Adú

JUNGE, KOMM NIE WIEDER NACH HAUS

5,5/10

 

Adu© 2020 Netflix

 

LAND: SPANIEN 2019

REGIE: SALVADOR CALVO

CAST: MOUSTAPHA OUMAROU, LUIS TOSAR, ANNA CASTILLO, ÁLVARO CERVANTES, JESÚS CARROZA U. A. 

 

Im Gegensatz zu Oliver Twist aus Charles Dickens´ Fortsetzungsroman weiß der kleine Adú immerhin, woher er kommt: aus einer Holzhütte über den Wassern irgendwo in Kamerun. Dort lebt er mit seiner Mutter und seiner älteren Schwester, und oft führt der Weg nach Hause auf dem familieneigenen Fahrrad quer durch den Dschungel des Ebo Reservats. Wie es in Afrika nun mal so zum Alltag gehört, liegen Verbrechen und ein argloses Leben in Armut eng beieinander. Eines Tages werden die beiden Kinder Zeuge, wie Wilderer einen Elefanten zerlegen – und werden prompt entdeckt. Kein gutes Timing. Was folgt, ist ähnlich ernüchternd wie das Schicksal des Dickhäuters. Die Zeugen sind bald eruiert. Was bleibt, ist die Flucht durch Nacht und Nebel. Mutterlos, obdachlos. Eine Odyssee in den Norden beginnt, während der sich Adú bald im Alleingang durchkämpfen muss – bis ans Nordufer des afrikanischen Kontinents.

Das klingt natürlich nach einer spannenden, immens aufwühlenden und auch erschütternden Überlebens- und Leidensgeschichte. Nach einem Flüchtlingsdrama, das betroffen macht. Vielleicht klingt das auch ein bisschen nach Abenteuer. Aber Flucht ist niemals so heldenromantisch wie sich Abenteuer nicht selten outen. Diese Flucht ist eine Notwendigkeit – und der Drang, der Druck nach vorne, diesen Willen, sich durchzuarbeiten und sich notgedrungen mit anderen zusammenzuschließen, die ein ähnliches Schicksal teilen, das weiß Regisseur Salvador Calvo in staubgetunkten Afrikabildern vom Dschungel bis in die Berge Marokkos ganz gut einzufangen. Wobei er allerdings gut daran getan hätte, auf den Fersen des kleinen Adú zu bleiben. Stattdessen fächert er das Thema auf zwei weitere Episoden auf, die nur lose mit dem Schicksal des Waisenjungen verknüpft sind. Ziemlich lose sogar.

Zum einen ist das die Geschichte rund um den NGO-Wildtierschützer Gonzalo, der nicht nur seine Position im Kampf gegen Elfenbein vor den Einheimischen verteidigen, sondern nebenbei noch seine Rolle als Vater einer Tochter wahrnehmen muss, die ihre Drogensucht am Äquator auszukurieren gedenkt. Zum anderen ist das ein tödlicher Zwischenfall am Grenzzaun zur spanischen Enklave Mallila nahe Marokko, für welchen sich einige Grenzschutzbeamte verantworten müssen. Adú tangieren diese scheinbar willkürlich gestreuten Zusatzepisoden überhaupt nicht. Den Zuseher genausowenig. In Alejandro Gonzáles Iñárritus Film Babel haben erstens alle Episoden einen gemeinsamen Nenner, und zweitens sind diese in ähnlicher ausgewogener Relevanz zu sehen. In Adú schenkt Calvo natürlich der Geschichte des Jungen die meiste Aufmerksamkeit und auch Spielzeit. Die zwei anderen Episoden sind schale Anhängsel und erfüllen nicht wirklich ihren Zweck. Dafür sind sie zu wenig definiert, fast schon beliebig, was die Wahl verwandter Themen betrifft, die rund um den gordischen Knoten namens Flüchtlingskrise treiben. Was nicht heißt, dass diese beliebigen Themen auch miteinander verknüpft werden können. Man wartet also, während man Adú zusieht, wie er ums Überleben strampelt, inwiefern die Stories sowohl des Tier- als auch des Grenzschützers wohl zur Entwicklung von Adús Story beitragen können. Nun ja – nichts.

Adú ist sicher ambitioniert. Letzten Endes aber erinnert Adú an das ereifernde Aufzeigen eines heimgekehrten Globetrotters, der seinen Good Will aktiv umsetzen möchte und daher bei der Suche nach freiwilligen Helfern enthusiastisch den Arm in die Höhe reckt. Natürlich eine feine Sache, doch sobald es ernst wird, bleibt die lähmende Ohnmacht, kaum etwas verändern zu können, da die Politik den erfahrungsreichen Globetrotter von links nicht erhört. Womit wir vielleicht doch bei einem gemeinsamen Nenner wären. Unterm Strich nämlich, da schlägt die Skala zur Veränderung der Gesamtsituation nur dann aus, wenn der, den es betrifft, sein Leben selbst in die Hand nimmt. Die Zukunft bleibt dabei selbstverständlich ungewiss. Und die Flucht nach Europa unabdingbar.

Adú

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

4,5/10

 

johnwick3© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: CHAD STAHELSKI

CAST: KEANU REEVES, HALLE BERRY, LAURENCE FISHBURNE, IAN MCSHANE, ASIA KATE DILLON, JEROME FLYNN, ANJELICA HUSTON U. A.

 

Manchmal, wenn es gerade mal mehr schlecht als recht läuft, gibt es einen Song, bei dem ich die Shuffle-Funktion meiner Playlist abstelle und den tröstenden Ohrwurm direkt anwähle. Es ist dies der Song der Toten Hosen mit dem so bezeichnenden und motivierenden Titel: Steh auf. Und dann grölt Campino ins Mikrofon, dass dies zu tun sei, nämlich aufzustehen, wenn man am Boden ist. Und dann nochmal, wenn man da unten liegt. Die Toten Hosen haben damit einen Song geschrieben, den sollte sich Keanu Reeves unbedingt und am besten gestern und wenn geht noch vor 18 Uhr hinter die Ohren schreiben. Kein anderer Song bringt den dritten Anlauf des wohl tödlichsten Hustenzuckerls der Welt so auf den Punkt wie dieser. Denn so oft wie der strähnig schwarzhaarige Stoiker auch hinfällt, er steht gefühlt öfters wieder auf. Und das macht ihn zu einer Kampfmaschine, wie es sie real gar nicht geben kann. Aber das wissen wir, spätestens seit dem augenzwinkernd zweiten Teil eines erfolgreichen Franchise, der damit endet, dass die Assassinengilde quer über den ganzen Erdball in freudiger Erwartung zum Halali auf den mieselsüchtigen Ernstling bläst. Eine Fortsetzung war da garantiert, denn auch wenn das Original außer einem hohen Bodycount nichts zu bieten hatte, hat Teil 2, der größtenteils in Italien spielt, einen gewissen Sinn fürs comichaft Überzeichnete entwickelt, das geradezu ins Absurde geht – und dem ganze Brimborium gut zu Gesicht steht.

Dieses Konzept will Chad Stahelksi auch im derzeit aktuellen Sequel unter die Killer mischen. Und entwirft eine unter der Fuchtel der ominösen Hohen Kammer stehende dunkle Parallelgesellschaft aus Mördern, Kopfgeldjägern und Auftragskillern, die nur mehr ein Ziel haben, nämlich John Wick zur Strecke zu bringen und das Kopfgeld von 15 Millionen zu kassieren. Das mit Tötungsverbot belegte Continental-Hotel in New York bietet auch keinen Schutz mehr – hat der Schauplatz doch erst den Stein ins Rollen gebracht. Und so hetzt die Meute den Wolf. Und der hechelt im Kleiderbaueranzug, durchnässt, verschwitzt und blutend durch eine verregnete Metropole, die fast schon an ein blaustichiges Sin City erinnert. Diese gehetzte Düsternis, dieses panisch Zufluchtsuchende, das sind die besten Minuten in diesem Film. Vor allem dann noch, wenn die Uhr tickt, bevor zur vollen Stunde der gebürtige Weissrusse zum Freiwild erklärt wird, hat der Thriller doch einiges an dystopischer Suspense zu bieten. Die aber verfliegt, nachdem unser geschundener Held auf einen anderen Kontinent wechselt. Was dann mit John Wick: Chapter 3 – Parabellum passiert, fällt in die Kategorie gepflegte Langeweile für Actionchoreographen, die ihre Schüler rangelassen haben, um mit Messern, Macheten und Schießeisen aller Art eine Art Ausdruckstanz zu veranstalten, der aber Kalibern wie The Raid bei weitem nicht das Pflaster reichen kann. Gareth Evans‘ Immobilien-Gemetzel ist zwar saubrutal, dafür fallen die kampfeswütigen Finsterlinge in so ausgesuchter Akrobatik, das Brutalität plötzlich zur freilich fragwürdigen Kunst wird. Die in diesem Film hier eigentlich alle ziemlich stümperhaften Todesbringer fallen wie schlaftrunkene Fliegen beim Abklatschen über einer Kuhflade, so wirklich Paroli bietet keiner von denen, nicht mal die Endgegner, die so lästig sind wie rollige Karnickel und andauernd um den sowieso schon völlig fertigen John Wick herumscharwenzeln, um ihm da und dort noch eine zu semmeln. Reeves erinnert mich dabei ein bisschen an Peter Sellers in der Eingangsszene zu seinem Slapstickstreifen Der Partyschreck. Da mimt er einen Fremdenlegionär, der bereits schon was weiß ich wie oft von feindlichen Kugeln getroffen wurde, und sich immer wieder und scheinbar endlos aufrafft, um ins Horn zu trompeten. Diese okkulte Widerstandsfähigkeit haben entweder Engel, Dämonen oder eben strähnige, lakonische Wüteriche in Schwarz, die sogar in die Wüste geschickt werden.

John Wick: Chapter 3 – Parabellum bezieht sich auf das lateinische Zitat Si vis pacem para bellum was soviel heisst wie Wenn du (den) Frieden willst, bereite (den) Krieg vor. Klar, der Krieg wird nicht nur vorbereitet, er findet auch statt. Und das ist ungefähr so vorhersehbar und überraschend wie bei den Expendables – und wirklich um einige Viertelstunden zu lange. Wenn man glaubt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch ein Arschtritt daher. Letzten Endes wünscht man sich nicht nur einmal Time Out. Hätte John Wick doch wenigstens mehr Stil, hätte er einen Killerinstinkt, der andere glauben lässt, es gäbe ihn gar nicht. Szenenweise gelingt ihm das auch, vielleicht auch rein zufällig, wie beim blinden Huhn und dem Korn. Da hat der Film dann wieder seine feinen Actionspitzen doch meist bleibt es bei fuchtelndem Handgemenge, bis einer weint. Das ist redundant, man blickt auf die Uhr, zählt die Toten schon lange nicht mehr, und befindet das schleppende zweite Sequel als wenig originelle Übersprungshandlung, die im bereits zugesichertem Teil 4 noch größere Kreise ziehen wird. Und wir wissen – Quantität ist nicht gleich Qualität, auch nicht beim Bodycount.

John Wick: Kapitel 3 – Parabellum

Atlantic

DES MEERES UND DER LIEBE WELLEN

7/10

 

Atlantic© 2014 Thimfilm

 

LAND: NIEDERLANDE / BELGIEN / DEUTSCHLAND / MAROKKO 2014

REGIE: JAN-WILLEM VAN EWIJK

MIT FETTAH LAMARA, THEKLA REUTEN, MOHAMED MAJD, BOUJMAA GUILLOUL U. A.

 

Stürmisch ist er. Saukalt. Strömungs- und nährstoffreich – der atlantische Ozean. Nicht gerade das Meer zum Chillen, aber das Meer, um den starken Sportler zu markieren und zu surfen, was das Zeug hält. Die Küsten Marokkos und jene der kanarischen Inseln sind das Paradies für Wellen-Junkies schlechthin. Wer ein Surfbrett hat, hat den Sinn seines Lebens gefunden. Und gehört fortan zu einer Gruppe von Menschen, die mit Dreadlocks, kurzen Schlabberhosen und einer gehörigen Portion Lässigkeit das Leben auf die leichte Schulter nehmen. Um meterhohen Wasserbergen zu trotzen gehört schon eine Portion rotzfrecher Todesmut. Und nach jeder unversehrten Rückkehr an den Strand ist die Existenz um einige Fuhren Küstensand leichter. Womit wir beim Subgenre des Surfer-Films wären. Tatsächlich gibt es Festivals wie jene des Bergfilms, die sich ausschließlich den gefilmten Loops mit Brett und Segel widmen. Womöglich nur was für Surfer-Nerds, obwohl auch Nicht-Dudes so mancher cineastischen Spezialität neben all den atemberaubenden Stunts auch andere Aspekte abgewinnen können. So gesehen bei Atlantic, einer entrückend poetischen Filmerzählung, die den Wassermassen zwischen alter und neuer Welt in den schönsten Lichtreflexionen huldigt und einen Fischersohn namens Fettah auf eine Reise schickt, von welcher er womöglich nicht mehr zurückkehren wird.

Der niederländische Filmemacher Jan-Willem van Ewijk hat ein elegisches Essay über die Sehnsucht nach einem besseren Leben inszeniert, ohne sich dabei aber explizit auf die Charakterisierung des Flüchtlings an sich zu beschränken. Sein Film fordert mehr Fragen und Skepsis zutage als es anfangs den Anschein hat. Denn der Laiendarsteller und Surfer Fettah, der von van Ewijk für eine Rolle selbes Namens gecastet wurde, gibt sich seinen Träumen hin. Den Träumen von einem Leben in einem Elysium des Westens, in einem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, wo es allen besser geht, wo das einzig erstrebenswerte Ziel des materiellen Wohlstands so nah ist wie nirgendwo sonst. Es ist weniger die Schwärmerei für eine junge Frau, die den jungen Fischer und Surfer beeindruckt, sondern der Ort, von wo dieses Wesen aus dem Westen herzukommen scheint. Längst an einen Freund Fettah´s vergeben, entspinnt sich zwischen beiden dennoch eine fast schon intime Vertrautheit – die aber nicht mehr sein kann als ein sommerlicher Flirt, dessen Buschfeuer relativ schnell verraucht. Der Mann aus Afrika will aber mehr. Was genau, darüber lässt uns van Ewijk eigentlich im Unklaren. Sein Abenteurer will das, was durch den Besuch sämtlicher Touristen plötzlich so greifbar nah erscheint. Will das, was er eigentlich gar nicht kennt, und über die Maßen idealisiert. Es ist die eigene Unzufriedenheit, die das Auswandern in ein besseres Leben rechtfertigen soll. Das eigene kleine Glück, die Wertschätzung vertrauter Menschen, greifbare Werte, die bleiben, wenn nichts mehr bleibt – selbst die einfordernden Rufe nach Rückkehr bleiben angesichts des Wagemuts, die Grundrechte auf das Menschenmögliche einzufordern, ungehört.

So fängt der junge Mann und das Meer keinen Marlin, der an der Angel hängt und wie bei Hemingway während der Fahrt zurück ans Ufer aufgefressen wird – vielmehr orientiert sich der Glückssucher an den Gestirnen, und verliert dennoch die Orientierung. Mag sein, dass ich Atlantic völlig falsch eingeschätzt habe. Doch das, was mir van Ewijk´s Film vermittelt, ist kein Manifest, dass Mut macht oder den Mutigen bemitleidet. Nichts, was den Flüchtenden besser verstehen lässt. Im Gegenteil. Die Sehnsucht nach dem Mehr im Leben taucht im Meer des Lebens auf poetische, zurücknehmend kritische Weise als Fragment in der kalten Strömung unter.

Atlantic