Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss

KUNG FU-KROKETTEN MIT HUNDESEELE

6,5/10


minions2© 2022 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, JAPAN 2022

REGIE: KYLE BALDA, BRAD ABLESON, JONATHAN DEL VAL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEVE CARRELL, PIERRE COFFIN, ALAN ARKIN, TARAJI P. HENSON, JEAN-CLAUDE VAN DAMME, MICHELLE YEOH, DOLPH LUNDGREN, LUCY LAWLESS, DANNY TREJO, RZA, JULIE ANDREWS, RUSSEL BRAND U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): OLIVER ROHRBECK, THOMAS GOTTSCHALK, DELA DABULAMANZI, BASTIAN BAKER, LARISSA MAROLT, MEYLAN CHAO, TILO SCHMITZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Dieser Gru ist wirklich ein komischer Kauz. Spitznasig, staksig, immer mit Schal, seltsamem Akzent und was vor allem auffällt: mit einer Stimme, die nicht die eines Kindes ist. Dabei ist Gru gerade mal elfeinhalb Jahre alt – und besessen davon, ein Oberschurke zu werden. Dass er in diesem präpubertären Alter sich selbst bereits als unverbesserlich bezeichnet, ist ja fast schon weise Selbstreflexion. Doch es ist nun mal so: Gru ist ein Einzelgänger, hat weder Freunde noch eine Mutter, die sich sonderlich um ihn schert. Was macht so jemand? Er legt sich einen Hund zu. Stimmt, den hat er auch. Was aber jede treue Hundeseele in den Schatten stellt, das ist die Anhänglichkeit der gelben runden TicTacs mit Brille, blauen Latzhosen und internationalem Wortschatz irgendwo zwischen Spanisch, Italienisch und je nachdem, welche Synchronspur gerade mal über dem Film liegt. Diese Helferleins haben eine Vorliebe für Bananen, Musik und würden mit allem, was ein Baumarkt so hergibt, etwas anfangen können. Am Ende der Origin-Episode über die Herkunft der Minions konnten wir dem Einstand des kleinen Gru beiwohnen, der wiederum die Aufmerksamkeit der gelben Kerle auf sich zog – und diese nun an der Backe hat. Fehler ist das keiner – die Minions machen alles, was man ihnen sagt. Sie sind hilfsbereit und kreativ, vergessen aber auch nicht ihre eigenen Bedürfnisse und lassen sich überdies sehr leicht ablenken.

Da passiert es, dass Gru eines Tages von den fiesen 6 – einer Siebziger-Räuberbande als Hommage an das Exploitation-Kino besagter Dekade – plötzlich zum Casting für ihren neuen Boss eingeladen wird, denn vom alten, auch bekannt als der Wilde Knöchelknacker, wurde die Gang ganz plötzlich überdrüssig. Natürlich reißt so ein juveniler Sonderling kein Leiberl bei Disco Donna, Jean Klaue, Skandinator und Co. Doch bevor sich dieser wieder verabschieden muss, lässt er ein wertvolles Amulett mitgehen – eine Aktion, welche die Superschurken so ziemlich erzürnt. Und da ist noch der geschasste Oberfiesling, ebenfalls gierig nach dem Amulett. Darüber hinaus muss dieser seiner verräterischen Meute noch gehörig die Leviten lesen. Zwischen all diesem hitzigen Crossover aus Superschurken, die einander so manches antun und wegnehmen wollen, irren die Minions Kevin, Stuart, Bob und Otto in diversen Outfits umher, um das Amulett zu beschützen und auch ihren geliebten Mini-Boss wiederzufinden. Eine Mission: Impossible für jeden anderen vielleicht. Für Improvisationstalente, wie diese vier Kroketten es sind, zwar nicht unbedingt ein leichtes, aber ein Abenteuer, dass den unbeirrbaren Willen dieser Wesen erneut mit herzhaft angerichtetem Slapstick feiert.

Dabei sind die besten Szenen tatsächlich schon im Trailer zu sehen. Wer das nicht getan hat, wird den Willkommensbonus haben, wenn die Minions ein Flugzeug steuern. Richtig detailfreudig und liebevoll auch deren Genese zu fernöstlichen Haudraufs, die das Tier in sich entdecken. Die skurrile Situationskomik, mit der die Minions einfach allein schon durch ihre schlichte Anwesenheit, durch ihre Mimik und ihre heliuminhalierten Stimmchen punkten, ist immer wieder ein Gaudium. Und gerade in den kleinen Nebenszenen über die Tücken des Alltags erreichen die Kultfiguren ihre Höchstform. Da lässt das generische, aber formschön und exquisit animierte Getöse aus grotesken Vehikeln und phantastischem Kreaturenzauber den Minions kaum Luft, sich zu entfalten. Doch anders als beim Vorgänger ist die Story in Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss über Schurken und solche, die es wieder oder erstmalig werden wollen, tatsächlich überschaubar und straff konstruiert. Gerade die Figur des Wilden Knöchelknackers, stimmlich vertreten durch Thomas Gottschalk (was ihn auch noch einen Tick sympathischer macht) ist neben Gru die am besten entworfene im ganzen Universum von Illumination, und die Kooperation der beiden wird zur gemütlichen Komödie über Vater- und Sohnfiguren. Und irgendwann weiß man nicht mehr: Ist es ein Prequel zu Ich: Einfach unverbesserlich oder das Sequel zu den Minions?

Der Titel macht uns sicher. Die gelben Engel sind aus der Popkultur einfach nicht mehr wegzudenken und werden trotz mancher Abenteuer, die ihnen über den Kopf wachsen und sie fast an den Rand drängen, noch lange nicht von der Kinoleinwand purzeln.

Minions: Auf der Suche nach dem Mini-Boss

Ich – Einfach unverbesserlich 3

DIE TIC TAC-TAKTIK

8/10

 

Ich3

REGIE: PIERRE COFFIN, CHRIS RENAUD
MIT DEN STIMMEN VON STEVE CARRELL, CHRISTEN WIIG

 

Erst vor Kurzem habe ich ein Interview gelesen, welches das Filmmagazin cinema mit dem Mastermind der Illumination-Studios, Chris Meledandri, geführt hat. Der knapp 60jährige Kreativkopf ist Schöpfer bekannter Trickfilmikonen der letzten zehn Jahre wie das Urzeithörnchen Scrat oder die hyperaktiven gelben Tic Tacs, genannt Minions. Mit letzteren hat er eine globale Franchise vom Zaun gebrochen. Die quäkenden, quengelnden, unverschämt schadenfrohen Helferleine zieren von der Kaffeetasse bis zur Bettwäsche Waren aller Art. So nah am popkulturellen Signet ist kaum eine Figur aus den neuzeitlichen Animationsschmieden von Übersee – maximal noch der Clownfisch Nemo. Dennoch, so betont, Meledandri, ist es stets oberstes Gebot von Universal und Illumination, keinesfalls Disney und Pixar nachzueifern. Nicht mal im Traum sei daran zu denken, auch nur ansatzweise mit den Stilmitteln der übergroßen Konkurrenz zu liebäugeln. Also zieht Illumination seit Beginn an ganz andere Saiten auf. Schrillere, kantigere, mitunter auch schwarzhumorige Saiten. Paradezyniker wie Gru finden sich bei Disney vergebens. Dort ist alles charmant, schrullig oder liebevoll verzogen – bei Meledandri und seinem Team bürstet man Klischees gegen den Strich und lässt seine Anti-Helden ab und an mit blauem Auge davonkommen. Bei all diesem Handkantencharme und Hang zu galligen Parodien wären Tom & Jerry oder etwa Tex Avery´s notgeiler Wolf bei Illumination viel besser aufgehoben als bei Disney. Das sollte man als Kinogeher wissen – auch wenn man seinen Nachwuchs mitnimmt.

Bei Ich – Einfach unverbesserlich 3 geht es ganz einfach laut zu. Und unglaublich rasant. Wer die ersten beiden Teile von Gru´s Abenteuern nicht kennt, wird ohne Umschweife ins Geschehen katapultiert. Action, soweit das Auge reicht. Slapstick zum Abwinken. Und bunt, bunt, bunt. Doch noch nie zuvor war der Plot so kauzig, augenzwinkernd und spannend wie im dritten Teil des Superagentenknallers. Im Hinblick auf die immer schwächer gewordenen Fortsetzungen von Ice Age war ich fest der Überzeugung, dass der Ich – Einfach unverbesserlich-Reihe ähnlich die Luft ausgehen wird. Hohe Erwartungen sind es also keine gewesen. Vielleicht hat mich der neue Animationszirkus aber gerade deswegen so überzeugt?

Der meiste Witz liegt in der Konfrontation von Gru und Dru. Der stets in Weiß gekleidete Schlagerstar-Verschnitt mit der Hansi Hinterseer-Gedächtnisfrisur ist neben den üblichen Verdächtigen das Herzstück des Films. Da hat sich Illumination ins Zeug gelegt. Obwohl die Figur genauso aussieht wie der glatzköpfige Ex-Bösewicht und Ziehvater Gru, ist sein Verhalten ein grundlegend anderes. Die beiden passen trotz ihrer Ähnlichkeit gar nicht zueinander, und die dauernden Eifersüchteleien und ihr gemeinsamer Coup erinnern an Depardieu und Richard in ihren besten Zeiten. Allerdings geht es noch schräger: der rachsüchtige, in den 80ern steckengebliebene Bubble Gum-Bösewicht mit Halbglatze und Rotzbremse ist gleichzeitig so abstoßend wie faszinierend. Seine Seitenhiebe und Reminiszenzen an die gute alte Zeit der Schulterpolster, Discokugeln und Rubik-Würfel geht zwar am jungen Publikum spurlos vorbei, dafür begeistert es die Elternschaft. Somit hat jeder, was er braucht, um Spaß zu haben. Und dennoch bleibt die Story auf der Spur, obwohl sie mehrere Nebenschauplätze liefert, die so gar nicht notwendig gewesen wären. Auch wenn die gelben Wichte dem Film lediglich in einer Parallelhandlung folgen – der Bühnenauftritt der Minions auf der Sing-Bühne ist jetzt schon Kult.

Ich – Einfach unverbesserlich 3 ist seit Langem das Beste, was Illumination hervorgebracht hat. Ein krawalliger Spaß, hektisch zwar und unverbesserlich albern, aber irgendwie packend und voller verhaltensauffälliger Persönlichkeiten. Niemand ist hier normal, und gerade das macht den Film so unerwartet sympathisch.

Ich – Einfach unverbesserlich 3