Das Fenster zum Hof

DIE WIEGE DER SUSPENSE

9/10


fensterzumhof© 1954 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 1954

REGIE: ALFRED HITCHCOCK

BUCH: JOHN MICHAEL HAYES

CAST: JAMES STEWART, GRACE KELLY, THELMA RITTER, WENDELL COREY, RAYMOND BURR, JUDITH EVELYN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Alfred Hitchcock wäre stockbesoffen, würde er jedes Mal, wenn ein Film wieder mal Anleihen an seinen Klassiker nimmt, ein Schnapsglas leeren. Wie würde die Welt des Kinos aussehen, hätte es Das Fenster zum Hof, oder, im Original: Rear Window, nie gegeben? Deutlich ärmer, würde ich meinen. Zumindest ein Genre müsste sich mühsam dazu aufraffen, das Spannungsrad neu zu erfinden, während in diesem Universum der feiste Onkel mit dem Doppelkinn und dem Hang zum Cameo-Auftritt seinen Regie-Erben bereits jede Menge Perlen vor die Füße geworfen hat. Die Filmwelt dankt und ereifert sich dabei bis heute, psychisch labile oder viel zu neugierige Normalbürgerinnen und -bürger aus regennassen Fenstern blicken und Dinge beobachten zu lassen, die sie nicht sehen dürften. Denn zu viel Neugier verträgt sich nicht mit der Gesundheit, und wer überdies zu lange in den Abgrund stiert…. alles klar.

Dabei ist dieser James Stewart, der am Fenster sitzt und den ihm zu Füßen liegenden Hof als seine dauerlaufende Flimmerkiste betrachten mag, in keiner Weise psychisch labil. Der Hollywood-Gutmensch ist sogar ziemlich aufgeräumt und selbstbewusst, obwohl er im Rollstuhl sitzt und den ganzen Tag lang nicht viel anderes tun kann als durch das Objektiv seiner Kamera zu blicken und auf den Besuch seiner Geliebten Grace Kelly zu warten. Jawoll – Grace Kelly wirkt hier mit, die leider viel zu früh verstorbene und auch viel zu früh von den Leinwänden verschwundene Schönheit, von der Hitchcock sowieso allnächtlich geträumt haben muss. Das war so ein Faible mit diesen seinen „Blondinen“, über die der König der Suspense nur allzu gerne seinen Zepter erhoben hat.

Auf diese „Blondinen“ war aber Verlass. Egal ob Die Vögel, Vertigo oder Bei Anruf Mord: stets waren sie das ringende Zentrum oder ergiebiger Nebenpart, der den mitunter bedrohlichen Geschichten ausreichend Glamour verliehen hat. In Das Fenster zum Hof sind aber weder Grace Kelly noch James Stewart die Motivatoren einer beängstigenden Story, sondern die vielen kleinen Kniffe eines Professionisten, der weiß, auf welche Art und Weise sich das Kino im Kopf des Zusehers fortsetzen kann.

Die Präsentation des Offensichtlichen ist zumindest gegenwärtig und bei Produktionen, die im Box Office brillieren müssen, gang und gäbe. Das Publikum bekommt kredenzt, ohne sich weiter anstrengen zu müssen. Bei Suspense ist das anders: da gibt es kleine Pusher, visuelle Spitzen, raffinierte Reduktion. Der Zuseher ist voll dabei – weiß nur so viel wie James Stewart, rätselt herum – und fühlt ein dem kalten Schauer verwandtes Unbehagen, wenn in der dunklen Wohnung gegenüber ganz plötzlich ein knisternder, feuerroter Punkt erglüht. Das Anzünden einer Zigarette in der absoluten Finsternis, von welcher man ausgegangen ist, niemanden darin zu vermuten, feiert einen ganzen Film und seine Perfektion. Der einzige Blick nach draußen ist natürlich jener in den Hof und auf das Treiben der Parteien gegenüber, deren Leben bis ins kleinste Detail arrangiert sind – aber auch ein schmaler Streifen belebte Avenue, auf welcher sich abspielt, was Hitchcock will, das gesehen wird, in sekundenlangen Fluktuationen nur, aber maßgeblich für die Handlung. Wenn dann, gegen Ende, bedrohliche Schritte durchs Stiegenhaus schlurfen, würde James Stewart – und wir mit ihm – viel lieber aus dem Fenster springen, als sich einer diffusen Bedrohung auszusetzen, die sich sekündlich zuspitzt, und nur allein aufgrund eines akkuraten Sound-Designs stärker wirkt als all die CGI-Effekte eines ganzen Blockbusters.

Wer Das Fenster zum Hof noch nicht gesehen hat – unbedingt nachholen! In diesem Meisterwerk liegen all die lehrreichen Essenzen für einen vollkommenen Film.

Das Fenster zum Hof

Tod auf dem Nil (2022)

DER DETEKTIV UND DIE LIEBE

6,5/10


todaufdemnil© 2022 Twentieth Century Studios


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KENNETH BRANAGH

CAST: KENNETH BRANAGH, GAL GADOT, ARMIE HAMMER, EMMA MACKEY, ANNETTE BENING, TOM BATEMAN, LETITA WRIGHT, SOPHIE OKONEDO, ROSE LESLIE, RUSSEL BRAND U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wie wär‘s heuer mal mit Ägypten? Wenn die Covid-Regeln überschaubar bleiben und keiner dort akut den Dschihad probt, dann hätte ich durchaus Lust darauf, Tutanchamuns Grab oder Ramses höchstpersönlich einen Besuch abzustatten. Natürlich einschließlich Pyramiden, Karnak und vielleicht sogar Abu Simbel ganz im Süden. Dorthin fährt nämlich Agatha Christies Vorzeigebelgier Hercule Poirot an Bord eines Luxus-Schaufelraddampfers, um den IQ einer illustren Hochzeitsgesellschaft zu heben. Beim Publikum hebt sich erstmal die Lust aufs Reisen angesichts dieser pittoresken Postkartenmotive. Die Motive für einen Mord sind zwar weniger nobel, aber zahlreich vorhanden. Im Mittelpunkt steht nämlich Wonder Woman Gal Godot (wie immer eine Augenweide) als steinreiches It-Girl Linnet, die ihrer besten Freundin den Mann ausgespannt hat. Sowas tut man nicht, aber andererseits: wo die Liebe hinfällt, wächst keine Moral. Also heiratet die Schöne den schnauzbärtigen Simon und reist mit ihm samt Entourage an den Nil, auf welchem der Tod natürlich schon eingecheckt hat. Weiters mit im Schlepptau: die um ihre rosige Zukunft geprellte Ex, die fröhlich durch die Gegend stalkt. Mit Hercule Poirot, der sich aus ganz anderen Gründen ebenfalls dort aufhält, hat sie allerdings nicht gerechnet, und Linnet bittet den alten Hasen mit den grauen Zellen, die Gesellschaft doch lieber im Blick zu behalten – es könnte ihr Übles widerfahren. Es dauert nicht lang, da fällt schon der erste Schuss. Poirot muss sich anstrengen, denn diesmal ist nicht nur das Kapital anderer, sondern auch ganz viel Liebe mit im Spiel. Sogar die eigene.

Und da hat Kenneth Branagh den eleganten Denker an seiner Achillesferse erwischt. Was John Guillermin in seiner Verfilmung mit Peter Ustinov nicht getan hat. In der ebenfalls sehr edlen Adaption aus den Siebzigern ist der Detektiv eine Ikone des Moments, geradezu eine Art Superheld der Kombinationsgabe. Wie Sherlock Holmes in etwa, vor dem man Ehrfurcht haben kann. Branagh legt seinen Poirot ganz anders an. Und das erkennt man schon in den ersten Szenen des neuen Films, bei welchem mich das Gefühl bemächtigt hat, im falschen Saal zu sitzen. Erster Weltkrieg, Grabenkämpfe in Belgien, Giftgas – und dann der junge Poirot, noch ohne Schnauzer, der seinem Bataillon den Allerwertesten rettet, selbst aber nicht ganz unversehrt bleibt. Was dann passiert, hat viel Einfluss auf den Charakter des Kriminologen, und daher geht Branagh auch entscheidend tiefer in die Psyche der Figur als es Guillermin jemals hätte tun wollen, um dem Idol außer einigen Spleens keine Schwächen zuzugestehen. Branagh hingegen hat keine Angst davor. Poirot ist hier kein zwingend frohsinniger Genießer wie Ustinov, sondern verbittert, aber distinguiert und gut erzogen. Dass einer wie Poirot sentimental werden kann, schien bislang unmöglich – diese Neuentdeckung des detektivischen Charakterzuges ist das Herzstück des Films und überwindet die Distanz zum Zuschauer. Das übrige Ensemble ist weicher gezeichnet, wenngleich mit Annette Bening oder der brillanten Sophie Okonedo gut besetzt. Ein schmissiger Score, der die Klänge des amerikanischen Jazz über den längsten Fluss Afrikas trägt, verleiht dem Setting eine launige Atmosphäre, der Nachbau der 70 Meter langen Sudan und des Abu Simbel-Tempels in den britischen Studios beweist wieder mal, dass man bei großen Filmen wie diesen keine Mühen scheut. Und dennoch bleibt das Gefühl, einen Rückschritt in das Studiokino ganz früherer Zeiten gemacht zu haben. Abgesehen von den Drohnenaufnahmen ist die ganze Reise den Nil entlang nur Stückwerk von überallher, nur nicht aus Nordafrika. Ägypten nachzubauen oder eben dort zu sein, sich ganz auf den Vibe der Location zu verlassen, das sind dann doch zwei Paar Schuhe. In Tod auf dem Nil wird manche Szenen überdeutlich kulissenhaft, womöglich mit dieser Art Projektionstechnik umgesetzt, die schon Jon Favreau für The Mandalorian entwickelt hat. Die Raffinesse gelingt nicht immer, vieles erscheint artifiziell, auch das Licht sitzt oftmals nicht richtig und passt meist nicht zu den Dämmerstunden im landschaftlichen Hintergrund.

Schade, dass Marokko als Drehort dann doch nicht genutzt worden war. So bleibt uns zumindest ein Kammerspiel, dessen kreuz und quer gesponnenes Netzwerk aus Bedürfnissen, Leidenschaften und sinisteren Plänen solide unterhält. Statt des Orient-Express ist es nun ein Schiff. Das Konzept, der Rhythmus – ungefähr gleich. Branagh, den der Doppeljob aus Dreh und Schauspiel nicht überfordert, gelingt ein weiteres Whodunit, dem man trotz der durch Ustinov für viele bereits bekannten Auflösung gerne zusieht. Am Schluss tut der Brite sogar etwas, das undenkbar scheint. Doch andererseits: Poirot ist auch nur ein Mensch.

Tod auf dem Nil (2022)

The Limehouse Golem

EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

4/10


limehousegolem© 2000-2017 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: JUAN CARLOS MEDINA

CAST: BILL NIGHY, OLIVIA COOKE, DOUGLAS BOOTH, DANIEL MAYS, SAM REID, EDDIE MARSAN, MARIA VALVERDE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Dem Briten Bill Nighy, selbst wenn er mal keinen „Kraken-Bart“ trägt, sieht man durchaus gerne zu. Seine aufgeräumte, distinguierte Art ist ein befriedigendes Gegengewicht zum hinterlassenen Chaos eines Serienmörders, der im London des viktorianischen Zeitalters – also womöglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – sein Unwesen treibt. Epizentrum der schändlichen Taten sind die Docklands der Stadt, auch als Gemeinde Limehouse bekannt. Dorthin wird Inspektor Kilday – eben Bill Nighy – zitiert, um sich entsetzlich entstellte Leichen anzusehen, deren Art der Quälerei aber einem gewissen künstlerischen Konzept folgen. Nighys Mimik sei dabei zu beachten, wenn er vor dem Unaussprechlichen steht – gerade mal aus Fassungslosigkeit geweitete Augen sind das Einzige, was vermuten lässt, dass auch diesen hartgesottenen Kriminalbeamten nicht alles kaltlässt.

Bei seinen Ermittlungen macht er alsbald Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin namens Elizabeth Cree, die ihren Ehemann vergiftet haben soll, der wiederum mit den Golem-Morden in Zusammenhang stehen könnte. Weiters findet der findige Inspektor ein Tagebuch, dass die Morde beschreibt – und er muss sich beeilen: Denn es könnte sein, dass die des Mordes beschuldigte junge Dame statt ihrer Hinrichtung Strafmilderung erfahren könnte, wenn bewiesen wird, dass diese das Kapitalverbrechen nur begangen hat, um die Golem-Morde enden zu lassen.

Ein Serienkiller-Thriller, schön und gut. Mit verregneten Londoner Gassen, Kutschen und jede Menge Zylinder. Weiters mit düsteren Zimmern und blutigen Details. Doch mit einer überkonstruierten und langweiligen Story. The Limehouse Golem hätte prinzipiell genug Potenzial, seinen Mystery-Faktor entsprechend zu nutzen, Haken zu schlagen und auch Bill Nighy an seine Grenzen gehen zu lassen. Durch die Dominanz von Olivia Cooke gerät der Film aber zu einem leidlich interessanten Justizdrama, das sich viel zu sehr mit Rückblenden aufhält und eine fiktive Biografie erzählt, auf die der Zuseher eigentlich nicht wartet. Warum Cooke, die ihrer Rolle nicht annähernd so viele Facetten verleiht wie verlangt, so viel Spielzeit erhält, verwundert. Entfernt man die vielen Rückblenden, bleibt wenig über. Kaum ist eine abgedreht, kommt die nächste. Der Fall gerät ins Stocken. Bill Nighy weiß nichts Genaues, probiert seine Theorie mit verschiedenen Verdächtigen, die wir dann auch noch in einer alternativen Realität als Mörder sehen. Zu bemüht zieht sich diese Geschichte dann dahin, als wäre man ein ganzes Wochenende auf einem Mystery-Jahrmarkt mit einigen Geisterbahnen, die man längst durchhat, von dort aber nicht wegkommt und die Zeit totschlägt, bis das unglaubwürdige Finale die letzte Hoffnung auf eine Chance, hier doch noch mal mitgerissen zu werden, ausräumt.

Die Buchvorlage von Peter Ackroyd mag vielleicht besser sein, vielleicht auch, weil die Protagonisten anders angelegt sind. Die Verfilmung jedoch versucht vergebens, den Figuren die richtigen Prioritäten einzuräumen.

The Limehouse Golem

House of Gucci

MADE IN ITALY

5,5/10


houseofgucci© 2021 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RIDLEY SCOTT

CAST: LADY GAGA, ADAM DRIVER, JARED LETO, AL PACINO, JEREMY IRONS, SALMA HAYEK, CAMILLE COTTIN, JACK HUSTON, REEVE CARNEY U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Ridley Scott, der momentan damit hadern muss, dass alle Welt seinen letzten Film (nämlich The Last Duel) nicht versteht, macht gelegentlich auch mal was anderes als nur Science-Fiction oder Weltgeschichte. Womit er ebenfalls liebäugelt, das sind gesellschaftsrelevante Skandale, die in ihrer akuten Phase so viel PR angelockt haben, um später noch kinotauglich zu sein. Wir erinnern uns: Christopher Plummer als Inkarnation von Dagobert Duck hatte in Alles Geld der Welt für die entführte Verwandtschaft keinen einzigen Cent übrig. Dieses Jahr zirkuliert die Lire im Norden Italiens, genauer gesagt in Mailand rund um feines Leder und noble Kleidung. Es geht um Gucci – eine jede und ein jeder kennt die Marke, auf schicken Flaniermeilen lässt sich das eine oder andere Monatsgehalt für Taschen in bekanntem Muster erstehen, auch sonstiges ledernes Accessoire und natürlich auch Schuhe mit – wenn’s hochkommt – Blattgoldeinsatz für den dekadenten Geschäftsmann. Hier ist Reichtum keine Schande, die Gier danach aber auf jeden Fall. Dabei hat alles so begonnen wie in einer klassischen Seifenoper: Ein Mädel aus dem Hemdsärmel-Business trifft in einer Bar den schicken Sprössling nämlichen Modehandels – und wittert natürlich ihre große Chance. Sie verliebt sich (oder auch nicht, das weiß man nicht so genau), lässt nicht locker, bezirzt den phlegmatischen Lulatsch, bis der klein beigibt und beide heiraten. Patricia, so heißt sie, ist nun eine Gucci, sehr zum Leidwesen des Schwiegervaters, jedoch zur Freude des charismatischen Onkels, der das Geschäft mehr oder weniger im Alleingang führt, und stets darauf achtet, dass sein eigener exzentrischer Sohn mit seinen kreativen Allüren den Geldhahn nicht verstopft. Dabei entgeht ihm, wie Patricia drauf und dran ist, sich das Familienunternehmen gänzlich unter den eigenen Nagel zu reißen

Für diesen etwas anderen, aber wuchtigen Familienfilm hat Ridley Scott sogleich Fashion-, Stil- und Popikone Lady Gaga nach Mailand einfliegen lassen, hat die doch sowieso italienische Wurzeln und hört nicht selten auf den Namen Stefani Germanotta. Als längst gefragte und tatsächlich höchst talentierte Schauspielerin schlüpft sie in die schillernde Rolle der Gucci-Mörderin Patricia Reggiani mit allen nur erdenklichen Jetset-Attitüden einer Möchtegern-Neureichen, die mit gehörig Feuer im Hintern die alten Geschäftshasen auf die Ersatzbank verweisen will. Der üppigen Matrone, die ihre Kurven ins Gefecht führt und auf High Heels dahergestelzt kommt wie keine andere, verleiht Lady Gaga ein Temperament, wie es seinerzeit Angela Channing in Falcon Crest hatte. Nur statt Wein ist es diesmal Leder, und einer wie Al Pacino ist da gleich ganz abgelenkt, wobei der Alt-Pate keinesfalls darauf vergisst, seinen ebensolchen europäischen Ursprung, verbunden mit seinen gewohnten, gern gesehenen Manierismen zu verbinden. Die Rechnung geht auf: seine Rolle als Onkel Aldo Gucci ist ein durchgetaktetes Vergnügen und die Darstellung eines weltgewandten, aber stark traditionsverbundenen Lebemanns, der noch lange vor trendigen NLP-Strömungen mit Wortgewandtheit den Laden schmeißt. Jared Leto versucht das auch, gerät aber zur Witzfigur. Auch das kann authentisch sein, Witzfiguren gibt es in der Geschichte genug, nur bleibt immer noch seltsam, wieso sich durchs Tragen eines gänzlich anderen Gesichts die Qualität eines Schauspiels definieren soll.

Ernüchternd blass bleibt hingegen Adam Driver, der momentan überall heiß gehandelt wird. Vielleicht, weil er Teamgeist hat, was für den Dreh durchaus von Wert sein kann. In seiner Performance greift er auf Routine zurück und geht sogar so weit, seiner schwer verwechselbaren Erscheinung zu genügen. Herumstehen reicht trotzdem nicht, und Lady Gaga spielt ihren Partner an die Wand. Was also in Erinnerung bleibt, ist das energisch vibrierende Dekolletee einer wandelbaren Künstlerin, die leider allzu oft eine True Story tragen muss, die sich bei einer Spieldauer von zweieinhalb Stunden reichlich ausdünnt. Deutlich zu lang ist Scotts Neuzeitwerk. Der Schwanengesang für ein Unternehmen, dass sich selbst ins Aus schießt, wäre in knappen neunzig Minuten ausreichend durchgesungen.

House of Gucci

The Unforgivable

MORD VERJÄHRT NIE

6/10


theunforgivable© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: SANDRA BULLOCK, AISLING FRANCIOSI, VINCENT D’ONOFRIO, VIOLA DAVIS, JON BERNTHAL, ROB MORGAN, RICHARD THOMAS, LINDA EDMOND U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Vor zwei Jahren hat uns die rabiate Helena Zengel im deutschen Sozial- und Erziehungsdrama Systemsprenger die Ohren vollgeschrien. Mittlerweile ist das talentierte Mädchen schon mit Tom Hanks im Wilden Westen gewesen. Bin schon neugierig, wo es sie das nächste Mal hin verschlägt. Und ob auch Rollen abseits der verhaltensauffälligen Minderjährigen interessant wären. Nora Fingscheidt, die Regisseurin hinter Systemsprenger, hat den Schritt nach Übersee ebenfalls gemacht. Um einen Film mit Sandra Bullock zu drehen. Tom Hanks, Sandra Bullock. Könnte sein, dass das ganz große Business die neue Spielwiese wird. Muss es aber nicht, wie man zum Beispiel an Stefan Ruzowitzky sieht. Der dreht wieder lieber in Europa. Auch sehr schön – und ganz sicher auch kreativer.

In The Unforgivable bleibt Nora Fingscheidt allerdings jenem Genre treu, mit welchem sie von sich reden machte: dem Sozialdrama. Das kann sie gut, das merkt man. Doch Fingscheidt war für den Film nur zweite Wahl. Überhaupt hätte Christopher McQuarrie Regie führen sollen, mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Es ist anders gekommen – glücklicherweise. Denn bei Angeline Jolie hätte man nie so genau gewusst, ob sie selbst mit der Tragödie des Films hadert oder ihre Filmfigur. Zuviel Glamour stört leider auch die Authentizität. Bullock kennen wir zwar auch alle, doch die hat ein deutlich variantenreicheres Spektrum zu bieten, was Schauspiel angeht. Und Fingscheidt? Der Sozialfall, der nicht in die Norm passt, ist zwar nicht so systemsprengend und unbezwingbar wie Helena Zengel, hat aber dennoch genauso die Arschkarte gezogen. Der größte Unterschied: Während man sich beim wütenden Mädel die Zähne ausgebissen hat, beißt Sandra Bullock ihre Zähne an ihrer Umwelt aus. Beides nicht schön. Mit anderen Worten: einmal Mörder – immer Mörder.

Damit muss also Sandra Bullock alias Ruth Slater nach 20 Jahren Frauengefängnis klarkommen. Auf ihr Konto geht der Mord an einen Sheriff. Die Sünden sind offiziell zwar abgebüßt, als Copkiller ist man aber generell Persona non Grata. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Und irgendwie muss auch das letzte bisschen Familie wiedergefunden werden – die kleine Schwester Katie, die Ruth mit fünf Jahren zuletzt gesehen hat. Das wäre zwar alles mühsam, aber machbar gewesen, gäbe es nicht noch die Söhne des ermordeten Polizisten, die Rache üben wollen.

Mit The Unforgivable, der Verfilmung einer Fernsehserie namens Unforgiven, lässt Netflix kein Drama ungelebt. Das Tragische und all die Entbehrungen lassen sich außerdem von Sandra Bullocks verlebtem Konterfei wunderbar ablesen. Make Up-Artists haben hier alles Stücke gespielt – und sogar noch mehr: mit verbissener Leidensmine und einem kurz vor der Explosion stehendem Grant, fest verankert im Mimischen, schleppt sich Bullock von einer Entbehrung zur nächsten. Reue, Desillusion, etwas Resignation und schreckhaftes Sozialverhalten ergeben in Summe das, was die Oscarpreisträgerin darstellt. Ein durchaus durchdachtes, vielleicht etwas zu grimmiges Bild in schier endlosen Grautönen. Was ihr aber fulminant gelingt, ist, im Laufe der Geschichte langsam, aber doch, auf plausible Weise aufzutauen. Da erkennt man wieder, was Bullock wirklich kann. Und es sind Momente, die zu ihren besten zählen.

Womit der Film allerdings nicht oder nur schwer zurechtkommt, ist die Rache-Komponente der um ihren Vater geprellten Brüder. Das will dann doch so gar nicht überzeugen, und ist dann auch deutlich zu viel des Guten, obwohl ich zugeben muss, dass dieses Fragment des Dramas als pushender Baustein dem Script ganz nette Wendungen verpasst. Fast möchte man meinen, hier einem Film von Susanne Bier beizuwohnen, so komplex darf es mitunter sein, während all die Figuren im Ausgleich dazu so sang und klanglos davongehen, wie sie gekommen sind. Der Fokus bleibt auf Sandra Bullock und ihrer Schwester (Aisling Franciosi, großartig in The Nightingale) als familiäre Wertekonstanten in einer von austauschbaren Randfiguren bevölkerten Welt.

The Unforgivable

Das unbekannte Mädchen

DRAUSSEN VOR DER TÜR

7/10


dasunbekanntemaedchen© 2016 temperclay film


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2016

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE & LUC DARDENNE

CAST: ADÈLE HAENEL, OLIVIER BONNAUD, JÉRÉMIE RENIER, LOUKA MINNELLA, CHRISTELLE CORNIL, NADÈGE OUEDRAOGO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Diese Wahl wird sie wohl nicht mehr treffen. Als praktische Ärztin namens Jenny steht Adèle Haenel (großartig in Die Blumen von gestern oder Portrait einer jungen Frau in Flammen) vor einem ordentlichen Dilemma. Soll sie den potenziellen Patienten oder die Patientin noch außerhalb der Ordinationszeiten in die Praxis lassen? Klares Nein – es gelten die Geschäftsregeln, irgendwo muss man schließlich den Schlussstrich ziehen, denn als Arzt ist Frau schließlich auch nur ein Mensch mit Bedürfnissen. Diese Vorgehensweise wäre halb so wild gewesen, und Haenels Filmfigur hätte an dieser kurzen Episode wohl keinen Gedanken mehr verschwendet – würde sich tags darauf nicht herausstellen, dass jenes Mädchen, dass da etwas verspätet Sturm geläutet hat, tot aufgefunden wird. Womöglich ermordet. Diese Nachricht sitzt tief – und das Gewissen nagt sowohl an Weltbild, Arbeitsmoral und der eigenen Auffassung vom guten Menschen. Jenny lässt das Unglück keine Ruhe mehr, und sie forscht nach. Will wissen, wer dieses Mädchen war und warum sie geläutet hat. Dringt vor in die Biografie einer völlig unbekannten Person, die sonst nur eine anonyme Zahl in den Sterberegistern des Landes gewesen wäre.

Also nochmal: aufnehmen oder abweisen? Hilfe ermöglichen, oder hilflos sterben lassen? Dieses Dilemma lässt sich offensichtlich auf ein ganz anderes Level heben, und zwar lässt es sich in eine politische Frage umformulieren, die vor allem jene betrifft, die meilenweit gereist sind, womit auch immer, um Schutz zu suchen. Die Brüder Dardenne, Kenner des filmischen Neorealismus und dort zuhause, wo der sozialpolitische Schuh drückt, individualisieren ein großes Problem der Neuzeit und stellen in Das unbekannte Mädchen die Flüchtlingsfrage in einen humanistischen, überschaubaren und – ganz wichtig – beantwortbaren Kontext. Wo endet die Bereitschaft, zu helfen? Endet sie überhaupt irgendwo und irgendwann? Ist man als Mensch nicht sogar dazu verpflichtet? Kann einem sowas überhaupt jemals gar nichts angehen? Auf politischer Ebene verrät der organisatorische Pragmatismus eines Landes menschliche Werte. Heruntergebrochen auf ein Individuum ist diese Ordnung nicht mehr umsetzbar. Im Flüchtlingsdrama Styx sieht sich eine Seglerin irgendwo am Atlantik verpflichtet, die Passagiere eines havarierten Flüchtlingsbootes aufzunehmen – obwohl sie laut Gesetz gar nicht interagieren sollte. Im echten Leben hat die deutsche Kapitänin Carola Rackete staatlichen Flüchtlingsverordnungen zuwidergehandelt und Hilfsbedürftige einfach nicht sterben lassen. Ärztin Jenny hat die Regeln – und die Intuition. Entschieden hat sie sich für ersteres – um festzustellen, dass der Mensch ohne altruistische Intention die Gemeinschaft unserer Art in einem sozialdarwinistischen Wettkampf anfeuert.

Verblüffend, wie die Dardennes ein humanphilosophisches Weltproblem zwar nicht als klassische Parabel, jedoch immerhin als vereinfachtes, hochemotionales Gleichnis darstellen, ohne in sentimentales Betroffenheitskino abzugleiten. Das macht zum Beispiel der britische Kollege Ken Loach auch nie. Beiden liegt sehr viel daran, dass sich Menschen in ihrem Verhalten auch weiterhin in den Spiegel sehen können.

Das unbekannte Mädchen

Die Wache

BEFRAGT GEJAGT

6/10


diewache© 2018 Diaphana Distribution


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

BUCH / REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: BENOÎT POELVOORDE, GRÉGOIRE LUDIG, MARC FRAIZE, ANAÏS DEMOUSTIER, ORELSAN, PHILIPPE DUQUESNE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 11 MIN


Es gibt Situationen, da kommt es vor, dass ein Kommissar einen Affen befragt. So gesehen in David Lynchs Kurzfilm What did Jack do. In anderen Situationen wiederum genügt es, wenn der Zeuge eines Todesfalls zur Befragung auf die Wache zitiert wird. Das muss ja prinzipiell mal nichts Außergewöhnliches sein. Meist spitzt sich das, wenn man vor allem französische Thriller zu Rate zieht, zu einem verbal-spannenden Schlagabtausch zu, und die Lösung des Falls offenbart sich dann vor der dramatischen Kulisse eines Donnerwetters. Die Dinge laufen aber radikal anders, wenn einer wie Quentin Dupieux auf dem Regiestuhl sitzt, der noch dazu seinen eigenen Entwurf verfilmt. Und wir wissen: Dupieux hätte in Luis Buñuel oder in Eugène Ionesco seine wahren Freunde gefunden. Was der eine fürs Kino war, konnte der andere für sich verbuchen: Meister des Absurden, des Surrealen, der grotesken Komik und der obskuren Wendungen. Dupieux, der mit einem Bein auch als Musiker fest im Kunstbusiness steht, vertritt ein Genre, das wohl die wenigsten wagen würden: Absurdes Kino, das sich selbst genügt, und gar nicht als mehr verstanden werden will – außer, dass es das Reale durchbricht.

In der zeitlich genauso wie Monsieur Killerstyle knapp bemessenen Groteske sieht man anfangs einen nur in Unterhosen bekleideten Mann auf freiem Feld, der ein Orchester dirigiert. Kurze Zeit später wird dieser von der Polizei gejagt. Zur späteren Handlung trägt das nichts bei, doch damit ist zu rechnen, wenn man Dupieux‘ Filme kennt, in denen Autoreifen oder Lederjacken zu Killern mutieren. Wenig später hat Benoît Poelvoorde als Kommissar Buron einen Zeugen geladen, der vor seinem Wohnhaus einen Toten in einer Blutlache entdeckt hat. Neben der Leiche ein Bügeleisen. Wir erfahren in heillos abgleitender Verzettelung, warum der Befragte zu diesem Zeitpunkt siebenmal seine Wohnung verlassen hat. Schlauer wird das Publikum dabei nicht. Der Kommissar ebenso wenig. Und der Zeuge auch nicht. Der Abend ist lang, und je später es wird, umso zerfahrener wird die ganze Situation. Und es passieren Dinge auf dieser Wache, die den ausgehungerten Zeugen immer tiefer in eine Situation hineinreiten, deren Fassade durch eine radikale Wendung irgendwann zusammenbrechen muss.

Die Wache setzt sehr auf Dialoge, deren Gesprächspartner gerne und viel aneinander vorbeireden und sich permanent missverstehen. Auf den Punkt bringt hier niemand was, und dieses Aus-dem-Ruder-Laufen hat schon etwas richtig klassisch Bühnentaugliches. Auf diese Weise wirkt der Streifen trotz seines rücksichtslosen Irrsinns fast schon ein bisschen altbacken, wie eine Komödie aus den Sechzigern, in denen Filmnormen ja gut und gerne verdreht wurden. Statt Poelvoorde wäre die Rolle des Kommissars auch gut und gerne mit einem wie Louis de Funes besetzt gewesen, der sich im Klassiker Hasch mich, ich bin der Mörder mit Bertrand Blier als Kommissar in ähnlichen situationskomischen Momenten wiederfand. Auf diese Art des schrägen Humors nimmt Dupieux offensichtlich Bezug, verbeugt sich sogar. Und es wäre wohl eine Frage der Zeit, bis sich der Allrounder, der für diesen Film auch Kamera und Schnitt übernommen hat, auch mal auf der Theaterbühne sein Glück probiert. Die Wache würde im Grunde dort hingehören.

Die Wache

City of Lies

RAP AND REVENGE

4,5/10


cityoflies© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: BRAD FURMAN

CAST: JOHNNY DEPP, FOREST WHITAKER, TOBY HUSS, DAYTON CALLIE, SHEA WIGHAM, LOUIS HERTHUM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Dass man Schauspieler tatsächlich aufgrund ihrer relativ privaten Beziehungsquerelen so dermaßen fallen lässt – ich dachte, über diese Methoden ist das Showbiz längst hinweg. Welch ein Irrtum: Nach dem Schmutzkübel- und Rosenkrieg mit Amber Heard ist einer wie Johnny Depp nicht mehr derselbe. Von der Planke seiner Black Pearl stößt man ihn ebenfalls – der nächste Blockbuster wird wohl noch etwas dauern. Leute wie Bruce Willis und Nicholas Cage haben damit keine Probleme, die beiden genießen ihren Wanderpfad durchs Low Budget-Dickicht. Depp hingegen bemüht sich redlich, seinem Plan B zu entgehen und wird zumindest noch für Filme engagiert, die gewisse inhaltliche Qualitäten aufweisen. The Professor zum Beispiel, oder Warten auf die Barbaren – ein Historienfilm, in welchem der Star so richtig fies sein darf. In City of Lies ist er an der Seite eines auffallend erschlankten Forest Whitaker zu sehen und gibt einen Detektive, der mit den Morden an den Rappern Notorious B.I.G. und Tupac Shakur zu tun hat.

Man muss kein Afficionado in Sachen Rapmusik sein – da reicht das musikalische Allgemeinwissen. Denn Notorious B.I.G. und Tupac Shakur, die waren zwar in ihrem Genre halbgottgleiche Kapazunder, traurigen Weltruhm erlangten sie allerdings erst durch ihren gewaltsamen Tod. Beide starben im selben Jahr fast zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten durch mehrere Schüsse. Der oder die Täter wurden nie gefasst. Ein kriminalistisches Mysterium. Und zwar eines, das aufgrund seiner mittlerweile im Schlepptau befindlichen Legenden- und Verschwörungen ähnlich wie beim Kennedy-Attentat allerhand Theorien für möglich hält. Auf Basis eines Tatsachenromans von Randall Sullivan mit dem (von mir verkürzten) Titel LAbyrinth verfilmt Brad Furman (u. a. The Infiltrator, Der Mandant) die Nachforschungen des Ermittlers Russel Poole (Johnny Depp), der gemeinsam mit einem Journalisten den Spuren der Mörder so nahe wie bislang möglich kommt, ohne Beweise allerdings niemanden jemals belangen wird können. Ob das so eine gute Idee war, sich dieser Ansammlung an Fakten zu bedienen, um daraus statt einer Dokumentation einen Spielfilm zu machen, ist eine gute Frage. Denn in die Gänge kommt diese nüchtern dargebotene Kriminalchronik leider wirklich nicht.

In ungesund graugelbem Farbton gehalten, offenbart sich die investigative Arbeit als ein Kommen und Gehen wenig greifbarer Gestalten, und überhaupt scheint Johnny Depp im Gegensatz zu Whitaker, der als einziger ein bisschen aufs Gas steigt, von seiner Rolle und auch vom Filmstoff selbst durchaus gelangweilt. Esprit entwickelt er keinen. Vielleicht erfordert das auch die Rolle des schon ewig auf diesem Fall herumkauenden Ermittlers, der noch dazu in Rückblenden zu sehen ist, die den ganzen Verschwörungskrimi die Attraktivität eines aus Zeitungsschnipseln zusammengetragenen Sammelalbums verleihen. Was überbleibt, ist das ergänzte Allgemeinwissen um die Schicksale zweier Musiker. Mehr aber auch nicht.

City of Lies

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

DAS RICHTIGE TUN

8,5/10


stillwater© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TOM MCCARTHY

CAST: MATT DAMON, CAMILLE COTTIN, ABIGAIL BRESLIN, LILOU SIAUVAUD, DEANNA DUNAGAN, ANNE LE NY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Ihr könnt euch sicher alle noch an den aufsehenerregenden Fall Meredith Kärcher erinnern. Wenn da nichts klingelt, dann vermutlich beim Namen Amanda Knox. Jene Studentin, die knapp einer lebenslangen Haftstrafe entging, als sie nach vier Jahren aus dem Gefängnis kam, aufgrund eindeutiger Beweise der Unschuld der Angeklagten. Dennoch: das Image des Engels mit den Eisaugen blieb ihr – Danke den Medien an dieser Stelle, die das Kriminal-Brimborium publikumswirksam ausschlachten konnten. Amanda Knox hat sich im Falle des aktuellen Kinofilmes Stillwater – gegen jeden Verdacht gar zu Wort gemeldet – natürlich mit Plagiatsvorwürfen gegen das Drama von Tom McCarthy (Drehbuch-Oscar für Spotlight), der sich von dieser merkwürdigen Konstellation aus Opfer, Täter und Verdächtige inspirieren hat lassen. Wie gesagt: inspirieren. Nur sehr vage erinnert der Film an die tatsächlichen Ereignisse. Kein Grund, hier irgendwelche Rechte verletzt zu sehen. Und lässt sich der prägnante Lebenswandel einer bekannten Person denn tatsächlich rechtlich schützen? Gibt‘s dafür schon ein Copyright?

Abigail Breslin, die hat ohnedies keine eisblauen Augen, und sitzt außerdem nicht in Italien, sondern in Frankreich als Allison hinter schwedischen Gardinen. Schuldig des Mordes an ihrer Partnerin. Ausgefasst hat sie statt 26 „nur“ neun Jahre, und sie kann froh sein, dass ihr Vater Bill (die Mutter hat Suizid begangen, aber nicht wegen des Schicksals ihrer Tochter) immer wieder mal nach Marseille reist, um nach dem Rechten zu sehen und seiner Tochter die Wäsche zu waschen. Da überreicht sie ihm einen Brief für ihre Anwältin, mit einer wichtigen Information, die sie vielleicht, wenn alles klappt, deutlich früher als geplant entlasten und entlassen könnte. Papa Bill geht der Sache nach. Stößt zwar erst auf taube Ohren und bringt leere Kilometer hinter sich, doch dann öffnen sich ganz andere Chancen, die das Leben des sonst vom Pech verfolgten Amerikaners für immer verändern könnten.

Interessant und ungewöhnlich dabei ist, dass in Stillwater – Gegen jeden Verdacht der Fokus gar nicht mal zwingend auf dem Kriminalfall liegt, sondern sich vielmehr auf das Leben des verarmten, hart arbeitenden und ganz und gar nicht auf die Butterseite des Lebens gefallenen Charakter von Matt Damon konzentriert. Der liefert die beste und intensivste Performance seiner Karriere ab, wofür er, so hoffe ich, bei den nächsten Oscars zumindest nominiert werden sollte. Seine Rolle, die er mit jeder Faser seines schauspielerischen Know-Hows verkörpert, ist die eines schlichten, wortkargen Gemüts, eines bärbeißigen Arbeiters und Vorbestraften, der das Herz allerdings am rechten Fleck hat, sich im Zwischenmenschlichen allerdings ordentlich schwertut. Damon bringt mit wenigen Variationen des Ausdrucks dennoch eine ganze Palette an Gefühlsregungen zustande, von väterlicher Liebe bis zur fahrigen Anspannung. Sein Spiel ist wahrhaftig, seine zum Scheitern verurteilten Versuche, das Richtige zu tun, eine für ihn bewusstseinsverändernde Erfahrung. Tom McCarthy gelingt mit einem komplexen Script, das auf mehreren Ebenen funktioniert und in seiner Tonalität an Ken Loachs Sozialdramen erinnert, der psychosoziale Lebensentwurf einer Familie, die von einem andauernden schlechten Karma verfolgt zu sein scheint. Kurzum: Während die einen im Leben privilegiert sind, haben es andere scheinbar absichtlich schwer. In diesem Dilemma, indem das Richtige niemals richtig sein kann, sucht Matt Damon nach dem einzig richtigen Ausweg. Dieser Prozess ist bewegend, vielschichtig und grandios inszeniert. Trotz seiner Überlänge spart sich der Film unnötig Offensichtliches, behauptet sich sowohl als ruhiges Drama als auch als stimmungsvoller Thriller. Stillwater – Gegen jeden Verdacht zählt schon jetzt für mich zu den außergewöhnlichsten und daher auch besten Filmdramen des Jahres.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Kill Your Darlings – Junge Wilde

POETEN DER NATION

4/10


kill-your-darlings© 2013 Neue Visionen


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE: JOHN KROKIDAS

CAST: DANIEL RADCLIFFE, DANE DEHAAN, BEN FOSTER, JACK HUSTON, MICHAEL C. HALL, JENNIFER JASON LEIGH, ELIZABETH OLSEN, BEN CROSS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


…oder, um es anders auszudrücken: Meet the Beat! Womit eine ganz gewisse Gruppe an literarischen Zeitgenossen gemeint ist, die während und nach des Zweiten Weltkriegs von sich reden machte. Nun, eigentlich eher erst danach, denn währenddessen waren sie allesamt Studenten auf der Columbia High. Was das für Leute waren? Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Borroughs. Diese Poeten sind natürlich auch hierzulande ein Begriff, wenn man sich für amerikanische Literatur des 20ten Jahrhunderts interessiert. Gäbe es aber weder David Cronenbergs Naked Lunch oder On the Road von Walter Salles, wären mir diese speziellen Werken dieser ganz speziellen Persönlichkeiten womöglich weniger geläufig. Naked Lunch stammt aus der Feder von William S. Borroughs, der hier, in diesem True Biopic, von Ben Foster verkörpert wird. Jack Kerouac, der On the Road verfasst hat, wird von Jack Houston dargestellt und Daniel Radcliffe nimmt sich den Dichter Allen Ginsberg vor, der ja seit dem kontroversen Gedicht Howl geradezu kultisch verehrt wird. Drei Künstler, in John Krokidas Kill Your Darlings – Junge Wilde völlig neben der Spur, neben dem Leben, und von vorne bis hinten auf Nonkonformismus gebürstet. Junge Wilde eben, so der Subtitel des Films. Auf diese Denk- und Lebensweise muss man sich tatsächlich mal einlassen. Es ist ja nicht so, dass die drei Exzentriker nicht schon sich selbst genügen würden. Da gibt es noch einen Studiosus namens Lucien Carr, der die ganze Gruppe irgendwie zusammenhält. Der allerdings ist außer aus der Rolle gefallen kein großer Könner. Ein Schönling vielleicht, charmant und mit Charisma. Heiß begehrt zumindest von Allen Ginsberg. Der hat aber das Nachsehen, weil Carr (Dane DeHaan) schon jemand anderem gehört. Dieser andere aber (Michael C. Hall) geizt nicht mit Eifersucht und leicht obsessiven Besitzansprüchen, was die Partnerwahl betrifft. Da kann es nicht lange dauern, und diese bizarre Konstellation an Dichtern, Studenten und klugen Oratoren gerät ins Wanken – bis es zur Tragödie kommt.

Schwer, diese historische Momentaufnahme einer Schaffenszündung mehrerer, später berühmter Studierender dramaturgisch auf einen Nenner zu bringen. Da sind so dermaßen viele Egozentriker im Spiel, dass jeder für sich gerne eine eigene Biographie gehabt hätte. Das merkt man auch. Und aus diesem Herumdrängen der biographischen Figuren entsteht für diesen Film das nächste Problem. Abgesehen davon, dass hier sehr viel über Gott und die Welt und über ganz viele nonkonforme Eitelkeiten geschwatzt und kokettiert wird, vorzugsweise in verrauchten Salons, in Wohnzimmern und Bibliotheken – abgesehen davon schwankt das Verhältnis der Wichtigkeit einzelner zentraler und dezentraler Figuren. Im Fokus steht Daniel Radcliffe: Allan Ginsbergs Anfänge, seine Familienverhältnisse, mehr als entbehrlich. Im Grunde aber scheint eher dieser Lucien Carr die zentrale Person zu sein, dessen verbittertem Schicksal der Film auch die meiste Aufmerksamkeit schenkt und alle anderen Protagonisten dabei mitnimmt. Wäre es nicht klüger gewesen, das Drama von vornherein aus der Sicht von eben diesem Lucien Carr zu erzählen? Dann wäre das Werk auf Spur. Koridas zäumt aber das Pferd von hinten auf und schiebt Ginsberg vor, der aber eigentlich am wenigsten zu sagen hat. Aus meiner Sicht stimmen hier die Wertigkeiten ganz und gar nicht. Das macht die Geschichte so nebulös, geschwätzig und bis obenhin angefüllt mit intellektuellem Smalltalk.

Kill Your Darlings (was sich anscheinend auf ein Gebot für einen guten Schriftsteller bezieht – Opfere, was du liebst, so in etwa) mag eine filmische, sehr amerikanische Zeitkapsel für Kenner sein – eine sehr gut durchgeschüttelte Zeitkapsel, dessen Innerstes nicht zur Ruhe kommt. Ein Ist-Zustand, den Ginsberg, Kerouac und Borroughs womöglich genauso empfunden haben, bevor sie sich etablierten.

Kill Your Darlings – Junge Wilde