WENN DER NACHWUCHS LANGE AUFBLEIBT
7/10

© 2026 Polyfilm
LAND / JAHR: USA 2026
REGIE / DREHBUCH: JORDAN FIRSTMAN
KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA
CAST: JORDAN FIRSTMAN, REGGIE ABSOLOM, DIEGO CALVA, CARA DELEVIGNE, ELDAR ISGANDAROV, MISS BENNY U. A.
LÄNGE: 2 STD 6 MIN
Sex, Drugs and Rock’n Roll war gestern. Was die Gegenwart von der damaligen Dreifaltigkeit des revolutionären, wilden Gesellschaftslebens der 60er und 70er Jahre unterscheidet, ist der Musikgeschmack, denn Sex und Drugs gibt es nach wie vor zuhauf. Äußerst beliebt ist Koks, dazu das ganze Farbspektrum an aufputschenden Drops, die die Nacht zum Tag werden lassen. Dabei scheint es egal, wenn Orientierungs- und Hörsinn mehrere Stunden am Stück vom Rhythmus der Technobeats und der flackernden Lichter vertilgt werden.
Im Gaumen sitzt der Beelzebub …
Am Morgen werden diese Leute dann ausgespuckt – auch Underground-Partymacher Peter ist nach solchen Nächten nur mehr ein Schatten seiner selbst. Wie lange das die Gesundheit trägt, ist eine andere Frage. Das Leben muss sich schließlich verdrängen lassen. Bis es nicht mehr aufzuhalten ist und mit der Tür ins Haus fällt. Was es mitbringt, ist ein kleiner Junge im gymnasialen Unterstufenalter. Der Lockenkopf, der für Wirbel sorgt, ist vermutlich Peters leiblicher Sohn.
… Vater sein dagegen sehr
Wie jetzt, was jetzt? Peter kann unmöglich den Vater spielen, geschweige denn sein. Wie soll das gehen: Verantwortung für einen Menschen zu übernehmen, dessen Leben erst in die richtige Bahn gelenkt werden muss, um nicht so abzustinken wie das väterliche Vorbild, obwohl dieses doch mit Verantwortung nichts am Hut hat?
Solche Story-Plots gibt es einige in der Filmgeschichte. Wenn Väter wie die Jungfrau zum Kind tatsächlich zu selbigem kommen, ist das immer wieder und auf ähnliche Weise tragikomisch. Oft geht’s dann auch ums Sorgerecht, um das nötige Know-how, um irgendeinen sozialpolitischen Aspekt, der die wachsende Liebe des Elternteils zum Nachwuchs erschwert.
Da gibt es den Klassiker mit Heinz Rühmann: Ich sage nur La Le Lu – Wenn der Vater mit dem Sohne. Egal, ob blutsverwandt oder nicht, diese auf gute Art rührselige Geschichte aus den 50ern bringt Vater-Ziehsohn-Beziehungen auf den Punkt. Omar Sy zum Beispiel bekommt von Clémence Poésy in Plötzlich Papa ein Mädel ausgehändigt, ähnlich in die Jahre gekommen wie dieser kleine Arlo hier, der schon in prekären Verhältnissen aufwuchs, allerdings schon ein beeindruckendes Wissen über moderne Musik mitbringt. Die ist es auch, die das Fundament schafft, auf dem die beiden in Club Kid aufbauen, und zwar weniger konventionell als anderswo in der westlichen Mittelschicht.
Da hat einer begriffen, worum es geht
Club Kid von Jordan Firstman, der auch gleichzeitig die Hauptrolle übernimmt, ist vorhersehbar und erfüllt auch alle dramaturgischen Erwartungshaltungen, die man wohl so hat, wenn es um Vater-Sohn-Beziehungen per Zufall geht. Nichts will Firstman daran ändern. Und man möchte ihn an beiden Händen nehmen, sie schütteln und Danke sagen für diese Ehrlichkeit zu sich selbst, nicht unbedingt den Avantgardisten heraushängen zu lassen, sondern aus der Story genau das zu ziehen, was sie benötigt.
Wendungen gibt es also keine. Muss es auch nicht. Soll es auch keine geben. So eine Geschichte arbeitet mit Herz, Hirn und Gefühl. Mit nichts anderem sonst. Und natürlich mit ganz viel Musik. Eine, die zwar nicht meinen Geschmack trifft, denn Partygedöns war nie meins, die aber zur rechten Zeit zu den richtigen Szenen erklingt.
Ein guter Vater, der die Kids lange aufbleiben lässt
Und da steht dann auch ganz plötzlich der junge Arlo am Pult, spätabends, während er sein Glück nicht fassen kann, hier den Ton anzugeben unter lauten Erwachsenen, die kurz davor sind, mit Drogen den Abend bis in den Morgen zu verlängern. Dieser schmale moralische Grat zwischen Fahrlässigkeit und gerade noch ausübbarer Verantwortung macht die soziale Spannung des Films aus. Dieser Mut, Kind und Erziehung mehr zuzutrauen, als von der Gesellschaft verlangt wird, und gleichzeitig kein Böser sein zu müssen.
So richtig queer darf Club Kid natürlich auch sein, womit Firstman um die beiden Hauptdarsteller ein vogelbuntes Ensemble schart, das an Käfig voller Narren erinnert. Ein bisschen wie Molinaros Klassiker ist dieser Film dann auch: bemüht um Toleranz, erinnernd an den eigenen Selbstwert und appellierend an die Akzeptanz der eigenen Fehlbarkeit.
Club Kid ist eine klassische und gleichzeitig auch zeitgemäß zugespitzte Komödie, die vieles versucht, aber mit sich selbst zum Glück nicht allzu viel experimentiert.
