Cruella

RACHE WIRD SCHWARZWEISS SERVIERT

7,5/10


cruella© 2021 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CRAIG GILLESPIE

CAST: EMMA STONE, EMMA THOMPSON, PAUL WALTER HAUSER, JOEL FRY, MARK STRONG, EMILY BEECHAM U. A. 

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Es ist wie es ist: Die Bösen sind die Guten. Sie sind die, an die man sich erinnert. Sie sind die besseren Charakterköpfe und sprechen als psychisch labile Schmerzensschwestern und -brüder den eigenen alltäglichen Unzulänglichkeiten viel mehr aus der Seele als jemand, der alles im Griff hat. Der Neid könnte einen fressen bei jenen, die sich herkulesgleich die Schulter entstauben. Doch was wäre das – andersherum – für ein ethisches Weltbild? Es wäre erschütternd – aber griffiger. Das Böse ist immer verführerischer. Das Böse bietet viel mehr Bühne. Zum Beispiel für einen Straßenclown, der zu Batmans Nemesis wird. Oder für einen ungestümen Jedi, der drei Sequel-Teile lang zu Darth Vader mutiert. Sie alle haben ihre eigenen faszinierenden Origin-Story, da sich die dort innewohnende zynische Weltsicht so verlockend frei anfühlt. Die vorab erlittenen Schicksale bleiben dabei entbehrlich. Nur das Endprodukt fährt – der Rest macht es nur nachvollziehbar.

Zu den klassischen Antagonisten Hollywoods zählt natürlich auch jene Dame, die man eventuell als Joker der Modewelt bezeichnen könnte. Der Teufel trägt also Prada? Mitnichten – denn Cruella de Vil hat ihre eigene Kollektion. Im Zeichentrick-Kultfilm 101 Dalmatiner ist sie es, die davon träumt, einen Mantel aus Dalmatinerfell zu besitzen und den Rassehunden Pongo und Perdita hinterherjagt (oder besser gesagt: sie lässt hinterherjagen), da sie es ja nicht nötig hat, einen Finger zu rühren. Wie es dazu kommt? Die Antwort darauf hat nun Craig Gillespie hingelegt – und lässt dabei Emma Stone die Gelegenheit beim Schopf packen. Die wird nach dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter in London von den zwei Waisen Jasper und Horace (wir erinnern uns an den Zeichentrickfilm) gefunden und kurzerhand in ihre Diebesgang aufgenommen. Die Brieftaschen der Londoner Bevölkerung stapeln sich in deren Unterschlupf. Die Zeit vergeht und Estella, die ihre Liebe zu Schneiderei und Mode an sich selbst auslebt, träumt davon, in der superschicken Modeboutique der Stadt zu arbeiten. Die Gelegenheit ergibt sich bald, allerdings beschränken sich da die Aussichten auf den sanitären Bereich. Doch auch später meint es das Schicksal gut – und wie durch eine Fügung desselben landet der kreative Kopf im Atelier der Modezarin Baroness von Hellman. Einer Patronin, angesichts jener Meryl Streep als Miranda Priestley fast schon erscheint wie Mutter Theresa. Doch so viel Herzenskälte ist fast schon egal – wenn Estella tun kann, was sie immer schon tun wollte. Bis sie dahinterkommt, dass die affektierte Lady so einiges mit dem Tod ihrer Mutter zu tun hat.

Viel schiefgehen kann da wirklich nicht, wenn sich Emma Stone ins Zeug legt. Die Oscar-Preisträgerin für La La Land ist auch diesmal wieder ein Energiebündel an Ausdrucksstärke und Emotion – fad geht anders. Da kommt so eine schillernde Antagonistin wie Cruella de Vil wie gerufen. Liebend gern schlüpft Stone in ihre Outfits, stolz trägt sie das schwarzweiße Haar. Am anderen Ende der Kippschaukel: Emma Thompson – sowieso immer gern gesehen, diesmal aber suhlt sie sich in ihrer heillos überzogenen Karikatur der erfahrenen, toughen Geschäftsfrau zwischen Dürrenmatts alter Dame und Ebenezer Scrooge. Das ist so plakativ, dass es schon weh tut – aber das soll es auch. Und es macht Spaß, zu sehen, wie die beiden Emmas ihren Spaß haben, wenn sie sich die Kleiderpuppen um die Ohren hauen und sich gegenseitig darin übertrumpfen wollen, wer das bessere Outfit trägt. Dabei untermalt Gillespie sein Bad-Girl-Origin mit allerlei bekannten Songs vergangener Jahrzehnte, welche die eskalierende Dramatik nochmal unterstreichen.

Cruella ist die Antwort Disneys auf das Ikonenuniversum von DC. Dabei scheint es für den Mauskonzern durchaus okay zu sein, hier nicht die ganze Familie vor die Leinwand bzw. vor den Bildschirm zu holen. Cruella mag die Kids wohl eher nicht betören – für alle anderen ist das vergnügliche Erstarken einer hundeverachtenden Drama Queen ein atmosphärisch dichtes Realfilmerlebnis, das es tatsächlich schafft, den Eindruck zu vermitteln, mitunter das Ganze in Zeichentrick zu sehen. Und überdies: hätte der Joker nicht schon seine Harley QuinnCruella de Vil wäre eine ernsthafte Konkurrenz.

Cruella

Guardians

DER VERGLEICH MACHT UNS SICHER

1/10

 

guardians© 2017 capelight pictures / Quelle: comicbox.com

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: Sarik Andreasyan

MIT Alina Lanina, Sanzhar Madiyev, Sebastien Sisak

 

Eines muss gesagt sein – ich bin wirklich sehr froh, diesen Film gesehen zu haben. Denn um zu wissen, was gut ist, haben Filmfans auch mal die Pflicht, sich das hinterste Ende der filmischen Nahrungskette zu vergegenwärtigen. Erst in der Relation ist klar zu erkennen, was einen qualitativen Film eigentlich ausmacht. Und was es heißt, wenn das Soll für Anspruch so gar nicht erfüllt wird. Denn das Kinopublikum hierzulande ist ein verwöhntes. Eines, das aufgrund unserer und anderer Rezensionen bereits problemlos die Spreu vom Weizen trennen kann und eigentlich nur noch, wenn es jammert, auf hohem Niveau kritisiert. Der Kinogeher bewegt sich meist im High End-Bereich, innerhalb des Sahnehäubchens zum Medium Film. Und auch dort gibt es Unterschiede, keine Frage. Doch was dem gesättigten Auge selbstverständlich vorkommt, ist es längst nicht. Filmtechnische, schauspielerische wie dramaturgische Leistung kommt nicht von irgendwo. Das ist harte Arbeit. Und die meisten Filme, die wir sehen, haben mit Sicherheit in einem dieser spezialisierten Bereiche ihre Stärken. Es ist fast unmöglich, dass ein Film gar kein Soll erfüllt. 

Wie gesagt, nur fast unmöglich. Guardians erfüllt die geringsten Erwartungen. Und zeigt, was schlechtes Kino ist. Da haben die Killertomaten oder Bela Lugosi in Ed Wood´s Filmen noch einen gewissen skurrilen Charme: Guardians, die russische Antwort auf Marvel, versemmelt so gut wie alles. Und ist in seiner erschütternden Niederlage eben aus vorhin genannten Gründen ein grandioses Anti-Beispiel, um Qualität im Kino neu zu bemessen. In Guardians passt einfach nichts zusammen. Da gibt es das stramme Botox-Häschen als Geheimagentin. Ein Mutant, halb Mensch halb Bär, in grottenschlechtem CGI, mit immer wieder neuen Hosen und gerade mal recht ansehnlich sprießendem Rückenfell. Ein rasend schneller Schwertkämpfer, der aussieht wie der Zwillingsbruder des Winter Soldiers. Die Unsichtbare, klar abgekupfert von den fantastischen Vier. Und ein Telekinetiker – noch der Beste unter all den Möchtegern-Helden, die so charismatisch und in ihrer psychologische Tiefe ungefähr so dick auftragen wie ein polymerer Heckscheibenkleber. Doch das Allerbeste – oder Schlechteste an dieser Gurke ist der Widersacher. Was bitte ist hier passiert? Unglaublich, wie misslungen und lächerlich ein Six-Pack-Suit aussehen kann. Die bizarre Mischung aus Batman-Nemesis Bane und Iron Man-Peitschenknabe Whiplash ist an unfreiwilliger Komik kaum zu überbieten. 

Guardians hat keinerlei eigene Ideen. Superheldenkino ist eben nicht gleich Superheldenkino. Auch oder gerade wenn all die künstlich erzwungenen Nörgler gegen den so genannten Blockbuster-Einheitsbrei im wohlfinanzierten Genre des Comic-Kinos wettern – der Vergleich mit der plagiatsnahen Tundra-Action lässt sowohl das Marvel- als auch das DC-Kino wieder um Einiges heller erstrahlen. 

Guardians

Ich – Einfach unverbesserlich 3

DIE TIC TAC-TAKTIK

8/10

 

Ich3

REGIE: PIERRE COFFIN, CHRIS RENAUD
MIT DEN STIMMEN VON STEVE CARRELL, CHRISTEN WIIG

 

Erst vor Kurzem habe ich ein Interview gelesen, welches das Filmmagazin cinema mit dem Mastermind der Illumination-Studios, Chris Meledandri, geführt hat. Der knapp 60jährige Kreativkopf ist Schöpfer bekannter Trickfilmikonen der letzten zehn Jahre wie das Urzeithörnchen Scrat oder die hyperaktiven gelben Tic Tacs, genannt Minions. Mit letzteren hat er eine globale Franchise vom Zaun gebrochen. Die quäkenden, quengelnden, unverschämt schadenfrohen Helferleine zieren von der Kaffeetasse bis zur Bettwäsche Waren aller Art. So nah am popkulturellen Signet ist kaum eine Figur aus den neuzeitlichen Animationsschmieden von Übersee – maximal noch der Clownfisch Nemo. Dennoch, so betont, Meledandri, ist es stets oberstes Gebot von Universal und Illumination, keinesfalls Disney und Pixar nachzueifern. Nicht mal im Traum sei daran zu denken, auch nur ansatzweise mit den Stilmitteln der übergroßen Konkurrenz zu liebäugeln. Also zieht Illumination seit Beginn an ganz andere Saiten auf. Schrillere, kantigere, mitunter auch schwarzhumorige Saiten. Paradezyniker wie Gru finden sich bei Disney vergebens. Dort ist alles charmant, schrullig oder liebevoll verzogen – bei Meledandri und seinem Team bürstet man Klischees gegen den Strich und lässt seine Anti-Helden ab und an mit blauem Auge davonkommen. Bei all diesem Handkantencharme und Hang zu galligen Parodien wären Tom & Jerry oder etwa Tex Avery´s notgeiler Wolf bei Illumination viel besser aufgehoben als bei Disney. Das sollte man als Kinogeher wissen – auch wenn man seinen Nachwuchs mitnimmt.

Bei Ich – Einfach unverbesserlich 3 geht es ganz einfach laut zu. Und unglaublich rasant. Wer die ersten beiden Teile von Gru´s Abenteuern nicht kennt, wird ohne Umschweife ins Geschehen katapultiert. Action, soweit das Auge reicht. Slapstick zum Abwinken. Und bunt, bunt, bunt. Doch noch nie zuvor war der Plot so kauzig, augenzwinkernd und spannend wie im dritten Teil des Superagentenknallers. Im Hinblick auf die immer schwächer gewordenen Fortsetzungen von Ice Age war ich fest der Überzeugung, dass der Ich – Einfach unverbesserlich-Reihe ähnlich die Luft ausgehen wird. Hohe Erwartungen sind es also keine gewesen. Vielleicht hat mich der neue Animationszirkus aber gerade deswegen so überzeugt?

Der meiste Witz liegt in der Konfrontation von Gru und Dru. Der stets in Weiß gekleidete Schlagerstar-Verschnitt mit der Hansi Hinterseer-Gedächtnisfrisur ist neben den üblichen Verdächtigen das Herzstück des Films. Da hat sich Illumination ins Zeug gelegt. Obwohl die Figur genauso aussieht wie der glatzköpfige Ex-Bösewicht und Ziehvater Gru, ist sein Verhalten ein grundlegend anderes. Die beiden passen trotz ihrer Ähnlichkeit gar nicht zueinander, und die dauernden Eifersüchteleien und ihr gemeinsamer Coup erinnern an Depardieu und Richard in ihren besten Zeiten. Allerdings geht es noch schräger: der rachsüchtige, in den 80ern steckengebliebene Bubble Gum-Bösewicht mit Halbglatze und Rotzbremse ist gleichzeitig so abstoßend wie faszinierend. Seine Seitenhiebe und Reminiszenzen an die gute alte Zeit der Schulterpolster, Discokugeln und Rubik-Würfel geht zwar am jungen Publikum spurlos vorbei, dafür begeistert es die Elternschaft. Somit hat jeder, was er braucht, um Spaß zu haben. Und dennoch bleibt die Story auf der Spur, obwohl sie mehrere Nebenschauplätze liefert, die so gar nicht notwendig gewesen wären. Auch wenn die gelben Wichte dem Film lediglich in einer Parallelhandlung folgen – der Bühnenauftritt der Minions auf der Sing-Bühne ist jetzt schon Kult.

Ich – Einfach unverbesserlich 3 ist seit Langem das Beste, was Illumination hervorgebracht hat. Ein krawalliger Spaß, hektisch zwar und unverbesserlich albern, aber irgendwie packend und voller verhaltensauffälliger Persönlichkeiten. Niemand ist hier normal, und gerade das macht den Film so unerwartet sympathisch.

Ich – Einfach unverbesserlich 3