The Souffleur (2025)

AUFLAUF IM HOTEL

2/10


© 2025 Magnify


ORIGINALTITEL: TRISTES TRÓPICOS

LAND / JAHR: ÖSTERREICH, ARGENTINIEN 2025

REGIE: GASTÓN SOLNICKI

DREHBUCH: JULIA NIEMANN, GASTÓN SOLNICKI

KAMERA: RUI POÇAS

CAST: WILLEM DAFOE, STEPHANIE ARGERICH, LILLY SENN, CLAUS PHILIP, GASTÓN SOLNICKI U. A.

LÄNGE: 1 STD 20 MIN


Hätte die österreichische Modemarke HUMANIC damals in den Achtzigern doch Willem Dafoe dafür gewinnen können, in einem ihrer der Zeit voraus befindlichen Werbespots aufzutauchen. Horst Gerhard Haberl, Begründer einer Werbeinnovation, die bis heute nachhallt, wäre begeistert gewesen. Er wäre auch froh gewesen, hätte er einem Filmemacher wie Gastón Solnicki das Regie-Zepter in die Hand drücken können. Der Argentinier hätte verstanden, worauf es in diesem Werbekonzept angekommen wäre. Viele Jahrzehnte später blickt das Publikum der Viennale auf ein ähnlich konzipiertes, 80 Minuten andauerndes Essay-Konstrukt mit dem Titel The Souffleur. Doch der kommt nicht, nicht mal als Sinnbild. Solnicki hätte seinen  Film von mir aus auch The Giraffe nennen können, denn die stakst irgendwann auch durchs Bild, und zwar mit etwas mehr metaphorischem Selbstbewusstsein: den Überblick bewahrend und dennoch unterworfen. Was ich mit dem Souffleur vielleicht noch assoziieren könnte, wäre das Soufflé, wie es im Ofen aufbäckt, um dann servierfertig von Willem Dafoe mit Vorbehalt verkostet zu werden. So ganz schmeckt ihm dieses aber nicht.

Das Hotel, ein sinkendes Schiff

Selbst könnte man in den Genuss dieser Speise sehr wohl gelangen, dafür müsste man eben nach Wien reisen und dann im Hotel Intercontinental einchecken. Das Soufflé stünde dabei sicher auf dem Speiseplan, und zwar so lange, bis die jahrzehntelange Institution im Herzen von Wien an ein argentinisches Bauunternehmen verkauft werden soll, zwecks Modernisierung und wegen all dem ganzen progressiven, globalen Zeitgeist, in dem Konstante nur dazu da sind, um Veränderung zu verweigern. Und sowas ist wirtschaftlich betrachtet mit Stillstand zu vergleichen.

Diesem Stillstand kann Manager Lucius (die Rolle von Dafoe), der Herz und Hirn des Unternehmens verkörpert, nur Gutes abgewinnen. Veränderung geht gar nicht, Ausverkauf auch nicht, also versucht er, sich dagegen zu wehren. An seiner Seite die Tochter, die Belegschaft des Hotels, die sich in statischen Inserts der Reihe nach vorstellt. Alles schön und gut, und ich hätte gehofft, Willem Dafoe auch nach der Samstagabendpremiere im Wiener Gartenbaukino zwei Tage später im Wiener Metrokino anzutreffen, doch seine geerdete Aktion als Partycrasher und angreifbarer Kultstar auf Augenhöhe wollte er dann doch nicht wiederholen. Schade, denn dann wäre die Filmvorführung nicht ganz so vergeudete Zeit gewesen.

Der Alleskönner im luftleeren Raum

Es gibt wohl niemanden, der Willem Dafoe nicht schon in irgendeiner Weise und in irgendeinem Genre zu Gesicht bekommen hat – für nichts ist er sich zu schade, alles wird ausprobiert und umgesetzt – souverän, bei der Sache, mit Handschlagqualität. Dabei stellt sich mir die Frage, wie sehr Dafoe dann selbst, nach getaner Arbeit, in sich geht und jene Filme reflektiert, in denen er mitgewirkt hat. Ob er alles wirklich gut findet? Wohl kaum. Ob er selbst mit The Souffleur etwas anfangen kann? Womöglich behält er das für sich, vom persönlichen Erscheinen anlässlich dieser Premiere zu schließen dürfte Solnickis Film ihm aber ein Anliegen gewesen sein. Und weil The Souffleur auch mit ihm steht und fällt, letztlich aber leider nur fällt und fällt, auch wenn Dafoe zum wiederholten Male den Indoor-Bereich des Eislaufplatzes aufspritzt oder durch die verlassen wirkenden Gänge des Hotels spaziert, als wäre die Postapokalypse über ihn gekommen.

Avantgardistische Repetitionen, die fragmentarische Anordnung von Szenen, als würde ein unter Quarantäne stehender Hotelgast, um die Zeit totzuschlagen, durch den gigantischen Quaderbau vor dem Stadtpark schlendern, mal dort, mal dahinblicken, tatsächlich auch aufs Dach gelangen, um zwischen den dort prangenden riesengroßen Lettern hindurch auf ein winterliches Wien zu blicken, bis hinüber nach Schönbrunn, in den Zoo, wo eingangs erwähnte Giraffe wandelt. Ansätze zu einem Essay über die Wienerstadt lässt Sonlicki dann auch wieder fallen. Assoziativ erscheint das alles, erratisch und bruchstückhaft angeordnet, der Plot nur ein blassroter, ausgefranster Faden, der durch den Film schlingert und sich ziemlich nutzlos vorkommt.

The Souffleur kann man als experimentelle Versuchsanordnung durchaus verstanden haben, nur ist das, was man zu sehen bekommt, nicht die Rede wert. Ein Schokokuchen ins Gesicht, dazu das gespenstische Lachen Dafoes: Die gebrochene Lanze für das Wiener Hotel Intercontinental wird maximal zum abgenötigten Hofknicks mit hinter dem Rücken überkreuzten Fingern. Dazwischen bröckelt die Behauptung einer avantgardistischen Filmkunst, die HUMANIC noch als stilistische Revolte heißblütig gelebt hat.

The Souffleur (2025)

Alpha (2025)

IM FEGEFEUER DER PHYSIS

3/10


© 2025 Plaion Pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA DUCOURNAU

KAMERA: RUBEN IMPENS

CAST: MÉLISSA BOROS, GOLSHIFTEH FARAHANI, TAHAR RAHIM, FINNEGAN OLDFIELD, EMMA MACKEY, CHRISTOPHE PEREZ, JEAN-CHARLES CLICHET, LOUAI EL AMROUSY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Mit einer jovialen Leichtigkeit winkt sie ihrem Publikum zu, dass es eine Freude ist: Julia Ducournau beehrte in diesem Jahr die Viennale mit einem Live-Auftritt, und ja, die Dame ist wahnsinnig sympathisch. Gar nicht verkopft, unverkrampft, redselig – als derzeit wohl innovativste Filmemacherin Europas, die mit Themen daherkommt, die vielen anderen wohl zu bizarr und gewagt wären, um sie umzusetzen. Stets beschreibt ihre derweil noch überschaubare Anzahl von Filmen metaphorische Entwicklungsprozesse junger Frauen und Mädchen, stets verbunden mit der eigenen körperlichen Wahrnehmung, dem Begriff von Schönheit und Ästhetik. Der Ausbruch aus dem Gewohnten findet seine Entsprechung im ungefälligen Bodyhorror weit jenseits der Schmerzgrenze, Leben und Tod dabei zynisch betrachtend und den natürlichen Einklang über Bord werfend. Einmal ist Kannibalismus ein stilistisches Bildventil, ein anderes Mal die Unmöglichkeit der Vereinigung von Organischem und toter Materie. Titane gewann vor zwei Jahren die Goldene Palme in Cannes. Kein Wunder: Dieses Werk wirkt in seiner brachialen Intensität und seiner aus der Norm gefallenen Prämisse lange nach.

Im Wirrspiel der Viren

Endlich ist es wieder soweit. Im Vorfeld kann man bereits erahnen, dass Ducournau ihren Vorlieben treu bleiben und mit Alpha wohl wieder im abgründigen Meta-Bewusstsein von Körper und Geist herumanalysieren wird. Diesmal widmet sie sich der mikrobiologischen Geißel der Menschheit, der Seuche, die sich selbstredend pandemisch verhält. Dabei hat sie allerdings nicht Covid, sondern die vor einigen Dekaden omnipräsenten vier Buchstaben im Sinn: AIDS. Wie auch immer – ihr Film weist nicht explizit darauf hin, dass es sich um dieses Virus handelt, genausogut könnte es alle anderen Erreger auch betreffen, schließlich sind die Symptome in Alpha gänzlich andere, wohlgemerkt metaphorische, so wie alles in diesem Film. Der Body Horror tritt hier deutlich kürzer, offenbart sich aber diesmal in geschmackvoller Marmorierung – will heißen: die Infizierten werden zu Stein, genauer gesagt zu Marmor, was womöglich die besten Body Painter der Welt auf den Plan gerufen hat, um authentisch wirkende Körperbepinselungen vorzunehmen, die teilweise wirklich richtig glücken, manchmal aber auch tatsächlich so aussehen, als wäre der Life Ball die nächste Instanz. Etwas dekorativ gerät ihr hier das Unterfangen, die Physis des menschlichen Körpers abermals mit Anorganischem zu kombinieren. Doch das ist nur das geringste Problem, mit dem Alpha notgedrungen zu kämpfen hat. Da sind noch ganz andere Brocken am Start, die, als wäre Ducournaus Filmset ein Steinbruch, von den offen daliegenden klippen abgebrochen werden müssen.

Die grobe Skulptur eines Films

Mit Meißel und Hammer scheint die Visionärin hier zu hantieren. Staublungen haben dabei nicht nur die Darsteller, sondern gleich auch der ganze Film. Aus dem diffusen Dunst umherschwirrender Gesteinspartikel schält sich das titelgebende Mädchen Alpha, das im hysterischen Umfeld besagter Pandemie dennoch gerne auf Partys geht und sich dabei unwissentlich ein Tattoo einfängt – ein kalligraphisches A prangt nun wie ein Brandmal auf des Mädchens Oberarm, sehr zum Leidwesen von Mama, die noch dazu als Ärztin die Pandemie in den Griff bekommen muss und fürchtet, dass ihre Tochter vielleicht auch bald Gesteinsstaub hustet. Bei all der Burnout-nahen Hektik kreuzt auch noch Alphas Onkel auf, gespielt vom radikal abgemagerten Tahar Rahim, der außer Drogen sonst nicht viel im Sinn hat und in der Wohnung seiner Schwester, unter Entzugserscheinungen leidend, Unterschlupf findet – gerade im Kinderzimmer der Tochter, die mit dem Gedanken spielt, mit ihrem Freund zum ersten Mal Sex zu haben.

Ein völlig verhobener Kraftakt

So schafft sich in diesem teilweise apokalyptischen Paranoia-, Drogen- und Breakout-Drama wohl jeder seinen eigenen Kreuzweg – mittendrin eine Vision, von der die ganze Geschichte mitsamt ihrer Figuren gar nichts mehr wissen will. Einiges ist an dieser Arbeit schief gegangen, vieles wirkt gewuchtet, herbeigezogen, heruntergestürzt. Wohin Alpha eigentlich will, erschließt sich nicht mehr. Geht es um die Familie, die Menschheit, um Golshifteh Farahanis Charakter, die Beziehung zu ihrem Bruder, um die neue Stufe einer Existenz, die Endzeit? Vielleicht auch einfach nur ums Erwachsenwerden? Es geht um alles. Alles buttert Ducournau in ihren Film und stülpt eines über das andere, in zeitlichem Durcheinander und so, als müsste sie die krasse Exzentrik von Titane unbedingt noch einmal toppen; als stünde sie unter vehementem Druck, auf einem atemberaubenden Niveau zu bleiben, ganz in ihrer rauen, lauten, brutalen Manier. Durch die Dichte des Films geht dabei auch jegliche Feinheit verloren. Weder entwickelt sich die junge Mélissa Boros so recht in ihrer Rolle noch Farahani. Tahar Rahim hingegen lebt den ausgemergelten Expressionismus wie schon Joaquin Phoenix in Joker – das übersteigert sich noch und wirkt letzten Endes nur noch verkrampft. Womit wir beim eigentlichen Schlagwort wären, der die geröllige Physiognomie des Films als gemeinsamen Nenner unter enormem Kraftaufwand gerade noch trägt: Diesem Krampf erliegt dieses zerfahrene Erlebnis letztlich vollends.

Bei Titane hat sich Ducournau auf ihre Intuition verlassen, Raw war dagegen so angenehm unbekümmert in ihrer Methodik und voller Neugier auf sich selbst. Alpha ist pure Anstrengung aus dem Kopf heraus und vergisst dabei völlig, sich von Intuition und Gefühl leiten zu lassen.

Alpha (2025)