Monster Hunter

DRACHEN ZÄHMEN ANDERE

6,5/10


monsterhunter© 2020 Constantin Film Verleih

LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

CAST: MILLA JOVOVICH, TONY JAA, MEGAN GOOD, RON PERLMAN, JIN AU-YEUNG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Size does matter! Diese Einsicht hatte Roland Emmerich bereits in seinem Trailer zu dessen Außenseiter-Version von Godzilla gut verbraten. Und ja, er hatte verdammt recht. Größe fällt tatsächlich ins Gewicht. Mein jovialer Imperativ an dieser Stelle: Erhebet das verwöhnte Sitzfleisch und macht euch auf ins Kino! Die Frage, ob Großbildleinwand oder lieber Homecinema, die soll sich bei Filmen wie diesen eigentlich gar nicht stellen. Monster Hunter zum Beispiel zieht man sich im dunklen Auditorium rein, vorzugweise auf IMAX-Leinwand und THX-Sound. Nirgendwo sonst. Ob Pacific Rim, King Kong, Godzilla oder Godzilla vs. Kong (bringt als nächstes die Leinwände zum Beben) – für den Bildschirm sind diese Filme einfach zu schade. Selbst Game of Thrones hätte eigentlich ins Kino gehört, aber wer tauscht schon fürs Bingewatching Jogginghosen gegen Ausgehkluft? Aber bitte – vielleicht ändern sich die Zeiten auch in diesem Fall. Für Monster Hunter ist es jetzt schon so weit. Und es ist so, wie der Titel des Streifens schon sagt: Was draufsteht, ist auch drin. Oder: zahlst du für Monster, kriegst du Monster.

Man bekommt aber auch noch obendrauf eine Killa-Milla serviert. Als Marine-Commander muss sie mit ihrer (vorwiegend) männlichen Truppe per Automobil eine steinige Wüste irgendwo im Nahen Osten durchqueren. Dabei kommt ein Sturm auf, ein regelrechtes Unwetter mit Blitz und Donner und wirbelndem Sand. Dabei werden die Soldaten ordentlich durchgeschüttelt und landen in einem Dünenmeer fernab jeglichen Funkkontakts. Das Publikum ahnt, was gleich als nächstes passieren wird. Irgendwas Monströses wühlt sich einem Ameisenlöwen gleich aus der Sandkiste und hat dabei nichts Gutes im Sinn. Was folgt ist kämpfen, rennen, flüchten. Ein astreines Abenteuerkino mit der dramaturgischen Dichte eines Guilty-Pleasure-B-Movies und unterlegt mit 80er Synthesizer-Klängen, hebt an. Dazu passt ein Kübel Popcorn und eine kühle Flasche Bier. Herrlich.

Paul W.S. Anderson ist also mal kurz von seinen Resident Evil-Pfaden abgebogen und hat sich eben das Franchise einer Videospiel-Reihe zur Brust genommen. Ich kenne die Spiele nicht, kann also nichts vergleichen. Bin auch froh darüber, andauernd dieses Abwägen, ob entsprechend oder nicht, würde mir den Spaß etwas trüben. Auf diese unbedarfte Weise bleibt mir eine natürlich recht hölzern aufspielende Milla Jovovich, die, wenn sie sich die Hände schmutzig macht, keinerlei Berührungsängste mit welchen Bestien auch immer hat. Action, das kann sie. Dafür scheint die Dame gemacht. Das weiß auch Gatte Anderson. Als schräger Sidekick sorgt Tony Jaa (mehr oder minder ein Jackie Chan-Ersatz) für Humor zugunsten kommunikativer Missverständnisse. Und für den Rest – da öffnet Monster Hunter die Tore des Kolosseums. Ob behörnte Sandwühler – brüllend und stampfend, Legionen dorniger Spinnen oder geschmeidige Drachen, die jenen aus Game of Thrones locker das Wasser reichen können – und ebenso bildgewaltig in Szene gesetzt werden: dieser Clash Mensch gegen Kreatur will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein. Vielleicht schwelgt dieser Clash zusätzlich noch in den Erinnerungen an das resolute Fantasykino einer Fanthagiro, Xenia oder Red Sonja. Heldinnen in Rüstung und Leder.

Manche Szenen, in denen man einige der Creature Designs ja gar nicht mal richtig zu Gesicht bekommt, sind viel zu kurz geraten. Schade drum. Guillermo del Toro, der diesen Film womöglich sicher gesehen hat, weil er sich fast so anfühlt wie Pacific Rim mit Sand, einer Waterworld-Kostümshow und Herr der Ringe, hätte hier noch so manche Szene in die Verlängerung geschickt. Aber wenigstens bleibt uns als fetter Ausgleich der süffisante Haudegen Ron Perlman. Diesmal nicht in Rot, diesmal aber mit Rod Stewart-Gedächtnisfrisur und Kajal. Wenn das nicht Spaß an der Freude ist, dann weiß ich auch nicht.

Monster Hunter

Scary Stories to Tell in the Dark

AUF DEN GEIST GEGANGEN

6,5/10

 

scarystories© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDRÈ ØVREDAL

CAST: ZOE MARGARET COLLETTI, MICHAEL GARZA, AUSTIN ZAJUR, AUSTIN AMBERS, GABRIEL RUSH, DEAN NORRIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN

 

Horror ist ja nicht so meins. Vor allem jener, der durch die Hintertür kommt und sich auf die Amygdala setzt. Gar nicht gut. Allerdings muss ich in diesem sehr facettenreichen Genre manches nachjustieren und durchaus auch Ausnahmen machen. Horror, der kann auch recht ansprechend sein. Und Horror ist dann, wenn er sich vermehrt im Subgenre des Grusels verirrt, etwas, das mich neugierig macht. Die Gespensterperle Das Waisenhaus hat mir wieder mal gezeigt: Horror verortet sich sehr subjektiv in der eigenen Lebenserfahrung, macht aber auch gleichermaßen Mut, dem eigenen Ich mal ein paar unbequeme Fragen zu stellen.

Wenn sich das furchteinflößend Monströse sehr nah an das kreative Schaffen eines Künstlers heranwagt, wenn die Liebe zu diesem Schrecklichen, das sich in Form von Untoten, Geistern und Dämonen manifestiert, in phantastischem Realismus übergeht und alptraumhafte Kreaturen, die bislang nur auf Papier existierten, plötzlich durchs Filmbild schlendern, reizt das meine Vorliebe für allerhand Kreatürliches. Guillermo del Toro tickt da ganz genauso. Auch der für seinen produzierten Film engagierte Regisseur André Øvredal, der mit Trollhunter ein so launiges wie nerdiges Stück Found Footage-Mythologie aus dem waldreichen Norden Skandinaviens in Film gepackt hat, scheint das manifestierte Schreckliche sehr ins Herz geschlossen zu haben. Ganz so wie Illustrator Stephen Gammel, der die Kinderbuchreihe Scary Stories to Tell in the Dark von Alvin Schwartz mit vorwiegend in Bleistift hingeschummerten Horrorbildern ergänzt hat. Ergoogelt man den Künstler, wird schnell klar, dass sich in Øvredals Verfilmung der Scary Stories dessen Spukgestalten aus der Zweidimensionalität verabschiedet haben und sich gemächlichen Schrittes den von Albträumen geplagten Teenies nähern, die, so schnell sie auch laufen mögen, ihrer Nemesis niemals entkommen können.

Schuld daran ist ein ruheloser Geist in einem verlassenen Anwesen, der in der Halloweennacht von einer Handvoll Jugendlicher aufgescheucht wird. Ruhestörung geht gar nicht, und das Entwenden bibliophiler Kostbarkeiten aus dem spukhauseigenen Fundus genauso wenig. Doch davon ahnen die  Freunde erstmal überhaupt nichts. Bis das entwendete Buch beginnt, blutrote neue Gruselgeschichten zu verfassen. Dreimal darf man raten, wer von nun an die Hauptrollen spielt. Und wer mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, manchmal mit etwas mehr, manchmal mit etwas weniger Erfolg.

Ursprünglich als Horror-Abenteuer für die ganze Familie konzipiert, das eher in Richtung Gänsehaut nach R.L. Stine hätte gehen sollen, entpuppt sich das überraschend blutleere „Haschmich“ allerdings als ein schwarzhumorig-verfluchtes Escape Room-Spiel in einem Gruselkabinett, dessen Hausregeln keiner kennt. Da sucht ein Zombie nach seiner verlorenen Zehe, wollen Vogelscheuchen nicht mehr verprügelt werden und setzt ein hämisch grinsender Baukasten aus menschlichen Extremitäten armen unschuldigen Teenies nach. Am Irrsten allerdings ist das schwarzhaarige schlurfende Dickerchen, das gerne Free Hugs verteilt. Bizarre Figuren, die einem erstmal einfallen müssen. So sehr aber am Setting und an den Monstern herumgefeilt wurde, so geradlinig bleibt die Scary Story, die hier mehr Tiefenschärfe gut vertragen hätte. Die das Schicksal des unheilstiftenden Geistes eine Spur früher hätte ins Spiel bringen können. Doch das sind nur Bemerkungen am Rande der Schatten. Für kreativen Grusel in der Nacht zu Halloween eignet sich der Bilderbuchfilm Scary Stories to Tell in the Dark eigentlich ganz formidabel. Also: falls noch nicht gesehen – gleich vormerken fürs nächste Jahr!

Scary Stories to Tell in the Dark