Drei Zinnen

MIT PAPA ÜBER´M BERG

7/10

 

dreizinnen© 2017 Rohfilm Productions

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2017

REGIE: JAN ZABEIL

MIT ALEXANDER FEHLING, BÉRÉNICE BEJO, ARIAN MONTGOMERY

 

Das muss schon ein gewaltiger Anblick sein, diese Felsformation, wenn man direkt davor steht, den Kopf in den Nacken legt und zu den Spitzen in den manchmal wolkenverhangenen Himmel späht. Diese Drei Zinnen, die sind sowohl Südtirol´s Aushängeschild in Sachen Bergwelten. Eine einmalige Kulisse, selbst für ein Kammerspiel wie dieses, eine deutsch-italienische Ko-Produktion, die sehr viel frische Luft zum Atmen hat, in Sachen Gegend und Ausblick aus dem Vollen schöpft, sich aber dennoch ziemlich einkapselt und isoliert. Da kann der Zerstreuung und Natur tankende Mensch noch so ins Weite blicken. Entfernter noch als das nächste Dorf ist die zweckoptimierte emotionale Bindung zwischen Stiefvater und Sohn unter der teils tadelnden, teils gewährenden Obacht der Mutter, dargestelt von Bérénice Bejo, die Filmkenner bereits aus dem oscarprämierten Retro-Drama The Artist kennen. Der bemüht entspannt wirkende Hipster-Reservepapa: Alexander Fehling, irgendwie relativ wortkarg und farblos, hinter teils unbewusst heuchelndem Verständnis ein aufgestautes Ego, das sich arrangieren muss. Vor allem mit einem omnipräsenten Buben im Grundschulalter, der höchst merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt. Dieses Gebärden kommt natürlich nicht von Irgendwo, sondern sind Symptome der inneren Zerrissenheit eines Heranwachsenden, der plötzlich zwei Väter hat, beide völlig grundverschieden. Der von mama neu zugelegte bärtige Riese im Holzfäller-Look kann natürlich der leiblichen Leitfigur nicht das Wasser reichen – oder doch? Darf er das, soll er das, und kann der eine den anderen ersetzen? Auch das ein Ding der Unmöglichkeit. Mutters neuer Lover ist ein Fremdkörper, der aber fasziniert. Dessen Nähe gewollt ist, im Gedankenkosmos des Kindes aber ein verbotenes Unterfangen nahe am Verrat darstellt.

Drei Zinnen ist eine Dreieiecksgeschichte ohne Liebelei, dafür entknotet Regisseur Jan Zabeil (Der Fluss war einst ein Mensch, ebenfalls mit Alexander Fehling) das Gewirr familiärer Moral in Sonderfällen wie diesen, bei Weitem kein Einzelfall und oft bis zur Verdrängung kleingeredet, wenn es um Sicherheit, Stabilität und Vertrauen geht, um Liebe und Verlass. Wuchtige Meilensteine im Erwachsenwerden, die durch Trennung, Verlust und Sehnsucht instabil werden. Gar nicht gut, im Mikrokosmos einer Berghütte am Fuße der drei Zinnen natürlich verstärkt als Bühne für ein Gleichnis wie dieses. Die schroffen Felsnadeln als gigantisches Symbol der Dreifaltigkeit einer intakten Familie – Vater, Mutter, Kind. Zabeil´s Film ist ein Bühnenstück in kurzen, teils lakonischen Szenen voller paraverbaler Kommunikation und allerlei Empfindungen, die ihre lebensbedrohliche Konsequenz in einem metaphorischen Survivaldrama findet, welches  weniger die Extremsituation in den nebelverhangenen Bergen an sich schildern will als vielmehr den emotionalen Konflikt zwischen Ersatzvater und fremdem Sohn bildhaft nach außen kehrt.

Wo allzu viele Wortgefechte oftmals zu kopflastig und konstruiert wirken, lässt Drei Zinnen die Situationen jenseits gefälliger Worthülsen für sich sprechen, von Zuständen der Geborgenheit bis hin zum packenden Balanceakt zwischen Tragödie und dem Aufklaren des Nebels. Ein kompakter, so intensiver wie expressiver Berg- und Heimatfilm, dessen genrebedingte nostalgische Verklärung eines Zuhauses das unzerstörbare Gefüge einer Familie ist. Wie auch immer diese sich zusammensetzt und wie sehr sie auch von traditioneller Statik abweichen mag.

Drei Zinnen

Love, Simon

IMMER NOCH DER SELBE BLEIBEN

7/10

 

lovesimon© 2018 Twentieth Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: GREG BERLANTI

MIT NICK ROBINSON, KATHERINE LANGFORD, ALEXANDRA SHIP, JENNIFER GARNER, JOSH DUHAMEL U. A.

 

Erstaunlich, und eigentlich unerwartet, dass in Zeiten von Life Ball und Regenbogenparade das Thema eines Coming Out einen ganzen Film zu tragen vermag. Wie es aussieht, ist es längst noch nicht selbstverständlich, homosexuell zu sein. Dabei dacht ich, die gleichgeschlechtliche Liebe ist zum Glück nicht mehr etwas, das geheim gehalten werden muss. Angesichts der gegenwärtigen Situation können Defizite aber noch locker aufgeholt werden, und zwar insbesondere an den Schulen. Dort, wo alles, was nicht einer gewissen Norm entspricht, Gefahr läuft, entweder in geschäftiger Übertriebenheit verstanden oder abgelehnt zu werden. Schlimmstenfalls wird gemobbt, das ist dann die schädliche wie schändliche Lösung all jener, die mit dem Anderssein gar nicht umgehen können. Vielleicht, weil sie es auch selbst sind – nämlich anders. Und diesen Umstand niemals zugeben würden.

Simon ist also anders. Aber nur sexuell. Das wird ihm irgendwann bewusst, und irgendwann nimmt er seine Veranlagung auch als gegeben hin. Dass Homosexualität unbedingt abnorm sein muss, sei dahingestellt. Es gibt sie jedenfalls, und das nicht zu gering. Es muss in der Natur einen Grund dafür geben, den wir bislang aber noch nicht kennen. Damit steht das Phänomen nicht alleine da – die Evolution an sich ist ein ganzes Buch voller sauschwerer Sudoku-Rätsel, die keiner lösen kann. Lösen lässt sich nur der soziale Aspekt dieser Andersartigkeit – am Besten mit einem Outing. Erst noch anonym, aber auch nur, weil ein gewisser Blue sich getraut hat, seine Veranlagung publik zu machen. Simon tut das Gleiche, outet sich als Unbekannt – und findet in Boy X, soweit es online möglich ist, einen Vertrauten. Das wäre ja mal nur der halbe Film, gäbe es an amerikanischen Schulen wie dieser hier im Film nicht Kollegen, die Mr. Anonymus entlarven und Stillschweigen gegen Hilfeleistung in Sachen Liebe fordern. Das kann nicht gut gehen, das ist von vornherein schon klar. Irgendwann kommt es ans Licht – warum also nicht dem Erpresser den Wind aus den Segeln nehmen. Und warum nicht den innigsten Freundeskreis einweihen? Gut, da sollte Simon mal mit der eigenen Familie beginnen.

Homosexuell zu sein hat für einen Erwachsenen weniger weit reichende Konsequenzen als für einen Schuljungen. Dawsons Creek-Autor Greg Berlanti hat sich dieser Problematik mit sehr viel Fingerspitzengefühl angenommen und erreicht mit Love, Simon ein Level, dass in den Achtzigern John Hughes mit seinem Breakfast Club geschafft hat. Solche sozialpädagogisch enorm wertvollen Filme stehen und fallen mit der Auswahl seiner Schauspieler, welche die Rollen, die sie verkörpern müssen, auch ausreichend ernst nehmen. Das gelingt nicht, wenn das Star-Ego allem voran steht. Das gelingt, wenn die Figur nur für die Momente der Dreharbeiten wichtiger wird als die reale Person dahinter. Es geht darum, die Ängste, Sorgen und Bedürfnisse nachvollziehen zu können – nicht einfach nur darzustellen. Dazu braucht es einen Regisseur, der teamfähig ist, für eine gute Stimmung am Set sorgt und innerhalb dieser inszenatorischen Geborgenheit viel, wenn nicht alles, aus seinem Ensemble herausholt. Das ist Berlanti gelungen. Nick Robinson als Simon ist ein hin- und hergerissener, tougher und bildhübscher Zweifler, den nicht nur seine Freunde, sondern auch das Publikum schätzt und mag – genauso läuft es mit den anderen Jungdarstellern, die so spielen, als wären sie in ihrem echten Leben. Love, Simon ist aus einem Guss, eine fehlerlos runde Geschichte, jede Rolle respektiert die andere, jedes Outing und jeder Konflikt zu seiner Zeit, die noch dazu, wie es scheint, souverän gemanaged ist. Die einfühlsame Highschool-Tragikomödie überlässt nichts platten Attitüden, wirkt niemals lächerlich oder beschämend, ist aufrichtig, witzig und klug. In Zeiten wie diesen wäre der Breakkfast Club um einen Nachsitzenden reicher, eben vielleicht um Simon, der sich an diesem Samstagvormittag geoutet hätte.

Vielleicht ist Love, Simon in seiner stringenten Lösungsfindung zu glatt geraten. Dass sich im echten Leben all die gesellschaftlichen Knackpunkte längst nicht so vorhersehbar entwickeln, muss natürlich klar sein. Love, Simon ist da schon ein idealisierter Zustand, manchmal zu naiv im berechenbaren Verhalten der Schüler. Doch der Mensch ist im Geiste kein Naturgesetz. Etwas, was Love, Simon nicht weiß oder gar nicht wissen will – umso schöner daher, wenn das Erwachen sexueller Identität so schnörkellos lehrplanmäßig mit einem Selbstbewusstsein einhergeht, an welchem sich alle ein Beispiel nehmen können. Genau dafür ist Love, Simon schließlich da – Als Mutmach-Kino für die Generation Z.

Love, Simon