Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

Über die Unendlichkeit

WO DER MENSCH NICHT WEITER WEISS

6,5/10


unendlichkeit© 2019 Neue Visionen


LAND: SCHWEDEN 2019

REGIE: ROY ANDERSSON

CAST: MARTIN SERNER, JAN-EJE FERLING, TATIANA DELAUNAY, LESLEY LEICHTWEIS BERNARDI, ANIA NOVA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


Wer einmal schon einen Film vom Schweden Roy Andersson gesehen hat, wird wissen, was auf ihn zukommt. Alle anderen hingegen werden feststellen – zum eigenen Leidwesen oder in staunender Verzückung – dass Filmemachen auch komplett anders funktionieren kann. Über die Unendlichkeit lässt sich mit nichts vergleichen, was außerhalb des Roy Andersson-Universum sonst noch im Kino oder Stream läuft. Roy Andersson muss man mögen, andererseits aber auch nicht zwingend ablehnen. Einlassen muss man sich drauf, sonst wird das nichts. Denn einen roten Faden hat das Ganze nur sekundär.

Dabei hat Andersson in seinen Filmen immer nur eins zum Thema: die Irrfahrten einer ratlosen Menschheit durch den Alltag. Die verlorenen, ausgezehrten, blassen Gestalten in ebenso blassen Kleidern, eingebettet in einer grauen, bis in alle Ferne detailverliebten Umgebung, hadern mit dem Glauben, mit der Liebe, mit rosigen Aussichten auf die Zukunft. Andersson gibt sie aber nicht auf. Er lässt sie zu Miniaturen werden, zu kleinen Häufleins der Gattung Homo sapiens, die er in Pop-Up-Bilder bettet, die wie Guckkastenbühnen statisch verharren und alle Auftritte ins Bild stolpern lassen. Doch nicht nur das – manchmal sind sie auch längt da, sind genauso statisch wie das akkurat arrangierte Bild und sind Teil des Interieurs oder der Straßenszene. Anderssons Film Songs from the Second Floor ist ein Meisterwerk – später war der Alltagsphilosph nie mehr so radikal. Im Gegenteil. Seine Filme werden immer kleiner, nüchterner, verlieren ihre eigentliche Pointe. Manchmal mag das ein unglücklicher Schachzug sein. Dann verweilt man als Zuseher vor tristen Gemälden, in denen sich ganz plötzlich ganz wenige Komponenten in Bewegung setzen. Eine Stimme aus dem Off, die eines Mädchens, sagt, was sie sieht. So, als wäre sie ein Engel, eine Entität über dem Geschehen. Dadurch wird die Verzweiflung des Einzelnen noch kleiner, und das angesichts völlig banaler Situationen, die uns selbst immer wieder schon passiert sind. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden, weinend im Bus zu sitzen. Am Grab eines geliebten Menschen stehend. Zwischendurch dann ganz andere Probleme: der Ehrenmord an die eigene Tochter, Hitlers letzte Momente im Bunker, eine Karawane Kriegsgefangener durch die Ödnis Sibiriens. Was genau, so fragt Andersson, ist des Menschen Problem? Und ist er in der Lage, sich und sein Leben entsprechend zu differenzieren? Sein Glück in Relation zu setzen zu dem, was sonst noch passiert auf diesem Planeten?

Ein Priester, der seinen Glauben verloren hat, der geistert immer wieder mal durch die scheinbar wahllos arrangierten, oft nur minutenlangen Szenen. Hinter jeder steckt ein enormer inszenatorischer Aufwand. Es ist eine Kunst, Schauspiel und Film dermaßen formelhaft wiederzugeben, wie eine Spieluhr, deren Szenen immer wieder ablaufen, bis der volle Tag vorüber ist und die Vögel weiterziehen. Über die Unendlichkeit ist zwar längst nicht so stark und akzentuiert wie Anderssons Vorgänger, es bleibt aber immer noch genug Restgedanke über, um einen Prolog zu seinem bisherigen Schaffen zu kollektivieren, der ähnliches zu sagen hat wie alles Bisherige. Ein Bewegtbilderbuch auf großer Leinwand, karg und gleichzeitig opulent – jedenfalls eines: die absolute Kehrseite des Mainstreams.

Über die Unendlichkeit

Der Duft der grünen Papaya

GESCHICHTE EINER DIENERIN

8/10

 

duftgruenepapaya© 1993 Prokino

 

LAND: VIETNAM, FRANKREICH 1993

REGIE: TRAN ANH HUNG

CAST: MAN SAN LU, TRAN NU YÊN KHÊ, VUONG HOA HOI, TRUONG THI LOC U. A. 

 

Eine kleine Reise in die Filmwelt der Neunziger gefällig? Wir schreiben das Jahr 1993, da konnte Steven Spielberg mit Schindlers Liste und Jurassic Park gleich zwei Meisterwerke ins Kino bringen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. In Cannes zum Beispiel gewann im selben Jahr ein ganz anderer, viel kleinerer, enorm behutsamer Film aus dem fernen Osten die Goldene Kamera – und zwar Der Duft der grünen Papaya von Tranh Anh Hung. Der vietnamesische Regisseur ist mir seit Cyclo ein Begriff, eine Variation des neorealistischen italienischen De Sica-Filmes Fahrraddiebe. Der Duft der grünen Papaya ist nicht weniger kunstvoll und unendlich weit entfernt von westlichem Mainstreamkino. Dafür aber, und gerade deshalb, umso schöner.

Ich schätze diese Entschleunigung von Visionären wie Weerasethakul, Kim Ki-Duk oder Edwin. Tran Anh Hung gehört genauso dazu. Auf Der Duft der grünen Papaya muss man sich einlassen, da darf man nicht nervös sein, da sollte man so viel Ruhe mitbringen, um diesen künstlerischen Einklang auch als solchen genießen zu können. Schnell hat man den Rhythmus des Films drauf und taucht ein in dieses detaillierte Puppenheim, dass die Geschichte eines Mädchens namens Mùi erzählt, die, aus der Provinz kommend, bei einer reichen Familie in Saigon als Dienstmädchen angestellt wird. Dort trügt der Schein gewaltig, der materielle Wohlstand entspricht natürlich nicht dem Haussegen, der da schief hängt aufgrund sämtlicher Faktoren – einer davon die Promiskuität des Vaters, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bevor er seine Familie wiedermal für andere Frauen verlässt. Inmitten dieses Alltags aus Ritualen, aus Frühaufstehen, Essenkochen, Bodenschrubben entdeckt die junge Mùi ihre eigene Welt, ihre eigenen Konstanten, die im miniatürlichen Zirkus des Lebens aus Ameisen, Fröschen und duftenden Früchten Trost spendet, während die Familie sich immer mehr aufzulösen scheint, der kleinen, fast unsichtbare Welt wenig Respekt zollt und im Vergangenen verweilt. Die Zeit aber macht vor niemandem Halt, und irgendwann sind zehn Jahre vergangen.

Viel mehr geschieht nicht in dieser zärtlichen Meditation, die stets von vietnamesisch-traditioneller Musik in ihrer möglichsten Reduktion begleitet wird. Die Kamera folgt Mùi quer durch das Anwesen, das wie eine Bühne wirkt, mit bloßen Füßen, inmitten tropischer Schwüle. Das Tropfen milchigen Pflanzensaftes kann zum Erlebnis werden, das Abmühen der Ameisen mit Reiskörnern eine Tour de Force und der Geruch der grünen Papayas, wenn die Frucht aufgeschnitten wird und die strahlend weißen Samenkörner offen darliegen, zur sinnlichen Erfahrung. Mùi ist ein ebensolcher Sinnesmensch, eine Art Hausgeist, ein devoter Engel, wie Haushälterin Cleo in Alfonso Cuarons Roma. Beide Filme haben einen ähnlich langen Atem, konzentrieren sich auf Details, während bei Tran Anh Hung das Dienstmädchen nicht nur beobachtendes Auge ist, sondern auch die eigentliche Heldin dieser Entwicklungsgeschichte, die bald zu einer unglaublich diskreten Lovestory avanciert. Die Vietnamesin Tran Nu Yên Khê verkörpert die ältere Mùi, die zwischen kindlicher Neugier und Emanzipation eine selten gesehene Anmut an den Tag legt, fast so wie Maggie Cheung in In the Mood for Love. Der Duft der grünen Papaya ist reinste Filmpoesie, entrückt, bezaubernd, streckenweise gänzlich ohne Worte. Ein Coming of Age-Film, könnte man salopp sagen, doch das wäre fast zu profan für dieses Werk, dass in seinem veträumt-naiven Konservativismus richtig viel Mut beweist.

Der Duft der grünen Papaya

Der Leuchtturm

KEIN PLATZ AN NEPTUNS TAFEL

6,5/10

 

derleuchtturm© 2019 Universal Pictures International

 

LAND: USA 2019

REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: WILLEM DAFORE, ROBERT PATTINSON, VALERIIA KARAMAN U. A. 

 

„Los gehen wir“ – „Wir können nicht.“ – „Warum?“ – „Wir warten auf Godot“. Zwei Seelen im Nirgendwo. Die eine dominant, die andere devot, irgendwann kommt noch ein namenloser Dritter, der sich wie ein Hund aufführt. Machtspiele auf engstem Raum, Suizidgedanken, nahe am Wahnsinn angesichts all der Sinnlosigkeit, die nur beendet werden kann, wenn der eine, dieser Godot, sich derer erbarmt, die auf ihn warten. Samuel Beckett hat seinen Klassiker, wie es scheint, als Allegorie auf die menschliche Existenz entworfen – zugegeben hat er das nie. Die Frage nach dem Zweck seiner Stücke blieb unkommentiert. Dabei macht gerade dieses Werk besonders Sinn – weil es die Episode unseres Daseins so gnadenlos verzerrt. Robert Eggers hat das mit seinem Inselkrieg in Schwarzweiß ungefähr ähnlich betrachtet. Ganz genau weiß ich das natürlich nicht, überhaupt blieben nach Sichtung von Der Leuchtturm manche Fragen offen. Was genau, und das haben sich, so vermute ich, auch andere Seher gedacht, hat dieses durchaus auffällige und gegen den Strom treibende Werk eigentlich zu bedeuten? Aller Zugang fällt schwer, man vergleicht mit bereits Gesehenem, das Grübeln über jedes Detail lässt sich nicht so schnell einstellen.

Für dieses surreale Theater eignet sich nichts besser als ein Eiland im Nirgendwo, umgeben von den unberechenbaren Launen des Meeres. In der Mitte ein Leuchtturm, mit dem Allerheiligsten ganz obendrauf, dem Licht, der Erleuchtung. Zwei Männer – wie bei Beckett: der eine dominant, der andere anfangs devot. Dem einen gehört das Licht, dem anderen die Drecksarbeit. Wie lange kann das gut gehen? Nun ja, es sind vier Wochen, das kann man schaffen. Doch nicht, wenn die Mythologie der Meere auch noch ein Wörtchen mitzureden hat, vor allem dann, wenn der eine – Ephraim – sich an den Seelen toter Seebären vergreift. Von da an tönt das Nebelhorn zum Endspiel. Ein Sturm zieht auf, Realität und Fiktion verschwimmen, das Dasein wird zur Belastungsprobe.

Mehr Plot gibt es nicht, in diesem Mikrokosmos des Kommens, Bleibens und Gehens. Robert Eggers macht aus dieser Allegorie einen wuchtigen, wenn auch in lahmen Leerläufen keuchenden Schreckensreigen, der von ganz klein auf anfängt, und der in arglos sittsamer Orientierung seinen Anfang nimmt, bevor Macht, Gier, Sünde und die Suche nach der Wahrheit zur Geißel werden. Da eignet sich besonders Schwarzweiß, und Eggers hat was ganz Spezielles probiert: so zu filmen, wie seinerzeit die alten Meister  – Murnau, Lang, Wegener, Wiene. In 4:3, analog und in expressionistischem Hell/Dunkel, das vorwiegend in der Hütte unter dem Licht der Petroleumlampe geisterhaft gut zur Geltung kommt. Der Leuchtturm ist ein entrücktes Stück Kino, eine Kopfgeburt und artifizielle Spielerei. Mit Willem Dafoe als Inkarnation aus Iglo-Seebär und Meeresgott Neptun hat er den ungekrönten König der Insel auf der einen Seite gefunden, auf der anderen Seite den argwöhnischen, sich duckenden, durchaus psychopathischen Robert Pattinson, der diesmal so richtig aus sich herausgeht, bis zum Exzess und viel weiter. Beide schenken sich nichts, da ist das Warten auf Godot lieber als das Warten auf das Nachlassen des Sturms. Doch der formlose Leviathan, die Welt der Toten und der vereitelnden Ankläger für welche Sünde auch immer, brechen auf diesen Felsen herein, pflügen die Erde um, lassen Wasser fließen und Blut vergießen. Über allem das gleißende Licht des Leuchtturms. Eine verheißungsvolle Wahrheit, die den Tod bringt, sich maximal posthum erschließt oder im Todeskampf. Ein ernüchterndes Zeugnis, das Eggers hier ausstellt: Der Mensch als geblendeter Sünder, der das Legendenhafte verlacht. Ist Eggers so gelagert? Glaubt er an das Paranormale, Transzendente? Ein Däniken des Kinos? Oder eher Lovecraft?

Was bleibt, ist eine nihilistische Sperrigkeit und das Auskosten eines Wahns, ähnlich wie in Roman Polanskis Psychohorror Ekel oder Der Mieter.  Während bei Polanski die Heimgesuchten schuldlos in den Untergang steuern, und bei Beckett naive Clowns bis in alle Ewigkeit ausharren, streunt in Eggers Film der Mensch als Sünder um den Leuchtturm herum. Die Gültigkeit dessen aber, was man sieht, wird zur Gänze zum Seemansgarn. Kein leichtes Stück Kino also – manisch egozentrisch, panisch und affektiert. Eine Filmerfahrung, das schon – für Liebhaber des schauerlich Abnormalen und für alle Philosophen der Leinwand, die Hochprozentiges gewohnt sind.

Der Leuchtturm

High Life

STERNENKIND IM ERSTVERSUCH

7,5/10

 

highlife© 2019 Pandora Film GmbH & Verleih KG

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN, POLEN 2018

REGIE: CLAIRE DENIS

CAST: ROBERT PATTINSON, JULIETTE BINOCHE, MIA GOTH, LARS EIDINGER, ANDRÉ BENJAMIN U. A. 

 

In meinem absoluten Lieblingsfilm, nämlich 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick, da schwebt das Sternenkind fast schon so wie Major Tom über allen Dingen, scheint ganz plötzlich das Geheimnis hinter seiner Existenz erkannt zu haben, bildet eine Einheit mit dem Universum. Blickt dorthin zurück auf den Moment, in dem die Naturgesetze entstanden sind, und mit den Naturgesetzen auch die Möglichkeit, ein Wesen wie den Menschen zu ermöglichen. Beruhigend, dieses Einheitsdenken. Dass wir nicht verloren sind, sondern Teil des Ganzen. In High Life, einem Science Fiction-Film der vollkommen anderen Art, ist das Bewusstsein, Teil des Universums zu sein, ein verlorenes. Ganz so wie die Charaktere, die sich auf einer einsamen Mission ohne Rückfahrticket befinden, raus aus unserem Sonnensystem in Richtung eines kleinen schwarzen Lochs, dessen Erkundung aber nur die Bonusaufgabe sein soll. Die eigentliche Aufgabe ist die, jenseits von Terra neues Leben auf die Welt zu bringen.

Dabei hat sich zu dieser Aufgabe einzig und allein Wissenschaftlerin Juliette Binoche verpflichtet, genauso eine Straftäterin wie alle anderen auf diesem Schiff, aber zumindest mit genetischem Know-How ausgestattet. Was man von den anderen nicht sagen kann. Also werden die anderen dazu herangezogen, als Versuchskaninchen zu fungieren: als Samenspender und Gebärmutter. Für jene, die es nötig haben, hat dieses Raumschiff so was wie ein Sexzimmer, die so genannte Fuck Box. Dort kann Mann und Frau ihren Gelüsten frönen, ohne unbedingt einen Koitus mit einem Mitinsassen vollziehen zu müssen. Die Besatzung ist schließlich lange unterwegs, so lange wie einst Bruce Dern in Douglas Trumbulls Lautlos im Weltraum, um das bisschen Leben zu retten, was vom Planeten Erde übrig geblieben war. In High Life ist es die Reproduktion des Menschen um jeden Preis. Da ist es egal, wer wen begehrt, welche Sehnsüchte jemand hegt oder welche pathologischen Erscheinungen sonst noch existieren. Claire Denis eigenwilliger Beitrag zur humanphilosophischen Science Fiction reiht sich an die Mindfuck-Meditationen russischer Utopien, hat von Vorbildern wie Solaris oder Arthur C. Clarks Epen gelernt – und doch etwas völlig Eigenständiges entwickelt, einen völlig autarken Beitrag dazu geleistet, wenn es darum geht, die Relevanz des Menschseins im Universum zu betrachten. Dabei ist das Universum im Grunde eine Zigarettenschachtel, ein quaderförmiger Klotz, der im Nichts treibt, und darin spielt sich alles ab, vor allem die Zukunft der menschlichen Rasse und all die Ohnmacht dem eigenen kleinen Schicksal, der eigenen kleinen Reue gegenüber, die man angesichts einer Mission empfindet, die den Horizont erweitern könnte.

High Life ist moderne Kunst, ein photographisches Vexierspiel wie die Filme eines Tom Ford oder Michelangelo Antonioni. Die Odyssee zwischen artifizieller Installation, Avantgardismus und akkuratem Model-Shooting hat etwas Betörendes, vor allem dadurch, weil Denis Dissonanzen ins filmische Tempo bringt. Einmal elegisch, dann durchbrochen von Eruptionen heftiger Gewalt. Dazwischen das Physische, der menschliche Körper als poröses Gefäß, das Spuren hinterlässt, vom Samen bis zur Muttermilch. High Life ist daher auch überhaupt kein gefälliger Film, mitunter durchaus prätentiös und keinesfalls zögerlich in seiner Herausforderung an ein kunstbeflissenes Publikum. In Summe aber hat die Reise ohne Wiederkehr in all seinen Irritationen auch etwas sehr Schönes als Ziel, nach welchem zumindest Robert Pattinsons Charakter zu streben versucht. Er als einziger, der allem entsagt, ein Mönch unter Berserkern. Seine nüchterne, schlichte Figur interpretiert er mit Wohlwollen. Neben ihm machen sowohl Model Mia Goth als eine Art Auserwählte als auch Lars Eidinger (überraschend, ihn hier zu sehen) eine gute Leidensfigur.

Der Mensch ist kein Sternenkind, zumindest nicht jener, der von der Erde kommt, so die Conclusio. Mit Terra haben wir genug zu tun. Trotzdem aber lässt Claire Denis die Möglichkeit, dabei einem Irrtum zu erliegen, zumindest offen.

High Life

Das Wachsfigurenkabinett

AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN

6/10

 

wachsfigurenkabinett© 2020 berlinale.de

 

LAND: DEUTSCHLAND 1924

REGIE: PAUL LENI

CAST: EMIL JANNINGS, CONRAD VEIDT, WILHELM DIETERLE, WERNER KRAUSS, OLGA BELAJEFF U. A.

 

Vier Jahre noch, dann feiert vorliegender Stummfilm aus dem Jahr 1924 sein 100-Jahre-Jubiläum. Da könnte man gleich auf die nächste Hektode das Glas erheben. Weil Stummfilme, die werden niemals aus der Mode kommen, zumindest die wirklich alten Werke nicht. Denn sowas, das sieht man nicht mehr alle Tage, weckt aber die Tage genug Neugier. Es ist etwas Museales, etwas Historisches, es ist längst nicht mehr nur Unterhaltung – es ist Bildung. Es ist Kulturerbe. Es ist der Rückblick auf eine Zeit, in der noch niemand zuhause vor dem Fernseher saß und Bingewatching betrieben hat, sondern für einen Abend ins Kino ging, egal was lief. Kino war eine Attraktion, ein eigenes kleines Festival, nicht weniger exponiert wie Theater oder irgendeine Revue im Varieté. Als wäre man auf einem Jahrmarkt, und würde seine paar Groschen ausgeben für Geschichtenerzähler, Jongleure, Gaukler und Freakshows. Nebenbei war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zeit des künstlerischen Um- und Aufbruchs, einer revolutionären, avantgardistischen Sichtweise vor allem in den bildenden Künsten: Der Expressionismus hatte in der zweiten Dekade seine Blütezeit, und fand in den laufenden Bildern ein weiteres Medium, um sich zu entfalten. Robert Wiene entwarf mit seinem irren Cabinet des Dr. Caligari ein Paradebeispiel für Expressionismus im Film, Paul Wegener setzte seinen Golem in die Welt und Paul Leni, ja der war ebenfalls einer der Vertreter dieses unverkennbaren Stils aus bizarren Kulissen, Überblendungen und exaltierten schauspielerischen Gebärden. Eines seiner wichtigsten Werke, das eben auch komplett restauriert zur diesjährigen Berlinale wiederaufgeführt wurde, mit der Free-Jazz-Livemusik des Ensembles Musikfabrik, das ist Das Wachsfigurenkabinett.

Dieser 80-Minüter erstrahlt nun in den unterschiedlichsten Farben, so wie Fritz Langs überarbeitete Version von Metropolis. Wäre meiner Meinung gar nicht nötig gewesen. Schwarzweiß ist sowieso ziemlich selten geworden, es ist angenehm fürs Auge und künstlerisch gesehen ohnehin eine gemähte Wiese für allerlei Kontraste. Aber gut, koloriert ist koloriert. Die Musik selbst, die unterstreicht die bizarren Geschehnisse in solidem, teils schrillem Gedöns. Wirklich sehenswert sind Paul Lenis spektakuläre Kulissen. Wie schon bei Caligari und Co definiert sich hier der expressionistische Stil in der Ausstattung. Schiefe Winkel, verbogene Türen und Fenster. Ganz Bagdad erscheint wie das Innere eines Termitenbaus. Wovon das Wachsfigurenkabinett handelt? Nun, es ist kein Gruselfilm, wie man vermuten würde. Es sind drei Episoden, die von jeweils einer Wachsfigur erzählen, über die ein namensloser junger Dichter berichten soll. Der erste ist Harun al Raschid, der zweite Iwan der Schreckliche, der dritte Jack the Ripper. Ursprünglich hätten es vier sein sollen, man sieht sogar die letzte Figur des Räubers Rinaldo Rinaldini, doch leider gab’s kein Budget mehr, und so musste Leni den Film entsprechend kürzen. Mit dem Timing, da hapert’s natürlich ganz gewaltig. Die erste Episode ist noch detailverliebt auserzählt, die zweite ist schon etwas kürzer. Zu Jack the Ripper fällt Leni überhaupt nichts mehr ein, da bleibt das Ganze ein Tagtraum. Beeindruckend ist neben den Bühnenbildern aber auch noch das Aufgebot vieler großer Namen, die damals das Kino beherrschten. Emil Jannings, der erste Oscarpreisträger überhaupt, gibt den Sultan Rashid als aufdringliche, groteske Karikatur mit verzerrter Mimik. So spielt heutzutage kein Schauspieler mehr. Conrad Veith – nicht weniger expressiv – ist Iwan der Schreckliche, der dem Wahnsinn verfällt. Und Werner Krauß? Der hat als Messermörder kaum noch Spielzeit.

Das Wachsfigurenkabinett wirkt wie unvollendet, am Ende hingehudelt, als gäbe es neben dem Geld auch noch keine Zeit mehr. Jannings wird später dem Blauen Engel zum Opfer fallen. Und nach Krauß Schauspielschulen benannt werden. Veith wird man gar in Casablanca widerfinden. So gesehen ist Lenis Budenzauber ein kleines Who is Who aus frühen Tagen, dass so seine bemüht kaschierten Macken hat, aber im Grunde für einen Filmband der anderen Art sorgt, vor allem, wenn man von aktuellen Kino-Trends mal Pause braucht.

Das Wachsfigurenkabinett

Die Blüte des Einklangs

EIN PILZ HEILT ALLE WUNDEN

3/10

 

blueteeinklangs© 2018 Filmladen

 

ORIGINALTITEL: VISION

LAND: JAPAN, FRANKREICH 2018

REGIE: NAOMI KAWASE

CAST: JULIETTE BINOCHE, MASATOSHI NAGASE, TAKANORI IWATA, MARI NATSUKI U. A.

 

Die beste Zeit für Schwammerlsucher ist rein witterungsmäßig nach ausgiebigem Regen, und zu einer Jahreszeit, in der es noch relativ warm ist. Das heißt: Dampfen muss der Wald, dann sprießen sie schon wie die besagten Pilze aus dem Boden, diese Pilze. Eine noch bessere Zeit zum Pflücken dieser Lebensformen, die weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen gehören, ist im Abstand von 100 Jahren genau dann angebrochen, als die Französin Jeanne im Zug durch Japan fährt. Sie ist auf der Suche nach diesem Gewächs namens Vision, das angeblich ultimative Heilung bringen soll, für Körper und Seele, aber mehr für die Seele, so wie mir scheint. Juliette Binoche spielt diese Reisende, und sie ist in Begleitung einer Dolmetscherin, da sie selbst kein japanisch spricht und auch so Schwierigkeiten hat, mit der Lebensgewohnheit des eremitischen Försters Tomo klarzukommen. Andererseits aber fasziniert er sie – und sie verliebt sich in ihn. Von Tomo, dem lakonischen Eigenbrötler, lässt sich das schwer sagen. Emotionen sind nicht dessen Stärke. Dafür aber Kontinuität in der Ein-Mann-Forstwirtschaft. Aber so wird man eben, wenn man in der Einschicht lebt, da spricht man nur noch mit den Bäumen, oder mit angeblich 100 Jahre alten, blinden Frauen. Die einiges zu wissen scheinen über diese Pflanze, diese Blüte oder diesen Pilz? Von dem keiner genau weiß, was es ist. Aber irgendwie hängt alles mit einem magischen Baum zusammen, und mit der Geburt eines Kindes mitten im Wald – und Juliette Binoche hat damit zu tun.

Ach du liebe Zeit, was ist nur aus dir geworden? In Naomi Kawases superesoterischer Filmmeditation spielt temporäre Stringenz überhaupt keine Rolle. Und auch sonst nichts, was zu einer handfesten Geschichte beitragen würde. Die Blüte des Einklangs, die interessiert nur eines: so verschwurbelt wie möglich einen Einklang zu finden, doch was Kawase da alles an magischen Zutaten in den brodelnden Kessel wirft, trübt die Sinne. Die Liebesgeschichte zwischen Juliette Binoche und ihrem Hinterwäldler ist so hölzern wie die aparte Forsthütte im grünen Nirgendwo, und die Suche nach der wirkungsvollen Pseudo-Blüte so zerstreut wie der Versuch, während eines Traumes den Fortgang des Erlebten zu bestimmen. Allein: es klappt nicht, sofern man sich nicht vor dem Einschlafen ausdauernd sein eigenes gewünschtes Traumprogramm suggeriert. Das hat Kawase nicht getan, sie hat sich beim Verfassen ihres Scripts sehr auf Assoziationen verlassen, hat sich womöglich gar während einer meditativen Phase dem willkürlichen Verlauf ihres Drehbuchs hingegeben. Am Ende kommen zwar manche Fäden zusammen, aber die Metaphysik dieser entrückten Welt ist viel zu pinseldick aufgetragen. Die Blüte des Einklangs versucht, bedeutungsschwer genug zu sein, um als erlesene Filmkunst zu gelten. Spätestens wenn sich mitten im Wald hingebungsvolle Individuen in bizarren Ausdruckstänzen zu erklären versuchen, indem sie nichts erklären, ist für mich im Gegensatz zu Juliette Binoche der Zug ins transzendente Hinterland Japans abgefahren.

Die Blüte des Einklangs

Leid und Herrlichkeit

EIN MANN SIEHT ROT

8/10

 

LEID UND HERRLICHKEIT© 2019 Constantin Film

 

LAND: SPANIEN 2019

REGIE: PEDRO ALMODOVAR

CAST: ANTONIO BANDERAS, PENELOPE CRUZ, NORA NAVAS, LEONARDO SBARAGLIA, ASIER ETXEANDIA U. A. 

 

Mein letzter Film des Spaniers Pedro Almodovar ist doch schon ein Weilchen her. Das war Hable con ella – Sprich mit ihr. Ein ungewöhnliches, bemerkenswertes, allerdings auch recht bizarres Drama, zweifelsohne aber ein großartiger Film. Später hatte ich den Exzentriker nicht mehr so am Radar, fragt mich nicht wieso. Alles über meine Mutter war ja nicht weniger ein Meisterwerk, und wurde völlig zu Recht oscarprämiert. Almodovar schafft es, als Autorenfilmer sehr dichte, vor allem sehr familiäre Beziehungskisten zu zimmern, die bei anderen, weniger ehrgeizigen Filmemachern wohl an ihrer eigenen Seife ausgerutscht wären. Der Spanier allerdings setzt auf Kontraste, dramaturgische Kontraste. Und er versetzt seine Werke mit kontinuierlichem, autobiographischem Statement. Wie es Woody Allen zum Beispiel auch macht. Nur Almodovar geht es im Gegensatz zu Allen viel mehr um die Ursache seines Egos als um neurotische Symptomatik. Krankheitsbilder haben seine Figuren aber genauso. Wo die Therapie aber nicht weiterhilft, bleibt nur noch die Analyse. Und die weckt Erinnerungen und Assoziationen, die aus Leid und Herrlichkeit in abwechselndem Rhythmus die Leinwand bestimmen.

Zu Beginn ist noch alles im Argen. Antonio Banderas, der, sagen wir´s mal so, zu seinem Meister zurückgefunden hat, durch welchen er eigentlich berühmt wurde, lässt sich in seiner Rolle des durch und durch und vor allem körperlich leidenden Regisseurs Salvador Mallo so richtig fallen. Banderas kann und konnte, rückblickend auf sein filmisches Schaffen, eigentlich alles spielen – vom Assassinen an der Seite Sylvester Stallones bis zum eigenbrötlerischen Schmerzensmann, der höchst depressiv ist und demzufolge in einer Schaffenskrise steckt, der er sich nur entwinden kann, wenn er zurück zu seinen Wurzeln geht. Es ist wie eine Rückführung unter Hypnose, der sich Mallo stellen muss, dieser sensible, leidende Apoll, der die paralysierende Wirkung von Heroin entdeckt und im Zuge dessen die filmpoetische Version einer versonnenen Reise durch die eigene Zeit unternimmt. Leid und Herrlichkeit hat zwar von Anfang an mein Interesse geweckt, die Faszination dafür aber kam etwas versetzt, als hätte der Film eine Inkubationszeit, allerdings im positiven Sinn. So, wie Almodovars Werk wirkt, das lässt sich nicht in vielen Filmen finden. Der von ihm mit vielen Details und emotionaler Distanz geschaffene Zustand mag zwar adhoc seltsam wenig tangieren, doch diese unerwartet entspannte, für einen Almodovar relativ unschrille und entschleunigte Stimmung geht in zarter Indiskretion auf den Zuseher über. Er hat was enorm beruhigendes, dieser Film, und gleichzeitig etwas sehr stark versöhnliches, mit der eigenen Biografie zu spielen, mit den Erinnerungen, die nicht von Wehmut durchdrungen sind, sondern von Inspiration für das, was kommen mag.

Dafür taucht Leid und Herrlichkeit mit dem Tupfer tief in den Farbtopf und entwirft geradezu streng gesetzte Formeln aus Rot und Grün, wobei Rot das expressive Um und Auf des Films ist. Kein Take, keine Sequenz, kein Schauplatz, der nicht irgendwo ein Element in dieser reinen, strahlenden Spektralfarbe birgt, irgendwo im Hintergrund, manchmal aber ist es auch das Gewand einer der Schauspieler. Rot durchdringt auch Alles über meine Mutter. Rot ist die Farbe Almodovars. Und er komponiert und inszeniert sie mit verschwenderischer Freude am Setzen von Akzenten. Die Herrlichkeit, die findet sich in dieser Ästhetik und lässt sich nicht lange bitten, um gefunden zu werden. Sie kommt auf leisen Sohlen, und weckt eine befriedigende, stille Freude, wenn ein kunstbeseelter, vermeintlich gefallener Virtuose eine Muse entdeckt, die in ihm selbst steckt. Denn die eigene Geschichte lässt sich ein ganzes Leben lang erzählen. Das ist egozentrisch zwar, gar ein wenig eitel, aber letzten Endes macht ein Künstler Kunst für sich selbst. Für wen denn auch sonst?

Leid und Herrlichkeit

Portrait einer jungen Frau in Flammen

DAS BILDNIS DER EURYDIKE

7,5/10

 

jungefrauflammen© 2019 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: CÉLINE SCIAMMA

CAST: NOÉMIE MERLANT, ADÈLE HAENEL, VALERIA GOLINO U. A. 

 

Eine junge Frau müht sich die französische Steilküste hoch, mit Sack und Pack, und einer Holzkiste über den Schultern, die sie einfach nicht verlieren darf. Darin sind zwei Leinwände, denn Marianne, die junge Dame, ist Malerin. Das Anwesen, das sie besucht: weitab vom Trubel der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Darin lebt eine italienische Gräfin, die das Hochzeitsbild ihrer Tochter anfertigen will, die aber eigentlich für ein Leben im Kloster bestimmt war, nun aber den Platz ihrer Schwester einnehmen muss, die den Freitod gewählt hat. Geheiratet muss trotzdem werden, diese Zwangsjacke ihrer Zeit muss sich die junge Héloïse überziehen, es hilft alles nichts. Dementsprechend ungern will sie gemalt werden, dementsprechend zurückgezogen lebt sie. Das Knifflige an der Sache: Künstlerin Marianne muss ein Bild anfertigen, ohne dass die gnädige Frau Modell sitzt. Ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, Frau hat die Fähigkeit, sich das Gesicht der Zwangsverlobten einzuprägen und später nachzuzeichnen. Lässt sich jedes Detail des Konterfeis aus den Erinnerungen abrufen, dürfte der Auftrag kein Problem darstellen. Nur kommt es wie es kommen muss, die beiden jungen Frauen mögen einander, und das immer mehr. Während die Gräfin tagelang auf Ausgang ist, steht der körperlich-geistigen Annäherung nichts mehr im Wege. Maximal das lodernde Lagerfeuer eines Volksfestes.

Dieses lodernde Feuer, das ist längst nicht der einzige, sondern einer von vielen Symbolismen in dieser historischen Liebesgeschichte, die sich auf ihre prägnante Bildsprache verlässt. Zwar auch genug Worte findet, die Amour fou aber mit ikonischen, stilistisch leicht identifizierbaren Versatzstücken aus der Zeit der Frühromantik ausstattet. Maler Kaspar David Friedrich zum Beispiel findet sich in den Küstenbildern immer wieder. Gegen das strenge Interieur der herrschaftlichen Räume, stets in pastelligen Farben und getaucht in helles Licht, steht die ungestüme Natur des Windes, der Wellen und der Flammen. Emotion, innere Erregtheit, Leidenschaft und Sehnsucht, überbordende Gefühle. Regisseurin Céline Sciamma zwängt das raue Verhalten der Landschaft, die aus dem Filmformat herauswill, mit harten Schnitten in einen menschengemachten Zwinger der Zurückhaltung – dafür stehen die Räumlichkeiten, der Bilderrahmen, die eher unbeholfenen, zaghaften Versuche, Gefühle zu artikulieren.

Sciamma setzt in ihrem langsam erzählten, sachten Portrait aber in Sachen Metaphorik noch eines drauf: Sie verwebt ihr Portrait einer jungen Frau in Flammen mit den Mythen einer griechischen Sage – nämlich jener von Orpheus und Eurydike. Orpheus, der Dichter, Künstler und Musiker, der in die Unterwelt absteigt, um von Hades seine Geliebte Eurydike zurückzuholen. Zum Verhängnis wird diese legendäre und vielfach interpretierte, tieftraurige Geschichte durch die fatale Ungeduld des Herzens. Denn Hades, der gibt Eurydike frei – unter der Bedingung, das Orpheus sich auf dem Weg ins Diesseits kein einziges Mal nach seiner Geliebten, die hinter ihm hergeht, umdrehen darf. Natürlich tut er es. Doch: warum? Diese Frage steht auch bei Sciammas Film im Raum, und wird aus mehreren Blickwinkeln gesehen. Letzten Endes hättes es Eurydike sein können, die Orpheus dazu gebracht hat, sich umzudrehen, da sie ihr Schicksal akzeptiert hat. Das Bild ihrer Erinnerung gibt sie ihrem Geliebten mit auf den Weg. Die Exegese dieses Mythos ist ein weiteres Schlüsselthema im Portrait einer jungen Frau in Flammen. Es heißt aufmerksam bleiben, beobachten, denn dieser Film lebt von der drängenden Aufforderung, interpretiert und verstanden zu werden.

Das Portrait einer jungen Frau in Flammen, Gewinner der Goldenen Palme für das beste Screenplay, erinnert in ihrer Bildsprache und dem Verzicht von Musik und unnötigem Bombast an den Stil von Jessica Hausner. Sciammas Film ist haarklein und bedächtig aufgedröselt, hat keine Eile, auch wenn ich mir manchmal mehr Unmittelbarkeit gewünscht hätte, aber diese Eile macht die Filmemacherin mit der unorthodoxen Art, ihre Szenen zu verknüpfen, wieder wett. Das ist das Korsett, in dem beide stecken – Adéle Haenel als ein Engel in Ketten, als eine Art Geistwesen, die sich ihrer Bestimmung hingibt, wie Eurydike. Und Noémie Merlant (u. a. Der Himmel wird warten) als weltgewandtere Künstlerin, die wie Orpheus auf Sehnsucht und Erinnerung setzt. Erst am Ende erschließt sich das Spiel der visuellen Deutungen und Bedeutungen, und wenn Vivaldis Jahreszeiten erklingen, mit dem Blick auf Adéle Haenels bebenden Lippen, dann wird klar, das Sciammas zarter Liebesfilm eigentlich ein Vexierspiel mit den Erinnerungen an eine unmögliche Zukunft ist, mit denen sich gesellschaftlich untragbare Liebe damals wie vielerorts auch heute noch begnügen muss.

Portrait einer jungen Frau in Flammen

Mein Engel

EYES WIDE SHUT

7/10

 

meinengel© 2016 capelight pictures

 

LAND: BELGIEN 2016

REGIE: HARRY CLEVEN

CAST: ELINA LÖWENSOHN, HANNAH BOUDREAU, MAYA DORY, FLEUR GEFFRIER, FRANCOIS VINCENTELLI U. A.

 

Das hätte David Copperfield auch sehr leicht passieren können: zaubern, und den Zauber nicht mehr umkehren können. Irreversible Magie sozusagen. Nur keine Panik, Zaubertricks sind nur Illusion. Das heißt: Copperfield wäre niemals in der chinesischen Mauer stecken oder irgendwann unsichtbar geblieben. Im Kino ist das anders. Im Kino ist Illusionskunst manchmal wirklich das Ergebnis einer Fähigkeit, die als paranormal zu bezeichnen ist. Und diese Kunst, die geht schief. Der Magier bleibt unsichtbar. Und Louise, seine Geliebte, versteht die Welt nicht mehr. Die anderen verstehen Louise natürlich auch nicht mehr, also wandert sie in die geschlossene Anstalt. Um dieser bizarren Situation aber noch eins draufzusetzen: Louise bringt einen Sohn zur Welt – der ebenfalls unumkehrbar unsichtbar bleibt.

Was für eine seltsame Fügung, was für eine seltsame Idee, die der Belgier Harry Cleven da aufgegriffen hat, um daraus einen Film zu machen. Natürlich denkt man da gleich an einen Superhelden, einen X-Men oder gar an den Unsichtbaren aus dem klassischen Dark Universe, der bald schon wieder auf der Leinwand zu sehen sein wird. Nein, Cleven geht die Sache ganz anders an, und führt die Prämisse in die Richtung eines mehr sphärischen als atmosphärischen, vor allem aber enorm sinnlichen Liebesfilms, der ein wunderbar anregendes Element in die ganze surreale Szenerie versenkt: Der namenlose Unsichtbare, der nur Mein Engel genannt wird, verliebt sich in kindlichen Jahren in ein blindes Mädchen, dass von seiner Transparenz natürlich nichts mitbekommt und ihn nur zu fühlen, riechen und schmecken braucht. Dumm nur, dass sich Madeleine Jahre später einer Augenoperation unterzieht, um erstmals sehen zu können.

Mein Engel ist ein assoziatives Memory aus Bildern, verschwommenen Sichtweisen und Gesichtern. Ein traumartiges Gebilde, das nur schüchtern einer zarten Ballade folgt, die von der Bedeutung unserer Sinne erzählt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – so heißt es doch bei Antoine Exuperys kleinem Prinzen. Das gleiche gilt aber auch für die beiden Liebenden hier, vor allem für Madeleine, welche die Kraft des Sehens neu definiert. Denn sehen lässt sich auch ganz anders. Und manchmal muss man die Augen schließen, um alles begreifen zu können. Der von Jaco van Dormael produzierte und auch sichtlich von ihm beeinflusste belgische Kunstfilm erinnert in seiner assoziativen, experimentellen Kameraführung stark an das Kino von Julian Schnabel, insbesondere an seinen Film Schmetterling und Taucherglocke. Unverkennbar aber auch der Einfluss Krysztof Kieslowskis, vor allem, was die Metaphysik der menschlichen Existenz betrifft. Als meditatives Philosophikum lässt sich dieser Film betrachten, als ein fragmenthaftes, aber dennoch stringentes Gespinst zur Relativität des Sehens und Erfassens, eingebettet in einer sehr körperlichen, erotischen Abhängigkeit, die sich – wie typisch eben für van Dormael – manchmal ein bisschen selbst karikiert, ohne sein Thema aber lächerlich zu machen. Dank der knappen Laufzeit von rund 80 Minuten erliegt Mein Engel nicht dem Problem, seinen kreativen Ist-Zustand allzu auszureizen, doch selbst bei dieser Kino-Miniatur ist Muße gefragt – aber die haben entspannte Kinogeher mit Hang zu poetisch-phantastischen Denkspielchen ohnehin.

Mein Engel