Old

GEMEINSAM ALT WERDEN

5/10


old© 2021 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN, NACH DER GRAPHIC NOVEL SANDCASTLE

CAST: VICKY KRIEPS, GAEL GARCÍA BERNAL, RUFUS SEWELL, ABBEY LEE, THOMASIN MCKENZIE, ALEX WOLFF, KEN LEUNG, NIKKI AMUKA-BIRD, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Kaum, so habe ich mir sagen lassen, beginnt die Pension, spult sich das Leben viel schneller ab als vorher. Die reguläre Arbeit fällt weg, man hat plötzlich viel mehr zu tun, und Wochenenden werden auch nicht mehr so heiß herbeigesehnt wie in Zeiten des Nine to Five. Mit der Pension kommt das spürbare Alter, nichts geht mehr so schnell wie man will. Am besten die Zeit anhalten, denn die Angst vor dem Zellabbau war und ist groß. Warum wohl hat Gräfin Báthory im Blut von Jungfrauen gebadet? Warum wollten sich wohl die Pharaonen einbalsamieren lassen? Die Angst vor dem Zerfall ist auch im Kino ein gern bedachter und erörterter Themenkreis. Mal abgesehen von den Untoten-Mysterien bleiben Filme wie Der Tod steht ihr gut einfach in Erinnerung. Der Horror entsteht dann erst, wenn das Altern plötzlich rasend schnell vonstatten geht, wie zum Beispiel in Tony Scotts Horrordrama Begierde. Ja gar in Indiana Jones zerfällt man zu Staub, wird der falsche heilige Gral zum Trunk gereicht. In 2001 – Odyssee im Weltraum musste Astronaut Dave sich selbst dabei zusehen, wie er im Eiltempo senil wird, dem Monolithen sei Dank. M. Night Shyamalan dringt mit seinem jüngsten Werk Old somit in keine allzu unbekannten Regionen vor. Allerdings erklärt er einen Zustand, der anderswo womöglich nur die Moral von der Geschichte wäre, zum Main-Act eines seltsamen Strandausflugs, der sich in vielen Szenen so anfühlt wie souveränes Formeltheater des Absurden.

Spannend ist dabei natürlich, zu beobachten, was Shyamalan aus dem leidigen Dilemma mit dem Älterwerden alles anstellt. An diesem Strand, der mich ob seiner kargen Felswände wirklich nicht von den Socken haut; der an sich schon etwas Bedrohliches aufweist und gegen die Felsbucht auf Zakynthos inklusive Schmuggler-Schiffswrack sowas von überhaupt nicht ankommt, sammeln sich wie bei Agatha Christie von jung bis alt unterschiedliche Ausflügler – zwei Familien und ein bekannter Rapper, der sich abseits hält –, um dem Bösen unter der Sonne die Stirn zu bieten. Doch als Hercule Poirot wird sich im Laufe der bizarren Begebenheiten keiner so wirklich aufspielen wollen. Stattdessen wundern sich Vicky Krieps (die bald als Sisi in Marie Kreutzers Corsage zu sehen sein wird), Gabriel García Bernal oder Thomasin Mackenzie über Wachstumsschübe und Sinnesdefizite, über plötzliche Schwangerschaften und wuchernde Krankheiten. Zurück zum Hotel kann das Grüppchen Sonnenbadender auch nicht, eine seltsame Kraft hindert sie daran. So hadern sie und akzeptieren ihr Schicksal, während der Nachwuchs kaum mehr wiederzuerkennen ist und die Zeit in Form von Zellzerfall allen davonläuft.

Natürlich ist das Gleichnis einer nicht aufhaltbaren Entropie wert genug, damit herumzuspielen. Shyamalan gefällt aber nicht nur der philosophische Ansatz daran. Der meist von älteren und ferneren Familienmitgliedern zu entsprechenden Zusammenkünften staunend herausposaunten Phrase „Groß bist du aber geworden“ zeigt der kreative Inder die lange Zunge. Schließlich impliziert das ja, dass der oder die Feststellende um genauso viel älter geworden sein muss. Doch es bleibt nicht beim Arrangement einer resignierenden Zwangsgemeinde, die sich der Dynamik des Alterns unterwirft – womit Old als surreales Statement sich selbst genügen könnte.

Shyamalan kann oder will jedoch nicht den Erwartungshaltungen seines Publikums zuwiderhandeln, erwartet dieses doch wieder den obligaten Story-Twist, vielleicht gar vom Kaliber wie in The Sixth Sense. Gut, sowas gelingt nur einmal, alle anderen Twists funktionieren als erfrischendes Storytelling aber doch noch. Um dieser Konvention treu zu bleiben, arbeitet Old auch im Bereich des Mystery-Abenteuerfilms, was sich nur holprig mit der gekünstelten, fast schon installationsartigen Zurschaustellung einer menschlichen Urangst vereinbaren lässt. Als Thriller bleibt Old auf der Strecke, als absurde Parabel mag der Film seine Stärken haben. Mit beidem aber akzeptiert Shyamalan während seiner unentschlossenen Strandwanderung halbherzige Kompromisse.

Old

Nebenan

EGO-FALLE STAMMBEISL

7,5/10


nebenan© 2021 Warner Bros. Entertainment GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: DANIEL BRÜHL

DREHBUCH: DANIEL KEHLMANN

CAST: DANIEL BRÜHL, PETER KURTH, RIKE ECKERMANN, AENNE SCHWARZ, GODE BENEDIX, MEX SCHLÜPFER, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Dem geschätzten Niki Lauda an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön: Durch Daniel Brühls Darstellung des österreichischen Kult-Rennfahrers in Ron Howards Rush ist dieser in den Olymp großer Eventfilme aufgestiegen, und zwar ins Marvel-Universum. Dabei ist Brühls Rolle in diesem dicht bevölkerten Kosmos an metaphysisch begabten Egozentrikern und Altruisten eine gar nicht mal so Unbedeutende: Baron Zemo, der Mann mit der violetten Cord-Maske und Schürer des Unbehagens auf Seiten Wakandas, hat dieser doch in The First Avenger: Civil War gleich Teile der Wiener UNO-City gesprengt. Unter den Opfern: T’Challas Altvorderer. In The Falcon and the Winter Soldier darf jener, der Lenin damals verabschiedet hat, auch nochmal – und diesmal wirklich mit Maske – Disney+ veredeln. Was für eine Karriere. Und Brühl geht souverän damit um. Keine Gossips, keine Allüren (wie es scheint) – einfach nur Professional Work auf allen Kirtagen.

An so einem Erfolgszenit bedarf es gerne mal eines Moments innerer Einkehr. Um mal nachzusehen, was für ein Mensch man dadurch eigentlich geworden ist. Brühl fällt dabei kein Zacken aus der Krone – er weiß, was er zu tun hat. Nämlich: sich selbst und das Umfeld an Leuten, mit und zwischen denen er arbeitet, mal auf Augenhöhe mit den Normalsterblichen von nebenan zu bringen. Brühls autobiographische Idee hatte dann einer wie Daniel Kehlmann umzusetzen, inszenieren kann Zemo dann wieder selbst. Ein Kammerspiel ist hierbei entstanden, oder besser gesagt: ein Kneipenspiel beim Bierwirt ums Eck. Eine Schrulle aus Eitelkeiten und obsessiven Observationen. Denn kaum ein Unbekannter, mit dem man als Filmstar ein Gespräch anfängt, ist, was er vorgibt zu sein. Aber – ist das umgekehrt nicht auch so?

Es muss also Filmstar Daniel (eigentlich als er selbst) ganz dringend und unbedingt nach London zu einem Casting für einen neuen Superheldenfilm. Vorher bleibt ihm noch Zeit, um bei einem Kaffee im Stammlokal nochmal den Text durchzugehen. Eine Seite Drehbuch, hinten und vorne keine Ahnung, worum es eigentlich geht, und die Anforderung, der Beste zu sein, scheint recht schwierig zu werden. Für Ablenkung sorgt ein Mann namens Bruno, der den jungen Künstler permanent anstarrt. Die beiden kommen bald in ein Gespräch – über Daniels Filme und wie unglaubhaft diese nicht sind. Bald gibt es Ego-Kränkungen und Beschwichtigungen, und bald gibt Bruno sich als Nachbar zu erkennen, der mehr über Daniel weiß, als diesem wohl lieb sein wird.

Daniel Brühls Regiedebüt ist eine kleine Entdeckung. Eine mitunter beklemmende, aber schwarzhumorige Besonderheit, die sich umgestülpten Motiven des Suspense-Kinos bedient. Kehlmann leiht dem zur Selbstironie und auch -kritik bestens aufgelegten Brühl und seinem Gegenüber Peter Kurth (Babylon Berlin) jede Menge scharfschneidiger Dialogzeilen, die sich bestens ergänzen und sich in einem geschmeidigen Gesprächsrhythmus verzahnen. Vor allem Kurth, der schon in Babylon Berlin oder In den Gängen beeindruckende Leistungen absolviert hat, darf auch hier so viel schmeichelhaft-höfliche Bedrohung ausstrahlen, dass man als Zuseher gerne versucht ist, diesen Brummbären zu unterschätzen, dabei aber Gefahr läuft, durch die Hintertür von ihm erledigt zu werden. Doppelbödige Wortduelle lassen die vom Bier- und Kaffeedunst patinierte Kiezkneipe am Prenzlauer Berg zu einer Arena der Befindlichkeiten mutieren, die dem jeweils anderen in seiner Ego-Verwirklichung im Wege stehen. Doch wer ist im Recht, und wer muss sein Dasein überdenken? Wir haben den Star, den alle lieben und der sich gnadenlos selbst überschätzt – und den Zaungast des Ruhms, der nichts davon hat, außer die unüberhörbaren Eitelkeiten der Elite. Da trifft Missgunst auf Arroganz, da denkt der Promi darüber nach, was das Wissen um seine Person wert ist. Und der Unbekannte, was dieses Wissen ihm wohl bringt.

Nebenan ist eine leidenschaftlich vorgetragene inszenatorische Fingerübung über das Bocken zweier Klassen und das Prosten mit Bier auf gleicher Höhe. Dazu noch die Sulz des Hauses, und der Tag kann bei weitem anders beginnen als geplant.

Nebenan

Bergman Island

IM GEISTE ALTER SCHWEDEN

7/10


bergmanisland© Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, SCHWEDEN, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: MIA HANSEN-LØVE

CAST: VICKY KRIEPS, TIM ROTH, MIA WASIKOWSKA, ANDERS DANIELSEN LIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


In guter Stimmung? Dem kann abgeholfen werden, und zwar am besten mit einem der Filme von Ingmar Bergman, dem Meister des depressiven Kinos in Richtung Psychose. Doch es gibt auch Sanfteres aus seinem Œuvre, wie zum Beispiel das grandiose Epos Fanny & Alexander. Ein Kult schlechthin: Das siebente SiegelMax von Sydow spielt Schach mit dem Tod. Diese Szene kennt fast ein jeder. Hartgesottenen wäre Das Schweigen oder Die Stunde des Wolfs nahezulegen. Für Melancholiker mit Liebe zum Surrealen das für mich beste Werk seines Schaffens: Wilde Erdbeeren. Einige davon haben die Breitenseer Lichtspiele, eines der ältesten Kinos der Welt, vor ewigen Zeiten mal in einer Retrospektive gebracht. Filmgeschichte für Feinschmecker. Wenn man nach sowas nicht schon genug oder aber an Ingmar Bergman einen Narren gefressen hat, so bucht man gleich den nächsten Urlaub auf der schwedischen Insel Fårö, auf welcher der Altmeister und Vater von neun Kindern aus sechs Beziehungen bis zu seinem Tod gelebt hat. Und damit nicht genug: das pittoreske Eiland bietet auch allerhand Filmschauplätze, die tatsächlich im Rahmen einer sogenannten Bergman-Safari zu besichtigen sind.

Falls aber gerade das nötige Kleingeld und auch die Zeit fehlt, tun es auch die knapp zwei Stunden Film von Mia Hansen-Løve: Bergman Island. Dabei scheint es fast unmöglich, im Zuge eines tatsächlichen Ausflugs auf die Insel mehr zu erfahren als während dieser knietiefen Verbeugung vor einem Idol des europäischen Autorenkinos. Es ist, als wäre man dort gewesen. Und man weiß auch: das Haus aus dem Film Wie in einem Spiegel hat es zum Beispiel nie gegeben. Insiderwissen für Filmnerds. Allen anderen, die Ingmar Bergman nicht kennen oder noch nie einen Film von ihm gesehen haben, werden sich während dieser zwei Stunden aufgrund irrelevanter Informationen regelrecht langweilen.

Ich gehöre nicht dazu, ich kenne Ingmar Bergmans Schaffen zu einem beträchtlichen Teil. Auch Tim Roth und Vicky Krieps sind im Bilde, reisen sie doch zur Erweiterung ihres kreativen Schaffens als Filmemacher an dieses Fleckchen europäische Erde, um in einem herrlichen Ferienanwesen einschließlich des Ehebettes aus dem Film Szenen einer Ehe nächste Projekte zu erarbeiten. Tim Roth alias Tony, ein renommierter Regisseur, fällt das Arbeiten leicht, da sprudeln die Ideen. Vicky Krieps alias Chris tut sich im Schatten ihres Künstlerpartners sichtlich schwerer und muss erst mal die Gegend in sich aufnehmen, um auf andere Gedanken zu kommen. Was dabei entsteht, ist der Stoff für einen Film mit autobiographischen Zügen.

Bergman Island ist ein spezieller Film für ein spezialisiertes Publikum, für Filmhistoriker und Autorenfilmfans, die vielleicht selbst gerne schreiben, über Inspiration selbst einiges zum Besten geben können und Schreibblockaden als etwas wirklich Schmerzliches empfinden. Vicky Krieps, seit Der seidene Faden mit internationalen Stars auf Augenhöhe, erforscht mit respektvoller Neugier Bergmans Geist, der über allem schwebt – ihr fiktives Alter Ego Mia Wasikowska ist dann bereit für die Wehmut einer unerfüllten, grenzenlos scheinenden Liebe aus schmerzlichen Erinnerungen und neuem Auflodern. Mit dem Einbruch einer zweiten narrativen Ebene, die am Ende geschickt mit der Realität kokettiert, erhält die vom schwedischen Fremdenverkehrsamt sicherlich mit einem ganzen Jahresbudget gesponserte Künstlerelegie dann auch die notwendige Tiefe und Emotion, um als das Mystery-Psychogramm einer Autorenfilmerin meine Empfehlung zu erlangen.

Bergman Island

Beckett

GRIECHENLAND SEHEN… UND STERBEN

7/10


beckett© 2021 Netflix


LAND / JAHR: ITALIEN, BRASILIEN, GRIECHENLAND, USA 2021

BUCH / REGIE: FERDINANDO CITO FILOMARINO, NACH DEM ROMAN VON DENNIS ALLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ALICIA VIKANDER, BOYD HOLBROOK, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Becketts gibt es viele. Samuel Beckett, der Schriftsteller. Tobias Beckett aus dem Star Wars-Universum. Thomas Becket (nur mit einem t), der ehemalige Erzbischof von Canterbury, verewigt in Jean Anouilhs Klassiker Becket oder die Ehre Gottes. Von Gott scheint in dieser vorliegenden Netflix-Premiere ein ganz neuer, taufrischer Beckett allerdings so ziemlich verlassen zu sein. Denn der ist schlicht und ergreifend zur falschen Zeit am falschen Ort, wobei die Koordinaten gar nicht mal so schlecht gesetzt sind. Schauplatz ist nämlich Griechenland, nicht erst seit STS der Inbegriff von Urlaub und Ausstieg aus der Norm. Wo man gut und gerne mal irgendwann dortbleiben würde, um die Füße in den weißen Sand zu stecken, vorzugsweise mit einer Flasche Rotwein in der Hand (an meine Leser, die den Austropop-Klassiker nicht kennen – Sorry an dieser Stelle). Dieser Beckett, gespielt von John David Washington, ist jedoch weit davon entfernt, sich an den Strand zu setzen. Rund um Athen ist dieser nämlich mit seiner Flamme April (Alicia Vikander) per Auto unterwegs, um in der kühleren Nebensaison eben genau das zu machen, wofür die Griechen nebst Wiege der Antike bekannt sind: Urlaub. Der findet alsbald eine tragische Wendung, als Beckett beim Sekundenschlaf in eine Hauswand kracht. Die Freundin segnet das Zeitliche, Beckett schält sich aus den Trümmern, ruft um Hilfe, sieht Personen im Haus, die eigentlich gar nicht da sein dürften. Als er dies später zu Protokoll gibt, beginnt eigentlich erst der wirkliche Horror – obwohl man meinen könnte, ein Unfall mit Todesfolge bietet schon genug davon. Nein – Beckett soll nämlich, gejagt von Unbekannten, ebenfalls ins Gras beißen. Also ist er auf der Flucht – für den Rest des Films.

Klingt simpel – ist es prinzipiell auch. Ein Mann auf der Flucht ist ein wiederholtes Szenario, birgt aber scheinbar unerschöpfliches Potenzial und endlose Details, mit denen man den eigentlichem Plot ausschmücken kann. Dem Italiener Ferdinando Cito Filomarino waren die Möglichkeiten anscheinend bewusst. Entsprechend rastlos setzt er seinen Star aus Tenet und BlacKkKlansman in Szene, der schließlich auch weiß, dass er als Gehetzter alles geben muss: Blut, Schweiß und Tränen. Und die absolute Erschöpfung. Das macht er dann auch. Er blutet, schwitzt und weint, stets am Rande der Verzweiflung. So desperat haben wir den toughen Amerikaner noch nie gesehen. Und wieder bestätigt sich, was sich bereits bei Tenet offenbart hat: John David Washington wäre der ideale James Bond. Nicht nur, weil er im Anzug und Krawatte das Bild von einem kompetenten Professionisten abgibt, sondern weil er – ob als Flüchtender, Jagender oder Improvisator – einen langen Atem hat. Den braucht man im Geheimdienst ihrer Majestät. Und da sind allerhand Blessuren inbegriffen. Auch die bekommt Washington reichlich. Dennoch schiebt er sich mehr schlecht als recht durch den Karst und durch das Chaos einer von politischen Unruhen heimgesuchten, griechischen Hauptstadt.

Beckett ist ein energischer Europa-Thriller im Stile von Mörderischer Vorsprung mit Sidney Poitier oder den Bourne-Filmen von Paul Greengrass. Die von Mitteleuropäern heißgeliebte Schatzkiste an Inseln und Kultur zeigt uns allerdings bewusst die kalte Schulter. Im Land der Sommersonne ist es stets grau, kalt und voller Wolken. Athen ein Moloch baufälliger Häuser, als wäre man in der dritten Welt. Auch das ist Griechenland, ungefähr so ungeschönt wie in Alexis Sorbas. Da konnte Anthony Quinn zumindest die Stehaufmännchen-Mentalität kreativer heimischer Überlebenskünstler im weltvergessenen Sirtaki-Tanz honorieren. In Beckett tanzt kein Grieche, sondern wettert und protestiert. Der mit der Überlebenskunst ist diesmal ein Amerikaner, der irgendwann mal vom MI6 Post bekommen könnte.

Beckett

3 Tage in Quiberon

SCHICKSALSJAHRE EINER SCHAUSPIELERIN

7/10

 

quiberon© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2018

REGIE: EMILY ATEF

CAST: MARIE BÄUMER, BIRGIT MINICHMAYR, ROBERT GWISDEK, CHARLIE HÜBNER, VICKY KRIEPS, DENIS LAVANT U. A.

 

Sissi, Sissi, Sissi – jede Erwähnung des Namens ist wie ein Stich ins Herz. Romy Schneider´s Nemesis ist eine kindliche Kaiserin im Dirndl, verspielt und lausbübisch, Karlheinz Böhm an den Hals werfend und mit des Kaisers Mutter im Clinch. Angehimmelt von Josef Meinrad und händeringend zur Etikette angehalten von Mama Magda. Wer hätte das gedacht, dass Ernst Marischka´s Trilogie so nachhaltig traumatisieren kann. Dabei sind diese Filme handwerklich perfekt – über den Inhalt lässt sich sicher streiten, aber wenn Kitsch gut gemacht sein will, dann ist Sissi I – III wohl die ideale Vorlage für das autodidaktische Erlernen von romantischer Verklärung ganz anderer Wahrheiten. Sissi war für Romy Schneider sowas wie eine lästige Kinderkrankheit, der Inbegriff einer womöglich völlig zerrütteten Familiensituation. Der Name für ein Schicksal, welches man als Kinderstar wohl meistens aussitzen muss – und das nicht ohne Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen, die den Selbstwert pushen sollen. Und die das eigene Selbstmitleid tief ins Jammertal hineinführen.

Aus dem Jammertal kommt die in Frankreich wahren Ruhm erlangende Filmgöttin dann auch Zeit ihres Lebens nicht mehr heraus. Die Flucht in andere Identitäten bestimmt ihr Dasein, vom Mädchen in Uniform bis hin zu ihrem letzten Spaziergang in Sans Souci, alles Rollen, in denen Romy Schneider jede Faser ihres Daseins legt legt als ginge es darum, sich selbst rechtfertigen zu müssen. Teils enervierend hysterisch, teils fürchterlich leidend. Dazwischen die nicht viel andere Realität: Liebeskummer wohin man blickt, die Trennung von Alain Delon, der Selbstmord von Harry Meyen. Ertragen kann die bildschöne, von der Märchenkaiserin nun völlig abgenabelte Extravaganz in Person das alles nur mit Alkohol und Medikamenten. Die Hilfe von außen grenzt fast schon an Bemutterung. Alleine lassen kann man die Diva wohl niemals mehr wirklich lange. Davon kann Busenfreundin Hilde Fritsch einiges erzählen. Anfang der 80er besucht sie die auf Kur befindliche Drama-Queen im Küstenstädtchen Quiberon, um zufällig einem Interview mit dem Magazin Stern beizuwohnen, das im Laufe von drei Tagen – na sagen wir zwei, weil der dritte Tag beinhaltet nur mehr die Abreise – ordentlich ans Eingemachte geht. Allerdings auch, weil Romy Schneider hier ganz bewusst ihr Innerstes nach außen kehrt und einen Seelenstriptease hinlegt, den Journalist Michael Jürgs mit Handkuss entgegennimmt. Der Gossip-Schreiberling ist anfangs ein stoischer Unsympathler, undurchschaubar und von arrogantem Understatement. Ihm zur Seite ein alter Bekannter Schneiders, der Fotograf Robert Lebeck, der den Filmstar anhimmelt wie kein Zweiter. Freundin Hilde, gespielt von Burgschauspielerin Birgit Minichmayr, kann nicht glauben, was sie hört und sieht, wirkt reichlich genervt ob dieses Schwelgen in einem Elend, das an Selbstinszenierung grenzt und jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht, was scheinbar auch gewollt ist, denn geliebt will sie ja werden, die Romy Schneider. Und gleichzeitig in Ruhe gelassen, womit sie wiederum noch mehr im Mittelpunkt steht als ihr lieb ist.

EINE ART BIOGRAPHISCHES KINO

Schauspielerin Marie Bäumer schafft es unter der Regie von Emily Atef tatsächlich, zur großen, abgestürzten, vergangenen Ikone zu werden. Um nicht zu sagen – Marie Bäumer ist Romy Schneider und führt von nun an die Benchmark an, wenn es darum geht, Romy Schneider zu verkörpern. Kolleginnen wie Jessica Schwarz oder Yvonne Catterfeld können das Feld räumen, da bleibt im Nachhinein nur das glänzende Schauspiel in weichgradigem Schwarzweiß in Erinnerung. Die Mimik, das Lachen, selbst die mit dezentem österreichischem Dialekt gefärbte Sprache Schneiders weiß Bäumer authentisch zu interpretieren. Da ist sie mindestens so kraftvoll und faszinierend wie Michelle Williams es einst war, in der biographischen Episode My Week with Marilyn als blonder Engel mit nicht weniger labiler Seele. 3 Tage in Quiberon sieht zumindest nach harter, aber längst nicht vertaner Schauspielarbeit aus, andauernd zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt hin und her zu rotieren, um dann wieder gelähmt vor lauter Weltschmerz verkatert im Bett dahinzuvegetieren. Doch die Würde, die nimmt sie ihrer darzustellenden Figur kein einziges Mal. Atef ist auf Romy Schneider´s Seite, auch wenn sie sie bemitleidet, auch wenn sie sie als kranken Menschen betrachtet, der verlernt hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das Packen an eigenem Schopf und das Rausziehen aus dem Sumpf des Selbstmitleids ist ein abgefahrener Zug, eine Chance, die maximal durch die Auszeit von Film und Medien wieder geradegebogen hätte werden können. Romy Schneider will aber weitedrehen, sammelt sich wieder, strauchelt wieder – dabei steht ihr zu dieser Zeit, an dem das Stern-Interview und die legendären Fotos stattgefunden haben, ihr größter und vernichtender Schicksalsschlag noch bevor – der tragische Tod ihres Sohnes David.

3 Tage in Quiberon ist eine Art biographisches Kino, das so am besten funktioniert. Durch das Fokussieren eines öffentlichen Lebens auf einen Augenaufschlag lassen sich Persönlichkeiten grandios skizzieren. Da muss kein Filemacher eine ganze Curriculum vitae herunterspulen, die irgendwann ermüdet und sich auf keinen greifbaren Moment einlassen kann. Da reicht der Blick eines Zeitgenossen auf den begehrten Charakter, da reicht das Interagieren der Außenwelt mit dem Faszinosum im Elfenbeinturm für eine kurze Zeitspanne, um viel mehr zu erzählen als bei einem filmischen Nachruf. Atef gelingt, genauso wie Anton Corbijns gelungenem Künstlerfilm Life über die Begegnung eines Fotografen mit James Dean (großartig gespielt: Dane DeHaan), eine subjektive, kunstvolle Annäherung an eine abgründig anmutige Künstlerin, die Nähe verlangt und gleichzeitig unmöglich macht.

3 Tage in Quiberon

Der seidene Faden

LIEBE AN DER NADEL

7,5/10

 

BQ5A9653.CR2© 2017 Universal Pictures 

 

LAND: USA 2017

REGIE: PAUL THOMAS ANDERSON

MIT DANIEL DAY-LEWIS, VICKY KRIEPS, LESLEY MANVILLE U. A.

 

Er hat gesagt, es sei sein letzter Film. Keine Ahnung, wie viel man darauf geben kann. Dass er aufhören will hat Steven Soderbergh auch gesagt – und jetzt ist er wieder zurück. Die Rolling Stones sagen das auch jedes Jahr. Und jedes Jahr ist es das letzte Konzert. Aber bei Daniel Day-Lewis kann ich das wirklich nur schwer einschätzen. Denn der Mann ist zweifellos ein Sonderling. So, wie er ein Rollenprofil studiert und an die Performance seiner Figuren herangeht, so macht das niemand anderer. Denn Daniel Day Lewis spielt nicht nur – er verwandelt sich. Ohne mehrjähriger Vorlaufzeit und Fachstudium diverser Künste, welche die zu spielende Figur beherrschen muss, geht da gar nichts. Und das kann natürlich auf die Dauer anstrengend sein. Diesen Überperfektionismus verlangt natürlich niemand, aber Day Lewis kann aus seiner Haut genauso wenig raus wie aus seinen Avataren während der Drehzeiten.

In diesem seinen wohl letzten Auftritt geht er die Sache genauso akribisch an – zwei Jahre Studium bei einem Kostümschneider fürs Theater sind da selbstredend. Das Ziel: den fiktiven Schneider Reynolds Woodcock zu verkörpern, einen hochnoblen Modedesigner aus London, erste Adresse für die High Society, exquisiter geht’s kaum mehr. Day-Lewis ist für diese Rolle wie geschaffen, einzig Jeremy Irons wäre für den snobistisch-pedantischen Workaholic ebenso denkbar. Doch Paul Thomas Anderson, der schon in There will be Blood mit Day-Lewis das richtige Händchen hatte, wollte auf alle Fälle der sein, der dem Grandmaster des präzisen Actings das Farewell stilsicher auf den Leib schneidert. Kann sein, dass Day-Lewis mit der Rolle des Edelmannes eventuell etwas unterfordert war – herausgeholt hat er aus dieser Figur wirklich alles, was sie jemals hätte bieten können. Mehr ist da nicht, und mehr als notwendig würde der Schauspieler auch niemals hineininterpretieren. Eine punktgenaue Arbeit, bis auf den letzten Nadelstich. Nicht mehr, nicht weniger. Und dieser Reynolds Woodcock agiert vor einer Kamera, die, wüsste man es nicht besser, zu einem Film von Stanley Kubrick gehören könnte. Nur war Stanley Kubricks letzter Film, Eyes Wide Shut, bereits im Jahre 1999 abgedreht, und während der Dreharbeiten war der perfektionistische Visionär verstorben. Wäre diese Tatsache unbekannt, wäre Der seiden Faden wohl Kubrick´s definitives Alterswerk. Wohl sein leisester, nuancenreichster Film, in hypnotischen Bildern und einem neugierigen Auge, das Day-Lewis und Vicky Krieps in jeden Winkel des Herrenhauses hin folgt, in welchem der Film hauptsächlich spielt. Vicky Krieps kenne ich bereits aus Marie Kreutzer´s Was hat uns bloß so ruiniert? sowie aus Raoul Peck´s Der junge Karl Marx – sehr unterschiedliche Rollen, die auch gar nichts mit ihrer Figur der lebendig gewordenen Modepuppe mit den perfekten Maßen gemeinsam haben. Krieps ist ein relativ neues Gesicht im Kino – ein interessantes, unverwechselbares. Gut nachvollziehbar, warum der kreationssüchtige Egomane mit dem Mutter-Komplex gerade sie zu sich nach Hause holen musste.

Zugegeben, Der seidene Faden ist ein Film, der es anfangs nicht unbedingt leicht macht, ins Geschehen einzutauchen. Die Welt des Reynolds Woodcock ist eine weit entfernte, mit der wohl nur Karl Lagerfeld und Co sofort auf Du und Du wären. Wohin das ganze führen soll, weiß der Zuseher wohl erst, wenn die junge Alma in der häuslichen, starren Geschwisterbeziehung zwischen Reynolds und seiner Schwester Cyril (großartig distinguiert: Lesley Manville) Unruhe hineinbringt. Und dann ist bald schon klar, woran wir hier sind. Der seidene Faden ist so fein gesponnen wie die reinste Seide, und erinnert an seiner hauchzarten, eleganten Düsternis an die Romane von Daphne DuMaurier. Ihre Suspense-Dramen spielen ebenso wie der Seidene Faden mit Etikette, Gesellschaft und einer unheilvollen Liebe. Mit Geheimnissen und Stimmungen, die wie Nebel durch die Räumlichkeiten der Schneiderwerkstatt dringen. Ein Gefühl von Todessehnsucht macht sich breit, das bemerkt auch Reynolds Woodcock. Doch Alma, die ihn fasziniert und zugleich verstört, und für den Schnittmeister und Modeschöpfer wie eine Alma Mahler-Werfel Leidenschaften entfacht und bis an die Grenzen gehen lässt, ist wie ein Geist, den man gerufen hat und nicht mehr loswird. Oder loswerden will. Wie Rebecca. Oder Cousine Rachel.

Paul Thomas Anderson hat ein betörendes Liebesdrama geschneidert, das zwischen stillen Closeups, opulenten Settings und Stillleben aus der Modezunft auf eine große Leinwand gehört und so wirkt wie das Vermächtnis eines Meisters. Der Filmemacher kann zufrieden sein, passt sein Werk doch wie angegossen. Mit unsichtbaren Stecknadeln im Saum, die wehtun und gleichermaßen glücklich machen.

Der seidene Faden

Der junge Karl Marx

EIN GESPENST GEHT UM …

6/10

 

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH© 2016 Filmladen / Foto: Kris Dewitte

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2016

REGIE: RAOUL PECK

MIT AUGUST DIEHL, STEFAN KONARSKE, VICKY KRIEPS U. A.

 

in Europa. Das Gespenst des Kommunismus!  – Das sind die ersten Worte des kommunistischen Manifests, erwogen, überlegt und ausgearbeitet von Karl Marx und Friedrich Engels. Mitte des 19 Jahrhunderts ertönte der Gongschlag zur Geburtsstunde einer politischen Vision, welche die Geschichte ganzer Länder dominiert, diese verändert und bewährte wie längst obsolete Strukturen schließlich zerstört hat. Über das Konzept des Kommunismus möchte ich hier allerdings nicht allzu viele Worte verlieren – das können andere besser, vor allem jene, die sich zeitintensiv mit Politikwissenschaften auseinandergesetzt haben. Literatur hierzu gibt es auch jenseits der Werke von Marx und Engels mehr als genug. Der haitianische Regisseur Raoul Peck will in seinem episodenhaften Polit-Melodram gar nicht erst den Kommunismus selbst erklären oder die Regeln der politischen Bewegung auseinanderdividieren. Sein Film ist ein ruhender, gänzlich unparteiischer Blick zurück auf die Anfänge einer Revolution der sozialen Gerechtigkeit und konzentriert sich eigentlich sogar mehr noch auf den gesellschaftlichen Nährboden eines alten, rezessiven, unbeweglichen Europa des Industriezeitalters. Industrie – das war und ist Profit. Das war und ist die Macht und die Habgier weniger über die Masse. Das war und ist – global gesehen – hauptsächlich noch moderne Sklaverei, um dessen Verbot man mit Groschenlöhnen herumkommt. Die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse von denen, die das Geld haben. Und wer Geld hat, schafft an. Da der Mensch in seiner Natur zum Machtmensch neigt, diese Macht ungern teilt und den Schwächeren gemäß der Darwin’schen Regel Survival of the Fittest allerdings gerne ausbeutet und unterdrückt, solange es für sein existenzielles Seelenheil zuträglich ist, kann dieser gesellschaftliche Erdrutsch nicht ohne Getöse alles Umfeld ins Verderben stürzen. Das Getöse, das sind die, die überleben wollen. Und zwar nicht einzeln, sondern zu mehrt. Fast das ganze Volk. Denn wenn keiner mehr arbeitet, werden auch die Reichen arm. Menschenrechte im neunzehnten Jahrhundert, vor allem Arbeitsrechte, waren praktisch nicht vorhanden. Der Arbeit entsprechende Bezahlung unter Berücksichtigung des Härtegrades der Währung kein Thema. Um es allerdings zum Thema zu machen – dazu bedarf es einiger weniger Intellektueller und Philosophen, die den Missstand erkannt haben – wie zum Beispiel eben der Deutsche Karl Marx.  

Wir kennen sein Konterfei – der wild wuchernde Bart, die zerzauste weiße Frisur. Der Weihnachtsmann für Gewerkschafter und Arbeiterbünde. Der Gott des Kommunismus – oder eher das Gespenst dessen. Jedes Mal, wenn ich im 19. Wiener Gemeindebezirk am Karl Marx-Hof vorbeigehe, einer trutzigen Wohnburg erstaunlichen Ausmaßes, ein Palast des Sozialbaus schlechthin, fällt mir das provokant und funkelnd blickende Gesicht von Karl Marx ein. Dass der auch einmal jung war, das zeigt uns August Diehl. Auch mit wirrem Haar, auch mit Bart, aber weniger opernhaft. Diehl, ohnehin ein eher exzentrischer Schauspieler, der seinen Figuren stets etwas Manisches verleiht, lässt seine Interpretation des großen Denkers sehr abgehoben wirken. Ungreifbar, andauernd in Bewegung, ruhelos und obsessiv. Fast schon aufmüpfig. Womöglich dürfte Karl Marx so gewesen sein, genau weiß man das nicht. Um sich selbst so dermaßen in den Geschichtsbüchern zu verankern – dafür muss man schon für eine Sache mehr schlecht als recht sterben können. Aus Deutschland vertrieben, war fortan Paris und dann später Belgien das Zentrum seiner revolutionären Gedanken. Friedrich Engels, deutscher Industriellensohn, nicht weniger auflehnend und radikal, wurde fortan zu seinem Partner. Der Deutsche Stefan Konarske legt Engels ähnlich aufreibend an wie Diehl seinen Marx. Zwei Figuren, die durch die Jahrzehnte der neueren Geschichte irren, flirren und anecken, Er- und Bekenntnisse verfassen und das Volk für sich gewinnen. Die Reichen werden nicht erfreut sein, wie es auch heute noch in den Medien so schön heißt. 

Der junge Karl Marx ist ein Film wie aus dem Lehrbuch. Geschichtlich wie faktisch interessant, in notwendiger Authentizität ausgestattet und chronologisch erzählt. Angereichert mit einer Menge Namen und Persönlichkeiten, die man der Vollständigkeit halber kennen müsste, relativ schnell aber wieder vergisst, hat man nicht vor, sich länger damit zu beschäftigen. Die Anforderungen für einen pädagogisch wertvollen Unterrichtsfilm wären mit Sicherheit alle erfüllt. Und es ist Geschichte, die so als Spielfilm bereits so aufbereitet wurde, dass sie nebst Aufklärung sogar auch unterhält. Keine altbackene Doku aus inventurbefreiten Schularchiven. Da kann sich der Oberstufen-Nachwuchs glücklich schätzen. Und nicht nur der – nach Raoul Peck´s Film habe ich jetzt beim Vorbeischlendern am Karl Marx-Hof nicht nur mehr den wild wuchernden Weißbärtigen im Sinn, sondern auch den Lockenkopf von August Diehl – und seinen langen Weg zur Grundsteinlegung der kommunistischen Partei. Wieder etwas spielend dazugelernt – und das Kino erfüllt seinen Bildungsauftrag. Den es fraglos hat und auch haben soll.

Der junge Karl Marx