Evil Dead Burn (2026)

SCHWARZE SCHAFE DER FAMILIE

7/10

 

Luciane Buchanan als Deadite in Evil Dead Burn
© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SÉBASTIEN VANIČEK

DREHBUCH: SÉBASTIEN VANIČEK, FLORENT BERNARD

KAMERA: PHILIP LOZANO

CAST: SOUHEILA YACOUB, HUNTER DOOHAN, LUCIANE BUCHANAN, ERROLL SHAND, GRETA VAN DEN BRINK, TANDI WRIGHT, MAUDE DAVEY, GEORGE PULLAR, KEANU KARIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN

 

Wer oder was sind diese Deadites überhaupt?

Was sie definitiv nicht sind: Zombies. Aber auch da wieder im klassischen Sinne, denn was die dämonische Kollektiv-Präsenz in den Evil Dead-Filmen auch kann, ist, neben an sich vitalen Körpern noch bereits tödlich verunglückte auf eine Weise wiederzubeleben, die ans Zombie-Dasein erinnert. Inspiration wird sich Sam Raimi wohl bei William Friedkins Der Exorzist geholt haben. Schließlich reicht es, sich zu überlegen, was gewesen wäre, wenn man Linda Blair nicht ans Bett geschnallt hätte.

Doch anders als Untote sind Deadites ausgesprochen intelligent und, gepaart mit sadistischer Bösartigkeit, gezielt darauf ausgerichtet, andere zu „infizieren“. Das gelingt über alle Arten von Körperflüssigkeiten, und ja: bei Evil Dead fließen davon viele. Was noch nicht ausgetestet wurde, ist sexuelle Übertragbarkeit. Vielleicht heben sich das die Macher für den nächsten Teil auf – der womöglich wieder ganz andere Saiten aufziehen und den kreativen Werkzeugkasten eines ganz anderen Filmemachers über sich ergehen lassen wird. Schließlich ist das Konzept von Evil Dead ein grundlegend äußerst simples – ganz so wie jenes aus Alien, Aliens – und wie sie noch so alle heißen.

Der anthologische Charakter einer Lore

Dieses Basiskonzept hat anthologischen Charakter und mag andere dazu einladen, ihren eigenen Stempel aufzudrücken. Bei Alien wissen wir längst: James Camerons Sequel war grundlegend anders als das Original von Ridley Scott, hat das Thema uminterpretiert und, da sonst keine weiteren Regeln vorhanden waren, als Actionthriller aufgezogen. Einen Film später dann David Fincher. Seine Version wurde zwar durch das Studio gegängelt, gekürzt und verstümmelt, ist aber wieder anders als die anderen beiden Teile, während Jean-Pierre Jeunet aus dem Weltraumhorror eine Freakshow inszeniert hat – optisch kühn, progressiv und enorm verspielt. Auch der Body-Horror-Faktor steigerte sich ins Groteske.

Was bisher geschah

Bei Evil Dead funktioniert das genauso. Sam Raimi hat sein Original zwischen Groteske und knallhartem Horror angesiedelt, Teil 2 war da schon nahe an der Komödie, Teil 3 sowieso nur noch Fantasy, mitsamt Skelettarmeen und lauter kleinen Bruce Campbells. Dann kam lange nichts – und 2013 dann das bierernste Remake von Fede Álvarez. Eine Gruppe junger Leute wird erneut aufgemischt, die Kettensäge kommt zum Einsatz, der fiese Dämon steckt zeternd im Keller. Das alles hatte keine nennenswerte eigene Handschrift. Modern zwar, aber austauschbar.

Lee Cronin, der eben erst The Mummy ent-wickelt hat (mehr schlecht als recht), bekam für seinen Evil Dead Rise vollkommen freie Hand. Entstanden ist eine destruktive Stirb Langsam-Version: rabiat, dunkel und durchaus augenzwinkernd. Interessant dabei, dass hier erstmals ein griffiger Subplot hinzukommt – im Grunde ein kleines, aber feines Familiendrama, das sich aber letztlich völlig in blutgetränkten Shining-Reminiszenzen verliert.

Nun aber hat sich der Franzose Sébastian Vaniček an das nicht immer ganz schlüssige und ausbaufähige Evil Dead-Regelwerk herangewagt. Vaniček sagt wohl den wenigsten etwas – Liebhaber des Tierhorrors kennen aber vielleicht seinen arachnophoben Wohnhaus-Terror und Festival-Liebling Spiders – Ihr Biss ist der Tod. Immer noch, wenn ich daran denke, werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas Vielbeiniges seinen Weg unter mein Gewand gefunden hat.

Ein Familiendrama wird korrumpiert

Vaniček lässt diesmal in entsättigten, modrigen Bildern seine Deadites brennen – jedoch erst, nachdem er seine Version mit viel mehr Story-Kontext angereichert hat, als es in bisher jedem Evil Dead-Film der Fall war. Evil Dead Burn ist insofern eine unerwartete Überraschung, da sein Film so wirkt, als wäre das Familiendrama zuerst dagewesen und hätte sich anders weiterentwickelt, würde da nicht die Hölle wie eine unerwartete Katastrophe über die Lebenden stürzen, die alles anders kommen lässt.

Diese „unerwartete Wendung“ des Schicksals ist Vaničeks größter Triumph – und er wartet damit, bis es losgeht; er zügelt seine Teufel, obwohl sie längst wild mit den Zähnen blecken. Herzstück ist fast schon die vor Anspannung kaum auszuhaltende Ruhe vor dem Sturm, wenn die Familie des tödlich verunglückten Will und dessen Witwe Alice nach dessen Beerdigung in scheinbar trauter Harmonie zu Tisch sitzen. Zu diesem Zeitpunkt weiß das Publikum schon weitaus mehr als die Familie, und so kitzelt Vaniček das Unbehagen und die Spannung aus jeder Sekunde.

Im Kreise der Familie kreist die Säge

Wenn das Fass überläuft und sich die ganze kaputte Familie plötzlich ganz anderen Problemen gegenübersieht, die sie noch kaputter machen, bedient sich Evil Dead Burn einer ganzen Bandbreite an Ideen, wie man den rabiaten Horror anders als gewohnt abfilmen kann. Kameramann Philip Lozano lässt sich sowohl zu Inception-ähnlichen Rotationen hinreißen als auch zur bodennahen Reportage, die den Fokus auf eine Person setzt, die, als wäre sie in einem Kriegsfilm, über das Schlachtfeld robbt, während um sie herum kataklysmische Gewalt herrscht.

Mit Intensität kennt sich Vaniček aus. Er spielt mit dem Vorhersehbaren, ohne das Erwartbare aber zu unterwandern. Er erweitert, anders als in allen anderen Filmen, das Wissen um die Deadites und ergänzt das Mysterium um ein Artefakt. Durch dieses Ding bekommt der Film dann seinen Drive. Plötzlich geht es nicht nur ums Überleben, plötzlich mogelt sich hier eine Schatzsuche ins apokalyptische Geschehen – und ganz plötzlich ist der Horror mehr als nur eine Schlachtplatte.

Mit der hätten die meisten aber ohnehin genug, das ist wie nochmal das Alien in einem Raumschiff weit ab vom Schuss. Hier aber ist das heruntergekommene familiäre Heim die ideale Kulisse für ein Spukhaus und hat deutlich mehr Spielplatz als die überschaubare Hütte im Wald. Souheila Yacoub (Planet B) zeigt hier gleich zu Beginn, wie sehr sie sich auf sich selbst verlassen kann – der französische Touch, den sie reinbringt, sorgt für eine gewisse Arthouse-Eleganz, ein Chanson untermalt gar den Showdown. Das sind Aspekte, die kommen dann doch überraschend, während natürlich, und das soll hier nicht unerwähnt bleiben, die gory Messlatte an Blut, Gebein und Ekel recht hoch sitzt, sich das Ganze aber nicht unnötig ausufernd in organischem Stückwerk suhlt.

CGI als Wermutstropfen

Am Ende verhaspelt sich Vaniček dann doch. So weit, so stilsicher und virtuos, bedient er später die digitale Trickkiste, lässt Assoziationen an James Camerons dystopischen Kult-Einstand aufkommen und erfährt aufgrund eines gewissen Übermuts, dass dieser selten guttut – auch wenn das Statement zu häuslicher Gewalt dem Ganzen eine hauchdünne Message mitgibt. So, als wären die Deadites nur Sinnbilder und Nachtmahre unbereinigter Konflikte und entstanden aus der ohnmächtigen Angst vor Kontrollverlust.

Evil Dead Burn (2026)

Prophecy of the Devil (2025)

DER TEUFEL HAT JA SONST KEINE FREUNDE

4,5/10


Der verzweifelte Nicolas Cage als Josef im Film The Carpenter's Son
© 2025 Magnolia Pictures


ORIGINALTITEL: THE CARPENTER’S SON

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: LOTFY NATHAN

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: NICOLAS CAGE, NOAH JUPE, FKA TWIGS, ISLA JOHNSTON, FISAYO AKINADE, SOUHEILA YACOUB U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Das schätze ich am guten alten Nicolas Cage. Für nichts ist sich der Mann zu schade. Wenn ihm was gefällt, macht er es. Wenn er eine Figur noch nicht gespielt hat, wie zum Beispiel den biblischen Josef, dann wagt er es.

Zimmermann vor der Kamera

Warum auch nicht. Schauspiel ist für diesen Mann ein Handwerk, keine wasweißich wie geartete verkrampfte Kunst, in die man sich, wie es manche tun, wochenlang vergraben muss, um vielleicht dann auch in dieser Rolle zu bleiben, die ganze Zeit, auch abseits vom Set. Ein bisschen wirr, oder? Das kann Nicolas Cage auch so: nämlich wirr genug sein. Und laut. Was schreit er nicht herum, wenn der kleine Jesus von Nazareth wieder mal nicht das macht, was man ihm aufträgt.

Blättern in den Apokryphen

Über die Kindheit des christlichen Heilbringers steht in den offiziellen Schriften der Bibel so gut wie gar nichts. Allgemeingebildete wissen: Ganz so ist es nicht, schließlich gibt es da noch die Anti-Bibel, die sogenannten Apokryphen, die verbotenen und unveröffentlichten Evangelien, weil sie einfach nicht jenem christlich-humanitären Bild entsprechen, welches das Neue Testament vermitteln will.

Das am meisten verbreitet Schriftstück ist dabei das Evangelium nach Thomas, ein rund zwei Jahrhunderte nach Christus verfasstes, teils gnostisches Werk und mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum eine Mitschrift von Jesu juveniler Jahrzehnte. In denen hatte er es nämlich, laut Thomas, faustdick hinter den Ohren.

Ein Mädchen, das nicht so ist wie es scheint

Was er damals schon beherrscht hat als Dreikäsehoch, das waren Wunderheilungen. Mit anderen Worten: reinste Magie. Als besten Freund für allerlei Schabernack an seiner Seite: Der Teufel. Nie und nimmer wird er auch später dabei innehalten, den heiligen Mann in Versuchung zu führen. Die vierzig Tage in der Wüste sind noch lange hin. Um hier schon mal Vorarbeit zu leisten und den Messias in spe auf die Probe zu stellen, gibt sich der Leibhaftige als junges Mädchen aus. Und zeigt dem jungen Jesus, wie schlecht und unwürdig die Menschheit doch ist, um sie letzten Endes, einige Jahrzehnte später ans Kreuz genagelt, retten zu wollen.

Jesus, Maria und Josef!

Die heilige Jungfrau Maria, gespielt von Musikerin FTA Twigs, ist längst in diversen Sphären abgeglitten, wie eben jemand, der jungfräulich empfangen hat und noch dazu vom Nachwuchs weiß, dass dieser mal in die Weltgeschichte eingehen wird.

Josef hat jedoch nichts davon: ein verzweifelter und zweifelnder Griesgram, der, gerade erst aus dem ägyptischen Exil zurückgekehrt, immer noch bangen muss, von den Römern erwischt zu werden. In diesem dunklen, schattenfleckigen Setting eines levantinischen Olivenhains braut sich also was zusammen. Was genau, wird jedoch selten klar, denn so richtig stringent entwickelt sich Prophecy of the Devil (Im Original The Carpenter’s Son) nicht gerade. Als junger Jesus darf Noah Jupe, zuletzt gesehen in The Death of Robin Hood, den Erwartungen überraschend bibelkonform entsprechen – so, als hätte Autorenfilmer Lotfy Nathan dringlich versucht, das ausgesonderte Evangelium zu rehabilitieren.

Die missglückte Emanzipation des Josef

Und dennoch bleibt er mit seiner metaphysischen Momentaufnahme unentschlossen zwischen diversen Charakteristika, die diese Bibelinterpretation festigen sollen, hängen. Soll das ganze Horror sein? Das Coming-of-Age von Jesus, der selbstredend nur Bahnhof versteht im Bezug dessen, was ihm das Göttliche zuflüstern will? Oder ist Jesus nur Sparringpartner für einen Josef, dem nichts erspart bleibt und dessen Verschwinden aus den Evangelien nach Jesu Geburt erklärt haben will?

Diesmal dreht Nicolas Cage seine Figur deutlich zu laut auf, gebremst hat ihn Lotfy Nathan dabei nicht – und ihn mehr oder weniger zu einer belächelnden Frustrationsfigur verwandelt, die die Autorität der Josef-Figur dann noch mehr untergräbt als ohnehin schon.

Der Teufel hat es in sich

Beachtenswertes Kernstück dieses dunklen, zerfahrenen Versuchs einer Exegese ist die beeindruckende Schauspielerin Isla Johnston (Das Damengambit). Ihre einschüchternde und unberechenbare Interpretation des Teufels hat einen besseren Film verdient. Zumindest einen, der noch mehr in existenzielle Fragen abtaucht und Jesu Selbstbewusstsein herausfordert. So richtig in medias res ist dabei noch kein Film gegangen.

Prophecy of the Devil hätte genau darin sein Potenzial entfalten können, wenn Josefs Gezeter nicht andauernd dazwischenfunken würde.

Prophecy of the Devil (2025)

Evil Dead Rise (2023)

DIE VOLLKOMMENE DESTRUKTION DER MENSCHLICHEN PHYSIS

6,5/10


Lily Sullivan als Beth in Lee Cronin's Evil Dead Rise
© 2023 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVE GARBETT

CAST: LILY SULLIVAN, ALYSSA SUTHERLAND, NELL FISHER, MORGAN DAVIES, GABRIELLE ECHOLS, JAYDEN DANIELS, MARK MITCHINSON, BILLY REYNOLDS-MCCARTHY, TAI WANO, ANNA-MAREE THOMAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN



Das wirklich Gruseligste an Lee Cronins Wiederbelebung von Sam Raimis bitterbösem Dämonenspuk ist nicht etwa das schauerliche Grinsen der von eben jenen transdimensionalen Destruktoren heimgesuchten und zweckentfremdeten Alyssa Sutherland, obwohl den Make Up-Künstlern hiermit eine Sternstunde ihrer Arbeit gelingt.

Wann das Grauen das limbische System kitzelt

Schon gar nicht sind das Gruseligste all die tödlichen Wunden, die einem ganzen Stockwerk an Hausparteien nacheinander zugefügt werden. Das Gruseligste wohnt einer Schallplatte unbekannten Titels inne, welche die Stimme eines Priesters aus dem Jahre 1923 ertönen lässt – und auch dann nur verständlich ist, wenn man mit dem Finger die Geschwindigkeit der sich drehenden Scheibe dementsprechend reguliert – wie ein Okkult-DJ, den die Neugier packt.

Diese Stimme, die Countenance bewahren muss, um der Nachwelt Bericht zu erstatten, die am Ende der dritten Pressung mit dem Nerven am Ende scheint und zugeben muss, das nichts, aber auch gar nichts das Böse wieder in seine Schranken weisen kann – bei diesem „Found Footage“ kann es zarteren Gemütern schon anders werden. Aber auch Gemütern, die längst nichts mehr dabei empfinden, wenn der Gorehound zubeisst, deren limbisches System aber die Angst kitzelt dank einer undeutbaren, unbekannten, seltsamen Bedrohlichkeit, die im Kontext antiquarischer Überbleibsel in blutdrucktreibender Gothic-Manier für angenehm-unangenehme Schauer sorgen, gefüttert und verstärkt durch Erinnerungen womöglich aus der Kindheit.

Nimm dir doch ein Buch!

Mit dieser Art und Weise des Umgangs mit den „Bösen Toten“, die noch dazu im Menschenhaut-Almanach des Necronomicon in feinsten, mit Rötelstift ausgearbeiteten Illustrationen zum begehrten Sammlerobjekt werden, will sich Lee Cronin (Lee Cronin’s The Mummy) aber nicht länger aufhalten. Obwohl gerade dieser Aspekt das Interessanteste gewesen wäre.

Doch ergründen wollte Sam Raimi seine chaosstiftenden Entitäten aus der Höllendimension schon damals nicht. Buch und Beschwörung reichen zu genau jenem Zweck, diesen ganz speziellen und unzimperlich-deftigen Horror-Workshop zu eröffnen, für den Fingerspitzengefühl ein Fremdwort ist und wo das Eingemachte, an das es gehen soll, zum launig vertilgbaren Überschuss wird.

Das Böse kommt in die Stadt

Von der „Cabin in the Woods“, dessen vermeintliches Geheimnis Drew Goddard in seiner satirischen Hommage desselben Titels ans Licht brachte, reist dasschreckensgeeichte Publikum einen Tag zurück in urbane Gefilde, in ein heruntergekommenes Mietshaus in Los Angeles, in dem Ellie (furchteinflößend: Alyssa Sutherland) mit ihren drei Kindern lebt, und die auch an diesem alles verändernden Abend Besuch von ihrer im Chaos dahinlebenden Schwester Beth bekommt.

Anscheinend muss das Böse erst an die Tür klopfen, damit einem selbst die eigenen Qualitäten bewusst werden. Beth nimmt also die Rolle des Kettensägen schwingenden Ash ein – damals Bruce Campbell: mit strahlendem Intellekt, der nötigen Portion Überlebenswillen und gutem Magen.

Die neue „Ash“?

Zu viel um die eigene Familie trauern darf man dabei nicht, das Leben – oder Überleben – geht weiter. Und so erwehrt sich Lily Sullivan, die absolut das Zeug dafür hat, in diesem Franchise immer wieder mal als Heroine aufzutauchen, die weiß, wo es langgeht, der ungebändigten Lust am Vernichten, die von ungesund aussehenden, ehemals Vertrauten ausgeht.

Zeter und Mordio 

Dabei wird Evil Dead Rise nach ungefähr einer halben Stunde zum munter drauflos metzelnden, ausgeprägt mechanischen Kraftakt, der die Physis menschlicher Körper bis zur Vollkommenheit kaputtmacht. Ein Film also, der die Zerstörung feiert, die Häme und den ganzen Shitstorm, der in den Sozialen Medien immerwährend wütet, der aber diesmal über die Lippen von Leuten kommt, bei denen man es nie für möglich gehalten hätte, das sie so etwas sagen würden.

Cronin weiß – er darf beim „Tanz der Teufel“ nur nicht zipoenters The Thing genauso inspirieren wie von Stanley Kubricks Shining, dazwischen isoliert er seinen monströsen Schauplatz wie in Stirb Langsam von der Außenwelt.

Zwischen den Zahnrädern

Evil Dead Rise macht vorallem technisch vieles richtig, doch was der Reißer nicht schafft, ist, Emotionen zu erzeugen. Als liefe Chaplin in Modern Times Gefahr, zwischen den Zahnrädern einer monströsen Maschine zermalmt zu werden, muss Lily Sullivan und jene, die es zumindest bis zur Halbzeit des Films geschafft haben, nicht besessen zu werden, zusehen, dass ihnen dieses Schicksal ebenfalls nicht blüht.

Krawall-Horror ohne Zwischentöne

Alle anderen werden verwurstet, in apokalyptischen Bildern, die den Nihilismus eines H. P. Lovecraft atmen, ihre Wirkung zwar nicht verfehlen, aber das bleiben, was sie sind: Eine entfesselte Wut-Orgie, in sprudelnd-schäumendes Rot getaucht, mit kreativen Ideen, die aber mit Suspense wenig anfangen kann, dafür aber kurios genug ist, um Zwischentöne gar nicht erst zu vermissen.

Evil Dead Rise ist Krawall, der alles, was in seine Finger gerät, instrumentalisiert. Das ist harte Kost, und doch von einem anpassungsfähigen Pragmatismus geprägt, der die Geschehnisse betrachtet, als wären sie eine spektakuläre Naturkatastrophe oder eine maschinelle Dysfunktion, die einen selbst (zum Glück) nicht betrifft.

Evil Dead Rise (2023)

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

They Will Kill You (2026)

EIN OPFERLAMM LÄSST DIE SAU RAUS
7/10



© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KIRILL SOKOLOW

DREHBUCH: KIRILL SOKOLOW, ALEX LITVAK

KAMERA: ISAAC BAUMAN

CAST: ZAZIE BEETZ, MYHA’LA, PATRICIA ARQUETTE, PATERSON JOSEPH, TOM FELTON, HEATHER GRAHAM, DARRON MEYER, GABE GABRIEL, CHRIS VAN RENSBURG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



„Da hat wohl jemand Schwein gehabt“, könnte man nach Sichtung dieses überdrehten Streifens behaupten. Ein Spoiler wäre das aber jedenfalls keiner. Der Weg zum großen Ganzen in dieser Sause bedarf etwas mehr als knackige 90 Minuten, und das ist genau die Dosis, die ein Film wie They Will Kill You sehr gut aushält, bevor sich so manches gar wiederholt oder selbst zitiert, nur weil das Filmteam nicht genug davon bekommt, wie Zazie Beetz sich im Pyjama durch die Gegend schlachtet.

Was für eine nette Wohngemeinschaft

Die meisten kennen die Schauspielerin wohl schon seit Todd Philipps Joker, nun aber hat sie endlich ihren eigenen Film, wo sie gar nicht mal einen grellgelben Trainingsanzug zur Schau stellen muss wie seinerzeit Uma Thurman in Kill Bill, sondern wo Schlabberhose und T-Shirt absolut reichen, um das um ihre Nachtruhe beraubte und daher auch recht wütende Dienstmädchen absolut stylish in Szene zu setzen. Dabei befinden wir uns in einem recht abgesteckten Setting, das Kenner unweigerlich an einen Klassiker des okkulten Grusels erinnert: Rosemarys Baby.

Inmitten eines verregneten und ungastlichen Manhattan ragt also dieser brutale Massivbau eines Wohnblocks in die Düsternis, ein nobles Etablissement, alles sehr Retro und geschmackvoll. Auch die Bewohner und Bewohnerinnen überaus freundlich, und wir wissen sofort: So süßliche Verhaltensweisen bedeuten meist nichts Gutes, da steckt stets etwas Dunkles dahinter. Und ehe man es sich versieht, können all die netten Leute gar nicht mehr bis auf den nächsten Morgen warten, um Zazie Beetz ihre Gunst zu erweisen. Was ihre Figur an diesem Ort verloren hat? Die kleine Schwester. Grund genug, um sich mit einer ganzen Schar eigentümlicher Satanisten anzulegen, die, verpackt in dunkelgrüne Regenmäntel und getarnt mit Schweinemasken (da haben wir es wieder, das Schwein) die Dame gerne opfern möchten.

Sofern man nicht zum Fanatismus neigt, ist das wohl eine Gefälligkeit, der man eigentlich nicht nachgeben will. Zum Glück für diese sympathische und zugleich wildgewordene Furie kann sie auch noch verdammt gut kämpfen. Wäre da nicht ein gewisser Faktor, mit dem die sinistre Belegschaft den Heimvorteil hat, und somit die Aussicht auf einen Erfolg des Guten in weite Ferne rücken lässt.

Blaxploitation heisst das Zauberwort

Sieht man sich die mit der Machete herumschwingende, rabiate Beetz an, so wird schnell klar, welchem Genre Regisseur Kirill Sokolow (Why Don’t You Just Die) hier huldigen möchte: Dem Exploitationkino – oder auch Blaxploitation, denn Zazie Beetz ist farbig, und Blaxploitation unterscheidet sich genau um diesen Umstand von erstgenannter Art. Wie man solche Filme macht, wissen auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Label Grindhouse das mitternächtliche Bahnhofskino würdigten.

Machete, Death Proof oder Planet Terror sind mustergültige Kandidaten, die längst jedes Filmlexikon ergänzt haben. Und jetzt auch They Will Kill You. Überzogene, explizite Gewalt, abstruse Plots, trashiger Style, derber bis tiefschwarzer Humor, über allem oftmals eine starke Heldin (früher zum Beispiel Pam Grier, die sehr viel später in Jackie Brown nochmal ein Da Capo hingelegt hat), die in völliger Ignoranz gegenüber physikalischen Gesetzen und sonstiger Logik die Nemesis für all das finstere Gesocks macht, das gerne auch mal verstörend psychopathische Verhaltensweisen an den Tag legt.

In Dreiteufels Namen

Unter diesen stilistischen Voraussetzungen lässt Sokolow in seinem fürs Spätkino ideale Gustostückchen vielleicht auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sau raus, und zwischendurch, man kommt nicht umhin, blitzt die verspielte Phantastik eines Terry Gilliam durch, obwohl der Herr damit nicht das Geringste zu tun hat. Gilliam und Polanski, vermengt mit den wüsten Anwandlungen einer Bahnhofskino-Groteske: Das ist They Will Kill You. Und dabei weit entfernt von Genreverwandten wie Ready Or Not, die im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: Junge Frau wird notgedrungen zum Freiwild, weil sie dem Leibhaftigen geopfert werden muss, sonst verlieren all jene, die das Dunkel anbeten, ihre Privilegien.

Während Ready or Not zwar Spaß macht, aber in geordneten Bahnen bleibt und zwar schon auch übertreibt, nur etwas verhalten, purzeln bei They Will Kill You die bizarren Ideen nur so von des Beelzebubs Schoß. Dabei macht es Spaß, auch das Retro-Design der Inserts mit der übrigen Reminiszenz an das Alles-erlaubt-Kino in Einklang zu bringen.

Sokolows spaßiger Splattertrip mag zwar nicht Spaß für die ganze Familie sein – für den cineastischen Junk Food Liebhaber aber ein knackig angebratener, gepfefferter Burger – vom Schwein.

They Will Kill You (2026)

Ready Or Not 2 (2026)

VOM BLUTREGEN IN DIE HÄMOGLOBINTRAUFE

6,5/10


Samara Weaving und Kathryn Newton in der Horrorkomödie Ready Or Not 2
© 2026 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: MATT BETTINELLI-OLPIN, TYLER GILLETT

DREHBUCH: GUY BUSICK, R. CHRISTOPHER MURPHY

KAMERA: BRETT JUTKIEWICZ

CAST: SAMARA WEAVING, KATHRYN NEWTON, ELIJAH WOOD, SARAH MICHELLE GELLAR, SHAWN HATOSY, NESTOR CARBONELL, DAVID CRONENBERG, KEVIN DURAND, OLIVIA CHENG, VARUN SARANGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Keine Ruh hat man. Das wusste schon Sigourney Weaver. In James Camerons Sequel zu Alien kam die Action-Ikone Ellen Ripley auch nicht wirklich zum Ausschlafen, musste sie doch gleich wieder zurück auf diesen Planeten, wo im Original alles begonnen hat. Der zweite Teil setzt dabei genau da an, wo er aufgehört hat. Und zwar nahtlos. Dasselbe passiert bei Zurück in die Zukunft II und sogar III. Hier lässt sich gleich die ganze Trilogie am Stück genießen, wirkt dabei also wie ein Film. Jetzt hat diesen Fortsetzungs-Clou auch Ready Or Not eingeheimst, die Hochzeits-Slasher-Herrenhaus-Partie mit Jagdinstinkt. Und Samara Weaving. In solchen Fällen ist es gut, den vorangegangenen Teil noch bildfrisch in Erinnerung zu haben, sonst hapert es womöglich mit dem geschmeidigen Übergang, der vom Regen in die Traufe führt.

Was bisher geschah

Zur Vorgeschichte: Weavings Figur der Grace kommt wie die Jungfrau zum Kind in den Genuss eines satanischen Rituals, bei welchem am Ende ihre Auslöschung steht, und zwar sollte diese bis Sonnenaufgang über den Jordan geschickt worden sein, sonst wird Beelzebub böse. Und das will keines der Individuen aus dem Adelsgeschlecht der Le Domas-Familie. Also zücken sie sämtliche Waffen, und die gute Grace muss rennen. Sich retten. Und vielleicht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zurückschlagen. Soviel Spoiler zu Teil eins sei erlaubt: Unsere Heldin im blutverschmierten Brautkleid bändigt tatsächlich all die sinistren Bestrebungen und bleibt bis zum Tagesanbruch am Leben. Nur, um dann – das sieht man erst im Zweiten – doch noch umzukippen.

Der Teufel ist ein schlechter Verlierer

Im Spital erwacht, trifft Grace erstens mal auf ihre entfremdete Schwester Faith – und sehr bald schon auf den ersten Meuchelmörder, denn die Sache mit der Opfergabe für den Leibhaftigen ist noch nicht ausgestanden. Schließlich ist mit dem Überleben von Grace eine Situation eingetreten, die des Teufels Advokaten bedarf, der wiederum… aber lassen wir das. Wichtig ist: Bei Ready Or Not 2 handelt es sich nicht um die gleiche Handlung in anderem Gewand. Und selbst wenn es das gleiche Gewand wäre, und die gleiche Handlung: Wenn die Schauwerte stimmen, das hat uns James Cameron bewiesen, dann ist das Bewährte gerade mal gut genug.

Buffy mal anders, eine Regielegende vor der Kamera

Nicht aber hier, was gut ist, wenn man denn vorhat, ein Double Feature zu planen, der beide Teile zusammenführt. Was aber gleich ist: Die Jagd auf Samara Weaving, denn das ist das Grundprinzip dieser Idee. Deswegen geht man ja auch in diesen Film, weil klar ist, was kredenzt wird. Da braucht es nichts, was storytechnisch um die Ecke denkt. Vielleicht gibt man Samara Weaving noch einen zweiten Charakter an die Seite – nämlich Kathryn Newton. Und – wenn wir schon bei den Jägern sind – die Jägerin schlechthin: „Buffy“ Sarah Michelle Gellar. Die ist aber auf der anderen Seite, also die Antagonistin. Schön, sie zu sehen.

Und wer, um alles in der Welt, darf die ersten Szenen des Sequels dominieren? David Cronenberg. Nein, das ist keine zufällige Namensgleichheit, dabei handelt es sich tatsächlich um den Schöpfer von Die Fliege und sämtlichen Bodyhorror-Exzessen der letzten 30 Jahre. Der Altmeister gönnt sich den Spaß, und seine Visage passt perfekt in dieses süffisante B-Movie, das nichts anderes will, als Blut zu sehen.

Dunkle Regeln ohne Konsequenzen

Ready Or Not 2 ist vergnüglich und zwischendurch auch mal zum Gähnen, wenn es um innerfamiliäre Angelegenheiten geht, die nur halbherzig die Handlung voranbringen, ohne im geringsten zu emotionalisieren. Das Spiel mit den dunklen Mächten hat seinen Reiz, und letztlich ist sogar das Hadern mit den Regeln des Spiels der wahre Gag in dieser morbiden Fantasy, wenn schon die Kills gewisse Verschleißerscheinungen sichtbar werden lassen.

Über die aufgeweichte Logik kann man hinwegsehen, auch über das mühsam konstruierte Skript, das es nicht schafft, die stümperhaften Versuche der jagenden Meute mit der Dringlichkeit der Ermordung von Grace auch nur irgendwie zu erklären. Vielleicht hängt der Film auch deswegen manchmal durch. Und was wäre es nicht für ein prachtvolles Ende, wären Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die mit Abigail ihrem Genre 2024 treu blieben, mutig genug gewesen, das Szenario auf ein neues Level zu heben und die Welt nicht mehr das sein zu lassen, was sie vorhin noch war. Dafür hätten sie alles in der Hand gehabt.

Das finale Crescendo aus Macht und Gier gibt einem aber auch einen gewissen Kick. Und erinnert nicht ungefähr an einen Ring, ihn zu knechten. Schon allein deswegen, weil „Frodo“ Elijah Wood dabei zusieht.

Ready Or Not 2 (2026)

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

ANGST VORM SCHWARZEN MANN

6/10


© 2024 Film Factory Entertainment


ORIGINALTITEL: EL ILANTO

LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN, FRANKREICH 2024

REGIE: PEDRO MARTÍN-CALERA

DREHBUCH: PEDRO MARTÍN-CALERA, ISABEL PEÑA

KAMERA: CONSTANZA SANDOVAL

CAST: ESTER EXPÓSITO, MATHILDE OLLIVIER, MALENA VILLA, ÀLEX MONNER, SONIA ALMARCHA, TOMÁS DEL ESTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Stellt Euch folgende schaurige Szene vor: Da plaudert man per Videocall mit seinem gegenüber, meldet sich dieses mit einer Frage zu Wort, wer denn bei einem selbst auf Besuch sei. Warum, würde man antworten, sei man doch ganz alleine zuhause. Doch wer genau steht denn da in der Tür? Der Schauer läuft bei dieser Entgegnung mit Riesenschritten den Rücken hoch und setzt sich in den Nacken, wir drehen uns um und sehen natürlich nichts, doch da ist eine Präsenz, unser Gegenüber am Display des Computers sieht es ganz genau.

Solche paranormalen Vorkommnisse passieren im argentinischen Paranoia-Horror The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter – und ja, alles beginnt mit einem Schluchzen und Jammern, das die Protagonistinnen dieses Films wahrnehmen, dieses aber nicht verorten können, zumindest nicht sofort. Und dann passiert das, eingangs erwähnte Szene, die dunkle Silhouette einer Gestalt ist vage auszumachen, obwohl eigentlich niemand hier sein dürfte, in der Wohnung von Studentin Andrea. Noch schenkt sie diesen Vorkommnissen wenig Aufmerksamkeit, auch wenn ihre Freunde darauf beharren, dass jemand anderes in ihrer Wohnung war. Dieses andere entpuppt sich bald als finstere Entität, als ein personifizierter Fluch, als eine Bedrohung, die sich nur auf digitalen Medien manifestiert, sonst aber unsichtbar bleibt.

Toxischer Verfolger durch die Zeit

Wäre das die ganze Geschichte, hätten wir es mit einem relativ geradlinigen Dämonen- oder Geisterhorror zu tun, in welchem es darum geht, den oder die andersdimensionalen Verfolger abzuschütteln, vielleicht versehen mit einer tiefergehenden Symbolik, die sich in David Robert Mitchells beeindruckender Vergänglichkeits-Allegorie It Follows vorfinden lässt. Doch der Spanier Pedro Martín-Calero hat anderes, hat mehr im Sinn. Nicht der Tod und das Unausweichliche eines Lebensende, das die Existenz im Diesseits stets zum Tanz verführt, ist in The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter vorrangig. Schließlich gibt es in Caleros Film noch eine zweite Zeitebene – diese ist zwanzig Jahre vor den Geschehnissen in Südamerika angesiedelt, und zwar in Spanien. Dort stalkt die junge Filmstudentin Camilla im Rahmen ihres Kurzfilmprojektes eine junge Frau namens Marie, die natürlich nicht weiß, wie ihr geschieht. Dabei entdeckt sie auf den Videoaufnahmen diesen alten, blassen Mann in Schwarz, der vielleicht gar den Tod symbolisiert. Oder ist er ein Geist, ein Verstorbener, der Teufel? Im Laufe des Films wird zwar nicht alles deutlicher und klarer, doch dass es hier um epigenetisch übertragene Traumata geht, die von Generation zu Generation tief verwurzelt bleiben und derer sich niemand entledigen kann, wird wohl eher zutreffen als lediglich eine simple Bedrohung, mit denen vielleicht das Ehepaar Warren aus dem Conjuring-Universum klarkommen hätten können. Ich fürchte, bei dieser scheinbar zeit- und raumlos existierenden Macht sind selbst diese beiden mit ihrem Latein am Ende.

Nur vage Vermutungen

The Wailing trägt trotz all seiner punktgenau gesetzten, schaurigen Horrormomente, die für Unwohlsein sorgen, wohl mehr die Charakteristika eines feministischen Mysterydramas um ertragenes Leid ganze Lebensspannen hinweg. Mascha Schilinski hat sich mit In die Sonne schauen Ähnliches zu dieser Thematik überlegt, nur ganz woanders angesetzt. Martín-Calero legt die Ereignisse weniger episch an und reduziert das einwirkende Böse auf einen toxisch-männlichen Aggressor.

Die Dinge auflösen will Calero dabei nicht, vieles bleibt unerklärt, im Dunklen und im Diffusen. Man kann nur erahnen, was es mit diesen Vorkommnissen auf sich hat. Einen Reim darauf, der nicht hundertprozentig schlüssig ist, aber in Frage kommt – den kann man sich dennoch machen. Ob das letztlich die Neugier befriedigt? In jedem Fall bleibt diese obskure Story am Ende jegliche Gefälligkeit ihrem Publikum gegenüber schuldig. Eine Wende mag gerade noch ihren Weg ins Drehbuch gefunden haben, ganz klar ist die Conclusio da aber auch noch nicht.

The Wailing – Der Tod hat viele Gesichter (2024)

Bring Her Back (2025)

STÖRE MEINE KREISE NICHT

7/10


© 2025 Sony Pictures / A24


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE: DANNY & MICHAEL PHILIPPOU

DREHBUCH: DANNY PHILIPPOU, BILL HINZMAN

KAMERA: ARON MCLISKY

CAST: SALLY HAWKINS, BILLY BARRATT, SORA WONG, JONAH WREN PHILLIPS, SALLY-ANNE UPTON, MISCHA HEYWOOD, STEPHEN PHILLIPS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Danny und Michael Philippou, bekanntgeworden auf Youtube unter dem Label RackaRacka, können es abermals nicht lassen, die menschliche Seele nach dem Tod ins Diesseits zu bemühen. Sowas hat man früher gern gemacht, mit Séancen, hierzulande als „Tischerlrücken“ bekannt. Die beiden sind nicht etwa interessiert, zu wissen, was nach dem Ableben noch auf uns zukommt; wie das Sterben selbst sich anfühlt. Das ist eine Dimension, diese zu erforschen überlassen sie gerne anderen Leuten. Was die Philippous wollen, ist, die gestorbene Identität, sofern es denn noch eine gäbe, wieder in die uns eigene Realität zurückzuholen. Die Neugier, ob dies gelänge, siegt über die Achtung der Totenruhe, heiligt aber dennoch die Mittel zum Zweck, um ganz deutlich zu signalisieren, dass man an diesen Tabus nicht rütteln soll.

Dem Tod ins Handwerk pfuschen

In Talk to Me, ihrem Regiedebüt, das erfrischend kreativ und demnach auch mit entsprechender Härte an den Horror herangeht, dient ein okkultes Artefakt, in diesem Fall eine mumifizierte Hand, als Sprachrohr für tote Seelen. Dafür schlüpfen sie in den Körper eines lebenden Individuums, um sich zu artikulieren. Solche Spielereien haben natürlich einen Pferdefuß, das ganze geht schief, der Schrecken bricht sich Bahn. Interessant dabei: Hier haben wir es nicht mit bösen Dämonen, dem Teufel oder anderen finsteren Gesellen aus der Hölle zu tun, die uns wie in Conjuring einfach nur quälen wollen. Bei den Philippous sind die Toten die Toten, und sie benehmen sich auch wie solche – abgekoppelt und dahintreibend in eine andere Welt, von der sie nicht wissen, was sie verspricht, weil das Licht sie angeblich noch nicht erreicht hat, und die daher eine brennende Sehnsucht danach verspüren, wieder in ihr altes Leben zurückzugelangen. Ganz normale Behaviours für Verstorbene, in Versuchung geführt von jenen, die sie eigentlich nichts mehr angehen. Auch in Bring Her Back sind okkulte Praktiken relativ funktionabel – in der paranormalen Welt der Philippous ist das Know-How zur Überbrückung der Dimensionen längst praxiserprobt.

Das Thema der Selbstverletzung

Was es dazu noch braucht, ist Trauer. Bittere, unheilbare, irreversible Trauer, die keinen Trost findet, es sei denn, wie der Titel schon sagt: die Verstorbene kehrt zurück. Bis zum Hals in diesem Nährboden der Erschütterung steckt Sally Hawkins als überbordend liebevolle Pflegemutter, welche die beiden elternlosen Geschwister Piper und Andy bei sich aufnimmt. Überrumpelt von all der Gastfreundschaft, wundern sich beide vorerst nur wenig ob des seltsamen Verhaltens ihres Patchwork-Bruders Ollie, der sichtlich Schwierigkeiten hat, zu kommunizieren und generell recht apathisch wirkt. Der Zuseher weiß aber längst, dass der Grund dafür in der Pervertierung von Naturgesetzen liegt, die selbst dem Paranormalen inhärent sind. Diese zu verbiegen oder gar zu brechen, davor mahnt Bring Her Back mit expliziten Bildern, die weniger versierten und geübten Horrorkinogängern durchaus aufs Gemüt schlagen könnten, ist der Bodyhorror hier doch absolut State of the Art und das Realistischste, was man seit Langem zu sehen bekam. Auffallend ist dabei, dass die Philippous schon bei ihrem Vorgänger ihren Horror in der manischen Selbstverletzung orten, ein Thema, das andere Horror-Franchises lediglich als Selbstzweck auf die Spitze treiben. Apropos: Wären diese Gewaltspitzen nicht, wäre die enorm düstere Tragödie in seiner Tonalität mühelos gleichzusetzen mit Nicholas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen. Nur der Spuk hält sich in Grenzen, der lässt sich, anders als in Talk to Me, diesmal nur erahnen. Viel eher brilliert die sowieso immer famose Sally Hawkins, diesmal völlig gegen ihr Image gebürstet, in einem Psychothriller, der die Klaviatur des Suspense mit variierender Wucht nachzuspielen weiß.

Regenschwerer Psychothriller

Viel schlimmer als das Okkulte wiegt dann doch die Dreistigkeit der Manipulation und der Intrige, in der die Figur des fast achtzehnjährigen Bruders Andy (Billy Barratt) immer mehr versinkt. Vermengt mit der wahrlich erschreckenden Performance des jungen Jonah Wren Phillips ergibt das einen zwar weitaus geradlinigeren und weniger komplexeren Film als Talk to Me, dafür aber lücken- wie atemloses Schauspielkino unter nicht nur emotionalem Dauerregen. Der ideale Film also für den Übergang von Halloween zu Allerheiligen – keine leichte Kost, gnadenlos morbid, andererseits aber unerwartet emotional, melancholisch und am Ende ungemein poetisch, als hätte Del Toro (The Shape of Water mit Sally Hawkins) letztlich noch seine Finger mit im Spiel.

Bring Her Back (2025)

The Deliverance (2024)

DER DÄMON, DER ZU KREUZE KRIECHT

3/10


The Deliverance© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LEE DANIELS

DREHBUCH: DAVID COGGESHALL, ELIJAH BYNUM

CAST: ANDRA DAY, GLENN CLOSE, CALEB MCLAUGHLIN, DEMI SINGLETON, AUNJANUE ELLIS-TAYLOR, MO’NIQUE, OMAR EPPS, MISS LAWRENCE U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Der Horrormonat Schocktober kann gar nicht früh genug beginnen – Netflix schickt pünktlich zum Ende der Sommerferien, allerdings später als all die Lebkuchen in den Supermärkten, seinen ersten Haunted House-Horror auf sein illustres Portal. Dabei ist das nicht irgendein billiger Firlefanz, sondern die angeblich schmucke Regiearbeit eines Lee Daniels, der schon 2009 mit dem intensiven Sozialdrama Precious – Das Leben ist kostbar für Aufsehen sorgte und im Jahr darauf zwei Oscars dafür bekam. Einige ansehnliche Filme später (u. a. The Butler) gipfelt seine Werkschau nun in einem okkulten Besessenheitshorror mit illustrer Besetzung. Andra Day (The United States vs. Billie Holiday) und die großartige Glenn Close versprechen niveauvolles Gruseltheater mit sozialkritischen Untertönen. Fast könnte man sich dazu hinreissen lassen, The Deliverance als das „Conjuring“ der Black Community zu bezeichnen – allerdings noch ehe man den Film gesehen hat. Flimmert er aber über den Screen, erreicht er überraschend bald sein eigenes Trägheitsmoment, den er nicht und nicht überwinden will. Vielleicht gelingt dies ja, wenn Lee Daniels während der Laufzeit sein uninspiriertes Sozialdrama durchgekaut hat, um dann das Genre zu wechseln. Denn so, wie dieser sein Betroffenheitskino mit spukhaftem Horror verknüpfen will, geht die Rechnung nicht auf. Es ist, als hätten zwei gleichgepolte Handlungsstränge ineinanderzugreifen – doch weder die eine noch die andere Komponente wollen synergieren. Sowohl Drama als auch Horror bleiben schal, und nicht mal der Allmächtige kann das Dilemma richten, ganz im Gegenteil. Er macht es noch schlimmer.

Wenn Andra Day mit der an Krebs erkrankten Filmmutter, dargestellt von Glenn Close mit Mut zur souveränen Hässlichkeit, ihre Konflikte austrägt, riecht das nach großem Schauspielkino. Doch auch dieser brennende Zunder weicht abnehmender Glut. Days Figur ist eine alleinerziehende Mutter, deren Aufmüpfigkeit nur durch ihre dick aufgetragene Verschwendung des Wortes Bitch getoppt wird. Bitch hier, Bitch da, auch Glenn Close fällt in diesen Schimpfreigen ein. Doch Andra Day kolportiert nur ihre von Traumata und Bürden des Lebens zerfressene Rolle, fühlen tut sie diese nicht. Diese fünfköpfige Familie ohne Mann zieht nun in ein neues Haus, welches – wie kann es anders sein – von einer dunklen Entität beherrscht ist. Das Übel hat seinen Ursprung klarerweise im Keller, ganz so wie der Höllenschlund im Buffyverse. Nach und nach bemächtigt sich dieser Dämon des jüngsten Sprosses, durch ihn kann er auch die beiden anderen Geschwister gängeln. Sobald selbst der aufgedonnerten Sozialhilfe klar wird, dass die familiären Krisen übernatürlichen Ursprungs sind, tritt die Geistlichkeit auf den Plan. Die Dreifaltigkeit soll schließlich alles richten.

Was diesem elendslangweiligen Familienhorror, der sich eigentlich darauf verlassen wollte, dass vorallem die Jungdarsteller ihren Part zur Wirksamkeit dessen beitragen, im letzten Drittel zustößt, lässt einen genauso mit den Händen ringen wie Andra Day es am Ende tut. Militanter Katholizismus bricht wie ein Kettenfahrzeug durchs Anwesen, fahnenschwingend ganz vorne: Jesus Christus, der wie Georg mit dem Drachen ringt. Dieser frömmelnde Biblebelt-Exorzismus, weit weg vom verzweifelten Versuch einen Max von Sydow, das Böse aus Linda Blair auszutreiben, gibt sein filmisches Konzept einer gewissen Lächerlichkeit preis. Agnostiker und weniger eifrige Christen werden die verdrehte Verherrlichung auf den Herrn fast schon verstörend finden, während das dämonische Antlitz von Glenn Close als eines von wenigen Elementen in diesem siamesischen Zwilling von Film in Erinnerung bleibt.

The Deliverance (2024)

Exhuma (2024)

HEITE GROB MA TOTE AUS

5,5/10


Exhuma© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANG JAE-HYUN

CAST: KIM GO-EUN, CHOI MIN-SIK, LEE DO-HYUN, YOO HAE-JIN, JEON JIN-KI U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass kein einziger koreanischer Film jemals kürzer sein darf als zwei abendfüllende Stunden. Am liebsten sind Filme wie diese noch länger, am liebsten hängen sie noch eine halbe Stunde dran. Das bedeutet Sitzfleisch – und einen wachen Geist. Denn die Koreaner, die geben sich nicht damit ab, nur einen singulären Erzählstrang abzuarbeiten – mit anderen Worten: banales, simples Kino, das von Alpha bis Omega schön stringent seine Geschichte erzählt. Geradlinig darf sie sein, jedoch niemals nur eine Dimension besitzen. Da gibt es Meta-Ebenen und Stile, die sich gegenseitig übertrumpfen. Da gibt es Wendungen, Twists und kuriose Begebenheiten, kurzum: womöglich bleibt alles da, wo es drehbuchtechnisch sein soll. Andernorts hätte man schon das Publikum unterfordert und den Rotstift angesetzt, Passagen gestrichen und all die knackige Originalität eingekürzt. Eine Methode, wie es in der US-Filmbranche, zum Leidwesen eines unterschätzten und gähnend gelangweilten Publikums, immer wieder geschieht. Das stets geforderte koreanische Publikum indes ist schon von Kindesbeinen an mit Filmen großgeworden, die stets für Überraschung sorgen und keinen Publikumsparametern folgen wollen. Koreanisches Kino bleibt stets erfrischend. Bleibt immer anders. Und kann sich eben auch Filme wie Exhuma erlauben, die viel zu lange geraten, weil sie viel zu viel erzählen wollen.

Wenn man glaubt, bereits am Ende angelangt zu sein, ist schließlich erst eine Stunde verstrichen, was bedeutet, dass der vollgestopfte Schamanen-Thriller nicht mal noch Halbzeit erreicht hat. Dabei ist die Story schon erzählt, der Geist entfesselt, der Fluch getilgt. Nichts da – Regisseur Jang Jae-hyun weckt die Totenruhe nicht nur einmal, stört die metaphysische Ordnung im magischen Wäldchen auf ein neues. Bringt Unfrieden und will vom Bösen durchsetzte Grabstätten umbetten. Exhuma erzählt eine Menge, lässt beschwören, bekämpfen und besessen sein. Die zweieinhalb Stunden hängen sich rein.

Dabei ist es faszinierend, dabei zuzusehen, wie so ein schamanistisches Ritual abläuft, wenn tote Schweine aufgebahrt und eine bunt gewandete Spiritistin die Messer schwingt. Schließlich geht es darum, böse Mächte abzulenken, damit der schmuck verzierte Sarg des Ur-Patriarchen einer wohlhabenden koreanischen Familie, die längst in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, ausgehoben werden kann. Denn deren Opa, der spukt schließlich herum und belegt den jüngsten Spross seiner Dynastie mit Flüchen, quält die Lebendigen mit Alpträumen und stänkert so richtig auf paranormaler Existenzebene durch die Gegend. Feng-Shui-Meister Kim ist bei dieser Aktion alles andere als wohl bei der Sache, die beiden Schamanen Lee und Oh können den alten, erfahrenen Experten aber davon überzeugen, diesen Auftrag durchzuführen. Dass dabei noch ganz andere Mächte zurück ins Diesseits beordert werden, damit hätte wohl niemand gerechnet. Die Welt der Götter wird gestört, noch viel Älteres betritt die Bühne der Gegenwart, dessen Existenz bis in die Zeit der japanisch-koreanischen Kriege zurückreicht.

Das Ensemble der Spezialisten steht bald mit dem Rücken zur Wand, es geistert und spukt, das Phantastische ist Jang Jae-Hyun aber näher als der schreckgespenstische Horror. Hätte Neil Gaiman ein Austauschjahr in Südkorea verbracht und dort so manche seiner magischen Anderswelt-Geschichten geschrieben, er hätte Exhuma entwickeln können. Und obwohl hier kaum Leerlauf herrscht in diesem Abenteuer, es immer was zu tun gibt und niemand wirklich zum Durchatmen kommt – Exhuma ist ein anstrengendes, wie bereits erwähnt überlanges und unruhiges Werk, welches knapp vor Filmmitte seinen bisher so geschmeidigen Erzählfluss verliert. Was dann folgt, ist eine fast schon neu erzählte, ganz andere Geschichte, die mit der vorangegangenen nur noch wenig zu tun hat. Zwei Schamanen-Stories im Doppelpack? Nach einer Laufzeit von einer Stunde und fünf Minuten lässt sich der Rest des Films gut vertagen.

Exhuma (2024)