Der seidene Faden

LIEBE AN DER NADEL

7,5/10

 

BQ5A9653.CR2© 2017 Universal Pictures 

 

LAND: USA 2017

REGIE: PAUL THOMAS ANDERSON

MIT DANIEL DAY-LEWIS, VICKY KRIEPS, LESLEY MANVILLE U. A.

 

Er hat gesagt, es sei sein letzter Film. Keine Ahnung, wie viel man darauf geben kann. Dass er aufhören will hat Steven Soderbergh auch gesagt – und jetzt ist er wieder zurück. Die Rolling Stones sagen das auch jedes Jahr. Und jedes Jahr ist es das letzte Konzert. Aber bei Daniel Day-Lewis kann ich das wirklich nur schwer einschätzen. Denn der Mann ist zweifellos ein Sonderling. So, wie er ein Rollenprofil studiert und an die Performance seiner Figuren herangeht, so macht das niemand anderer. Denn Daniel Day Lewis spielt nicht nur – er verwandelt sich. Ohne mehrjähriger Vorlaufzeit und Fachstudium diverser Künste, welche die zu spielende Figur beherrschen muss, geht da gar nichts. Und das kann natürlich auf die Dauer anstrengend sein. Diesen Überperfektionismus verlangt natürlich niemand, aber Day Lewis kann aus seiner Haut genauso wenig raus wie aus seinen Avataren während der Drehzeiten.

In diesem seinen wohl letzten Auftritt geht er die Sache genauso akribisch an – zwei Jahre Studium bei einem Kostümschneider fürs Theater sind da selbstredend. Das Ziel: den fiktiven Schneider Reynolds Woodcock zu verkörpern, einen hochnoblen Modedesigner aus London, erste Adresse für die High Society, exquisiter geht’s kaum mehr. Day-Lewis ist für diese Rolle wie geschaffen, einzig Jeremy Irons wäre für den snobistisch-pedantischen Workaholic ebenso denkbar. Doch Paul Thomas Anderson, der schon in There will be Blood mit Day-Lewis das richtige Händchen hatte, wollte auf alle Fälle der sein, der dem Grandmaster des präzisen Actings das Farewell stilsicher auf den Leib schneidert. Kann sein, dass Day-Lewis mit der Rolle des Edelmannes eventuell etwas unterfordert war – herausgeholt hat er aus dieser Figur wirklich alles, was sie jemals hätte bieten können. Mehr ist da nicht, und mehr als notwendig würde der Schauspieler auch niemals hineininterpretieren. Eine punktgenaue Arbeit, bis auf den letzten Nadelstich. Nicht mehr, nicht weniger. Und dieser Reynolds Woodcock agiert vor einer Kamera, die, wüsste man es nicht besser, zu einem Film von Stanley Kubrick gehören könnte. Nur war Stanley Kubricks letzter Film, Eyes Wide Shut, bereits im Jahre 1999 abgedreht, und während der Dreharbeiten war der perfektionistische Visionär verstorben. Wäre diese Tatsache unbekannt, wäre Der seiden Faden wohl Kubrick´s definitives Alterswerk. Wohl sein leisester, nuancenreichster Film, in hypnotischen Bildern und einem neugierigen Auge, das Day-Lewis und Vicky Krieps in jeden Winkel des Herrenhauses hin folgt, in welchem der Film hauptsächlich spielt. Vicky Krieps kenne ich bereits aus Marie Kreutzer´s Was hat uns bloß so ruiniert? sowie aus Raoul Peck´s Der junge Karl Marx – sehr unterschiedliche Rollen, die auch gar nichts mit ihrer Figur der lebendig gewordenen Modepuppe mit den perfekten Maßen gemeinsam haben. Krieps ist ein relativ neues Gesicht im Kino – ein interessantes, unverwechselbares. Gut nachvollziehbar, warum der kreationssüchtige Egomane mit dem Mutter-Komplex gerade sie zu sich nach Hause holen musste.

Zugegeben, Der seidene Faden ist ein Film, der es anfangs nicht unbedingt leicht macht, ins Geschehen einzutauchen. Die Welt des Reynolds Woodcock ist eine weit entfernte, mit der wohl nur Karl Lagerfeld und Co sofort auf Du und Du wären. Wohin das ganze führen soll, weiß der Zuseher wohl erst, wenn die junge Alma in der häuslichen, starren Geschwisterbeziehung zwischen Reynolds und seiner Schwester Cyril (großartig distinguiert: Lesley Manville) Unruhe hineinbringt. Und dann ist bald schon klar, woran wir hier sind. Der seidene Faden ist so fein gesponnen wie die reinste Seide, und erinnert an seiner hauchzarten, eleganten Düsternis an die Romane von Daphne DuMaurier. Ihre Suspense-Dramen spielen ebenso wie der Seidene Faden mit Etikette, Gesellschaft und einer unheilvollen Liebe. Mit Geheimnissen und Stimmungen, die wie Nebel durch die Räumlichkeiten der Schneiderwerkstatt dringen. Ein Gefühl von Todessehnsucht macht sich breit, das bemerkt auch Reynolds Woodcock. Doch Alma, die ihn fasziniert und zugleich verstört, und für den Schnittmeister und Modeschöpfer wie eine Alma Mahler-Werfel Leidenschaften entfacht und bis an die Grenzen gehen lässt, ist wie ein Geist, den man gerufen hat und nicht mehr loswird. Oder loswerden will. Wie Rebecca. Oder Cousine Rachel.

Paul Thomas Anderson hat ein betörendes Liebesdrama geschneidert, das zwischen stillen Closeups, opulenten Settings und Stillleben aus der Modezunft auf eine große Leinwand gehört und so wirkt wie das Vermächtnis eines Meisters. Der Filmemacher kann zufrieden sein, passt sein Werk doch wie angegossen. Mit unsichtbaren Stecknadeln im Saum, die wehtun und gleichermaßen glücklich machen.

Der seidene Faden

Der junge Karl Marx

EIN GESPENST GEHT UM …

6/10

 

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH© 2016 Filmladen / Foto: Kris Dewitte

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2016

REGIE: RAOUL PECK

MIT AUGUST DIEHL, STEFAN KONARSKE, VICKY KRIEPS U. A.

 

in Europa. Das Gespenst des Kommunismus!  – Das sind die ersten Worte des kommunistischen Manifests, erwogen, überlegt und ausgearbeitet von Karl Marx und Friedrich Engels. Mitte des 19 Jahrhunderts ertönte der Gongschlag zur Geburtsstunde einer politischen Vision, welche die Geschichte ganzer Länder dominiert, diese verändert und bewährte wie längst obsolete Strukturen schließlich zerstört hat. Über das Konzept des Kommunismus möchte ich hier allerdings nicht allzu viele Worte verlieren – das können andere besser, vor allem jene, die sich zeitintensiv mit Politikwissenschaften auseinandergesetzt haben. Literatur hierzu gibt es auch jenseits der Werke von Marx und Engels mehr als genug. Der haitianische Regisseur Raoul Peck will in seinem episodenhaften Polit-Melodram gar nicht erst den Kommunismus selbst erklären oder die Regeln der politischen Bewegung auseinanderdividieren. Sein Film ist ein ruhender, gänzlich unparteiischer Blick zurück auf die Anfänge einer Revolution der sozialen Gerechtigkeit und konzentriert sich eigentlich sogar mehr noch auf den gesellschaftlichen Nährboden eines alten, rezessiven, unbeweglichen Europa des Industriezeitalters. Industrie – das war und ist Profit. Das war und ist die Macht und die Habgier weniger über die Masse. Das war und ist – global gesehen – hauptsächlich noch moderne Sklaverei, um dessen Verbot man mit Groschenlöhnen herumkommt. Die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse von denen, die das Geld haben. Und wer Geld hat, schafft an. Da der Mensch in seiner Natur zum Machtmensch neigt, diese Macht ungern teilt und den Schwächeren gemäß der Darwin’schen Regel Survival of the Fittest allerdings gerne ausbeutet und unterdrückt, solange es für sein existenzielles Seelenheil zuträglich ist, kann dieser gesellschaftliche Erdrutsch nicht ohne Getöse alles Umfeld ins Verderben stürzen. Das Getöse, das sind die, die überleben wollen. Und zwar nicht einzeln, sondern zu mehrt. Fast das ganze Volk. Denn wenn keiner mehr arbeitet, werden auch die Reichen arm. Menschenrechte im neunzehnten Jahrhundert, vor allem Arbeitsrechte, waren praktisch nicht vorhanden. Der Arbeit entsprechende Bezahlung unter Berücksichtigung des Härtegrades der Währung kein Thema. Um es allerdings zum Thema zu machen – dazu bedarf es einiger weniger Intellektueller und Philosophen, die den Missstand erkannt haben – wie zum Beispiel eben der Deutsche Karl Marx.  

Wir kennen sein Konterfei – der wild wuchernde Bart, die zerzauste weiße Frisur. Der Weihnachtsmann für Gewerkschafter und Arbeiterbünde. Der Gott des Kommunismus – oder eher das Gespenst dessen. Jedes Mal, wenn ich im 19. Wiener Gemeindebezirk am Karl Marx-Hof vorbeigehe, einer trutzigen Wohnburg erstaunlichen Ausmaßes, ein Palast des Sozialbaus schlechthin, fällt mir das provokant und funkelnd blickende Gesicht von Karl Marx ein. Dass der auch einmal jung war, das zeigt uns August Diehl. Auch mit wirrem Haar, auch mit Bart, aber weniger opernhaft. Diehl, ohnehin ein eher exzentrischer Schauspieler, der seinen Figuren stets etwas Manisches verleiht, lässt seine Interpretation des großen Denkers sehr abgehoben wirken. Ungreifbar, andauernd in Bewegung, ruhelos und obsessiv. Fast schon aufmüpfig. Womöglich dürfte Karl Marx so gewesen sein, genau weiß man das nicht. Um sich selbst so dermaßen in den Geschichtsbüchern zu verankern – dafür muss man schon für eine Sache mehr schlecht als recht sterben können. Aus Deutschland vertrieben, war fortan Paris und dann später Belgien das Zentrum seiner revolutionären Gedanken. Friedrich Engels, deutscher Industriellensohn, nicht weniger auflehnend und radikal, wurde fortan zu seinem Partner. Der Deutsche Stefan Konarske legt Engels ähnlich aufreibend an wie Diehl seinen Marx. Zwei Figuren, die durch die Jahrzehnte der neueren Geschichte irren, flirren und anecken, Er- und Bekenntnisse verfassen und das Volk für sich gewinnen. Die Reichen werden nicht erfreut sein, wie es auch heute noch in den Medien so schön heißt. 

Der junge Karl Marx ist ein Film wie aus dem Lehrbuch. Geschichtlich wie faktisch interessant, in notwendiger Authentizität ausgestattet und chronologisch erzählt. Angereichert mit einer Menge Namen und Persönlichkeiten, die man der Vollständigkeit halber kennen müsste, relativ schnell aber wieder vergisst, hat man nicht vor, sich länger damit zu beschäftigen. Die Anforderungen für einen pädagogisch wertvollen Unterrichtsfilm wären mit Sicherheit alle erfüllt. Und es ist Geschichte, die so als Spielfilm bereits so aufbereitet wurde, dass sie nebst Aufklärung sogar auch unterhält. Keine altbackene Doku aus inventurbefreiten Schularchiven. Da kann sich der Oberstufen-Nachwuchs glücklich schätzen. Und nicht nur der – nach Raoul Peck´s Film habe ich jetzt beim Vorbeischlendern am Karl Marx-Hof nicht nur mehr den wild wuchernden Weißbärtigen im Sinn, sondern auch den Lockenkopf von August Diehl – und seinen langen Weg zur Grundsteinlegung der kommunistischen Partei. Wieder etwas spielend dazugelernt – und das Kino erfüllt seinen Bildungsauftrag. Den es fraglos hat und auch haben soll.

Der junge Karl Marx