Im Labyrinth des Schweigens

DAS BÖSE ZUR RECHENSCHAFT ZIEHEN

6/10


labyrinthdesschweigens© 2014 Universal Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2014

REGIE: GIULIO RICCIARELLI

CAST: ALEXANDER FEHLING, GERT VOSS, JOHANNES KRISCH, ANDRÉ SZYMANSKI, JOHANN VON BÜLOW, ROBERT HUNGER-BÜHLER, LUKAS MIKO, FRIEDERIKE BECHT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Was habe ich nicht die schauspielerischen Spitzen dieses großartigen Künstlers auf den Brettern des Wiener Burgtheaters genossen! Egal, ob Thomas Bernhard oder Samuel Beckett – mit seiner sonoren Stimme und seinem Charisma war Gert Voss immer ein Erlebnis. 1995 gar von der Times als bester Schauspieler Europas genannt, verstarb dieser mit nur 72 Jahren – sein letzter Auftritt lässt sich im Holocaust-Aufarbeitungsdrama Im Labyrinth des Schweigens bewundern, in welchem er den legendären Eichmann-Jäger Fritz Bauer verkörpert. Voss hat seine Version des Staatsmannes ganz anders angelegt als dies ein Jahr später Burghart Klaußner in Der Staat gegen Fritz Bauer getan hat. Die zerzauste weiße Haarpracht, kettenrauchend und im Verhalten recht sperrig – zumindest optisch weiß Klaußner die historische Persönlichkeit schillernder und naturgetreuer zu verkörpern. Voss ist da womöglich bereits von seiner Krankheit gezeichnet, bleibt lieber er selbst als jemand anderer, erreicht aber immer noch Größe. Allein dafür wäre dieser Film schon sehenswert. Und natürlich kann ein Film nicht nicht ansehenswert sein mit einer Thematik wie dieser, geht’s doch um so etwas menschenrechtlich relevantes wie die in Frankfurt stattgefunden Auschwitz-Prozesse. Der Film beleuchtet, wie es dazu eigentlich gekommen war.

Im Mittelpunkt dieses in seinen Fakten tatsächlichen Geschehens steht allerdings eine fiktive Figur, die im Grunde die drei wirklichen Anwälte zusammenfassend darstellt: Alexander Fehling gibt den jungen Anwalt Johann Radmann, der sich erstmal nur mit juristischem Pipifax auseinandersetzen muss – Bezirksgericht auf langweilig. Bis ihm allerdings die Aussage eines Holocaust-Überlebenden namens Kirsch in die Hände fällt (gewohnt intensiv: Johannes Krisch), der dann folglich vieles ins Rollen bringt, in erster Linie aber ganz viel Papierkram und Organisatorisches. Ziel ist es schließlich, so viele Zeitzeugen wie möglich zur Aussage zu bewegen, um damit so gut wie alle Nazis, die in Auschwitz stationiert waren, des Mordes oder zumindest der Beihilfe dessen zu verurteilen. Fritz Bauer ist da als Generalstaatsanwalt ganz vorne mit dabei (in eingangs erwähntem Film von Lars Kraume sieht man ganz genau, auf welchen Widerstand aus den eigenen Reihen er damals gestoßen war). Im Laufe seiner Arbeit allerdings verbeißt sich Radmann auf eine ganz bestimmte Person – nämlich jene des nach Brasilien geflüchteten KZ-Arztes Josef Mengele, dem Inbegriff unmenschlicher Scheußlichkeiten.

Im Labyrinth des Schweigens ist konventionelles, polithistorisches Erzählkino, notwendigerweise chronologisch aufgebaut und vermengt mit den Versatzstücken eines pseudobiographischen Begleitdramas rund um Fehlings Filmfigur. Geschichtsdramen wie diese brauchen einen gefälligen, dramaturgischen Unterbau, schon allein deshalb, um eine Identifikationsfigur auf Augenhöhe zu schaffen. Hier, im Frankfurt der späten 50er Jahre, kauert der Faschismus hinter den Masken jener, die es sich gerichtet haben. In einer Szene verfällt Anwalt Radmann geradezu in verzweifelte Panik, weil er plötzlich in allen und jeden einen heimlichen Nazi zu erkennen glaubt. Dieser braune Dunst wabert über dem Retro-Interieur privater Wohnungen und Büros – ein schwelender Zustand, den Regisseur Giulio Ricciarelli relativ gut einzufangen weiß.

Ganz besonders begrüßenswert ist aber vielmehr die Art und Weise, wie der Film mit den schrecklichen Details umgeht, die weder breitgetreten noch als sentimentales Betroffenheitskino demonstrativ eingesetzt werden. Über die erzählenden Gesichter unterschiedlichster Art legt er den Mantel des Schweigens, nur ab und zu werden so manch erschütternde Erinnerungen artikuliert, und der ganze schreckliche Rest lässt sich in den eigenen Gedanken sowieso nacherleben – wenn man es zulassen kann und will. Durch diese pietätvolle Balance findet Im Labyrinth des Schweigens nie sein Ziel aus den Augen. Was bleibt, ist wichtiges Kino, allerdings nach bewährtem Muster, das durch seine prosaische Norm zwar interessant ist, aber nie wirklich emotional vereinnahmt. Dass dann tatsächlich so jemand wie Mengele bis in die 70er Jahre hinein unbehelligt weiterleben konnte, macht einem zumindest klar, wie sehr man in Sachen Gerechtigkeit damals wie heute gegen Windmühlen kämpft.

Im Labyrinth des Schweigens

Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung