The Burnt Orange Heresy

DIE KUNST DES KRITIKERS

8/10


the-burnt-orange-heresy© 2019 Sony Pictures Classics


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: GIUSEPPE CAPOTONDI

CAST: CLAES BANG, ELIZABETH DEBICKI, MICK JAGGER, DONALD SUTHERLAND U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Alles ist Kunst. Kommt nur darauf an, ob und – wenn ja – wer es dazu erklärt. Da reicht ein Blick in die Kunstgeschichte, um Marcel Duchamps Pissoir hier als Querverweis zu vermerken. Ein Baum, der inmitten eines Waldes einfach umfällt und keiner war dabei, um es zu sehen – fällt nicht um. Erst durch die Beobachtung bekommt etwas seine Tatsächlichkeit. Durch die Beobachtung alleine aber wird etwas vom Menschen Erschaffenes noch nicht zur Kunst. Erst durch das Echo von außen bekommt Kunst überhaupt erst sein Bewusstsein. Durch den kritischen Beobachter wird diese als wertvoll – oder wertlos getauft. Eine Hymne auf den Kritiker? Wohl nicht zwingend eine Hymne – vielmehr die Klärung einer gerne verdrängten Tatsache, dass der akkreditierte Kritiker viel mehr Macht über Kunst hat, als ihm selber womöglich lieb ist. Wird die Kunst nicht offenbart, hat der Kritiker auch keine Macht.

Was Yasmina Reza bereits mit ihrem Theaterstück KUNST so sehr auf den Punkt gebracht hat, wird in dieser für mich völlig überraschenden Filmentdeckung noch um die Komponente eines leisen Thrillers ergänzt, der den Suspense einer Patricia Highsmith in sich trägt und eine egozentrisch-versponnene Gesellschaft an die Ufer des Comer Sees chauffiert. Es trifft sich dort der zynische Kunstkritiker James in Begleitung der amourösen Zufallsbekanntschaft Berenice in der stattlichen Villa von Kunstsammler John Cassidy. Dieser bietet schon seit längerem einem ganz besonderen Maler Zuflucht auf seinem Anwesen, der Zeit seines Lebens vom Pech verfolgt gewesen war, da seine Ateliers immer wieder mal in Flammen aufgingen. Kunstwerke von Jerome Debney gibt es also so gut wie keine. Zumindest keine für die Öffentlichkeit. Cassidy stellt James ein Interview mit dem exzentrischen Künstler in Aussicht – unter der Voraussetzung, er würde ihm eines der seltenen Gemälde des Mannes beschaffen, die dieser aber niemals herausgeben oder gar herzeigen würde. Kunstkritiker James, vom Eifer und der Gier nach Ruhm und Erfolg getrieben, versucht alles, um in das Atelier des eleganten Eigenbrötlers zu gelangen.

Filme wie diese sind selten. Sehr selten sogar. Dabei ist das Hinterfragen von Kunst ein hochgradig sozialphilosophisches Thema, das gleichzeitig auch viel über menschliches Verhalten und die Manipulation der Masse aussagt. Guiseppe Capotondi findet für diesen wunderbar scharfsinnigen und zur rechten Zeit hitzig formulierten Film genau die richtigen Darsteller. Claes Beng (als Dracula auf Augenhöhe mit Christopher Lee) ist wie geschaffen für diese eitle Figur des intellektuellen Machos, der weiß, was für eine Bedeutung seine Worte haben können. Elisabeth Debicki (Tenet, The Night Manager) ist als nicht weniger intellektuelle Schönheit sozusagen das Bindeglied zwischen dem Kritiker und dem Künstler – für diesen wiederum darf Donald Sutherland nochmal ordentlich den kecken Provokateur und Andersdenker mimen, während – wer hätte das gedacht – Mick Jagger nach langer Zeit wieder mal einen Ausflug vor die Kamera wagt. Exzentrik trifft also auf noch mehr Exzentrik – sein geckenhaftes Gehabe lässt ihn wie einen Gamemaster erscheinen, der das Perpetuum Mobile nur anzutauchen braucht, schon treten Naturgesetze in Kraft, die bald niemand mehr wird steuern können.

The Burnt Orange Heresy – benannt nach dem Titel eines Bildes besagten Malers – ist süffisantes und zugleich perfides Denkerkino, elegant erzählt, voll schwarzem Humor und entlarvender Analysen, die letztendlich eine Warnung davor sind, den Wert einer Sache nicht allzu sehr von privilegierten Obrigkeiten diktieren zu lassen.

The Burnt Orange Heresy

Echo Boomers

DIE RÜCKKEHR DER VANDALEN

6/10


echo-boomers© 2020 Saban Films


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: SETH SAVOY

CAST: PATRICK SCHWARZENEGGER, ALEX PETTYFER, NICK ROBINSON, HAYLEY LAW, MICHAEL SHANNON, GILLES GEARY, LESLEY ANN WARREN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Die Vandalen wurden ja geschichtlich betrachtet zu Unrecht mit ihrem ethnischen Namen dafür verwendet, als Begriff für Zerstörungswut herhalten zu müssen. Dabei haben die damals nicht mehr kaputt gemacht als all die anderen. Aber wir haben diesen Begriff nun mal, und er passt auch ganz gut auf die Gruppe von 5 Mitt- bis Endzwanzigern, die nichts Besseres zu tun haben als einen auf Revoluzzer zu machen und in neureiche Villen einzubrechen um a) alles Wertvolle mitgehen zu lassen und b) den übrigen Rest genussvoll zu zertrümmern. Da sieht Oasis-Frontmann Liam Gallagher mit dem Zertrümmern von Hoteleinrichtung ja geradezu blass aus. Gibt’s in diesen noblen vier Wänden genug Glas, freut das ganz besonders. Das gestohlene Zeug wird dann an einen Hehler vertickt. Da weiß man wieder, wofür man studiert hat, oder? Nun, die 5 hier wissen es nicht. Zumindest vorerst nicht. Bis einer von ihnen, und zwar der Neuzugang, das Ruder rumreißt und der destruktiven Gesinnung ein Ende macht.

In Midnight Sun war der junge Mann bereits zu sehen, jetzt nähert sich Arnies Filius Patrick Schwarzenegger langsam, aber doch, den Genregefilden seines Papas, wenngleich Echo Boomers von Regiedebütant Seth Savoy natürlich kein Actionkracher der alten Schule ist, sondern vielmehr ein Thrillerdrama irgendwo zwischen Die fetten Jahre sind vorbei (mit Daniel Brühl) und Ben Afflecks The Town. Sohn Schwarzenegger bemüht sich sichtlich, wirkt aber teils noch arg einstudiert, wenn er vom Schüchti zum Systemveränderer erstarken will. Da braucht´s noch Praxis, damit der junge Mann aus dem Schatten des elterlichen Ruhms treten kann und man aufhört, fortwährend zu überlegen, ob der Mime eigentlich irgend etwas von der markanten Gesichtsphysiognomie seines Papas übernommen hat.

Gegen ein Schauspielkaliber wie Michael Shannon bleibt Schwarzeneggers Darbietung auch noch etwas blass – ersterer wiederum darf als präpotentes Mastermind hinter den Raubüberfällen so richtig großkotzig andere niedermachen. Dieses Machtverhältnis zwischen den ungestümen Home-Invasoren und dem Hehlerkönig sorgt für knisterndes Tauziehen, die Kanadierin Haley Law lotet die emotionale Tiefe aus und Schnösel Alex Pettyfer in seiner Rolle als blitzgescheiter Studienabsolvent opfert seine Arroganz leider auch nicht dem niedersausenden Baseballschläger, der sonst nur ausgesuchtes Interieur zerstört. Auch wenn das Arm-Reich-Gefälle manchmal wirklich für Sodbrennen sorgt – zu sehen, wie alles kaputtgeht, tut richtig weh und lässt auch Anti-Materialisten über diese Notwendigkeit des Vandalismus sinnieren, die auch mit Graffiti-Statements nichts transportiert, worüber man nachdenken sollte. Somit lügen sich die Echo Boomers wohl selbst in die Tasche, und wo niemandem der Sinn nach Kompromissen steht, ist einem die Zerstörung dessen näher, was man selbst gerne hätte, aber unerreichbar scheint. Andere würden Neid dazu sagen.

Echo Boomers

Paradise Hills

SCHWIEGERTOCHTER AUF BESTELLUNG

6/10


paradisehills© 2019 Kinostar

LAND / JAHR: SPANIEN 2018

REGIE: ALICE WADDINGTON

CAST: EMMA ROBERTS, MILLA JOVOVICH, EIZA GONZALES, AWKWAFINA, DANIELLE MACDONALD, JEREMY IRVINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Milla Jovovich braucht das alles nicht mehr. All diese Modelposings und Catwalks und dergleichen. Sie ist längst eine gut gebuchte Schauspielerin mit Sympathiewerten. So Dinge, wie sie Arbeitskollegin Heidi Klum an den Fernsehabend legt, braucht Milla Jovovich nicht. Es sei denn, sowas verlangt das Drehbuch eines recht entrückten Films, den man bereitwillig dem Science-Fiction-Genre zuordnen kann. Allerdings auch dem Genre einer zuckersüßen Satire, die dem Drang nach weiblicher Perfektion zumindest in Ansätzen ordentlich die Leviten liest. Mittendrin in diesem mysteriösen Setting: Julias Roberts Tochter Emma, die nicht weiß, wie sie auf dieses streichelweiche Alcatraz fernab des Festlandes kommt. Ihre Mama, so erfährt sie, hat sie hier in diesem Olymp der Schönheit zwangseingewiesen, um sie davon überzeugen zu lassen, dass der reiche Schnösel, der sie unbedingt ehelichen will, die beste Wahl sein muss. Einmal reich eingeheiratet, profitiert die ganze Familie mit. Nur: Emma will das ganz und gar nicht. Ressortleitern Jovovich aber ist da zuversichtlich. Spätestens nach zwei Monaten sind alle Mädchen, die dieses paradiesische Ambiente verlassen, gänzlich andere Menschen.

Es beschleicht einen schon so eine gewisse Ahnung. Da kann was nicht mit rechten Dingen zugehen. Alleine der blütenpflanzliche Übergau kann nicht gesund sein. Schielt man zur Küste, könnten ja glatt die beiden ungleichen Gallier aus Asterix erobert Rom heranrudern, die ja auf der Insel der Freude plötzlich mordsdrum Kohldampf bekommen haben, zum Leidwesen der herumtänzelnden Schönheiten, die nicht einsehen konnten, warum sie plötzlich kochen müssen. Jovovich und ihre Entourage sehen das auch nicht ein, warum sie das Geheimnis ihres Erfolges preisgeben sollten. Also muss Emma, im Beisein von Danielle MacDonald (sehenswert in Skin) und der exzentrischen Awkwafina der Sache auf den Grund gehen, um dann schleunigst von dieser Insel zu verschwinden.

Wer weiß wohl, was hinter den Kulissen von Germanys Next Top Model eigentlich abgeht. Im realen Showbiz sitzt Heidi Klum hinterm Richterpult und verschlimmbessert Persönlichkeiten. So viel anders scheint dieses Paradise Hills augenscheinlich gar nicht zu sein. Doch dann wirds mysteriös, und anfangs ist noch wahrnehmbarer Suspense vorhanden, wenn die feingeistigen „Eloys“ der Insel seltsame Hausregeln exekutieren. Ein bisschen Flucht ins 23. Jahrhundert  nd Ideen wie aus einem Tarsem Singh-Film schwingen da ebenso mit, in diesem Mädchenfilm aus Täuschung und Selbstfindung, aus Emanzipation und der Akzeptanz eigener Unzulänglichkeiten.

Trotz des guten Potenzials allerdings räumt die Satire bald das Feld zugunsten eines reicht eindimensionalen Rosenkriegs, in dem Milla Jovovich vergeblich versucht, die dunklen Seiten einer Dornröschen-Interpretation zu bündeln. Letzten Endes aber tut das dem Unterhaltungswert des Films nicht ganz so viel Abbruch. Wer die Nase voll hat von all diesem Pretty-Idealismus, wird Paradise Hills durchaus vergnüglich finden.

Paradise Hills

One Night in Miami…

REFLEXIONEN ZUM FEIERABEND

7,5/10


onenightinmiami© 2020 Amazon Studios


LAND: USA 2020

REGIE: REGINA KING

CAST: ELI GOREE, KINGSLEY BEN-ADIR, LESLIE ODOM JR., ALDIS HODGE, BEAU BRIDGES, LANCE REDDICK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Gestern, am 22. Jänner, wäre Soul-Legende Sam Cooke 90 Jahre alt geworden. Doch der Mann, der ist schon lange tot. Er wurde erschossen, angeblich in Notwehr, im Alter von gerade mal 33 Jahren. So einen Tod musste Malcolm X ebenfalls erleiden. Am 25. Februar 1964 allerdings wussten beide noch nichts von ihrem tragischen Schicksal, als sie mit Cassius Clay aka Muhammed Ali und dem Football Star Jim Brown auf den Sieg des berühmten Boxers gegen Sonny Liston anstoßen wollen. In einem Hotel in Miami, irgendwann spätnachts. Dieses Treffen hat allerdings nie wirklich stattgefunden, es ist rein fiktiv. Gekannt haben sich die vier Schwarzen aber schon. Vor allem Malcolm X und Ali waren gute Freunde, und ersterer konnte den Boxer letzten Endes auch zum Islam bekehren. Die vier treffen sich also in einem Hotelzimmer, und nicht an einer Bar, um zu feiern. Warum? Weil Malcolm X jede Sekunde fürchten muss, von Rassisten attackiert oder gar ermordet zu werden (was schließlich auch eintrat – aber nicht durch Rassisten, sondern durch Mitglieder der Nation of Islam. Doch das nur am Rande). In diesem Zimmer treffen vier unterschiedliche Lebenskonzepte und Einstellungen aufeinander, es wird gelacht, es wird aus früheren Zeiten erzählt, es wird gestritten, getrotzt und sich wieder versöhnt. Diese Nacht, die ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein. Und dennoch wird sie unter der Regie von Schauspielerin Regina King (Oscar für If Beale Street Could Talk) zu einem vor allem textlich beeindruckenden Come Together.

Sowas passiert auch nur, weil One Night in Miami… ein Theaterstück ist. Dramen für die Bühne sind ausgesucht dialogstark, ausgefeilt bis zum letzten Punkt, die Atempausen akkurat gesetzt. Das war auch schon bei Ma Rainey’s Black Bottom so, ein verbal wuchtiger Film. Oder The Boys in the Band – Jim Parsons Einladung zum Geburtstag. Alles Werke, die mit sicherer Hand und geradezu vorbildlich für das Kino adaptiert wurden. Doch leider nur fürs Streamingkino, denn alle drei Werke wären auch visuell erste Sahne. One Night in Miami… punktet daher mit edler Ausstattung und ordentlich 60er-Kolorit. Was das Dialogdrama aber noch mehr zu einer ganz besonderen Gesprächsrunde werden lässt, ist am wenigsten dessen Plot, denn viel passiert hier nicht. Was diese Nacht bietet, ist ein Innehalten und Reflektieren, ein Abwägen des Status Quo und ein Sinnen über die Zukunft. Was den Film also so besonders werden lässt, dass ist das gemeinsame Agieren von vier recht unbekannten Künstlern, die in ihren inszenierten Alter Egos ihren Meister gefunden haben. Kingsley Ben-Adir entwirft einen sowohl scharfsinnigen als auch provokanten, obsessiven Malcolm X. Eli Goree ist als Cassius Clay der resolute Muskelprotz von nebenan, Aldis Hodge der wohl rationalste der vier und Musicalstar Leslie Odom Jr. setzt als leidenschaftlicher Soulsänger Sam Cooke mit einer detailliert manieristischen Performance dem Schauspielabend die Krone auf. Regina King  hat mit dem durchdachten Theaterstück schon vieles auf der Habenseite – mit dem seit langem wohl am besten aufeinander eingestimmten Ensemble in einem Film ist ihr damit ein wortgewandter, sehr empathischer und auch ernstzunehmend gesellschaftskritischer Wurf gelungen, der, ähnlich wie Ma Rainey’s Black Bottom, Kämpfer, Verbündete und Opportunisten im Kampf der Schwarzen um gleiches Recht sichtet und dabei in eine aufwühlende Vergangenheit blickt.

One Night in Miami…

Niemals Selten Manchmal Immer

TEENAGER WERDEN MÜTTER

7/10


niemalsseltenmanchmalimmer© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: ELIZA HITTMAN

CAST: SIDNEY FLANIGAN, TALIA RYDER, THÈODORE PELLERIN, SHARON VAN ETTEN, AMY TRIBBEY, RYAN EGGOLD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nicht nur österreichische Filmemacher haben die Tristesse fürs Kino neu erfunden. Das ist auch den Amis gelungen, vorzüglich im Independent-Bereich, denn mit Tristesse lässt sich logischerweise kaum ein Gewinn lukrieren. War schon das zaghaft beobachtende Bürodrama The Assistant trist, so kann Regisseurin Eliza Hittman noch eins drauflegen. Doch anders gefragt: lässt sich ein Stoff wie dieser denn überhaupt anders verfilmen? Vielleicht wäre das Miranda July gelungen, die mit Kajillionaire auch nicht wirklich rosige Themen in dennoch etwas Rosiges gepackt hat – ein Meisterwerk, meines Erachtens. Niemals Selten Manchmal Immer ist auch nicht schlecht. Wenngleich nichts Erbauliches. Aber vielleicht etwas, das die Zähigkeit und Stärke eines jungen Mädchens zeigt, das um alles in der Welt nicht will, dass ihr junges und bereits mehr als entbehrliches Leben aus der Spur gerät.

Die siebzehnjährige Autumn fristet ihr jugendliches Dasein irgendwo in Pennsylvania zwischen Schule und Supermarkt. Daheim vegetiert ein depressiver Vater vor sich hin, die Mutter tut halt was sie kann (was nicht näher erläutert wird). Zum Glück hat Autumn eine Cousine, gleichzeitig auch eine gute Freundin, die ebenfalls im Supermarkt arbeitet. Wo Frau aber auch hinblickt – das männliche Verhalten stößt sauer auf. Überall lustgeile Psychos. Einer von denen wird’s auch gewesen sein, der Autumn ein Kind angedreht hat – welches sie besser gestern als morgen loswerden will. Also fährt sie nach New York, die Cousine kommt mit. Beide geistern durch einen wenig reizvollen, überfüllten und kalten Big Apple, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Schwangerschaft zu unterbrechen. Das dauert Tage, dabei schlagen sich die beiden die Nächte um die Ohren, denn Geld fürs Hotel gibt’s keins. Beide werden müder und erschöpfter, halten aber durch.

Musikerin Sidney Flanigan gibt als bereits völlig desillusionierter Teen ihr Schauspieldebüt, in einem enorm nüchternen Film von Eliza Hittman, die – womöglich resultierend aus eigener Erfahrung – nicht sehr viel von Männern hält. Die sind wie schon erwähnt eine stete, unberechenbare Bedrohung. Maximal der Bursche Jasper agiert da versöhnlicher, obwohl auch er nur das eine im Sinn hat. Berührungen werden zu Übergriffen, und egal wo Frau sich aufhält: am besten nichts wie raus aus dieser maskulinen Machtwelt. Wir erfahren nie, was Autumn erlebt hat – nur das eine: es wird wohl keine Lappalie gewesen sein. In der wohl intensivsten Szene des Films muss das Mädchen sämtliche persönliche Fragen beantworten, bevor es zur Abtreibung gehen kann, und zwar mit Niemals, Selten, Manchmal und Immer. Während dieser Befragung kommt so manches schemenhaft als Tageslicht, und es wird klar, das vieles im Argen liegt. Könnte das Kind vom eigenen Vater sein? Oder wars doch der frauenverachtende Mitschüler, der unentwegt anzügliche Gesten macht? Wichtig ist nur: Autum will nicht, dass ihr das Leben passiert. Für diesen Umstand nimmt sie Entbehrungen in Kauf, die eben nichts anderes als eine triste Welt zeichnen – die aber besser werden könnte, wenn ein junger Mensch wie dieser, der das Leben noch vor sich hat, sich dazu durchringt, für sich selbst das Richtige zu tun.

Ist Abtreibung also zu befürworten? Ist es Mord? Da maßt sich Hittman nicht an, dies beantworten zu wollen oder gar zu müssen, da sie den Context dieser ganzen Situation bewusst diffus lässt und mit dem Einspruch möglicher Nötigung das Recht auf eigene Lebensplanung unterstützt.

Niemals Selten Manchmal Immer

Ma Rainey´s Black Bottom

WEIT MEHR ALS NUR MUSIK

8/10


blackbottom© 2020 David Lee/NETFLIX

LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE C. WOLFE

CAST: VIOLA DAVIS, CHADWICK BOSEMAN, COLMAN DOMINGO, GLYNN TURMAN, MICHAEL POTTS, TAYLOUR PAIGE, JEREMY SHAMOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Gut möglich, dass der erschreckend früh verstorbene Chadwick Boseman zu ähnlichen Ehren kommen könnte wie seinerzeit Heath Ledger für seinen Joker. So eine posthume Auszeichnung könnte sein Schaffen gebührend veredeln, und es wäre ja nicht nur eine Anerkennung aus rein respektvollen Gründen. Es wäre auch absolut verdient. Denn Chadwick Boseman, der als Black Panther natürlich schon eine gute Figur gemacht hat, konnte in seiner allerletzten Rolle als Trompetenspieler Levee dann doch noch alle Register seines Könnens ziehen – und eine Performance hinlegen, bei der man, während sie so dynamisch und expressiv abgeht, zweimal hinsehen muss, um den Schauspieler dahinter wiederzuerkennen, obwohl 20er-Jahre-Haircut und Schnauzer eigentlich nicht wirklich viel in die Irre leiten sollten. Nein, es ist ganz einfach sein Spiel, sein knorriges, impulsives, verletzliches Auftreten, dieser naive Idealismus. Eigenschaften, die Bosemans Rolle erfüllen muss und die ihn so anders erscheinen lassen. Der gerade mal 43 Jahre alt gewordene Künstler ist hier nicht allein auf der Bühne – mit donnernden Schritten stakst eine charismatische Erscheinung in dieses kleine Aufnahmestudio, mit schillerndem Kleid, geölter Haut, bis unter den Haaransatz geschminkt – aufgedonnert wie eine stattliche Diva, die keinen Snickers-Riegel abbekommen hat: Viola Davis. Sie verkörpert die authentische Figur der Ma Rainey, die tatsächlich als Mutter des Blues gilt und scheinbar den sentimentalen, aber gleichzeitig aufmüpfigen Rhythmus dieser Musikrichtung in glamourösem Ausmaß interpretiert hat.

Beide zusammen – Boseman und Davis – sind ein Gespann, dass sich nicht ausstehen kann, weil sie beide für einen Ist-Zustand der schwarzen Bevölkerung stehen, allerdings jeweils auf unterschiedlichen Sprossen der Leiter. Bosemans Levee ist – wie schon gesagt – Trompeter im Ensemble der Ma Rainey, die im Süden längst große Erfolge feiert und nun, weiter im Norden, von ihrem Manager dazu genötigt wird, eine Platte aufzunehmen. Die Musiker treffen natürlich vorher ein, sammeln sich im Keller, um sich einzugrooven. Trompeter Levee zeigt allen sofort, dass er was ganz anderes vorhat. Eigene Kompositionen, eigene Interpretationen. Er will sein eigenes Ding drehen. Die anderen Musiker belächeln ihn, lauschen aber seiner Erzählung einer schrecklichen Vergangenheit, währenddessen, von funkelnden Allüren umgeben, die Diva heranrauscht und ihren Neffen, der stottert, mit auf die Platte bringen will. Das ist Nährboden für Zwistigkeiten, elende Wartezeiten, Missverständnissen und Kränkungen, Ego-Trips und Geldgier. In diesen kleinen, engen Räumen nimmt sich Levee, was er bekommt – während Ma Rainey mehr einfordert als möglich scheint.

Ma Rainey´s Black Bottom stammt aus der Feder des Bühnenautors August Wilson, der auch schon die Vorlage für das großartige Familiendrama Fences lieferte. In ihrem Grundton sind beide Filme ähnlich, in beiden Filmen ist die Zukunft einer aufstrebenden Generation Schwarzer trotz immensem Potenzial eine verlorene. In George C. Wolfes Verfilmung des Musik-Kammerspiels ertönt der Blues dazu, das melodische Sprachrohr einer klagenden und gleichsam sich aufraffenden Gesellschaft im Nachteil. Niemand sonst, kein Weißer, kann den Blues so interpretieren. Das weiß Ma Rainey, das weiß Levee, das weiß Wilson und C. Wolfe. In diesem selbstbewussten Kosmos aus Schweiß, Tränen und Blut – und zwischendurch auch kleine rührende Erfolge – entsteht nach anfänglichen, einleitenden Dialogen des ersten Aktes ein dichtes Kräftemessen zwischen Gegenwart und Zukunft. Denzel Washington, der auch in Fences brillierte, wusste, worauf er sich einließ, als er diesen Film hier produzierte. Könnte gut sein, dass er diesmal auf die Liste der Academy kommt, als Beitrag für den besten Film.

Ma Rainey´s Black Bottom

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

MIT DER KIRCHE UMS KREUZ

7/10


petrunya© 2019 Pyramid Films


LAND: MAZEDONIEN, BELGIEN, KROATIEN, FRANKREICH, SLOWENIEN 2019

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

CAST: ZORICA NUSHEVA, LABINA MITEVSKA, SIMEON MONI DAMEVSKI, SUAD BEGOVSKI, STEFAN VUJISIC U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die Kirche, so viel ist klar, ist eine von Männern dominierte Institution. Sei es bei den Katholiken oder der osteuropäischen Orthodoxie. So lange in diesen Religionen Egalität kein Thema ist, so lange lässt sich insbesondere in strenggläubigen Ländern, die diese Religionen leben, enorme Defizite feststellen, was die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft angeht. In Mazedonien ist letztere nicht viel mehr wert als vor hundert oder noch mehr Jahren. Gut, manche Frauen nehmen das hin, kennen es auch nicht anders. Warum also ändern, was ohnehin irgendwie funktioniert. Frau will ja schließlich nicht unbedingt die Macht des zumindest physisch Stärkeren spüren. Da stellt sich schon die Frage: wovor hat eigentlich Mann denn so eine Angst?

Zum Beispiel hat er die beim traditionellen Eistauchen zum Dreikönigstag. Die Angst vor dem kalten Wasser des Flusses, in dem alljährlich und als Teil einer unumstößlich festen Tradition ein Holzkreuz in die Fluten geworfen wird, damit einer der jungen, muskulösen, präpotenten Männer dem Kruzifix nachschwimmen und dieses bergen kann. Ganz zufällig allerdings mischt sich unsere Titelheldin Petrunya in das Geschehen. Die junge Frau, eine studierte Historikerin, ist arbeitslos, latent depressiv, steckt zurzeit in einer Phase des Stillstands. Da entscheidet sie ganz impulsiv, das Kreuz vor allen anderen Männern aus dem Wasser zu fischen. Was prinzipiell ihr gutes Recht wäre, denn nirgendwo steht, dass Frauen das nicht dürfen. Die sehr schnell aufgebrachten Machos, die toben und wüten und wollen Petrunya zwingen, den symbolischen Herrgott ihnen zu überlassen. Die aber flüchtet in die Obhut der örtlichen Polizei, um vom Mob sprichwörtlich nicht zerfleischt zu werden. Aus der emanzipatorischen Schnapsidee ohne viel Hintergedanken keimt ein fixes Vorhaben in Petrunya: dem Patriarchat zeigen, dass Gott vielleicht auch eine Frau sein könnte.

Das Kino Mazedoniens ist keines, das mit Pauken und Trompeten von sich aufmerksam macht. Es ist eines, das sich nur gelegentlich zu Wort meldet. Aber wenn es das tut, dann hat es auch etwas zu sagen. Das war schon bei Milčo Mančevskis oscarnominierten Epos Vor dem Regen so. Aber das ist lange her, 1994. Mit Gott existiert, ihr Name ist Petrunya gibt´s von dort endlich wieder ein deutliches, relevantes und wenig duckmäuserisches Lebenszeichen. Die Geschichte funktioniert als Religionssthriller genauso wie als Gesellschaftssatire, als Psychogramm einer obsoleten Gesinnung oder als beklemmendes Justiz- und Mediendrama. Zentrum des grotesken Geschehens ist eine unbeugsame Titelfigur, völlig hemmungslos, ungeniert und grundnatürlich dargeboten von Zorica Nusheva. Ihr Trotz ist genauso spürbar wie ihre Furcht vor dem Hass, der Traditionen herunterbetet, die lange schon nicht hinterfragt wurden. Ein Kammerspiel streckenweise, ein Kräftemessen an unterschiedlichen Fronten. Kirche, Staat, Justiz und das gemeine Volk, alle werden vorgeführt, wollen vorgeführt werden, weil sie rezitieren, worüber sie nicht nachdenken. Teona Strugar Mitevkas Film zeigt ein Mazedonien als verknöchertes, vorgestriges Land, das noch so viel aufzuholen hat, und wo nur wenige den Mut haben, Veränderungen beizuführen. Letztendlich geht es Petrunya nur ums Prinzip, um ein ganz klares, grundlegendes Recht. Wie sie sich dieses Recht erkämpft, ist aufreibend, gewitzt, geht voll auf Konfrontation und strahlt nur so vor klugen Pointen, die das starre Gestern dumm dastehen lassen.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime

The Hunt

BEAT THE RICH

7/10

 

THE HUNT© 2020 UNIVERSAL STUDIOS All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

REGIE: CRAIG ZOBEL

CAST: BETTY GILPIN, HILARY SWANK, EMMA ROBERTS, ETHAN SUPLEE, JUSTIN HARTLEY, AMY MADIGAN U. A.

 

Sowas aber auch! Da hat sich Präsident Trump ja dermaßen auf den Schlips getreten gefühlt – und mit ihm die ganzen MAGAs, die so große Stücke auf den ersten Mann im Staate halten, der sich oft wiederholt, vieles vage formuliert und sich kaum auf Expertisen verlässt. Braucht er nicht, er ist ein politisches Wunder und vielem erhaben. Allerdings – kränken lässt er sich trotzdem. Und ein Skandal ist schnell gemacht. Von Obamagate fehlt nicht mehr viel zum Hunt-Gate – oder: Willkommen zur fröhlichen Schubladisierung der eigenen Klientel! Blumhouse hat sich mit seiner Thrillersatire The Hunt keinen Gefallen getan – oder aber auch jeden nur erdenklichen. Denn nichts macht einen Film interessanter als ein Skandal, als die Empörung über ihn. Und das noch dazu im Vorfeld, ähnlich wie bei Terry Georges Armenier-Epos The Promise. Kaum einer dieser Ankläger hat den Film je gesehen, doch wettern lässt sich über Kolportiertes natürlich sehr leicht. Es ist wie stille Post: wenn´s von einem Ohr zum anderen wandert, werden die infamen Frechheiten in solchen Filmen immer dreister. Wobei ich mir ernsthaft die Frage stelle: weswegen?

Weil das Häufchen Menschen, die sich, entführt und geknebelt, in einem Wäldchen wiederfinden, um von Unbekannten wie in die Luft geworfene Tauben abgeknallt zu werden, aus Stereotypen besteht, die dem Spektrum Trump-Wähler zuzuordnen sind? Hut ab vor denen, die das rauslesen konnten. Ich hab´s jedenfalls nicht erkannt, dafür segnen gut zwei Drittel aller Kandidaten viel zu rasch das Zeitliche, um überhaupt sagen zu können, welche politische Gesinnung die hätten. Alles was zählt ist anscheinend die Statistik. Aber gut – immerhin dürften es Leute sein, die dem Establishment auf ihre Art den Rücken kehren und kaum so leben wie die Reichen, Schönen und Vielbeschäftigten. Im Gegenteil – diese Reichen, Schönen und Vielbeschäftigten, diese CEOS und Stakeholders und sonstigen Kapazunder, die standen bei manch einem zum Freiwild erklärten armen Teufel auf dem Kieker. Aus genervtem Augenrollen wird bitterer Ernst. und die Damen und Herren im Anzug, die nicht wissen wohin mit dem ganzen Geld, blasen zum Halali. Die Trefferquote ist hoch – und unschön für die Auserwählten. Das Blut spritzt, eine Prise Gore darf auch noch sein. Nichts für Zartbesaitete, doch längst keine Challenge für Hartgesottene.

Was sich anfühlt wie ein zynischer Mix aus Surviving the Game und Natural Born Killers, bekommt erst seinen unberechenbaren Topspin mit dem Auftreten einer der wohl coolsten Bräute seit Uma Thurman in Kill Bill: Betty Gilpin. Spätestens dann wird The Hunt zu ihrer ganz eigenen Showbühne. Die Dame weiß, wie Mimik sonst noch geht, wie gegen die Norm gebürstet man in Anbetracht solch verqueren Ereignissen ein gewisses Quantum an Radikalvernunft bewahrt. Und wie ein verkaterter Montag-Morgen, an welchem einem am Besten niemand in die Quere kommen sollte, zur schlafwandlerischen Trotzphase wird. Gilpin checkt sehr bald, was Sache ist – und verbiegt die Regeln des Spiels. Wobei, wie schon die Macher des Films betonten, hier gern gedroschene Phrasen sowohl von der Elite als auch vom nörgelnden Durchschnittsbürger wie Blindgänger durch die Botanik brechen. Ernsthafte Kritik an wen auch immer ist das keine, vielleicht auch, weil Medien kaum eine Rolle spielen, die aber als allseits bekannte vierte Macht noch mehr zu sagen hätten als nur auf Social Media die Kampfarena hochzufahren. Dafür will The Hunt viel zu gerne einfach nur ein Actionthriller sein, der die Verachtung des jeweils anderen schürt.

Ob George Orwells Schweinchen namens Schneeball oder das Gleichnis vom Hasen und der Schildkröte – Regisseur Craig Zobel will einen scheinbar determinierten Algorithmus im Klassenkampf unterwandern: sozialphilosophisch wird The Hunt jedoch nie werden, dafür aber ist er so gut wie das wutschnaubende Kopfschütteln über populistische Aufmacher einer Boulevardzeitung. Betty Gilpin als zynische Aktivistin wieder Willen ist dann jene, die vom Pöbel bis zum arroganten Charakterschwein all die Schmierblätter zerknüllt und in die Tonne kickt. Das wiederum hat Klasse.

The Hunt

Capernaum – Stadt der Hoffnung

LEBEN OHNE SCHWARZ AUF WEISS

8/10

 

capernaum© 2018 Alamode Film

 

LAND: LIBANON, USA 2018

REGIE: NADINE LABAKI

CAST: ZAIN AL RAFEEA, YORDANOS SHIFERAW, BOLUWATIFE TREASURE BANKOLE, KAWSAR AL HADDAD, NADINE LABAKI U. A.

 

In die israelische Stadt Capernaum kam laut Bibel einst Jesus von Nazareth. Dieses geschichtliche Ereignis hat aber nichts mit Nadine Lapakis Filmerzählung zu tun. Laut eines Interviews mit der Regisseurin soll Capernaum eigentlich für etwas ganz anderes stehen: für den (literarischen) Inbegriff von Chaos und Unordnung. Dieses Chaos und diese Unordnung, diese Überlebensanarchie, dieses Ausharren von einem Tag zum anderen, dampft in den Gassen der Millionenmetropole Beirut. Die Bilder auf die Stadt sprechen tausend Bände. Dicht an dicht stehen hier die Zementklötze, unterschiedlich hoch, die meisten schmutzigweiß und ockerfarben. Auf ihnen tummeln sich Menschen. Glücklich, wer einen Balkon hat und auf das Treiben herabblicken kann. In diesem Irrsinn aus geschäftigen Tagesriten und Pflichten haust die vielköpfige Familie des jungen Zain – der nicht mal weiß wie alt er ist, weil er keine Papiere hat – in einer heruntergekommenen Bruchbude. Die Eltern schicken den Nachwuchs beim Hausherren in die Arbeit. Schule ist etwas, das so klingt wie eine vage Urlaubsplanung. Irgendwann verschachern die Erwachsenen die elfjährige Tochter, die gerade mal ihre erste Periode hat. Zain sorgt sich um seine Schwester, und flieht letzten Endes von zuhause, als er sieht, wozu seine Erziehungsberechtigten imstande sind. Diese Flucht treibt ihn wieder in einen ganz anderen Mikrokosmos, und eher er sich versieht, muss er das Kleinkind einer illegalen Einwanderin sitten, damit diese zu Geld kommen kann. Natürlich kann das nicht lange gut gehen, ohne Papiere kommt niemand weit. Und wer gedacht hat, die Eltern würden sich auf die Suche nach ihrem Sohn machen, der wird wohl eines Besseren belehrt.

Capernaum – Stadt der Hoffnung beobachtet das Elend jener, die nichts haben, von der Hand in den Mund leben und nicht wissen, warum sie auf der Welt sind. Labaki hat für ihren oscarnominierten Film rund 6 Jahre recherchiert. Und stellt dabei Fragen, bei denen andere wohl zögern würden. Vor allem der kleine Zain stellt sie, und er verbindet es mit einer Klage, die zu Beginn des Films durch den Gerichtssaal donnert. Angeklagt sind dessen Eltern, dafür dass sie den Buben in die Welt gesetzt haben. Wie jetzt? Lässt sich Elternschaft wegen Fahrlässigkeit verklagen? Capernaum lässt die Klageschrift zu. Wie verantwortungsvoll ist der Mensch, wenn er sich einfach nicht nach seiner Decke strecken will, wenn es ohnehin nicht mal für zwei reicht, und Ressourcen für den Nachwuchs einfach nicht vorhanden sind? Der Mensch kann nicht alles haben, schon gar nicht etwas, das irgendwann eigene Bedürfnisse hat. Kinderwunsch oder biologisches Diktat: In Capernaum ist der Mensch ein verantwortungsloses, vorrangig eigennütziges Wesen. Zain, ein enorm kluges Köpfchen, enttäuscht und fertig mit der Welt, der erkennt die Dynamik dahinter und stellt die Sinnhaftigkeit einer unkontrolliert wachsenden Bevölkerung infrage. Er macht mit seinen jungen Jahren genau das, was seine Eltern mehr schlecht als recht hinbekommen: er übt Verantwortung, noch dazu für ein ihm fremdes Kind.

Capernaum ist wohl einer der besten Filme über Armut und Gesellschaft. Labakis Film schildert zwar auch die Symptome einer missglückten Bevölkerungspolitik, kommt aber zwischen all der einnehmenden Filmbilder und der Schwere zerrütteter Verhältnisse auf kampfeslustige, unbeugsame Weise einer ganz bestimmten Ursache auf den Grund, nämlich der eines unbewilligten, unregistrierten Lebens.

Capernaum – Stadt der Hoffnung