Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer

Christopher Robin

VON NICHTS UND IRGENDWAS

7/10

 

null© 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARC FORSTER

CAST: EWAN MCGREGOR, HAYLEY ATWELL, TOBY JONES, MARK GATISS, ADRIAN SCARBOROUGH U. A.

 

„Dummer alter Bär“, wird er von seinem Besitzer gerne genannt. Freundlich ist das nicht. Doch Christopher Robin, der Junge in den seltsamen Hosen und Riemenschuhen, darf ihn getrost so nennen. Das macht dem tapsenden Honigbären nichts aus. Denn Winnie Puuh oder nur Puuh, der stellt keine Ansprüche. Erwartet sich nichts. Lebt jeden Tag, als wäre es sein Lieblingstag, denn das ist immer Heute. Doch wenn zum Beispiel Gestern noch dazu Morgen ist, dann wäre das schon zu viel Tag. Was jetzt etwas kompliziert klingt, aber seine Logik hat, obwohl Winnie Puuh alles andere als eine Geistesriese ist. Wenn Hunde sprechen könnten, wäre Winnie Puuh einer dieser unendlich treuen Vierbeiner, die bedingungslose Freundschaft leben und zur Stelle sind, wenn sich Kummer breit macht. Den kleinen Bären mit den herzzerreißend dreinblickenden Knopfaugen und der sanften Stimme umgibt eine Art meditative Aura der inneren Einkehr, der Ruhe und des Rückzugs, wo der umtriebige Mensch, ob Alt oder Jung, sein Denken und Handeln wieder rebooten kann und vielleicht draufkommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Winnie Puuh weiß das natürlich auch nicht, andererseits aber irgendwie schon. Und wirkt dadurch manchmal richtig weise, wie Yoda, nur ohne Lichtschwert, stattdessen mit Honig ums Mäulchen.

Erst viele Jahre später nach dem Abschied von Christoper Robin vom 100 Morgen Wald und nach zügig durchblätterten Kapiteln lässt gleichnamiger Film seine Handlung überhaupt erst beginnen. Der Hüter seiner Stofftiere ist jetzt erwachsen und ein Arbeitstier, ohne Zeit für Frau und Kind, und ohne einen verschwendeten Gedanken an seine Spielgefährten von damals, alleine deswegen, weil es an Zeit fehlt. Puuh und Konsorten geraten in Vergessenheit, dementsprechend unwirtlich sieht’s im Wald der Heffalumps und Wusels auch aus. Als der Haussegen der Robins so richtig schief hängt, findet der kleine Honigbär wie durch Zufall den Weg zu seinem Meister – wie ein Wink des Schicksals, der dann auf Umwegen vieles wieder geradebiegt.

Regisseur Marc Forster, der schon mit Dramen aus unterschiedlichsten Genres experimentiert hat, betritt mit Christopher Robin nicht unbedingt Neuland – ein ähnlicher Film über das Schaffen von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barry zählt bereits zu seinem Oeuvre. Dennoch ist dieser Film hier irgendwie anders. Einerseits könnte Christopher Robin die Fortsetzung zur ebenfalls in diesem Jahr erschienenen und sehr sehenswerten Biografie Goodbye Christoper Robin sein, andererseits aber auch der allumfassende Epilog zu allen bisher erzählten Zeichentrickabenteuern, die Winnie Puuh und seine Freunde so erlebt haben. Etwas metaphysisch Biographisches, ein phantastischer Film längst nicht nur für Fans jüngeren Semesters. Forster erzählt vom Erwachsensein, vom Verlust der Kindheit und vom Ernst des Lebens, ja sogar ansatzweise vom Krieg. Dinge, mit denen die ganz Kleinen, die Winnie Puuh´s gezeichnete Abenteuer kennen, nicht allzu viel anfangen können. Schulkinder allerdings, die von Pflicht, Eigenverantwortung und einer gewissen Eigendynamik des sozialen Lebens so ihre Ahnung haben, werden Christopher Robin als einen Film genießen, der garantiert nicht unterfordert und neben all dem unbekümmerten Spaß auch melancholische, fast schon traurig tönende Saiten anschlägt.

Denn diese Stofftiere, diese Seelenbären und Seelentiger, mieselsüchtigen Esel und ängstlichen Schweinchen, diese Verkörperungen all der Gefühlswelten eines Kindes im Erwachsenen, sind so dermaßen ansprechend zum Leben erweckt, dass ich es kaum glauben kann. Winnie Puuh als Realfilm – meine Skepsis dazu hat sich im Vorfeld relativ lange gehalten. Nach Sichtung dieses Films weiß ich, wie gewissenhaft und mit wie viel Liebe zum Detail und Respekt zur Vorlage Ikonen des Kinderzimmers aus der zweiten Dimension hervorgeholt werden können – hinein in eine unglaublich reale Welt, erdfarben und von schwindendem Tageslicht. Das regennasse, graue London und der nebelverhangene Märchenwald zaubern eine poetische Tristesse, mittendrin eine zusammengenähte Menagerie, abgenutzt und reif für den Flohmarkt, gleichermaßen aber so unbezahlbar wertvoll wie eine Erinnerung an die Kindheit, die man niemals missen möchte. Da trotten sie dahin, entkitscht bis zum Gehtnichtmehr, maximal das Ferkel strahlt in abgewetztem Altrosa, jedes dieser herzensguten Wesen in seiner eigenen Welt. Forster findet mit seinem begnadeten Kameramann Matthias Koenigswieser atmosphärische Bilder eines entrückten Alltags, dazwischen, wie Sternschnuppen aus dem Augenwinkel, das so Schräge wie Zauberhafte aus alten Spielzeugkisten. Die Kultfiguren aus Milne´s Feder erleben literaturadäquat unaufgeregte Abenteuer voll kauzigem Slapstick und charakterlichen Pointen. Spenden Trost, Zuversicht und eine unerschütterliche Zuflucht vor den Widrigkeiten, die ein Leben so mit sich bringt. Da wäre es ja mehr als angebracht, nach dem Besuch im Kino wieder das eigene alte Stofftier vom Dachboden zu holen, um es wieder mal so richtig durchzuknuddeln.

Christopher Robin

Goodbye Christopher Robin

VERKAUFTE KINDHEIT

7/10

 

chrisrobin© 2017 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: SIMON CURTIS

MIT DOMNHALL GLEESON, MARGOT ROBBIE, WILL TILSTON, KELLY MCDONALD, STEPHEN CAMPBELL-MOORE U. A.

 

Eines sollte euch, liebe Leser, klar sein – dieser Film wird eure Sicht auf Winnie the Pooh und seine Freunde nachhaltig verändern. Wer das zulassen möchte, oder sich nicht davor fürchtet, in den dunklen Winkeln einer heilen Welt herumzustochern, der sollte sich Goodbye Christopher Robin von Simon Curtis nicht entgehen lassen. Vorausgesetzt natürlich, es besteht Interesse für Disneys Figurenfundus und Ikonen der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Winnie the Pooh ist so ein zeitloser Liebling. Die meisten, so wage ich mal zu behaupten, kennen den honigsüchtigen Bären und seine liebenswerte Entourage vor allem als Franchise Hollywoods. Sind es nicht die Filme, dann sind es Merchandising-Artikel bis zum Abwinken. Der naiv-verträumte Bär ist also ein Verkaufsschlager. Jedes Kind liebt ihn, und nicht nur ihn. Da gibt es noch den depressiven Esel I-Aah, das Ferkel, Tigger und wie sie alle heißen. Alles Helden mit kleinen Fehlern, die aber stets über sich hinauswachsen, über ihren Schatten springen, zueinander halten und durch den 160-Morgen-Wald tollen, sodass es eine Freude ist, auch als Erwachsener zuzusehen. Ein Glück, wenn man Kinder hat. Da fällt die seltsame Vorliebe für Kinderfilme bei den Eltern nicht ganz so auf. Ach ja, und nicht zu vergessen – da gibt es natürlich noch Master Christoper Robin. Ein Junge in kurzen Hosen und eigentümlichen Blusen, mit Riemchenschuhen über hochgezogenen Socken. Von diesem Jungen handelt dieser Film, und weniger von Autor A. A. Milne selbst, obwohl dieser, unbeweglich steif performt von Domnhall Gleeson, rein dramaturgisch den Ton angibt.

Wenn ein Vater ein Buch für den Sohn schreibt, dann muss das doch das Zeichen einer großen elterlichen Liebe sein – der Beweis grenzenloser Harmonie. Das Zugeständnis für ein recht geratenes Wunschkind. Hat der Vater sowieso schon schriftstellerische Ambitionen, und ist sein Schreiben nicht nur privater, sondern beruflicher Natur, hat ein Werk wie Winnie the Pooh die Chance, als liebevolle Widmung an einen großen kleinen Helden Familienwelten zu bewegen. Doch leicht lässt sich erahnen, dass hinter den Kulissen dieser heilen Welt aus sprechenden Stofftieren eine ganz und gar nicht so blumenwiesenduftende, honigsüße Realität liegt. Dieser Christopher Robin, den wir alle kennen, der hatte eine Kindheit, die so ganz sicher nicht im Buche steht. Statt des erhofften Mädchens kam ein Junge auf die Welt, und statt elterlicher Liebe glänzen die großen Vorbilder durch Abwesenheit, Liebesentzug und dem Reduzieren elterlicher Pflichten auf ein Minimum. Stattdessen gibt’s ja die Nanny, und die Geburt war ja anstrengend genug, so die versnobte Mutter, die lieber tagelang Tapeten aussuchen fährt statt sich um ihr eigen Fleisch und Blut zu kümmern. Notgedrungen muss Papa Milne für einige Tage die Aufsicht für seinen Sohn übernehmen – und siehe da: Es entsteht so etwas wie Nähe zwischen Vater und Sohn. Ganz so wie es sein soll, mit Abenteuer, Spaß und jeder Menge klugen Gesprächen. Diese paar Tage waren es dann auch, die Papa Milne dazu bewogen haben, etwas ganz anderes auf Papier zu bringen, was nichts mit dem eben erst beendeten Weltkrieg zu tun hat. Diese Kinderwelt, in die Milne eintauchen konnte – die ist das Hansaplast auf alle versehrten Seelen. Die Alternative zur bitteren Realität zwischen den weltpolitischen Umbrüchen.

All diese Stofftiere – die gab und gibt es wirklich. Ausgestellt sind diese Exponate in der New York Public Library. Im Grunde sind sie die gestohlene Intimität einer Kindheit, unter welcher der echte Christopher Robin als phantastische Märchenfigur zum Angreifen herumgereicht wurde wie ein Wanderpokal, und so eigentlich zum ersten medialen Kinderstar der Neuzeit wurde. Wir wissen, wie sehr früher Ruhm zum Untergang führen kann. Dass Winnie the Pooh so ein Massenphänomen war, das war mir nicht wirklich bewusst – umso faszinierender die Geschichte dahinter, umso bedrückender die Konsequenzen eines missverstandenen Verrats. Dass Billy Moon´s (Christopher Robin war zwar sein Name, aber genannt wurde der Junge so eigentlich nie) Seelenbär plötzlich der ganzen Welt gehört und als Massenspielzeug reproduziert wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der einen Besuch im vollendet harmlosen Zauberwald zu einem Entern der Privatsphäre eines Buben werden lässt, dessen Geheimnisse einem eigentlich gar nichts angehen. Für den Kinderstar wider Willen findet Simon Curtis mit Jungschauspieler Will Tilston ein neues, erfrischend expressives Gesicht, dass der Ohnmacht vor dem Ausverkauf einer Kindheit eine sensible Stimme verleiht.

Auch wenn Goodbye Christopher Robin stellenweise sehr ins Melodramatische abgeigt und Margot Robbie wie Domnhall Gleeson sich nur schwer in ihren Rollen zurechtfinden, ist die biografische Entstehung des beliebtesten Kinderbuchs aller Zeiten ein sehenswerter, faktisch interessanter und berührender Film geworden, der ganz dem kleinen Christopher Robin gehört – obwohl er das womöglich gar nicht gewollt hätte.

Goodbye Christopher Robin

Maikäfer flieg!

PULVERLAND IST ABGEBRANNT

5/10

 

maikaeferflieg02© 2016 Filmladen/kgp

 

Bevor Joanne K. Rowling, Thomas Brezina und andere Bestsellerautoren die Bücherregale häuslicher Spielzimmer erobert hatten, konnte sich die österreichische Schriftstellerin und Ikone der Jugendliteratur, Christine Nöstlinger, fast schon auf monopolisierte Arte und Weise die Vorreiterrolle für die Lesewelt der Grundschüler sichern. Nöstlinger war und ist bei Mädchen und Jungs gleichermaßen beliebt. Werfe ich selbst einen Blick in unsere Wohnbibliothek, finden sich dort einige Klassiker, die aus der Kindheit der 80er einfach nicht mehr wegzudenken sind. Rosa Riedl Schutzgespenst, Am Montag ist alles ganz anders, Wetti & Babs – um nur ein paar der schnell verschlungenen und enorm kurzweilig geschriebenen Werke zu nennen, die noch dazu mit sehr viel Zeit- und Lokalkolorit punkten und den jungen Lesern stets auf Augenhöhe begegnen. Im Grunde eine Seltenheit in der Kinderliteratur. Die Geschichten vom Franz liest mein 9jähriger Neffe immer noch gerne. 

Aber wer ist Christine Nöstlinger genau? Ein kurzes Nachgooglen verrät, dass die werte Dame bereits 81 Lenze zählt – und somit in vollem kindlichen Bewusstsein den Zweiten Weltkrieg miterleben musste. Jedenfalls das Ende, und vor allem die Nachkriegszeit. Erinnerungen, die prägen, verändern und traumatisieren. Und die niedergeschrieben werden müssen, vor allem von einer Schriftstellerin. Das Gewesene nicht zu dokumentieren – diese Frage stellt sich für Zeitzeugen der schreibenden Zunft meistens nicht. Und auch Christine Nöstlinger hat diese Erfahrung bereits 1973 auf Papier gebracht. Maikäfer flieg – so lautet der Titel des Buches, basierend auf einem aus Reimen aufgebauten Kinderlied, womöglich aus dem 18ten Jahrhundert und in Des Knaben Wunderhorn, eines von Achim von Arnim und Clemens Brentano erstellten Liederbuches, enthalten. Dieses Maikäfer flieg trällert die kleine Christine Nöstlinger stets vor sich hin, wie das Kinder eben so machen, auch wenn die Gesamtsituation alles andere als dazu einlädt, munter vor sich hinzusingen. Doch die Welt, durch Kinderaugen oder Weihnachtskugeln betrachtet, ist eine ganz andere. Sie ist ein Abenteuer. Die ganze Bandbreite des Wahnsinns erschließt sich erst viel später. Begreifen kann das, was sich im Herzen Europas gerade abspielt, ein 9jähriges Mädchen natürlich noch nicht. Für ein 9jähriges Mädchen hat der Vorabend vor dem Kriegsende neben sehr viel Angst auch mit sehr viel Neugierde zu tun. Christine Nöstlinger war, wie sie selber von sich sagt, ein recht aufmüpfiges Kind. Mutig, ungestüm, risikofreudig. Ein unfolgsames Kind, das ungeachtet aller mütterlichen Sorgen ihrer eigenen Nase nachging. Da waren die Großeltern wichtiger als der kriegsversehrte Papa und die Mama im Kittel, die in einer Villa in Neuwaldegg mitsamt Anhang ein Ausweichquartier beziehen hat müssen. 

Mirjam Unger hat die autobiografische Erzählung ähnlich angelegt wie John Boorman seinen Weltkriegs-Kinderfilm Hope and Glory über seine eigenen Erlebnisse während des deutschen Bombardements auf London. Boorman hat das Geschichtsdrama sowohl geschrieben als auch inszeniert. Interessant wäre gewesen, wenn Christine Nöstlinger ihre Geschichte selbst filmisch umgesetzt hätte. Unger betrachtet die Dinge logischerweise aus der Perspektive der Kinder. Dennoch gerät die filmische Erinnerung Maikäfer flieg relativ behäbig und antriebslos. Nach Gesprächen mit Kennern der literarischen Vorlage dürfte der Film geradezu eins zu eins und in gefühlter Echtzeit dem Buch nachempfunden sein. Die akribische Orientierung entspricht mehr dem Rhythmus des Lesens, weniger dem des Sehens. So ist Maikäfer flieg zwar gut besetzt – vor allem Ursula Strauss macht als g´standene Wiener Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs eine nachvollziehbar gute Figur – hat aber zwischen den bizarren Momenten des Ausnahmezustands einer Gesellschaft sehr viel Leerlauf. Vielleicht entspricht auch das dem Buch – wenn der Papa im Krieg und das Pulverland abgebrannt ist, gibt’s auch sonst nicht viel zu tun außer auf bessere Zeiten zu warten.

Maikäfer flieg!