Foxtrot

DIE WAAGSCHALEN DES KRIEGES

8,5/10

 

foxtrot© 2017 Polyfilm Verleih

 

LAND: ISRAEL, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2017

BUCH & REGIE: SAMUEL MAOZ

CAST: LIOR ASHKENAZI, SARAH ADLER, YONATON SHIRAY, SHIRA HAAS U. A.

 

Es gibt Filme, die so unerwartet passieren, dass sie sich anfühlen wie Nachwirkungen eines Unfalls. Wie der plötzliche Todesfall eines jungen Prominenten. Oder wie die Sichtung eines seltenen Tieres beim Hiken in den Wäldern. Das sind Dinge, einfach nicht berechenbar. Genauso wenig wie Foxtrot. Das mit dem Spezialpreis der Jury bei den Filmfestspielen von Venedig 2017 ausgezeichnete Werk zählt für mich zu den kuriosesten und kontroversesten Filmen der letzten Zeit. Foxtrot ist ein Kunststück, das man als Künstler erst wagen muss, mit diesem Wagnis aber letzten Endes das Medium des Kinos so dermaßen bereichert, dass es einfach gar nicht anders kommen kann, damit auch auf Widerstand zu stoßen. Und der war deutlich genug. Denn was der Israeli Samuel Maoz mit seinem irritierenden Film da von der Leine lässt, ist nicht unbedingt leicht zu verstehen, bleibt genauso schwer im Magen liegen wie es seltsam unterhält. Doch ist die Intensität von Foxtrot nicht wie bleiernes Betroffenheitskino ein ungelenkes Vehikel. Ganz im Gegenteil: Maoz hat womöglich schon im Vorfeld das Genre des Antikriegsfilmes studiert, er kennt womöglich die Werke von Sam Mendes (Jarhead), Innaritu oder Robert Altman (M.A.S.H.), er holt sich Inspiration, ganz sicher. Er hat auch womöglich selbst so Einiges beobachtet, in seinem eigenen Land. Und fügt all diese Notizen seiner Recherche mit seiner Sicht auf einen stagnierenden Krieg zusammen, wie Post-its auf einer Poetry-Wall, die Unterschiedliches erzählen. Betroffenmachendes, Humorvolles – oder völlig irren Symbolismus.

Samuel Maoz hat dafür sehr viel Kritik einstecken müssen. Ein Nestbeschmutzer, einer, der Lügen verbreitet über die israelische Armee, ein Feind im eigenen Land. So wie seinerzeit Thomas Bernhardt über die politische Grundgesinnung Österreichs. Dass Foxtrot zum Teil auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist, dass diese in drei Segmente geteilte Komposition viel mehr will als den absurden Alltag eines Krieges und deren Folgen zu beweinen, muss denen, die sich händeringend echauffiert haben, wohl entgangen sein. Kann auch gut sein, kann ich sogar auch nachvollziehen. Foxtrot lädt nicht zu einem Stelldichein vertrauter Normen. Er sprengt sie, verwirrt und rückt so nah an das Geschehen eines Verlustes, dass es schmerzt. Den Tod seines Sohnes Jonathan an der Front muss Vater Michael erst mal realisieren, während die Mutter nach einem Ohnmachtsanfall sädiert im Bett liegt. Die Kamera kreist dabei virtuos um einen in Schockstarre befindlichen Ist-Zustand, um eine ausgelöschte Norm des Alltags. Close Ups wechselm mit Totalen von oben, sie zeigen einen völlig orientierungslosen Mann, der sich selbst quält, um den Schmerz zu lindern. Zugegeben, das zu ertragen ist für den Zuseher nicht gerade ein Honiglecken. Irgendwann kommt die Verwandtschaft, auch sie am Boden zerstört. Das Begräbnis wird geplant, ein Schicksalsschlag, einfach entsetzlich. Bevor man allerdings kurz davor ist, sich zu entschließen, dieses Drama nicht mehr weiter zu verfolgen, erlaubt sich der Film eine radikale Wendung. Und wir finden uns in der Wüste wieder, am Checkpoint Foxtrot.

Was dann passiert, muss man gesehen haben. Und jedes weitere Wort würde diesen wilden Ritt nur zähmen. Erstaunlich, welch unterschiedliche Färbung Maoz seinen Puzzleteilen verpasst, welchen unterschiedlichen Rhythmus und welche Zugkraft. Und wie das ganze miteinander verflochten ist. Die große Frage von Schuld ist dabei eine, die das Zerrbild eines dem Alltag inhärenten Säbelrasselns durchzieht, und sie manifestiert sich in vielerlei Gestalt. Sowohl als Blutzoll, schlechtes Gewissen oder dem Delegieren von Verantwortung. Die Ernte davon: ausgleichende Gerechtigkeit oder kompromissloser Wille zu einem die ganze Existenz durchdringenden Gleichgewicht, dem keiner entkommen kann. Wie die Waagschalen in einem Krieg, der seine Beteiligten nur noch in abgestumpfter Wachsamkeit vorfindet und erst wieder mit getriggerten Provokationen für tauglich erklärt. Jenseits des Krieges aber warten ganz andere Schicksale, die noch schwerer zu fassen sind als das Menschengemachte. Foxtrot leuchtet dieses verschachtelte Gefüge aus, wie der Suchscheinwerfer all jene, die den Checkpoint Foxtrot passieren wollen. Ganz normale Menschen, die nichts anders wollen als nach Hause kommen. Und manchmal auch ein Kamel, wie die entrückte Vision einer trottenden Gleichmut, die von der Zukunft weiß.

Foxtrot

BlacKkKlansman

DER KUCKUCK IM KU-KLUX-KLAN

5/10

 

BlacKkKlansman© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: SPIKE LEE

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ADAM DRIVER, LAURA HARRIER, TOPHER GRACE, JASPER PÄÄKKÖNEN, ALEC BALDWIN U. A.

 

Als Ron Stallworth im Polizeikommissariat Colorado Springs, Abteilung Undercover-Ermittlungen, nach einem Blick in die Tageszeitung zum Hörer greift und auf eine plötzliche Eingebung hin die Nummer des Ku-Klux-Klans wählt, unterliegen nicht nur die Kinnladen der Filmkollegen der Schwerkraft. Dieser Ron Stallworth, der ist nämlich ein Afroamerikaner. Einer der wenigen, die zu dieser Zeit überhaupt in staatliche Dienste gestellt werden, noch dazu sichtbar für das latent rassistisch geprägte amerikanische Volk der Weißen, die damit wenig anfangen können und wo verdeckte Ermittlungen grandios funktionieren, weil einfach niemand damit rechnet, das Schwarze im Umfeld potenzieller Gefahrenquellen herumschnüffeln könnten. Diese einmalige Gelegenheit, die lässt Ron Stallworth nicht verstreichen. Und landet schon alleine mit seinem unverschämten Anruf beim lokalen Gruppenleiter der Kapuzen-Rassisten eine schallende Ohrfeige auf den Wangen Reinheitsgebot predigender Herrenkrieger.

Mit diesem Stoff hat sich Kultregisseur Spike Lee etwas ganz Brisantes ausgesucht. Diese True Story, die sich in den 70ern ereignet hat und auf den Erinnerungen des echten Stallworth beruht, ist kaum zu glauben und schreit danach, vor allem in Zeiten wie diesen verfilmt zu werden: Ein Schwarzer infiltriert und unterwandert das superrechte Lager und gibt ale eine Art „Till Eulenspiegel“ mit Afro den kleinkarierten Unfug der Möchtegern-Arier der Lächerlichkeit preis. Dieses Kunststück der Entlarvung wäre wohl nicht gelungen, hätte Ron Stallworth nicht Kollegen an seiner Seite gehabt, die bei diesem präventiven Schildbürgerstreich mitgespielt hätten. Dank des Juden Flip Zimmerman erschaffen die Undercover-Experten eine fiktive Figur echten Namens, die sowohl vor als auch hinter dem Telefon funktioniert und selbst den nationalistischen Abgeordneten und Oberguru David Duke aufs schneeweiße Glatteis führt.

Wie sehr doch Spike Lee die Möglichkeiten dazu gehabt hätte, den rechtsradikalen Ku-Klux-Klan mithilfe des aufblätternden Witz eines Charlie Chaplin als haltloses Ad-Absurdum-Vehikel darzustellen. Doch die Wut und die Furcht des Filmemachers konnten einfach nicht dulden, der erlebenswerten Realsatire ganz allein das Feld zu überlassen. Spike Lee wollte ein politisches Statement verkünden, dass er aber als Understatement ohnehin schon gehabt hätte. Lee macht es letzten Endes wie Michael Moore – er wird populistisch, und stiehlt durch seinen Populismus seiner intelligenten Chronik der Ereignisse voller Länge die Show. Hätte es die Realszenen am Ende des Filmes zu den Ereignissen des August 2017 wirklich gebraucht? Oder Harry Belafonte´s (welche Überraschung, ihn nochmals auf der Leinwand zu sehen) Chronik der Hinrichtung eines geistig behinderten Schwarzen? Meiner Meinung nach nicht. Meiner Meinung nach fühlt es sich so an, als hätte Spike Lee auf den Zündstoff seiner subversiven Beinstellerei letzten Endes nicht mehr vertraut. Und so soll im Nachhinein die Angst vor Trump und den gewalttätigen Rechten jene Wirkung erzielen, die eigentlich Stallworth als Wolf im Schafspelz hätte erzielen sollen. Dieser Semidokumentarismus, der wäre in Filmen wie Detroit von Kathryn Bigelow besser positioniert gewesen. Aber nicht in einem Film wie BlackkKlansman, der ohnehin ein gebildetes, linksorientiertes Publikum zu erwarten hat, das längst weiß, wie sehr das rechte Nationalbewusstsein derzeit neu erstarkt. BlackkKlansman hätte mit all seiner souveränen Hinterfotzigkeit das Problem von einer ganz anderen, überraschenden Seite anpacken können – nämlich aus der Mitte heraus, wie ins Auge des Sturms teleportiert, und nicht frontal und für alle sichtbar von außen.

BlacKkKlansman ereignet sich vor dem Hintergrund der Black Power-Bewegung. Doch von Power ist der Film weiter entfernt als gedacht. Lee erzählt die irren Ereignisse in einem scheinbar contraindizierten Chill-Modus. Das entschleunigte Tempo bewahrt zwar einen lässigen Überblick, findet aber im Gegensatz zu den anklingenden Soulklassikern kaum einen eigenen Rhythmus. Dieser folglich unentschlossenen Ambition für den Film und des streckenweise verhobenen Timings fallen auch Hauptdarsteller John David Washington und Adam Driver zum Opfer, die natürlich als Undercover-Profis alles andere als wütend, dafür aber von einer gewissen entrückten Gelassenheit beseelt sind, die dem Film noch dazu einiges von seiner eigentlich elektrisierenden Wirkung nimmt. Im Gegensatz dazu gebärden sich die radikalen Sektierer des Ku-Klux-Klans in beängstigendem Fanatismus, allen voran Vikings-Darsteller Jasper Pääkkönen. Vielleicht sollen sogar die unterschiedlichen Verhaltensmuster die Kluft zwischen Absurdität und Verstand stark konstrastieren – die motivierende Energie der Aufklärer fällt allerdings seltsam schal aus.

So muss ich trotz der vielen hochlobenden Kritiken, die zu BlacKkKlansman zu lesen waren, eher enttäuscht feststellen, dass Spike Lee seiner sarkastischen Demaskierung eines so kruden wie zerstörerischen Weltbilds selbst nicht ganz vertraut und dort politische Tagungsreden schwingt, wo cleveres Understatement mit ordentlichem Nachhall für sich allein Bände gesprochen hätte.

BlacKkKlansman

Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung