Vivaldi und ich (2025)

WENN DIE GONDELN MASKIERTE MÄDCHEN TRAGEN

7/10


Tecla Insolia mit Maske im Historienfilm Vivaldi und ich
© 2026 Ellio di Pace, X Verleih AG


ORIGINALTITEL: PRIMAVERA

LAND / JAHR: ITALIEN, FRANKREICH

REGIE: DAMIANO MICHIELETTO

DREHBUCH: LUDOVICA RAMPOLDI, DAMIANO MICHIELETTO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TECLA INSOLIA, MICHELE RIONDINO, FABRIZIA SACCHI, ANDREA PENNACCHI, VALENTINA BELLÈ, STEFANO ACCORSI, MIKO JARRY, HILDEGARD DE STEFANO, COSIMA CENTURIONI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Freiheit ist alles. Ist man frei, lässt es sich auch laut Wolfgang Ambros, der das ungepflegte Äußere in seinem Austropop-Klassiker feiert, verwahrlost leben. Ganz egal, ob man vor dem Nichts steht, in der Gosse hockt oder in der „Kinettn“ schläft.

Diese Sehnsucht verspürt auch das Waisenmädchen Cecilia, das in Venedig des frühen achtzehnten Jahrhunderts, also noch ein ganzes Stückchen Zeit vor Mozarts Geburt, zumindest die Gnade erfährt, Violine spielen zu dürfen, wenn schon der Rest ihres überschaubaren Lebens innerhalb der vier Wände des Waisenhauses Ospedale della Pieta nach strengen Regeln verläuft und ganz sicher nicht so, wie es sich eine junge Frau gerne wünschen würde.

Fremdbestimmung bar excellence

So ein Waisenhaus finanziert sich nicht von selbst. Ein jungfräuliches musikalisches Mädchen-Ensemble soll den nötigen Reibach lukrieren – richtig viel Geld macht die Buchhaltung mit dem Verschachern hübscher Damen an reiche Gockel. Cecilia weiß: auch ihr steht bald die Verheiratung bevor, und zwar an einen zukünftigen Kriegshelden, sollte er am Schlachtfeld über die Türken siegen. Sie weiß auch: Sobald sie unter der Fuchtel eines Patriarchen steht, gibt’s kein Gestreiche und Gezupfe mehr, denn schließlich schickt es sich nicht, als Frau irgendwelche Künste zu trainieren.

Diese brotlose Kunst

Was für Zeiten. Was für Sitten. Und zwischen all dem ganz plötzlich Antonio Vivaldi. Dazu muss man wissen: So richtig ruhmreich war das Leben dieses großen Komponisten auch nicht. Er war zwar gern gehört und wurde bewundert, doch groß raus kommen sollte er bis zu seinem Tode nicht, denn die Stunde des Ablebens verbrachte er in tiefster Armut. 200 Jahre später dann die Entdeckung, mitsamt der vier Jahreszeiten.

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist

Die Entstehung der selbigen wird in dieser weitestgehend frei ersonnenen Möglichkeit einer Begegnung so herrlich subtil angedeutet, als würde man bereits den Sommer spüren, obwohl noch Frühling herrscht. Oder vor dem ersten Schnee. Als würde man diese gewissen Gerüche einer Jahreszeit schon vor allen anderen wahrnehmen – erahnend, was folgen wird.

Für diesen Moment, der in Vivaldi die Saat der Idee zu seinem Zyklus gelegt haben könnte, holt sich Theater- und Opernregisseur Damiano Michieletto für seinen ersten Kino- und Spielfilm eine ganz besondere Akteurin: Tecla Insola, in ihrer Heimat wohl eher als Popsängerin bekannt und genauso wie Michieletto macht sie mit Vivaldi und ich ihren ersten Schritt auf die Leinwand.

Beschreibe mir deine Freiheit

Irgendwie lässt sich der Eindruck nicht verdrängen, Tecla Insola schon mal irgendwo gesehen zu haben, so vertraut kommt sie einem vor, so nahbar wirkt diese Cecilia – introvertiert, auf gute Art rebellisch, klug und wortgewandt nur dann, wenn es etwas zu sagen gibt.

Michele Riondino (The Holy Boy) gibt den kränklichen, hustenden und gehetzten Künstler, der scheinbar nur von seinen Partituren lebt und von nichts sonst. Kaum zu glauben, dass beide sich irgendwann annähern – doch nicht auf eine Weise, wie manche jetzt denken würden.

Vivaldi und ich lässt diese beiden Charaktere ihren inneren Aufstand proben, lässt sie in kreativer Synergie zusammentreffen, dabei entsteht auf beiden Seiten ein mögliches alternatives Leben in Erfüllung und eben besagter Freiheit – in einer Stadt, die selbst schon eingeengt und begrenzt genug ist, durch ihre Kanäle und durch das Meer.

Venedig ist nicht immer nur Markusplatz und Canale Grande

Michielettos Film zeigt Venedig in seiner ganzen Bescheidenheit und Nüchternheit. Er zeigt die Stadt aus der Sicht der Eingeschlossenen und Abhängigen. Dabei fällt mir Andrea Segres ebenfalls ganz andersartiger Städtefilm Welcome Venice ein, der diesem Touristenklischee von urbaner Sehenswürdigkeit seine Echtheit zurückgibt.

Vivaldi und ich spielt natürlich in einer Zeit, die lange zurückliegt. Und dennoch ist das Bild der dahinschippernden Gondel, in denen maskierte Mädchen sitzen, weil keiner ihre jungfräulichen Gesichter sehen darf, ungemein gegenwärtig und vertraut – mit Carneval und sonstigem Schnickschnack hat das Ganze aber nichts zu tun.

Es klingt das Cembalo, es wehen die Kutten

Die Bilder in diesem Film sprechen für sich, so auch die Kostüme, beides vereinigt sich in regem Austausch mit den klangvollen Melodien des Spätbarock, hervorzuheben sind neben der Violine die höfisch-sphärischen Töne das Cembalo. Wenn Cecilia in roter Kutte und schwarzer Maske die ersten Klänge von Vivaldis Sommer geigt, während sie nur für kurze Zeit durch die geschenkte Freiheit eines Wäldchens spaziert, so ist das anmutig und wunderschön.

Vielleicht verwahrlost, aber frei

Um nichts in der Welt würde man Cecilias Lebenstraum scheitern sehen wollen. Und dennoch verweigert Michieletto seinem Vivaldi die Chance, dem historischen Realismus zu entsagen und das Unmögliche durchzusetzen.

Verzweiflung, Schmerz, Verzicht und der nur dadurch mögliche Schritt ins Ungewisse runden diese kraftvoll-feministische Ballade ab, in Erinnerung bleibt Tecla Insolas zuversichtlicher Blick in eine Zukunft, die außer Freiheit und Verwahrlosung vielleicht nichts bieten wird.

Vivaldi und ich (2025)

Rose (2026)

VON DEN ANFÄNGEN INDIVIDUELLER FREIHEIT
7,5/10


Sandra Hüller im Film Rose von Markus Schleinzer
© 2026 Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARKUS SCHLEINZER

DREHBUCH: MARKUS SCHLEINZER, ALEXANDER BROM

KAMERA: GERALD KERKLETZ

CAST: SANDRA HÜLLER, CARO BRAUN, MARISA GROWALDT (ERZÄHLERIN), GODEHARD GIESE, ROBERT GWISDEK, MARIA DRAGUS, SVEN-ERIC BECHTOLF, RAINER EGGER, AUGUSTINO RENKEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



Danke, Toni Erdmann. Seit damals ist die mittlerweile weltbekannte Sandra Hüller trotz ihres damit einhergehenden fulminanten Erfolges und der Möglichkeit, an der Seite von Ryan Gosling bei einem US-Blockbuster (Der Astronaut – Project Hail Mary) mitzumischen, nach wie vor an Bodenständigkeit kaum zu überbieten. Hüller macht nach wie vor das, was sie interessiert, und biedert sich niemandem an.

Sie sieht auch, so kommt mir vor, den „Walk of Fame“ längst nicht als einzig erstrebenswerte Form von Ruhm an. Sie ist Handwerkerin und Virtuosin durch und durch, und dabei lässt sie sich auch gern mal das Gesicht entstellen, so wie jetzt, im bei der Berlinale 2026 reüssierten Historiendrama Rose, inszeniert von Markus Schleinzer, vormals Castingdirektor bei gefühlt allen nennenswerten österreichischen Filmproduktionen, angefangen von Haneke über Seidl bis Ruzowitzky, nun aber konzentrierter Selbermacher mit nur nach wenigen Arbeiten herauskristallisiertem eigenen Stil, der konzentriert, geordnet und dennoch lebendig wirkt.

Die Vorteile des Patriarchats

Hüller durfte heuer für ihre Leistung den silbernen Bären entgegennehmen. Keine Frage, diese Auszeichnung wäre für keine andere Rolle so wohlverdient. Als Rose setzt sie ihre eigene Latte noch etwas höher, und womöglich war ihr die Darstellung einer Frau als Mann gar nicht mal so viel Arbeit, gibt die Figur doch jede Menge an Substanz her, um damit einen Charakter lebendig werden zu lassen, der seiner Zeit weit voraus war, indem er weder eine Agenda verfolgt noch ihm der höhere Sinn für eine gesellschaftspolitische Aufgabe nahegelegen wäre. Das Vergehen dieser Rose, die als vermeintlicher Erbe eines Guts als Herr und Kriegsheld auftaucht, besteht wohl im Gerichtsfall eines Betrugs und der Dreistigkeit, die Rolle eines Mannes einzunehmen, um im Leben weitermachen zu können.

Eine Zeit lang hält der Schein, doch irgendwann braucht es nur eine Kleinigkeit, wie die Erzählerin dieser Geschichte festhält, um die Dinge neu zu ordnen. Und das Schicksal seiner Zeit und seiner Normen zu unterwerfen.

Historische Akkuratesse

Wie ein Film von Andrej Tarkovskij beginnt Schleinzers zarte Erzählung: rauchende Schlachtfelder, düstere Witterung über einem nach dreißig Jahren Krieg ausgezehrten Land – ganz so, wie Daniel Kehlmann die Welt in seinem bewundernswerten Roman Tyll umschreibt. Schleinzer verstärkt diese Stimmung allein dadurch, ihm jede Farbe zu nehmen – als gäbe es Fotos von damals, die diese weit mehr als 300 Jahre zurückliegenden Existenzen eingefangen haben.

Schleinzer hat von allen gelernt, vorrangig von Haneke und auch von Seidls strenger Tableauhaftigkeit. Formal ist Rose ein Meisterstück in Akkuratesse und Authentizität, was sich vor allem auch in der einfachen, lakonischen Sprachfärbung widerspiegelt. Genau so, denkt man sich, haben Menschen damals gesprochen. Der Plural in der Anrede gibt den Ausschlag. Hohe Hüte, wattierte Gambesons, Rüschenkrägen und Leinenhauben. Es ist schwer, sich sattzusehen in diesem erlesenen Bilderbuch, das aber nicht nur abbilden, sondern auch einiges ansprechen möchte, was das damalige Welt- und Rollenbild betrifft, um damit einen Bogen zu spannen in ein Jetzt, Hier und Heute, das mancherorts auf diesem Planeten nach wie vor die selbe Ordnung pflegt.

Feminismus ohne Revolte

Einen Diskurs spart Rose aber aus. Diesen Bogen spannt der Film auch nicht bewusst. Das Denken darüber mag dem Publikum obliegen. Ob es nun Analogien zum Heute zieht oder froh ist, dass diese Zeit vorbei ist: Ambitionen in diese Richtung hat Schleinzer nicht. Und er gönnt seiner selbstbewussten Heldin der individuellen Freiheit auch mit dem Medium Film keinerlei phantastisch anmutenden Lösungsweg. Rose ist nicht so wie The Bride! – Es lebe die BrautThe Housemaid – Wenn sie wüsste oder andere feministische Filme, die am Ende eine Frau setzen wollen, die sich gegen das Patriarchat durchsetzt. So viel Kinorealismus der österreichischen Schule hat Schleinzer intus, um nicht seine eigene, ernüchternde und historisch gefärbte Philosophie zu verraten.

Respekt und Zärtlichkeit statt visuelle Härte

Was er noch intus hat, ist die Kunst des Indirekten, des nur in den Worten oder in den Geräuschen bestehende Grauen. Eine Herangehensweise, die Ruzowitzky mit seinem Oscar-Film Die Fälscher schon gewählt hat. Rose hat vieles an Gewalt, Schmerz und Ungerechtigkeit zu bieten, dass es einen erschüttern kann. Doch Schleinzer schlachtet diese Umstände nicht aus, indem er sich an die Darstellung selbiger aufgeilt. Er macht daraus auch kein sensationslüsternes Betroffenheitskino, keinen Skandalfilm.

Die Wucht der Umschreibung, dass die Männer wieder mal gezeigt haben, „wer hier der Herr ist“, ist in seiner Nüchternheit scharfkantig genug. Die Gewalt an der Frau wird zum erschreckend gleichmütigen Alltag, das Blut und der Tod, nur Vorahnung und Erinnerung. Gerade deshalb lenkt nichts von Hüllers Darstellung der Rose, lenkt nichts von dieser kargen Opulenz eines Realismus ab, der melodischer und empfundener kaum sein kann.

Rose (2026)

The Testament of Ann Lee (2025)

HOCH DIE HÄNDE BIS ZUM ENDE

6,5/10

 


© 2025 Searchlight Pictures

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: MONA FASTVOLD

DREHBUCH: MONA FASTVOLD, BRADY CORBET

KAMERA: WILLIAM REXER

CAST: AMANDA SEYFRIED, LEWIS PULLMAN, THOMASIn MCKENZIE, STACY MARTIN, CHRISTOPHER ABBOTT, MATTHEW BEARD, TIM BLAKE NELSON, SCOTT HANDY, JAMIE BOGYO, VIOLA PRETTEJOHN U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Von Mamma Mia bis hierhin ist es ein breiter Weg. Amanda Seyfried hat ihn, mit Fokus aufs Ziel, souverän gemeistert. Man sieht: Sie kann sowohl leichte, musikalische Unterhaltung im sommerfrischen Griechenland, als auch den Fanatismus einer Gebrochenen, die nur in schüttelnder Ekstase ihre Erfüllung findet, und dabei ganz nebenbei auf alles verzichtet, was sich nur entfernt nach Fleischeslust und Vergnügen anhört. Dem kann man natürlich folgen, muss man aber nicht. Dabei hätte die obskure Vereinigung der Shaker wie kaum eine andere Glaubensgemeinschaft am ehesten das Zeug dazu gehabt, als Orden in die Geschichte des Spin-Off-Christentums einzugehen. Enthaltsamkeit, strenge Regeln, Gebet, Gesang und Tanz, klerikales Jammern gehört auch dazu, damit erreicht man die Absolution auf direktem Weg. Für die Absegnung durch den Papst hat’s zwar nicht gereicht – für eine Passage nach Übersee aber doch.

Die Enteignung des weiblichen Körpers

Bis es soweit kommt und Gründerin Ann Lee als Opfer ihrer eigenen Weiblichkeit die Wiederkehr Jesu Christi als Frau in sich selbst erkennt, nimmt sich Mona Fastvold die Zeit, um die Psyche einer Frau zu ergründen, die im England des 18ten Jahrhunderts wie so viele andere ihres Geschlechts nicht viel mehr gewesen sein muss als eine Sex- und Gebärmaschine für Mann und Familie. Die Enteignung des weiblichen Körpers wird zur quälenden Erfahrung – viermal wird Ann Lee gebären müssen, viermal wird sie ihr Kind verlieren, und niemals wird sie erfahren, was körperliche Liebe eigentlich bedeuten kann. Vom weiblichen Orgasmus hat man damals womöglich noch nichts gehört, von Verhütung schon gar nicht. Vom Respekt seinem Partner gegenüber auch nicht. Christopher Abbott (Wolf Man) spielt ihren von der Libido geplagten Gatten, der anscheinend keinen Grund hat, Geschlechterrollen zu hinterfragen oder über das Wohl seiner besseren Hälfte zu reflektieren.

Kontrollverlust, Schmerz und Missbrauch des Körpers: All das führt letztlich dazu, wie Ann Lee zu dem wurde, wofür man sich letztlich an sie erinnert: Als die Mutter der Shaker-Gemeinschaft, an die Begründerin des christlichen Ausdruckstanzes, an jene, die ihren Körper für niemanden mehr zur Verfügung stellen wollen.

Shake the Diseases

Von Mona Fastvold wissen wir: Das von vielen als Monumentalfilm bezeichnete Langstrecken-Kinoereignis The Brutalist geht zum Teil auch auf ihre Kappe, das Skript dafür hat sie sich mit Brady Corbet geteilt. Wer wissen will, wie Fastvold selbst Regie führt, der kann sich den elegischen Historienfilm The World To Come mit Vanessa Kirby und Katherine Waterston zu Gemüte führen – auch dieser ein hochgradig feministischer Film, wo Sexualität eine deutlich willkommenere Rolle spielt als in dieser wilden, ausstattungsintensiven Musical-Biografie, die ich aber bei Gott nicht ausschließlich in diesem Genre verorten möchte. Abschrecken sollte man sich auch als Gesangsspielmuffel von gelegentlichen musikalischen Intermezzi nicht lassen. Denn genau darin liegt die Stärke in diesem Film: in der mitreißenden Musik, in den irren Rhythmen zwischen Stampfen, Klatschen, Trommeln – mal ist es a cappella, mal untermalt durch zeitgenössische Instrumente. Dazu Amanda Seyfried, wie sie singt und ihre Arme hochwirft, rings um sie herum probt die Gefolgschaft die intuitive Zuckung. Das Massenphänomen der Gruppentrance lässt sich fast nachvollziehbar als ein mögliches Mittel zum kollektiven geistigen Zusammenschluss erahnen. Natürlich hat das was, natürlich kommt diese Faszination für eine Strömung wie diese nicht von irgendwo. Sein Innerstes nach außen zu kehren mithilfe dieser Mittel, dessen Pendant im Islam auf gewisse und noch akkuratere Weise beim Sufismus zu finden ist, lässt einen sehr wohl verwundert staunen.

Ambivalente Weltbilder

Fastvold ist ein historisch genaues, zugleich enorm erdiges, aber nicht immer leidenschaftliches Kuriosum gelungen, von dessen dargestelltem Fanatismus man sich immer wieder mal abgestoßen fühlt, über dessen Entrücktheit man sich belächelnd wundert, um dann wieder die Beine nicht stillhalten zu können, wenn wieder mal zur gemeinsamen Messe gerufen wird. The Testament of Ann Lee ist ein ambivalentes Konstrukt in naturalistischer, zugleich harter Bildsprache, mit einer bis an die Grenzen gehenden Seyfried, die auch empfindet, was sie spielt. Ein Brocken von einem Film zwischen Psychotrip, Frauenrecht und dem immerwährenden Gefühl eines Enthusiasmus, der sich vor dem Bewusstsein des eigenen Untergangs verschließt.

Übrigens: Von den Shakern ist heutzutage nicht mehr viel übrig. Zwei Mitglieder gibt es aktuell (stand 2025). Bei so viel entrücktem Wunder dann doch kein Wunder.

The Testament of Ann Lee (2025)

Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

Im Schatten des Orangenbaums (2025)

DIE BESCHLAGNAHMTE HEIMAT

6/10



© 2025 X-Verleih AG


ORIGINALTITEL: ALL THAT’S LEFT OF YOU

LAND / JAHR: ZYPERN, DEUTSCHLAND, KATAR, GRIECHENLAND, SAUDI-ARABIEN, JORDANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: CHERIEN DABIS

KAMERA: CHRISTOPHER AOUN

CAST: CHERIEN DABIS, ADAM BAKRI, MOHAMMAD BAKRI, MARIA ZREIK, SALEH BAKRI, DOMINIK MARINGER, MUHAMMAD ABED ELRAHMAN, HAYAR ABU SAMRA U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Der Nahe Osten. Weit genug entfernt von Zentraleuropa, erstreckt sich dieses Gebiet von der Türkei – was man eher noch als nah bezeichnen kann – bis in den Iran. Selbst der ist noch nah. Afghanistan hingegen nicht mehr. Damit beschäftigt sich ein anderer Film, der ebenfalls im Kino läuft – doch dazu in einer anderen Review. Je kleiner aber die Fläche, die Dichte also umso größer, desto heißer wird es – als würde man mit einer Linse die Sonne bündeln, um irgendwo hinein ein Loch zu brennen. Dieser Ort ist das heutige Israel – vor dem zweiten Weltkrieg noch britisch besetztes Palästina, nach dem damit einhergehenden Holocaust aber wie ein überbuchter Sitzplatz am Fenster eines Passagierfliegers entsprechend umkämpft. Wie eine Zimmersuite, die alle haben wollen, und wo der als erstes eingetrudelte zahlende Gast ganz plötzlich delogiert wird.

Die Ursache entschuldigt nicht die Wut

Wer immer sich diese Lösung für die Vertriebenen hat einfallen lassen – eine Hirnidee war das keine. Vielleicht wäre es eine gewesen, hätte man die bereits ansässigen Volksgruppen mit denen, die neu dazukommen wollen, an einen Tisch gerufen, sodass in dieser Suite mit Blick aufs Meer, wo es an sich Räume genug gibt, alle ihren Patz hätten finden können. Doch das aus Europa geflüchtete und in den Nahen Osten transmigrierende jüdische Volk hat ordentlich Wut im Bauch. Egal was, egal wie – nichts kann diese Weltschuld wieder gutmachen. Außer vielleicht ein Freibrief, der das Recht auf dessen Seite weiß. Diese Sicht auf die Dinge muss man erst mal verstehen. Von nichts kommt nichts, Ursache und Wirkung schleppt sich durch die Generationen, und niemals wird das Auge trocken.

Was du nicht willst, das man dir tut

Die Palästinenser im Westjordanland sehen das anders. Cherien Dabis, eine US-amerikanische Filmemacherin mit palästinensischen Wurzeln, tut das ebenso. Ihr Blick ist der ihrer Ahnen. Im Schatten des Orangenbaumes (Im Original: All That’s Left Of You) nennt sich das über Jahrzehnte hinweggleitende leidvolle Epos einer Familie aus dem Orangenparadies Jaffa. Ich kann mich noch an die kleinen bunten Sticker erinnern, die zu meiner Kindheit in den Achtzigern auf den orange leuchtenden Schalen ebenjener herzhaften Früchte klebten, die es im Supermarkt zu kaufen gab. Jaffa. Ein Name, süß-fruchtig, mediterran und paradiesisch. Hier aber, im Schatten dieser Bäume, die diese Früchte tragen, ist von diesem Klischee nicht viel übrig.

1948 ist es dann so weit. Großvater Sharif wird aus Jaffa vertrieben, von einer ganz plötzlich einfallenden israelischen Armee, die keinerlei Skrupel hat, das bereits hier in Palästina wohnhafte Volk aus ihren Häusern zu holen. Verblüffend dabei, wie einstmalige Opfer plötzlich die Rolle ihrer Peiniger einnehmen. Was du nicht willst das man dir tut… Wir alle kennen dieses ethische Prinzip aus der Bibel, sowohl abrufbar im alten (für das Judentum relevante) als auch im neuen Testament. Doch sei’s drum, die Wut und die Schmach ist so groß, dass für Palästina genug übrigbleibt. Dabis hat dabei aber keine große Lust, hier zu differenzieren. Der jüdische Aggressor ist von ausgesuchter Bösartigkeit – und bleibt es lange, vor allem genau in jenen Momenten, die das Leben der Familie um Sharif immer wieder neu prägen werden.

Wo ganz klar das Unrecht liegt

Im Schatten des Orangenbaums ist, filmisch betrachtet, nur eine Partei, die am Tisch der Verhandlungen sitzt, mit dem Ziel, dem großen Frieden näherzukommen. Dabei hat sie lange nicht vor, der anderen Seite den Platz gegenüber anzubieten. Das Drama bleibt lange ein Sammelsurium aus Eindrücken, Erfahrungen und Indizien, die letzlich das Bild von den Israelis prägen. Etwas anderes zu tun in diesem hochkomplizierten Nahostkonflikt – das muss man zumindest im Film nicht, da hat man alle Freiheiten der Welt. Doch leicht kann es dabei passieren, und die Sichtweise wird eine einseitige. Cherien Dabis bleibt in ihren Schilderungen subjektiv. Die Opfer sind dabei die Palästinenser, die aushalten müssen, was ihnen widerfährt, und das ist ganz deutlich ein Jahrzehnte währendes Unrecht.

Gibt der Klügere nach?

Geht es nach dem Film, wird sofort klar, wer hier Schuld an dem ganzen Schlamassel hat. Vergessen wird dabei aber der aus augenscheinlicher Not heraus entstandene Terror. Auch keine gute Methode, die ganz andere Wut zu kanalisieren oder das Problem überhaupt zu lösen. Darüber verliert der Film aber lange kein Wort. Er bleibt als erzählerisch solide, routiniert wirkende, recht tragische Erklärung so mancher Ursache beharrlich einseitig. Die Spur wechselt Dabis, und das ist fast schon manipulativ, erst dann, wenn die Rollen verteilt sind. Dann wird der Kreislauf durchbrochen, hält Dabis die andere Wange hin, will diesen Konflikt einfach nicht mehr weiterführen.

Endlich, am Tisch gegenüber sitzen nun die anderen. Das ist reichlich spät für eine derart weit ausholende Chronik gesellschaftspolitischer Ereignisse. Doch besser spät als nie.

Im Schatten des Orangenbaums (2025)

Der Medicus 2 (2025)

EIN MÄRCHEN VOM MITTELALTER

5/10



© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: PHILIPP STÖLZL

DREHBUCH: STEWART HARCOURT, PHILIPP STÖLZL, CAROLINE BRUCKNER, JAN BERGER, MARC O. SENG, NACH MOTIVEN VON NOAH GORDON

KAMERA: FRANK GRIEBE

CAST: TOM PAYNE, EMILY COX, AIDAN GILLEN, ÁINE ROSE DALY, OWEN TEALE, LIAM CUNNINGHAM, EMMY RIGBY, SARA KESTELMAN, ANNE RATTE-POLLE, MALICK BAUER, FRANCIS FULTON-SMITH, ROSIE BOORE U. A.

LÄNGE: 2 STD 23 MIN



Noah Gordon hat Ende der Achtzigerjahre einen historischen Abenteuerroman mit dem Titel Der Medicus verfasst. Ein Bestseller, der, irgendwo zwischen Aladdin, Die Päpstin und Lawrence von Arabien, zumindest den Anspruch erhebt, mit realen historischen Figuren auskommen zu wollen, wenn schon Protagonist Rob Cole, der als Medizinstudent unter die lehrreichen Fittiche eines Gelehrten namens Avicenna gerät, in der Weltgeschichte nichts verloren zu haben scheint. Doch dagegen, da ist wirklich nichts einzuwenden. Zahlreiche historische Filme arbeiten auf diese Weise: Sie schaffen eine Identifikationsfigur, die es so nicht gegeben hat, einzig und allein, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, um ihn mitfiebern und gleichzeitig lernen zu lassen, was zu dieser Zeit an diesem Ort an Geschichte wohl passiert sein mag.

Bezugspersonen durch die Geschichte

Frank Schätzings Roman Tod und Teufel zum Beispiel beschreibt das Köln der Frührenaissance akribisch genau und verwebt seine Antihelden in einen historischen Kriminalfall, den man auf diese Weise wohl noch nicht gelesen hat. Die Netflix-Serie The Last Kingdom setzt einen Universalhelden namens Uthred in das chaotische Geschehen Großbritanniens des neunten Jahrhunderts, um zahlreichen historischen Persönlichkeiten zu begegnen, die das frühe England geprägt hatten. Was dieser Serie dabei so grandios gelingt, ist, die Figur des Uthred nahtlos in das historische Geschehen einzuweben, um ihn danach daraus so zu entfernen, als wäre er eines aus den Fakten getilgtes Mysterium. Im Medicus war es immerhin der Gelehrte namens Avicenna, den es wirklich gegeben hat.

In der nun freien Fortsetzung, die auf keines der Arbeiten von Noah Gordon beruht, hat europäische Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr. Das einzige, woran wir uns orientieren können, ist England, das alte London, die Themse. Der Begriff Hakim taucht immer wieder auf, arabisch für Arzt und Gelehrter. Und damit war es das auch schon zum Thema Wissensvermittlung. Alles andere ist wild zusammenfabuliert, entbehrt jeglicher historischer Grundlage und setzt eine alternative vergangene Realität vor die Kamera, die ungefähr so relevant ist wie jene, die wir in Grimms Märchen entdecken.

Die früheren Leben des Sigmund Freud

Im Zentrum des konstruierten Bilderreigens an Mittelalterklischees steht abermals Rob Cole, der nach einem Sturm vor der Südküste Englands Schiffbruch erleidet und mit seinen Gelehrtenkollegen, einem Sohn im Arm und der Trauer ob seiner ums Leben gekommenen Geliebten versucht, im London des 11. Jahrhunderts Fuß zu fassen. Mit im Gepäck: Ein ledergebunder Wälzer mit allerhand neumodischem Gesundheitskram. Schließlich wissen wir: das alte Arabien war in so frühen Zeiten dem in Finsternis und Aberglauben dahinsiechenden Europa mehrere Nasenlängen voraus. Damit einhergehend drängt Cole das Bedürfnis, Gesundheit leistbar werden zu lassen, und zwar für jede und jeden, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß. Das alles natürlich ohne Versicherung, ohne Selbstbehalt, ohne Bereicherung der Gesundheitskasse. Mit dieser Einstellung stößt Cole bei der Gilde der Mediziner auf Missfallen. Und nicht nur dort: Auch des Königs sinistre Gattin Mercia, die sich so nennt wie ein ganzes Königreich, hat wenig Lust daran, denn kranken Monarchen gesund zu sehen. Cole gelingt es aber, diesen zu heilen und überdies noch die einzig würdige Thronerbin Ilane (womöglich abgeleitet von Insane) aus ihrem Siechtum zu befreien. Das tut er mit erstaunlicher Kenntnis über Psychotherapie und selbiger Analyse, zum damaligen Zeitpunkt eher nicht wirklich State of the Art, es sei denn, Freud wäre durch die Zeit gereist.

Konventionelles in schönen Bildern

Es entspinnt sich ein pittoresk-biederes Märchen aus den Überbleibseln einer zugestandenen Geschichtsschreibung, von versteckten Königstöchtern, integren Herrschern, die Vernunft walten lassen wollen, dies aber nicht können, weil Intrigen, wie einst in Game of Thrones, alles zersetzen. Apropos Game of Thrones: Philipp Stölzl weiß, wie er sein Publikum ins Kino bringt. Er besetzt ganz einfach die eine oder andere Rolle mit bekannten Gesichtern aus dieser Jahrhundertserie, darunter Liam Cunningham als Märchenbuchkönig und natürlich „Kleinfinger“ Aidan Gillen, der den Intriganten aus dem FF beherrscht. Auch Emily Cox, die in eingangs erwähnter Serie The Last Kingdom eine tragende Rolle spielt, will auch hier in gelangweilter Bösartigkeit die Macht an sich reißen. Diesen Leuten sieht man schließlich gerne zu, auch wenn sich die Handlung allzu sehr in konventionellen Bahnen bewegt und mit einer Vorherhsehbarkeit klarkommen muss, da scheinen selbst Rumpelstilzchen und Co mit Storytwists nur so um sich zu werfen. Wie Stölzl und sein Postproduktionsteam es aber zustande bringt, Der Medicus 2 mit solch epischen Bildern zu illustrieren – vorrangig vom frühmittelalterlichen London – ist bemerkenswert. Schön anzusehen ist das ganze ja durchaus, die pure Erfindung des Mittelalters aber eine bittere Enttäuschung.

Der Medicus 2 (2025)

Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

Stiller (2025)

WIE MAN JEMAND NICHT IST

4/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: STEFAN HAUPT

DREHBUCH: STEFAN HAUPT, ALEXANDER BURESCH, NACH DEM ROMAN VON MAX FRISCH

KAMERA: MICHAEL HAMMON

CAST: ALBRECHT SCHUCH, PAULA BEER, MARIE LEUENBERGER, SVEN SCHELKER, MAX SIMONISCHEK, STEFAN KURT, SABATA SAFET, MARTIN VISCHER, GABRIEL RAAB, MARIUS AHRENDT, INGO OSPELT U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



„Ich bin nicht Stiller!“, versucht sich mehr schlecht als recht der diesem Stiller so frappant ähnlich sehende mittelalte Mann aus der Affäre zu ziehen. Das Problem dabei: Man glaubt ihm nicht. Wie, so Albrecht Schuch in zwar nicht verzweifeltem Tonfall, aber schulbühnenartiger Inbrunst, könne man denn beweisen, dass man jemand nicht ist? Heutzutage alles kein Problem, liegen die notwendigen Papiere griffbereit. Im Zeitalter des Internets und einer sozialen Lebensweise, wo dich zumindest immer eine Handvoll Leute kennt, sind Identitäten meistens bewiesen. Auch der hauseigene Zahnarzt kann da weiterhelfen, liegt man mal irgendwann als verkohlter Überrest unter den abgebrannten Trümmern einer Wohnung. Bei diesem hier aber, bei Max Frischs völlig unidentifizierbarer Figur, scheinen die Parameter eines gesellschaftlichen Wesens, wie der Mensch nun mal eines ist, nicht zu ziehen.

Identifikation ist nicht alles

Jene, die Stiller vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen haben, denen könnte der Lauf der Zeit durchaus auch einen Streich spielen, das Erinnerungsvermögen ein bisschen hinterherhinken. Wie sehr kann sich eine Person in so vielen Jahren schon verändern, es sei denn, er hat sich unters Messer legen lassen? Der Unbekannte und doch Bekannte hat das scheinbar nicht – in den 50er Jahren, in denen Stiller spielt, sind Methoden wie diese zur Unkenntlichmachung des eigenen Ichs wohl noch nicht so in Mode. Also macht der gute Mann wohl keinen auf Udo Proksch, sondern lässt sich während einer Zugfahrt durch die Schweiz erwischen. Man fragt sich, weswegen? Womöglich war Stiller in einem politischen Attentat verwickelt, das nur nebenbei angerissen wird, und da ihn ein mitfahrender Gast als jenen Mann, der er angeblich nicht ist, identifiziert hat, wird dieser in polizeiliches Gewahrsam genommen. Zur Identifizierung muss Tänzerin Julika aus Paris antanzen, sie muss es ja schließlich wissen, war sie doch mit Anatol Stiller verheiratet. Natürlich weigert sich dieser, seine Ehefrau zu erkennen, und während das Gänseblümchen gerupft wird – ist er es, ist er es nicht – erfahren wir, wie es denn überhaupt dazu kommen hatte können, dass man James Larkin White  verhaftet hat.

Ein Buch sperrt sich der Verfilmung

Max Frisch ist stets eine gute Bank für vielschichtige Dramen, moralische Metaphern und gesellschaftskritische Gedankenspiele. Die Sache mit der Notlage eines jeden, unentwegt Rollen spielen zu müssen, die man von anderen zugeteilt bekommt, ohne sich selbst oder jemand anderes sein zu können, kumuliert in Frischs Roman Stiller zu einer Identitätskrise bar excellence, zu einem sachlich-klaren, reduktionistischem Psychospiel über den Versuch eines Neuanfangs, der letztlich scheitert, weil die Fesseln der Vergangenheit nicht abgeschüttelt werden können. Als prachtvoller Plot in literarischer Form mag Stiller den Status als moderner Klassiker verdienen, als filmische Interpretation wird wohl nichts davon in die Filmgeschichte eingehen. Der Schweizer Stefan Haupt, der unter anderem dem Reformator Zwingli eine Biografie geschenkt hat, verlässt sich zu sehr auf die Wirkung eines Titels, der jeder auch nur halbwegs versierten Leseratte geläufig sein muss. Dahinter erkämpft sich ein relativ starrer Albrecht Schuch sein Recht auf freie Identitätswahl, während eine noch eindimensionalere Paula Beer, die nicht nur in Filmen von Christian Petzold mitspielt, ihrem Charakter keinerlei Profil verleiht. Stiller hin, Stiller her – im Schatten einer möglichen Verleugnung ist auch die Hintergrundgeschichte selbst, Stillers künstlerisches Schaffen und seine Beziehungen, mitunter auch eine Liaison mit Marie Leuenberger (Mother’s Baby), die wenig empfundene fiktive Biografie eines verschlossenen Mannes, den man nicht unbedingt kennen muss und dessen Versäumnis, ihn kennenzulernen, auch nicht bedauert.

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Dem Psychodrama fehlt es an Psychologie, dem Justizdrama an packenden Indizien, die Literaturverfilmung hingegen leidet dabei an zu viel Routine. Einzig wirklich interessant, irgendwie verblüffend und auch richtig geglückt ist die subversive Idee, Stillers Figur zu Beginn des Rückblicks mit zwei Schauspielern zu besetzen. Will heißen: Nicht nur Schuch spielt Stiller, sondern auch der ihm ähnlich sehende Sven Schelker, und so weiß man nie genau, ob man sich nur einbildet, Stiller mit anderem Gesicht zu sehen oder auch nicht. Irgendwann, in einem unmerklichen Moment, wo man längst auf anderes konzentriert ist, übernimmt Schuch dann vollends. Dieses Spiel mit der Wahrnehmung ist Haupts bester Moment, während die übrige Umsetzung in seinem Pragmatismus reichlich schal wirkt.

Stiller (2025)

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

POSIEREN IM LICHT DER ERKENNTNIS

8,5/10


© 2025 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: EDGAR REITZ, ANATOL SCHUSTER

DREHBUCH: EDGAR REITZ, GERT HEIDENREICH

KAMERA: MATTHIAS GRUNSKY

CAST: EDGAR SELGE, AENNE SCHWARZ, MICHAEL KRANZ, ANTONIA BILL, BARBARA SUKOWA, LARS EIDINGER, SALOME KAMMER, ANNE SCHIRMACHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Was ist ein Portrait? Filmfachlich gesehen eine Charakterstudie, meistens auf Spielfilmlänge, in der versucht wird, das Wesen einer Person zu ermitteln, einzufangen; es umspannt den Prozess des Suchens nach Merkmalen, Stärken, Besonderheiten, Bedürfnissen, Schwächen und Sehnsüchten. Ein Portrait ist keine Biographie, sondern die Betrachtung des Wesens hinter einem Menschen, meist von berühmten Persönlichkeiten aus allen Sparten der Weltgeschichte oder der globalen Gegenwart. Als Portraitfilm geht auch das jüngste der Werke des Altmeisters Edgar Reitz in die Filmgeschichte ein, denn seine im besten Sinne übertragene Wortadaption eines Portraits in einem Portrait ist alleine schon ein nahezu genial zu bezeichnender Ansatz, einer Persönlichkeit näherzukommen, die man längst nicht so vor Augen hat wie zum Beispiel die alten Griechen, Diogenes mit seinem Fass, Sokrates mit seinem Schierlingsbecher oder Physiker Isaac Newton, dem ja, wie wir alles wissen, der Legende nach der Apfel auf den Kopf gefallen war. Wie steht’s aber um Gottfried Wilhelm Leibniz, den Popkultur-Physiker Sheldon aus der Sitcom The Big Bang Theory zumindest ein paarmal namentlich erwähnt hat?

Die Zeit vergeht im Gemälde

Nichts weiß man von ihm, oder zumindest kaum etwas. Selbst Edgar Reitz wusste anfangs wohl auch relativ wenig, also recherchierte er jahrelang für dieses filmische Denkmal, brachte Gedanken, Errungenschaften und Erfindungen alle zusammen – es muss ein Pulk an Informationen gewesen sein, der sich sicherlich nur schwer ordnen ließ. Dennoch hat es der legendäre Autorenfilmer, der für sein monumentales Heimat-Triptychon bekannt wurde, dieses ganze wuchtige Wirken und Leben eines Denkers so sehr komprimiert und veranschaulicht, dass es in einen kleinen, schummrigen Raum passt – in das Arbeitszimmer von Leibniz, mit Glastüre in den Wintergarten und einer Oberlichte, durch die das einzige wahre Licht fällt, das zum Malen eines Portraits geeignet scheint. Wobei wir wieder bei der Frage des Abbildnisses über den Tod hinaus wären, bei der Malerei und dem Verewigen. Dabei gibt es eine Szene, da wirft die begnadet gut mit niederländischem Akzent sprechende Aenne Schwarz die Frage auf, was genau eine Malerei nun abbildet. Den Moment, die Entstehung dieses Moments bis hin zur Vollendung, oder vielleicht auch die Zeit, die es gebraucht hat, um die Mineralien entstehen zu lassen, die für die Farbpigmente letztlich verwendet wurden. Das Bildnis wird so zur Drehscheibe philosophischer Betrachtungen, wobei dieser Begriff wieder erschreckend schwammig daherkommt, weil er zu sehr verallgemeinert.

Wort und Bild im Einklang

Was bei dieser Begegnung zwischen der fiktiven Malerin, deren Namen so klingt wie jener des berühmten Jan Vermeer und die sich anfangs als Mann ausgibt, und dem Geistesriesen und Humanisten Leibniz, der hier wie selten jemand punktgenau die Vernunft verkörpert, alles für Synergien erwachsen, überträgt sich ungefiltert auf ein aufmerksames, zuhörendes Publikum, das zum Glück nicht damit überfordert wird, die Bildgewalt eines auf die große Leinwand projizierten Theaterstücks auch noch in sich aufsaugen zu müssen. Reduktion durch berechnete Opulenz, so könnte man Reitz‘ visuelle Sprache untertiteln. Alleine schon der von Antonia Bill vorgetragene Brief der Charlotte, Königin von Preußen, an ihren liebgewonnenen Gesprächspartner Leibniz zu Beginn des Films öffnet die Tore in eine Zeit, in der man nichts damit gewinnen konnte, seiner Zeit voraus zu sein. Um das scheinbar, aber nur scheinbar strenge Spiel aufzulockern, wählt Reitz am Anfang noch die profane Begegnung mit einem Ignoranten – Lars Eidinger ganz absichtlich entnervt als Maler ohne Selbstreflexion, der mit der Abbildung des redegewandten Diskutanten formidabel scheitert. Und dann Aenne Schwarz, erinnernd an die Barockmalerin Michaelina Wautiers, welcher zur Zeit am Wiener Kunsthistorischen Museum eine Ausstellung gewidmet wird, und ebenfalls ihrer Zeit voraus – eine akribische Visionärin, die im posierenden Denker, der ungerne Perücke trägt, ihren Meister findet. Andersherum findet es genauso statt, beide ergänzen sich, beide beleuchten im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit, die Zukunft, die Gegenwart – all das, was in ein Bild fließen soll.

Ein Gemälde blickt auf die Welt

Wenn Michael Kranz als des Hofrats rechte Hand in den dunklen Raum jenseits der Tapetentür dringt, um das Denken von Leibniz zu extrahieren, erinnert das fast an das Denkarium von Professor Dumbledore aus Harry Potter – das Mysterium des Denkens und Ahnens tut sich auf, und genauso mysteriös und auf einer gewissen Metaebene existierend entfaltet sich Sprache, Licht und Pigment zu einem berührenden Sinnesrausch nahe an der Geschichte, nahe am Tod und an der Ewigkeit, ermöglicht durch ein Gemälde, dass wir, wie die Welt, auch nur erahnen können.

Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes (2025)

Die Vorkosterinnen (2025)

RUSSISCH ROULETTE AM MITTAGSTISCH

6/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: LE ASSAGGIATRICI

LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN, SCHWEIZ 2025

REGIE: SILVIO SOLDINI

DREHBUCH: DORIANA LEONDEFF, SILVIO SOLDINI, CRISTINA COMENCINI, GIULIA CALENDA, ILARIA MACCHIA, LUCIO RICCA, NACH DEM ROMAN VON ROSELLA POSTORINO

CAST: ELISA SCHLOTT, ALMA HASUN, MAX RIEMELT, EMMA FALCK, BORIS ALJINOVIC, OLGA VON LUCKWALD, THEA RASCHE, BERIT VANDER, KRIEMHILD HAMANN, ESTHER GEMSCH, NICOLO PASETTI U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Er ist wieder da. Und sicher nicht das letzte Mal. Immer und immer wieder wird das Musterbeispiel, der Prototyp des menschenverachtenden Diktators der Neuzeit die Medien infiltrieren. Er wird zitiert, er wird verfilmt, und alle, die ihn jemals auch nur auf periphere Weise umgeben haben, werden noch zu Wort kommen. Und wenn es sich dabei auch nur um einen Mythos handelt. Um ein Gerücht wie dieses zum Beispiel, das von einer Gruppe Frauen handelt, die von Adolf Hitlers auserwählter Militär-Elite zwangsrekrutiert wurde, um Speisen vorzukosten, die dem Führer wohl geschmeckt haben.

Es gab da eine Dame, Margot Woelk hieß sie, die kurz vor ihrem Ableben 2012 mit Erinnerungen an die Öffentlichkeit ging, in denen sie als Vorkosterin für Adolf Hitler gedient haben soll. Mit weiteren fünfzehn Frauen soll sie in der Wolfsschanze im Jahre 1942 diverse Speisen auf Toxine geprüft haben, natürlich den eigenen Tod, falls es doch mal zu einem Giftanschlag hätte kommen sollen, inbegriffen. Diese erstaunlichen Fakten wurden 2014 von einem Journalisten hinterfragt, somit stehen in dieser Sache Aussage gegen Aussage – bis Rosella Postorino einen Roman darüber schrieb. Dieser hat mit historischen Tatsachen nun überhaupt nichts mehr gemein, bleibt aber als verlockende Hypothese im geschichtsfreien Raum stehen, als fiktiv-verspielte Ergänzung eines zu finsteren popkulturellen Legende gewordenen Schwerverbrechers, den seine Liebe zu Schäferhunden und vegetarischem Essen manchmal viel zu harmlos erscheinen lassen – Oliver Masucci (Er ist wieder da) hat’s bewiesen, wie leicht das geht, und wie leicht man das Böse verdrängen kann, wenn sich die Ikonographie einer Person verselbstständigt. Der Roman PostorinosDie Vorkosterinnen – fand seinen Weg ins Kino, hat dieser doch alle Voraussetzungen, um genug Melodrama auf die Leinwand zu werfen, das vor dem Hintergrund farbintensiver Hakenkreuzfahnen und umringt von einer Vielzahl gestandener deutscher Wehrmachtsmänner mit schickem, geöltem Undercut einen zaghaft feministischen deutschen Mittagstisch deckt, der als Basis dient für ein Crossover unterschiedlicher Schicksale strohverwitweter und verwitweter Frauen, die mit ihrer Einsamkeit auf unterschiedliche Weise klarkommen müssen.

Liebe geht durch den Magen

Regie führte in dieser mit Damenmoden der Vierziger ausgestatteten Historien-Fiktion Silvio Soldini, der anno 2000 mit Brot und Tulpen einen wie Bruno Ganz ganz groß in Szene setzte. Ein Vierteljahrhundert später ist es Elisa Schlott, die viel dazu beiträgt, dass Die Vorkosterinnen nicht als verdünnte Ansammlung sämtlicher Tagebucheinträge so manches Schicksal als stereotypes Klischeebild verbucht. Schlott gibt ihrer Figur der fiktiven Rosa Sauer ordentlich Profil – niemals zu dick aufgetragen, selten zu wenig Emotion. An ihr bleibt man dran, und mit ihr ziehen alle anderen mit, allen voran Alma Hasun, die natürlich ein Geheimnis mit sich herumträgt, welches das Bedeutungsspektrum des Films später noch erweitern soll.

Das Ensemble weiß, was es zu tun hat, zumindest bei den Damen. Die Herrschaften unter des Führers Fuchtel bleiben austauschbar, vor allem Max Riemelt als bärbeißiger, stiernackiger Muskelprotz weckt warum auch immer das sexuelle Interesse unserer Hauptdarstellerin, wobei man natürlich ahnt, dass in der Not der Teufel Fliegen frisst. Somit gibt es dort eine Liebelei, und da wieder eine kleine Intrige unter den Frauen, im Ganzen aber ist wohl weniger das Konzept des Vorkostens hier Thema als gewisse Sorgen und Nöte, die alle zwar angerissen, aber nie entsprechende Wichtigkeit erlangen. Das macht den Film dann doch über weite Strecken recht bruchstückhaft und gedehnt, um nicht zu sagen langatmig, denn all das hat man schon unzählige Male glaubwürdiger, intensiver und authentischer gesehen. Am Ende nimmt das Drama wieder Fahrt auf, das Essen wird abserviert, für Magenverstimmungen gibt’s Alka Seltzer.

Die Vorkosterinnen (2025)