Tallulah

FAMILIE ZUM AUSSUCHEN

7/10


Tallulah© 2016 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: SIAN HEDER

CAST: ELLIOT PAGE, ALLISON JANNEY, EVAN JONIGKEIT, TAMMY BLANCHARD, DAVID ZAYAS, ZACHARY QUINTO, JOHN BENJAMIN HICKEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Im diesjährigen Oscar-Gewinner Nomadland klappert Frances McDormand mit ihrem Wohnbus durch die Weite der Vereinigten Staaten. Mehr Zuhause gibt‘s nicht. Ähnlich handhabt das Elliot Page im Netflix-Original Tallulah, auch hier ist der charismatische, transgendere Schauspieler (vormals Ellen) so ziemlich entwurzelt, und nur die eigenen vier Blechwände bieten Geborgenheit. Mit so einem Existenzmuster kommt man nicht weit, wenn man erstens sein eigenes Leben noch nicht mal begonnen hat und zweitens auch nirgendwo zu Geld kommt. McDormand, die hat zumindest vorab ein klassisch-geordnetes Leben geführt. Auch sind Gelegenheitsjobs das Um und Auf, um durchzubeißen, während die Verwandten für den Notfall in greifbarer Nähe weilen. Bei Elliot Page ist das nicht so – als Mädchen Tallulah hat sie zumindest einen Freund – der aber bald nichts mehr von dieser Art Leben wissen will und verschwindet. Aus einer gewissen Planlosigkeit heraus wendet sich die Vagabundin an dessen Mutter, zuerst erfolglos, dann aber mit Baby unterm Arm, welches klarerweise nicht ihres ist, was aber keiner weiß. Wie die Jungfrau kommt Tallulah zum Kind – und zu dem Schluss, dass manche Mütter zur Erziehung nicht geeignet sind.

Inszeniert und auch geschrieben hat diese Großstadtballade Sian Heder, die aktuell erst mit CODA, der Neuadaption des französischen Familienfilms Verstehen Sie die Béliers bei den Kritikern recht gut ankommt. Fürs Zwischenmenschliche scheint die us-amerikanische Filmemacherin ein Gespür zu haben, denn Allison Janney (Oscar für I, Tonya) und Page spielen zwar nicht Mutter und Tochter, entwickeln aber ähnliche Gefühle zueinander, die sich auch völlig schnörkellos aufs Publikum übertragen. Das fremde Baby ist der Kit, der Familien manchmal zusammenhält – oder neue entstehen lässt. Von wegen, Familie kann man sich nicht aussuchen – in Tallulah macht die sehr souverän dargestellte Improvisateurin die Probe aufs Exempel, auch wenn hier Gesetze gebrochen werden. Familie ist hier eine Institution, die sich nicht nur an den gemeinsamen Genen misst. Wie wichtig so eine Stütze sein kann, und wieviel eigentlich fehlt, ist davon keine Spur zu finden, erklärt Heder in ihrer aus eigenen Erfahrungen inspirierten Arbeit, die wiederum auf einem eigenen Kurzfilm beruht, ohne dabei selbst Partei zu ergreifen. Das geschieht beobachtend, durchaus mit Sympathie für ihre Figuren, jedoch ohne sie zu beurteilen. 

Tallulah ist interessantes Schauspielkino ohne Leerlauf, gehaltvoll und relativ meinungsfrei. Um so mehr lässt sich bei Betrachtung der Begebenheiten eine eigene – oder gar keine Meinung bilden, da der Kontext der Umstände viel zu viel Einfluss nimmt auf Richtig oder Falsch.

Tallulah

Ein Kind wie Jake

KLEIDER MACHEN KINDER

2/10


einkindwiejake© 2018 Sundance Institute


LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: SILAS HOWARD

BUCH: DANIEL PEARLE, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: CLAIRE DANES, JIM PARSONS, PRIYANKA CHOPRA, OCTAVIA SPENCER, ANN DOWD, LEO JAMES DAVIS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Besondere Filme, in denen besondere Kinder eine Rolle spielen, gibt es einige. Jodie Fosters Regiearbeit Das Wunderkind Tate zum Beispiel, oder, erst vor einigen Jahren erschienen, Begabt mit „Captain America“ Chris Evans als Vater einer superklugen Tochter. Allerdings gehts auch weniger hochbegabt: Die belgisch-niederländische Produktion Girl oder das poetische Drama Mein Leben in Rosarot über einen Jungen in Mädchenkleidern. Letzteres ist auch Thema in der Verfilmung des Theaterstückes Ein Kind wie Jake von Daniel Pearle, der sein Werk auch für die Regie von Silas Howard adaptiert hat. Nur: es eignen sich zwar wiederholt Theaterstücke für das Medium Film, und gelangen zur wirklich brillanten Entfaltung, während sie ihre Bühnenvorlage in den Schatten stellen. Dieses Drama jedoch ist eines jener Beispiele, anhand derer klar wird, das manche Adaptionen auch wirklich gar nicht funktionieren.

Schade nur, dass sich so bemerkenswerte Darsteller wie Claire Danes und Jim Parsons, der in seiner Rolle als heterosexueller Vater natürlich bewusst gegen seine eigentliche Orientierung besetzt ist und laut trendig-militanter, laut monierender Correctness so etwas ja gar nicht spielen dürfte, an schwergewichtig scheinenden, aber unendlich redundanten Dialogen abarbeiten müssen. Doch wofür? Salopp gesagt hat dieser Film kaum nennenswerte Handlung. Es ist, als würde man das Vorsprechen für die kommende pädagogische Einrichtung des eigenen Nachwuchses verfilmt haben. Für die Eltern, die es betrifft, natürlich nachhaltig relevant. Für das Publikum da draußen? Endenwollend brisant.

Um es kurz zu machen (und es ginge gar nicht länger): Das vielbeschäftigte Wohlstands-Ehepaar Wheeler hat einen Sohn, der dazu neigt, lieber mit Prinzessinnen und in Tüll-Röcken abzuhängen als in durchgeknieten Kinderjeans Dinos aufeinander losgehen zu lassen. Darf das denn sein? Klar darf es das. Wobei das uns allen eingeimpfte Rollenbild von Bubenblau und Mädchenrosa allerdings obsolet wird. Was tun bei so einer Gesellschafts-Anomalie? Unbedingt darüber langmächtig diskutieren und die elitärsten aller elitären Einrichtungen für die kommende Vorschule abklappern, dabei Octavia Spencer das Herz ausschütten und ratlos in der hauseigenen Küche herumstehen. Wie es Jake dabei wohl geht? Zumindest inhaltlich dreht sich alles ums Kind, genauer betrachtet bleibt dieses allerdings eine schier wortlose Staffage, die das Hegen elterlicher Befindlichkeiten pusht. Was für mich wiederum fast schon arrogant wirkt. Denn dieser Jake, der spielt eine untergeordnete Rolle, unüblich bei Filmen über verhaltensoriginelle Kinder. Da würde das Script normalerweise eine gewisse Balance zwischen den Sorgen der Erwachsenen und der des Kindes bereitstellen. Andererseits sind wir hier, in einem Film, der über Abweichungen von der Norm erzählt, auch, was das Konzept des Dramas betrifft, mit dem Aufzäumen des Problempferdes von hinten konfrontiert. Kann man versuchen – haut aber nicht hin.

Ein Kind wie Jake

Falling

DEM VATER VERPFLICHTET

7/10


falling© 2021 Filmladen

LAND / JAHR: KANADA, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, LANCE HENRIKSEN, TERRY CHEN, LAURA LINNEY, SVERRIR GUDNASON, HANNAH GROSS, DAVID CRONENBERG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Wenn das nicht autobiographisch ist – ein Autorenfilm ist es auf jeden Fall. Viggo Mortensen hat bei seinem Regiedebüt nicht nur eben inszeniert – er spielt auch selbst, hat die Musik komponiert und natürlich auch das Budget bereichert. Wo Viggo Mortensen eben draufsteht, ist Mortensen auch drin. Und sein Drama – das ist nicht von schlechten Eltern. Oder eben doch. Denn diese Eltern, vorzugsweise dieser Vater, und eigentlich nur dieser Vater, hat sich so einiges anschauen lassen. Ein verbissener, zynischer, in seinem Ego sehr leicht zu kränkender Mann, ein Chauvinist durch und durch. Einer, der gerne auf die Jagd geht und dabei seinen kleinen Sohn mitnimmt, auf dass er eine Wildente vom Himmel holt – pures Glück natürlich, aber der Papa ist stolz. Dennoch sieht eine glückliche Kindheit anders aus, und das glückliche Verhältnis zu seinem Erzeuger ebenso. Die Zeitebene wechselt in die Gegenwart, wir lernen Willis, den Vater von Viggo aka John, in seinem derzeitigen Zustand kennen. Im Alter wird der Charakter nicht besser, das Weltbild zerfahrener, der Wille immer sturer. Der alte Farmer leidet mitunter an anfänglicher Demenz, wütet und zetert, schimpft, dass sich die Balken biegen. Ein Prolet unter dem Herrn, ganz tief aus der untersten Schublade jaulend – mit sich selbst verkracht, unzufrieden und misanthropisch. Noch dazu ist John mit einem Mann verheiratet – wieder ein Thema, das dem Alten gehörig stinkt. Der Sohn aber nimmt sich zusammen, legt eine geradezu buddhistische Gelassenheit an den Tag, und ist auch nicht bereit, der Provokation Zunder zu geben. Dennoch kommt der Vater auf Besuch, muss zum Arzt, will sich in Kalifornien ein Haus ansehen. Trifft die Familie, schimpft dabei, beleidigt und erniedrigt. Irgendwann allerdings reißt auch so einem gebildeten, versierten und friedliebenden Menschen wie John die Hutschnur – denn warum um alles in der Welt hat ein Kind so einen Vater verdient?

Vater-Sohn-Geschichten gibt es viele. Meistens gibt’s Streit, dann folgt die Einsicht, die Versöhnung. Im realen Leben ist das selten der Fall. Alte Menschen von etwas zu überzeugen, was ihr Weltbild erneuern könnte – kommt vielleicht alle heiligen Zeiten vor. Die Sturheit ist eine Mauer aus Stahl. Falling erzählt eine ähnliche Geschichte, einen Generationenkonflikt, wie er zu erwarten war. Der Nebencast ist etwas konfus angeordnet, die dankbar ausgestalteten Hauptfiguren jedoch überdehnen mit Eifer familiäre Bindungen bis zu den Grenzen der Belastbarkeit. Und doch entlockt Falling ganz andere, sozialphilosophische Gedanken: Ist Blut wirklich so viel dicker als Wasser? Wie weit können Eltern gehen, indem sie sich ihren Kindern gegenüber alles erlauben – bis die tributzollende Liebe zu Mutter oder Vater nicht mehr reicht? Mortensen stellt die Frage in den Raum – oder besser gesagt, er hat sie für sich längst beantwortet: es scheint fast, als hätte man als Kind eine gewisse Erziehungsschuld zu tilgen. Wie traurig, dass dabei die paar Momente familiärer Idylle eine ganze Epoche der menschlichen Entwicklung tragen sollen. Übrig bleiben Entbehrung, Scham und psychosoziale Defizite. Das macht Falling nicht gerade zu einem zuversichtlichen Drama – aus der Versenkung gehoben wird, was lange im Argen lag. Dabei kommt die Symbolik der Wildente nicht von irgendwo – Mortensen orientiert sich an den dunkelgrauen Theaterstücken eines Henrik Ibsen, in denen ebenfalls das Konstrukt der Familie durch Bohren in der Vergangenheit immer poröser wird.

Dabei hat Mortensen mit der Wahl von Lance Henriksen, den ich sonst nur als Android aus Aliens und anderen phantastischen B-Movies in Erinnerung habe, keinen besseren Berserker finden können. Mit über 80 Jahren zeigt der Schauspieler, was er eigentlich draufhat. Dabei ist sein wütender Einzelgänger mit Familienanschluss die kramzerfressene Version eines – die Österreicher kennen ihn – Edmund „Mundl“ Sackbauer (Echte Wiener), nur ohne das Herz am rechten Fleck, und ohne eine Spur von Selbsterkenntnis.

Falling ist eine intensive, in ihren aufgeladenen Konfrontationen packende und nicht minder aufwühlende Vision einer familiären Endzeit. Analogien im echten Leben sind da nicht schwer zu finden.

Falling

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness

Kodachrome

EIN ANALOGES LEBEN

7,5/10


kodachrome© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: MARK RASO

CAST: ED HARRIS, JASON SUDEIKIS, ELIZABETH OLSEN, DENNIS HAYSBERT, BRUCE GREENWOOD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Den Ploppverschluss öffnen, den Film aus dem kleinen schwarzen Plastikzylinder holen, in die Kamera rückseitig einlegen, mit der Spule verzahnen, die Kamera schließen, dann zweimal aufziehen – schon lassen sich wieder rund 36 Fotos schießen. Zu sehen waren diese natürlich noch nicht – dazu musste das ganze ins Labor. Aber wem erzähl ich das. Die meisten meiner Leser werden noch wissen, wie das funktioniert hat. Doch diese Zeiten sind so gut wie vorbei – bis auf einige wenige Enklaven der analogen Fotografie werden Bilder nur noch digital gebannt. Und da lässt sich knipsen was geht, und was die Speicherkarte von mehr als einem Dutzend Gigabyte hergibt. Das Ende einer Ära? Das Ende der liebevoll gerahmten Dias? Allerdings. Das Ende für manche Fotografen? Womöglich auch. In diesem Fall ist es das bevorstehende Ableben des berühmten, allerdings fiktiven Bildermachers Ben Ryder, der Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war, mit Unmengen an Filmen in der Tasche.

Der alte Mann leidet an Krebs im Endstadium, hat aber noch vier unentwickelte Filme zu Hause, Kodachrome wohlgemerkt, die noch rechtzeitig ins letzte noch offene Fotolabor nach Kansas müssen, genauer gesagt in Dwayne’s Photoladen (den es tatsächlich gab und der auch die Grundlage war für den New York Times-Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas aus dem Jahr 2010). Sein Sohn soll ihn dort hinfahren. Das Problem: der Sohn kann den Vater nicht riechen. Warum sollte er auch: letzterer war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Erziehungsauftrag? Was für ein Erziehungsauftrag? Aber sei’s drum – Sohn Matt willigt dann doch ein. Und zu dritt – inklusive Bens persönlicher Pflegerin – sind sie im Cabrio unterwegs durch die Provinz.

Netflix hat hier eine ganz spezielle und wirklich erfahrenswerte kleine Filmperle versteckt gehalten. Und die ist nicht nur für Foto-Nostalgiker sehenswert, die spätestens gegen Ende dann einen Kloß im Hals spüren. Danach werden sie vermutlich nach verbliebenen Filmspulen suchen, die noch zu entwickeln wären. Kodachrome ist ein Vater-Sohn-Melodram der alten Schule, was ja auch passend scheint – überdies zelebriert Ed Harris als knorriger, verlebter und von Krankheit gezeichneter Ex-Abenteurer ein versöhnliches Psychogramm des Endes einer ganzen Ära, eines gelebten Ideals und eines ganz anderen Handwerks. Das Gestern gebärdet sich hier in einer überraschend friedfertigen Agonie, will nur aufräumen und in guter Erinnerung bleiben. Wehmut macht sich breit, später auch bei Jason Sudeikis als Sohn mit Ehrgeiz und Prinzipien, der das bisschen Kindheit wiederfindet, das ihn mit der nur in assoziativen Resten übriggebliebenen Vaterfigur verbindet. Sonst vorwiegend in Komödien zu sehen, gibt der Kill the Boss-Spezi eine durchaus achtbare Performance ab, auch Elizabeth Olsen agiert fernab ihres exaltierten Wanda-Franchise angenehm ungekünstelt. Und Harris? Der ist nicht umsonst einer jener charismatischen Schauspieler, bei denen man, findet man ihren Namen im Cast, kurz mal freudig jauchzt. Die Rolle des alten Fotografen passt gut zu seinem unrasierten Konterfei, obendrauf ein breitkrempiger Hut und stets die Kamera geschultert. Wenn er dann mit zitternden Fingern seinen letzten Film einlegt, bewegt das nicht nur eingefleischte Fotografen und Nostalgiker, sondern auch jene, die Wert legen auf handwerklich erlesenes, mit feiner Musik unterlegtes Besinnungskino.

Kodachrome

Jahrhundertfrauen

GESCHLECHTERROLLEN IM WERTETAUMEL

8,5/10


jahrhundertfrauen© 2016 Splendid Film


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: MIKE MILLS

CAST: ANNETTE BENING, ELLE FANNING, GRETA GERWIG, BILLY CRUDUP, LUCAS JADE ZUMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eigentlich ist Mike Mills selbst verfasstes Werteportrait aus den Siebzigerjahren mitunter einer der Filme, die spätestens zum Internationalen Frauentag aus den Streaming-Archiven geholt werden könnten. Jahrhundertfrauen – oder im Original 20th Century Women – bringt es zustande, über Geschlechterrollen zu sinnieren, ohne dabei auch nur ein einziges Mal in die Spurrillen oft gehörter Phrasen zu geraten, obwohl es derer genug gäbe auf dem Weg hin zu einem fortschrittlicheren und respektvollerem Wertebild, die sich der Mann von Morgen aneignen sollte. Dabei begegnet ihm die Frau oftmals mit Angriffslust. Nicht aber hier. Diese Jahrhundertfrauen haben es nicht notwendig, die entbehrungsreiche Figur des 20th Century-Mannsbildes mit militanter Gehässigkeit zu entmachten. Sie nutzen die Chance, dem Mann von morgen all die Dinge, auf die es ankommt, auf teils sogar unbewusste Art in ein witgehend vorurteilsfreies Bewusstsein zu rufen.

Dabei ist dieser junge Mann, um den es hier geht, lediglich noch ein Teenager von 15 Jahren, ein kluger Jungspund, der gemeinsam mit Mama Annette Bening in einer renovierungsbedürftigen Villa wohnt, deren Zimmer unter anderem an Greta Herwig alias Abbie vermietet werden. Das Mädchen Julie (Elle Fanning) wohnt zwar nicht da, ist aber ebenfalls ein gern gesehener Gast. Drei Frauen sind es: eine Fotografin und dem Krebs eben von der Klinge gesprungen, eine promiskuitive Blondine mit dominanter Mutter und eben Annette Bening, alleinerziehende Mittfünfzigerin und etwas ratlos, wenn es darum geht, den jungen Filius auf das Leben vorzubereiten. Da kommen ihr die beiden omnipräsenten Damen recht gelegen – die könnten doch unterstützende Vibes erzeugen, wenn es darum geht, die Welt mit differenzierteren Blicken zu betrachten.

Natürlich kann es leicht passieren, dass bei einem komplexen Thema wie diesem ein Film, der sich fast ausschließlich auf Dialoge verlässt, mit Binsenweisheiten und auch irrelevantem Geschwafel die Geduld des Zusehers strapaziert. Da braucht es eben einen Autor, der etwas ganz anderes, und eigentlich viel mehr will als „nur“ die Mechanismen proaktiven Feminismus zu erörtern. Nämlich: die Kunst des achtsamen Umgangs zu lehren. Grandios, wie Mike Mills seine Szenen setzt und seine Figuren das Wort erteilt, ihnen dabei aber nichts in den Mund legen muss, da diese aus eigener Überzeugung, und oft mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, kluge Wahrheiten gelassen aussprechen. Dabei kreisen pointierte Dialoge, meist verankert in alltäglichen Situationen, um Erziehung, Elternschaft und obsoleten gesellschaftlichen Tabus. Ein bisschen erinnert der Stil und auch der Scharfsinn an Richard Linklaters Boyhood. Annette Bening gelingt wohl einer ihrer besten, wenn nicht ihre beste Performance. Dabei spielt sie weder eine Erkrankte, noch ist sie körperlich wie geistig beeinträchtigt noch ist sie sonst auch nur irgendwie eine Persönlichkeit, die aus dem Rahmen fällt. Eben weil Bening das nicht ist, sondern weil sie diese alleinerziehende und an sich selbst zweifelnde, ganz normale Person ist, findet sie diese unartifizielle Ausdrucksstärke. Das ist ausgereiftes Minenspiel nebst ausgereiften Szenen, die so wunderbar unverkrampft von so vielem erzählen, und die es knapp zwei Stunden lang schaffen, gleich mehrere Biographien anzureißen, ohne einander die Aufmerksamkeit zu stehlen. Hier findet sich diese zu vermittelnde Achtsamkeit selbst in inszenatorischer Hinsicht. Ein so unprätentiöses wie komplexes Werk also, das seinen wertschätzenden Imperativ auch filmtechnisch punktgenau umgesetzt hat.

Jahrhundertfrauen

Honey Boy

OH MEIN PAPA…

6,5/10


honeyboy© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: ALMA HA’REL

DREHBUCH: SHIA LABEOUF

CAST: SHIA LABEOUF, NOAH JUPE, LUCAS HEDGES, CLIFTON COLLINS JR., FKA TWIGS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


…war eine wunderbare Clown“. Nicht nur Freddy Quinn, sondern auch Shia LaBeouf können davon ein Liedchen singen. Letzterer beruft sich dabei aber auf seine eigene Art von entbehrungsreicher Kindheit, aus der es sich nicht unbeschadet hervorgehen lässt, sowas bringt je nach Intensität eine posttraumatische Belastungsstörung mit sich. Erstens ist einem Kind mit gerade mal zwölf Jahren der Status eines Kinderstars auch nicht egal, und zweitens übernimmt man als Kind mit gerade mal zwölf Jahren auch nicht gerne die Verantwortung über eine Vaterfigur, die nicht von sich behaupten kann, für den eigenen Nachwuchs ein gutes Vorbild zu sein. Im Film heißt der Junge Otis, und Oh mein Papa deswegen, weil nämlicher tatsächlich mit clownesken Nummern inklusive Theaterhuhn sein Geld verdient hat. Aber wie so oft im Showbiz: die rote Nase kommt dann eher vom Hochprozentigen. Um den Altvorderen wieder auf die Spur zu holen, gibt´s einen neuen Job. Auftraggeber: der eigene Sohn, der aufgrund seines Engagements ein gutes Einkommen hat und der seinen Vater somit aus der Gosse holt. Was nicht heißt, dass Otis nicht auch noch einen väterlichen Support vom Jugendamt beigesteuert bekommt – der aber für den leiblichen Vater ein rotes Tuch zu sein scheint. Bei so einem Durcheinander erzieherischer Parameter sind Konflikte und Abstürze vorprogrammiert.

Und daher verwundert es nicht, dass Honey Boy auf zwei Zeitebenen fährt, um Symptom und Ursache gegenüberzustellen. Als erwachsener Otis (also eigentlich Shia LaBeouf) gibt Lucas Hedges den rastlosen Set-Tiger, der im 24Stunden-Takt und mit allerlei unterstützenden Drogen andauernd auf hundert Sachen fährt und mitunter auch so manchen Schaden verursacht. Was folgt, ist eine Zwangseinweisung in ein Therapiezentrum, um der Psyche Herr zu werden. Im Zuge dessen erzählt Hedges aus seiner Vergangenheit – in der wir Noah Jupe (bekannt aus Wunder oder A Quiet Place) und natürlich einem verfremdeten Shia LaBeouf begegnen, mit Halbglatze und schulterlangem Haar, was irgendwie widerlich aussieht. Ungefähr genauso gibt sich der Filmvater, zeigt sich von einer sagenhaft herablassenden Seite und meint, auf diese Weise die Abhängigkeit von seinem Sohn kompensieren zu können. Honey Boy wird zu einem familiären Krankheitsbild, zu einer kleinen, konzentrierten Studie über Abhängigkeiten und dem Hinterfragen von hierarchischer Ordnung innerhalb eines Familiensystems. Unterm Strich wird klar, dass die Hilflosigkeit der eigenen Eltern zu einer Bürde der Verantwortung für den Nachwuchs wird, der diesen Brocken einfach niemals stemmen kann – und auch niemals sollte.

Shia LaBeouf sieht man vermutlich mit anderen Augen. Und nicht nur ihn, vielleicht auch so manch eine andere exaltierte Rampensau, die womöglich niemals jemanden hatte, der in der Erziehung die so wichtigen Grenzen gezogen hat. Eine intime, persönliche Arbeit ist Honey Boy geworden – nichts fürs große Kino. Aber ganz bestimmt für den Ex-Transformers-Star – als erklärendes Statement für sein eigenes Verhalten.

Honey Boy

Kajillionaire

MEINE RABENELTERN, IHRE TOCHTER UND ICH

8,5/10


kajillionaire© 2020 Universal Pictures International GmbH Germany

LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: MIRANDA JULY

CAST: EVAN RACHEL WOOD, DEBRA WINGER, RICHARD JENKINS, GINA RODRIGUEZ, MARK IVANIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Miranda July ist eine Allroundkünstlerin. Filmemachen ist da nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Zugegeben, bislang hatte ich noch kein einziges ihrer Werke gesichtet, obwohl ich natürlich wusste, dass die US-Multimediakünstlerin, die sich in ihren Filmen auch bislang immer selbst besetzt, ziemlich abgehobene, verschrobene Tagträumereien entworfen hat. Wäre längst einen Blick wert gewesen, wie ich finde. Nun – Kaijillionaire, ihre neueste und auch erstmals recht prominent besetzte Arbeit gilt hier endlich mal als Einstand – und ist, ohne zu übertreiben, eine Entdeckung. Und zwar deshalb, weil July so sehr gegen Konventionen und Schablonen inszeniert und kreiert, wie es normalerweise nur das asiatische Kino zuwege bringt.

Für ihre Außenseiterballade hat sie mit Evan Rachel Wood (u. a. Dreizehn, Westworld) wohl einen Volltreffer gelandet. Interessant und gleichsam verblüffend auch, nach langer Zeit und erst nach mehreren Blicken Debra Winger hinter der Fassade einer streunenden Tagediebin hinter wallender grauer Mähne zu entdecken. Gemeinsam mit Richard Jenkins sind die drei eine sagen wir mal obdachlose Familie, die sich in einem leerstehenden Büroraum neben einer Seifenfabrik eingenistet hat und dort so lange bleiben darf, solange sie den dort austretenden Schaum wegputzt. Eine irre Idee zum einen, surreale Bilder zum anderen, wenn die weißrosa Wolken den reizlosen Raum wie durch ein entrücktes Wunder scheinbar aufrüschen. Die Familie also, die wohnt hier, und schlägt sich tagtäglich mit Diebstählen herum – auf der Post, im Supermarkt, eigentlich überall. Tochter Old Dolio, benannt nach einem Obdachlosen, macht da mit, weil sie nichts anderes kennt. Sie kennt aber auch keine Kindheit, keine Zärtlichkeiten, keine liebevollen Worte und keine Identität. Old Dolio, die ist das Werkzeug ihrer Eltern, soziophob, gehemmt und depressiv. Ihren Eltern ist das egal, sie setzen auf Profit, das Töchterchen ist eben mit dabei. Bis bei einer Betrugsnummer am Flughafen die aufgeweckte Melanie, die ihnen zufällig über den Weg läuft, alles ändert. Zumindest fast alles für Old Dolio.

Ich habe selten einen Film über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe gesehen, der gleichzeitig so sensibel, humorvoll und bezaubernd sein kann. Julys seltsame Figuren kaspern durch ein wirtschaftsorientiertes Amerika aus Industrie, Geld und Shoppingvergnügen und übersehen das Wesentliche. Eine liebevolle Kindheit ist in Zeiten wie diesen aus Ich-AG, Bequemlichkeit und Lebenstraum um jeden Preis nichts Selbstverständliches mehr – und war es auch nie. Wie sehr man als Elternschaft allerdings versagen kann, das hebt July geradezu auf ein neues Level. Die Konsequenz: eine zomboid vor sich hin trottende Evan Rachel Wood, mit Haarvorhang und Grunge-Klamotten. Ihr Weg zur eigenen Identität und zu einem Ja für Zärtlichkeit wird zur erfrischend anderen, urbanen Therapie zwischen sensorischer Integration und Erwachsenwerden. Wood flößt dabei ihrer psychologisch tiefgründigen Figur soviel Wahrhaftigkeit ein, als würde man die Schauspielerin erst neu entdecken. Diese Kunst der Tarnung eines Stars funktioniert ganz ohne Maske, die Performance ist dabei preisverdächtig, auch dank all den anderen recht hingebungsvollen Charakteren, die entweder nicht aus ihrer Haut können oder jemand anderen dazu motivieren, sich selbst zu motivieren. Vielleicht mit einem Tanz. Oder im Zeitraffer-Recap des eigenen Aufwachsens.

Die psychosozialen Parameter einer Familie scheuen sich nicht davor, in Kaijillionaire genau beobachtet zu werden – und die Motivation zur Veränderung wächst in dem, der sie am dringendsten nötig hat. Dieses Conclusio lässt sich in dieser konsistenten und enorm erfreulichen Filmkunst gerne entdecken.

Kajillionaire

Capernaum – Stadt der Hoffnung

LEBEN OHNE SCHWARZ AUF WEISS

8/10

 

capernaum© 2018 Alamode Film

 

LAND: LIBANON, USA 2018

REGIE: NADINE LABAKI

CAST: ZAIN AL RAFEEA, YORDANOS SHIFERAW, BOLUWATIFE TREASURE BANKOLE, KAWSAR AL HADDAD, NADINE LABAKI U. A.

 

In die israelische Stadt Capernaum kam laut Bibel einst Jesus von Nazareth. Dieses geschichtliche Ereignis hat aber nichts mit Nadine Lapakis Filmerzählung zu tun. Laut eines Interviews mit der Regisseurin soll Capernaum eigentlich für etwas ganz anderes stehen: für den (literarischen) Inbegriff von Chaos und Unordnung. Dieses Chaos und diese Unordnung, diese Überlebensanarchie, dieses Ausharren von einem Tag zum anderen, dampft in den Gassen der Millionenmetropole Beirut. Die Bilder auf die Stadt sprechen tausend Bände. Dicht an dicht stehen hier die Zementklötze, unterschiedlich hoch, die meisten schmutzigweiß und ockerfarben. Auf ihnen tummeln sich Menschen. Glücklich, wer einen Balkon hat und auf das Treiben herabblicken kann. In diesem Irrsinn aus geschäftigen Tagesriten und Pflichten haust die vielköpfige Familie des jungen Zain – der nicht mal weiß wie alt er ist, weil er keine Papiere hat – in einer heruntergekommenen Bruchbude. Die Eltern schicken den Nachwuchs beim Hausherren in die Arbeit. Schule ist etwas, das so klingt wie eine vage Urlaubsplanung. Irgendwann verschachern die Erwachsenen die elfjährige Tochter, die gerade mal ihre erste Periode hat. Zain sorgt sich um seine Schwester, und flieht letzten Endes von zuhause, als er sieht, wozu seine Erziehungsberechtigten imstande sind. Diese Flucht treibt ihn wieder in einen ganz anderen Mikrokosmos, und eher er sich versieht, muss er das Kleinkind einer illegalen Einwanderin sitten, damit diese zu Geld kommen kann. Natürlich kann das nicht lange gut gehen, ohne Papiere kommt niemand weit. Und wer gedacht hat, die Eltern würden sich auf die Suche nach ihrem Sohn machen, der wird wohl eines Besseren belehrt.

Capernaum – Stadt der Hoffnung beobachtet das Elend jener, die nichts haben, von der Hand in den Mund leben und nicht wissen, warum sie auf der Welt sind. Labaki hat für ihren oscarnominierten Film rund 6 Jahre recherchiert. Und stellt dabei Fragen, bei denen andere wohl zögern würden. Vor allem der kleine Zain stellt sie, und er verbindet es mit einer Klage, die zu Beginn des Films durch den Gerichtssaal donnert. Angeklagt sind dessen Eltern, dafür dass sie den Buben in die Welt gesetzt haben. Wie jetzt? Lässt sich Elternschaft wegen Fahrlässigkeit verklagen? Capernaum lässt die Klageschrift zu. Wie verantwortungsvoll ist der Mensch, wenn er sich einfach nicht nach seiner Decke strecken will, wenn es ohnehin nicht mal für zwei reicht, und Ressourcen für den Nachwuchs einfach nicht vorhanden sind? Der Mensch kann nicht alles haben, schon gar nicht etwas, das irgendwann eigene Bedürfnisse hat. Kinderwunsch oder biologisches Diktat: In Capernaum ist der Mensch ein verantwortungsloses, vorrangig eigennütziges Wesen. Zain, ein enorm kluges Köpfchen, enttäuscht und fertig mit der Welt, der erkennt die Dynamik dahinter und stellt die Sinnhaftigkeit einer unkontrolliert wachsenden Bevölkerung infrage. Er macht mit seinen jungen Jahren genau das, was seine Eltern mehr schlecht als recht hinbekommen: er übt Verantwortung, noch dazu für ein ihm fremdes Kind.

Capernaum ist wohl einer der besten Filme über Armut und Gesellschaft. Labakis Film schildert zwar auch die Symptome einer missglückten Bevölkerungspolitik, kommt aber zwischen all der einnehmenden Filmbilder und der Schwere zerrütteter Verhältnisse auf kampfeslustige, unbeugsame Weise einer ganz bestimmten Ursache auf den Grund, nämlich der eines unbewilligten, unregistrierten Lebens.

Capernaum – Stadt der Hoffnung

I Am Mother

DIE ZUKUNFT MEINT ES GUT

7/10

 

IAmMother© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: GRANT SPUTORE

CAST: CLARA RUGAARD, HILARY SWANK, LUKE HAWKER, ROSE BYRNE (STIMME) U. A.

 

Was wurde eigentlich aus Neill Blomkamp? Seit Chappie habe ich nichts mehr von ihm gehört, ich weiß nur, dass er mit den Oats Studios so eine Art Talentschmiede betreibt, in der dystopisch-technologische Kurzfilme auf Langfilmtauglichkeit getestet werden. Jetzt gibt es da so einen Film, der bei uns im Gegensatz zu unseren deutschen Nachbarn von den Lichtspielhäusern verschmäht wurde und sich ungefähr so anfühlt, als hätte ihn eben Neill Blomkamp inszeniert oder zumindest produziert. Diese streng komponierte Science Fiction nennt sich I Am Mother, ist aber australischen Ursprungs. Der Android, der da eine wesentliche Rolle spielt, der erinnert schon sehr an diesen Chappie, hat aber eine komplett andere Funktion. Dieser Android hier, der übernimmt die Rolle einer Mutter. Und zwar in Zeiten, die für den Homo sapiens alles andere als rosig sind, in denen Homo sapiens eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er sich im Rahmen eines nicht näher beleuchteten Krieges selbst von der Landkarte getilgt hat. Irgendwo in der postapokalyptischen Ödnis gibt es aber sowas ähnliches wie ein Safe House für unzählige menschlicher Embryonen, die quasi als Backup dienen sollen, wenn’s mal wirklich ans humane Reinemachen geht. Entstehen soll mit diesen in Kühlkästen aufbewahrten Menschlingen ein besserer Mensch. Und Mutter, der Roboter, sorgt dafür.

Werbefilmprofi Grant Sputore erwähnt in seinem Regiedebüt jenen Aspekt auf eine technologisierte Zukunft, die das Franchise rund um Skynet und den Terminator nie aufgegriffen hat. In James Camerons finsterer Zukunft sind die Maschinen darauf aus, den Menschen zu unterdrücken. In I Am Mother sind sie darauf aus, dem Menschen ein neues Reset zu verpassen, aber erst, wenn der denkende Organismus perfekt genug ist – aus Sicht der Maschinen. Das weiß aber die namenslose junge Tochter noch längst nicht. Bislang kennt sie nichts anderes, nur die Maschine als ihre Bezugsperson. Für das Graugansküken war Konrad Lorenz schließlich genauso selbstverständlich, und ungefähr so lässt sich das vergleichen. Was den atmosphärischen Thriller dann erst so richtig in Fahrt bringt, ist der Irrtum, dass jenseits dieser trauten Bunker-Wohnung keine Menschenseele mehr existiert. Dem ist natürlich nicht so. Hilary Swank bricht in die idyllische Zweisamkeit aus Lernen, Prüfen und das tägliche Bekenntnis an eine fehlerlose Erziehung mit aggressivem Einfluss auf die pubertierende Tochter, die die Rolle der Mutter und den Sinn des Ganzen dann doch zu hinterfragen beginnt.

Hilary Swank wäre eine souveräne Alternative für die Rolle der Sarah Connor gewesen, zweifelsohne. Sie spielt die nach Überleben ringende Recht- und Gesetzlose mit der fürs Actionkino willkommenen Mischung aus Aufmüpfigkeit und Angst. Mutter, der Roboter, gesprochen von Rose Byrne (!) und bewegt von einem Mann, weckt mit ihrem zyklopenhaften Kameraauge Assoziationen zu Kubricks HAL 2000, wohl auch, weil dem mörderischen Computer mit seiner sanften Diplomatenstimme das Wohl eines höheren Planes näher war als die Zukunft einer technisch-organischen Partnerschaft. Sputore gelingt aber im letzten Drittel ein humanphilosophischer Kniff: er verdreht die wirklichen Ambitionen eines rationalen Computerhirns, wendet vielleicht gar Asimovs Robotergesetze an, spielt sich mit dem Steckbrief generischer Mutterschaft und fragt sich, ob Androiden nicht nur von elektrischen Schafen, sondern auch von einer glücklichen Familie träumen. Die Eckpfeiler des menschlichen Daseins bekommen in I Am Mother Haarrisse im Fundament, letztendlich aber lässt sich ein Mensch durch nichts ersetzen. Oder doch?

I Am Mother