John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

4,5/10

 

johnwick3© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: CHAD STAHELSKI

CAST: KEANU REEVES, HALLE BERRY, LAURENCE FISHBURNE, IAN MCSHANE, ASIA KATE DILLON, JEROME FLYNN, ANJELICA HUSTON U. A.

 

Manchmal, wenn es gerade mal mehr schlecht als recht läuft, gibt es einen Song, bei dem ich die Shuffle-Funktion meiner Playlist abstelle und den tröstenden Ohrwurm direkt anwähle. Es ist dies der Song der Toten Hosen mit dem so bezeichnenden und motivierenden Titel: Steh auf. Und dann grölt Campino ins Mikrofon, dass dies zu tun sei, nämlich aufzustehen, wenn man am Boden ist. Und dann nochmal, wenn man da unten liegt. Die Toten Hosen haben damit einen Song geschrieben, den sollte sich Keanu Reeves unbedingt und am besten gestern und wenn geht noch vor 18 Uhr hinter die Ohren schreiben. Kein anderer Song bringt den dritten Anlauf des wohl tödlichsten Hustenzuckerls der Welt so auf den Punkt wie dieser. Denn so oft wie der strähnig schwarzhaarige Stoiker auch hinfällt, er steht gefühlt öfters wieder auf. Und das macht ihn zu einer Kampfmaschine, wie es sie real gar nicht geben kann. Aber das wissen wir, spätestens seit dem augenzwinkernd zweiten Teil eines erfolgreichen Franchise, der damit endet, dass die Assassinengilde quer über den ganzen Erdball in freudiger Erwartung zum Halali auf den mieselsüchtigen Ernstling bläst. Eine Fortsetzung war da garantiert, denn auch wenn das Original außer einem hohen Bodycount nichts zu bieten hatte, hat Teil 2, der größtenteils in Italien spielt, einen gewissen Sinn fürs comichaft Überzeichnete entwickelt, das geradezu ins Absurde geht – und dem ganze Brimborium gut zu Gesicht steht.

Dieses Konzept will Chad Stahelksi auch im derzeit aktuellen Sequel unter die Killer mischen. Und entwirft eine unter der Fuchtel der ominösen Hohen Kammer stehende dunkle Parallelgesellschaft aus Mördern, Kopfgeldjägern und Auftragskillern, die nur mehr ein Ziel haben, nämlich John Wick zur Strecke zu bringen und das Kopfgeld von 15 Millionen zu kassieren. Das mit Tötungsverbot belegte Continental-Hotel in New York bietet auch keinen Schutz mehr – hat der Schauplatz doch erst den Stein ins Rollen gebracht. Und so hetzt die Meute den Wolf. Und der hechelt im Kleiderbaueranzug, durchnässt, verschwitzt und blutend durch eine verregnete Metropole, die fast schon an ein blaustichiges Sin City erinnert. Diese gehetzte Düsternis, dieses panisch Zufluchtsuchende, das sind die besten Minuten in diesem Film. Vor allem dann noch, wenn die Uhr tickt, bevor zur vollen Stunde der gebürtige Weissrusse zum Freiwild erklärt wird, hat der Thriller doch einiges an dystopischer Suspense zu bieten. Die aber verfliegt, nachdem unser geschundener Held auf einen anderen Kontinent wechselt. Was dann mit John Wick: Chapter 3 – Parabellum passiert, fällt in die Kategorie gepflegte Langeweile für Actionchoreographen, die ihre Schüler rangelassen haben, um mit Messern, Macheten und Schießeisen aller Art eine Art Ausdruckstanz zu veranstalten, der aber Kalibern wie The Raid bei weitem nicht das Pflaster reichen kann. Gareth Evans‘ Immobilien-Gemetzel ist zwar saubrutal, dafür fallen die kampfeswütigen Finsterlinge in so ausgesuchter Akrobatik, das Brutalität plötzlich zur freilich fragwürdigen Kunst wird. Die in diesem Film hier eigentlich alle ziemlich stümperhaften Todesbringer fallen wie schlaftrunkene Fliegen beim Abklatschen über einer Kuhflade, so wirklich Paroli bietet keiner von denen, nicht mal die Endgegner, die so lästig sind wie rollige Karnickel und andauernd um den sowieso schon völlig fertigen John Wick herumscharwenzeln, um ihm da und dort noch eine zu semmeln. Reeves erinnert mich dabei ein bisschen an Peter Sellers in der Eingangsszene zu seinem Slapstickstreifen Der Partyschreck. Da mimt er einen Fremdenlegionär, der bereits schon was weiß ich wie oft von feindlichen Kugeln getroffen wurde, und sich immer wieder und scheinbar endlos aufrafft, um ins Horn zu trompeten. Diese okkulte Widerstandsfähigkeit haben entweder Engel, Dämonen oder eben strähnige, lakonische Wüteriche in Schwarz, die sogar in die Wüste geschickt werden.

John Wick: Chapter 3 – Parabellum bezieht sich auf das lateinische Zitat Si vis pacem para bellum was soviel heisst wie Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor. Klar, der Krieg wird nicht nur vorbereitet, er findet auch statt. Und das ist ungefähr so vorhersehbar und überraschend wie bei den Expendables – und wirklich um einige Viertelstunden zu lange. Wenn man glaubt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch ein Arschtritt daher. Letzten Endes wünscht man sich nicht nur einmal Time Out. Hätte John Wick doch wenigstens mehr Stil, hätte er einen Killerinstinkt, der andere glauben lässt, es gäbe ihn gar nicht. Szenenweise gelingt ihm das auch, vielleicht auch rein zufällig, wie beim blinden Huhn und dem Korn. Da hat der Film dann wieder seine feinen Actionspitzen doch meist bleibt es bei fuchtelndem Handgemenge, bis einer weint. Das ist redundant, man blickt auf die Uhr, zählt die Toten schon lange nicht mehr, und befindet das schleppende zweite Sequel als wenig originelle Übersprungshandlung, die im bereits zugesichertem Teil 4 noch größere Kreise ziehen wird. Und wir wissen – Quantität ist nicht gleich Qualität, auch nicht beim Bodycount.

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

Hotel Artemis

EIN HERZ FÜR VERBRECHER

4/10

 

hotelartemis© 2000-2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW PEARCE

CAST: JODIE FOSTER, STERLING K. BROWN, SOFIA BOUTELLA, DAVE BAUTISTA, ZACHARY QUINTO, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

In Anbetracht ihres selbstlosen Engagements für Notbedürftige ließe sich die ältere Dame mit dem Watschelgang ja gut und gerne mit karitativen Größen wie Mutter Theresa oder Ute Bock vergleichen – wenn wir die Klientel der Hilfesuchenden mal scheuklappenartig ausklammern würden. Doch das funktioniert vielleicht nicht ganz so gut, ist die dem Hochprozentigen nicht ganz abgeneigte, relativ verlebte Krankenschwester Jean Thomas einzig und allein für das körperliche Wohlbefinden diverser Schwer- und Leichtverbrecher verantwortlich, die in besagtem Hotel Artemis Zuflucht suchen. Diese Einrichtung ist Kopfteil eines baufälligen Hochhauses, beworben mit satter Leuchtreklame, inmitten eines tristen Los Angeles der Zukunft, in dem ein Aufstand geprobt wird, der einem Bürgerkrieg gleicht. Ein Zustand wie in John Carpenter ´s düsterem Klassiker Die Klapperschlange, oder als hätten wir wieder eine der Purge-Nächte durchzustehen. Aber immerhin gibt es eine Exekutive, die der ganzen Anarchie versucht, Herr zu werden. Umso schwieriger, wenn die bösen Buben und Mädels sich andauernd verarzten lassen, um erneut loszuschlagen. Aber was soll eine verlorene Seele wie Jean Thomas auch groß anderes machen, führt sie das spärlich besuchte Hotel wie die gutmütige Ausgabe einer Schwester Ratchet (ihr erinnert euch: Einer flog übers Kuckucksnest, Oscar für Louise Fletcher) und hat allerlei Spielregeln festgelegt, nach deren Pfeife selbst der Unterweltboss aller Unterweltbosse tanzen muss: Keine Waffen, keinen Streit, keine Toten. Ein Leo also, ähnlich wie das deutlich luxuriösere Elysium im Universum eines John Wick. Wenn dann aber plötzlich Killer und Zielperson gemeinsam das Etablissement aufsuchen, müssen Regeln einfach nur dazu da sein, um gebrochen zu werden. Mittendrin eine verzweifelt händeringende Jodie Foster, die nicht nur von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Die seit Kindertagen in der Filmbranche umtriebige Jodie Foster, die hat sich für den dystopischen Thriller Hotel Artemis viele graue Haare wachsen lassen. Und nicht nur das – auch maskentechnisch hat die Gute Jahrzehnte übersprungen. Da eilt sie dahin, durch die spärlich beleuchteten Gänge eines alten, schmuddeligen Hotels im Art Deco-Stil, die Zimmer mit Palmenornamentik und Wasserfällen kunstvoll tapeziert. Jedes dieser Räume ausgestattet mit medizinischen Geräten am neuesten Stand, damit jeder kugeldurchsiebte oder aufgeschlitzte Gauner auch relativ diskret genesen kann. Die Grundelemente dieses Filmes, die wir hier zur Hand haben, mit denen ließe sich ja tatsächlich einiges anstellen. Nur Regisseur Drew Pearce war womöglich nicht so ganz klar, was genau. Wichtig dürfte womöglich gewesen sein, und wichtiger auch als alles andere, den Thriller so prominent zu besetzen wie möglich. Unter der Besetzungsliste finden sich Althasen wie Jeff Goldblum in der erschreckend blassen Rolle eines Geschäftsmannes, der da der Oberboss sein will, maximal aber so bedrohlich ist wie der Herr Sektionschef Lafite aus der lieben Familie, allerdings mit Schussverletzung. Und jede Menge trendiger Studiolieblinge wie Neo-Spock Zachary Quinto, Dave Bautista und die sinnliche Sofia Boutella, die szenenweise so richtig aufräumen darf. Spätestens bei diesen Sequenzen wird klar, dass Drew Pearce so etwas Ähnliches wie Gareth Evans machen wollte. So etwas wie The Raid. Die Besetzung eines Hotels, wo jeder gegen jeden antritt, und wo so viele Blutwunden versorgt werden wollen, dass Jodie Foster´s Krankenschwester-Figur unweigerlich in ein Burnout steuern würde, klingt natürlich reizvoll. Boutella fetzt wie Martial-Arts-Cop Rama im Abendkleid durch die roten Velourgänge und macht keine Gefangenen – beeindruckend bebildert, aber abgekupfert. Und als hätte Hotel Artemis nur begrenzte Zeit zur Verfügung, hudelt sich die Killerhatz mit Stethoskop und Wundverband zu einem fragmentarischen, ärgerlich unauserzählten Ende, das eigentlich nur eine Kompromisslösung sein dürfte – freiwillig bringt kein Regisseur sein Werk so derart geschludert bis zum Credit-Abspann. Und was noch mehr enttäuscht als die fadenscheinige Schundheftromantik eines Thrillers: Jodie Fosters gestelztes Spiel. Auch sie war schon mal um Hotellobbys besser, auch sie hatte schon mal mehr Subtext in petto als hier im weißen Kilt, der zwar relativ schnell blutig wird, aber sonst eigentlich für nichts anderes gut ist. Das Schicksal dieser Jean Thomas berührt obendrein nicht mal ansatzweise, was wohl an ihrer mangelnden Charakterisierung liegen mag.

Hotel Artemis ist wie der 90minütige Trailer zur einer ganz anderen, aber auserzählten Adrenalin-Social-Fiction, der vieles nachmacht und glaubt, dass Quantität in der Besetzung alle Lücken im Text wieder wettmacht. So viel Tupfer, Skalpell und Zwirn kann man gar nicht haben, um all das zu vernähen, was irgendwie wund läuft. Ein Teil des Ganzen aber bleibt verschontvielleicht, das Setting im Hintergrund, die Endzeit, die in explosionslastigem Kampflärm nebenbei erklingt. Das dramaturgische Kerngeschäft hingegen laboriert verblutend und wartet auf ein Pflegepersonal, das sich längt freigenommen hat.

Hotel Artemis

Rendel

PECHMARIE IM RACHEWAHN

6/10

 

rendel© 2017 Splendid Film

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: JESSE HAAJA

MIT KRISTOFER GUMMERUS, RAMI RUSINEN, MATTI ONNISMAA U. A.

 

Das wohl exzentrischste Land Europas hat schon ein bisschen die Nase voll. Als verhaltensauffälliges Filmland ist Finnland der Experte für lakonische Tragikomik zwischen schwärzestem Humor und pragmatischem Improvisationstalent, was Leben abseits des Gängigen betrifft. Damit hat aber Finnland längst nicht mehr genug. Kaurismäki allein kann es doch nicht gewesen sein. Also probiert Finnland trashiges Actionkino wie Big Game mit US-Export Samuel L. Jackson oder bizarre Fantasy wie Rare Exports. Der verstohlene Blick aufs benachbarte Filmangebot erspäht eine klaffende Lücke. Überall poppt das Superheldenkino aus den Budgettöpfen, selbst Russland schwimmt im Fahrwasser von Marvel und Co, ist allerdings relativ kleinlaut mit Guardians als deklarierter Nichtschwimmer untergegangen. Was dieser Westen also kann, denkt sich Finnland, wollen wir auch können. Das haben wir noch nicht. Und was nicht ist, kann noch werden. Die Sondierung passender Vorbilder hat wahrscheinlich nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen, ein für den hohen Norden passender düsterer Held wie The Punisher oder Spawn war bald gefunden. Batman lässt Finnland mal außen vor, allerdings wäre ein Elk-Man auch nicht schlecht, nur den hat schon IKEA.

Also taucht im Film der geknechtete Familienvater, der sich so eigentlich gar nicht mehr nennen darf, da er alles verliert, was ihm jemals wichtig war, nämlich die Familie, seine Finger tief ins Pech, um sich selbst zu entstellen. Da muss Mann schon ziemlich pfeif drauf sein und wie schon erwähnt nichts mehr zu verlieren haben. Diese hoch adhäsive Substanz, mit welcher sich Rendel irreversiblen Schaden zufügt, ist zäh und aggressiv. dringt in die Haut und ist nicht wieder ablösbar. Formschön zuggeschnitzt, macht die neue Rächer-Visage aber so einiges her. In Lederjacke und alptraumhafter Larve zieht der gebrochene Finsterling in den Krieg, eine traurige Gestalt, wie zurückgekehrt aus der Hölle. Was dann folgt, ist Rache. Die wird frei nach klingonischem Sprichwort am besten kalt serviert. So kalt wie die finnische Polarnacht.

Dem Comiczeichner Jesse Haaja ist ein Traum in Erfüllung gegangen, den so einige Kreative ebenfalls gerne verwirklicht sehen würden. Haaja hat seine eigene Kreation in Szene gesetzt, ebenfalls auch das Drehbuch geschrieben und inszeniert obendrein. Alles aus einer Hand. Saubere Arbeit, kann ich nur sagen. Sehr blutig, sehr brutal, allerdings aber auch sehr abgeguckt. Eigene Ideen im Plot finden sich nur wenige, vieles kennt man schon von den einsamen Racheengeln aus Übersee. Der Vater-Sohn-Konflikt bei den Schurken hat wieder so eine typisch skandinavische Handschrift, da übergibt sich die Tristesse und hat keine Chance mehr auf Genesung.

Rendel – was aus dem Ungarischen kommt und so viel heißt wie „Bestellung“ (fragt mich nicht, das ist sowas von skurril, erklärt sich aber während der Handlung…) ist fast schon vergessenes Anti-Superheldenkino vom Rande, vom Kinoverleih scheinbar verlacht und verstoßen. Nirgendwo anders würde sich Rendel wohler fühlen. Natürlich vorhersehbar, erstaunlich unzynisch, aber durchaus stylish, edel fotografiert und von konstanter Stimmung. Finnland kann´s zumindest besser als der russische Nachbar, dafür gibt’s von meiner Seite grünes Polarlicht.

Rendel

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin

John Wick: Kapitel 2

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

7/10

 

wick2

LAND: USA 2017
REGIE: CHAD STAHELSKI
MIT KEEANU REEVES, IAN MCSHANE, RUBY ROSE, LAWRENCE FISHBURNE

 

Da bittet man schon John Wick um einen Gefallen, und dann das! Vor allem, wenn John Wick eine Schuld zu begleichen hat. Da kann man schließlich alles verlangen. Dumm nur, wenn John Wick nicht mehr will. Jetzt hat er ein neues Auto und einen Hund und ein nobles Zuhause – das will der Superkiller nicht mehr morden, sondern in den vorzeitigen Ruhestand treten. Keine Ahnung, was man als menschliche Tötungsmaschine macht, wenn man nicht mehr töten will. Im Supermarkt arbeiten? Andere Killer coachen? Nicht wenn das Schuldmedaillon noch in Gebrauch ist. Mit Blut beeidigt und unabwendbar. Also muss John Wick noch mal ans Eingemachte gehen. Und jemanden erledigen. Nicht irgendwen. Ein hohes Tier im Gomorrha-Syndikat. Man kann sich eigentlich denken, wen der Anzugträger mit Brillantine im Haar da alles aus dem Weg räumen muss.

Was aber überrascht, ist, dass John Wick: Kapitel 2 deutlich besser gelungen ist als der Erstling. Das liegt sicher nicht an Keeanu Reeves. Die ehemalige Matrix-Ikone hat schauspielerisch mittlerweile ungefähr so viel drauf wie Jean Claude Van Damme und bedient sich im Laufe des Filmes im Grunde einer einzigen Mimik. Die des verkniffenen Dreinblickens. Aber sei’s drum. Der Film ist ohnehin so abgehoben wie ein Ego Shooter und teilweise so überzeichnet wie das Ballerkino aus Asien. Nehmen wir nur The Raid. Tatsächlich dürfte sich Regisseur Chad Stahelski, der Teil 1 noch gemeinsam mit Atomic Blonde-Macher David Leitch auf sein Publikum losgelassen hat, einiges am Body Count der mittlerweile zweiteiligen Blutoper abgeguckt haben. Weg von der Schmuddel-Action aus dem Videokeller, stattdessen finden die Schusswechsel in anspruchsvollen Settings statt. Kaltes Neonlicht, verspiegelte Aufzüge, die Ruinen von Rom – Stahelski weiß sein knallhartes Männerkino in Szene zu setzen.

Mitunter etwas prätentiös, ist John Wick: Kapitel 2 allerdings nicht ganz frei von bizarren, fast schon ins irreale tangierenden Momenten. Da fällt mir Sin City ein – auch in diesen äußerst brutalen, aber stilistisch hochkomplexen Unterweltfilmen haben wir es längst nicht mehr mit der Realität zu tun. Da gibt es unter anderem gelbe Gnome und bis an die Zähe bewaffnete Amazonen. John Wick geht nicht so weit. Da genügen schon Extras wie das Hotel Intercontinental, eine Freihandelszone und eine Art Leo für alle Killer dieser Welt. Und da gibt es die Meute, die den Wolf hetzt. Der Wolf, das ist John Wick. Wenn er zum Gejagten wird, macht die Action noch mehr Spaß. Die Meute, das sind Menschen wie wir, in Wahrheit aber alles Killer.

Durch die radikale Karikierung einer Welt der Toten und der Tötenden gefällt John Wick: Kapitel 2 vor allem durch eines: die rücksichtslose, augenzwinkernde Erschaffung einer eigenen Welt. In der Blut genauso dick ist wie Wasser.

John Wick: Kapitel 2

Killer´s Bodyguard

JACKSON´S HIGH FIVE

6/10

 

killersbodyguard

LAND: USA 2017
REGIE: PATRICK HUGHES
MIT SAMUEL L. JACKSON, RYAN REYNOLDS, SALMA HAYEK, GARY OLDMAN

 

Was tun nach einem entbehrungsreichen Arbeitstag unter der Woche? Am Besten ins After-Work-Kino gleich ums Eck. Popcorn, ein Getränk mit Blubberblasen, Hirn abschalten und den Rest des Tages einfach nur noch genießen. Da möchte vor allem Mann gerne nur klotzen, ohne mitdenken zu müssen. Denn Kino ist vor allem und für solche Fälle zu Unterhaltung da. Zur Zerstreuung, nicht zur Belastung. Kunst hat hier Pause. Ein Buddy-Movie muss her. Aber eines von den guten.

Bitte, da hätten wir ja schon genau das Richtige im Wochenprogramm der urbanen Kinos: The Hitman´s Bodyguard. Für alle, die nicht wissen, was ein Hitman ist, haben die Verleiher den Titel eingedeutscht in Killer´s Bodyguard. Was ein Killer ist weiß also jeder. Aber kein Killer ist so wie der alte Sack Samuel L Jackson. Mit anderen Worten eine coole Sau, die einzig und allein und immer sich selbst spielt und sich im wahren Leben wahrscheinlich genau so wenig um Unannehmlichkeiten schert wie vor der Kamera. Es gab eine Zeit, da hat Samuel L. Jackson in fast jedem Film mitgespielt, und sei es auch nur eine kleine Nebenrolle. Samuel war immer und überall, und ist es auch heute noch. Ein Phänomen, der Mann. Ein fleischgewordener Chuck-Norris-Witz, nur wüsste ich adhoc nicht, unter wem sich die Erde schneller wegdreht. Unter dem Kampfsportler oder unter dem glatzköpfigen „Motherfucker“ Jackson? Wo Samuel L. Jackson draufsteht, ist Samuel L. Jackson drin. Womöglich lieben ihn die Filmemacher. Weil er eben keinen Plan hat. Und einfach ist wie er ist. Ganz so wie im Film. Wahrscheinlich ein enorm einnehmender, humorvoller Zeitgenosse. Und womöglich auch nicht überbezahlt. Schon allein wegen diesem Buddy, der sich gebärdet wie eine Mischung aus Bruce Willis und Eddie Murphy, ist Killer´s Bodyguard ein kurzweiliges Vergnügen. Ein enorm seichtes zwar, mit einer Story so schlicht wie ein lässiger Oneliner, aber ein Vergnügen. Dazu trägt auch die irre Salma Hayek bei, die jedwede kunstinnige Aura einer Frida Kahlo hinter sich gelassen hat, um als dauerfluchende Killerqueen mit Knackarsch Männerfantasien neu zu entfachen. Zumindest die von Samuel L. Jackson. Von Deadpool Ryan Reynolds wohl eher weniger. Der versucht sich als Saubermann mit Regeln – ein guter Konterpart in diesem Zweiergespann, der aber meist gegen die Dauerdominanz seines Spielpartners nicht ankommt. Auch sitzt natürlich nicht jeder Gag, was bei Buddy-Movies fast unmöglich ist. Und wer sich noch an die alten Haudegen Nick Nolte und Eddie Murphy erinnern kann, denen nur 48 Stunden für ihr Himmelfahrtskommando geblieben sind, wird sich ungefähr vorstellen können, womit er rechnen muss. Mit Kalauern, jeder Menge Pyrotechnik und dem reuelosen Abknallen von offensichtlichen Bösewichten an der Grenze zur Selbstparodie. Das Kunstblut spritzt, und serviert wird, was bestellt ist. Dazu grinsen wir mal zähnefletschend, so wie Samuel L. Jackson.

Killer´s Bodyguard

The Raid 2

VON WEGEN BLUTIGE ANFÄNGER

7/10

 

raid2

REGIE: GARETH EVANS
MIT IKO UWAIS, YAYAN RUHIAN, ARIFIN PUTRA

 

Nein, schön anzusehen ist dieser Film nicht. Und auch nichts für Leute, die kein Blut sehen können. Eher was für Fans von The Walking Dead. Nur, dass es in Gareth Evan´s Sequel des indonesischen Actionthrillers The Raid keine Zombies gibt, sondern gewöhnliche Sterbliche. Und die Apokalypse ist auch noch nicht ausgebrochen – möchte man meinen. Nun, in der Unterwelt vielleicht schon. In der indonesischen Unterwelt. Denn dort werden keine Gefangenen gemacht. Es gilt der Bandenkrieg bis zur totalen Vernichtung. Und mittendrin: Rama. Diesen Martial Arts-Hero kennen wir schon aus dem ersten Teil. Dort kommt der junge Familienvater und Polizist in einem Wohnhaus ins Kreuzfeuer einer Unterweltgang. Er und fünf weitere Kollegen überleben das Fiasko. Doch wie schon Bruce Willis in Stirb langsam all den Bösewichten barfuß und mit Köpfchen mehrere Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so hat sich auch Rama als Ein-Mann-Kampfmaschine im wahrsten Sinne des Wortes bis ins oberste Stockwerk durchgeschlagen. Der zweite Teil ist da weniger klaustrophobisch, hinterlässt aber gleich in der ganzen Millionenmetropole Jakarta knöcheltiefe Blutlachen. 

Wer sich noch an Quentin Tarantino´s Kill Bill Vol.1 erinnern kann, und zwar insbesondere an Uma Thurman´s blutbefleckten gelben Overall während des schwertscharfen Schlagabtauschs mit den Ninja-Kämpfern, wird sich so ungefähr vorstellen können, welchen Tonus The Raid 2 anschlägt. Es ist ein Hauen, Stechen und Niederschießen, bis der Leichenwagen kommt. Da wird hingerichtet, niedergemetzelt und mit Stahlhämmern traktiert, dass sich der Zuseher selbst schon gemartert fühlt. Dagegen ist John McClane eine wahre Mutter Theresa. Dagegen ist John Wick geradezu ein Waisenknabe, der von Rama noch Vieles lernen kann. Und zwar fernöstliche Kampfkunst, wenn schon Messer, Schwerter und Macheten nichts mehr vollbringen.

Zugegeben, The Raid 2 ist Hardcore. Selten ist ein Actionfilm brutaler. Allerdings – Ramas Odyssee durch die Unterwelt ist ein virtuoses, exzessives Kunstwerk, das mit Motiven der Gewalt gestaltet worden ist. Vor perfekt komponiertem Interieur, monochromen Räumen und anhand eines Storyboards mit dem Hang zur Symmetrie werden Blut, gebrochene Knochen und kaltblütiger Killerinstinkt zu Farbe und Pinsel. Entstanden ist ein erschreckend faszinierendes Meuchelepos, das inhaltlich stark an Martin Scorsese´s The Departed erinnert und neben all seiner perfekten Flesh-and-Blood-Choreographie tatsächlich eine durchaus spannende Geschichte über Vertrauen, Verrat und Rache zu erzählen weiß. Die japanische Filmwelt des Takeshi Kitano hat hier ähnliche Ambitionen. Dort ist es die Yakuza-Mafia, die ihre Opfer wie die Fliegen sterben lässt. Hana Bi – Feuerblume zählt hier zu den herausragendsten Hardcore-Thrillern aus dem Land des Bonsais.

Viele werden womöglich bei The Raid 2 die Grenze des Erträglichen überschritten sehen und das Kino verlassen. Oder das Streaming stoppen. Im Grunde hätte ich das auch getan. Das war bei Only God Forgives von Nicolas Winding Refn der Fall. Ein unseliges Machwerk, dass dem asiatischen Unterweltkino nacheifern wollte. Obwohl Gareth Ewans selbst ein Brite ist, beherrscht er die Parameter östlicher Kinokultur aber aus dem FF. Modifiziert zum Mainstream für zerstreuungswütige Asiaten, die mit westlichen Werten liebäugeln, entsteht so etwas wie The Raid. Ein knallharter, eleganter Martial Arts-Horror für kunstsinnige Actionfans. Und leise rieselnden Schnee, der auf Jakarta fällt, sieht man auch nur hier.

The Raid 2