Sibyl – Therapie zwecklos

WER THERAPIERT EIGENTLICH DIE THERAPEUTIN?

6/10

 

Sibyl© 2019 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: JUSTINE TRIET

CAST: VIRGINIE EFIRA, ADÈLE EXARCHOPOULOS, GASPARD ULLIEL, SANDRA HÜLLER, NIELS SCHNEIDER U. A. 

 

Haben Psychotherapeuten eigentlich auch eine eigene Anlaufstelle für ihre Probleme? Oder sind sie all diesen erhaben, weil sie Professionisten sind und wissen, was zu tun ist, sollte die Vergangenheit, das Trauma oder die Neurose quälen? Gute Frage, wie ich finde. Würde das nicht die Kompetenz des seelischen Beraters untergraben? Und wofür zahle ich dann mein Geld, wenn schon der Therapeut bei sich selbst nicht weiterweiß? In Sachen Seelenheil gibt es immer Luft nach oben. Und vielleicht ist der Patient sogar unwissender Weise selbst derjenige, der dem Professionisten die eine oder andere Klarheit über sein eigenes Leben verschafft. So oder ähnlich ist das Therapeutin Sibyl passiert.

Die steht in Justine Triets Tragikomödie alles andere als mit zwei Beinen voll im Leben. Traumatisiert von einer in die Brüche gegangenen Liebe, aus der ein Kind hervorgegangen ist, will sich die eloquente Mutter und Ehefrau schriftstellerisch neu definieren – und kündigt die meisten ihrer Patienten. Bis auf ein paar wenige – einem trauernden Jungen, der beim Monopolyspiel langsam aus sich herausgeht und einer Schauspielerin, die aus allen Wolken gefallen ist und in ihrer leicht hysterischen, überinszenierten Tragik an Sibyls Schicksal erinnert. Also: wer therapiert hier nun wen, könnte man fragen?

Justine Triet macht es ihrem Publikum zumindest anfangs nicht leicht. Da die Regisseurin mit mehreren Zeitebenen spielt, diese aber stilistisch nicht voneinander trennt, wird´s die erste halbe Stunde bis Stunde relativ mühsam, all diese Abhängigkeiten und Begegnungen von damals und heute, die in einem Einheitsbrei aufgetischt werden, voneinander zu destillieren. Tatsächlich ist Triet, zumindest auf den ersten Blick, ein gewichtiger Teil ihres Werks relativ missglückt. Oder doch nicht? Wollte Triet ihr Publikum bewusst zur Psychoanalyse bewegen, zur Interaktion in Sachen Seelenstriptease motivieren? Nun ja, auf so erzwungenen Wegen hätte ich das nicht nötig gehabt. Eine klarere Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenem hätte die Beziehung zur den Filmfiguren vielleicht etwas beschleunigt. So aber bleiben sie lange Zeit um sich kreisende Egozentriker, die eigentlich keine Geschichte transportieren. Dann aber reisst Triet das Ruder herum – ab Filmmitte haben wir geordnete Verhältnisse. Wie wissen nun, wo Therapeutin Sibyl, Schauspielerin Margot und all die anderen Charaktere stehen. Mitunter auch die exaltierte Figur der deutschen Regisseurin Mika, mit enormer Spielfreude dargeboten von Toni Erdmann-Tochter Sandra Hüller, und die aus der Feder Woody Allens hätte kommen können.

Überhaupt wäre der New Yorker Altmeister für Psychofragen von Sibyl womöglich recht angetan. Der Stoff könnte von ihm sein. Künstler in der Krise, Schauspieler, die so nicht arbeiten können und Psychotanten, die selbst ihr schwierigster Patient sind. Mit Ausnahme von Sandra Hüller gerät der Stoff aber längst nicht so zynisch und augenzwinkernd, wie es dem Film vielleicht gutgetan hätte. Was Einzug hält, ist eine gewisse, dem französischen Kopfkino eigene Schwermütigkeit, auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln lässt. Dennoch: Virginie Efira legt sich mit ihrer Figur der ambivalenten Unglücklichen mit und ohne Textil ordentlich ins Zeug. Adèle Exarchopoulos (Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe) heult und hyperventiliert sich die Seele aus dem Leib. Beide sind auf ihre Art famos und schaffen das Kunststück fertig, aus einem konfusen Beziehungsreigen doch noch ein kräftiges Stück intensives Psycho-Outing unter dem Vulkan zu absolvieren.

Sibyl – Therapie zwecklos

Capernaum – Stadt der Hoffnung

LEBEN OHNE SCHWARZ AUF WEISS

8/10

 

capernaum© 2018 Alamode Film

 

LAND: LIBANON, USA 2018

REGIE: NADINE LABAKI

CAST: ZAIN AL RAFEEA, YORDANOS SHIFERAW, BOLUWATIFE TREASURE BANKOLE, KAWSAR AL HADDAD, NADINE LABAKI U. A.

 

In die israelische Stadt Capernaum kam laut Bibel einst Jesus von Nazareth. Dieses geschichtliche Ereignis hat aber nichts mit Nadine Lapakis Filmerzählung zu tun. Laut eines Interviews mit der Regisseurin soll Capernaum eigentlich für etwas ganz anderes stehen: für den (literarischen) Inbegriff von Chaos und Unordnung. Dieses Chaos und diese Unordnung, diese Überlebensanarchie, dieses Ausharren von einem Tag zum anderen, dampft in den Gassen der Millionenmetropole Beirut. Die Bilder auf die Stadt sprechen tausend Bände. Dicht an dicht stehen hier die Zementklötze, unterschiedlich hoch, die meisten schmutzigweiß und ockerfarben. Auf ihnen tummeln sich Menschen. Glücklich, wer einen Balkon hat und auf das Treiben herabblicken kann. In diesem Irrsinn aus geschäftigen Tagesriten und Pflichten haust die vielköpfige Familie des jungen Zain – der nicht mal weiß wie alt er ist, weil er keine Papiere hat – in einer heruntergekommenen Bruchbude. Die Eltern schicken den Nachwuchs beim Hausherren in die Arbeit. Schule ist etwas, das so klingt wie eine vage Urlaubsplanung. Irgendwann verschachern die Erwachsenen die elfjährige Tochter, die gerade mal ihre erste Periode hat. Zain sorgt sich um seine Schwester, und flieht letzten Endes von zuhause, als er sieht, wozu seine Erziehungsberechtigten imstande sind. Diese Flucht treibt ihn wieder in einen ganz anderen Mikrokosmos, und eher er sich versieht, muss er das Kleinkind einer illegalen Einwanderin sitten, damit diese zu Geld kommen kann. Natürlich kann das nicht lange gut gehen, ohne Papiere kommt niemand weit. Und wer gedacht hat, die Eltern würden sich auf die Suche nach ihrem Sohn machen, der wird wohl eines Besseren belehrt.

Capernaum – Stadt der Hoffnung beobachtet das Elend jener, die nichts haben, von der Hand in den Mund leben und nicht wissen, warum sie auf der Welt sind. Labaki hat für ihren oscarnominierten Film rund 6 Jahre recherchiert. Und stellt dabei Fragen, bei denen andere wohl zögern würden. Vor allem der kleine Zain stellt sie, und er verbindet es mit einer Klage, die zu Beginn des Films durch den Gerichtssaal donnert. Angeklagt sind dessen Eltern, dafür dass sie den Buben in die Welt gesetzt haben. Wie jetzt? Lässt sich Elternschaft wegen Fahrlässigkeit verklagen? Capernaum lässt die Klageschrift zu. Wie verantwortungsvoll ist der Mensch, wenn er sich einfach nicht nach seiner Decke strecken will, wenn es ohnehin nicht mal für zwei reicht, und Ressourcen für den Nachwuchs einfach nicht vorhanden sind? Der Mensch kann nicht alles haben, schon gar nicht etwas, das irgendwann eigene Bedürfnisse hat. Kinderwunsch oder biologisches Diktat: In Capernaum ist der Mensch ein verantwortungsloses, vorrangig eigennütziges Wesen. Zain, ein enorm kluges Köpfchen, enttäuscht und fertig mit der Welt, der erkennt die Dynamik dahinter und stellt die Sinnhaftigkeit einer unkontrolliert wachsenden Bevölkerung infrage. Er macht mit seinen jungen Jahren genau das, was seine Eltern mehr schlecht als recht hinbekommen: er übt Verantwortung, noch dazu für ein ihm fremdes Kind.

Capernaum ist wohl einer der besten Filme über Armut und Gesellschaft. Labakis Film schildert zwar auch die Symptome einer missglückten Bevölkerungspolitik, kommt aber zwischen all der einnehmenden Filmbilder und der Schwere zerrütteter Verhältnisse auf kampfeslustige, unbeugsame Weise einer ganz bestimmten Ursache auf den Grund, nämlich der eines unbewilligten, unregistrierten Lebens.

Capernaum – Stadt der Hoffnung

So wie du mich willst

DIE GELIEBTE STIMME

6,5/10

 

sowiedumichwillst© 2018 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH, BELGIEN 2018

REGIE: SAFY NEBBOU

CAST: JULIETTE BINOCHE, FRANÇOIS CIVIL, NICOLE GARCIA, GUILLAUME GOIX, CHARLES BERLING U. A.

 

Juliette Binoche ist schon wirklich lange im Filmbiz tätig, und eigentlich immer konstant ausgelastet, scheut auch vor Blockbustern nicht zurück und erprobt die unterschiedlichsten Genres – von der Gameverfilmung bis zur Schnulze. Binoche ist längst nicht nur eine französische Schauspielerin, sie ist eine künstlerische Kosmopolitin, liebt Vielfalt und Abwechslung. Und gerade, weil sie sich, wie es scheint, unkompliziert casten lässt, dürfte sie bei den Filmemachern rund um den Globus allseits beliebt sein. Ungefähr so wie Isabelle Huppert. Was Binoche mit Huppert noch verbindet? Sie werden, je länger sie im Geschäft sind und je älter sie auch werden, immer attraktiver.

Binoches Filmfigur Claire ist sich ihres Charismas nicht bewusst, einfach, weil sie ganz andere Sorgen hat: neben einer traumatischen Trennung von ihrem Lebenspartner und der Erziehung ihrer Tochter vor allem die verfluchte Einsamkeit. Noch dazu ist sie um die 50 Jahre alt, in einem Alter also, in dem sich ein amouröser Neuanfang scheinbar schwierig bewerkstelligen lässt. Verlassen werden ist schmerzhaft, das macht so einiges mit dem Selbstwert. Da kommt Frau sich plötzlich gar nicht mehr begehrenswert vor. Also was tun, im Zeitalter der sozialen Medien, im Zeitalter von Tinder und Facebook? Frau macht sich einfach jünger, oder zumindest modifiziert sie sich so, dass sie jüngeren Männern gefallen könnte. Das kann natürlich nicht ewig gut gehen, so eine Lüge. Ich als Claire würde mich noch minderwertiger fühlen, wenn ich mich so dermaßen selbst verraten muss. Aber ist es wirklich das, was Mann will? Die Schlußfolgerung ist nur logisch, denn verlassen werden für eine Jüngere impliziert relativ unmissverständlich, nicht gut genug zu sein für den, der einem wichtig ist.

So wie du mich willst beklagt den aktuellen Trend, medial für alle gefällig sein zu müssen. Juliette Binoche gibt sich dem Diktat der Nachfrage ans Junge und Schöne in sehnsüchtiger Verzweiflung hin, ohne an die Folgen zu denken. Der Moment des Genusses, begehrt zu werden, der reicht. Auch wenn das Ganze rein platonisch bleiben muss. Und wie in einem Psychothriller um Obesssionen, Abhängigkeiten und Eifersucht zwirbelt sich dieser Film, der aber eigentlich gar kein Thriller ist, in schwer steuerbare Höhen. Binoche lässt sich dabei voll und ganz gehen, weder Sex noch Nacktheit scheinen sie zu stören, sie ist da voll und ganz Profi. Weniger professionell erscheint da schon eher der Plot dieser medienkritischen Romanze – ein interessantes Beispiel dafür, wenn sich Drehbuchautoren nicht entscheiden können, zu welchem Ende sie kommen wollen. Tatsächlich hat So wie du mich willst zwei davon. Wie lässt sich das lösen? Ich will natürlich nicht zu viel verraten, jedoch eines lässt sich sagen: Obesssion hört erst dann auf, wenn gar nichts mehr geht. Wenn entweder der Gierende oder das Objekt der Begierde fort ist. Das wäre eine bittere Konsequenz, und dieser wollte sich Regisseur Safy Nebbou nicht zur Gänze hingeben, wenngleich er in manchen Szenen stark mit Elementen aus Jean Cocteaus fatalem Monodrama Die geliebte Stimme kokettiert. Spätestens dann verliert der Film aber einiges an Bodenhaftung, allerdings könnte es wohl die einzige Lösung sein, wenn es darum geht, keinen Rückzieher machen zu wollen vor dem unvermeidlichen Cocktail aus Scham, Illusion und Erfüllung, der da losgetreten wurde.

So wie du mich willst

303

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

5,5/10

 

303© 2018 Alamode

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: HANS WEINGARTNER

CAST: MALA EMDE, ANTON SPIEKER, MARTIN NEUHAUS U. A.

 

Ab in den Süden! – Ich kann es kaum erwarten, bis Buddy vs. DJ the Wave wieder aus dem Radio scheppert, bis die Uhren endlich umgestellt sind und es langsam wieder nach Sommer riecht. Mit Ab in den Süden ist das Urlaubsfeeling in der Zielgeraden, da freut man sich, endlich ausbrechen und den ganzen Alltag hinter sich lassen zu dürfen. So wie die 24jährige Biologiestudentin Jule, die gerade ihre letzte Prüfung vor der große Pause versemmelt hat und sich nun mit einem Wohnmobil der Marke Mercedes Homer 303 aufmacht, ihren Freund zu besuchen, der in Portugal weilt und noch gar keine Ahnung davon hat, dass er womöglich Vater wird. Doch ganz sicher ist sich Jule da nicht – ob sie die Schwangerschaft nicht abbrechen soll? Kurz nach Berlin gabelt die junge Frau an einer Tankstelle den Tramper  Jan auf – ebenfalls Student, ebenfalls mit einem Projekt gescheitert, und eigentlich vaterlos. Sein unbekannter, biologischer Erzeuger, der weilt auch im Süden, und zwar in Spanien. Sommerferien sind also da, um das zu tun, was man irgendwie tun muss − wobei der Weg als Ziel eigentlich viel schöner ist als das, was wartet, wenn man ankommt.

Fatih Akin hat schon Anfang der 90er mit der Sommerkomödie Im Juli so ein launiges, verliebtes Roadmovie inszeniert, mit einer traumhaft quirligen Besetzung, und mit einer kurzweiligen Story, die nah an der hollywoodtauglichen Krimikomödie entlangflaniert. 25km/h, die Reise auf zwei Mofas Richtung Nordsee, war auch so ein Selbst- und Wiederfindungstrip. Und 303 – der liegt auch irgendwo auf dieser Schiene, nähert sich aber thematisch fast schon mehr den Dialogkomödien eines Richard Linklater an, insbesondere der Before-Trilogie, bestehend aus Sunrise, Sunset und Midnight. Ethan Hawke und Julie Delpy trafen sich da in Wien, Paris oder letztendlich in Griechenland, um einfach miteinander zu reden, Diskussionen vom Zaun zu brechen und an den Erkenntnissen zu wachsen. Das ist auch der Punkt, warum Linklaters Dialog-Trilogie in allen Teilen so gut funktioniert. Weil einfach die Chemie zwischen den beiden gestimmt hat – und beide auch bereit waren, ihren Standpunkt zu verändern, aus einem anderen Licht zu betrachten, sich selbst zu hinterfragen.

Die Chemie zwischen Mala Emde und Anton Spieker scheint erstmal auch zu stimmen. Beide Schauspieler lassen sich gut aufeinander ein, und sehr wahrscheinlich lief das Casting für diesen Film nicht getrennt voneinander ab, wie vielleicht bei Herzblatt. Die beiden mögen sich, das ist klar, zumindest nach dem zweiten Anlauf, denn beim ersten Mal hat Jan noch den Beifahrersitz räumen müssen, weil er bei Jule einen wunden Punkt getroffen hat. Gut aber, dass der Zufall es so wollte und beide wieder zusammengeführt hat. Und so tingeln sie quer durch Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Wir sehen, wie sie die offenen EU-Grenzen passieren, wenn der Kölner Dom oder rustikale französische Dörfer vorbeirauschen und das Meer zum Greifen nah ist. Während sie so von einer Landschaft in die nächste reisen, rund eine Woche lang, wird viel geredet, diskutiert und sinniert. Und genau darin liegt das Problem in diesem deutlich überlangen und auch viel zu langen Reisefilm vom Österreicher Hans Weingartner (Das weiße Rauschen, Die fetten Jahre sind vorbei). Sein mobiler Liebesfilm nimmt sich einerseits und vollkommen nachvollziehbar genügend Zeit, die Zuneigung der beiden füreinander langsam, aber stetig und glaubhaft wachsen zu lassen. Das ist das Kernstück, das tatsächlich auch so gemeinte Herzstück des Films – denn das Herz, das spielt hier eine große Rolle. Und was das Herz will, das, so wünscht man sich, soll es bei Jule und Jan auch bekommen. Andererseits aber sind die Dialoge nicht das, was sie sein sollten, da hätte Weingartner von Linklater mehr lernen sollen. Insbesondere bei den Gesprächen, die so aussehen sollen wie jene über Gott und die Welt. Wenn es um Suizid, Sexualität und Massenkonsum geht, wirken die Diskussionen so klischeehaft, vorbereitet und in den Mund gelegt wie durchkonzipiertes Schulfernsehen. Kann sein, dass Mala Emde und Anton Spieker hier aus dem Stegreif plaudern, aber wie Stegreif mutet das ganze nicht an. Eher wie eine Umfrage zu trendigen Jugendthemen. Da fehlt das Unmittelbare, das Aufgreifen des Gesprächs aus der Situation heraus. So hat man das Gefühl, einem Schulprojekt aus der Oberstufe beizuwohnen, das gerade mal ein Wochenende Zeit gehabt hat, sich stichwortartig die Fragen zu überlegen.

Liebens- und sehenswert sind die beiden ja trotzdem, und es sei ihnen das Glück in ihrem jungen Leben vergönnt, aber vielleicht bin ich diese Art der Twentysomething-Diskussionskultur schon durch und muss niemandem mehr meinen Standpunkt klarmachen. Weingartners Verliebte müssen das, und so ist sein Film auch durch den Eifer seiner populären, recht aufgepappten Topics ein reiner Jugendfilm, der weder überrascht, erstaunt oder Reibungsflächen bietet, der einfach nur  – und das kann er aber –- vom Gefühl einer Sommerliebe erzählt, und vom Alltag, den man gerne zurücklassen würde. Was aber nicht ganz klappt, denn die Hürden des Lebens sind mit dabei, wobei diese in 303 aber kleiner werden, sich anders verlagern oder von selbst lösen. Das ist wohl das, was das Reisen ausmacht – Distanz hinter sich und dem Status Quo zu bringen, während man sich neuen Horizonten auf der Landkarte und im Kopf zuwendet.

303

Dogman

DAS UNRECHT DES STÄRKEREN

7,5/10

 

dogman© 2018 Alamode Film

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: MATTEO GARRONE

CAST: MARCELLO FONTE, EDOARDO PESCE, NUNZIA SCHIANO, ADAMO DIONISI U. A.

 

Es gibt wenig Vergleichbares wie die Rolle des Hundes, wenn es darum geht, eine Metapher zu finden für die guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Für die Mechanismen der Gesellschaft und den Urinstinkten hinter vermeintlich sozialer Kompetenz. Der Hund, der ist nicht nur im Abenteuer- und Familienformat eines Lassie oder Beethoven zu finden – er ist in letzter Zeit angesichts der globalen politischen Entwicklung nun auch vermehrt als unmissverständliches politisches Gleichnis zu entdecken, in Filmen wie Isle of Dogs von Wes Anderson, wo es um den Umgang mit Minderheiten geht. In Filmen wie dem ungarischen Underdog, der vom Widerstand der Unterdrückten handelt. Oder eben in Filmen wie Alpha, der zwar nicht sinnbildlich gesehen werden kann, dafür aber die Wurzel des Zusammenlebens zwischen Menschen und Hund in ein pittoreskes Abenteuer verpackt. Der italienische Regisseur Matteo Garrone, der sich intensiv mit den gesellschaftlichen und historischen Strukturen seines Landes beschäftigt und unter anderem mit der phantastischen Anthologie Das Märchen der Märchen barocke Legenden zum Leben erweckt hat, nutzt auch für seinen jüngsten, für die Golden Palme nominierten Film Dogman die Allegorien rund um den Hund.

Kurz nachdem der Film zum ersten Mal aufblendet, kläfft dem Publikum bereits die Aggression entgegen – die Großaufnahme eines wildgewordenen Köters, der sich dem Hundefriseur Marcello unterwerfen muss, um gewaschen und geföhnt zu werden. Marcello bekommt das hin, er kann gut mit Hunden, mit dem gezähmten Wilden, solange es keine Menschen sind. Mitunter hält er die Vierbeiner in engen Drahtkäfigen, was nicht wirklich hundefreundlich ist, doch verwahrlosen und hungern lässt er sie nie. Dennoch – hier lässt sich bereits erkennen, dass Marcello manchmal gerne so wäre wie Simoncino, ein Schläger und Krimineller, ein Soziopath und selbsternannter Tyrann eines heruntergekommenen Viertels irgendwo an der Küste Italiens, das so wirkt wie der Anti-Vergnügungspark des Inkognito-Künstlers Banksy, ein zwielichtiger Randbezirk wie in Jacques Audiard´s Dheepan, wo der Arm des Gesetztes zu kurz geworden scheint und die Starken ihre eigenen Gesetze den Schwächeren aufoktroyieren. Was bleibt dem geschiedenen Vater einer Tochter also anderes über, als sich mit dem Stärksten und Mächtigsten zu arrangieren, das in dieser Gegend herrscht und gebietet. Wenn der Ex-Boxer Simoncino ruft, muss Marcello parieren. Wie ein Hund an der Leine, aus Angst, Gewalt zu erleiden. Das Recht des Stärkeren ist unangreifbar, und eine andere Lösung als dem Gewalttäter klein beizugeben sieht Marcello nicht. Zuckerbrot für die Peitsche in Form von Drogen sollen die Bedrohung mildern, die tagtäglich vor den Jalousien des kleinen Hundeladens auf und ab schleicht. Bis irgendwann der tumbe, menschenverachtende Riese zu viel des Guten will – und der Hundemann dafür büßen muss, wie ein Sündenbock ohne Hörner, der nirgendwo dagegen laufen kann, wiederum aus Angst, alles zu verlieren.

Erst vor Kurzem gab es auf derstandard.at eine Umfrage, welche Filme denn gut, aber zu deprimierend seien, um sie ein zweites Mal anzusehen. Zu diesen Filmen würde ich von nun an auch Dogman zählen. Selten hat eine Parabel wie diese die Gesetze von Gewalt und Macht so behutsam obduziert, zuletzt vielleicht Dustin Hofmann in der Rolle des völlig aus der Bahn geworfenen und zu drastischen Mitteln greifenden Normalbürgers in Sam Peckinpah´s Wer Gewalt sät. Tatsächlich lässt sich dieser mit Dogman ganz gut vergleichen. Beiden wohnt eine ohnmächtige Hilflosigkeit inne, die sie auf der Stelle treten lässt, sofern die letzte Instanz der Gewalt nicht in Anspruch genommen wird. Der Hundefrisör hat irgendwann keine andere Wahl mehr – seine Zwangslage lässt ihn zu etwas werden, was ihn alsbald nicht mehr viel von der Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über seinem Schicksal hängt, unterscheidet. Letztendlich ist es ein biblisches Bild, das sich auftut – eine Art David gegen einen Goliath, den alle hassen und fürchten. Der Schwache misst sich mit dem Starken, will ihn bezwingen. Dieses Umstoßen einer Machthierarchie führt Matteo Garrone zu einer verstörenden Wahl der Waffen in drastischen Bildern aus Qual, Panik und Schmerz. Kaum zu glauben, wie sich aus der bühnenhaften Sozialstudie voller Underdogs und dem sehnsüchtig verträumten Kolorit eines italienischen Neorealismus die erschütternde Chronik einer Befreiung windet. Zwar unbeholfener und mit mehr Ehrfurcht vor dem eigenen Tun und Handeln, aber nicht weniger radikal wie die Tat eines Travis Bickle. Was bleibt, ist ein David ohne Königreich, das Aufatmen in einer neuen, im Dämmerzustand verharrenden Welt. Angstfrei zwar, aber von allen verlassen.

Dogman