Aufputzt is‘ (2025)

BUDDIES ALS WEIHNACHTSELFEN

6/10


© 2025 Gebhardt Productions / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2025

REGIE: CLAUDIA JÜPTNER-JONSTORFF

DREHBUCH: GERY SEIDL, REGINE ANOUR, ROBERT BUCHSCHWENTNER, NACH DEM KABARETTPROGRAMM VON GERY SEIDL

KAMERA: ANDY LÖV

CAST: GERY SEIDL, MARLENE MORREIS, MIA PLAMBERGER, THOMAS MRAZ, MARIA HOFSTÄDTER, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, THOMAS STIPSITS, HEINZ MARECEK, ROLAND DÜRINGER, ADELE NEUHAUSER, ERIKA MOTTL, LISA ECKHART, STEFANO BERNHARDIN, ANGELIKA NIEDETZKY, CHRISTOPHER SEILER, WOLFGANG PISSECKER, FARIS ENDRIS RAHOMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


„Wo ist das Jesuskind?“, schnarrt Opa Günther (Johannes Silberschneider) seiner besseren Hälfte, Oma Gerda, entgegen, während er verzweifelt nach dem letzten und wichtigsten Element in der lebensgroßen Krippe vor dem Haus sucht. Das gibt es nicht, meint diese. Der Seitenhieb, welcher fast schon als metaphorische Metaebene für einen Zustand herhält, der Weihnachten wieder einmal und wie so oft zu einer Traditionsparade ohne Besinnlichkeit herunterstuft, ist angekommen. Ganz anders verweigert sich wiederum Verkäuferin Lisa Eckart, die dem Weihnachts-Selfman Gery Seidl einen letzten Wunsch erfüllt: Sie zerpflückt die Huldigung an ein Gotteskind als sektiererischen Aberglauben, dem sie selbst nichts beisteuern will. Ist Aufputzt is‘ also ein subversiver Lokalaugenschein über die Verhältnisse menschlicher Bedürfnisse zum Jahresende im Spiegel der Bedeutung? Unerwartet stichelnd macht sich der Weihnachtsfilm des Jahres über die Befindlichkeiten der im wirtschaftlichen Wettbewerb befindlichen Normalbürger her, die als Andersgläubige den festtagsignorierenden Handwerks-Allrounder geben, die Zufriedenheit unzufriedener Kunden über alles stellen oder sonst ganz mutterseelenalleine wären, hätten sie nicht einen Freund wie Andi Kramer (Gery Seidl), für den man unverzichtbar sein darf, wenn die Wette gilt, Weihnachten als Weihnachtsmacher im Alleingang auf die Beine zu stellen, um als Wiedergutmachung für erlittenes Zuspätkommen Frau und Kind wieder glücklich zu machen.

Was bleibt vom Kabarett?

Das ist der rote Faden, der von den random getragenen Weihnachtsmützen mehrstellig abgeht, und die Gery Seidl einzuflechten versucht in seine Hardcore-Challenge, die rein theoretisch überhaupt nicht machbar, weil alles zu spät erscheint. Als Kabarettprogramm fällt Seidls Abrechnung mit dem Weihnachtstress und dem Streben nach Perfektionismus deutlich garstiger und sarkastischer aus – Kabarett ist eben Kabarett, doch andererseits kann man es auch, wie Xaver Schwarzenberger, im medium Film so handhaben, dass der Christbaum brennt, die Ratte im Stroh liegt und die vom Verlobten sitzengelassene Martina Gedeck lieber in den Tropen feiert als in der grässlichen Idylle familiärer Egotrips – so gesehen in Single Bells.

Wie Seidl im Alleingang sein ganzes Ensemble repräsentiert, ist unübertroffen. Sobald er seine Figuren aber aus der Hand gibt, wird es generischer, streichelweicher, konservativer, und Maria Hofstädters stichelnde Schwiegermutter, die Weihnachten beherrscht wie sonst niemand, wird alles nachgesehen. Den Supergau erlaubt sich Aufputzt is‘ nicht, dafür zieht er sämtliche Klischees durch den Marshmallow-Kakao, darunter auch Thomas Stipsits als schnapssüffelnder Christbaumverkäufer, denkwürdig und nachvollziehbar für die Achtzigergeneration.

Im Kern ein echter Buddy-Film

Seidl als sowieso grundsympathischer Antiheld, dem die wahre Wertigkeit eines Festes wie dieses nie abhandenkommt, hat einen Buddy an seiner Seite – Thomas Mraz – mit welchem ihm die besten Szenen des Films gelingen. Das Making Of-Weihnachten hätte man getrost auf nur die beiden Boyscouts aus Litschau reduzieren können, ihr Improvisationstalent lässt kaum ein Auge trocken, aus der Not eine Tugend zu machen wurde schon die längste Zeit nicht mehr so strapaziert wie eben hier. So ist Aufputzt is‘ im Grunde seines Wesens eine Buddykomödie voller bromantischer Szenen, getarnt als Familienfilm, der seine Agenda erfüllt. Das Periphere rundherum gerät zur Hommage an einen Fernsehklassiker wie Ein echter Wiener geht nicht unter, viel anders als dort lässt sich der Ratshausbaum, der nun zum Palmenhausbaum wird, nicht verbraten.

Offensichtlich gehen dem Film aufgrund seiner Konvertierung vom Bühnen- zum Kinostück die Ideen aus, und etwas uninspiriert strebt der Film nach dem traditionellem Familienglück. Der Grundgedanke, das der gute Wille alles ist und Perfektion gar nichts; das nur das Zueinander als wahre Weihnacht gilt, will Aufputzt is‘ aber nicht als Happy End sehen. Hier trägt wieder das Glück einer wie durch ein Weihnachtswunder erschaffenen Perfektion das einzig wahre Ziel, während Existenzprobleme geduldig darauf warten, erst nach den Feiertagen wie ein Damoklesschwert auf die Feiertagsprokrastinierer herniederzusausen. Alles geht sich aus, meint Seidl. In Anbetracht dieser neuen Benchmark geht man tatsächlich stressfreier als zuvor aus dem Kino, wohlwissend, dass man von einem Last (Minute) Christmas, egal was man tut, immer noch weit entfernt ist. Sofern man es feiert.

Aufputzt is‘ (2025)

Maikäfer flieg!

PULVERLAND IST ABGEBRANNT

5/10

 

maikaeferflieg02© 2016 Filmladen/kgp

 

Bevor Joanne K. Rowling, Thomas Brezina und andere Bestsellerautoren die Bücherregale häuslicher Spielzimmer erobert hatten, konnte sich die österreichische Schriftstellerin und Ikone der Jugendliteratur, Christine Nöstlinger, fast schon auf monopolisierte Arte und Weise die Vorreiterrolle für die Lesewelt der Grundschüler sichern. Nöstlinger war und ist bei Mädchen und Jungs gleichermaßen beliebt. Werfe ich selbst einen Blick in unsere Wohnbibliothek, finden sich dort einige Klassiker, die aus der Kindheit der 80er einfach nicht mehr wegzudenken sind. Rosa Riedl Schutzgespenst, Am Montag ist alles ganz anders, Wetti & Babs – um nur ein paar der schnell verschlungenen und enorm kurzweilig geschriebenen Werke zu nennen, die noch dazu mit sehr viel Zeit- und Lokalkolorit punkten und den jungen Lesern stets auf Augenhöhe begegnen. Im Grunde eine Seltenheit in der Kinderliteratur. Die Geschichten vom Franz liest mein 9jähriger Neffe immer noch gerne. 

Aber wer ist Christine Nöstlinger genau? Ein kurzes Nachgooglen verrät, dass die werte Dame bereits 81 Lenze zählt – und somit in vollem kindlichen Bewusstsein den Zweiten Weltkrieg miterleben musste. Jedenfalls das Ende, und vor allem die Nachkriegszeit. Erinnerungen, die prägen, verändern und traumatisieren. Und die niedergeschrieben werden müssen, vor allem von einer Schriftstellerin. Das Gewesene nicht zu dokumentieren – diese Frage stellt sich für Zeitzeugen der schreibenden Zunft meistens nicht. Und auch Christine Nöstlinger hat diese Erfahrung bereits 1973 auf Papier gebracht. Maikäfer flieg – so lautet der Titel des Buches, basierend auf einem aus Reimen aufgebauten Kinderlied, womöglich aus dem 18ten Jahrhundert und in Des Knaben Wunderhorn, eines von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liederbuches, enthalten. Dieses Maikäfer flieg trällert die kleine Christine Nöstlinger stets vor sich hin, wie das Kinder eben so machen, auch wenn die Gesamtsituation alles andere als dazu einlädt, munter vor sich hinzusingen. Doch die Welt, durch Kinderaugen oder Weihnachtskugeln betrachtet, ist eine ganz andere. Sie ist ein Abenteuer. Die ganze Bandbreite des Wahnsinns erschließt sich erst viel später. Begreifen kann das, was sich im Herzen Europas gerade abspielt, ein 9jähriges Mädchen natürlich noch nicht. Für ein 9jähriges Mädchen hat der Vorabend vor dem Kriegsende neben sehr viel Angst auch mit sehr viel Neugierde zu tun. Christine Nöstlinger war, wie sie selber von sich sagt, ein recht aufmüpfiges Kind. Mutig, ungestüm, risikofreudig. Ein unfolgsames Kind, das ungeachtet aller mütterlichen Sorgen ihrer eigenen Nase nachging. Da waren die Großeltern wichtiger als der kriegsversehrte Papa und die Mama im Kittel, die in einer Villa in Neuwaldegg mitsamt Anhang ein Ausweichquartier beziehen hat müssen. 

Mirjam Unger hat die autobiografische Erzählung ähnlich angelegt wie John Boorman seinen Weltkriegs-Kinderfilm Hope and Glory über seine eigenen Erlebnisse während des deutschen Bombardements auf London. Boorman hat das Geschichtsdrama sowohl geschrieben als auch inszeniert. Interessant wäre gewesen, wenn Christine Nöstlinger ihre Geschichte selbst filmisch umgesetzt hätte. Unger betrachtet die Dinge logischerweise aus der Perspektive der Kinder. Dennoch gerät die filmische Erinnerung Maikäfer flieg relativ behäbig und antriebslos. Nach Gesprächen mit Kennern der literarischen Vorlage dürfte der Film geradezu eins zu eins und in gefühlter Echtzeit dem Buch nachempfunden sein. Die akribische Orientierung entspricht mehr dem Rhythmus des Lesens, weniger dem des Sehens. So ist Maikäfer flieg zwar gut besetzt – vor allem Ursula Strauss macht als g´standene Wiener Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs eine nachvollziehbar gute Figur – hat aber zwischen den bizarren Momenten des Ausnahmezustands einer Gesellschaft sehr viel Leerlauf. Vielleicht entspricht auch das dem Buch – wenn der Papa im Krieg und das Pulverland abgebrannt ist, gibt’s auch sonst nicht viel zu tun außer auf bessere Zeiten zu warten.

Maikäfer flieg!