit gehörig Feuer im Hintern die alten Geschäftshasen auf die Ersatzbank verweisen will. Der üppigen Matrone, die ihre Kurven ins Gefecht führt und auf High Heels dahergestelzt kommt wie keine andere, verleiht Lady Gaga ein Temperament, wie es seinerzeit Angela Channing in Falcon Crest hatte. Nur statt Wein ist es diesmal Leder, und einer wie Al Pacino ist da gleich ganz abgelenkt, wobei der Alt-Pate keinesfalls darauf vergisst, seinen ebensolchen europäischen Ursprung, verbunden mit seinen gewohnten, gern gesehenen Manierismen zu verbinden. Die Rechnung geht auf: seine Rolle als Onkel Aldo Gucci ist ein durchgetaktetes Vergnügen und die Darstellung eines weltgewandten, aber stark traditionsverbundenen Lebemanns, der noch lange vor trendigen NLP-Strömungen mit Wortgewandtheit den Laden schmeißt. Jared Leto versucht das auch, gerät aber zur Witzfigur. Auch das kann authentisch sein, Witzfiguren gibt es in der Geschichte genug, nur bleibt immer noch seltsam, wieso sich durchs Tragen eines gänzlich anderen Gesichts die Qualität eines Schauspiels definieren soll.

Ernüchternd blass bleibt hingegen Adam Driver, der momentan überall heiß gehandelt wird. Vielleicht, weil er Teamgeist hat, was für den Dreh durchaus von Wert sein kann. In seiner Performance greift er auf Routine zurück und geht sogar so weit, seiner schwer verwechselbaren Erscheinung zu genügen. Herumstehen reicht trotzdem nicht, und Lady Gaga spielt ihren Partner an die Wand. Was also in Erinnerung bleibt, ist das energisch vibrierende Dekolletee einer wandelbaren Künstlerin, die leider allzu oft eine True Story tragen muss, die sich bei einer Spieldauer von zweieinhalb Stunden reichlich ausdünnt. Deutlich zu lang ist Scotts Neuzeitwerk. Der Schwanengesang für ein Unternehmen, dass sich selbst ins Aus schießt, wäre in knappen neunzig Minuten ausreichend durchgesungen.

House of Gucci

Jacques – Entdecker der Ozeane

VON SAULUS ZU PAULUS

7,5/10

 

jaques

REGIE: JÉRÔME SALLE
MIT LAMBERT WILSON, AUDREY TAUTOU, PIERRE NINEY

 

Erinnert Ihr euch noch an Wes Anderson´s pseudobiografische Unterwasserdramödie Die Tiefseetaucher? Ja genau – jener Film, in dem Bill Murray diese rote Mütze trägt. Für jene, die es nicht wissen: diese Mütze ist eine Hommage an einen der Unterwasserpioniere des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine Verbeugung vor niemand Geringerem als Jacques-Yves Cousteau, der mit seinem Forschungsschiff Calypso die Weltmeere befahren und erstmals bewegte Bilder jenseits des Meeresspiegels eingefangen hat. Allerdings war Cousteau nicht der einzige Pionier zu dieser Zeit. In Österreich hat der Forscher und Fotograf Hans Hass mit dem Patent eines völlig neu entwickelten Tauchgerätes von sich Reden gemacht. Beide gelten als die Begründer der Unterwasserdokumentation. Eine neue Sicht auf die Flora und Fauna unseres Planeten war geboren. Etwas, das man bislang nur erahnen konnte, zeigte sich nun auf den großen Leinwänden der Lichtspielhäuser, in Schwarzweiß wohlgemerkt. Dennoch – die Faszination für dieses Fremde hat Tausende ins Kino gelockt. Soviel Exotik war kaum auszuhalten. Für seinen Klassiker Die schweigende Welt wurde Cousteau sogar mit der Goldenen Palme und dem Oscar geehrt. 

In seinem biografischen Drama Jacques – Entdecker der Ozeane zeichnet Jérôme Salle, Regisseur von Largo Winch und dem knallharten Südafrika-Thriller Zulu, ein differenzierteres, wenn nicht sogar kritisches, weil ehrliches Portrait des Tauchpioniers. Jacques-Yves Cousteau war ein enorm kreativer Kopf und Meister seines Fachs. Jenseits seiner Obession aber musste er erstmal kläglich scheitern. Familie und die Bewahrung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten kamen erst lange nach seinen ehrgeizigen Zielen an die Reihe. Angestachelt von den Möglichkeiten, die Industrie und Technik in den letzten Jahrzehnten offenbart haben, wird aus einem Freigeist ein egozentrischer Geschäftsmann, der die Eroberung des Meeres durch den Menschen bewarb und seine Vision von ganzen Unterwasserstädten auf den Meeresboden realisieren wollte. Dass es ihm hierbei anfangs nicht mal ansatzweise um das schützenswerte, höchst sensible Ökosystem der Weltmeere ging, ist eine desillusionierende, zumindest filmische Wahrheit, dessen Authentizität man wahrscheinlich beim Querlesen weiterer biografischer Daten bestätigt sehen wird. Cousteau war Regisseur, Produzent und Geldhai, ein Idealist mit dem Auftrag, die Natur zu technologisieren. Abschreckend, dieses Bild eines großspurigen Captain Nemo. Wie kann das sein, galt der Abenteurer doch immer als Heiliger der Meeresforschung?

Nun, um zu diesem Schluss zurückzufinden, bedarf es der ganzen Geschichte. Und die erzählt Salle im Einverständnis mit seinem Hauptdarsteller Lambert Wilson auf eindringliche, fesselnde und dramaturgisch dichte Art und Weise. Wilson meistert den Kraftakt eines öffentlichen Menschen mit großer Bravour. Das hagere Gesicht, die rote Mütze, das egozentrische Verhalten, den verblendeten Blick auf die Realität – Wilson nähert sich der historischen Figur mit tosender, ungestümer Treffsicherheit an. Ganz so wie Ulrich Tukur in der für das Fernsehen produzierten Biografie des deutschen Tierschützers Bernhard Grzimek. Der Erzählstil und die Struktur beider Filme ähneln sich sehr. Beide setzen ihren Fokus auf die private Person hinter ihren Publikationen. Ihre Werke und ihre Taten sind zwar Knoten im roten Faden der Geschichte, lassen aber Platz für genaue Charakterzeichnungen. Wilson zur Seite steht eine bemerkenswerte Audrey Tautou. Kettenrauchend, forsch und mit unkenntlich machender Frisur a la Simone Signoret zeigt sich die ehemalige Amelie wiedermal von ihrer besten Seite.

Nach dem Tod seines Sohnes Philippe wandelt sich Cousteau vom Saulus zum Paulus. Aus dem Profitgeier wird ein Aktivist zugunsten des Naturschutzes. Spät, aber doch, haben wir den Mann mit der Mütze nun dort, wo wir ihn haben wollten. Und ganz so wie wir ihn uns vorstellen. Jacques ist ein episches, intensives Drama um die Verwirklichung eines Lebenstraums. Voll falscher Entscheidungen, Reue und einem Neuanfang. 

Jacques – Entdecker der Ozeane