Ben is Back

MUTTER COURAGE, U.S.

7,5/10

 

_DSC9362.ARW© Tobis Film 2019

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER HEDGES

CAST: JULIA ROBERTS, LUCAS HEDGES, COURTNEY B. VANCE, KATHRYN NEWTON U. A.

 

Er ist das Problemkind Hollywoods. Ob als Rabiatbruder in MID90s, als Vollwaise in Manchester by the Sea oder als gequälter Homosexueller in Der verlorene Sohn – Lucas Hedges hat, was seine Filme angeht, keine entspannten Jugendjahre. Und jetzt, jetzt ist er auch noch Ex-Junkie, schwarzes Schaf der Familie und unerwarteter Rückkehrer zur Weihnachtszeit, womit die holde Restfamilie wirklich nicht gerechnet hat. Nun, Mama Julia Roberts schon. oder sagen wir: sie hat es gehofft. Lucas Helges kann von Glück reden, so eine Filmmutter zu haben. Da gibt es ganz andere, zum Beispiel Carrie hat eine, die würde ich niemanden wünschen. Unsere Ex-Pretty Woman ist eine, die ihr Kind über alles liebt, egal was es anstellt. Solche Rollen kennen wir eigentlich von Meryl Streep, aber Julia Roberts kann das auch, und zwar fabelhaft gut. In Ben is Back ist sie die Fürsorge in Person, sich selbst zurücknehmend, aufopfernd, aber durchaus auch und nötigenfalls streng.

Tatsächlich aber steht das Kind der 90er unter der Regie seines alten Herren, nämlich Peter Hedges, seines Zeichens Autor so kultverdächtiger Stoffe wie Gilbert Grape. Seinen Sohn lässt er auf die schiefe Bahn kommen, sich mit Dealern anlegen und auf Entzug gehen, und dann, als alles danach aussieht, als hätte der Junge die Kurve gekriegt, kommt der Querschläger – und ruft Mama Roberts auf den Plan. Dieses Gespann, das spielt sich die Bälle zu, als hätte es weitaus mehr gemeinsam als den Arbeitsalltag am Set. Julia Roberts kann natürlich aus dem Vollen schöpfen, sie ist selbst Mutter, und wie schon einmal erwähnt werden ihre schauspielerischen Qualitäten im Laufe ihrer schillernden Karriere immer besser. Das Format einer Meryl Streep hat sie längst, sie zeigt sich genauso authentisch und scheint zu spüren, was sie vorgibt zu fühlen. Das macht Filmsohn Lucas Hedges auch, und deswegen ist Ben is Back längst kein Familienmelodram von der tränendrückenden Sorte, wie man sie bislang zur Genüge kennt. Das winterliche Krimidrama ist, relativ unüblich für so eine Art von Film, auf Zug inszeniert, sehr straff und eigentlich knochentrocken und auf klarsichtige Weise unprätentiös. Der Genremix tut dem Film erstaunlich gut, entlockt beiden Genres durchaus nicht oft gesehene Facetten und dröselt den gordischen Knoten eines unentkommbaren Dilemmas auf direkt künstlerische Art am Ende auf. Gewohnt bin ich so etwas eher von Einzelgängern wie Jacques Audiard oder Susanne Bier. Tatsächlich wirkt Ben is Back manchmal so, als wäre er ein Teamwork der beiden, vielleicht um eine Spur weniger erdiger und schmutziger, doch das muss Peter Hedges Film gar nicht sein, denn die soziale, krankhafte Finsternis einer labilen Existenz dringt in den abgesichert scheinenden, familiären Wohlstand und nicht umgekehrt. Das Eintauchen ins hoffnungslose Milieu der Drogen spart Ben is Back weitgehend aus, maximal streift der Film die Grenzen der Gefahr, die Julia Roberts fast schon versucht ist zu überschreiten. Das ist natürlich ein enormes Exempel an Selbstlosigkeit, ein Aufopfern für das eigene Fleisch und Blut. Dafür kann man gut und gerne eine Lanze brechen für so viel Familien-Impakt.

Ben is Back ist ein unerwartet intensiver Film aus blaugrauen, kalten Wintertagen. Und obwohl Weihnachten ist, zeigt sich das Fest der Liebe schaumgebremst wie selten. Stimmung kommt hier keine auf, maximal eine ungute, eine vorsichtige – und für manche auch ablehnende, denn der Stiefvater hält nichts von Bens Erscheinen. Herbergssuche sollte inklusive Lerneffekt mittlerweile ganz anders aussehen, vor allem zur stillen Nacht. Doch allein bleibt das Problemkind nicht, hat es doch Schutzengel Mutter an seiner Seite. Wird die Erzieherin aber zur Heldin? Das würde die Überzeichnung eines Ist-Zustandes implizieren, der das Brimborium eines gefeierten Kraftakts nötig hätte. Eine Mutter hat das nicht nötig, vor allem, weil Helden oft temporär solche sind. Und wir sehen: In Ben is Back geht es weniger um die schiefe Bahn junger Menschen. Dafür gibt es andere Filme. Wären es hier keine Drogen, wäre es etwas anderes. Das ist also austauschbar. Die Liebe zum Kind allerdings, die der packende Streifen thematisiert, die bleibt unverändert. Und lässt sich durchs nichts abhalten.

Ben is Back

Don´t worry, weglaufen geht nicht

CARTOONS GEGEN DEN SUFF

5/10

 

DON'T WORRY HE WON'T GET FAR ON FOOT© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUS VAN SANT

CAST: JOAQUIN PHOENIX, JONAH HILL, ROONEY MARA, UDO KIER U. A.

 

Drei Cowboys in der Prärie, zwei davon Sheriffs. Sie blicken auf einen leeren Rollstuhl, darauf gibt einer dieser grob skizzierten Figuren den titelgebenden Kommentar zum Besten, das man sich eben keine Sorgen zu machen braucht, denn der Flüchtige wird zu Fuß ohnehin nicht weit kommen. Schwarzer Humor, so ziemlich autobiographisch, pointiert und erfasst mit wenigen Strichen, die sehr an den Stil der österreichischen Cartoonisten Tex Rubinowitz oder an Gustav Peichl aka Ironimus erinnern. Und natürlich mit ganz viel Understatement, den andere verstehen oder auch nicht, da liest man zwischen den Strichen bei so einer Kunstsprache, das ist vielen nicht klar, und genau jene fühlen sich dann meist kompromittiert. Aber das macht, kann und soll doch Satire, und so hat auch John Callahan seinen Weg gefunden, seinen Frust, seinen Unmut oder seine ironische Sicht auf die Welt zu Papier zu bringen. Denn nur mit Ironie, mit Sarkasmus und Galgenhumor lässt sich die Lage ertragen, in der Callahan nach einem Autounfall steckt. Trunkenheit am Steuer nach mehreren durchzechten Nächten ist natürlich ein Fall von selber schuld, doch im Nachhinein ist man immer klüger, und dumm nur, dass die Konsequenzen ein Leben lang nicht mehr abrücken möchten. Also sitzt der Alkoholiker im Rollstuhl, querschnittgelähmt bis unter die Brust, verfolgt vom vagen Bild seiner Mutter, die ihn nicht mochte und von den Dämonen der Sucht. Verfolgt von der Unmöglichkeit, sich selbst und anderen verzeihen zu können.

Das ist natürlich ein Stoff, aus dem emotionale Selbstfindungsdramen entstehen können. Von der Sucht über körperliche Handicaps bis hin zur Einsamkeit, Elternlosigkeit und kontroverser Zeitungskunst. Gus van Sant, seines Zeichens schon Experte, was heikle Themen wie Strichertum, Drogensucht und Amoklauf an Schulen angeht, lässt auch in seinem Zeichnerportrait nichts anbrennen, was nicht irgendwie tragisch ist. Dieser Don Quixote des verkorksten Lebens, dargestellt von einem phlegmatischen Joaquin Phoenix, hat wirklich nichts mehr zu verlieren, außer den Rest seiner assistenzabhängigen Existenz. Nach diesem Tabula Rasa des Schicksals klingt ein Vorwärtskommen in die andere Richtung dem Licht entgegen zumindest im Kopf nach lukrativen Babyschritten. Ob John Callahan also zu Fuß nicht weit kommt, ist nur die eine Seite des Trostpreises. Die andere ist weiterzukommen, ohne sich zwingend bewegen zu müssen. Und da kommt die Sache mit den Cartoons ins Spiel.

Erstaunlich, wie Callahan das Ruder herumgerissen hat. Weniger erstaunlich, was Gus van Sant aus dem Stoff gemacht hat. Natürlich, schauspielerisch hat Don´t Worry, weglaufen geht nicht einiges zu bieten. Phoenix ist stets ein Garant für Glaubwürdigkeit, auch Rooney Mara als Callahans Partnerin und Jonah Hill als Selbsthilfe-Gruppenleiter sowieso. Der zieht wieder einmal alle Register seines Könnens, ist kaum wiederzukennen und legt ungewohnte, manchmal aber zu selbstgefällige Ernsthaftigkeit an den Tag. Darüber hinaus aber gibt es in dieser Chronik des Durch- und Auftauchens Probleme mit der Sympathie. Es ist, als hätte van Sant Mühe, eine solche für seine Figuren aufzubringen. Bis auf Rooney Mara als engelsgleiches Wesen haben diese Probleme nicht nur van Sant, sondern auch alle anderen, die hier auftreten. Vieles hat eine resignierende Beiläufigkeit, ich will nicht sagen arrogant, aber etwas egozentrisch, als wäre das Problem der Akzeptanz anderen gegenüber davon abhängig, ob man sich selbst akzeptiert hat. Dass dies in diesem Film das Endziel der Challenge ist, verwundert mich die Geisteshaltung natürlich nicht wirklich – andererseits hält das den Zuschauer, in dem Fall mich, seltsam auf Distanz.

Don´t worry, weglaufen geht nicht

VERBORGENE SCHÖNHEIT

TROST VON FREMDEN

6,5/10

 

verborgeneschoenheit

REGIE: DAVID FRANKEL
MIT WILL SMITH, KATE WINSLET, EDWARD NORTON, HELEN MIRREN

 

Will Smith war immer schon ein stets gut aufgelegter, sympathischer Schauspieler. Kennengelernt haben wir ihn alle als Prinzen von Bel Air, und als Men in Black oder als Kampfpilot, der zum Independence Day Aliens den Allerwertesten versohlt, bleibt er unvergessen. Stets mit einem Schmunzeln im Gesicht und aus dem Ärmel geschüttelten, coolen Onelinern. Ein liebenswerter Kerl. Und dann der Imagewandel. Ja, warum eigentlich nicht? Als Schauspieler muss man ja auch zeigen können, dass man wirklich Talent hat und auch ernste Rollen bravourös verkörpern kann. Also am besten gleich gestern den Agenten damit beauftragen, anspruchsvolle Filmrollen zu buchen. Independence Day-Fortsetzungen bitte außen vorlassen. Ob das die richtige Entscheidung war? Sagen wir mal – Jein.

Will Smith ist einer von den Guten. Jemand, dem man gerne dabei zusieht, wie er mit links die Welt, die Liebe oder sonst wen rettet. Humoristisch, ja. Und sieht man ihm dabei gerne zu, wie er sich selbst rettet? Nun ja, es kommt auf die Geschichte an. Schon in dem Vater-Tochter-Sozialdrama Das Streben nach Glück haben wir den Afroamerikaner von einer ernsteren Seite kennengelernt. In Sieben Leben wurde es noch düsterer. Und in Verborgene Schönheit können Smiths Mundwinkel kaum mehr stärker nach unten gebogen, die Stirn nicht noch mehr gerunzelt werden. Will Smith gibt sich der ewigen Trauer hin. Eine Tatsache, die das Kinopublikum, vor allem das Amerikanische, nicht wirklich sehen will. Daher wurde David Frankel´s durchaus komplexes Filmdrama zu einem Flop.

Allerdings zu unrecht. Frankel, der Regisseur der rundum gelungenen und immer wieder gern gesehenen Fashion-Komödie Der Teufel trägt Prada, trägt unterm Strich flächendeckend etwas zu dick auf und verwöhnt seine Figuren mit pathetischen Blicken, Gesten und Worten. Doch die Story selbst, die hat was. Aus irgendeinem Grund fällt mir Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens ein, oder gar James Stewart in Ist das Leben nicht schön. Beides bewegende Geschichten zur Weihnachtszeit. So spielt auch Verborgene Schönheit zur stillsten Zeit des Jahres. Und hinterfragt im Stile eines modernen Märchens den Sinn des Lebens und des Weiterlebens. Wenn Liebe, Zeit und Tod die wandelnde Trauerweide namens Will Smith heimsuchen, sind das die griffigsten Momente des Films. Und wenn dann nicht nur Will Smith, sondern auch Kate Winslet und Edward Norton völlig unbedarft in die Schule des Lebens hineinmanövriert werden, teilt das zwar die Handlung auf mehrere Erzählstränge, kommt aber überraschend unerwartet. Und bevor sich der Vorhang des metaphysischen Szenarios überhaupt zur Gänze lichtet und Vieles klarer wird, erschließt sich bereits ein grobes Gesamtbild des Helfens und Geholfenwerdens.

Verborgene Schönheit meint es gut, manchmal aber zu gut. Wenn Helen Mirren als der Leibhaftige darauf hinweist, auf die titelgebende Eigenschaft zu achten, mag das zwar geheimnisvoll sein – verborgen bleibt die Bedeutung dahinter allerdings auch nach dem Film. Will Smith sucht nach Erlösung, so wie Scrooge und „George Bailey“ James Stewart. Spätestens da meldet sich das Universum, das Verborgene hinter dem alltäglichen Leben. Vielleicht hat der Film das damit gemeint? Dass die Dinge mehr Bedeutung haben als sie vorgeben. Ein Trost, wenn auch nur einer auf der Leinwand.

VERBORGENE SCHÖNHEIT