Die Täuschung

HITLER HINTER’S LICHT GEFÜHRT

5/10


duetaeuschung© 2022 APPLE. All rights reserved.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2021

REGIE: JOHN MADDEN

CAST: COLIN FIRTH, KELLY MACDONALD, MATTHEW MACFADYEN, JOHNNY FLYNN, PENELOPE WILTON, JASON ISAACS, HATTIE MORAHAN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Mincemeat ist ein kulinarischer und zugleich wilder Mix aus allen möglichen Zutaten – darunter Trockenfrüchte, Weinbrand und Gewürze, natürlich auch Rindfleisch und Fett aus Innereien. Klingt ein bisschen wie Fleischlaibchen (Frikadellen), ist es aber nicht. Was Mincemeat sonst noch ist? Ein Codewort. Und zwar für ein Täuschungsmanöver der Alliierten, die während des Zweiten Weltkriegs, genauer gesagt im Jahre 1943, den Nazi-Aggressoren weismachen wollten, die britische Invasion stünde kurz davor, an der Küste Spaniens loszubrechen. Natürlich war dem nicht so, die Briten planten natürlich, über Sizilien anzurücken, doch Hitler und seine Schergen sollten davon nichts wissen. Neben dem eigentlichen Krieg mit Waffen, Panzer und Millionen Gefallenen gab es da noch den Krieg der Geheimdienste, bei welchem an beiden Fronten niemand geschlafen hat – ganz im Gegenteil. Operation Mincemeat war im Rahmen dieses Konflikts ein waghalsiges Unterfangen mit hoher Risikobereitschaft, die sehr schnell sehr leicht hätte enttarnt werden können. Manchmal, so wie in diesem Fall, drängt sich die Vermutung auf, höhere Mächte wären schlussendlich am Niedergang des Deutschen Reiches beteiligt gewesen. Insbesondere, wenn derartige Manöver wie im Geschichtsdrama von John Madden (Shakespeare in Love) wider Erwarten gelingen.

Um den deutschen Geheimdienst auf die falsche Fährte zu locken, bedarf es natürlich eines Köders. Und zwar eines Toten, der nochmal sterben sollte. Und zwar als Major William Martin, der, mit Fallschirm ausgestattet – so, als vermute man einen Flugzeugabsturz über dem Atlantik – an die Küste Frankreichs gespült wird. Mit wertvollen Informationen in der Tasche, die von der Anlandung der Briten in Spanien berichten. Streng vertraulich natürlich. Und die Nazis schlucken es.

Die Fälschung – oder, im Original, ganz einfach Operation Mincemeat ­­– verspricht dem Plot nach zu schließen ein spannender und authentischer Spionagethriller zu werden, der zumindest für Nicht-Briten eine Episode aus dem Krieg erzählt, die nicht ganz so geläufig ist. Auf die Idee zu kommen, mit einem recht simplen Bluff wie diesen ein ganzes Imperium täuschen zu können, zeugt einerseits von Verzweiflung, andererseits von geradezu todesmutigem Verhalten. Wenn kaum mehr etwas zu verlieren ist, greift man zum Banalsten, um vielleicht damit die Erwartungshaltung des Feindes zu unterwandern. Oder: Niemand sieht den Wald vor lauter Bäumen. Im Rahmen der Chronologie der Ereignisse, basierend auf dem Buch von Ben McIntyre, nimmt die Vorbereitung und Durchführung der Operation nur ungefähr ein Drittel des Filmes ein. Der Rest mag zwar den historischen Aufzeichnungen folgen, scheint aber so, als würde er viel zu weit ausholen, um noch für den Kern der Geschichte relevant zu sein. Wir sehen jede Menge Anzugträger und Offiziere, alle in Gespräche vertieft, welche den in wenigen Minuten erzählten Clou vorwegnehmen sollen. Kein Detail wird außer Acht gelassen, die Akquirierung des Toten unter der Einwilligung der Hinterbliebenen wieder eine Anekdote am Rande, die das kuriose Unterfangen besser illustrieren soll. Doch der Funke springt nicht über. Colin Firth ist so routiniert, da fehlt es an Esprit. Auch alle anderen Charaktere sind aufgrund ihrer Vielzahl nur Fußnoten in einem großen Ganzen, das die Aufmerksamkeit über Gebühr strapaziert.

Geschichte funktioniert, wenn man sie aus einem Blickwinkel betrachtet. Die Ambition, aus allen gleichzeitig das Abenteuer Spionage zu erfassen, sorgt für zwei knochentrockene Geschichtsstunden, die sich so anfühlen, als würde man die Schulbank drücken und dabei gerne auf die Pause dazwischen verzichtet, damit man vielleicht früher Schluss machen kann.

Die Täuschung

Trees of Peace

ESCAPE ROOM IM GENOZID

5/10


treeofpeace© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ALANNA BROWN

CAST: ELIANE UMUHIRE, CHARMAINE BINGWA, ELLA CANNON, BOLA KOLEOSHO, TONGAYI CHIRISA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Das systematische Töten von bis zu einer Million Menschen von April bis Juli des Jahres 1994 zählt zu den schlimmsten Verbrechen, die Menschen einander antun können. Natürlich – systematische Säuberungen gab es andernorts auch, so gesehen in Kambodscha oder Serbien. In Ruanda aber ist passiert, was niemand jemals vermutet hätte und was diese Abscheulichkeiten in einem noch schrecklicheren Licht zeigt: Die Bereitschaft ganz normaler, rechtschaffener Menschen, langjährige Freunde, Familienmitglieder und Kinder einfach dahinzuschlachten. Und das nicht nur aus Zugzwang. Der knochenharte Horror steckt hier im vorsätzlichen Tun und im plötzlichen Verrat an Werten und Gewissen.

Angesichts dieser Tragödie bleiben Filmreihen wie The Purge zynisches Entertainment. Wenn so etwas tatsächlich passiert, lässt sich das kaum verfilmen. Umso dringender Ruandas Motivation, das Trauma sofort aufzuarbeiten. Filme wie Hotel Ruanda, Sometimes in April oder Trees of Peace tragen mitunter dazu bei, sich proaktiv neuen Ufern zuzuwenden – weil niemand wegsehen oder so tun will, als wäre er nicht dabei gewesen.

In Trees of Peace ist das Grauen – so wie in Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher – vorwiegend indirekt wahrzunehmen. Doch das macht der Intensität keinen Abbruch. Das Flehen, Schreien und Metzeln ist nicht zu überhören, wenngleich dosiert genug, damit einem nicht übel wird. Den vier Frauen, die sich in einem gerade mal 2x2m großen Kellerloch fast 3 Monate lang versteckt halten, fordert die Angst ums Überleben so gut wie alles ab. Es sitzen sich eine schwangere Hutu namens Annick, welcher der Keller des Hauses gehört, ein Tutsi-Mädchen, eine Tutsi-Nonne und eine Amerikanerin gegenüber. Sie harren und warten und bangen. Ab und an kommt Annicks Ehemann vorbei und bringt Nahrung. Der Zugang zum Keller lässt sich nur von außen öffnen, die vier Frauen sind vorübergehend lebendig begraben, haben nur ein kleines Fenster, vor welchen sich ab und an fürchterliche Dramen abspielen. Und jede der hier Anwesenden trägt zusätzlich noch seinen eigenen erlebten Schrecken aus Kindheit und Alltag mit sich herum, der in diesem Genozid die Chance sieht, die Resilienz jeder einzelnen der Eingesperrten auf die Probe zu stellen.  

Autorenfilmerin Alanna Brown hat hier zwar keinen Film auf wahren Begebenheiten inszeniert, bezieht sich aber auf ähnliche Berichte vieler Überlebender, die Dank eines ähnlich guten Verstecks wie diesem der Hinrichtung entgehen konnten. Mir fällt hier unweigerlich Anne Frank und ihre Familie ein, die dieses Glück leider nicht hatten und denunziert wurden. Leicht hätte es diesen vier Frauen ebenso ergehen können, doch Browns Film will Hoffnung schöpfen und nicht nehmen. Eine noble Sache, da kann ich nichts dagegen sagen – andererseits aber erhält das durchaus gewagt angelegte Survival-Kammerspiel trotz all der vermittelten, schwer erträglichen Gewalt einen frommen, geradezu phrasenhaften Idealismus, der manchmal recht dick aufträgt. Im Gegensatz dazu nimmt sich Alanna Brown mit ihrem Konzept der konsequenten Isolation, die sie kaum durchbricht, einige inszenatorische Möglichkeiten. Sie hätte wohl vorgehabt, ihre vier Protagonistinnen wahrhaftig an ihre Grenzen gehen zu lassen – stattdessen bleiben die Konflikte nicht auserzählt, die Dialoge beschwichtigend, das Gute im Menschen auf Abruf verfügbar.

Die Geschichte, um die es hier geht, bleibt in seiner Unfassbarkeit, ganz so wie der Holocaust, ein niemals wegtherapierbares schwarzes Loch. Am Ereignishorizont lässt es sich gerade mal innehalten. Trees of Peace bleibt dort in seiner Zeitkapsel auf Warteposition, ist gut gemeint und sicher auch aufrichtig – überbrücken kann Brown die spielfilmlange Laufzeit lediglich mit wiederkehrenden Motiven und wenig erhellenden Erkenntnissen.

Trees of Peace

Im Herzen des Dschungels

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

5/10


imherzendesdschungels© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, CHINA, MALAYSIA 2021

REGIE: MICHAEL HAUSSMAN

CAST: JONATHAN RHYS-MEYERS, DOMINIC MONAGHAN, RALPH INESON, HANNAH NEW, JOSIE HO U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


An Borneo kann man sein Herz verlieren. Und das allein schon wegen der dort endemischen Unterart des uns wohl bekannten Orang-Utans. Was sich dort an Biomasse herumtreibt, geht in kein Reisenotizbuch, und von daher ist es kein Wunder, dass im neunzehnten Jahrhundert die drittgrößte Insel der Welt von Naturforschern aller Art und Nation gern betretenes Territorium war. Sowohl in den Gewässern als auch zu Land, unter jeder Bromelie oder unter dem Laub auf dem Lateritboden: Borneo sehen – und vielleicht sterben? Das wiederum lag an den vielen Ethnien, die dort beheimatet waren (und sind), allen voran den Dayaks – Kopfjägern, die statt Nippes gerne den einen oder anderen vor sich hintrocknenden menschlichen Schädel unterm Dachgiebel hängen hatten. Mag für Außenstehende zwar etwas bizarr wirken – für Einheimische aber war das Enthaupten fast schon Tagesordnung. Solch massive Eingriffe in die Vitalität anderer musste man als Forschungsreisender von damals magentechnisch aushalten können. James Brooke war so jemand.

Der ehemalige Kadett der Ostindien-Kompanie erbt um 1839 herum genügend Geld, um mit einem privaten Schoner die Küsten Borneos zu bereisen und vielleicht, unter Erlaubnis des damals regierenden Sultans und Günstlings Bruneis, ins Innere der Insel hochzuschippern. So weit wird es allerdings nie kommen. Der Muslim hat Probleme mit aufständischen Volksgruppen und benötigt daher Brookes Hilfe, hat dieser doch Kanonen auf dem Schiff. Das Schicksal will es, dass sich Brooke langsam aber doch, zum Raja über Sarawak (der nördliche Teil Borneos) aufschwingt. Was den abgesetzten Sultan in seiner Schmach zu einem Deal mit den lokalen Piraten eingehen lässt.

Klingt abenteuerlich. Kein Wunder – die Lebensgeschichte James Brookes hat gar Joseph Conrad für seinen Roman Lord Jim inspiriert. Und auch die eine oder andere Tier- oder Pflanzenart trägt bis heute dessen Namen. Die Verfilmung selbst wird leider wohl niemanden inspirieren. Musikvideofilmer Michael Haussmann (u. a. für Madonna) wählt Jonathan Rhys-Meyers – den irischen „Jürgen Prochnow“ – als sein filmisches Zugpferd. Der wirkt jedoch – als diabolischer Intrigenspinner in Die Tudors das Gesicht zur Serie – stets unberechenbar. Ein Image, das Rhys-Meyers nicht mehr los wird. Dem eigentlich als aufgeschlossen geltenden Brooke schenkt man daher wenig Vertrauen. Doch andererseits: Wären irritierende Restzweifel an der Integrität dieses Mannes nicht gegeben, würde Im Herzen des Dschungels (im Original: Edge of the World) in drückend-tropischer Windstille nur traurig vor sich hindümpeln.

Dabei ist diese Begebenheit aus dem Weltkarten-Abseits ähnlich wie Against the Ice eine durchaus lehrreiche und prinzipiell interessante Geschichtsstunde. Dass Sarawak unter britischer Herrschaft stand – wer hatte das schon auf dem Radar? Aus der Schule kennt man diese Fakten bestimmt nicht. James Cook – ja. Aber Brooke? Insofern ist Haussmanns Film löblich zu betrachten. Die Umsetzung jedoch müht sich mit einem trägen, recht konfusen Skript herum, das wohl wichtige Szenen zum Verständnis der Geschichte lieblos aneinanderreiht. Da wähnt man sich in einem unter strengem Zeitplan entstandenen Fernsehfilm, der nach Ausstrahlung im Nirwana sämtlicher Programmfüller verloren gehen wird. Zu viel Geschwafel, zu wenig Struktur – aber immerhin jede Menge rollende Köpfe, sodass die Prosthetic-Macher alle Hände voll zu tun hatten. Bis auf Rhys-Meyers bleiben die Figuren der Geschichte trotz blutiger Wunden undankbar farblos, sehr westlich und sprechen obendrein fließend englisch. Da hat sich jemand, wie es aussieht, zu sehr an Werke wie Apocalypse Now oder Farewell to the King orientiert und dabei vergessen, vor lauter Bewunderung für all die Vorbilder die dramaturgische Qualität des eigenen Films genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im Herzen des Dschungels

The World To Come

SCHMACHTEN UND LEIDEN AM BAUERNHOF

4/10


theworldtocome© 2021 Bleeker Street


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: MONA FASTVOLD

CAST: KATHERINE WATERSTON, VANESSA KIRBY, CASEY AFFLECK, CHRISTOPHER ABBOTT, ANDREEA VASILE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Letztes Jahr lief dieser Festivalfilm, der vor einiger Zeit auf der Viennale präsentiert wurde, eine kurze Zeit lang unter dem Radar in einigen ausgewählten Programmkinos, bevor er wieder von der Bildfläche verschwand. Schade, der stand nämlich auf meiner Watchlist recht weit oben, denn Katherine Waterston und Vanessa Kirby in einem amerikanischen Heimatdrama, in dem es um queere Liebe geht, sind ja fast nicht auszulassen. Genauso klammheimlich wie die Liebe zwischen diesen beiden Charakterdarstellerinnen hat sich das Werk dann auch in ein Streamingportal geschummelt, wo es weiter vor sich hingedämmert wäre, würde ich mich nicht in periodischen Abständen nach Filmen wie diesen auf Fahndung begeben. Na endlich – The World To Come, jetzt vom Sofa aus. Das muss schließlich großes Kino sein, ähnlich wie Ammonite mit Kate Winslet und Saoirse Ronan. Beachtliches Schauspielkino zwischen tosendem Meer und zugeknöpfter Gesellschaft.

The World To Come spielt Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im Hinterland von New York. Es ist kurz nach Neujahr, der Winter hat die Wildnis hier fest im Griff. Es ist klirrend kalt auf dem Hof von Abigail und Dyer. Einem Ehepaar, das den Diphterietod seiner Tochter betrauert. Abigail schreibt Tagebuch, wir hören ihre Gedanken und ihre mit Tinte hingeworfenen Sätze als erschöpftes, melancholisches Gebet. Alles ist grau, halbdunkel, schwer. Kameramann Andre Chemetoff setzt auf grobkörnige Bilder fast schon im 4:3-Format. Erinnert unweigerlich an First Cow von Kelly Reichhart, ebenfalls ein Festivalfilm, ebenfalls volle Breitseite Arthouse. Auf dieser Farm im Nirgendwo geht Abigail also ihren Pflichten nach. Anna Wimschneider aus Herbstmilch lässt grüßen. Nicht weit von Abigails und Dyers Hof pachten Neuankömmlinge die Nachbarsfarm. Auftritt Vanessa Kirby als Tallie, die sich sofort zu Abigail hingezogen fühlt. Aus einer ersten Begegnung und regelmäßigen Besuchen wird bald mehr. Ehemann Casey Affleck, der wieder mal so spielt, als würde er sich gerne irgendwo hinlegen wollen, um ein Schläfchen zu machen, merkt natürlich nichts. Ist auch ständig unterwegs. Kirbys Gatte hingegen schwört auf die Bibel und die Unterwürfigkeit der Ehefrau. Dennoch entsteht von Frühling bis Sommer eine kleine, auch sexuell gepflegte Romanze, die ihrem Schicksal natürlich nicht entkommen kann.

Wobei es wiederum ein Leichtes wäre, sich der Sogwirkung dieses Films zu entziehen. Will heißen: Es gibt keine. The World to Come ist träge und langweilig. Eine Tristesse, 109 Minuten lang. Getragen von bedeutungsschweren, poetischen Rezitationen und ungelenken Gesprächen. Die immer wiederkehrenden Inserts von Tag und Monat bringen die müde und eigentlich wenig aussagekräftige Geschichte noch mehr zum Stocken, da man befürchtet, hier ein ganzes Jahr den inneren Monologen von Abigail ausgesetzt sein zu müssen. Und es braucht ewig, bis der Sommer endlich ins Land zieht. Dann haben wir zumindest ein bisschen Sonne, und der Schneesturm ist nur noch eine vage Erinnerung an ein wenig mitreißende Dramatik in einem Film, der sich rettungslos und Bedeutung simulierend in der Lethargie seiner Opferrollen verliert.

The World To Come

Das Wunder von Fatima

GLAUBEN, WAS MAN NICHT SIEHT

6/10


wundervonfatima© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: USA, PORTUGAL 2020

REGIE: MARCO PONTECORVO

CAST: STEPHANIE GIL, ALEJANDRA HOWARD, JORGE LAMELAS, SÔNIA BRAGA, HARVEY KEITEL, JOAQUIM DE ALMEIDA, JOANA RIBEIRO, GORAN VIŠNJIĆ U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Ich frage mich, woher die katholische Kirche ihr Wissen hernimmt, um Wunder als solche deklarieren zu können. Da gibt es vielleicht einige Parameter, die wie bei einem Multiple-Joice-Test angekreuzt werden oder nicht – das Ergebnis entspricht einem der drei Einstufungen, die da wären: Es steht fest, dass es sich um Übernatürliches handelt, es steht fest, dass es das nicht tut, oder man weiß es nicht. Bei den Marienerscheinungen von Fatima Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Geistlichkeiten wohl zu dem Schluss gelangt, dass hier weit mehr als nur physikalische Phänomene mit im Spiel waren. Danke all den Physikern und Sozialpsychologen an dieser Stelle, die hier (vielleicht) mitgewirkt haben.

Genau genommen waren es drei Hirtenkinder, zwei Mädchen und ein Junge – der die Mutter Gottes allerdings nur sehen, aber nicht hören konnte. Alle drei sind einer strahlend schönen Frau in strahlendem Gewand begegnet, die den drei völlig vor den Kopf Gestoßenen drei Geheimnisse offenbart hat. Zwei wurden ehebaldigst bekannt gemacht, die dritte durfte Kardinal Ratzinger erst im Jahr 2000 öffnen. Interessant dabei ist, dass bei allen drei Visionen Hölle und Verderben eine wichtige Rolle spielen – da erscheint die Offenbarung des Johannes geradezu wie eine Gutenachtgeschichte. Abgesehen davon, dass die Psyche der Kinder natürlich auch an Schreckensbildnissen reifen kann, dies aber bei Gott nicht sein muss. Maria, so wie ich sie mir vorstelle, würde anders aussehen, und auch weniger Getöse verkünden, aber das ist nur meine Meinung, die in einem Film wie diesen sehr wohl über Gefallen oder Nichtgefallen entscheiden kann. Glaubens- und Religionsfilme sind immer so eine Sache. Bei Martin Scorsese oder Mel Gibson ist das eine Frage der Interpretation eines Stoffes, der unter Gläubigen zum Dogma gehört. Bei Das Wunder von Fatima gibt es hingegen gar keinen künstlerischen Interpretationsspielraum, den man mögen könnte oder nicht.

Denn Marco Pontecorvo, sonst eigentlich Kameramann unter anderem auch bei Game of Thrones, hat zum Wunder von Fatima wohl nicht wirklich eine eigene Meinung – zumindest tut er diese hier nicht kund. Sein christlicher Historienfilm gerät zum pittoresken Bilderbuch und zeigt, was laut Kirche damals passiert sein soll. Dabei unterstützt er unbewusst auch jene, die fest davon überzeugt sind, dass die Heilige Jungfrau Maria tatsächlich erschienen ist. Wir wissen bereits aus der Bibel: Kinder sind stets diejenigen, die den direktesten Draht zu all dem Metaphysischen haben, dass kirchlich geerdet ist. Allerdings irritiert die fromme Positionierung Marias unter die deutungssicheren Dogmen der Kirche. Demnach müsste der Katholizismus von jeher alles richtig gemacht haben. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann so nicht sein – auch, weil die drei Hirtenkinder im Kontext gesehen nichts anderes wiedergeben als das in der Glaubenskultur bereits Gelehrte. Harvey Keitel, der als skeptischer Journalist die einzige Überlebende der drei Kinder, nämlich Lúcia dos Santos, aufsucht, um ihr innerhalb der Rahmenhandlung des Films durchaus kritische Fragen zu stellen, zieht nicht von ungefähr den Vergleich zum Stigmata-Problem, welche die Wunden einer Kreuzigung ganz falsch platziert sieht. Vielmehr orientiert sich dieses Wunder – wie das von Fatima – an sakraler Volkskultur.

Für den frommen Religionsunterricht oder Bibelrunden eignet sich Das Wunder von Fatima optimal – weil es abbildet, was geschehen sein könnte, und die Meinung dann jenen überlässt, die den Film gesehen haben. Denn umso weniger Pontecorvo Stellung bezieht, umso mehr reizt die Chronik der Ereignisse zur hitzigen Diskussion. Im Zuge dessen wäre es wohl spannender gewesen, den heiligen Superstar nur indirekt in Erscheinung treten zu lassen.

Das Wunder von Fatima

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

ESSEN FÜR ALLE!

8/10


alacarte© 2021 Jérôme Prébois / Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2021

REGIE: ÉRIC BESNARD

CAST: GRÉGORY GADEBOIS, ISABELLE CARRÉ, BENJAMIN LAVERNHE, LORENZO LEFÈBRE, GUILLAUME DE TONQUÉDEC U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Es gibt Leute, die essen, weil sie müssen. Die können dem ganzen Schnickschnack an Rezepten, an den Details der Zubereitung oder der Präsentation auf dem Teller nichts abgewinnen. Und es gibt Leute, für die ist Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch die Art von Genuss, die vielleicht sogar nachhaltiger ist als guter Sex. Von so einem hedonistischen Ansatz einer Wohlstandsbevölkerung war man gegen Ende des 18. Jahrhunderts natürlich als Normalsterblicher weit entfernt. Da schwelgte die Elite unter ihren grotesken Perücken der Vielfalt einer Cuisine, die alle Stückchen spielen musste. Von der Bouillon bis zum Sahnetörtchen am Schluss, dazwischen allerlei Abenteuerliches wie Pastetchen, in Blätterteig eingewickelter Braten oder Kapaun, gefüllt mit Kastanien. Überraschungen durfte es allerdings keine geben, der Adel wollte schließlich nicht die Kontrolle über seine Macht verlieren. Und diese neumodischen Kartoffeln – nichts für die gepuderte Nase, genauso wenig wie Trüffel. Was unter der Erde wächst, war für die Schweine.

Aufgrund eines solchen Affronts dem Establishment gegenüber darf der sonst hoch geschätzte Koch Pierre seine Sachen packen. Zurück an der vom Vater vormals betriebenen Poststelle, versucht sich der vom Spaß an der Zubereitung nunmehr befreite Griesgram, seine und die Existenz seines Sohnes über Wasser zu halten – mit einfachen Suppen und Eintöpfen für Durchreisende. Da taucht plötzlich eine geheimnisvolle Dame auf, die unbedingt beim Maestro in die Lehre gehen will. Nach den üblichen anfänglichen Zaudereien, die ein Meister stets in einer gewissen Selbstgefälligkeit mit sich bringt, gibt dieser schließlich nach. Wohl auch, weil sein ehemaliger Brötchengeber, der Herzog, alsbald bei Pierre dinieren möchte, damit dieser die Chance bekommt, sich selbst zu rehabilitieren. Was in Folge dieser Vorbereitungen aber geschieht, kann man gut und gerne als Selbstläufer betrachten: das Häuschen am Waldrand wird zum ersten À la Carte-Restaurant der europäischen Geschichte.

Da ist sie wieder, die Besonderheit des französischen Kinos, die kein anderes Filmland mit so sicherer Hand imitieren kann: Die Kunst, leichte, aber bei weitem keine flachen Komödien zu inszenieren, die so luftig wie das beste Mousse au Chocolat und so flaumig wie das mit Eischnee unterhobene Biskuit geraten. Blickt man auf die Credits des Films, wird sofort klar: À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen ist auch deswegen so gelungen, weil einer wie Éric Besnard dafür verantwortlich zeichnet. Ich erinnere mich noch an die ebenfalls unendlich schwerelose, aber gehaltvolle Sommerkomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Wer diesen Film kennt, wird erahnen können, wie angenehm unprätentiös und entspannt auch diese historische Tragikomödie mit den Zutaten spielt. So ganz nebenbei würzt Besnard eine auf historischen Tatsachen basierende Legende mit dem Gedankengut der französischen Revolution, verfeinert diese mit geschmackvollen Stillleben historischer Malerei und lässt den Duft frisch angerösteter Zwiebel oder gebackenen Brots nur so durch das rustikale Landhaus wabern. Nebenher gibt’s auch noch was fürs Herz. Wer da noch nicht gegessen hat, wird spätestens jetzt, im Nachhinein und mit frohem Gemüt, irgendwo einkehren müssen.

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

Die Königin des Nordens

GAME OF THRONES IN ECHT

8,5/10

 

koenigindesnordens© 2021 Zuzana Panská / SF Studios

 

LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK, ISLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHARLOTTE SIELING

CAST: TRINE DYRHOLM, MORTEN HEE ANDERSEN, SØREN MALLING, JAKOB OFTEBRO, BJORN FLOBERG, THOMAS W. GABRIELSSON, AGNES WESTERLUND RASE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Nein, bei dieser Königin des Nordens handelt es sich nicht um Sansa Stark – Kenner und Freunde der High-Fantasy-Reihe von George R. R. Martin wissen, wen ich damit meine. Doch man braucht längst keine entrückten Welten mehr, will man ähnliche Charaktere in der europäischen Geschichte finden. Natürlich sind historische Persönlichkeiten, noch dazu aus dem dunklen Mittelalters, nur fragmentarisch umschrieben. Also werden die Lücken gefüllt – wie bei der Restauration eines altertümlichen Artefakts, mit der Billigung künstlerischer Freiheit.

Statt Sansa Stark behauptet sich also Margarethe I. über große Teile Skandinaviens – es ist dies die Kalmarer Union, bestehend aus Dänemark, Schweden und Norwegen. Jemals was von Margarethe I. gehört? Ich jedenfalls nicht, und umso dringender schien es mir, mein Allgemeinwissen in Sachen europäischer und dezentraler Geschichte aufzufüllen. Es ist zwar ungefähr klar, was zu dieser Zeit rund um Deutschland und Österreich alles passiert ist – der Norden hingegen stand zumindest bei vielen Gelegenheiten nicht am Programm. Die charismatische Erscheinung der Königin – einnehmend, differenziert und in ihrem Verhalten vollkommen nachvollziehbar dargestellt von Trine Dyrholm – hinterlässt also beim nordischen Adel einen gehörigen Eindruck. Und selbst die Briten denken darüber nach, einer Heirat mit Thronfolgerin Philippa und Margarethes Adoptivsohn Erik zuzustimmen. Als das Bündnis zwischen Briten und der Kalmarer Union kurz davor steht, besiegelt zu werden, taucht plötzlich ein Mann auf, der steif und fest behauptet, Margarethes tatsächlicher Sohn Olav zu sein. Dieses scheinbar inszenierte Schicksal wird die gesamte nordische Politik durcheinanderbringen, während der deutsche Orden bereits die Zähne fletscht.

Ridley Scott hat mit seinem ungewöhnlichen Mittelalterdrama The Last Duel schon alles richtig gemacht. Die Dänin Charlotte Sieling kann das sogar noch besser: Ihr historischer Politthriller könnte bereits jetzt schon eines der filmischen Highlights dieses Jahres sein und sich einen Platz in meinen Bestenlisten gesichert haben. In seiner Düsternis, seiner Intensität und in der Entwicklung der Charaktere, für die es normalerweise ganze Serienstaffeln braucht, Sieling dies aber innerhalb von zwei Stunden lückenlos hinbekommt, ist Die Königin des Nordens eines der besten historischen Dramen der letzten Jahre. Warum? Es gibt zuerst mal einen dicken, roten Faden – das ist die Charakterstudie der Margarethe, die zwischen Familiensinn und dem Wohl der Union so sehr zerrissen scheint, dass sie gar im stürmischen Regen gegen die tosenden Wellen anbrüllen muss. Es ist der etwas dünnere, aber sich ebenfalls durchziehende zweite rote Faden über König Erik – auch er kein Böser und kein Guter, eine gekränkte, aber ehrliche Persönlichkeit. Morten Hee Anderson bietet ganze Breitseiten an inneren und äußeren Konflikten. Um die beiden herum das Geflecht aus Intrigen und Feindseligkeiten, das Zerreißen politischer Lager und unvorstellbarste Konsequenzen, die eine Mutter nur ziehen kann. Unterlegt mit einem wohldosierten dramatischen Score gerät der Norden Europas zu einem unwirtlichen zweiten Westeros, zu einer shakespear’schen Bühne, auf deren Boden Opfer gebracht werden müssen, ohne die Politik anscheinend niemals funktionieren kann.

Die Königin des Nordens

Benedetta

KLOSTERTREIBEN DURCHS GUCKLOCH

5,5/10


benedetta© 2021 Viennale – Vienna International Film Festival


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: PAUL VERHOEVEN

CAST: VIRGINIE EFIRA, DAPHNÉ PATAKIA, CHARLOTTE RAMPLING, OLIVIER RABOURDIN, LOUISE CHEVILOTTE, LAMBERT WILSON, CLOTILDE COURAU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Mein Gott, dieser Paul Verhoeven. Kein Mann der leisen Töne, und auch einer, der in seinen Werken wenig zimperlich zur Sache geht. Deftig deftig, das Ganze. Immer schon gewesen. Sei es Robocop, Basic Instinct oder Starship Troopers. Explizite Gewalt und viel nackte Haut. Entweder beides gemeinsam oder eines von beiden. Die Intention: Polarisieren!

Auf der Viennale lief sein neuestes Werk Benedetta. Und diesmal muss Virginie Efira wie vormals Sharon Stone die Hüllen fallen lassen. Nacktheit wird in Verhoevens Arbeiten oft großgeschrieben. Manchmal genügt es, dass diese Freizügigkeit, eben wie in Basic Instinct, als Teil der Geschichte unabdingbar ist. Manchmal aber wird offensichtlich, wie sehr die blanke Oberweite attraktiver junger Frauen für einen erfahrenen Filmemacher wie Verhoeven zum persönlichen Striptease wird. Da kann er nicht genug davon bekommen und entdeckt ein bisschen zu vehement einen kleinen, quengelnden Lüstling in ihm. Verhoeven kann nicht anders, und so sehen auch wir, in der biographischen Aufarbeitung des Lebens der Nonne Benedetta Carlini aus dem 17. Jahrhundert, sehr viele Brüste.

Wie wohl Verhoeven zu diesem Stoff gekommen sein mag? Zumindest war es die Historikerin Judith Cora Brown, die in den Achtzigern auf 350 Jahre alte Akten stieß, die den seltsamen Fall der Ordensschwester und späteren Mutter Oberin dokumentierten. Daraufhin schrieb sie ein Buch, auf welchem wiederum Verhoevens Film basiert. Darin erfährt die bereits in jungen Jahren ins Theatiner-Kloster gesteckte Nonne das Wunder der Stigmatisierung, gemeinsam mit kruden Visionen eines Jesus Christus, der Benedetta zur Frau nimmt. Das sorgt im Kloster von Pecia für allerlei Aufsehen. Während die einen in der jungen Frau ein von Gott geleitetes Medium sehen, die die Pest abwenden kann, sind andere skeptisch. Es dauert nicht lange, da gelingt Benedetta der Aufstieg zur Äbtissin – und lebt dabei gemeinsam mit ihrer „rechten Hand“ Bartolomea ihr sexuelles Verlangen aus. Klar bleibt das nicht unbemerkt, und der florentinische Nuntius findet sich als Inquisitor in den heiligen Hallen ein.

Der Skandal mit der Kirche wäre vorprogrammiert – und beabsichtigt. Kann aber auch sein, dass so etwas niemanden mehr hinter dem Altar hervorholt. Da wurde schon für Filme wie Die letzte Versuchung Christi genug Energie verschwendet, um sich zu echauffieren. Hier wird man maximal nach der gefühlt hundertsten (immerhin geschmackvollen) Nacktaufnahme von Efira und Daphné Patakia die Augen rollen. Vor allem deshalb, weil Verhoevens Film so offensichtlich sexualisiert. Da ist der aus einer Marienskulptur geschnitzte Dildo nur die Glans eines unfreiwillig komischen Dramas, das manchmal seltsam lächerlich wirkt. Macht sich Verhoeven lustig? Will er Benedettas Schicksal absichtlich ironisieren? Virginie Efira hingegen nimmt die Sache ernst und agiert sehr hingebungsvoll, und die Wahrheit ob ihrer metaphysischen Connections wird von sehr viel Weihrauch und Kerzenqualm umnebelt.

An einen Film wie Agnes – Engel im Feuer kommt Benedetta nicht heran. Auch in Norman Jewisons Stigmata-Drama mit Jennifer Tilly geht’s um Glauben, Imagination und Wunder. Eine voyeuristische Beichte wie Benedetta ist das aber keine – diese wiederum weiß nicht so recht, womit sie seine ambivalente Protagonistin Buße tun lassen will. Im Endeffekt ist das egal. Die nackten Tatsachen sind die, die zählen.

Benedetta

The Last Duel

DES MANNES EIGENTUM

7,5/10


thelastduel© 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: BEN AFFLECK, MATT DAMON, NICOLE HOLOFCENER

CAST: MATT DAMON, ADAM DRIVER, JODIE COMER, BEN AFFLECK, HARRIET WALTER, SAM HAZELDINE, NATHANIEL PARKER, ALEX LAWTHER U. A.

LÄNGE: 2 STD 32 MIN


Was Ridley Scott wirklich gut kann, und das schon über mehrere Jahrzehnte hinweg: Weltgeschichte als großes Kino zu verpacken. Niemand sonst kann das so gut, niemand sonst hat ein so lässiges Händchen dafür, Dramatik und Schauwerte mit intuitivem Sinn für Balance zusammenzubringen. Ridley Scott, der ist ein Handwerker. Ein nimmermüder, eigenmotivierter Künstler, wie Rodin oder Picasso es waren. Kaum ist ein Projekt fertig, braucht es keine Schaffenspause, um zum nächsten Tonklumpen oder zur nächsten Leinwand zu greifen. Als wäre der Brite ein Meister im Schnitzen hölzerner Reliefs, ausgestattet mit Hammer, Meißel und sonstigem Schnitzwerkzeug, um die Gesichtszüge der sich windenden, historischen Gestalten grob zwar, aber mit viel Esprit, in die dritte Dimension zu holen. Auch The Last Duel ist so ein Relief, eines aus dem Mittelalter, bereits wurmstichig, abgewetzt, aber mit unvergleichlicher Patina. The Last Duel ist nicht die Feinarbeit eines akribischen Nerds wie zum Beispiel Wes Anderson. Dieses Drama aus dem 14. Jahrhundert ist unvergleichbar impulsiv und rustikal – und gerade deshalb so lebendig. Nicht zuletzt auch dank eines formidablen Cast, der sich aus bekannten, aber veränderten Gesichtern zusammenstellt, und die allesamt, eben weil sie auch privat längst miteinander vertraut sind, wunderbar wechselwirken. Großes Schauspielkino ist das, neben der ganzen im Zwielicht des Morgens gedrehten Geschichte aus knirschenden Harnischen, vom Rauch dunstigen Kemenaten und kleinlauten Burgfrauen im Mieder, die mit ihrem Klatsch und Tratsch Social Media bereits vorwegnehmen.

Durch diesen Stille-Post-Mechanismus kommt es auch zu einem historisch belegten, denkwürdigen Moment des späten französischen Mittelalters unter der Herrschaft Karl VI: zum sogenannten letzten Duell auf Leben und Tod, damit Gott darüber entscheiden kann, wer in seiner Wahrheit nun Recht behält und wer nicht. Es kämpfen Matt Damon als Junker Jean de Carrouges und Adam Driver als Jacques Le Gris. Zuerst auf dem Pferd, wie bei einem Tjost, dann mit Schwertern, Äxten, Messern und Fäusten. Scott hat für diese Szene alles gegeben. Das ist maskulines Mittelalter in seinem reinsten Naturalismus. Grund für diese Urteilsfindung: die Vergewaltigung von Carrouges Ehefrau Marguerite (bildschön und oscarverdächtig: Jodie Comer). Unter Freunden wäre diese unschöne Episode wohl im Stillen geregelt worden, unter Ausschluss des eigentlichen Opfers. Doch hier sind andere Räder am Werk – nämlich die der Eifersucht und des Neids. Im Laufe des Films wird klar, dass Le Gris stets der ist, der auf die Butterseite fällt, während Carrouges nichts bekommt. Nicht mal das Erbe seines Vaters. Ein gekränktes Ego unter dem Licht vergangener Tage. Dieses Ego will Genugtuung. Und wir erfahren – ähnlich dem Konzept des Kurosawa-Klassikers Rashomon – aus drei Blickwinkeln, was sich wirklich zugetragen hat. Zuerst aus der Sicht der beiden Männer, dann aus jener der Frau.

Und Ridley Scott nimmt sich Zeit, in die Tiefe zu gehen. Kürzt seine gewohnt routinierten Schlachtenszenen auf das Minimum, um den Figuren viel mehr Spielraum zu geben. Den nutzen sie. Und selbst Ben Affleck beweist Talent. The Last Duel gewährt überraschend viel Einblick ins oftmals romantisierte Tagesgeschäft von Rittern und Machthabern, die sich stets in Korrelation mit dem Volk befinden. Das Ritterdrama erzählt von Geldnot, dem Einsatz für Erfolg und damals tauglichen Werten. Ernüchternd dabei ist, dass #MeToo längst noch kein Thema war – für Marguerite vielleicht, jedoch für niemanden sonst. Frauen waren nicht mehr als eine Sache, das Eigentum des Mannes. Hätte Carrouges nicht eingewilligt, aus Neid und wütender Rivalität die Schuld zu tilgen, wäre das Unglück einer vergewaltigten Frau kein Thema gewesen. Eine traurige, finstere Zeit also. Genauso finster ist auch dieser Film, der versucht, zu verstehen, wie es ist, sich mit ertragenem Leid arrangieren zu müssen, um als Frau zu überleben.

The Last Duel

Im Labyrinth des Schweigens

DAS BÖSE ZUR RECHENSCHAFT ZIEHEN

6/10


labyrinthdesschweigens© 2014 Universal Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2014

REGIE: GIULIO RICCIARELLI

CAST: ALEXANDER FEHLING, GERT VOSS, JOHANNES KRISCH, ANDRÉ SZYMANSKI, JOHANN VON BÜLOW, ROBERT HUNGER-BÜHLER, LUKAS MIKO, FRIEDERIKE BECHT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Was habe ich nicht die schauspielerischen Spitzen dieses großartigen Künstlers auf den Brettern des Wiener Burgtheaters genossen! Egal, ob Thomas Bernhard oder Samuel Beckett – mit seiner sonoren Stimme und seinem Charisma war Gert Voss immer ein Erlebnis. 1995 gar von der Times als bester Schauspieler Europas genannt, verstarb dieser mit nur 72 Jahren – sein letzter Auftritt lässt sich im Holocaust-Aufarbeitungsdrama Im Labyrinth des Schweigens bewundern, in welchem er den legendären Eichmann-Jäger Fritz Bauer verkörpert. Voss hat seine Version des Staatsmannes ganz anders angelegt als dies ein Jahr später Burghart Klaußner in Der Staat gegen Fritz Bauer getan hat. Die zerzauste weiße Haarpracht, kettenrauchend und im Verhalten recht sperrig – zumindest optisch weiß Klaußner die historische Persönlichkeit schillernder und naturgetreuer zu verkörpern. Voss ist da womöglich bereits von seiner Krankheit gezeichnet, bleibt lieber er selbst als jemand anderer, erreicht aber immer noch Größe. Allein dafür wäre dieser Film schon sehenswert. Und natürlich kann ein Film nicht nicht ansehenswert sein mit einer Thematik wie dieser, geht’s doch um so etwas menschenrechtlich relevantes wie die in Frankfurt stattgefunden Auschwitz-Prozesse. Der Film beleuchtet, wie es dazu eigentlich gekommen war.

Im Mittelpunkt dieses in seinen Fakten tatsächlichen Geschehens steht allerdings eine fiktive Figur, die im Grunde die drei wirklichen Anwälte zusammenfassend darstellt: Alexander Fehling gibt den jungen Anwalt Johann Radmann, der sich erstmal nur mit juristischem Pipifax auseinandersetzen muss – Bezirksgericht auf langweilig. Bis ihm allerdings die Aussage eines Holocaust-Überlebenden namens Kirsch in die Hände fällt (gewohnt intensiv: Johannes Krisch), der dann folglich vieles ins Rollen bringt, in erster Linie aber ganz viel Papierkram und Organisatorisches. Ziel ist es schließlich, so viele Zeitzeugen wie möglich zur Aussage zu bewegen, um damit so gut wie alle Nazis, die in Auschwitz stationiert waren, des Mordes oder zumindest der Beihilfe dessen zu verurteilen. Fritz Bauer ist da als Generalstaatsanwalt ganz vorne mit dabei (in eingangs erwähntem Film von Lars Kraume sieht man ganz genau, auf welchen Widerstand aus den eigenen Reihen er damals gestoßen war). Im Laufe seiner Arbeit allerdings verbeißt sich Radmann auf eine ganz bestimmte Person – nämlich jene des nach Brasilien geflüchteten KZ-Arztes Josef Mengele, dem Inbegriff unmenschlicher Scheußlichkeiten.

Im Labyrinth des Schweigens ist konventionelles, polithistorisches Erzählkino, notwendigerweise chronologisch aufgebaut und vermengt mit den Versatzstücken eines pseudobiographischen Begleitdramas rund um Fehlings Filmfigur. Geschichtsdramen wie diese brauchen einen gefälligen, dramaturgischen Unterbau, schon allein deshalb, um eine Identifikationsfigur auf Augenhöhe zu schaffen. Hier, im Frankfurt der späten 50er Jahre, kauert der Faschismus hinter den Masken jener, die es sich gerichtet haben. In einer Szene verfällt Anwalt Radmann geradezu in verzweifelte Panik, weil er plötzlich in allen und jeden einen heimlichen Nazi zu erkennen glaubt. Dieser braune Dunst wabert über dem Retro-Interieur privater Wohnungen und Büros – ein schwelender Zustand, den Regisseur Giulio Ricciarelli relativ gut einzufangen weiß.

Ganz besonders begrüßenswert ist aber vielmehr die Art und Weise, wie der Film mit den schrecklichen Details umgeht, die weder breitgetreten noch als sentimentales Betroffenheitskino demonstrativ eingesetzt werden. Über die erzählenden Gesichter unterschiedlichster Art legt er den Mantel des Schweigens, nur ab und zu werden so manch erschütternde Erinnerungen artikuliert, und der ganze schreckliche Rest lässt sich in den eigenen Gedanken sowieso nacherleben – wenn man es zulassen kann und will. Durch diese pietätvolle Balance findet Im Labyrinth des Schweigens nie sein Ziel aus den Augen. Was bleibt, ist wichtiges Kino, allerdings nach bewährtem Muster, das durch seine prosaische Norm zwar interessant ist, aber nie wirklich emotional vereinnahmt. Dass dann tatsächlich so jemand wie Mengele bis in die 70er Jahre hinein unbehelligt weiterleben konnte, macht einem zumindest klar, wie sehr man in Sachen Gerechtigkeit damals wie heute gegen Windmühlen kämpft.

Im Labyrinth des Schweigens