Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

Mosul

WOFÜR ES SICH ZU KÄMPFEN LOHNT

6,5/10


mosul© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: MATTHEW MICHAEL CARNAHAN

CAST: SUHAIL DABBACH, ADAM BESSA, WALEED ELGADI, THAER AL-SHAYEI, BEN AFFAN, HAYAT KAMILLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Ungefähr zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen Wien und Mosul, der zweitgrößten Stadt im Irak. Nur zweieinhalbtausend Kilometer, mit dem Auto eine Fahrt von 36 Stunden. Das ist gar nicht mal so weit, das geht sich an einem Wochenende gerade mal noch aus, wenn man nonstop durchfährt. Was ich damit sagen will: lediglich so weit müsste man reisen, um in die Hölle auf Erden zu gelangen. Mosul ist mittlerweile keine Reise mehr wert, es sei denn, man hat vor, in absehbarer Zeit das Zeitliche zu segnen. Mosul ist wie das Ende des Humanismus, ist wie die pure Anarchie, ist Mord und Brand zwischen Ruinen und vor verbarrikadierten Straßen. Mittendrin: der auf dem Rückzug befindliche IS, neben Boko Haram wohl das größte Übel dieser Welt. Auch noch mittendrin: ein Haufen verrückter Hunde, quasi eine Suicide Squad in Echt, nämlich das Nineveh SWAT Team, eine zusammengewürfelte Miliz aus Polizisten, Ex-Soldaten und sonstigen wehrfähigen Männern, die wie wütende Rächer durch den Wahnsinn pflügen.

Dabei basiert dieser Kriegsfilm auf wahren Begebenheiten, um genau zu sein auf einem Zeitungsartikel, veröffentlicht im New Yorker. Ist also nichts Erfundenes, nicht vorrangig ein Actionkino für Liebhaber des pfeifenden Projektils, obwohl diese Klientel getrost hier fündig werden kann. Mosul ist ein Drama, kein zart erklingendes wohlgemerkt, sondern ein finsteres Roadmovie über Schicksale in Zugzwang, die ihre Pflichterfüllung im Kampf gegen das Böse sehen. Die bis an die Zähne bewaffnet, verbittert, traumatisiert, aber dennoch stolz und mit sich selbst im Reinen, zwar kein Pferd, aber immerhin den Panzerwagen besteigen, um ins Land der Gesetzlosen zu breschen. Erinnert irgendwie ans Mittelalter? Das tut es – und wenn wir uns nun Bomben und Granaten wegdenken und statt Gewehren scharfe Schwerter und Bögen einsetzen, ist es alles, was wir brauchen, um die von uns fälschlich romantisierten Zeiten wieder aufleben zu lassen, in der man für Familie, Ehre und Vaterland in den Kampf auf freiem Feld gezogen war.

Das freie Feld ist einem Häuser- und Straßenkampf gewichen, bei dem an scheinbar jeder Ecke Scharfschützen sitzen. In einem solchen umkämpften Viertel findet das Nineveh SWAT Team einen in die Bredouille geratenen Polizisten, der allerdings sagenhaft gut mit dem Schießeisen umgehen kann. Kurzerhand wird er rekrutiert und zieht mit, hat aber Probleme damit, Teil der Gruppe zu werden. Währenddessen verfolgen die „Inglourious Basterds“, wenn man so will, ein unbekanntes Ziel. Klar ist nur, sie rücken in ein Gebiet vor, dass noch in festen Händen der Islamisten weilt.

Mosul ist dreckig, staubig und brutal. Eine archaische, explizite Momentaufnahme aus einem Erdteil ohne Zukunft (gedreht wurde natürlich nicht vorort, sondern in Marokko). Was den Film ertragen lässt, sind die Werte, die die „Guten“ durch die Widrigkeiten schleppen. Zwischendurch lässt Matthew Michael Carnahan eine gewisse Liebe zum Detail erkennen, räumt Verschnaufpausen ein und lässt Gruppenführer Jasem aus einem inneren Zwang heraus herumliegenden Müll einsammeln, als würde er den Wiederaufbau seines eigenen Landes vorwegnehmen. Dann geht die Odyssee durchs Heilige Land wieder weiter, streng einem Codex folgend, und freilich nicht ohne Verluste. Als klar wird, worum es eigentlich geht, hat die menschliche Tragödie das kernige Kriegsgetümmel einige eingestürzte Häuserzeilen weit abgehängt.

Mosul