Gaua (2025)

DIE NACHT HAT IHREN SÜNDENBOCK

8/10


Yune Nogueiras in Gaua von Paul Urkijo Alijo
© 2025 Filmax / Crossing Europe


LAND / JAHR: SPANIEN, USA 2025

REGIE / DREHBUCH: PAUL URKIJO ALIJO

KAMERA: GORKA GÓMEZ ANDREU

CAST: YUNE NOGUEIRAS, ANE GABARAIN, ELENA IRURETA, IÑAKE IRASTORZA, XABI JABATO, ERIKA OLAIZOLA, MANEX FUCHS, ELENA URIZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN



Die Filme von Paul Urkijo Alijo – diesen Namen muss man erst mal auswendig lernen, um ihn fehlerfrei immer wieder rezitieren zu können – sind wie die Eucharistie bei jedem fantastischen Filmfestival: Ist es nun das große katalonische Sitges-Festival alljährlich in Spanien, das Fantasy Filmfest in Deutschland oder das Slash in Österreich.

Dieser Mann, Paul Urkijo Alijo, kann getrost als das spanische Spin-Off eines Guillermo del Toro angesehen werden; als hingebungsvoller Rezitator baskischer Mythologie. Einer, der tief in die fabelhafte Dunkelheit einer von Gottheiten, Zwischenwesen und Dämonen bevölkerten Welt eindringt, sodass man meinen könnte, in die Bildnisse eines Hieronymus Bosch, Alfred Kubin oder Francisco de Goya gefallen zu sein.

Die Nacht überlässt der liebe Gott anderen Mächten

Ringsherum düstere Zeiten, die des finsteren Mittelalters wie in Irati oder die der spanischen Inquisition, wie eben aktuell in seinem neuesten Geschichtenreigen Gaua, baskisch für Die Nacht. Und in einer Nacht trägt sich auch das alles zu, was der jungen Katallin widerfährt, als sie, allerlei Spuk in Kauf nehmend, vor ihrem gewalttätigen Ehegatten Reissaus nimmt. Dabei könnte dieser ihr gar nicht wirklich nachstellen, hat der doch einen mit Fliegenpilzen vergifteten Eintopf geschlürft, der ihn ins Jenseits befördern soll.

Die Nacht ist im Baskenland des siebzehnten Jahrhunderts ein gefährlicher, albtraumhafter Ort. Bäume werden zu knorrigen Kreaturen, dazwischen Schatten, die sich verselbstständigen – und eine alles verschluckende Dunkelheit. Wie wohlig, schauderhaft und gleichzeitig die eigene Fantasie anregend offenbart sich hier gleich zu Beginn eine entbehrungsreich realistische Welt, die gleichzeitig aber so sehr von Aberglauben, Hexenwahn und Zauberei durchzogen ist, dass sich beides – harte Historie und pittoreske Phänomene – untrennbar vermengen.

Übernatürliches aus dem Dorf

In diesem Wald, der sich so selbstständig macht wie im fantastischen Realismus eines Max Ernst, trifft Katallin auf drei der magischen Naturheilkunde nicht ganz abgeneigte alte Damen, die allerlei Übernatürliches zu berichten wissen. Begebenheiten, in denen auch Katallin und ihr Gatte aufkreuzen, immer wieder. In denen Verstorbene die noch Lebenden quälen, als Mischwesen zwischen Tier und Mensch. In denen sich zwei Frauen ihre Liebe gestehen und in denen ein Geistlicher seinen Jagdobsessionen erliegt, wenn er gerade mal nicht der Hexerei Bezichtigte der Inquisition ausliefert.

Dämmerungsblau und Flammengelb

Gaua mag sich anfühlen wie ein Episodenfilm aus kurz gefassten Anekdoten des Übersinnlichen und Monströsen – doch jede einzelne steht im kausalen Zusammenhang, Urkijo Alijo verwebt geschickt Vergangenheit und Gegenwart in kaleidoskopartiger Reihenfolge, erst am Ende ergibt alles einen Sinn. Letztlich geht es um Verrat, Schuld und Unterwerfung. Und um die Akzeptanz kultischer Gesetzmäßigkeiten, die letztlich über Leben und Tod zu richten imstande sind.

Urkijo taucht dabei seinen historischen Bildersturm in bizarre, aber womöglich historisch akkurate Kostüme. Wie Del Toro verliebt er sich in Dämmerungsblau und Flammengelb, in ausgefeiltes Kreaturendesign und in eine der großen Leinwand gehörende, ölgemäldeartige Opulenz.

Eine Art Terra incognita des fantastischen Kinos

Welche Filmfreundin, welcher Filmfreund sich auch immer  von dieser Art des Fantastisch-Historischen angesprochen fühlt: Netflix hält Urkijo Alijos kerzenhelle, höllisch gute Dämonenmär Errementari: Der Schmied und der Teufel parat. Ein Blick lohnt sich – und es kann passieren, dass man am Ende zu einer kleinen, aber feinen Fangemeinde zählt.

Man muss dafür selbst kein Vorwissen zu baskischer Folklore mitbringen, man muss einfach die Leidenschaft fürs Fabulieren genießen; diese gediegene Phantasmagorie, diesen spukhaften Hokuspokus, der niemals schwerfällig gerät, sondern stets eine märchenhaft leichtfüßige Ironie mit sich bringt.

Leider wird auch Gaua nicht die Chance erhalten, hierzulande im Kino seine visuelle Brillanz, verbunden mit dem Verve launiger Geschichtenerzähler, auf der großen Leinwand zu entfalten. Sein Publikum würden Urkijos Filme finden – wenn dieses nur wüsste, dass es sie gibt.

Gaua (2025)

20.000 Arten von Bienen (2023)

WEIL ICH (K)EIN MÄDCHEN BIN

7,5/10


20000bienen© 2023 Alamode Film


ORIGINALTITEL: 20.000 ESPECIES DE ABEJAS

LAND / JAHR: SPANIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: ESTIBALIZ URRESOLA SOLAGUREN

CAST: SOFÍA OTERO, PATRICIA LÓPEZ ARNAIZ, ANE GABARAIN, ITZIAR LAZKANO, SARA CÓZAR, MARTXELO RUBIO, UNAX HAYDEN, MIGUEL GARCÉS U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Manchmal ist es zum Verzweifeln. Denn manchmal, da lässt sich nicht sein, wer man gerne wäre. Was tun, wenn man dem künstlerischen Talent eines Elternteils nacheifern will und einfach nicht die Klasse erreicht, die es zu erreichen gilt, um genauso groß rauszukommen wie zum Beispiel der Vater? Wenn man, wie Florence Foster Jenkins, unbedingt singen will, und es trotz aller Bemühungen einfach nicht kann? Ein Dilemma, dass sich nicht lösen lässt. Auf zu neuen Ufern. Wäre mein Rat. Was aber, wenn die Tatsache, irgendwann mal so zu werden wie der eigene Vater, und egal, was man dagegen unternimmt, genau das ist, was nicht sein soll? Wenn die eigene sexuelle Bestimmung nicht dem entspricht, was die Natur vorgesehen hat?

Das aufklärerische einundzwanzigste Jahrhundert schafft vor allem in Sachen eigener Identität das Unmögliche: Wenn man will, kann man sein, was man (rein biologisch) nicht ist. Das große Tabu ist zumindest in einigen Teilen der Welt aufgebrochen, auf Formularen lässt sich längst nicht mehr nur männlich oder weiblich ankreuzen. Mit dem Gefühl, in der falschen Haut zu stecken, müssen Frauen, Männer oder non-binäre Personen längst nicht mehr alleine sein. Bei Kindern ist das aber wieder ein Tick anders. Denn bei Kindern lässt sich nicht ganz klar herausfinden, ob das Dilemma der sexuellen Desorientierung nicht nur ein Spleen ist, eine Spielerei – oder ganz und gar ernstgemeint. Wie soll man als Elternteil wissen, was Sache ist? Wie darauf reagieren?

Egal, wohin es das Kind – in diesem Fall den achtjährige Aitor – in der Entdeckung seines Selbst wohl treibt: Kleinreden ist niemals eine Option. Das Gespräch auf Augenhöhe allerdings immer. Doch die Theorie ist anders als die Praxis. In der Praxis schleppen Eltern auch noch ihr eigenes ungehörtes Sorgenpaket aus der Kindheit mit herum. Mutter Ane zum Beispiel, die steht im künstlerischen Schatten ihres verstorbenen Vaters, will aber aus ihm hervortreten. Dafür kreiert sie Kunst, gießt Skulpturen, will den Job als Dozentin an einer französischen Uni unbedingt bekommen. Dies macht sie im Elternhaus am Land, im Schlepptau ihre drei Kinder, davon ist das jüngste eben Aitor, der längst weiß, dass er im falschen Körper steckt – und ein Mädchen sein will. Doch das geht nicht, da ist so manches im Weg, nicht nur das Physische, auch das Gesellschaftliche. Verständnis findet sie bei Omas Schwester Lourdes, einer Person, die in der Wahrnehmung der Dinge ihrer Zeit voraus zu sein scheint, sich intensiv mit Bienen beschäftigt und Cocó, wie sich das „Mädchen“ nennt, unter ihre Obhut nimmt, während Mutter sich selbst sucht.

In diesem spanischen Sommer wird vieles anders – und neu definiert werden. Vor allen Dingen aber ist es ein Sommer der Erkenntnisse. Den Weg dorthin, der durch die familiäre Vergangenheit führt und starre Sichtweisen aufbricht, beschreibt Spielfilmdebütantin Estibaliz Urresola Solaguren in kleinen, zarten Szenen, naturverbundenen Alltagsminiaturen, die anfangs nur in leichten Andeutungen über die Probleme Cocos (später Lucia) Aufschluss geben. Es lässt sich nur erahnen, ganz so wie für die Restfamilie selbst, insbesondere des älteren Bruders, was genau hier in anderen Bahnen verläuft. Das Indirekte ist wichtiges Gestaltungselement, der Fokus liegt gleichsam auf Mutter und Kind, denn beide müssen sich selbst finden – und ebenso einander. Da kommt es in 20.000 Arten von Bienen eben darauf an, wie diskret man sich diesen Umständen nähern darf – und muss. Bevor der Film aber zu vage wird, formt sich das große Ganze aus einer Vielzahl so poetischer wie fast schon dokumentarischer Szenen. Die Annäherung an einen Menschen, der plötzlich entdeckt, anders sein zu dürfen, als ihm vorgeschrieben wird, gelingt. Und zwar um einiges besser, als Florian David Fitz‘ Versuch, mit dem thematisch sehr verwandten Regiewerk Oskars Kleid Transsexualität in Form einer turbulenten Komödie darzustellen. Auch eine Herangehensweise – doch das Feingefühl ist dahin.

Sofía Otero gewann in diesem Jahr für ihr einnehmendes Spiel den Silbernen Bären der Berlinale: Der Anforderung, als Mädchen einen Buben darzustellen, der eben genau das sein will – ein Mädchen, ist in so jungen Jahren vielleicht leichter zu entsprechen als im Erwachsenenalter, aber dennoch eine beachtliche Leistung. Wieder zeigt sich, wie intensiv Kinderdarsteller aufspielen können. Wieder ist es ein Mysterium, woher die jungen Künstler all ihre Emotionen beziehen: mit Sicherheit ist es die Fähigkeit, zu imaginieren, ist es die kindliche Eigenart, sich einer fiktiven Vorstellung hinzugeben. Manchmal führt diese dazu, ein noch junges Leben von Grund auf ändern zu wollen.

20.000 Arten von Bienen (2023)