Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

How to Make a Killing (2024)

FARGO IM WEIHNACHTSPULLI

6/10


© 2025 Gaumont


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANCK DUBOSC

DREHBUCH: FRANCK DUBOSC, SARAH KAMINSKY

KAMERA: LUDOVIC COLBEAU-JUSTIN, DOMINIQUE FAUSSET

CAST: FRANCK DUBOSC, LAURE CALAMY, BENOÎT POELVOORDE, JOSÉPHINE DE MEAUX, MEHDI MESKAR, KIM HIGELIN, TIMÉO MAHAUT, EMMANUELLE DEVOS, ANNE LE NY, LOUKA MELIAVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Ruhe, bitte!

Wieder einmal kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Kinovorstellung, die durch einen weiteren Gast so konsequent gestört wurde, dass es letztlich unmöglich war, in How to Make a Killing auch emotional einzutauchen. Wie man also jemanden umbringt, war mir letzten Endes klar – mitgerissen hat mich die schwarze Thrillerkomödie aber leider kein bisschen. Das wäre anders gewesen, wäre die schwer alkoholisierte oder aber auch mit andren Substanzen zugedröhnte Dame hinter mir, die irgendwann dann doch noch den Saal verließ auf Bitten ihrer Begleitung, nicht wiedergekommen. In solchen Momenten wünscht man sich vom Kinosaal ins Heimkino – oder aber sein Geld zurück.

Ein Bärendienst fürs Weihnachtsgeld

Wie dem auch sei – und ja, ich habe versucht, den permanenten Off-Kommentar aus dem Publikum auszublenden: Mit diesem französischen Knaller könnte man sogar von einem Weihnachtsfilm der anderen Art sprechen, abseits von RomCom, Kitsch und Weihnachtsmann. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend wird die die tief verschneite Landstraße zum Laufsteg für einen Braunbären, den es, wie mehrmals betont wird, in diesen Breiten ja eigentlich gar nicht geben soll. Doch Meister Petz, der vorher noch eine Truppe Drogenkuriere im unwegsamen Tann verschreckt hat, stellt sich nun dem Auto von Christbaumverkäufer Michel in den Weg. Der weicht aus – und rammt am Straßenrand ein parkendes Auto, was zur Folge hat, dass die Dame im Wagen ungefähr ähnlich lädiert ist wie die Karosserie und sich davon auch nicht mehr erholen wird. Der andere, ihr Partner, fällt vor Schreck ins Gehölz und segnet ebenfalls das Zeitliche. Im Kofferraum der Schrottkarre finden Michel und seine Frau jede Menge Kohle, die sie natürlich einheimsen, braucht das Xmas-Unternehmen doch ohnehin längst eine Finanzspritze. Somit hat die kauzige, liebevolle Kleinfamilie einerseits ein leises schlechtes Gewissen, andererseits ein nettes Weihnachtsgeld und es ist ja nicht so, dass die beiden Leichen so ganz plötzlich verschwinden müssen. Sie werden verlagert, an einen ganz anderen Ort – womit die Karten neu gemischt werden.

Groteske ohne viel Charakter

Franck Dubosc (Die Rumba-Therapie, Liebe bringt alles ins Rollen) hat sich von der französischen Romantikkomödie zwischenzeitlich verabschiedet und, wie es scheint, dem großen Vorbild der Coen-Brüder, nämlich Fargo, nachgeeifert. So staubtrocken und subversiv ist How To Make a Killing allerdings nicht geworden, denn schließlich lässt es sich drehen und wenden wie man will, den französischen Stil zwischen Chanson-Charme und kecker Louis de Funes-Komödie wird man in diesen Breiten einfach nicht los. Passt das denn überhaupt so zusammen, wenn der Tod auf skurrile Weise seinen Tribut fordert und das organisierte Verbrechen auch noch im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit, um Chaos zu stiften? Vielleicht mag das die Krux gewesen sein, die dazu geführt hat, dass das Duo Franck Dubosc und Laure Calamy (Julie – Eine Frau gibt nicht auf) als pseudokriminelle Improvisateure nicht so recht überzeugen. Einzig Benoît Poelvoorde, der schon in Quentin Dupieux surrealer Krimisatire Die Wache als Polizeiermittler glänzen konnte, trifft mit seinem Gespür für Situationskomik so ziemlich ins Schwarze. Und zugegeben: die verbalen Verwechslungen und schrägen Interpretationen zünden tatsächlich. Gerade der Wortwitz hat so seine Momente, wohingegen der wohldosiert blutige Kriminalreigen zu gefällig und boulevardesk wirkt, um anders oder gar besser zu sein als andere Komödien dieser Art. Franzosen können vieles: Tragikomödien, Krimikomödien, Krimis ohne Komödie und selten auch Horror. Den lakonischen Dorfthriller im bizarren Weihnachtspulli-Look, das bekommen sie dann doch nicht so hin. Was hauptsächlich an den austauschbaren Charakteren liegt, die viel lieber Beziehungen erörtern als die Frage, wohin mit dem nächsten Toten.

Fürs Ende macht die Dame hinter mir endlich wieder den Abgang, in den letzten Minuten finde ich mich also wieder rein in dieses französische Winterwonderland mit Blut an der Baggerschaufel und denke darüber nach, das Ganze vielleicht nochmal im Heimkino nachzuholen. Während einer stillen Nacht.

How to Make a Killing (2024)

Die My Love (2025)

JENNIFER LAWRENCE STECKT FEST

5/10


© 2025 MUBI / Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: LYNNE RAMSAY

DREHBUCH: LYNNE RAMSAY, ALICE BIRCH, ENDA WALSH, NACH EINEM ROMAN VON ARIANA HARWICZ

KAMERA: SEAMUS MCGARVEY

CAST: JENNIFER LAWRENCE, ROBERT PATTINSON, LAKEITH STANFIELD, SISSY SPACEK, NICK NOLTE, SARAH LIND, GABRIELLE ROSE, VICTOR ZINCK JR., DEBS HOWARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Laut dem Portal gesundheit.gv.at äußern sich die Anzeichen für eine postnatale Depression wie folgt so: Andauernde getrübte Stimmung, Ängste, Schlafstörungen, Störungen der Konzentration, Grübeln, Zweifel am Selbstwert und Verlust von Interessen. Letzteres Symptom ist bei Jennifer Lawrence ganz stark ausgeprägt: Die junge Mutter, die mit dem neugeborenen Sohn und ihrem Ehemann ins leerstehende Haus von dessen Onkel zieht, der sich, wie sich später herausstellt, mit der Schrotflinte umgebracht haben soll, findet sich in Lynne Ramsays neuestem Film in einem festgefahrenen Zustand wieder, der mit der Überdrüssigkeit gleichgesetzt werden kann, nicht schon wieder all die Stereotypen einer kinderpflegenden Hausfrau zu übernehmen, die nur darauf wartet, dass der geldverdienende männliche Part endlich heimkommt, um dann in die bereits bereitgestellten Hauspantoffeln zu schlüpfen, die ihn geradewegs an den Mittagstisch bringen, wo das mit Liebe zubereitete Essen auf die Minute genau vor sich hindampft.

Wenn Rollenbilder langweilen

Grace, diese zutiefst gelangweilte Mutter, will das nicht. Es kotzt sie an, es quält sie Tag für Tag, es unterfordert sie, ihren geliebten Sohn, dem sie für all das nicht die Schuld gibt, im natürlichen Rhythmus der Monotonie beim Heranwachsen Gesellschaft zu leisten. So was machen Mütter eben? Mittlerweile längst nicht mehr. Doch Robert Pattinson kommt nicht auf die Idee, diese Rollenbilder neu abzuwägen, obwohl er ganz genau weiß, dass Grace sehr wohl Ambitionen hat, als Schriftstellerin Karriere zu machen. In diesem ländlichen Amerika bringt die Verweigerung eines solchen Umdenkens vielleicht eine Art Rosenkrieg. Letztes Jahr auf der Viennale lief ein ähnlicher Film, weitaus komödiantischer, der sich mit den verteilten Rollen innerhalb eines familiären Mikrokosmos auf phantastische Weise auseinandersetzt: Nightbitch. Während Amy Adams den Determinismus der Mutterfigur auf archaische Weise hinterfragt, will Jennifer Lawrence einfach nur dieser Stasis entkommen.

Auf der Stelle rotieren

Doch Jennifer Lawrence steckt fest. Weil Lynne Ramsay feststeckt. Die My Love, basierend auf dem schwarzhumorigen Roman Mátate, amor der Argentinierin Ariana Harwicz, will Lawrence spielfilmlang die Möglichkeit geben, in mannigfaltiger Ausdrucksweise Symptome der Langeweile und der Antriebslosigkeit darzustellen. Da fällt ihr vieles ein – was man eben so tut, wenn man sich zu nichts überwinden kann, wir kennen so einen Zustand zumindest temporär und ohne klinischer Diagnose mehr als gut. Da gibt es Tage, da hat man zu gar nichts Lust. Jennifer Lawrence hat das zwei Stunden lang. Vorzugsweise kriecht sie dabei wie ein Tier auf allen Vieren durchs kniehose Gras vor dem Haus. Depressiv wirkt sie dabei nicht, eher auf pauschalisierte Weise durchgeknallt, was nun weniger ein Krankheitsbild darstellt als die Möglichkeit, ungehemmt zu schauspielern. Wonach genau sie sich dabei orientiert? Ihre Rolle gibt keine Richtung vor, nur den Unwillen für alles, den Willen des Ausbruchs überspielend. Robert Pattinson ist die ganze Zeit zwar auch zugegen und gleichzeitig aber auffallend abwesend, als hätte er gegen das exaltierte Spiel seiner Schauspielkollegin sowieso keine Chance.

Rockstar der Psychose

Das sieht auch Ramsey so und interessiert sich kaum für alles Periphere in diesem Psychogramm des Stillstands, das lediglich eine Ausgangssituation für etwas beschreibt, was die ganze Zeit nicht kommt. Immer und immer wieder das gleiche, immer und immer wieder die indisponierte Jennifer Lawrence zwischen kindlicher Überdrehtheit und an den Wänden hochgehender Fadesse, stets auf eine Weise angekündigt, die den großen, abgründigen, gespenstischen Psychothriller verspricht, und dann aber nur Zaungast der ersten Reihe die rockstarähnliche Aufbäumung einer Psyche anhimmelt, die in einer saftigen Krise steckt. Mehr wird das Ganze nicht, und irgendwann ist nicht nur Jennifer Lawrence langweilig, sondern auch mir, dem Zuseher, der hinter all der Verhaltensauffälligkeit einen hohlen Kern vermutet.

Filmische Psychogramme, die Krankheitsbilder geschickt in einen Thriller verpacken, mögen mitunter gelingen, so wie Roman Polanskis nihilistisches Paranoia-Drama Ekel mit Catherine Deneuve, die auf eine Weise dem Wahnsinn verfällt, da läuft es einem kalt den Rücken runter. Suspense trifft auf Psychose – den Suspense lässt Die My Love nicht durch die Tür.

Die My Love (2025)

Die Rosenschlacht (2025)

DIE MISSGUNST DES EITLEN EHEMANNES

4/10


© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE ROSES

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: JAY ROACH

DREHBUCH: TONY MCNAMARA

KAMERA: FLORIAN HOFFMEISTER

CAST: OLIVIA COLMAN, BENEDICT CUMBERBATCH, ANDY SAMBERG, KATE MCKINNON, NCUTI GATWA, JAMIE DEMETRIOU, ZOË CHAO, SUNITA MANI, BELINDA BROMILOW, DELANEY QUINN, OLLIE ROBINSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


„Wuff!“, keift eine angriffslustige Kathleen Turner ihrem nichtsahnenden Ehemann Michael Douglas entgegen, der ein vortreffliches Essen serviert bekommt und gerne wissen möchte, was das Geheimnis hinter diesem kulinarischen Erlebnis wohl sein mag. Dass dabei der hauseigene Hund hat draufgehen müssen, mag stimmen oder nicht: Diese Perfidität schlägt so gut wie alles, was sich Jay Roach in seiner Wennesdennseinmuss-Neuauflage des Rosenkrieges aus dem Jahre 1989 überlegt hat. Denn die Angst namhafter Studios, einen Verlust einzufahren oder nicht genug von dem zu scheffeln, was in die Kassen flutet, ist so groß, dass nun auch schon moderne Klassiker herhalten müssen, die zeitlos genug erscheinen, um nicht neu verfilmt zu werden. Womöglich dauert es nicht mehr lange, und all die Experten für prognostizierten Profit vergreifen sich an Filmjuwelen, die zuletzt so mancher aus der Generation X Geborener am Samstagnachmittag als begleitende Erziehungsmaßnahme in sich aufgesogen hat. Da wären noch Manche mögen‘s heiß oder vielleicht gar Casablanca? Alles von Billy Wilder und so manches von Blake Edwards – letzteres ist ja bereits passiert.

Einen Peter Sellers konnte Steve Martin auch nicht ersetzen. Über seinen Auftritt redet niemand mehr, über den skurrilen Inspektor aus den Sechzigern allerdings schon, genauso wie über Zurück in die Zukunft oder eben Der Rosenkrieg – ein vernichtend komisches Stück Beziehungsdrama mit einem Filmpaar auf Augenhöhe, leidenschaftlich bis in die Unterkleider – wütend, gemein, verzweifelt. Und saukomisch. Während Marianne Sägebrecht als Haushälterin im bayrischen Akzent beschwichtigen will und nicht fassen kann was passiert, und Danny DeVito als juristischer Sidekick mit unterschwelliger Schadenfreude noch Öl ins Feuer gießt, feiert der boulevardeske Nihilismus einer Zweisamkeit ein wildes Spektakel ohne Atempausen. Was man von Die Rosenschlacht (Danke für diese ausgeklügelte Differenzierung, sonst könnte man ja meinen, man säße im alten Film) nicht sagen kann, denn die atmet streckenweise so tief durch, dass einem die Sternchen vor den Augen tanzen. Und damit meine ich nicht, dass Roachs Komödie so schillernd daherkommt. Wohl eher ist es gepflegte Langeweile, sind es ausufernde Anläufe, bis es endlich mal so weit ist, bis beide getrennt von Tisch und Bett sich gegenseitig die Hölle heiß machen. Um das zu erreichen vergehen gefühlt zwei weitere Filme, selbst Benedict Cumberbatch und Olivia Coleman fadisieren sich zusehends, weil die eskalierende Geschichte so dermaßen straight angelegt ist, als würde man stundenlang den Tamiami-Trail in Florida entlangfahren. Der Sekundenschlaf wäre da fast schon garantiert, würden Coleman und Cumberbatch nicht alle Register ihres komödiantischen Könnens ziehen.

Zugegeben: Ja, die beiden sind klasse. Sie tun, was sie können, in einem Film, der nicht tut, was er kann, sondern fast schon zu beliebig und nicht wirklich sehr von sich selbst überzeugt Danny DeVitos Prachtstück von Groteske nacherzählt, so als hätten andere die Pointe ihres Lieblingswitzes vergessen, aber ungefähr so lief dieser ab und durch die dabei entstehende Situationskomik darf man durchaus schmunzeln, wenn schon nicht lachen. Das Lachen nämlich, das blieb in den Achtzigern noch im Halse Stecken, weil es erschütternd und durchaus auch todtraurig gewesen war, zwei ehemals Verliebten dabei zusehen zu müssen, wie ein Leben in die Brüche geht. In der Neuauflage verschieben sich die Beweggründe für den Zwist, wird der Mann zum entmannten Neider und werden Rollenbilder einem Praxistest unterzogen, den Cumberbatchs Figur natürlich nicht besteht. So trägt Die Rosenschlacht deutlich mehr feministische Züge, was dem Krieg aber zu viele Hausaufgaben aufdrängt, die viel zu brav erledigt werden.

Statt messerscharfem Wortwitz übertüncht Roach so einiges mit derben Zoten und vulgären Ausdrücken, die damals gar nicht notwendig waren – ein Zeichen für eine gewisse Ohnmacht im Texteschreiben. Letztendlich ist man froh, wenn der häusliche Tumult losbricht, Ungesagtes gesagt wird und die bittere Erkenntnis in Cumberbatchs Mindset sickert. Doch da ist vieles schon egal, und die Frage nach der Notwendigkeit dieses recht desperat auf die Leinwand gehievten Remakes recht klar beantwortet.

Die Rosenschlacht (2025)

Together – Unzertrennlich (2025)

SCHMELZPUNKT LIEBE
6/10


© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SHANKS

KAMERA: GERMAIN MCMICKING

CAST: ALISON BRIE, DAVE FRANCO, DAMON HERRIMAN, JACK KENNY, SUNNY S. WALIA, KARL RICHMOND, TOM CONSIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In Liebe vereint kann so romantisch klingen. Zwei Herzen im Gleichklang, oder gar: Ein Herz und eine Seele. Was aber, wenn man diese melodischen Phrasen wörtlich nimmt? Wenn diese willentliche Vereinigung zum physischen Phänomen wird, zum kreatürlichen Mysterium einer Abhängigkeit? Der semiromantische Beziehungs-Horror Together – Unzertrennlich will das austesten. Und hebelt dabei körperliche Grenzen aus.

Die Beziehung wird zum gemeinschaftlichen Schengenraum der Liebe, die zur Selbstaufgabe strebt. Das aber, so Regisseur und Autor Michael Shanks, nur widerwillig. Denn Dave Franco und Alison Brie (GLOW, Mad Men) sind immer noch Personen ihrer eigenen Biografie, und nur bedingt Bestandteil der jeweils anderen. Millie scheint mit sich selbst im Reinen und ihre Profession als Grundschulpädagogin wirklich zu lieben. Tim hingegen schleppt so allerhand familiäre Traumata mit sich herum, die, so erfahren wir im Laufe der Geschichte, bei weitem nicht ohne sind. Das hat letztlich dazu geführt, dass der von Dave Franco (u. a. The Disaster Artist) verkörperte Möchtegern-Musiker so gut wie nichts auf die Reihe bekommt und mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, die mit egozentrischem Selbstmitleid den Dreivierteltakt üben, Alisons Bries Toleranzgrenze kitzelt. So richtig gesund wirkt die Beziehung nicht – ein Tapetenwechsel und Umzug aufs Land könnte da Abhilfe schaffen. Von Horrorfilmen aber wissen wir: Umzüge aufs Land haben oftmals einen Haken, siehe unter anderem: The Conjuring. Hier aber ist es eine mysteriöse Höhle unweit der neuen eigenen vier Wände, in die die beiden während eines abenteuerlichen Spaziergangs hineinstürzen. Franco trinkt, geplagt vom Durst, aus einer Quelle und verwandelt sich dabei zwar nicht in ein Reh so wie bei Brüderchen und Schwesterchen aus Grimm’schem Märchenschatz, sondern entwickelt einen Beziehungsmagnetismus, der unschöne Symptome zeigt.

Das ist aber erst der Anfang. Alison Bries Körper wird zum Gravitationszentrum für Franco, alles scheint er von seiner besseren Hälfte absorbieren zu wollen, und zwar so lange, bis die bessere Hälfte zur der seinen wird. Bald ist es auch umgekehrt, und man kann getrost sagen, dass sich hier die Gegensätze anziehen, nämlich Mann und Frau, zwei unterschiedliche Komponenten, der Plus- und der Minuspol. Michael Shanks bringt die störrische Liebesbeziehung zu ihrem neuen Schmelzpunkt, und es wäre vielleicht nur akkurater Body-Horror im Spiel, der kurios erscheint, würde Shanks nicht auch das eine oder andere mal Momente beängstigenden Grusels heraufbeschwören, die aber nur peripher mit der eigentlichen Parabel über Einheit, Abhängigkeit und Individualismus zu tun haben. Ganz besonders die nur aus dem Augenwinkel betrachtete Kindheit von Francos Figur, die in schauderhaften Jumpscare-Träumen verarbeitet wird, verläuft im Sand, ganz ohne nennenswerte Relevanz. Hätte Shanks dieses Element noch mehr in seine Story verwoben, wäre der Schocker perfekt – so aber führt uns Together bald auf erwartbare Pfade ohne Richtungswechsel. Das Unvermeidliche ist in dieser mehr oder weniger als Drei-Personen-Stück definierten Romantik-Groteske bald absehbar, das Gewebe-Crossover manchmal recht plump, das nächtliche Ziepen an den Haaren von Alison Brie hingegen wieder ein Gänsehautmoment, der gelingt.

Man kann Beziehungen eben auch anders analysieren – und den Optimal-Zustand einer Paar-Existenz in plakativen Monstrositäten hinterfragen. Eine Challenge, die Together gerne annimmt, auch ordentlich Spaß daran hat und sich nicht davor scheut, die Spice Girls akustisch mit ins Boot zu holen, die auf nichtsahnend prophetische Weise die Mystery des Films längst vorweggenommen haben. Die Pointe sitzt am Ende dann doch, während auf dem Weg dorthin das eine oder andere Mal die Anziehungskraft auf das Publikum gelegentlich nachlässt.

Together – Unzertrennlich (2025)

Rumours (2024)

AM GIPFEL DER HOHLEN PHRASEN

6,5/10


rumours© 2024 Viennale


LAND / JAHR: KANADA, DEUTSCHLAND 2024

REGIE: GUY MADDIN, EVAN & GALEN JOHNSON

DREHBUCH: EVAN JOHNSON

CAST: CATE BLANCHETT, CHARLES DANCE, NIKKI AMUKA-BIRD, DENIS MÉNOCHET, ROY DUPUIS, ROLANDO RAVELLO, TAKEHIRO HIRA, ALICIA VIKANDER, ZLATKO BURIĆ U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Politik ist in erster Linie eines: Zugang zu Macht. Hat man sich diese mal für eine Legislaturperiode gesichert, gibt es die Wahl zwischen dem Agieren fürs Allgemeinwohl, um die Lebenssituation derer zu verbessern, für die man sich verantwortlich zeichnet. Und der Verfolgung ganz persönlicher Agenden zur Umsetzung idealistischer und völlig am Begehren des Volkes vorbeigehender Ziele. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Die Bereicherung an Wohlstand und Ansehen, sonst nichts. Welchen Weg wohl diese sieben Kapazunder gewählt haben, die anlässlich eines G7-Gipfels im deutschen Dankerode zusammengekommen sind? Vielleicht sind sie ja auch nur des Regierens müde geworden. Und haben sich frei nach dem Peter-Prinzip so sehr an die oberste Kante gelebter Menschheitsgeschichte gepusht, dass sie, angekommen am Ende der Nahrungskette, ihr Politprogramm längst ausgehöhlt haben.

Die lieben Sieben sind: Deutschlands Kanzlerin Hilda Ortmann, in welcher Cate Blanchett wohl weniger eine Reminiszenz an Angela Merkel sieht als vielmehr die ganz offensichtliche parodistische Verzerrung einer Ursula van der Leyen. Die britische, reicht eifrige Premierministerin Cardosa Dewinth (Nikki Amuka-Bird), der viel zu alte amerikanische Präsident Edison Wolcott (Charles Dance), dauermüde, neben der Spur und ganz klar Joe Biden imitierend, der sich beim letzten Schlagabtausch mit Donald Trump im Fernsehen ähnlich präsentiert hat. Wer sich hier noch eingefunden hat: Der italienische Premier, ein Schnorrer unter dem Herrn. Der französische Präsident (Denis Ménochet), der über Sonnenuhren philosophieren wird. Und Japans Polit-Oberhaupt als die farbloseste Gestalt in diesem tolldreisten Reigen der Phrasendrescher, die sich im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens einer globalen Krise stellen müssen. Welcher Natur diese sein mag, darüber lässt sich nur mutmaßen. Doch vielleicht hat sie mit den Moorleichen zu tun, die in der Nähe des Anwesens gefunden wurden. Vielleicht ist bereits jetzt schon das Ende der Menschheit nahe. So genau weiß man das nicht. So genau wissen es nicht mal die G7, denn was sie auszeichnet, ist ihre erschreckende Inkompetenz darin, konstruktive Strategien zu erarbeiten. Ehrlich: Wer will das schon an einem lauen, alkoholreichen Abend mit gutem Essen? Wer will das schon, wenn die amourösen Sorgen des labilen, kanadischen Premierministers viel interessanter scheinen? Der wird schließlich verkörpert von Roy Dupuis. Mit langer grauer Mähne und dem Auftreten als Frauenheld und Schwerenöter, stets an der Kippe zur romantisch motivierten Weinerlichkeit, lenkt er die liebevoll-sarkastische Weltuntergangs-Satire Rumours in eine Richtung, die schon Stanley Kubrick mit Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben eingeschlagen hat. In dieser Nacht der lebenden Toten oder der zum Tode verurteilten Lebenden ist die Symphonie der leeren Worte das Requiem auf einen kolportierten Fortschritt, der nur so tut, als ob er die Dauerprobleme der Menschheit in den Griff bekommt.

Das Regie-Trio Guy Maddin (bislang wohl eher bekannt für experimentelles Kino wie The Green Fog) sowie Evan und Galen Johnson haben eine diebische Freude daran, den Mächtigen dieser Welt Grips und Wort zu stehlen. Oder aber: die Politik dahinter als das zu entlarven, was sie stets zu sein scheint: Die Liebesmühe pflichtbewusst verfasster Schulaufgaben unwilliger Unterstufler.

Doch das Wortspiel, die privaten Befindlichkeiten, das Geplänkel allein – das alles reicht nicht. Rumours lässt die Oberen durch den deutschen Wald irren, lässt sie Hirn finden und Alicia Vikander, die nur schwedisch spricht. Das Ensemble der Sieben wird dabei zusehends entindividualisiert und zum Sinnbild ihrer Staaten, die sie vertreten. Immer abstrakter wird das Spiel, zur satirischen Karikatur eines Landes mit all seinen Klischees werden Blanchett, Charles Dance und Co. Diese Klischees aber haben einen erschreckend wahren Kern. Und wenn sich dieser ganz offenbart, ist es längst zu spät. Für sie und für uns alle.

Ein schneidend spaßiger Film ist Rumours geworden, das Endzeitabenteuer der Wichtigen, die ihre Prioritäten nicht mehr erkennen, mit Hang zum Genre des Phantastischen.

Rumours (2024)

Veni Vidi Vici (2024)

DER PAPA WIRD’S SCHON RICHTEN

6/10


VeniVidiVici© 2024 Ulrich Seidl Filmproduktion


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE: DANIEL HOESL & JULIA NIEMANN

DREHBUCH: DANIEL HOESL

CAST: LAURENCE RUPP, URSINA LARDI, DOMINIK WARTA, JOHANNA ORSINI, MARTINA SPITZER, MARKUS SCHLEINZER, MANFRED BÖLL, CHRISTOPH RADAKOVITS, BABETT ARENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Der Papa wird‘s scho richten, das g’hört zu seinen Pflichten… Dass die Oberen über dem Gesetz stehen, besang schon Helmut Qualtinger. Dabei ist Reichtum prinzipiell keine Schande. Reichtum allein macht noch niemanden zum Bösen. Reichtum allerdings, frei nach dem geläufigen Zitat „Wer zahlt, schafft an“, ist das wohl beliebteste Machtmittel, um in der Gesellschaft so hochzusteigen, dass alle anderen unten bleiben. Ist man mal im Olymp derer angekommen, die alles haben und noch viel mehr, ist die Versuchung groß, diese gottgleiche Freiheit dafür zu nutzen, gleich die ganze Welt an den hauseigenen Tropf zu hängen. Am süchtigsten wird dabei die Politik, oder jene, die glauben, den Krösus für sich instrumentalisieren zu können. Das wird nicht gelingen, viel eher ist es umgekehrt, und wir sehen, wohin diese Sache mitunter geführt hat. Als Paradebeispiele sind unter anderem Helmut Elsner, Karl-Heinz Grasser oder der von der Slimfit-Entourage hofierte Rene Benko zu nennen, der jetzt, nach all dem Desaster um sein verschachteltes Imperium, immer noch mit genug Mammon dastehen wird, um ein sorgenfreies Leben zu führen. Draufzuzahlen haben immer nur die Kleinen. Oder jene, die viel lieber für Vermögenssteuern plädieren würden als nur irgendetwas mit dieser weltfremden Haute Volée zu tun haben zu wollen. Leute wie Amon Maynard, welchem Laurence Rupp in der Gesellschaftssatire Veni Vidi Vici ein fast kindlich naives, unbekümmertes und jedem Zweifel erhabenes Gesicht gibt, gehen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Dort, in dieser urösterreichischen Welt aus Freunderlwirtschaft, astreiner Korruption und Postenschacher, zählt die Jagd zu den Lieblingsbeschäftigungen des Multimilliardärs. Nur: Einem Tier kann der reiche Bonze niemals etwas zu leide tun. Dann wohl schon eher der eigenen Spezies. Nach diesem wenig humanistischen Motto entspannt sich das verzerrte Benko-Imitat beim Abknallen wildfremder Menschen.

Ein Verbrechen? Natürlich ist es das, und jeder weiß, dass Maynard dahintersteckt. Das Problem dabei: Maynard aus dem Verkehr zu ziehen würde schließlich für Politik und Wirtschaft bedeuten, an Einfluss zu verlieren. Denn Maynard ist viel zu wichtig, um ihn zu belangen. Macht geht über Menschenrechte, Justitia ist wieder mal blind und jene, die versuchen, dieser Gottheit, die in den hallenden Hallen des Olymps residiert, das Handwerk zu legen, sind auch nur schwache Geister im Angesicht der Verführung.

Bitterböse will Veni Vidi Vici sein, der sich selbst in Veni, Vidi und Vici teilt. Man kann davon ausgehen, dass das lateinische Wort Vici am Ende wohl nicht hinterfragt werden wird. Man kann davon ausgehen, dass, wenn die Ulrich Seidl Filmproduktion dahintersteht, wohl kaum Kompromisse eingegangen werden, wenn es heisst, eine kritische Agenda zu verfolgen, die den Hass auf all die manipulativen Reichen schürt, die sich erlauben können, am System herumzudrehen. Sieht man die ganze reiche Familie, die lieber falsche als keine Moral besitzt, die sich in NS-Zeiten auf Kosten der Verfolgten wohl gesundgestoßen hätte und kein Gewissen kennt, wünscht man ihnen das Unglück. Daniel Hoesl und Julia Niemann lassen Laurence Rupps Überfigur eines Hoffmansthal’schen Jedermanns mit dem Dilemma der Unberührbarkeit hadern. Er verübt seine Verbrechen, nicht nur weil es geht, sondern auch, weil er darf. Die Hölle sind auch hier die anderen, die Maynard erst zu dem gemacht haben, der er ist. Veni Vidi Vici zeigt die Schwäche des Menschen am Ende der Nahrungskette. Das alles ist berechtigt, es darzustellen.

Das Problem an diesem Film jedoch ist, dass Hoesl und Niemann die Zügel oft lockerlassen und ihre „Vorzeigefamilie“ auf gewisse Weise bewundern. Politik und die einflussreiche Gesellschaft bleiben in ihren Methoden vage, die Kritik bleibt unbeherzt und fast etwas duckmäuserisch. Mitunter blitzt die Radikalität im Film auch auf, die meiste Zeit aber werden genau jene Figuren, auf die es ankommt, kaum herausgefordert. Ans Eingemachte geht es nie, der Papa wird alles schon richten. Veni Vidi Vici erlangt dabei keine Tiefe, schon gar nicht, wenn es kaum etwas gibt, wodurch das Biotop kippen könnte. Die Energie des Hasses auf die Reichen verpufft, am Ende bleibt die Resignation.

Veni Vidi Vici (2024)

LaRoy, Texas (2023)

DIE AGENDEN DER SELBSTZWEIFLER

8,5/10


laroy© 2023 Laroy Productions LLC


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: SHANE ATKINSON

CAST: JOHN MAGARO, STEVE ZAHN, DYLAN BAKER, MEGAN STEVENSON, MATTHEW DEL NEGRO, BRAD LELAND, GALADRIEL STINEMAN, BOB CLENDENIN, ALEX KNIGHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Einst waren Blood Simple, Fargo oder No Country for Old Men brillante filmische Beispiele dafür, wie der lakonische Genre-Hybrid zwischen Film Noir, Thriller und Western, durchsetzt mit bitterbösem Humor, das postmoderne Kino umgedacht hat. Verantwortlich dafür waren eine ganze zeit lang die Brüder Joel und Ethan Coen. Seit Sichtung von LaRoy, Texas, einer Provinzdramödie, die von gescheiterten Existenzen und ihren Beziehungen zueinander erzählt, könnte man sich unter Umständen darauf verlassen, dass, sollten es die Coens nicht mehr hinbekommen, zumindest Shane Atkinson auf souveräne Art einspringen könnte. Sein Film ist allerdings weder ein Abklatsch noch eine schöngeredete Hommage an diese spezielle Art des amerikanischen Heimatsfilms, sondern ein zutiefst eigenständiges Konstrukt, mit anderem Timing, mit neuem Rhythmus und selten gesehenen Gesichtern, die dem ganzen Schicksalsreigen doch eine gewisse Eigenständigkeit verleihen; eine Originalität, die es nicht notwendig hat, mit Kassengold-Stars zu punkten. Es ist eine Story, die sich selbst genügt und auf nachvollziehbare Weise das eine auf das andere folgen lässt, wobei die Verknüpfungen in diesem Thriller nicht chronologisch erfolgen, sondern in einem zeitlosen Vakuum an Begebenheiten. Diese sind rein zufällig, denn Koinzidenzen machen in Atkinsons Welt das Leben aus.

Der erste Stein, der den Domino-Effekt zum Kippen bringt, ist das des Nächtens liegengebliebene Auto eines Mannes, der kurze Zeit später von einem scheinbar zufällig vorbeikommenden Killer in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Dann: Szenenwechsel. Wir treffen auf den Baumarktbediensteten Ray Jepsen (John Magaro als die neorealistische Version eines mieselsüchtigen Buster Keaton), der von Möchtegern-Detektiv Skip (Steve Zahn) in einem Diner darüber unterrichtet wird, dass seine Frau anscheinend fremdgeht. Daraufhin sieht Ray keinen Sinn mehr im Leben und will sich eine Kugel in den Kopf jagen. Dieser Suizid wird allerdings vereitelt, als er mit jenem Killer verwechselt wird, der die Ouvertüre des Films zu verantworten hat. Und schon verdichten und verhaspeln und stolpern die Ereignisse übereinander, als würden alle zur Stoßzeit aus der vollgepackten U-Bahn wollen. Jede dieser Figuren, die allesamt ein ähnliches Problem mit sich herumschleppen, nämlich jenes, dass keiner an sie glaubt, ereifert sich in diesem Spiel um Erwartungen und Erwartungshaltungen so sehr, dass kein Auge trocken bleibt, keine Chance unversucht und niemand im Streben nach Anerkennung den großen Jackpot knackt.

LaRoy, Texas ist eine staubtrockene Verliererballade im kessen Folklore-Cowboygewand eines lakonischen Thrillers, angereichert mit schwarzhumorigen Spitzen, die aus eloquent verfassten Dialogpassagen herausbrechen. Die paar Stereotypen, die sich in diesem Dilemma um Selbstachtung ebenfalls einfinden – wie zum Beispiel der unscheinbare Auftragsmörder – sind satirisch zitierte Versatzstücke in einem bereits bravourös interpretierten Kinobiotop. Hier lässt sie Atkinson nochmal Revue passieren, und stellt ihnen verhaltensoriginelle Kerle wie Steve Zahn entgegen, der scheinbar allen hier die Show stiehlt und als idealistischer Streber in Sachen Ermittlungen von der lokalen Polizei unentwegt verlacht wird. Was passiert mit Menschen, deren Kompetenzen unterwandert werden? LaRoy, Texas gibt die Antwort. In diesem Thriller strebt niemand nach der Gunst des materiellen Wohls, jedoch nach der Gunst des Respekts. Das hebt Atkinsons Film von anderen dieser Machart ab, die sich um Schatzjagden und dem Anraffen von Mammon bemühen. Dieser hier hat die Metaebene des psychologischen Konflikts ganz für sich allein gepachtet und bringt eine Eigendynamik mit ins Spiel, die in einer cineastisch brillanten melancholischen Verlorenheit ihre Erschöpfung findet. Desillusioniert zwar, aber wahrhaftig. Kurzum: Ein mit feiner Klinge geführtes, komplexes wie verstecktes Filmjuwel.

LaRoy, Texas (2023)

Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)

Saltburn (2023)

YOUR HOME IS MY CASTLE

7/10


Saltburn© 2023 Amazon Content Services LLC


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: EMERALD FENNELL

CAST: BARRY KEOGHAN, JACOB ELORDI, ROSAMUNDE PIKE, RICHARD E. GRANT, ARCHIE MADEKWE, ALISON OLIVER, CAREY MULLIGAN, PAUL RHYS, EWAN MITCHELL U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Es gibt Schauspieler, die, egal wie klar definiert ihre zu spielenden Charaktere auch sein mögen, stets einen gewissen Zweifel in Anbetracht ihrer Ambitionen hegen. Weil man Unterschwelliges, Durchtriebenes vermutet. Eine psychopathische Komponente, ein unaufgearbeitetes Trauma – schlicht etwas Verstörendes, das irgendwann ans Licht will. Zu diesen Darstellern zählen durchaus Joaquin Phoenix, ganz besonders Joel Edgerton (zuletzt in Master Gardener) und Barry Keoghan, der für seine Rolle des mit schlichtem Gemüt ausgestatteten Dominic Kearney aus The Banshees of Inisherin für den Oscar nominiert wurde. Diese Ehrung verschaffte dem sonst aus Giorgos Lanthimos Thriller The Killing of A Sacred Deer bekannten Iren auch eine Rolle in Emerald Fennells neuen, längst heiss diskutierten Film, der eben auf der Streaming-Plattform amazon prime seine Premiere erlebt: Saltburn.

Das klingt ein bisschen nach Sommer, Sonne und Salzwasser – ist es aber nicht. Saltburn ist das feudale, gigantische Anwesen der Familie Catton – so residieren müsste man mal! Das sind andere Zustände, die wohl kaum jemand von uns Normalbürgern jemals erlebt hat, außer man bucht eine Führung durch die Gemächer irgendeines der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Schlosses und kann sich an den edel ausgestatteten und mit sündteuren Wandgemälden behangenen Prunkräumen einfach nicht sattsehen. So ein herrschaftliches Paradies steht und fällt mit einer Entourage an Dienern und Lakaien, anders lässt sich Saltburn schließlich nicht erhalten. In diese Blase platzt Barry Keoghan. Diesmal ist er ein schlichter Student aus Oxford, muss auf eine entbehrungsreiche Kindheit zurückblicken und leidet unter dem höchst problematischen, asozialen Lebenswandel seiner Eltern, die nichts auf die Reihe bekommen, außer ihren Sohnemann Oliver auf die Universität zu schicken. Dort ist der junge Mann ein Außenseiter – bis er durch Zufall den allseits beliebten Felix trifft. Was eine Fahrradpanne so alles bewirken kann – man glaubt es kaum. Das Glück des einen scheint auf das des anderen abzufärben. Bald sind beide gute Freunde, Oliver im Kreise der Elite aufgenommen. Und da das Schicksal diesem Oliver nach wie vor eher bescheiden mitspielt, verstirbt auch noch dessen Vater. Um seinen neuen, vielleicht manchmal etwas nervigen Freund zu trösten, lädt er ihn über die Sommerferien auf besagtes Anwesen ein – nach Saltburn. Dort lernt Oliver Felix‘ Familie kennen: die dem Reichtum und der Langeweile unterworfenen, etwas dekadenten Eltern (realitätsverloren: Rosamunde Pike und Richard E. Grant), die promiskuitive Schwester und andere Nutznießern wie Oliver – dem ein Leben in Saus und Braus und im fast schon blaublütigen Wohlstand plötzlich offen steht. Alles ist möglich, alles ist zu haben. Man muss nur wissen, wie.

Dass während dieses Sommers alles eitel Wonne bleibt und der in den Tag hineinlebenden Gesellschaft bis zum Herbst hin die Sonne aus dem Allerwertesten scheint – davon kann man mal getrost ausgehen, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann. Schließlich hat Emerald Fennell in Promising Young Woman Carey Mulligan als emanzipatorischen Racheengel auf die Männerwelt losgelassen. Man darf erwarten, dass Saltburn in eine Richtung geht, die in die Dunkelheit führt – in der Intrigen, Manipulation und gute Miene zu bösem Spiel bald zur Tagesordnung gehören. In diesen zwielichtigen Dunstkreis passt Barry Keoghan wie die Made im Speck. Sein Counterpart auf Augenhöhe: Jacob Elordi, der eben als Elvis Presley in Sofia Coppolas Priscilla so richtig brilliert.

Es scheint fast so, als wäre Saltburn die Geschichte einer verbotenen Liebe – in die Richtung gehend, die etwa Guadagninos Call Me By Your Name einschlägt. Weit gefehlt. Fennell zelebriert, obwohl ihr Film in den Nuller Jahren spielt, den modernen Zeitgeist, die perfide Methodik egomanischer Ich-Gesellschaften, die, permanent um sich selbst rotierend, das höchste Gut darin sehen, aller sozialer Interaktion entledigt, das Elysium einzig im erstickenden Reichtum zu erfahren. Materialismus und Soziopathie, obsessive Liebe für den eigenen Zweck. Das gegenseitige Ausspielen aller Figuren in diesem Reigen gibt sich der Zentrifugalkraft einer Eskalationsspirale hin, und je weiter Saltburn voranschreitet, umso mehr lässt der Film eine präzise durchdachte Realität zurück, um sich einer tiefschwarzen, geradezu galligen Groteske hinzugeben, die wir zuletzt ungefähr ähnlich scharf gewetzt in Bong Joon-hos Parasite gesehen haben. Von der Immer-mehr- und Noch-besser-Gesellschaft erzählt Fennell, von den Talenten eines Mr. Ripley, der in Patricia Highsmiths Büchern alle und jeden so weit abrichten konnte, um auf den Schultern jener emporzusteigen. Die Symbolik ist bei Saltburn aber noch intensiver. Das Parasitäre, das In-Sich-Einverleiben der beneideten Elite findet seinen Ausdruck im Vampirismus, im sexuellen Fetisch. Die Blicke Barry Keoghans, meistens wie die eines Unschuldslamms, lassen ganz plötzlich das Blut in den Adern gefrieren. Seine Performance ist so unberechenbar wie subversiv – und doch weiß man bald, sehr bald schon, und zwar ganz genau, wie der Hase wohl weiterlaufen wird.

Vielleicht gerät Saltburn letzten Endes zu plakativ, wird die feine Klinge dann doch noch schartig und arbeitet den humorigen, fiesen Thriller entsprechend ab, ohne sich und andere noch überraschen zu wollen. So homogen alles begonnen hat, so derb endet es. Filme wie diese, die sich immer mehr steigern, müssen mit diesem Manko klarkommen. Saltburn gelingt es trotzdem, als verfluchte Immobilie, als vom Unglück heimgesuchtes Gemäuer, zum verlockenden Verweilen einzuladen. Solange, bis es zu spät ist. Denn den Absprung verpasst man garantiert.

Saltburn (2023)