Irresistible – Unwiderstehlich

MACH DEIN DING IM STATE OF SWING

7/10


Irresistible© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND: USA 2020

REGIE: JON STEWART

CAST: STEVE CARRELL, ROSE BYRNE, CHRIS COOPER, MACKENZIE DAVIS, TOPHER GRACE, BRENT SEXTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Wann, wenn nicht zur aktuellen Situation des nun zu Ende gehenden Wahlkampfes zwischen Donald Trump und Joe Biden, findet ein Film wie dieser bevorzugtes Interesse: Irresistible – Unwiderstehlich darf sich als ein zur Gänze aufs amerikanische Publikum zugeschnittener Film verstehen; als eine kauzige Politkomödie, die sehr viel Lokalaugenschein strahlen lässt und ein Ensemble ins Rennen um die bessere der beiden Politparteien schickt, das ausgeschlafener kaum sein kann.

Natürlich ist es politisch gesehen stets ein Armdrücken zwischen Republikanern und Demokraten. Im Swing State Wisconsin allerdings könnten für die nächste Wahl wohl die Letztgenannten das große Rennen machen. Denn Parteifuzzi Gary hat schlichtweg die Hirnidee: im von 15.000 auf 5.000 Einwohner geschrumpften Provinzkaff Deerlaken tut sich vor allem via Youtube ein Mann hervor, der zwischen konservativ und progressiv genau jenes Sprachrohr wäre, den die Demokraten bräuchten, um den Staat auf ihre politische Richtung einzuschwören. Gary, voller Motivation, reist dorthin und unterbreitet dem Viehbauern, winkend mit allen möglichen Boni, die Chance, doch Bürgermeister zu werden. Ein demokratischer wohlgemerkt. Der wortkarge Farmer willigt ein. Gary macht den Rest. Sammelt Spenden, organisiert den Wahlkampf und so weiter. Dauert natürlich nicht lange bis die Republikaner anrücken und im Gegenzug den amtstragenden Bürgermeister für die Wiederwahl pushen. Ganz vorne mit dabei: Politstrategin Faith, die Gary gut kennt. Man kann schon ahnen, dass ein verbaler Schlagabtausch nicht lange auf sich warten lässt. Werbeideen auf der einen, das Modell des Schmutzkübels auf der anderen. Jeder auf seine Art.

Steve Carrell, der zuletzt eher mit ernsteren Rollen überzeugen konnte, darf hier endlich wieder mal den selbstironischen, durchaus distinguierten und redegewandten Kasper geben, der die Dorfgemeinschaft für sich und die seinen instrumentalisiert. Mit seinen detailverliebten, humoristischen Einlagen kommt in Jon Stewarts Politposse der schräge Humor auch nicht zu kurz. Chris Cooper als lakonisch-behäbiges Landei ist ebenfalls sehenswert. Rose Byrne tut sich da gegen die beiden Großkaliber sichtlich schwer. Alle gemeinsam aber formen ein leichtes, durchaus nicht realitätsfernes und vor allem klug geschriebenes Lustspiel, das die Methoden des politisch-populistischen Systems auf kumpelhafte und ausnahmsweise mal weniger zynische Weise denunziert. Das macht den Film sympathisch, weniger mit Zeigefinger, auch sehr klar in seiner Message. Irresistible – Unwiderstehlich ist zwar kein Film vom Kaliber zum Beispiel eines Werkes wie Vice, bedient sich aber freundlicher- und auch legitimerweise wieder mal den Erzählelementen fein ausformulierter 90er-Komödien wie Speechless oder Dave. Ein angenehmer, augenzwinkernder Film, ideal zur Einstimmung möglicher politischer oder nichtpolitischer Neuordnungen im so schönen Amerika.

Irresistible – Unwiderstehlich

Willkommen in Marwen

MINIMUNDUS FÜR DIE SEELE

6,5/10

 

Untitled Robert Zemeckis Project© 2019 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: STEVE CARRELL, LESLIE MANN, DIANE KRUGER, MERRITT WEVER, GWENDOLINE CHRISTIE, ELZA GONZÁLES U. A.

 

Einem Schulfreund von mir, dem ist ähnliches passiert. Wurde zu später Stunde an einer Imbissbude von seltsamen Typen bedrängt, die ihn auf einen Pfefferoni einladen wollten. Nach dankender Ablehnung dann eine wie aus heiterem Himmel ungebändigte Entladung hasserfüllter Aggression. Die Folge: Gesichtsfrakturen, Spitalsaufenthalt, Gerichtstermine und ein Trauma, das lange nachhält. Und überwunden werden kann, wenn man nicht allein bleibt. Therapie, Familie und Freunde, das alles kann vieles wieder gut machen, auf dem Weg zurück in den Alltag. Manch einer aber scheint so sehr zu verzweifeln, so sehr erniedrigt und gebrochen worden zu sein, dass die Erschaffung einer erdachten Reserve-Welt das einzig probate Mittel scheint. Wie bei Mark Hogencamp. Der ist einer, der war mal Illustrator mit begnadetem Talent. Und einer, der gerne Frauenschuhe trug, am liebsten High Heels. Genau weiß Hogencamp das auch nicht mehr. Aber was weiß er schon, oder besser gesagt was weiß er noch, nachdem ihm Neonazis auf offener Straße das Gedächtnis aus dem Kopf geprügelt haben. Kellnerin Wendy hat ihn dann gefunden. Und das Leben wurde ein anderes, ganz anders als zuvor.

Klingt fast ein bisschen nach In Sachen Henry. Wer sich noch erinnern kann – Harrison Ford wurde da zwar nicht halbtot geschlagen, allerdings wurde ihm in den Kopf geschossen. Willkommen in Marwen hätte eine ähnliche Leidens- und Genesungsgeschichte werden können – bewegt sich aber auf ganz anderen Pfaden und lässt sich nur bedingt mit Mike Nichols Drama vergleichen. Dieser tatsächlich existierende Hogencamp, der wusste zwar noch, wer er war, doch die feinmotorischen Skills für seine Arbeit, die waren dahin. Stattdessen hielten Furcht, Schmerz und Ohnmacht Einzug in das Leben einer wie ausgewechselten Persönlichkeit. Und irgendwann waren sie dann da: Puppen. So groß wie Barbies und meistens weiblich. Und jede von ihnen ein Äquivalent zu real existierenden Frauen, die nach besagtem Tag X an seiner Seite blieben. Letztendlich auch die neue Nachbarin, die rothaarige Nicol. Diese Puppen – die sind aber längst mehr als nur der Ausdruck einer Leidenschaft fürs Sammeln. Sie sind die Bewohner einer fiktiven belgischen Stadt namens Marwen zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Marwen – das setzt sich zusammen aus Mar für Mark und Wen für Wendy, seiner Lebensretterin. Bedroht wird die dörfliche Idylle im Vorgarten von gewaltbereiten, fiesen Nazi-Schergen, die ungefähr das platte sinistere Charisma der Schurken aus Inglourious Basterds haben. Wer in dieser erträumten und auf Foto gebannten Parallelwelt aber zuletzt lacht, lacht am besten – Marks letztes Fünkchen Widerstand in Gestalt des mutigen US-Piloten Captain Hogie, eine Art John Wayne als Beschützer seiner selbst und all der Bewohner Marwens. Und dieses Minimundus für die Seele, dieser schreinartige Kurort, der zieht sich bis in die eigenen vier Wände und dominiert Hogencamps ganzes Dasein.

Allerdings – und das ist ein wichtiger Unterschied – nicht auf eine Weise, die mit einer Flucht vor der Realität gleichkommt. In Filmen wie Pans Labyrinth, Sucker Punch oder Mirrormask suchen vorwiegend junge Mädchen in einer von ihnen erdachten Welt als inhärenter Teil die Lösung für ihr Problem. Ebenso in Sieben Minuten nach Mitternacht oder I Kill Giants interagieren die psychisch Leidenden mit Wesen, die nur in ihrer Vorstellung existieren. Oder sagen wir so – sie sind überzeugt davon, dass sie existieren, für den Moment, ohne diese Realität hinterfragen zu wollen. Mark Hogencamp betrachtet seine Welt stets von außen, er ist Fotograf, ein Beobachter, er erdenkt das Abenteuer, welches wir sehen, als normalen kreativen Prozess, wie jeder andere Künstler auch, der Geschichten erfindet, um erlittene Kränkung zu bannen und auf eine verfremdete, simplifizierte Weise wiederholt durchzuspielen.

Robert Zemeckis, Schöpfer von Klassikern wie Forrest Gump, kennt sich mit realen Schicksalen und Grenzgängern auf alle Fälle gut aus. Und er hat eine Vorliebe dafür, mit Motion Capture zu experimentieren. Die Legende von Beowulf oder der Weihnachtsfilm Der Polarexpress waren erste Pionierarbeiten auf diesem mittlerweile ums x-fache verfeinerten Gebiet der Charakter-Animation. Mit dem Fotokünstler Hogencamp hat Zemeckis die Biographie eines Menschen aufgegriffen, der seine Katharsis selbst gewählt hat und sich so therapieren konnte. Interessant auch, wie Zemeckis sich selbst zitiert, vor allem seinen Klassiker Zurück in die Zukunft, als Wunschtraum dafür, Geschehenes ungeschehen zu machen. Im Ganzen ist die True Story für ihr Genre ungewohnt bunt, dabei durchaus berührend und irgendwie kurios, aber niemals belächelnd. Ein kleines Psychodrama aus der Vorstadt, mit einem sagenhaft guten Steve Carrell, der wie ein Protagonist aus einer Episode von Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten mit seinem dackelgroßen Jeep voller Figuren die Straße entlangstolpert. Das sind an sich sehr persönliche, verletzliche Momente, die das animierte Puppentheater, das irgendwann sogar die Realität durchdringt, wie einen schützenden Vorhang umgibt. Dieser Vorhang, der mag, kennt man die Hintergründe nicht, relativ dick aufgetragen sein und nicht dem Zweck entsprechen. Mit dem trashigen Miniaturdrama, dass sich parallel oder als Teil von Hogencamps Psychogramm abspielt, kann man sich entweder identifizieren, es verstehen oder fragwürdig finden. Doch der Weg zur Befreiung von den eigenen Dämonen muss nicht gefallen. Sondern vor allem eines: er muss heilen.

Willkommen in Marwen

Battle of the Sexes

SPIEL UM GLEICHSTAND

8/10

 

battleofthesexes© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: JONATHAN DAYTON, VALERIE FARIS

MIT EMMA STONE, STEVE CARRELL, BILL PULLMANN, ANDREA RISEBOROUGH, ELISABETH SHUE U. A.

 

Fernsehsport ist eine weit verbreitete Leidenschaft, dessen bedeutende Daseinsberechtigung man leicht an der Programmplanung diverser TV-Sender herauslesen kann. Doch bis auf einige Ausnahmen ist es eine Freizeitbeschäftigung, die ich nur sehr bedingt teilen kann. Gar nicht einlassen kann ich mich auf Golf, Billard oder eben gar Tennis. Tennis ist einer jener Sportarten, die man, so finde ich, selbst spielen muss, um Gefallen daran zu finden. Als Giveaway aus der Flimmerkiste bleibt meist nur das ausufernde Gestöhne manch medientauglicher Sportskanonen prägend im Gedächtnis. Und die Sache mit Billie Jean King – da muss ich mich schon entschuldigen – das war vor meiner Zeit.

Denn hätte ich die Chance gehabt, den Battle of the Sexes zwischen dem weiblichen Tennisstar und dem legendären Bobby Briggs live zu erleben, hätte ich mich womöglich vor die Röhrenglotze gesetzt. Aber das kann ich auch nur sagen, nachdem mir Emma Stone und Steve Carrell mit dem filmtitelgebenden Geschlechterkampf eine kleine Sternstunde des gesellschaftspolitisch motivierten Sportfilms beschert haben. Der gleichermaßen aufregende wie zartfühlende Film von Jonathan Dayton und Valerie Faris erzählt das Medienereignis sowohl aus der Sicht der Tennisspielerin Billie Jean King als auch aus der Sicht der Medien-Rampensau Bobby Biggs, seines Zeichens Tennischampion im Ruhestand, der aber mit chauvinistischen Bemerkungen zur Stellung der Frau alles andere als sparsam umgeht. Da die 70er nach den ausklingenden 60ern immer noch für gesellschaftlichen Paradigmenwechsel sorgen, fügt sich der erstarkende Feminismus ideal in die von Revolutionsgedanken geprägten Atmosphäre ein – obsolete, verknöcherte Strukturen wie das Bild des alleinverdienenden Mannes und der Frau hinterm Herd sind zu dieser Zeit schon längst ein Affront gegen die Weiblichkeit. Und wenn dann noch Leute, die die Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen, der Frau die gleichen Rechte und Möglichkeiten absprechen, kann und soll das natürlich nicht unbeantwortet bleiben. Der Geschlechterkampf erreicht seinen brisanten Höhepunkt im von Millionen Zusehern verfolgten Gipfeltreffen am Tennisplatz.

Da hat sich Billie Jean King ordentlich was aufgehalst. Denn von ihrem Sieg hängt nicht nur die sich zu etablierende Tatsache ab, dass im Sport Frauen und Männer ebenbürtig sind – da geht’s um viel, viel mehr. Um die Festigung einer notwendigen Offensive gegen das Patriarchat. Um einen medienwirksamen Beweis, dass der Mann sich chronisch selbst überschätzt und Machtpositionen einfach nicht abgeben will. Ein Denkzettel für die höhnische Arroganz des männlichen, geltungsgeilen Establishments. Verlieren gibt’s also nicht, obwohl der Sieg mehr als fraglich bleibt.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich Battle of the Sexes so dermaßen mitreißt. Das liegt in erster Linie und wieder einmal an Emma Stones differenziertem Spiel. Einfach großartig, wie sie das macht. Zur Person Billie Jean King schafft Stone ein psychologisch differenziertes Portrait. Eine ehrgeizige, leidenschaftliche junge Frau. Resolut und widerspenstig. Aber auch, im ganz privaten Closeup, zerrissen und voller Zweifel. Mit Steve Carrell bekommt sie einen nicht weniger grandios aufspielenden Widersacher gegenübergestellt – der Komödiant und Charakterdarsteller sieht im Film nicht nur ganz so aus wie der echte Bobby Biggs – sein exaltiertes Verhalten zwischen manisch und leisetretend fängt Carrell so geschickt ein wie die Schmetterbälle seiner weiblichen Konkurrentinnen. Das Regie-Duo Dayton und Faris schaffen es mit viel Gespür für ein harmonisches Ganzes die einzelnen psychologischen und zwischenmenschlichen Aspekte der Geschichte mit den rekonstruierten Fernsehdokumenten aus den 70er- Jahren reibungs- und fugenlos zu verweben. Das Gespür für Timing gerät in Battle of the Sexes zum Kunststück.

Das verblüffend packende Tatsachendrama reiht sich in das neue Kino des Feminismus zu Werken wie Sufragette oder Hidden Figures wunderbar ein, und ist wie Ron Howard´s Meisterwerk Rush ein Sportfilm, der Genremuffel wie mich begeistert abholt. Battle of the Sexes gewinnt überraschend den Matchpoint, und das war im Vorfeld längst nicht so selbstverständlich wie das gebührende gleiche Recht für alle Frauen dieser Welt.

Battle of the Sexes