Sicko (2025)

KRANKMELDEN MAL ANDERS

6/10


Ayan Utepbergen und Dilnaz Kurmangali im Film Sicko
© 2026 Busch Media Group


ORIGINALTITEL: AURU

LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE: AITORE ZHOLDASKALI

DREHBUCH: KAZYBEK ORAZBEK, AIDIYAR ZHARPARKHANOV

KAMERA: BAGDAT ARGYNOV

CAST: AYAN UTEPBERGEN, DILNAZ KURMANGALI, AZAT ZHUMADIL, AIDA KURMANGALIYEVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN 



Schade, dass Jodie Foster bereits einen Film gedreht hat, der sich Money Monster nennt. Denn Money Monster wäre am Ende des Tages der ideale Titel für ein Regiedebüt aus dem für radikal-schräge Filme bekannten Kasachstan, das sich mit dem zwar nicht unpassenden, aber etwas weniger treffenden Titel Sicko identifiziert.

Nicht gerade die Sonnenseite des Lebens

In Sicko steckt schon das Wort „krank“ und krank zu werden ist in Tagen wie diesen wohl ein Luxus, den sich viele, die als Arbeitnehmer ihren Lebensunterhalt bestreiten, gar nicht mehr leisten können. Überhaupt nichts leisten kann sich das kinderlose Ehepaar Azamat und Tansholpan. Er ist Taxifahrer und schrottet sein Auto, sie ist ungewollt schwanger und weiß nicht, wie sie dem Ehemann verklickern soll, dass das Geld garantiert nicht für drei reicht. Überall Schulden, auch bei Mama und dem besten Freund, mindern den Druck von außen auch nicht gerade. Was also tun? Krankmelden? Wie denn, wenn kein Brotjob da ist?

Simulieren und kassieren

Man könnte ja so tun, als ob. Stimmt schon, das machen nicht wenige. Doch diesmal schraubt Filmemacher Aitore Zholdaskali das Level noch um ein paar Stufen höher. Was, wenn Tansholpan ganz plötzlich an Krebs erkrankt? Da kommen Freunde und Familie. Und alle wissen: Krankenversicherung ist nicht, da braucht es Spenden. Die man folglich auf ganz klassische und radikale Weise veruntreuen kann.

Dank Social Media zieht dann auch noch die Mitleidsschiene, und das (un)kranke Ehepaar ist finanziell bald schon gesundet, wenn einem da nicht das Märchen vom Fischer und seiner Frau in den Sinn kommt, in dem Letztere die Gelegenheit für möglich erachtet, gerne noch den einen oder anderen Groschen draufzulegen. Und noch einen. Und noch einen.

Die Kuh melken, so lange sie Milch gibt

Die Gier ist ein Hund. Und genauso knurrt und hechelt Aza irgendwann, als er längst vom braven Ehemann, der nur das Beste für die Familie will, zum Money Monster mutiert, zum geifernden, ereifernden Ungetüm, das letztlich alles, was Azamat stets heilig war, verrät.

Das macht der liebe Mammon, das wissen wir. Auf diese simple Formel bricht Aitore Zholdaskali seinen Film herunter, der als groteske Sozialsatire beginnt und für Kritik an den sozialen Medien überhaupt keine Zeit hat, obwohl die hier auf wundersame Art und Weise eine große Rolle spielen. Realistisch betrachtet mag die Publicity niemals so mir nichts, dir nichts zum landesweiten Hype ausarten, genau dabei macht es sich der Film ziemlich einfach, um schnellstmöglich dorthin zu gelangen, wo er eigentlich hin will. Zur Gewalt.

Ist Geld männlich?

Kristoffer Borgi hat vor drei Jahren einen ähnlich gelagerten Film umgesetzt: Sick of Myself. Und der hatte den Fokus anders gelegt. Gezielter, feiner und bissiger fiel das Gleichnis einer geltungssüchtigen Frau aus, die sich selbst verunstaltet, um gesehen und gemocht zu werden. In Sicko geht es allerdings von vornherein gar nicht mal um das Geltungsbedürfnis, das gestillt werden muss. Sondern einfach nur ums Geld.

Oder doch nicht? Blickt man genauer hin, stellt man vielleicht fest, dass sich von Anfang an alles um das gekränkte Ego eines Mannes dreht, der sein Rollenbild sowohl nicht erträgt als auch ihm entsprechen möchte. Das Toxische sickert nach und nach aus ihm heraus, Geld ist dabei nur noch dessen Symbol.

Zynische Dekonstruktion

Lug und Trug, und dann nur noch das. So artet Sicko am Ende in einen blutigen Konflikt aus, der alles zusammenbrechen lässt. Ausgeteilt wird mit solch einer Härte, immer und immer wieder, dass man gar nicht mehr hinsehen mag. Zholdaskali aber suhlt sich in all den Blessuren letztlich viel zu sehr und verursacht damit Längen, die Gewalt zum Selbstzweck werden lassen.

So zynisch und brutal, wie Sicko seine Geschichte ausufern lässt, so fällt alles, jede Feinheit und jede Nuance, mit der Tür ins Haus. Überrumpelt, könnte man sagen, ist man von der Sache. Mit dem Stellwagen ins Gesicht gefahren wurde einem. Au, das tut weh. Musste das sein? Wir haben es ohnehin längst verstanden.

Sicko (2025)

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

BACKE BACKE KUCHEN, SADDAM HAT GERUFEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: THE PRESIDENT’S CAKE

LAND / JAHR: IRAK, USA, KATAR 2025

REGIE: HASAN HADI

DREHBUCH: HASAN HADI, ERIC ROTH

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: BANEEN AHMAD NAYYEF, SAJAD MOHAMAD QASEM, WAHEED THABET KHREIBAT, RAHIM ALHAJ U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ich habe die Bilder noch vor mir, die damals um die Welt gingen. Der Diktator in einem Erdloch, ein Schatten seiner selbst, verfilztes Haar, langer Bart. Dann, Ende desselbigen Monats die Hinrichtung durch den Strang. Auch diese Bilder blieben einem nicht erspart, so wie damals schon, als das rumänische Verbrecher-Ehepaar Ceaușescu am Christtag erschossen wurde. Frohe Weihnachten, könnte man da nur sagen, und auf Erlösung hoffen. Die Rumänen konnten es, die Iraker wohl weniger – die stürzten daraufhin ins politische Chaos. Doch wie auch immer: Dieser Über und Unmensch Saddam Hussein, dieser Folterer und Forderer, Kriegsherr und Schwerverbrecher, ließ sich im Zenit seiner Regentschaft feiern, als hätte man es mit einem Gott zu tun, der seinen Untertanen das Wunder unterbreitet hat, unter ihnen auf Erden zu wandeln. Es ist sogleich faszinierend wie ekelerregend, dabei zu beobachten, wie ein Personenkult aus den Fugen gerät, wie ein Normalsterblicher sich dermaßen erhöhen kann, wenn er nur ausreichend Gewalt ausübt. Spätestens dann himmelt man jeden an, aus Angst, nicht selbst von der Bildfläche des eigenen Lebens zu verschwinden. Dann buckelt man, feiert man, rezitiert Leitsätze wie Heit Hitler, nur in diesem fall noch viel expliziter: „Mit der Seele, mit dem Blut, opfern wir uns für dich, Saddam.“

Vier statt sieben Sachen

Ein mit Verve geschmetterter Treueschwur wie dieser sagt mehr als tausend Worte. Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Kuchen. Den Saddam sowieso nie zu Gesicht bekommt, denn der blickt an seinem Geburtstag auf eine überlebensgroße Torte, da macht sich jede Prunkhochzeit dagegen armselig aus. Doch wie es damals, in den Neunzigern, die Ordnung verlangt hat, mussten selbst die Armen unter den Ärmsten dafür sorgen, dass der Diktator Süßes bekommt. Oder zumindest eine ganze Schulklasse einschließlich indoktriniertem Lehrer, der anlässlich des bevorstehenden Jubeltages die Rollen unter den Kindern verteilt. Mädchen Lamia, die mit ihrer Großmutter in einer Papyrushütte inmitten der mesopotamischen Sümpfe lebt, schafft es trotz aller Bemühungen nicht, dass der Kelch an ihr vorübergeht. Letztlich ist sie es, die den Kuchen zu verantworten hat. Doch dafür fehlen ihr alle Zutaten. Im Kinderlied Backe Backe Kuchen ist von sieben Sachen die Rede – Lamia begnügt sich mit vieren: Zucker, Mehl, Eier und Backpulver. Das alleine scheint schon unmöglich, zu beschaffen. Von Safran, der den Kuchen gelb macht, gar keine Rede. Zu ihrem Glück ist sie nicht allein – Schulkollege Saeed hilft ihr dabei, schließlich muss er das ganze Obst auftreiben.

Die mesopotamischen Sümpfe

Hasan Hadis bedrückender Jugend- und Politfilm, den man, auch wenn keine Kriegshandlungen per se zu sehen sind, als Antikriegsfilm bezeichnen kann, hat letztes Jahr in Cannes einige Erfolge erzielt, darunter die Goldene Kamera. Wichtig dabei zu erwähnen: Ein Kuchen für den Präsidenten wurde tatsächlich zur Gänze im Irak gedreht. In den südliche Sümpfen, in den umliegenden Städten (vermutlich Basra). Die zum Weltnaturerbe der UNESCO hochgestufte Wasserwelt mit ihren kunstvoll arrangierten Naturbauten und all den eleganten Ruderbooten, die da die Wasseradern entlangschippern, beeindruckt nicht nur bei Sonnenauf- und untergang sowie zur blauen Stunde. Die augenscheinlich völlig harmonische Lebensweise feiert ethnographische Romantik, die gerne verschleiert, wie bettelarm all diese Leute sind. Doch das Regime ist gnadenlos, und selbst ein Kuchen wird zur Mission Impossible.

Sollen sie doch Kuchen backen

Hasan Hadi bleibt den beiden Jungschauspielern auf den Fersen, die während ihrer Odyssee durch die Stadt nicht nur ihren eigenen Überlebenskampf austragen, sondern miterleben, wie es andere tun – vor allem die Erwachsenen, die in ihrer Not Werte und Würde verraten. Saddams Regentschaft aus der Sicht des einfachen Volkes erinnert an den französischen Absolutismus, wobei hier wieder der Kuchen ins Spiel kommt, den – so wird kolportiert – zumindest Marie Antoinette ihren Untertanen ans Herz gelegt hat zu essen. So ungerecht geht es auch hier zu, immer wieder hat man das Gefühl, einer Postapokalypse beizuwohnen, einer grotesken, aufgeblähten Vision, die aber Realität gewesen war und kurz davor stand, zu platzen. Am deutlichsten, so meint auch Hadi, erkennt man die ironische Diskrepanz mit Kinderaugen und dem Augenmerk auf genau diese Generation. Ein Kuchen für den Präsidenten ist kein Kinderfilm, dennoch lässt er das Drama einer scheinbar unmöglichen Aufgabe, an deren Ende bei Nichterfüllen drakonische Strafen stehen, mit einer unsentimentalen, ungestümen Abenteuerlichkeit passieren, die keine Zeit lässt, Prinzipien zu hinterfragen und schmerzlichen Verlusten nachzuhängen. Hier geht’s ums Überleben, das Behalten des Kopfes über Wasser – und um reichlich Improvisation.

Als Symbol der Verantwortung trägt Lamia stets einen Hahn mit sich herum, der in seinem Beutel vor sich hin gackert. Im Hintergrund tobt der Krieg, nur ein Wimpernschlag von einer gerade noch bezwingbaren Welt entfernt. Nur nicht blinzeln, sonst fallen die Bomben.

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)