Weird: The Al Yankovic Story (2022)

GIGS MIT GAGS

6/10


weird-the-al-yankovic© 2022 The Roku Channel


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ERIC APPEL

DREHBUCH: ERIC APPEL, WEIRD AL YANKOVIC

CAST: DANIEL RADCLIFFE, EVAN RACHEL WOOD, RAINN WILSON, JULIANNE NICHOLSON, TOBY HUSS, WILL FORTE, SPENCER TREAT CLARK, WEIRD AL YANKOVIC, JACK BLACK U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Seit Curly Sue gab es keinen Lockenkopf mehr, der so sehr für Wirbel gesorgt hat. Und nein, es ist nicht Bob Ross, der entspannte Landschaftsmaler, der so viel Freude am Klecksen hat und bald durch Owen Wilson in einem Biopic verkörpert wird. Es ist Weird Al Yankovic, dem die Kräuselmähne zu Berge steht und dem Oberlippenbart gar zu einem Comeback verhilft. Bei Eric Appels biographischem Drama stellt sich natürlich die Frage: Wie sehr ist das Ganze hier überhaupt True Story und wie sehr auch nicht? Und wen juckt das eigentlich?

Madonna im Drogendschungel. Beat it von Michael Jackson scheint eine billige Kopie von Eat it zu sein. Wenn, wie der Film sagt, Alfred Matthew Yankovic alias Weird Al wirklich so berühmt war wie kaum ein zweiter Musiker in den Achtzigern – weshalb kannte ihn dann niemand in Übersee? Weil nur die Hälfte wahr ist von dem, was hier aufgetischt wird. Weil das Kino längst nicht mehr nur dem Anspruch gerecht werden muss, zu hundert Prozent wahrheitsgehaltvolle Geschichten zu erzählen. Tarantino hat hier längst das Tabu gebrochen – die biographischen Fakten über Sharon Tate, die ja tatsächlich der Manson-Family zum Opfer fiel, schlagen in seiner Hollywood-Märchenstunde eine wohlwollende Richtung ein. Weird Al Yankovic, immer noch unter den Atmenden, hat nicht so viel Glück. Aber schön der Reihe nach.

Der Mann, den der wunderbare und von mir sehr geschätzte Daniel Radcliffe mit einer Inbrunst verkörpert, als würde seine Kreditfähigkeit davon abhängen, hat in den Jahren seines Durchbruchs wohl auch nicht viel anderes getan als Otto Waalkes, der gerade wieder mit seinem Friesenjungen in den Charts steht: nämlich, Lieder zu parodieren. So wird My Sharona von The Knack zur Wurst-Hymne My Bologna, Queens Another One Bites the Dust zum Stegreif-Schmunzler Another One Rides the Bus. Und Eat it, der Song zum Gusto auf alles Verzehrbare, wird erst unter Michael Jackson zum Knüller. Klingt nach Satire, nach waschechter Satire. Ist es aber nicht. Also nur zum Teil. Dass Madonna (permanent kaugummikauend: Evan Rachel Wood) den impulsiv-naiven Al Yankovic als Sprungbrett für ihre eigene Karriere benutzt hat, muss erfunden sein. Aber was weiß man als unbedarfter Zuseher überhaupt schon genau. Allein schon die Art und Weise, wie Weird Al als Kind des glücklichen Zufalls plötzlich entdeckt wird, will man nicht glauben. Noch dazu von jemandem namens Dr. Demento, der ja an sich schon so was von erfunden und fiktiv wirkt, als würde man niemals vermuten, eine reale Person stünde dahinter.

Eric Appel, der gemeinsam mit Weird Al Yankovic diese Realsatire vom Stapel hat lassen, nimmt natürlich allerhand Klischees aufs Korn, die so einige Berühmtheiten vor allem in den USA für sich beanspruchen können. Plötzlich entdeckt zu werden ist eines dieser Dinge (doch wie viele davon sind wahr?). Der Ruhm, der sich auf Magazincover und Eskapaden auf der Bühne reduziert, ebenso. Die Linie zwischen Realität und Fiktion lässt sich nicht mehr ziehen, da die Versatzstücke einer Weltkarriere vor lauter Abgedroschenheit auf einen kuriosen Drogentrip wandern, der sie auch direkt in den kolumbianischen Dschungel bringt. War schon Forrest Gump eine fiktive Chronik der amerikanischen Geschichte, so ist Weird: The Al Yankovic Story das Blättern durch ein Klassenbuch der Allstars von damals, die in lockeren Parodien wie die Puppen eines Kasperletheaters wirken. Doch dieses Verschwimmen von Wahrheit, Lüge und Witzkiste; dieser krude, nicht sehr feinsinnige Mix aus alledem findet dadurch auch keinen eigenen Stil. So seltsam die Begebenheiten hier auch sind, so routiniert und uninspiriert bleibt die Umsetzung. Radcliffe ist natürlich eine Nummer für sich, der Underdog-Charme einer akkordeonklimpernden Rampensau für die Kleinbühne sitzt. Doch sobald das Ganze ausufert, findet der Film selbst, so wie seine von sich selbst sehr überzeugte Kunstfigur, keinen Halt mehr. Und fällt vom Hocker. Im Gegensatz zu mir.

Weird: The Al Yankovic Story (2022)

Vox Lux

DAS TRAUMA EINES POPSTARS

5,5/10


voxlux© 2019 Kinostar


LAND / JAHR: USA 2018

BUCH / REGIE: BRADY CORBET

CAST: NATALIE PORTMAN, JUDE LAW, RAFFEY CASSIDY, STACY MARTIN, JENNIFER EHLE, MARIA DIZZIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Warum genau wollen das manche – ein Star werden? Ist es wirklich nur Ruhm und Reichtum? Diese Stars – sie können sich alles kaufen, alles leisten und haben Einfluss. Einfach sie selbst sein können sie nicht. Ausruhen können sie nicht. Unerkannt bleiben können sie nicht. Auf allen Kirtagen müssen sie sein, um die Erfolgssuppe am Köcheln zu halten, sonst ist der Stern ganz schnell ein sinkender. Aber vielleicht ist dieser Prozess letzten Endes das Beste, was passieren kann. Bleibt nur, es zuzulassen.

Zu solchen Gedanken gelangt man – muss man ganz einfach gelangen, wenn am Screen Natalie Portman als unausstehlicher, weil seelisch zerrütteter Popstar Celeste so gut wie alles Offensichtliche im Leben erreicht zu haben scheint – nur nicht das, worauf es ankommt.

Dabei nimmt das Leben dieser fiktiven Persönlichkeit, die um die Jahrtausendwende den Pophimmel erobern wird wie im tatsächlichen Leben Lady Gaga oder ihresgleichen, in ihren Teenagerjahren eine erschreckende Wendung. Celeste wird Opfer eines schulischen Amoklaufs, kommt mit dem Leben davon. Zwei Narben verunstalten Hals- und Bauchbereich, seitdem erschweren Kreuzschmerzen den Alltag. Bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags fängt Celeste zu singen an – und wird über Nacht zur Ikone. Ihre Stimme findet bald den richtigen Agenten (Jude Law), der das Mädchen vom Aufnahmestudio bis zur Bühne überallhin begleitet. Und ja: dieses scheinbar von allen psychischen Schmerzen unberührte Individuum schafft es, ganz groß rauszukommen. Nur: sagenhafte Popularität hat ihren Preis. Das ist fast so wie ein Pakt mit dem Leibhaftigen, der die materielle Welt zu Füßen legt, während die wahren Werte ihm ganz alleine gehören.

Kurz mal nachgedacht: es gibt kaum einen Film über Stars ohne Schattenseiten. In den meisten Fällen dominieren sie die Biographie. Auch in A Star is Born hat zwar Lady Gaga das große Los gezogen, Bradley Cooper allerdings gibt sich nach zahlreichen Besäufnissen den Strick. Es scheint, als wäre das Star-Dasein ein Fluch aus Versuchung und dem Rausch des Mittelpunkts. Kann sein, dass Brady Corbet sein Glamour-Drama als kritische Antithese auf den in allen Farben schillernden Traum vom Showbusiness sieht. Hier ist gar nichts schillernd und schmuck, nicht mal die ausladende Stage-Sequenz von Celeste im Glitter-Look, in welcher sekündlich merkbar scheint, wie mühsam diese Performance sein muss. Wie sehr sich dieser ohnehin schon durch alle Öffentlichkeit hindurchverwurstete Mensch sich wegdenkt, während der Automatismus das eingelernte Programm abspult. In Vox Lux ist der Erfolg ungefähr so elektrisierend wie ein Suchtgiftentzug. Vox Lux ist schwerfällig und larmoyant, ein bisschen überkünstelt und von ermüdender Exaltiertheit, die schon beim Zusehen das Verlangen nach einer eigenen Auszeit weckt. Dieses öffentliche Leben fühlt sich verklebt und verdreckt an – unterm Strich falsch. Da setzt Natalie Portman in ihrer heillos überzogenen Darstellung des kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehenden Superstars dem vermurksten Leben noch die Krone auf, in dem sie im klappernden Stelzschritt und aufgebrezelt bis zum Barock-Theater ihre Authentizität verscherbelt.

Befriedigung kommt bei diesem Drama, welches wie eine Oper in mehrere Akte unterteilt ist und hörspielmärchengleich von einem Erzähler aus dem Off begleitet wird, keine auf. Der fahle Nachgeschmack eines nie aufgearbeiteten (amerikanischen) Terror-Traumas und einer latenten Unversöhnlichkeit dem Leben gegenüber sediert jede Szene. So ist das, wenn der Teufel einen Deal macht.

Vox Lux