Onward: Keine halben Sachen

(FAST) GANZ DER PAPA

8/10

 

ONWARD© 2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: DAN SCANLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HOLLAND, CHRIS PRATT, OCTAVIA SPENCER, JULIA-LOUISE DREYFUS U. A. 

 

Nicht dass sich Pixar jetzt auf seinen Oscar-Lorbeeren für Toy Story 4 auszuruhen gedenkt – mitnichten. Onward: Keine halben Sachen ist gleich das nächste Werk, und qualitativ auf Augenhöhe mit bereits etablierten Klassikern des Genres. Die abenteuerliche Fantasykomödie, die in einer von zwei Monden beleuchteten Welt mitsamt aller phantastischen Kreaturen aus der europäischen Sagenwelt und jener Tolkiens spielt, ist tatsächlich ein weiteres Vorzeigemodell dafür, wie kluges, knallbuntes Entertainment mit Niveau funktionieren kann, ohne knapp oberhalb der Gürtellinie zu kalauern und nur das Auge zu bedienen. Onward ist die Überraschung nach dem Preisregen, und aus mehreren Gründen einer der besten Filme aus dem Repertoire.

Zu Beginn erinnert das Szenario ein bisschen an Shrek. Märchenfiguren durch den Kakao gezogen? Das findet sich auch hier. Die mediävale Welt von damals, mit Zauberern, Rittern, Drachen und dergleichen, die ist am Fortschritt genauso wenig vorbeigekommen wie die unsrige. Das Heute sieht genauso aus, wie wir es kennen. Nur streiten obdachlose Einhörer um weggeworfene Speisen oder hat so mancher Mantikor lieber ein Fastfood-Franchise übernommen als sich auf seine traditionellen Werte zu besinnen. Smartphones hat ein jeder, und der Alltag ist frei von Abenteuern jeglicher Art, für die solche Wunderwesen wie hier eigentlich bestimmt sind. Den Elfenbrüdern Ian und Barley geht’s genauso – Schule, lernen, Schikanen von unliebsamen Kollegen, pubertäre Schüchternheit. Kein Wunder, Ian ist ohne Vater aufgewachsen, die Sehnsucht nach einem Papa als Leitfigur und Halt im leben ist groß. Aber wie durch ein Wunder ergibt es sich, dass der Vermisste für einen Tag greifbar werden könnte – durch einen Zauber. Der aber im wahrsten Sinne des Wortes nur halb gelingt. Papa erscheint nur bis zum Hosenbund. Wollen Vater-Sohn-Gespräche geführt werden, muss auch der Rest her, also auf durchs Zauberland zur Problemlösung, denn nach 24 Stunden ist Papa wieder fort – so will es das Jenseits.

Leben, Tod und Älterwerden: Themen, die bei Pixar immer wieder auftauchen. Begegnungen damit verlaufen ungewöhnlich leichtfertig. Zugegeben, phrasische Gewichtigkeit wie Familie und Zusammenhalt und Glaub an dich und wie sie alle heißen sind mittlerweile bei vielen Filmen aus diesem Genre auch nur mehr Schablone, um Situationskomik zu transportieren. Und ja, auch Onward begibt sich zumindest ansatzweise auf diese Pfade, doch wie gewohnt bei den kreativen Köpfen dahinter lässt sich das turbulente, auf Zeitdruck gambelnde Buddy-Movie auch von anderen Eindrücken inspirieren: Es ist die Beziehung unter Brüdern, ist es die Verantwortung füreinander, die entdeckt und erklärt werden will. Da entspinnt sich eine unglaublich fein gezeichnete Doppelconference, ein warmherziges Miteinander, niemals Gegeneinander. Zwischen den beiden: eine halbe Vaterfigur, irgendwie nur noch die Idee einer Verantwortung, eines Kümmerns und Behütens. Und der Imperativ, an einem Strang zu ziehen.

Obwohl Onward deutlich schriller ist als andere Pixar-Filme, obwohl hier vermehrt auf die grellen Eskapaden von Illuminations geschielt wird, behält der Film dennoch seine narrative Sicherheit und verkommt in seinen Szenen nie zum Selbstzweck einer visuellen, turbulenten Attraktion. Vorrangig sind Konzept und Story. Der Rest, so fühlt es sich zumindest an, kommt einfach von selbst. Selbsterkenntnisse drehen auf kuriosen Metaphern und manch kultverdächtigen Slapstickeinlagen ihre Kreise zum Anfang einer mitreissenden, szenenweise wirklich spannenden Geschichte hin. Kurioserweise wird Onward gar gegen Ende, eben weil hier die Zeit als Knüppel zwischen den Beinen vieles zum Straucheln bringt, zum richtigen Nägelbeißer. Die Reise ins Unbekannte hat oftmals nicht unbedingt das zum Ziel, was man vorhat. Auch das ist ein schöner, tröstender Gedanke wider ein durchgeplantes Leben, das so nicht funktionieren will. Das ist brillant herausgearbeitet, die Message hat Drive und bleibt mit all seinem Fingerspitzengefühl des Erzählens ganz weit vorne. Onward eben.

Onward: Keine halben Sachen

Lara

MUTTER EHRGEIZ UND IHR KIND

8,5/10

 

LARA© 2019 Studiocanal

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: CORINNA HARFOUCH, TOM SCHILLING, RAINER BOCK, ANDRÉ JUNG, VOLKMAR KLEINERT, MALA EMDE, MARIA DRAGUS U. A. 

 

„Du bist nichts. Du kannst nichts. Und aus dir wird nie was werden.“ – Mit solchen Meldungen kann man den Nachwuchs dazu bringen, nicht mehr an sich selbst zu glauben. Die negativ konnotierte Motivation ist das wahre Feuer hinter dem Ehrgeiz, hinter dem Drill bis zur Selbstaufgabe, die noch dazu zweierlei bedeuten kann: entweder man schindet sich im Glauben, dass die Erniedrigung nur durch Fleiß und Schmerz neutralisiert werden kann – oder hängt das Potenzial einfach an den Nagel. Nur die Harten kommen durch, sagt so manche Lehrkraftkoryphäe, und bewundert die, die trotz all des Stichelns aufs Ego durchhalten. Die anderen suchen eine Zukunft mit dem geringsten Widerstand. Weil sie gebrochen sind, weil ihr Selbstwert bereits den Meistern gehört.

Eltern glauben an ihre Kinder. So wie Mutter Lara Jenkins, die ihren Sohn mit sanftem Druck, wie dieser es formuliert, dazu genötigt hat, einen Meister der Tasten aus sich zu machen. Das Klavierspielen war jedoch auch Laras Leidenschaft. Nur eben nicht gut genug. Diese Schmach klebt wie Pech an einem Menschen, egal, wie lange es auch zurückliegen mag. Was aus so einem Menschen werden kann? Nun, wir sehen ihn in Lara, einer Verfechterin kategorischer Lernphilosophien, die abseits jeglicher Anerkennung nichts als gut genug empfindet. Und da steht sie nun, diese Lara, Jahrzehnte später, mutterseelenallein und eigentlich von allen verlassen. Aus gutem Grund. Doch heute, an diesem trostlosen Tag, an dem morgendliche Resignation den Freitod präferiert, wird Lara 60 Jahre alt. Überdies hat ihr Sohn Viktor ein großes Konzert vor sich. Irgendetwas will sie ihrem Sohn noch sagen – ein paar Worte zum Abschied? Was auch immer, es fühlt sich nicht gut an. Es ist so, als würde Lara ein Resümee des Lebens ziehen, in aller sozialen Isolation ihren eigenen, vielleicht letzten Geburtstag feiern. Mit Leuten, die sie nicht kennt und die nichts von ihr wissen wollen, und einem Sohn, der unter dem drastischen Perfektionismus seiner Mutter nur mehr ein Schatten seines Selbstvertrauens geworden ist.

Wieder hat Regisseur Jan Ole-Gerster seinen Schauspieler aus Oh Boy verpflichtet, nämlich Tom Schilling. Der hat aber diesmal nur eine Nebenrolle, denn dieser Film – Lara – gehört ganz und gar Corinna Harfouch, die hier eine ernüchternd-betörende, geradezu ikonographische Altersrolle hinzaubert und nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass nach der versponnenen Berlin-Ballade in Schwarzweiß Jan-Ole Gerster sein Meisterwerk gelungen ist. Wieder ist es eine urbane Ballade, wieder handelt es vom Gerechtwerden der Erwartungen anderer, von der Erwartung an sich, vom Ehrgeiz und vom Leistungsdruck. Diesmal aber ist es Mutter Hopeless, die in der Bitternis ihrer eigenen Unzulänglichkeit gefangen steckt, und zu erkennen lernt, wie sehr ihr eigener Sohn dagegen anzukämpfen weiß. Wie schwach sie selbst ist, und wer sich eigentlich anmaßt, die Leistung und den Traum anderer zu diktieren. Gerster findet in strengen, teils unterkühlten Herbstbildern – darin der rostrote Mantel Harfouchs – und in langen, ruhenden Beobachtungen der Mimik seiner Protagonistin eine komplett neue Hintertür in dieses Dilemma über das fahrlässige Vereiteln eines Lebensplans. Poetisch, wie er auch hier wieder Begegnungen verknüpft und daraus Wahrheiten extrahiert, die in dieser ruhigen, direkt elegischen Komposition von Film sein gebündeltes Echo findet. Thematisch verwandte Erinnerungen an Whiplash werden wach – diesem nicht weniger brillanten Musikfilm über die Brutalität des Ehrgeizes. Oder an den Independent-Streifen The Kindergarten Teacher über das Allgemeingut namens Wunderkind.

Lara ist eine faszinierende, enorm kluge Odyssee durch die Unwägbarkeiten einer Selbstreflexion, die Geschichte eines Neuanfangs oder: ein psychologisch elegant durchdachter, vibrierender Pulsschlag des deutschen Kinos, wie ein wohlgesetztes Forte auf die Tasten eines Konzertflügels.

Lara

Familie Willoughby

AUF DIE SPITZE GETRIEBEN

4/10

 

willoughbys© 2020 Netflix

 

LAND: KANADA 2020

REGIE: KRIS PEARN, CORY EVANS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): RICKY GERVAIS, MAYA RUDOLPH, WILL FORTE, JANE KRAKOWSKI, MARTIN SHORT, TERRY CREWS U. A. 

 

Lois Lowry ist ungefähr so etwas wie hierzulande in Österreich Christine Nöstlinger gewesen war. Aus ihrer Feder stammt zum Beispiel die Jugend-Fantasy The Giver – Hüter der Erinnerung, die mit Jeff Bridges und Meryl Streep auch einmal verfilmt worden war. Jetzt hat Netflix auf ein anderes ihrer Werke geschielt – nämlich auf die schräge Mär rund um die Familie Willoughby, die das Prädikat Familie aber um ganze Elternabende verpasst hat.

Die Eltern, die in einem schlossähnlichen Herrenhause residieren, wollen von ihrem Nachwuchs nichts wissen. Kinderhasser unter der animierten Sonne, Blut ist hier dünner als Wasser, alle vier Sprösslinge nur eine unbequeme Begleiterscheinung von Bettgeflüster, wenn man so will. Die vier aber – ein Zwillingspaar, ein Mädel und ein Bub – die sind ein Herz und eine Seele. Manche teilen sich auch nur einen Pullover. Nur Schnurrbärte haben sie im Gegensatz zu ihren Vorfahren aller Altersgruppen, die ihr posthumes Dasein in einer schmucken Ahnengalerie fristen müssen, alle keine. Die Eltern allerdings auch nicht – müssen also schwarze Schafe sein, sowieso. Als die vier ein Waisenkind finden und dieses aufnehmen wollen, hängt der Haussegen erst so richtig schief. denn Findling sein ist besser als von Rabeneltern ignoriert zu werden. Der Plan: Schicken wir doch Mutter und Vater (die sich bizarrerweise selbst so nennen) auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Ins liebevolle Detail geht diese durchaus aufwändige Animation mal auf jeden Fall. Dennoch ist Familie Willoughby einer der anstrengendsten Trickfilme, die ich kenne. Woran mag das wohl liegen? Erstens mal an der krassen Abstraktion der Figuren. Dünner geht´s wohl nicht mehr. Klappergestelle, wohin das bereits nach zehn Minuten überreizte Auge blickt. Spitze Nasen, spitze Architektur, spitze Berge, die wohl wirklich nicht mehr spitzer gehen, und die spitzen Bemerkungen der Eltern, was vielleicht halb so wild wäre, würden nicht permanent und in schrillster Tonlage alle möglichen Individuen auf Dauerdialog schalten und kaum Pause zum Entreizen lassen. Gut, es gibt Momente, da sinniert das bebrillte Mädel über die Freiheit und es gibt Momente, da könnte man meinen, die ganze Szenerie erinnert durchaus an die phantastischen, durchaus auch überzeichneten Geschichten eines Roald Dahl, Schokofabrik hin oder her – so etwas ähnliches findet sich auch hier. Der Eigentümer – ein rotköpfiges männliches Wesen in Bonbon-Uniform. Wie das alles zusammenpasst? Gar nicht. Womit wir schon beim nächsten Problem wären. Es handelt zwar von Kindern, die von ihren Eltern geliebt werden wollen, mit ihrer Nanny hadern und Pläne schmieden, um Kind sein zu dürfen, was ja ein bemerkenswert empathischer Ansatz wäre, doch die groteske Karikierung und vor allem die hyperaktive Tonalität bremsen jede Ambition, eine große, berührende Geschichte zu erzählen. Familie Willoughby ist ein Flickenteppich aus manischer Unruhe und sich selbst überholenden Slapsticks, der durch seinen eigenen visuellen Overkill ausgebremst wird.

Am meisten schmerzen diese Figuren, die kaum Sympathien wecken (gut, vielleicht der erzählende blaue Stubentiger), und in ihrer physischen Sperrigkeit eine gewisse Aversion erzeugen. Klar, visuelle Stile werden unterschiedlich wahrgenommen. Kann sein, dass manche diese Überhöhung mit der ebenfalls überhöhten Story vereinbaren können. Für mich selbst fühlt sich dieser hysterische Kinderzirkus an wie eine Bingewatching-Session von Spongebob. Enervierend und erschöpfend.

Familie Willoughby

Mother

EIN OPFER NATÜRLICHER PFLICHTEN

7/10

 

mutter© 2009 Diaphana Films

 

LAND: SÜDKOREA 2009

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: KIM HYE-JA, WON BIN, KU-JIN, YOON JAE-MOON, MI SEON-JEON U. A. 

 

Dumm ist nur der, der Dummes tut. Das hat zumindest mal Forrest Gump gesagt und ist eine der Weisheiten, die aus Robert Zemeckis‘ Film mitsamt den obligaten Pralinen bis heute in Erinnerung geblieben sind. Dass das Leben eben aus so einer Schachtel bestehen und die Dummheiten auch der Gewiefteste anstellen kann, erfährt der geistig zurückgebliebene Don Yun am eigenen Leib, hängt er doch allenthalben mit einem Typen ab, der mehr Schlitzohr als Freund ist. Die Mama, die hat das Treiben ihres Filius so gut es geht im Blick, während sie in ihrem Krämerladen Kräuter schnippelt. Und irgendwann Zeugin davon wird, wie sich ihr geliebter Sohn in eine Sache verstrickt, für die er angeblich völlig unschuldig zum Handkuss kommt. Die Mutter gibt angesichts einer ermittelnden Exekutive, die gerne recht flott ihre Fälle ad acta legen will, garantiert nicht w.o. und beginnt selbst zu ermitteln, steht doch eine ganze Zukunft auf dem Spiel, da es um nichts Geringeres geht als um einen Mädchenmord.

Für viele Künstler wird 2020 bereits schon im vierten Monat als das Malus-Jahr schlechthin in die eigene Lebensgeschichte eingehen. Für den Südkoreaner Bong Joon-ho ist es erfolgsmäßig schon gelaufen. Er kann sich zurücklehnen und abwarten. Denn sein jüngster Film Parasite hat den Oscar-Vogel bereits im Februar abgeschossen. Bester Film, beste Regie, bestes fremdsprachiges Werk. Mehr geht nicht. Dabei ist Joon-ho schon längste Zeit ein As unter den Filmvirtuosen aus Fernost, und das spätestens seit seiner Monster-Satire The Host. Zeit, die Lücken in seinem Portfolio zu schließen. Und zwar mit dem ungewöhnlich subtilen Krimidrama Mother. Wer Joon-hos Stil kennt, wird überrascht sein, wie viel leiser der Mann inszenatorisch treten kann. Filme wie Snowpiercer, Okja oder eben The Host sind so ein Mittelding zwischen grotesker Komik und ernsten, dramatischen Untertönen. Das ist ein Mix, den kann so gut wie kein Filmemacher aus dem Westen wirklich adäquat nachkreieren. Stilelemente so zu verbinden ist für den Osten originär. Und hat auch in Parasite seinen Meister gefunden. In Mother blitzt diese Liebe zur bizarren Überzeichnung zwar manchmal auch noch auf, fokussiert sich aber meist stark auf seine Hauptperson, auf eine verzweifelte Mutterfigur, die für sich und ihren Schützling einen Ausweg ergrübelt, leere Kilometer durch den Regen trottet und das Stigma der Schuldigkeit ihres Sohnes um alles in der Welt fortwaschen will. Diese Verzweiflung, dieser wirkungslos scheinende Kampf, der spielt sich sehr stark innen drin ab, auf Enttäuschung folgt Rückzug, um noch mal aus dem Herbarium ihres Zuhauses hervorzukommen. Bong Joon-ho findet viel Verständnis für seine Don Quixotin, weil sie in seinen Augen ein Opfer ihrer Pflicht als Mutter ist, die sich vieles nicht verzeihen kann, ihrem Sohn aber alles verzeiht. Wenn nicht gar verzeihen muss.

Mother ist ein gediegenes, gut beobachtetes Stück Kriminalspiel, in dem die Metaphorik von Schuld, Wiedergutmachung und existenzieller Verantwortung über einen Mordfall weit hinausgeht. Es ist, als würde Joon-ho Friedrich Dürrenmatt zitieren, bereichert durch fernöstliches Lokalkolorit, Akupunktur und Reisschnaps. Die Schlagzeile in der Zeitung ist längst ein unausweichlicher, menschlicher Notstand geworden, der nach Verdrängung fleht und Schuld zu einer Sache der anderen macht. Und nicht zu der einer Mutter. Denn diese Institution scheint und will über jeden Verdacht erhaben sein.

Mother

Systemsprenger

WENN NICHT MAMA, WER DANN?

6,5/10

 

SYSTEMSPRENGER© 2019 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: HELENA ZENGEL, ALBRECHT SCHUCH, LISA HAGMEISTER, GABRIELA MARIA SCHMEIDE U. A. 

 

„Mir ist das Mädchen richtig ans Herz gewachsen“, sagt an einer Stelle des Films die temporäre Pflegemutter, die das neunjährige Mädchen Benni in ihrer Obhut hat. Nora Fingscheidt, Regisseurin ihres Spielfilmerstlings, geht es da ganz ähnlich. Die kleine Benni kann einem einfach nicht egal sein, das Kind lässt verzweifeln und am liebsten will Fingscheidt ihr alle Liebe angedeihen, die es nur gibt. Nur: Da System sieht sowas nicht vor. Das klingt jetzt krass, das klingt wie dystopische Science-Fiction, in der Emotionen am Index stehen. In Systemsprenger allerdings sind Emotionen die Ruler überhaupt, ungefiltert führen sie zum Chaos. Gut das die meisten von uns ihre Impulse kontrollieren können. Die kleine Benni kann das nicht. Die Wut im Bauch wird zur Wut auf die Welt – entfesselt, ohrenbetäubend laut, brutal. Ein Kind muss sowieso erst lernen, Gefühle zu kontrollieren und sich ihnen nicht gleich hinzugeben, da spielt natürlich auch Gewalt eine große Rolle. Bennis Verhalten ist dahingehend gestört. Aber auch ihr Verhältnis zur Familie. Keine Ahnung, was da passiert ist, welchen Ursprung diese Störung erst auf Schiene gebracht hat, nur einmal wird am Rande erwähnt, warum man Benni um alles in der Welt nicht ins Gesicht greifen soll. Da müssen schlimme Dinge vorgefallen sein. Der Vater ist verschwunden und die arbeitslose Mutter sitzt sowieso schon mit zwei Kindern daheim – klarer Fall von sozialem Notstand. Eine nähere Analyse der Ursachen lässt Fingscheidt aber außen vor. Denn worum es geht, das sind die Symptome eines gewaltigen Defizits. Und die sind schwer auszugleichen.

Benni sprengt das System, weil sie keinen Halt findet. Benni legt sich – fast schon vorsätzlich – mit einem Umfeld an, das ihr keine Zuflucht bietet. Wie McMurphy fliegt sie übers Kuckucksnest, legt sich quer, widersetzt sich einer Ordnung, die sie nicht mitbestimmen kann. Die liebende Mutter, Zentrum kindlicher Geborgenheit, bleibt dabei Verräterin und Sehnsuchtsort zugleich. Der stetige Kreislauf aus Ablehnung – Kinderheim, Sonderschule, Pflegemama und wieder retour an den Anfang – treibt das rabiate Verhalten auf die Spitze. Die Folge: Bennis soziale Begleiter verlieren, was sie nicht sollten, die emotionale Distanz. Und Fingscheidt kann auch nicht anders, als lediglich versuchen, über dieses Dilemma objektiv zu berichten.

Dabei stellt sie dem System kein gutes Zeugnis aus. In ihrem Film ist die Inkompetenz der Erwachsenen unübersehbar. Deren teils unbedachtes, teils fahrlässiges Fehlverhalten schürt nur das archaische Aufbegehren eines in seiner Entwicklung gehemmten jungen Menschen, der nichts anders möchte als nach Hause kommen. Dabei verzichtet Fingscheidt aber auch, den Alltag in den Jugendheimen wirklich näher zu beobachten. Laut Systemsprenger hat das alles keinerlei pädagogischen Wert, weil nichts die Institution Familie, schon gar nicht eine Mutter, ersetzen kann. Dort, in dieser trostlosen Enge aus Spitalsgängen und latexfarbenen Anstaltsräumen, ist emotionale Bindung Grund für ein Weiterreichen an den nächsten Ort. So oder so ist das Kind der Verlierer. Systemsprenger ist illusionslos, aber nicht desillusionierend. Ein Film, der aufwühlt und  Meinungen kreuzt. Weil Benni einem nicht egal sein kann. Weil die Wut vor der Unzulänglichkeit des Systems langsam auch mich befällt.

Diese Tour de Force, die heuer im Rahmen der Berlinale den silbernen Bären gewonnen hat, unterliegt keinem Voyeurismus, wobei Hannah Zengels irres Spiel dazu verleitet, immer wieder Beispiele mangelnder Impulskontrolle zu dokumentieren. Das schauspielerische Wunderkind ist aber vor allem auch in seinen leisen Momenten ergreifend gut, und vor allem eigentlich dann, wenn es versucht, Nähe zuzulassen. Wenn die Kamera das blasse Gesicht Zengels aus nächster Nähe einfängt, ihren suchenden Blick oder ihr befreites Lachen, dann hat das nichts Objektives mehr, dann kämpft Fingscheidt genauso für das Kind wie es für sich selbst. Dabei passiert es, dass der Film mitunter ziemlich auf der Stelle tritt, enorm repetitiv und dadurch deutlich zu lang wird. Seine Szenen wiederum sind knapp, sind wie Seitenblicke auf einen Alltag, sparen viel aus und enden oft abrupt. Klar, bei so einem komplexen Thema für einen Film lässt sich nur streichen, was geht. Inhaltlich ist es immer wieder das gleiche, es ist ein zermürbendes Auf und Ab, etwas orientierungslos, wie das ganze Dilemma, um das es geht. gefunden wurde ein Rhythmus, der jener von Bennis jungem Leben entspricht: fahrig, schmerzhaft, fragmentiert, zwischendurch unendlich erschöpft. Und das Ganze, wenns hochkommt, in Pink.

Systemsprenger

Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

Ben is Back

MUTTER COURAGE, U.S.

7,5/10

 

_DSC9362.ARW© Tobis Film 2019

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER HEDGES

CAST: JULIA ROBERTS, LUCAS HEDGES, COURTNEY B. VANCE, KATHRYN NEWTON U. A.

 

Er ist das Problemkind Hollywoods. Ob als Rabiatbruder in MID90s, als Vollwaise in Manchester by the Sea oder als gequälter Homosexueller in Der verlorene Sohn – Lucas Hedges hat, was seine Filme angeht, keine entspannten Jugendjahre. Und jetzt, jetzt ist er auch noch Ex-Junkie, schwarzes Schaf der Familie und unerwarteter Rückkehrer zur Weihnachtszeit, womit die holde Restfamilie wirklich nicht gerechnet hat. Nun, Mama Julia Roberts schon. oder sagen wir: sie hat es gehofft. Lucas Helges kann von Glück reden, so eine Filmmutter zu haben. Da gibt es ganz andere, zum Beispiel Carrie hat eine, die würde ich niemanden wünschen. Unsere Ex-Pretty Woman ist eine, die ihr Kind über alles liebt, egal was es anstellt. Solche Rollen kennen wir eigentlich von Meryl Streep, aber Julia Roberts kann das auch, und zwar fabelhaft gut. In Ben is Back ist sie die Fürsorge in Person, sich selbst zurücknehmend, aufopfernd, aber durchaus auch und nötigenfalls streng.

Tatsächlich aber steht das Kind der 90er unter der Regie seines alten Herren, nämlich Peter Hedges, seines Zeichens Autor so kultverdächtiger Stoffe wie Gilbert Grape. Seinen Sohn lässt er auf die schiefe Bahn kommen, sich mit Dealern anlegen und auf Entzug gehen, und dann, als alles danach aussieht, als hätte der Junge die Kurve gekriegt, kommt der Querschläger – und ruft Mama Roberts auf den Plan. Dieses Gespann, das spielt sich die Bälle zu, als hätte es weitaus mehr gemeinsam als den Arbeitsalltag am Set. Julia Roberts kann natürlich aus dem Vollen schöpfen, sie ist selbst Mutter, und wie schon einmal erwähnt werden ihre schauspielerischen Qualitäten im Laufe ihrer schillernden Karriere immer besser. Das Format einer Meryl Streep hat sie längst, sie zeigt sich genauso authentisch und scheint zu spüren, was sie vorgibt zu fühlen. Das macht Filmsohn Lucas Hedges auch, und deswegen ist Ben is Back längst kein Familienmelodram von der tränendrückenden Sorte, wie man sie bislang zur Genüge kennt. Das winterliche Krimidrama ist, relativ unüblich für so eine Art von Film, auf Zug inszeniert, sehr straff und eigentlich knochentrocken und auf klarsichtige Weise unprätentiös. Der Genremix tut dem Film erstaunlich gut, entlockt beiden Genres durchaus nicht oft gesehene Facetten und dröselt den gordischen Knoten eines unentkommbaren Dilemmas auf direkt künstlerische Art am Ende auf. Gewohnt bin ich so etwas eher von Einzelgängern wie Jacques Audiard oder Susanne Bier. Tatsächlich wirkt Ben is Back manchmal so, als wäre er ein Teamwork der beiden, vielleicht um eine Spur weniger erdiger und schmutziger, doch das muss Peter Hedges Film gar nicht sein, denn die soziale, krankhafte Finsternis einer labilen Existenz dringt in den abgesichert scheinenden, familiären Wohlstand und nicht umgekehrt. Das Eintauchen ins hoffnungslose Milieu der Drogen spart Ben is Back weitgehend aus, maximal streift der Film die Grenzen der Gefahr, die Julia Roberts fast schon versucht ist zu überschreiten. Das ist natürlich ein enormes Exempel an Selbstlosigkeit, ein Aufopfern für das eigene Fleisch und Blut. Dafür kann man gut und gerne eine Lanze brechen für so viel Familien-Impakt.

Ben is Back ist ein unerwartet intensiver Film aus blaugrauen, kalten Wintertagen. Und obwohl Weihnachten ist, zeigt sich das Fest der Liebe schaumgebremst wie selten. Stimmung kommt hier keine auf, maximal eine ungute, eine vorsichtige – und für manche auch ablehnende, denn der Stiefvater hält nichts von Bens Erscheinen. Herbergssuche sollte inklusive Lerneffekt mittlerweile ganz anders aussehen, vor allem zur stillen Nacht. Doch allein bleibt das Problemkind nicht, hat es doch Schutzengel Mutter an seiner Seite. Wird die Erzieherin aber zur Heldin? Das würde die Überzeichnung eines Ist-Zustandes implizieren, der das Brimborium eines gefeierten Kraftakts nötig hätte. Eine Mutter hat das nicht nötig, vor allem, weil Helden oft temporär solche sind. Und wir sehen: In Ben is Back geht es weniger um die schiefe Bahn junger Menschen. Dafür gibt es andere Filme. Wären es hier keine Drogen, wäre es etwas anderes. Das ist also austauschbar. Die Liebe zum Kind allerdings, die der packende Streifen thematisiert, die bleibt unverändert. Und lässt sich durchs nichts abhalten.

Ben is Back

Drei Zinnen

MIT PAPA ÜBER´M BERG

7/10

 

dreizinnen© 2017 Rohfilm Productions

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2017

REGIE: JAN ZABEIL

MIT ALEXANDER FEHLING, BÉRÉNICE BEJO, ARIAN MONTGOMERY

 

Das muss schon ein gewaltiger Anblick sein, diese Felsformation, wenn man direkt davor steht, den Kopf in den Nacken legt und zu den Spitzen in den manchmal wolkenverhangenen Himmel späht. Diese Drei Zinnen, die sind sowohl Südtirol´s Aushängeschild in Sachen Bergwelten. Eine einmalige Kulisse, selbst für ein Kammerspiel wie dieses, eine deutsch-italienische Ko-Produktion, die sehr viel frische Luft zum Atmen hat, in Sachen Gegend und Ausblick aus dem Vollen schöpft, sich aber dennoch ziemlich einkapselt und isoliert. Da kann der Zerstreuung und Natur tankende Mensch noch so ins Weite blicken. Entfernter noch als das nächste Dorf ist die zweckoptimierte emotionale Bindung zwischen Stiefvater und Sohn unter der teils tadelnden, teils gewährenden Obacht der Mutter, dargestelt von Bérénice Bejo, die Filmkenner bereits aus dem oscarprämierten Retro-Drama The Artist kennen. Der bemüht entspannt wirkende Hipster-Reservepapa: Alexander Fehling, irgendwie relativ wortkarg und farblos, hinter teils unbewusst heuchelndem Verständnis ein aufgestautes Ego, das sich arrangieren muss. Vor allem mit einem omnipräsenten Buben im Grundschulalter, der höchst merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt. Dieses Gebärden kommt natürlich nicht von Irgendwo, sondern sind Symptome der inneren Zerrissenheit eines Heranwachsenden, der plötzlich zwei Väter hat, beide völlig grundverschieden. Der von mama neu zugelegte bärtige Riese im Holzfäller-Look kann natürlich der leiblichen Leitfigur nicht das Wasser reichen – oder doch? Darf er das, soll er das, und kann der eine den anderen ersetzen? Auch das ein Ding der Unmöglichkeit. Mutters neuer Lover ist ein Fremdkörper, der aber fasziniert. Dessen Nähe gewollt ist, im Gedankenkosmos des Kindes aber ein verbotenes Unterfangen nahe am Verrat darstellt.

Drei Zinnen ist eine Dreieiecksgeschichte ohne Liebelei, dafür entknotet Regisseur Jan Zabeil (Der Fluss war einst ein Mensch, ebenfalls mit Alexander Fehling) das Gewirr familiärer Moral in Sonderfällen wie diesen, bei Weitem kein Einzelfall und oft bis zur Verdrängung kleingeredet, wenn es um Sicherheit, Stabilität und Vertrauen geht, um Liebe und Verlass. Wuchtige Meilensteine im Erwachsenwerden, die durch Trennung, Verlust und Sehnsucht instabil werden. Gar nicht gut, im Mikrokosmos einer Berghütte am Fuße der drei Zinnen natürlich verstärkt als Bühne für ein Gleichnis wie dieses. Die schroffen Felsnadeln als gigantisches Symbol der Dreifaltigkeit einer intakten Familie – Vater, Mutter, Kind. Zabeil´s Film ist ein Bühnenstück in kurzen, teils lakonischen Szenen voller paraverbaler Kommunikation und allerlei Empfindungen, die ihre lebensbedrohliche Konsequenz in einem metaphorischen Survivaldrama findet, welches  weniger die Extremsituation in den nebelverhangenen Bergen an sich schildern will als vielmehr den emotionalen Konflikt zwischen Ersatzvater und fremdem Sohn bildhaft nach außen kehrt.

Wo allzu viele Wortgefechte oftmals zu kopflastig und konstruiert wirken, lässt Drei Zinnen die Situationen jenseits gefälliger Worthülsen für sich sprechen, von Zuständen der Geborgenheit bis hin zum packenden Balanceakt zwischen Tragödie und dem Aufklaren des Nebels. Ein kompakter, so intensiver wie expressiver Berg- und Heimatfilm, dessen genrebedingte nostalgische Verklärung eines Zuhauses das unzerstörbare Gefüge einer Familie ist. Wie auch immer diese sich zusammensetzt und wie sehr sie auch von traditioneller Statik abweichen mag.

Drei Zinnen

Goodbye Christopher Robin

VERKAUFTE KINDHEIT

7/10

 

chrisrobin© 2017 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: SIMON CURTIS

MIT DOMNHALL GLEESON, MARGOT ROBBIE, WILL TILSTON, KELLY MCDONALD, STEPHEN CAMPBELL-MOORE U. A.

 

Eines sollte euch, liebe Leser, klar sein – dieser Film wird eure Sicht auf Winnie the Pooh und seine Freunde nachhaltig verändern. Wer das zulassen möchte, oder sich nicht davor fürchtet, in den dunklen Winkeln einer heilen Welt herumzustochern, der sollte sich Goodbye Christopher Robin von Simon Curtis nicht entgehen lassen. Vorausgesetzt natürlich, es besteht Interesse für Disneys Figurenfundus und Ikonen der modernen Kinder- und Jugendliteratur. Winnie the Pooh ist so ein zeitloser Liebling. Die meisten, so wage ich mal zu behaupten, kennen den honigsüchtigen Bären und seine liebenswerte Entourage vor allem als Franchise Hollywoods. Sind es nicht die Filme, dann sind es Merchandising-Artikel bis zum Abwinken. Der naiv-verträumte Bär ist also ein Verkaufsschlager. Jedes Kind liebt ihn, und nicht nur ihn. Da gibt es noch den depressiven Esel I-Aah, das Ferkel, Tigger und wie sie alle heißen. Alles Helden mit kleinen Fehlern, die aber stets über sich hinauswachsen, über ihren Schatten springen, zueinander halten und durch den 160-Morgen-Wald tollen, sodass es eine Freude ist, auch als Erwachsener zuzusehen. Ein Glück, wenn man Kinder hat. Da fällt die seltsame Vorliebe für Kinderfilme bei den Eltern nicht ganz so auf. Ach ja, und nicht zu vergessen – da gibt es natürlich noch Master Christoper Robin. Ein Junge in kurzen Hosen und eigentümlichen Blusen, mit Riemchenschuhen über hochgezogenen Socken. Von diesem Jungen handelt dieser Film, und weniger von Autor A. A. Milne selbst, obwohl dieser, unbeweglich steif performt von Domnhall Gleeson, rein dramaturgisch den Ton angibt.

Wenn ein Vater ein Buch für den Sohn schreibt, dann muss das doch das Zeichen einer großen elterlichen Liebe sein – der Beweis grenzenloser Harmonie. Das Zugeständnis für ein recht geratenes Wunschkind. Hat der Vater sowieso schon schriftstellerische Ambitionen, und ist sein Schreiben nicht nur privater, sondern beruflicher Natur, hat ein Werk wie Winnie the Pooh die Chance, als liebevolle Widmung an einen großen kleinen Helden Familienwelten zu bewegen. Doch leicht lässt sich erahnen, dass hinter den Kulissen dieser heilen Welt aus sprechenden Stofftieren eine ganz und gar nicht so blumenwiesenduftende, honigsüße Realität liegt. Dieser Christopher Robin, den wir alle kennen, der hatte eine Kindheit, die so ganz sicher nicht im Buche steht. Statt des erhofften Mädchens kam ein Junge auf die Welt, und statt elterlicher Liebe glänzen die großen Vorbilder durch Abwesenheit, Liebesentzug und dem Reduzieren elterlicher Pflichten auf ein Minimum. Stattdessen gibt’s ja die Nanny, und die Geburt war ja anstrengend genug, so die versnobte Mutter, die lieber tagelang Tapeten aussuchen fährt statt sich um ihr eigen Fleisch und Blut zu kümmern. Notgedrungen muss Papa Milne für einige Tage die Aufsicht für seinen Sohn übernehmen – und siehe da: Es entsteht so etwas wie Nähe zwischen Vater und Sohn. Ganz so wie es sein soll, mit Abenteuer, Spaß und jeder Menge klugen Gesprächen. Diese paar Tage waren es dann auch, die Papa Milne dazu bewogen haben, etwas ganz anderes auf Papier zu bringen, was nichts mit dem eben erst beendeten Weltkrieg zu tun hat. Diese Kinderwelt, in die Milne eintauchen konnte – die ist das Hansaplast auf alle versehrten Seelen. Die Alternative zur bitteren Realität zwischen den weltpolitischen Umbrüchen.

All diese Stofftiere – die gab und gibt es wirklich. Ausgestellt sind diese Exponate in der New York Public Library. Im Grunde sind sie die gestohlene Intimität einer Kindheit, unter welcher der echte Christopher Robin als phantastische Märchenfigur zum Angreifen herumgereicht wurde wie ein Wanderpokal, und so eigentlich zum ersten medialen Kinderstar der Neuzeit wurde. Wir wissen, wie sehr früher Ruhm zum Untergang führen kann. Dass Winnie the Pooh so ein Massenphänomen war, das war mir nicht wirklich bewusst – umso faszinierender die Geschichte dahinter, umso bedrückender die Konsequenzen eines missverstandenen Verrats. Dass Billy Moon´s (Christopher Robin war zwar sein Name, aber genannt wurde der Junge so eigentlich nie) Seelenbär plötzlich der ganzen Welt gehört und als Massenspielzeug reproduziert wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der einen Besuch im vollendet harmlosen Zauberwald zu einem Entern der Privatsphäre eines Buben werden lässt, dessen Geheimnisse einem eigentlich gar nichts angehen. Für den Kinderstar wider Willen findet Simon Curtis mit Jungschauspieler Will Tilston ein neues, erfrischend expressives Gesicht, dass der Ohnmacht vor dem Ausverkauf einer Kindheit eine sensible Stimme verleiht.

Auch wenn Goodbye Christopher Robin stellenweise sehr ins Melodramatische abgeigt und Margot Robbie wie Domnhall Gleeson sich nur schwer in ihren Rollen zurechtfinden, ist die biografische Entstehung des beliebtesten Kinderbuchs aller Zeiten ein sehenswerter, faktisch interessanter und berührender Film geworden, der ganz dem kleinen Christopher Robin gehört – obwohl er das womöglich gar nicht gewollt hätte.

Goodbye Christopher Robin

Tully

KEINE RUHIGE MINUTE

7/10

 

Tully© 2018 DCM Film Distribution

 

LAND: USA 2018

REGIE: JASON REITMAN

MIT CHARLIZE THERON, MACKENZIE DAVIS, MARK DUPLASS, RON LIVINGSTON U. A.

 

„Keine ruhige Minute ist seitdem mehr für mich drin. Und das geht so wie ich vermute bis ich 100 Jahre bin.“ Vom Elterndasein hat der geniale Liedermacher Reinhard Mey ein mittlerweile zum Klassiker gewordenes Liedchen singen können. Schauspielerin und Dior-Schönheit Charlize Theron macht es ihm nach und singt ihren ganz eigenen Song – in einem unaufgeräumten Alltagsmärchen von Juno-Regisseur Jason Reitman, dessen Vorliebe für gediegene Psychosozial-Skizzen auf fruchtbaren Boden fällt. Mit Charlize Theron hat der Sohn von Ghostbusters-Macher Ivan Reitman bereits schon 2011 zusammengearbeitet. In Young Adult kam die Schöne der aktuellen Beziehung ihres Verflossenen in die Quere – nun aber ist sie es selbst, als Marlo, Mutter von drei Kindern, die sich im Weg zu stehen scheint, während sie ihren zappeligen Nachwuchs und obendrein noch ihrem drallen Babybauch so gut es geht alle Hindernisse aus dem Weg räumt – und handelt es sich dabei auch nur um Schmutzwäsche, Kotze oder trittfestes Lego am Parkettboden.

Jeder, der Kinder hat, weiß, wie das ist. Da gibt es eine Phase, da geht gar nichts mehr. Kindern alles hinterherzuräumen, Schulbeistand zu leisten und obendrein noch die schmutzigen Windeln des Frischlings zu wechseln ist fast schon gegen die Menschenrechte. Papa tut in der Arbeit, was er kann, doch irgendetwas liegt immer brach, um erledigt zu werden. Und irgendein Sprössling hat immer Bedürfnisse, denen entsprochen werden muss. Genau zum richtigen Zeitpunkt, wenn das Maß des Möglichen zum Bersten voll ist, steckt Marlo´s Bruder ihr die Adresse einer Night Nanny zu, die fortan die schwierigste Zeit im Leben einer Familie leichter machen soll. Fast unmerklich taucht die junge Mittzwanzigerin auf, bringt engelsgleiche Gelassenheit mit und ist scheinbar nur dazu da, der überforderten Mama fortan Gutes zu tun – mit dem geschmeidigen Imperativ, sich wieder auf ihr eigenes Ich und ihre eigenen Bedürfnisse zu besinnen. Wie gut es diese Marlo hat, dass da plötzlich wer kommt, der die Defizite versteht und mit ihnen und dem Saustall namens Wohnung aufräumt. Am besten wäre, die Night Nanny würde niemals wieder verschwinden.

Charlize Theron zeigt wieder mal, was in ihr steckt. Eben noch war sie als agentenkillender Vamp in Atomic Blonde zu sehen, aufreizend bis zum Gehtnichtmehr, durchtrainiert und apart. Und plötzlich diese Rolle als strickwestentragende Mama mit leichtem Übergewicht, fettigen Haaren und muttermilchdurchtränktem BH. Dieser Rollenspagat, der will gekonnt sein. Theron meistert ihn mit Bravour, wie schon seinerzeit in Monster. Das Äußerliche muss der inneren Figur entsprechen – gesagt, getan. Und sie setzt dort auf Authentizität, wo in anderen Filmen überzogener Klamauk herrscht. Denn leicht kann es passieren, und das Chaos Familie gerät zur schadenfrohen Schadensminimierung. Da schrammt Jason Reitman manchmal knapp vorbei, und wenn man denkt, es ist zu viel auf einmal und noch dazu im selben Moment – hält Mary Poppins´ freidenkende Urenkelin Tully Einzug ins biedere Idyll, undurchschaubar nett dargeboten von Mackenzie Davis. Die leidenschaftliche Chronik eines bröckelnden Perfektionismus längst identitätsverlorener Mamas hat Wiedererkennungswert für unterm Strich so gut wie alle Erziehungsberechtigten, die im Kino das Gesehene wohlweislich nickend belächeln, kommentieren und verstehen werden. Gesagt zu bekommen, dass man als Elternteil durchaus auch noch der sein darf, der man im Erstarken der eigenen Selbstständigkeit einmal war, ist wohltuend, bestätigend und beruhigend. So wie Tully, eine sonnenwarme Feel-Better-Dramödie mit einem Supermodel zum Gernhaben. In der alles und jeder seinen Weg finden muss – und auch wird.

Tully