Shazam!

SYMPATHIE FÜR DEN BLITZGNEISSER

7/10

 

shazam© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: DAVID F. SANDBERG

CAST: ZACHARY LEVI, ASHER ANGEL, MARK STRONG, JACK DYLAN GRAZER, DJIMON HOUNSOU, JOHN CLOVER U. A.

 

„Weißt du schon, was du mal werden willst?“ Mit 14 Lenzen könnten Teenies schon eine konkretere Vorstellung davon haben, wie die berufliche Zukunft aussehen soll. Der junge Billy Batson weiß das noch nicht, oder wir wissen es zumindest nicht, weil er während des Films niemals danach gefragt wird. Und wenn doch, dann wäre es im Moment gar nicht mal so wichtig, denn erst mal muss eine Familie her. Am besten die eigene. Doch wie soll der Junge sie finden? 11 Jahre ist es her, da ging Billy im Trubel eines Rummelplatzes verloren. In seiner Hand: ein Kompass. Der ihm aber auch nicht viel genützt hat. Weil Billy auch noch nicht wusste, wie ein Kompass funktioniert. Was aber an seiner misslichen Lage auch nichts geändert hätte. Dennoch – so ein Kompass, das ist schon ein erstaunliches Ding. Das kann man herzeigen, damit kann man angeben, doch wenn man nicht weiß wie´s geht, nützt das Teil selbst im Dschungel nichts. Also – wie lässt es sich verwenden, ohne Know-How? Ist die Zeit dafür knapp, bleibt es bei Learning by Doing. So wie bei Billy. Der erstmal nur Shazam! sagen muss, um über sich selbst hinauszuwachsen. Äußerlich, zumindest. Gekleidet in ein rotes Trikot mit leuchtendem Blitz an der Brust, einem römisch anmutenden Cape und goldenen Stiefeln. Sieht zwar etwas lächerlich aus – ist es aber nicht. Denn Billy hat in seinem neuen Job abseits von Schulklasse und Unterricht, abseits vom Getrieze lästiger Mitschüler und der besessenen Suche nach seiner Mutter, jede Menge Superkräfte. Welche genau, das hat ihm keiner gesagt. Ziehbruder Freddy, einer von 5 Geschwistern von Billys neuer Familienkommune, hilft dem halbwüchsigen Autodidakten dabei, das alles herauszufinden. Und wie das bei Jungs mal so ist, reicht das Blitzewerfen, die Unverwundbarkeit und die Kraft eines Herkules gerade mal, um Spaß zu haben. Dass dabei alles noch gefilmt wird und online abrufbar ist, macht das Verständnis für den schicksalhaften Wink von irgendwo auch nicht besser. Und – Superheldenkräfte zu haben heißt noch lange nicht ein Superheld zu sein. Das muss Billy erst begreifen lernen. Ich sage nur: Kompass, ganz ohne Tutor.

Dieses Wühlen im Equipment, die Inventur der eigenen Fähigkeiten, das findet sich bereits in vielen Heldengenesen, war aber selten so verspielt und begeisterungsfähig wie hier. Wer sich noch an die Serie Heroes mit Zachary Quinto und Hayden Panettiere erinnern kann, oder an Josh Tranks Chronicle, wird ungefähr ahnen können, wie pubertäre Testläufe zu metaphysischen Selbsterfahrungen aussehen können. Meist landet da dokumentiertes Material auf Social-Media-Kanälen, zur Freude heiß glühender Like-Buttons. Ähnlich mit dem Zeitgeist spielt sich Shazam! und landet dabei eine schmeichelnde Kritik an der Sucht nach Selbstdarstellung und am Mega-Ego von Influencern. Später dann kommt, wie es kommen muss – die als Prolog gesetzte Einführung des Antagonisten findet ihren Status Quo, und ein klassischer Kampf Gut gegen Böse entbrennt, wobei die eigentlich recht tragische Geschichte des verlorenen Sohnes trotz anfangs aufrichtiger Anteilnahme allzu abrupt zufriedengestellt wird. Den Wert der Familie allerdings weiß Hollywood nicht oft genug zu betonen, ein Loblied darauf kommt auch hier nicht zu kurz, wobei manch rationale Akzeptanz gegebener Umstände unter einem unnötig in die Länge gezogenen Showdown zum Liegen kommen. Natürlich, Shazam! hat seine Makel, das stört aber meinen Gesamteindruck nicht. Zu augenzwinkernd sind die zahlreichen Bonmots und Easter Eggs auf Batman, Superman und natürlich Big mit Tom Hanks, der die phantastische Mär des Kindes im Manne ohne Heldenapotheose in den 80ern in ähnlicher Laune auf die Leinwand brachte. Was sich noch darunter mischt? Ein bisschen was von R. L. Stines Gänsehaut-Geschichten, wenn man die an Ray Harryhausens Monstermodelle erinnernden dämonischen Kreaturen betrachtet, die Bösewicht Mark Strong flankieren.

Was der Horrorfilmer James Wan (Saw) mit Aquaman nicht wirklich auf die Reihe bekommen hat, ist Annabelle 2-Regisseur David S. Sandberg dafür umso mehr gelungen. Shazam! ist gegen aller Befürchtungen, einen infantilen Schmarren vorgesetzt zu bekommen, der zum Fremdschämen einlädt, der bislang vergnüglichste und luftigste Film aus dem DCUniversum. Manche Kritikerstimmen meinen, die Bat/Superman-Schmiede falle von einem Extrem ins andere. Extrem ist Shazam! wirklich nicht. Weder zu jedem Preis lustig, noch ein tosender Overkill, der auf Durchzug schalten lässt. Das urbane Märchen rund um ein Kind als Super-Erwachsener, das zum Wächter über die sieben Todsünden wird, erlaubt sich dort Schabernack, wo es aufgelegt ist, und setzt dort auf Gefühl, wo Gefühle nun mal hingehören. Die Komik, die verdankt ihre reizende Qualität den zwangsläufigen Kollateralschäden durch das orientierungslose Durchstarten eines Teenagers in einem muskelbepackten Halbgott und ist niemals nur der Plakativität einer oberflächlichen Blödelei geschuldet. Die kindlichen Kalauer, die können aus der Situation heraus gar nicht anders sein als der Sinn für frechen Humor, den Halbwüchsige gerne an den Tag legen. Sandberg vermeidet Zoten unter der Gürtellinie und erspart uns infantilen Fäkal- und Ekelhumor. Shazam! bleibt charmant, redet Tacheles und funktioniert wieder mal deshalb so gut, weil erstens Zachary Levi scheinbar Zeit seines Lebens nur darauf gewartet hat, Shazam! zu spielen. Und dieser zweitens ein Sidekick-Ensemble um sich schart, welchem man gerne durch das nächtliche Philadelphia folgt. Allen voran Jack Dylan Grazer als hinkender Best Friend von Billy zeigt enormes komödiantische Talent und könnte einem Peanuts-Cartoon entsprungen sein.

Shazam! ist kein fehlerfreier, aber sympathisch entspannter Lichtblick im DC-Universum, weil er sich über sein eigenes Ensemble an Kultfiguren lustig macht und endlich über seinen verkniffenen Anspruch, so getragen wie möglich zu erscheinen, hinauswächst. So wie Billy, der womöglich bald weiß, was er werden will.

Shazam!

303

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

5,5/10

 

303© 2018 Alamode

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: HANS WEINGARTNER

CAST: MALA EMDE, ANTON SPIEKER, MARTIN NEUHAUS U. A.

 

Ab in den Süden! – Ich kann es kaum erwarten, bis Buddy vs. DJ the Wave wieder aus dem Radio scheppert, bis die Uhren endlich umgestellt sind und es langsam wieder nach Sommer riecht. Mit Ab in den Süden ist das Urlaubsfeeling in der Zielgeraden, da freut man sich, endlich ausbrechen und den ganzen Alltag hinter sich lassen zu dürfen. So wie die 24jährige Biologiestudentin Jule, die gerade ihre letzte Prüfung vor der große Pause versemmelt hat und sich nun mit einem Wohnmobil der Marke Mercedes Homer 303 aufmacht, ihren Freund zu besuchen, der in Portugal weilt und noch gar keine Ahnung davon hat, dass er womöglich Vater wird. Doch ganz sicher ist sich Jule da nicht – ob sie die Schwangerschaft nicht abbrechen soll? Kurz nach Berlin gabelt die junge Frau an einer Tankstelle den Tramper  Jan auf – ebenfalls Student, ebenfalls mit einem Projekt gescheitert, und eigentlich vaterlos. Sein unbekannter, biologischer Erzeuger, der weilt auch im Süden, und zwar in Spanien. Sommerferien sind also da, um das zu tun, was man irgendwie tun muss − wobei der Weg als Ziel eigentlich viel schöner ist als das, was wartet, wenn man ankommt.

Fatih Akin hat schon Anfang der 90er mit der Sommerkomödie Im Juli so ein launiges, verliebtes Roadmovie inszeniert, mit einer traumhaft quirligen Besetzung, und mit einer kurzweiligen Story, die nah an der hollywoodtauglichen Krimikomödie entlangflaniert. 25km/h, die Reise auf zwei Mofas Richtung Nordsee, war auch so ein Selbst- und Wiederfindungstrip. Und 303 – der liegt auch irgendwo auf dieser Schiene, nähert sich aber thematisch fast schon mehr den Dialogkomödien eines Richard Linklater an, insbesondere der Before-Trilogie, bestehend aus Sunrise, Sunset und Midnight. Ethan Hawke und Julie Delpy trafen sich da in Wien, Paris oder letztendlich in Griechenland, um einfach miteinander zu reden, Diskussionen vom Zaun zu brechen und an den Erkenntnissen zu wachsen. Das ist auch der Punkt, warum Linklaters Dialog-Trilogie in allen Teilen so gut funktioniert. Weil einfach die Chemie zwischen den beiden gestimmt hat – und beide auch bereit waren, ihren Standpunkt zu verändern, aus einem anderen Licht zu betrachten, sich selbst zu hinterfragen.

Die Chemie zwischen Mala Emde und Anton Spieker scheint erstmal auch zu stimmen. Beide Schauspieler lassen sich gut aufeinander ein, und sehr wahrscheinlich lief das Casting für diesen Film nicht getrennt voneinander ab, wie vielleicht bei Herzblatt. Die beiden mögen sich, das ist klar, zumindest nach dem zweiten Anlauf, denn beim ersten Mal hat Jan noch den Beifahrersitz räumen müssen, weil er bei Jule einen wunden Punkt getroffen hat. Gut aber, dass der Zufall es so wollte und beide wieder zusammengeführt hat. Und so tingeln sie quer durch Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Wir sehen, wie sie die offenen EU-Grenzen passieren, wenn der Kölner Dom oder rustikale französische Dörfer vorbeirauschen und das Meer zum Greifen nah ist. Während sie so von einer Landschaft in die nächste reisen, rund eine Woche lang, wird viel geredet, diskutiert und sinniert. Und genau darin liegt das Problem in diesem deutlich überlangen und auch viel zu langen Reisefilm vom Österreicher Hans Weingartner (Das weiße Rauschen, Die fetten Jahre sind vorbei). Sein mobiler Liebesfilm nimmt sich einerseits und vollkommen nachvollziehbar genügend Zeit, die Zuneigung der beiden füreinander langsam, aber stetig und glaubhaft wachsen zu lassen. Das ist das Kernstück, das tatsächlich auch so gemeinte Herzstück des Films – denn das Herz, das spielt hier eine große Rolle. Und was das Herz will, das, so wünscht man sich, soll es bei Jule und Jan auch bekommen. Andererseits aber sind die Dialoge nicht das, was sie sein sollten, da hätte Weingartner von Linklater mehr lernen sollen. Insbesondere bei den Gesprächen, die so aussehen sollen wie jene über Gott und die Welt. Wenn es um Suizid, Sexualität und Massenkonsum geht, wirken die Diskussionen so klischeehaft, vorbereitet und in den Mund gelegt wie durchkonzipiertes Schulfernsehen. Kann sein, dass Mala Emde und Anton Spieker hier aus dem Stegreif plaudern, aber wie Stegreif mutet das ganze nicht an. Eher wie eine Umfrage zu trendigen Jugendthemen. Da fehlt das Unmittelbare, das Aufgreifen des Gesprächs aus der Situation heraus. So hat man das Gefühl, einem Schulprojekt aus der Oberstufe beizuwohnen, das gerade mal ein Wochenende Zeit gehabt hat, sich stichwortartig die Fragen zu überlegen.

Liebens- und sehenswert sind die beiden ja trotzdem, und es sei ihnen das Glück in ihrem jungen Leben vergönnt, aber vielleicht bin ich diese Art der Twentysomething-Diskussionskultur schon durch und muss niemandem mehr meinen Standpunkt klarmachen. Weingartners Verliebte müssen das, und so ist sein Film auch durch den Eifer seiner populären, recht aufgepappten Topics ein reiner Jugendfilm, der weder überrascht, erstaunt oder Reibungsflächen bietet, der einfach nur  – und das kann er aber –- vom Gefühl einer Sommerliebe erzählt, und vom Alltag, den man gerne zurücklassen würde. Was aber nicht ganz klappt, denn die Hürden des Lebens sind mit dabei, wobei diese in 303 aber kleiner werden, sich anders verlagern oder von selbst lösen. Das ist wohl das, was das Reisen ausmacht – Distanz hinter sich und dem Status Quo zu bringen, während man sich neuen Horizonten auf der Landkarte und im Kopf zuwendet.

303

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

DAS MERKWÜRDIGE VERHALTEN GESCHLECHTSREIFER DRACHEN ZUR PAARUNGSZEIT

7/10

 

drachenzaehmen3© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEAN DEBLOIS

MIT DEN STIMMEN VON (IM ORIGINAL): JAY BARUCHEL, CRAIG FERGUSON, AMERICA FERRARA, CATE BLANCHETT, GERARD BUTLER, F. MURRAY ABRAHAM U. A.

 

Schlendert man zurzeit als Elternteil durch die Spielzeugabteilungen diverser Multi-Produktrange-Märkte, bleibt kein Drachenauge trocken: Von überall her flattern, krabbeln und koffern die geschuppten Fabelwesen aus den Regalen hervor. Ganz oben auf: Ohnezahn, der schwarze Drache mit einziehbaren Zahnreihen, quasi der letzte seiner Art, was sich aber angesichts der Angebote diverser Produkthersteller ad absurdum führt. Wer, der Kinder daheim hat, kennt Ohnezahn eigentlich nicht? Ja, das ist dieses elegante Tier mit dem halben Schwanzflügel – den fehlenden Teil hat ihm Hicks verpasst, ein Konstrukt aus Holz und Leder. Somit kann Ohnezahn wieder fliegen, obenauf der Thronfolger mit Beinprothese und einem grundguten Anspruch, den fremdartigen Flugmonstern mit Respekt zu begegnen und sie in das Alltagsleben des Wikingervolks von Berk zu integrieren. Das hat schon im letzten Teil gut funktioniert, da hatte jeder dieser unverwechselbaren Bewohner eines fiktiven Nordens seinen ganz unverwechselbaren Drachen, charakterlich komplett im Einklang. Diese Symbiose zwischen phantastischen Tierwesen und den Menschen stößt aber auch im dritten Teil auf Widerstand. Da gibt es Drachentöter, die seltene Arten lieber ausrotten als sich mit ihnen zu verbünden – und zu erkennen, dass die martialischen Geschöpfe nichts Böses im Schilde führen. Sondern nur überleben wollen.

Die weitergesponnene Saga der Helden von Berk ankert in Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt mit ihren Drachenbooten nicht wirklich an neuen Ufern. Es gilt, die schillernde Biodiversität all der ein-, zwei- und sonstköpfigen Wesen zu wahren und folglich in Sicherheit zu bringen. Denn da gibt es einen Finsterling namens Grimmel, der ein bisschen so aussieht wie der junge Ciarán Hinds in Aschblond und sich damit brüstet, alle Nachtschatten mit Ausnahme eines Exemplars getötet zu haben. Wie fies kann einer nur sein? Der Hass auf den schleimigen Schnösel mit all seinen perfiden Süppchen, die er da kocht, stößt nicht nur beim jungen Publikum sauer auf, der hat mich selbst auch ganz fuchtig werden lassen. Und da dieser Grimmel kein dumber Haudrauf ist, sondern einer mit Köpfchen, sind ihm erste Erfolge gegen die gutmütigen Berks leider beschieden. Was durchaus für Spannung sorgt – und den dritten Teil der Drachenzähmen-Trilogie nach Cassida Cowells Romanreihe zu einem High Fantasy-Abenteuer für die ganze Familie macht. Die Jungen, die bekommen mit Drachenzähmen leicht gemacht schon ein erstes Gespür dafür, wie epische Fantasy aus einer alternativen Welt funktionieren kann. Das war beim filmischen Vorgänger schon recht stark, um nicht zu sagen wirklich dramatisch. Große Gefühle vor drachenpfotendonnernder Kulisse. Das ist im neuen Teil etwas milder, aber auch hier geht’s wieder nicht nur um schwingende Drachenflügel, feurigen Atem und berstende Dielen, wenn tonnenschwere Ungetüme durchs Gebälk brechen. Wieder muss Hicks seine Bestimmung finden, wieder scheint es, als würde man den Knaben von oben herab beurteilen und alles in die Waagschale werfen, was er entschieden hat. Vor allem, was das Schicksal der Drachen betrifft.

Der kanadische Regisseur Dean DeBlois, der bislang alle Kinofilme der Reihe verantwortet und zufriedenstellend umgesetzt hat, schart auch hier wieder jene Spezialisten von Dreamworks um sich, die wirklich was von ihrem Handwerk verstehen: Das Team hinter der Drachenmär verpasst der Benchmark dreidimensionaler Animationsoptik noch einen Kick nach oben. Die Beschaffenheit mancher Strukturen sehen aus, als wären sie aus einem Live-Act-Film. Wie das funktioniert, ist von verblüffend lebendiger Plastizität. Die Gesichter von Grobian, Astrid, Fischbein und Co erhalten eine ganze eigene, wächserne weiche Patina, durchgerendert bis an die Grenze des Künstlichen. Das haben andere Filme dieser Machart nicht, was aber andererseits auch nicht unbedingt sein muss. Bei all den Drachen und detailverliebt ausgestatteten Wikingern, bei denen Wickie und die starken Männern vor Neid die Hörner aus dem Helm fallen, ist das ein gefälliger Augenschmaus. Highlight des Filmes ist aber eigentlich das Geturtel von Nacht- und Tagschatten, wofür die Regie ungewöhnlich viel Spielzeit vergibt und was fast schon textfrei-dokumentarischen Charakter hat. Bekannt sind solche uneiligen Intermezzi aus älteren Disneyfilmen, aus einer Zeit, in der das Medium des Familienfilms noch ein anderes Zeitgefühl besessen hat. Vom Verhalten solcher anmutigen Geschöpfe würde ich bei den Phantastischen Tierwesen aus der Wizarding World auch gerne mehr erfahren, leider kommt dort das kreatürliche Stelldichein des Öfteren zu kurz. Spätestens aber, wenn das elegante, unschuldig weiße Weibchen im vorliegenden Film auf das ungestüme Balzverhalten von Ohnezahn mit eigenen eigenwilligen Verhaltensmustern reagiert, wird Drachenzähmen leicht gemacht 3 zu einem vor allem optisch strahlend schönen Spektakel, dass die entsprechende Merachandisingvielfalt in den Spielzeugregalen wiederum mit Leichtigkeit erklären kann.

Drachenzähmen leicht gemacht 3: Die geheime Welt

Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Bumblebee

HEAVY METAL ZUM FRÜHSTÜCK

6/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: TRAVIS KNIGHT

CAST: HAILEE STEINFELD, JOHN CENA, PAMELA ADLON, KENNETH CHOI, JOHN ORTIZ U. A.

 

Ein Schlaukopf, ein Muskelprotz, eine Ausgeflippte, eine Prinzessin und ein Freak – wer kann diese letzten Zeilen des Jugendklassikers The Breakfast Club nicht nachsprechen? Natürlich jene, die ihn noch nicht gesehen haben (und das dringend nachholen sollten) und folglich auch das eine oder andere Bonmot aus dem aktuellen Transformers-Ableger wohl weniger erkennen werden. Und jetzt, jetzt ist es passiert – jetzt habe ich Transformers gesagt. Für Cineasten sowas wie das Weihwasser für den Teufel, oder? Was Michael Bay da in bereits gefühlten hundert Teilen hier angerichtet hat, ist, als würde man sämtliche Schrotthalden der Welt in einen Malstrom werfen, nur um zu sehen wie es quietscht, birst und detoniert. Nichts gegen die visuelle Raffinesse in manchen Szenen – doch das Geklotze ist selbst für Hardcore-Destruktivisten enervierend. Wieso im Namen aller Talismane, die da unter den Cockpitspiegeln sämtlicher Kraftwägen baumeln, habe ich mir einen Transformers-Film angetan? Weil ich, wie so oft (und auch zuletzt bei Robin Hood) neugierig wurde. Neugierig, wie denn das Hasbro-Spielzeug dramaturgisch überhaupt noch anders verpackt werden kann. Und ob das funktioniert, bei all diesen extraterrestrischen Kolossen, die unsereins so verwundbar scheinen lassen wie Schmetterlingsflügel.

Sich von den Rezensionen anderer überhaupt nicht leiten zu lassen, da braucht es schon parabolschirmgroße Scheuklappen. Irgendwie beeinflusst das immer, und so auch die relativ positiven Stimmen, die mich dann doch zu einer Sichtung von Bumblebee motiviert haben. Gemeinsam mit Besucherkonstellationen wie Vater-Sohn, After-Work-Kollegen und jungen Ehepaaren konnte das Getöse – oder Nicht-Getöse dann beginnen. Und all die positiven Stimmen weitestgehend abnickend kann ich sagen: Ja, Bumblebee von Travis Knight (Kubo – der tapfere Samurai) geht in eine andere Richtung, mitunter sogar in eine, die nostalgisches Erinnern weckt. Nämlich an die guten alten Jugendfilme der Siebziger-Generation. Und damit meine ich jene, die mit der Magie des Phantastischen kokettierten. Was fällt mir da ein? Natürlich E.T., die Freundschaft eines Jungen mit einem knorrigen Alien. Und wer kann sich noch an den Flug des Navigators erinnern? Das Raumschiff – der absolute Hingucker. Oder an Nummer 5 lebt? Da hatte es Ally Sheedy (die Ausgeflippte aus erwähntem Breakfast-Club) mit einem sprechenden Roboter zu tun, der die spätere Figur von Pixar´s Wall-E schon vorwegnahm. In all diesen Fällen standen Freundschaft, soziale Nähe und innere Werte im Mittelpunkt. Das „Über-sich-Hinauswachsen“ und der Mut der Schwächeren. Travis Knight hat sich dieser Elemente im Rückblick auf eine ganze Epoche kluger Coming-of-Age-Filme besonnen, sie entstaubt und wieder vereint. Entstanden ist ein Film. der vom Zeitgeist daher irgendwie aus dem Rahmen fällt, dafür aber statt dröhnender Kopfschmerzen den narrativen Beat der 80er auf gefällige Zimmerlautstärke dreht, ohne die Nachbarn zu alarmieren.

Herzstück des Ganzen ist dabei zweifellos eine hingebungsvolle Hailee Steinfeld, die als Halbwaise mit Mama, Stiefpapa und einem nervigen Bruder über den Tod ihres Vaters hinwegkommen muss, gerne an fahrbaren Untersätzen schraubt und es nicht fassen kann, als ein ziemlich ramponierter VW-Käfer in Signalgelb plötzlich humanoide Gestalt annimmt. Dieser verängstigte, stumme Bumblebee, der von den Häschern der Decepticons verfolgt wird, findet in der einzelgängerischen Charlie eine vertraute Seele. Beide fühlen sich verlassen, unverstanden und fehl am Platz. „Ich bin ich“ war gestern, der Sinn ihres Daseins wartet also auf Input. Ein kleiner Breakfast-Club, und in diesen Szenen des Miteinander und Füreinander liegt der Charme des Films. Mal humorvoll, mal emotional, nie albern. Zumindest dann nicht, wenn zum Beispiel „Charlie“ Hailee Steinfeld den wortlosen Karosserie-Buster Keaton, der nur anhand seines Autoradios kommuniziert, trendige Popmusik näherbringt. Bumblebee ist ein Roboter mit Herz und kleinem Ego, ein Nummer 5, aber auch ein Wall-E, vor allem was die Eloquenz angeht – und sogar ein bisschen Alf, wenn er in einer der besten Szenen im Bemühen, alles richtig zu machen, versehentlich die elterliche Wohnung verwüstet.

Das auf Basis der Actionfiguren errichtete Element der kriegerischen Vorgeschichte für Michael Bay´s Filmreihe ist hingegen nicht der Rede wert. Decepticons und Autobots hin oder her, darum geht es nicht wirklich. Schon, auch – und womöglich auf Wunsch von Produzent Bay, aber es ist nicht sonderlich relevant und wütet auch eher im Hintergrund, in radikal reduziertem Gekloppe, im Grunde relativ austauschbar. Letzteres sind auch die charakterschwachen Stereotypen aus Militär und Wissenschaft, allesamt lächerlich hohl – aber das waren die Figuren aus den 80er-Filmen vermutlich auch, nur haben wir die bisweilen verklärt oder verdrängt. Darüber mag man gern mit den Augen rollen – und es gnadenhalber hinnehmen, wenn auf der Haben-Seite Alien-Herbie mit dem Mädchen von nebenan verstecken spielt. Da könnte man fast den Geist in der Maschine vermuten – und hoffen, dass Bumblebee als Spin Off von der Maschekseite als Stand-Alone keine Sequels nach sich zieht, die nur wieder das hervorbringen, was bei Michael Bay schiefgelaufen ist. Als Stand-Alone wäre dann der kauzige Gigant aus dem All ein lichter Moment inmitten martialischer Zerstörungswut. Versöhnlich und trotz der tonnenschweren Mechanik ungewohnt leichtfüßig. Wie „Freak“ Judd Nelson, der am Ende des Breakfast Club über den Sportplatz schlendert.

Bumblebee

Alpha

ES WAR EINMAL… DER HUND

6/10

 

alpha© 2018 Sony Pictures Entertainment

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALBERT HUGHES

CAST: KODI SMIT-MCPHEE, LÉONOR VARELA, NATASSIA MALTHE U. A.

 

Besucht man in Wien das Naturhistorische Museum am Maria Theresien-Platz, empfiehlt es sich, die erste Etage hochzugehen und die Besichtigung der prähistorischen Abteilung mal von links zu beginnen. Kurz vor dem Eingang in den Saal mit den Dinosaurier-Skeletten und dem beweglichem Allosaurus gibt es links in einem Seitengang das Modell einer steinzeitlichen Behausung im Originalformat. Blickt man dort hinein, so sieht man einen Screen, auf dem ein Nonstop-Filmchen über die Kreaturen des Pleistozäns im Endlos-Loop zu sehen ist. Genauso gut könnte dort der Abenteuerfilm Alpha laufen, nur wäre der Bildschirm im muffigen Inneren des mit Fellen und Schädelknochen ausgebauten Unterschlupfs für all die Bildgewalt, die Alpha bietet, entschieden zu klein. Da hätte ich lieber einen eigenen Kinosaal innerhalb des klassizistischen Gebäudes, für genau solche Filme, wie Albert Hughes jugendkonforme Antwort auf The Revenant einer ist.

Ein ähnlich intensives Erlebnis wie Jean Jacques Annaud´s Am Anfang war das Feuer zu erwarten, würde mit einer gewissen Enttäuschung einhergehen. Ebenso würde ich ohne Zweifel den österreichischen Ötzi-Thriller Der Mann aus dem Eis als um Mammutlängen authentischer einstufen, da dieser sogar versucht hat, den ohnehin wortkargen Film in einer möglichen Ur-Sprache erklingen zu lassen. Ohne Untertitel wohlgemerkt, um noch das letzte bisschen Bequemlichkeit zu nehmen, und außerdem erschließt sich die übersichtliche Handlung alleine schon durch das Agieren der archaisch bekleideten Opfer und Täter irgendwo in Südtirol ohnehin. Alpha hat weder Annaud´s erdig-urtümliche Atmosphäre, noch den Anspruch auf Authentizität wie Felix Randau´s unwirtliche Zeitreise. Aber: Alpha besticht durch landschaftliche Tableaus im Morgen- und Abendlicht, nach dem Regen und vor dem Sturm. Das Licht legt sich wie flüssiges Gold über das Grasland, rotviolettes Zwielicht taucht die Szenerie in ein mitunter leicht kitschiges, aber sattes und opulentes Damals eines Europas vor rund 20.000 Jahren, das sich geografisch nicht so genau festlegen will und daher alle möglichen Ökosysteme des alten Kontinents miteinander vereint – von scharfkantigen Schluchten bis hin zu ausladenden Gletschern und schroffen Gebirgen. Alpha ist wie ein Diorama, und auch solche Arrangements finden sich in den Naturkundemuseen dieser Welt. Es ist, als steige man in Albert Hughe´s Steinzeitabenteuer direkt in ein interaktives Museum. All das, was sich in den Sammlungen zur Frühgeschichte des Menschen so finden mag, haben wir hier fein säuberlich vereint. Die Sippschaften von damals sind adrett gekleidet, mit Knochen-, Federn- und sonstigem Behang. Minuten später ziehen Mammutherden im Abendlicht übers Feld. Prähistorische Schweine dürfen ebenfalls gejagt werden wie Herden des Ur-Rinds – hier wieder werden Erinnerungen an die Büffel-Szene von Der mit dem Wolf tanzt wach, in Alpha ist die Konfrontation der Speerjäger mit der ungebändigten Naturgewalt auf vier Hufen ein bereits schon sehr früh verbrauchtes Highlight. Aber das macht nichts, irgendwann kommt der Häuptlingssohn namens Keda auf den Hund. Um genauer zu sein kann von Hund Anfangs keine Rede sein. Womit er sich anlegt, das sind ein Rudel Wölfe, und das, nachdem der schlaksige Frischling vom eigenen Papa für tot erklärt wird. Wider Erwarten – also zumindest für den nichtsahnenden Papa – rafft sich Keda auf und macht sich auf den Heimweg, der sich natürlich endlos in die Länge zieht, da der Junge weder einen Plan noch sonst irgendwelche ausgereiften Kenntnisse besitzt, mit denen sich gezielt orientieren lässt. Soviel zu The Revenant, und ja, manchmal leidet, ächzt und stöhnt der australische Schauspieler Kodi Smit-McPhee genauso intensiv vor sich hin wie Leonardo DiCaprio. Nur Leo hatte sich keinen Wolf erjammert – Smit-McPhee schon. Und als beide dann irgendwo im Nirgendwo in einer Höhle kauern, der Mensch das verletzte Tier verarztend und gleichzeitig unterwerfend, sehen wir alle die Genesis des besten Freundes des Menschen aus einem vorsintflutlichen Licht, wie es um die Stunde Null für den Hund wohl gewesen sein mag, wie durch Zufall das Tier an seinem Herren den Eigennutzen erkennt und umgekehrt. Eine artenübergreifende Symbiose ist das, eine Kosten/Nutzenrechnung, die aufgeht – und eine bis heute andauernde Geschichte der unterschiedlichsten Rassen nach sich gezogen hat, vom Rehrattler bis zur Deutschen Dogge. Über so viel Science-Fiction würde die Wölfin Alpha nur ein ungläubig bellendes Lachen von sich geben.

Als Landschafts- und Naturfilm gewährt Alpha einen so tröstenden wie idealisierten Blick auf eine Erde, auf welcher der Mensch noch Teil der Nahrungskette war. Insofern verspricht Alpha Schauwerte im anspruchsvollen Kalenderstil aus dem Museumsshop, darüber eine recht berechenbare, simple Geschichte, die es allerdings gut meint und auch versucht, den Wolf so wenig zu animieren wie möglich, wobei ich mir hier manchmal nicht ganz sicher bin, wann Meister Isegrim aus Nullen und Einsen besteht und wann nicht. Alpha ist schönes Volkskino aus und über die Urzeit, so schön wie eine wohlgefällige Terra Mater-Doku und entsprechend überschaubar packend.

Alpha

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer