Mignonnes

DIE NEUEN VERFÜHRTEN

8/10


mignonnes© 2020 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: MAÏMOUNA DOUCOURÉ

CAST: FATHIA YOUSSOUF, MEDINA EL AIDI, ESTHER GOHOUROU, ILANAH, MYRIAM HAMMA, MAÏMOUNA GUEYE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


So jung und schon bauchfrei und in Hot Pants? Dabei sind diese Mädchen lange noch nicht volljährig. Wer die soziale Entwicklung der Kindheit in den letzten Jahrzehnten nicht vollständig und bewusst ignoriert hat, der wird sich dabei nicht groß wundern. Spätestens in der Grundschulzeit trifft der Nachwuchs auf die magischen Features von Social Media. Zwecks Erreichbarkeit und auch zwecks Sicherheit haben nun alle Kids entsprechend ausgerüstete Handys. Sorgsame Eltern versehen dieses mit elterlichem Schutz, alle anderen, die aus Zeit- und Nervengründen froh sind, dass sich Mädel und Bub still beschäftigen, lassen die Next Generation schalten und walten.

Was es da alles gibt – und von wem zum Beispiel junge Mädchen da abgeholt werden! Influencer für die ganz Kleinen, Casting-Shows, Talente-Gigs noch und nöcher. So manches Display-Idol opfert täglich seine Zeit, um der Coming of Age-Zielgruppe zu zeigen, was junge Frauen tragen und wie sie sich schminken sollen. Klar, dass sich sowas durch den Freundeskreis zieht, und die eine will schöner und koketter sein als die andere. Begleitend dabei: die viel früher einsetzende Pubertät der Mädchen. Das war vor Jahrzehnten noch anders. Ernährung, äußere Einflüsse, alles spielt hier eine Rolle. Diese Mädchen hier, sie wollen die Starlets von morgen sein, und das am besten gestern. Außerdem: Sex sells! Diese leicht umsetzbare Taktik wird natürlich genutzt, denn diese Kids, die sind ja nicht dumm. Nabokovs Lolita war das auch nicht. Wobei: dieser Tendenz folgen bei weitem nicht alle, aber immerhin ein nicht übersehbarer Prozentsatz. So wie diese vier Cuties oder Mignonnes, wie sich das auf Netflix veröffentlichte, zu Recht auf dem Sundance Filmfestival ausgezeichnete Filmdrama nennt.

Die Süßen also, das sind Schülerinnen teils mit Migrationshintergrund, die bereits voll ins Social Media-Geschehen von Instagram, Tiktok und Co eingebunden sind, mangels gezielter elterlicher Tutorials natürlich alles posten, was ihnen in den Sinn kommt und so sein wollen wie all die Schönen, die tagtäglich vorgeben, was sich lohnt, schon als Kind im Leben zu erreichen. Eines dieser Ziele ist ein Choreographie-Tanzwettbewerb, den die vier Elfjährigen unbedingt gewinnen wollen und praktisch alles dafür tun würden, um gemocht und gewählt zu werden. Sehr zum Leidwesen traditioneller Elternhäuser wie jenes von Muslimin Amy, die sich eigentlich auf die Hochzeit ihres Vaters mit seiner Zweitfrau vorbereiten sollte.

Was sich Netflix mit Mignonnes eingetreten hat, das ist wieder mal ein werbewirksamer Skandal mit der notwendigen Publicity für eine Produktion, die ohne Empörung womöglich zu Unrecht in den Archiven des Streamingriesen verschwunden wäre. Zu Unrecht auch dieses Pharisäertum, dass zum Boykott von Netflix und was weiß ich noch aufgerufen hat. Warum? Mignonnes hypersexualisiere minderjährige Mädchen und fröne unter anderem dem Voyeurismus. Nichts davon, so finde ich, hat Regisseurin Maïmouna Doucouré im Sinn, und keiner dieser Vorwürfe ist gerechtfertigt.

Bizarres Detail am Rande: Mignonnes ist einer dieser Filme, die – so wie The Hunt oder The Promise – geächtet worden sind, bevor sie überhaupt gesichtet wurden. Denn würde man dies tun, würde man klar sehen, worum es in Mignonnes überhaupt geht. Da reicht schon ein provokantes Filmplakat, um Moralapostel auf die Barrikaden zu holen. Doch vielleicht hatte Doucouré aber genau das im Sinn: all die Bigotterie vorzuführen, während das Wesentliche absichtlich übersehen wird: das Zeitalter eines medialen neuen Mittelalters zwischen militanten Religionen, heilig wie eilig erhobenem Zeigefinger und grenzenlosem Konzern-Lobbyismus, der die Quellen aller Smartphone-Apps nutzt, um eine konsumorientierte Showgesellschaft zu formen. Das, genau das steht im Zentrum dieses Films, der die Zerrissenheit seiner jungen Menschen auf Augenhöhe und mit aufklärerischer, aber zeitgleich objektiver Konzentration auf den Punkt bringt.

Mignonnes, das ist ein erhellendes, berührendes kleines Meisterwerk.

Mignonnes

Die Taschendiebin

WER DREIMAL LÜGT…

7/10

 

dietaschendiebin© 2016 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: MIN-HEE KIM, KIM TAE-RI, HA JUNG-WOO, CHO JIN-WOONG U. A. 

 

Egal, was für eine elendslange Laufzeit seine Filme auch haben mögen – bei Park Chan Wook wird einem einfach nicht langweilig. In Anbetracht eines zweieinhalbstündigen Historienfilms namens Die Taschendiebin könnte man ja ansatzweise vermuten, dass sich der Plot in die Länge zieht – aber eben nicht bei Park Chan Wook, und das weiß ich jetzt, obwohl ich es bereits bei Oldboy hätte wissen müssen, seinem meisterwerklichen Aushängeschild aus der vielgepriesenen Rachetrilogie, dessen vorderes und hinteres Ende, nämlich Lady Vengeance und Sympathiy for Mr. Vengeance, ich noch tunlichst von meiner Watchlist streichen muss. Aber eines nach dem anderen, diesmal war Die Taschendiebin dran – und ja: Park Chan-Wook ist ein einerseits strenger, andererseits aber auch zumindest inhaltlich sehr wild fabulierender Komponist. Ein dogmatischer Ästhet, der seinen Prinzipien folgt, der sicherlich kein einfacher Künstler ist, und der für alles, was er abbildet, eine chemische Formel hat. Das war schon bei Oldboy so, ein Arthouse-Zwölfgängemenü, ein Geschmackserlebnis, das nicht zwingend wohlgefällig sein muss. Nein, das ist Die Taschendiebin auch nicht immer. Manchmal würgt man den Bissen auch hinunter. Obwohl alles seine Ästhetik hat.

In dieser von Sarah Waters Roman Solange du lügst inspirierten Dreiecksgeschichte haben betuchte Chauvinisten keine Ahnung von der Cleverness des weiblichen Geschlechts. Diese Herren im Anzug, die finden sich nämlich im japanisch besetzten Korea der Dreißigerjahre beim literaturaffinen Grafen von Kouzouki ein, der mit seiner Nichte Heidiko in einem britisch-japanischen Architekturhybrid von Villa residiert und ein Faible für pornographische Literatur hegt, die er auch seinen Schützling rezitieren lässt. Die Heirat der eigenen Verwandtschaft soll noch folgen – wie ekelhaft. In dieses Konstrukt sadomasochistischer Abhängigkeit aus tintigen Zungen, wunden Pobacken und erotischen Lesungen gerät ein Dienstmädchen, das allerdings von einem Betrüger namens Fujiwara engagiert wird, damit diese ihm hilft, ans Erbe der wohlhabenden Heidiko zu kommen, die in kindlicher Naivität nichts davon zu ahnen scheint, welches grausame Spiel mit ihr getrieben wird.

So pausenlos gab sich Niedertracht und Eigennutz zuletzt nur in Jorgos Lanthimos The Favourite die Klinke in die Hand. Auch die strenge Bildsprache beider Filme ist ähnlich, obwohl ich mir auch nicht verkneifen kann festzustellen, dass mit diesem erotischen Stoff aus Thriller und Liebesreigen wohl auch Peter Greenaway (u. a. Die Bettlektüre) seine Freude gehabt hätte. Beiden scheint die bizarre Verknüpfung aus akribisch arrangierten Bildern, geschmackvoller Ausstattung und abgründigem menschlichen Verhalten wirklich zu liegen. Park Chan-Wook gliedert seinen stellenweise wahrhaft freizügigen Streifen in drei Akten. Die ersten zwei werden jeweils aus der Sicht der Taschendiebin und der psychisch labilen Erbnichte erzählt, der dritte sammelt all die losen Enden schließlich zusammen. Diese entspringen manchmal etwas überkonstruierten Wendungen, die so vielleicht gar nicht zwingend nötig wären. Um diesen Parcour aus Bluffs und guter Miene zu bösem Spiel aber auszureizen – vielleicht doch. Die Taschendiebin ist ein Kopf an Kopf-Rennen für all jene, die glauben, klüger zu sein als der andere. Hinter der Fassade des eitlen Scheins hat der Mann in all seiner Eitelkeit das Nachsehen, während Frau nicht nur Erkenntnisse in Sachen Lust gewinnt. Ein Lustgewinn ist Chan-Wooks Film aber auf jeden Fall, und der lässt seine grotesken Spitzen in der gesittet scheinenden Opulenz eines obsoleten Establishments aus dem Hinterhalt hervorschnellen. Die Taschendiebin ist dem japanischen Kino verwandter als jenem Südkoreas, näher an Oshimas Reich der Sinne zum Beispiel, vielleicht auch ein bisschen dessen Hommage, obwohl die Sexualität hier statt Tod in Ekstase unangepasste Freiheit verspricht.

Die Taschendiebin

Border

ES IST NICHT LEICHT, EIN MENSCH ZU SEIN

6/10

 

border© 2019 Meta Spark – Kärnfilm

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: ALI ABASSI

CAST: EVA MELANDER, EORO MILONOFF, JÖRGEN THORSSON, STEN LJUNGGREN U. A. 

 

Im Meisterwerk von David Lynch, Der Elefantenmensch, ist das Andersartige Grund genug, um eine Attraktion zu sein, die Geld einbringt. Auch bei Tod Brownings Freaks ist das so. Diese Filme berichten aus einer Zeit, in welcher der Begriff Evolution gleichsam Blasphemie und das Abheben von der Masse nichts Gutes sein konnte. Aus dieser Unerkärlichkeit sichtbarer genetischer Mutationen entstanden allerlei Geschichten, Mutmaßungen, Ängste – zusammengefasst als Wunder, und diese Wunder, verpackt in Geschichten, die von Generation zu Generation wuchsen: Mythen. Dort, wo die Nächte lang und die Unwirtlichkeit der Natur unabänderlich sind, gediehen Mythen am Besten. So zum Beispiel in Schweden. Da sind die Wälder unendlich, die Tage seltsam hell oder in scheinbar ewig finster. In Schweden ereignen sich auch jene seltsamen Dinge, die Regisseur Ali Abassi zu einem modernen Märchen zusammengefasst hat, einem Märchen für Erwachsene und Aufgeschlossene wohlgemerkt, und nicht für Anhänger bekannter Versatzstücke und Schablonen, die wir von Grimm, Bechstein oder Andersen kennen. Border schweißt die Mythen des Märchen- und Legendenhaften in die industrialisierte und organisierte Nüchternheit einer Plastiktüte, verwahrt in einem Kühlschrank oder zwischen den kahlen Wänden einer nüchternen Zollstation mit Zimmern für Leibesvisitation. Dass es möglich ist, das Märchenhafte so dermaßen von folkloristischem Zauber zu entrümpeln, ist wiederum sagenhaft. Aber auch erschreckend.

Es ist schwierig, Border zu analysieren, ohne zu viel zu verraten. Meine Review sollte, so mein Ziel, sowohl von Kennern als auch von Nichtkennern des Films gelesen werden können. Klar ist, dass sich Border schwer einordnen lässt, allerdings aber weniger schwer in ein Genre als in ein Spektrum der Wertigkeit. Ist Border nun ein guter oder ein schlechter Film? Mag man ihn oder findet man ihn abstoßend? Abassis Adaption einer phantastischen Kurzgeschichte von John A. Lindqvist, der auch die erste Drehbuchfassung hierzu schrieb, und auf dessen Konto auch der Vampirklassiker So finster die Nacht geht, ist in jedem Fall eine feuchtkalte Ode an das Hässliche. Was schon mal damit beginnt, dass Zollbeamtin Tina nicht so ist wie alle anderen. Also nicht normal. Das sieht man schon, ihr Gesicht ist deformiert, grobknochig und derb wie das eines Neanderthalers. Ein genetisches Überbleibsel? Nein, womöglich nicht, denn Tina kann Gefühle riechen, oder besser gesagt: wittern. Fast wie ein Tier. Ein Tier ist sie aber auch nicht, dafür benimmt sie sich zu sehr wie ein Mensch, wie ein normaler Mensch. Und trifft irgendwann auf einen, der genauso aussieht wie sie, immer öfter ihren Weg kreuzt oder gar aufkreuzt und in die Hütte hinter ihrem Haus zieht. Vertrauen weckt der finstere Hüne aber nicht. Eher Furcht. Oder Verlangen. Und irgendwann lichtet sich der Wald des Unbekannten, und das, was man vor lauter Bäumen nicht gesehen hat, wird klar erkennbar.

Dabei hat Border die Natur weniger im Blick, als es zu vermuten gewesen wäre. Auch wenn Tina Füchse, Elche und andere Tiere des Waldes mit ins Vertrauen zieht, ist hier nur die zutrauliche Natur eine Reaktion auf etwas anderes. Abassi beschäftigt sich in seinem eigenwilligen Bildnis nicht nur mit der möglichen Subjektivität von Hässlichkeit, sondern auch mit Grenzen im weiteren Sinne. Mit Grenzen nämlich, die die Sicht auf gewohnte Dinge einschränken. Sind diese mal überschritten, ändert sich der Blickwinkel, und das Fremde, Abstoßende, völlig gegen die Norm Gebürstete wird zur logischen Konsequenz. Wann ist das Hässliche normal, und wann das Normale hässlich? Border bringt es auf den Punkt, weil er das Gewohnte pervertiert, das scheinbar Perverse aber nicht schönzeichnet, sondern in einen anders vertrauten Kontext stellt. Das kann zu einer durchaus unliebsamen, mitunter irritierenden Erfahrung werden, weil sich in Border Unerwartetes auftut und wir als Zuseher nicht so schnell schalten können, um das Sonderbare anzunehmen. Doch zum Glück für jene, die aufgeschlossen genug sind: Tinas Schicksal kokettiert ganz eindeutig mit dem uralten Phantastischen, mit den Mythen eben. Dieses Schicksal lässt am modernen Menschen kein gutes Haar und sehnt sich nach einer verschwundenen Vergangenheit. So bizarr Abassis Film aber auch sein mag, so urwütig und misanthrop – zwischendurch lässt sich im Hässlichen etwas Magisches entdecken. Ehe man sich’s versieht, ist es auch schon wieder verschwunden, und das Mythische bleibt entzaubert. Ob ich das will, weiß ich nicht. Ich glaube, eher nicht. In Border wird mir das Phantastische zu real. Und das Gewohnte zu unschön. Doch immerhin überlegt der Film mal ganz was anderes, hebt die Grenzen auch zwischen den Genres auf, und das ist unbequem. Und auch nicht notwendig. Immerhin aber ein Werk, auf das man sich einlassen muss, gerne kann und von mir aus auch soll, das vor allem ambivalent bleibt, das Kryptische in unserer Welt aber dennoch zu wenig wertschätzt.

Border

Bombshell – Das Ende des Schweigens

DER EKEL VOR DEN MÄCHTIGEN

6/10

 

LD_D21_04710.dng© 2020 Wild Bunch

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAY ROACH

CAST: CHARLIZE THERON, NICOLE KIDMAN, MARGOT ROBBIE, JOHN LITHGOW, ALLISON JANNEY, KATE MCKINNON, MALCOLM MCDOWELL U. A.

 

Zugegeben: die Szene, in der die aufstrebende und ehrgeizige Kayla Pospisil vor Roger Ailes ihr Casting absolvieren muss, ist ein starkes Beispiel dafür, wie man den Ehrgeiz eines Menschen auf erniedrigende Weise ausnutzen kann. Ein beschämender Moment, eine oder womöglich die Schlüsselszene des Films, den von da an werden die Karten auf den Tisch gelegt, und eine cholerische, alle Klischees eines Konzernchefs erfüllende Machtfigur wird zum unentschuldbaren Charakterschwein. Letztendlich hat sich Roger Ailes an einer Tonbandaufnahme der Klägerin Gretchen Carlson die Zähne ausgebissen. Das mutet seltsam an, denn von Donald Trump gibt es zum Beispiel ähnlich dokumentierte Aussagen, die nur so überquellen vor Frauenfeindlichkeit und ein chauvinistisches Weltbild beweisen. Unheimlich, dass diesen Mann scheinbar nichts, aber auch gar nichts etwas anhaben kann. Womöglich liegt das an der Menge seiner Schildbürger, die er um sich schart, und die eben ihre Beziehungen haben. Und einer unübersehbaren Entourage, die wahrscheinlich ähnlich tickt wie er und am Kuchen der Macht nicht vorbeigehen will. Ailes, der stand da im Vergleich zu Trump fast schon alleine da. Paradox natürlich, dass die Schar jener, die für den Boss eine Lanze brachen, vorwiegend Frauen des Fox-Konzerns waren, die natürlich nicht anecken wollten, denn schließlich ging es um die Zukunft und der Gewährleistung einer leistbaren Existenz.

Dabei hat Roger Ailes, dargestellt von einem außerordentlich starken John Lithgow, der sozusagen eine Art Kinocomeback feiert, durchaus auch seine Soft Skills. Das beweist: niemand wird in Bombshell – Am Ende des Schweigens mit meinungsmachender Schlagseite dargestellt. Jay Roach (u. a. Trumbo mit Bryan Cranston) bleibt, und das ist die erstaunlichste Eigenschaft des Films, ungewöhnlich objektiv, lässt sich und seine Schauspieler in keinster Weise zu naheliegenden Emotionen oder prätentiösem Sermon hinreißen. Das liegt womöglich auch in erster Linie an Drehbuchautor Charles Randolph, der das Script zu The Big Short mitverfasst hat und der ja bekanntlich auch nicht aufgrund seiner reißerischen Plakativität so erfolgreich war. Bombshell bleibt genauso nüchtern, erlaubt sich allerdings doch, und das in den genau richtigen Momenten, die Nerven zu verlieren, was den Streifen aus den Höhen einer toughen Fernsehwelt zurückholt. Diesen Umstand trägt Margot Robbie geradezu im Alleingang. Neben der maskentechnisch diffus verfremdeten Charlize Theron, die ihre Rolle ungewohnt wenig nuanciert und einer ebenfalls recht nüchternen Nicole Kidman (erstaunlich, was Frisuren alles anrichten können) spielt Robbie emotional die erste Geige und gibt scheinbar alles.

Bombshell – Das Ende des Schweigens ist zweifelsohne ein notwendiger Film, zu einer Thematik, die nicht nur diesen, sondern viele andere Filme verdient. Und klar, es ist ein äußerst schwieriges Thema. Die Causa zu den Fox News erschwert das Ganze noch um einiges, weil hier noch eine nicht unwesentliche politische Komponente hinzukommt. Das Ergebnis ist solide, extrem dicht und klarerweise sehenswert. Vielleicht auch deswegen, weil Bombshell mitunter wie eine Doku wirkt, und mit Charlize Theron als „Moderatorin“ die dritte Dimension durchbricht. Das alles aber nur dort, wo es gerade nötig ist, und wo andere Lösungen wohl gescheitert wären. Das macht den Film aber sehr sachlich, eher zusammengeflickt, wie ein Infoposter oder ein Artikel im Wochenmagazin, der auf Kommentare setzt. Filmisch gesehen ist Bombshell – Das Ende des Schweigens daher keine Offenbarung, durchaus auch etwas anstrengend, inhaltlich aber ist die Chronik weiblichen Widerstands gegen macht-geilen wie männlichen Absolutismus ein engagierter Call of Duty, wenn es um die Würde geht.

Bombshell – Das Ende des Schweigens

Hustlers

ALL DIE REICHEN WEISSEN MÄNNER

5/10

 

hustlers© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: LORENE SCAFARIA

CAST: CONSTANCE WU, JENNIFER LOPEZ, JULIA STILES, LILI REINHARDT, KEKE PALMER, LIZZO, CARDI B U. A.

 

Jennifer…wer? Na Jenny from the Block. Auch schon wieder eine Weile her. So wirklich präsent war die mittlerweile 50jährige Schauspielerin und Sängerin mit puerto-ricanischen Wurzeln in der letzten Zeit eher weniger. Dafür ist ihre Rolle in Hustlers so etwas wie ein Comeback. Und sie macht in diesem True-Story-Streifen tatsächlich eine wahnsinnig gute Figur. Niemals hätte ich gedacht, dass J.Lo schon ein halbes Jahrhundert zählt, es sieht nämlich überhaupt nicht danach aus. Keine Ahnung was die Dame alles an Fitnessstunden absolviert hat, keine Ahnung welchen gesundheitsbezogenen Lebenswandel sie hat, ich lese ja kaum Boulevardblätter welcher Sorte auch immer. Aber irgend etwas muss sie schon getan haben, um mit so einer überraschenden Eleganz an der Stange zu tanzen. Hustlers ist also ihr Film, ganz und gar ihre Kragenweite, wenngleich sie sich neben dem übrigen Cast gar nicht so sehr in den Vordergrund drängt. Ihrem Co-Ensemble begegnet sie auf Augenhöhe. Das hätte ich bei ihrem ersten Auftritt – rauchend, im schicken Pelz auf dem Dach eines Hochhauses in New York, quasi Glamour pur, gar nicht vermutet. In Wahrheit aber spielt J.Lo eine alleinerziehende Mutter, die relativ viel Erfahrung gesammelt hat in der Rotlicht-Polebar-Branche und dabei eine junge Einsteigerin unter ihre Fittiche nimmt, die noch viel lernen muss: Wie Frau sich bewegt, die Do´s und Don´ts und dergleichen mehr. Die beiden – Constanze Wu und J.Lo – freunden sich als ihre Film-Alter Egos schnell an und mischen die zerstreuungswütige, notgeile und reiche weiße Männerwelt auf, solange es eben geht, und solange sie nicht ihr hübsches Gesicht verlieren. Bis die Finanzkrise kommt.

Wir schreiben das Jahr 2008, und ja, die Geschichte dieses Films hat sich ungefähr so, und ich vermute mal natürlich weniger dramatisiert, aufgemotzt und eloquent, aber immerhin ungefähr so zugetragen. Nach besagter Krise sind die reichen, notgeilen Mannsbilder den farbenfrohen Etablissements ferngeblieben. Keiner, der mit Dollars um sich wirft. Und alleinerziehende Mütter wie Lopez und Co müssen sehen, wo sie bleiben. Wechseln den Job und arbeiten im Einzelhandel oder tun, was sie tun müssen, um sich über Wasser zu halten. Der Film wäre ein bitteres Sozialdrama geworden, würden J.Lo und Freundinnen da nicht perfide Pläne schmieden, um nicht doch an das Geld der Kunden ranzukommen. Und diese Methode ist natürlich wenig legal. Zur Kassa wird gebeten, wer große Kassa macht – und sich obendrein vom femininen Reizen einlullen lässt. Nachgeholfen wird mit Drogen. Tags darauf sorgt ein Hangover dafür, dass sich keiner der ausgenommenen Weihnachtsgänse mehr an das feuchtfröhliche Feiern erinnern kann.

Regisseurin Lorene Scafaria macht einen auf Frauenpower. Ihre Damen dürfen alles, der reiche weiße Mann ist die Kuh, die man moralisch vertretbar melken kann. Denn alle, die reich sind, haben es verdient. Die haben ja auch alle die Finanzkrise verursacht. Wie sich die 4 Engel gegen Charlie ihre kriminellen Methoden schönreden, lässt sich auf einen überemotionalisierten Trotz zurückführen. Dieser Trotz brachte dann auch eine wenig differenzierte Offensive mit auf den Weg, für welchen sich meinerseits wenig Verständnis aufbringen lässt. Die Finanzkrise traf doch nicht nur die Nachtclub-Branche, die traf im Grunde alle, die irgendwo in den USA Hypotheken hatten. Die traf durchaus auch manche derreichen, notgeilen Männer. Hustlers zeichnet zwischen rotviolett getönten Lichtern, Poledance und regnenden Geldscheinen mit seiner Chronik der Ereignisse ein wenig nuanciertes und dadurch umso euphemistisch gefärbtes Bild eines Haudrauf-Feminismus, der nicht die Antwort auf sexistische Weltbilder sein kann. Auch wenn Scafaria das vorgehabt hätte. Oder hatte sie gar vor, die Handlungsweise ihrer bühnenpräsenten Heldinnen kritisch zu hinterfragen? Das lässt sich vermuten, aber mehr auch nicht, denn so wirklich verurteilt wird die Robin-Hoodiade in die eigene Tasche nicht. Da liebäugelt man schon sehr mit diesem Trotz, mit dieser plakativen Kraft einer Weiblichkeit, die sich ihres Impacts mehr als bewusst ist. Durch dieses Moraldilemma entgleitet Scafaria vor allem in der zweiten Hälfte der dramaturgische Aufbau und hat so seine Probleme, mit erzählerischer Relevanz umzugehen. Was aber in Erinnerung bleibt, zwischen all der notgedrungenen Geldgier, das ist J.Lo und die Ergebnisse für ihr straffes Training in einem Film, der ganz gut zeigt, wie Stangentanz für Hollywoodstars eigentlich aussehen soll.

Hustlers

Der verlorene Sohn

SEELENGEISSELN MIT DEM BIBELGÜRTEL

6,5/1

 

BOY ERASED© 2018 Kyle Kaplan / Focus Features

 

ORIGINALTITEL: BOY ERASED

LAND: USA 2018

REGIE: JOEL EDGERTON

CAST: LUCAS HEDGES, NICOLE KIDMAN, RUSSEL CROWE, JOEL EDGERTON U. A.

 

Der liebe Gott will das alles gar nicht. Nicht diese Qual, nicht diese Verzweiflung. Menschen, die im mehrere Bundesstaaten umfassenden Biblebelt ihre Homosexualität entdecken, können sich glücklich schätzen, wenn es keiner merkt. Denn gleichgeschlechtliche Liebe, die ist im Südosten der USA etwas, das für all die anderen frommen Gläubigen nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Da muss die mittelalterliche Ahnung einer manipulativen Finsternis herhalten, die sich im Hexenwahn Europas und in der Manifestation des Teufels in den Dingen des Alltags schon Jahrhunderte zuvor austoben konnte, zum Leidwesen tausender unschuldiger Opfer. Erschreckend, dass sich diese Auslegung der heiligen Schrift im Pietismus der evangelikalen Kirche in zwar gesitteter, aber nicht weniger grausamen Form erhalten hat. Denn Homosexualität ist nichts, was den lieben Gott sauer aufstößt. Sondern Teil einer komplexen Biologie, die weder umgepolt, noch verdrängt, noch weggebetet werden kann.

Diese Erkenntnis hat der 19jährige Jared nach seinem Austreibungsseminar allerdings auch erlangt. Und noch etwas ist ihm klar geworden: Das die Reparativtherapie des bigotten (ebenfalls homosexuellen) Seminarleiters Victor Sykes nichts anderes als sektiererische Gehirnwäsche sein kann, in der Schwule und Lesben Sünden bekennen müssen, die sie bei Gott nicht getan haben. Schon wieder Gott, obwohl Vater unser in Joel Edgertons Film nur lediglich namentlich erwähnt wird – und sich ganz weit entfernt hat von Menschen, die die Weisheit mit dem letzten Abendmahl gegessen und keine Ahnung davon haben, wie das Wesen Mensch überhaupt funktioniert. Das sind auch die, die womöglich daran glauben, dass unsere Welt erst 6000 Jahre alt ist. So einem Schwachsinn sind junge Menschen wie Jared ausgeliefert. In Person des eigenen Vaters (schwerfällig: Russel Crowe), Victor Sykes und der Gesellschaft eines ahnungslos intoleranten Glaubens. Denn Glauben heißt doch nichts wissen. Und weiß man einmal mehr, ist man verdächtig. Jared, der fügt sich erstmal, macht gute Miene zum beschämenden Spiel. Und findet sich im Laufe des therapeutischen Programms in einem zermürbenden Umfeld aus Erniedrigung und den Abnötigungen absurder Geständnisse wieder. Und irgendwie, so erscheint es mir, gibt es Szenen in diesem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama, die mich an Stanley Kubricks Antikriegsfilm Full Metal Jacket erinnern. Auch in dieser seelenbrechenden Vorhölle haben Bestimmer jungen Menschen deren Identität geraubt – zwar nicht ihre sexuelle, aber sonst den ganzen Rest. Die Ideale, die nach diesem Flächenbrand zurückbleiben, sind jene, die zur erfolgreichen Vernichtung des anderen führen, und die bereits im Drill der Kadetten ihren Anfang nimmt. Da wie dort gibt es manche, die der psychischen Geißelung nicht standhalten können. Und bevor es zu spät ist, zieht Jared die Reißleine.

Joel Edgerton, der neben der Regie auch die Rolle des jovial-durchtriebenen Reparativtherapeuten übernommen hat, ist natürlich nicht ganz so gnadenlos perfide wie „Sergeant Hartmann“ R. Lee Ermey, aber jemand, dessen bekehrender Eifer Angst macht. Klar führt diese fragwürdige Indoktrinierung in einer Institution, die es nur gut für sich selbst meint, Erfolg maximal zur Leugnung von einem selbst. Das mitanzusehen, ist keine erquickende Bibelrunde zur Festigung der Gemeinde, und auch keine zwei Stunden entspannende Kinounterhaltung. Mit Der verlorene Sohn oder Boy Erased, wie der Film im Original heißt, arbeitet Edgerton Fakten auf, die Empörung fordern. Sein Film ist der erhellende Bildbericht eines Skandales, eine Reportage über verzweifelten Selbstverrat, über die Zensur der Freiheit, festgehalten in herbstlichen, fast ausgedörrten Bildern. Lucas Hedges, der mit Manchester by the Sea erstmals auf sich aufmerksam machte, bietet mit einer wieder mal famosen Nicole Kidman als hin und hergerissene, aber allen voran liebende Mutter überzeugende Schauspielkunst. In Rollen, die sicherlich nicht leicht zu interpretieren oder auszubalancieren sind. Die durchaus belasten können, wenn man beim Verstehen der filmischen Identität keine halben Sachen machen will.

Der verlorene Sohn bespricht ein Thema, das natürlich bereits vorhandenes, notwendiges Interesse voraussetzt. Das ungeschönte, allerdings aber auch hoch emotionale Drama ist ein sehr spezieller Film, der vor allem jenen, die sich ebenfalls die eigene sexuelle Orientierung verbieten, und zwar aus religiösen Gründen, etwas mitgeben können auf den Weg zu mehr Eigenakzeptanz und einem festeren Boden unter den Füßen.

Der verlorene Sohn

Am Strand

GESTERN, HEUTE, MORGEN

7,5/10

 

amstrand© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: SAOIRSE RONAN, BILLY HOWLE, EMILY WATSON, ANNE-MARIE DUFF U. A.

 

Harry & Sally haben schon in den 80ern versucht, zu beweisen, dass nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften ohne sexuelle Komponente einfach nicht möglich sind. Da gab es damals noch genug zu schmunzeln. Das gibt es 2018 mit der Verfilmung der 2007 entstandenen Novelle Am Strand von Autor Ian McEwan nicht mehr. Wobei die Geschichte zweier Liebender eine ganz andere ist. Aber doch sehr viel mit Freundschaft, Partnerschaft und letztendlich Sex zu tun hat. Und dieser Sex, dieses große Tabuthema, dieses Etwas, worüber Mann und Frau nicht spricht, schon gar nicht Anfang der 60er Jahre – der kann vielmehr oder alles ruinieren anstatt auch nur irgendetwas zu richten. Und das, bevor er überhaupt jemals Teil einer Beziehung wird. Denn eine Beziehung, keine freundschaftliche, sondern eine eheliche – die will natürlich vollzogen werden. Das langjährige Partnerschaften irgendwann fast oder ganz ohne Intimitäten auskommen können, ist sicherlich, so wage ich zu behaupten, keine Seltenheit. Deshalb muss eine solche nicht gleich vor der Kippe stehen, sondern, ganz im Gegenteil, beständiger sein als andere. Das Partnerschaften gleich anfangs Probleme damit haben, Intimitäten zu leben, ist dann doch eher selten. Und vielleicht auch ein Grund zur Trennung. Denn ganz so nebensächlich ist Lust und körperliche Liebe ganz sicher nicht. Vor allem auch, wenn Nachwuchs geplant werden will. Da aber in den prüden frühen 60ern Sex so gut wie unkommentiert bleibt, führen unterschiedliche Erwartungshaltungen zu schwerwiegenden Missverständnissen, die sogar taufrische Bündnisse fürs Leben nach nur wenigen Stunden bereits in den Abgrund stürzen.

Dieses Dilemma aus Erwartung, Angst und ehelichen Pflichten ist dann auch das Fallbeil, dass auf die kokette Florence und ihren angetrauten, selbstzweifelnden Edward niedersaust. Die Zukunft, die sich beide wohl in ihrer ungestümen, jugendlichen Phase des Kennen- und Liebenlernens wohl ausgemalt haben, wird urplötzlich schwarz überpinselt, als in einem Hotel am Chesil Beach die innersten Befürchtungen der beiden nach außen gekehrt werden. Nämlich, dass Zuneigung und Vertrauen eine Sache sind, sexuelles Begehren eine andere. Und dann kommt der point of no return, wenn das flitterwöchentliche Himmelbett nur darauf wartet, eingeweiht zu werden. Plötzlich sind sich die beiden Turteltauben fremder denn je. Der Druck, alles richtig zu machen, trifft auf die Furcht vor dem Koitus an sich, und nichts ist mehr so, wie es am Tage zuvor noch war. Dem Versagen von beiden Seiten folgt die Erkenntnis eines verheerenden Scheiterns, sowohl auf kommunikativer als auch auf emotionaler Ebene.

Regisseur Dominic Cooke findet für seine so behutsame wie ansprechende Verfilmung von McEwan´s Novelle berührend anmutige, expressive Bilder. Ganz besonders die Schlüsselszenen am Strand vor regenschwerer Wolkenbank, davor ein Boot und Saoirse Ronan in blauem Kleid. Es sind Stimmungen wie aus den Bildern eines Edward Hopper, Neue Sachlichkeit trifft auf reduktionistische Poesie. Billy Howle als der entrüstete Bräutigam Edward sagt Worte, die irreparablen Schaden anrichten, bis er gar nichts mehr sagt. Und Kompromisse für ein Lebensglück kein Thema sind. Ronan, zuletzt in Lady Bird wirklich überzeugend resolut und verträumt, verleiht ihrer jungen Florence, die mit einer dunklen Vergangenheit hadert und sich nach bedingungsloser Nähe sehnt, so etwas wie verzweifelte Zuversicht, sofern es so etwas gibt. Bis diese im Sand verläuft und bitterer Enttäuschung weicht. Beide Protagonisten meistern trotz ihrer Verantwortung für das Gelingen dieses Filmes ihre Rollen mit zielsicherem Gespür für Situationen und dem gesellschaftlichen Umfeld einer Zeit lange vor deren Geburt. Am Strand hat fast schon epischen Charakter, erzählt in stetem Wechsel von vergangenen Momenten und der Zukunft eines versäumten Lebens. Und von einer Chance, die niemals wiederkehrt und einem gemeinsamem Glück, das womöglich funktioniert hätte, hätten beide einander zugehört. Am Strand ist die Schilderung eines Lebens, in der zwei Liebende irgendwann nichts mehr voneinander wussten und zugeschlagene Türen nicht mehr zu öffnen sind. Ein schöner, schmerzlicher, faszinierender Film über Erwartung und Enttäuschung. Nicht wirklich erbaulich, dafür aber sehnsüchtig, wie der Blick aufs Meer, vom Strand aus.

Am Strand

Call Me by Your Name

DIE FREIHEIT, ZU LIEBEN

8,5/10

 

callmybyyourname© 2017 Sony Pictures

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH, BRASILIEN, USA 2017

REGIE: LUCA GUADAGNINO

MIT TIMOTHEÉ CHALAMET, ARMIE HAMMER, MICHAEL STUHLBARG, AMIRA CASAR U. A.

 

Nein, Tilda Swinton ist diesmal nicht dabei. Der neue, preisgekrönte Film von Luca Guadagnino muss ohne der aparten Ausnahmeschauspielerin auskommen, obwohl Swinton im filmischen Schaffen des Italieners eine tragende Rolle spielt. Ich kann mich noch gut an seinen opulenten Liebesfilm I am Love erinnern. Genauso wie an A Bigger Splash, der mich jedoch eher ratlos zurückließ. In Call Me by Your Name, den die Oscar-Academy zu Recht neben drei weiteren Nominierungen auch für den besten Film vorgeschlagen hat, wäre auch Tilda Swinton eher schwer zu besetzen gewesen. Denn in Call Me by Your Name geht es zwar sehr wohl auch um das weibliche Geschlecht, vorwiegend aber um die Liebe zwischen zwei Männern – oder sagen wir: zwischen einem Mann und einem Teenager. Filme zu diesem Thema gibt es bereits, da fällt mir A Single Man von Tom Ford ein. Ein todessehnsüchtiger Reigen, der aber bis auf die Konstellation der Beziehung nichts mit Guadagnigo´s betörendem Sommertraum zu tun hat.

Unweit des Gardasees, irgendwo in Norditalien, trifft der junge Elio auf einen Studenten seines Vaters, der für sechs Wochen ein Praktikum in Archäologie absolviert, allerdings aber deutlich mehr dem sommerlichen Müßiggang frönt. Ein Umstand, den Elio sehr zu schätzen weiß, entdeckt der 17jährige Junge doch bis dato unbekannte, sehnsüchtige Gefühle für den Mittzwanziger aus den Vereinigten Staaten. Und Elio ist ein Bild von einem Jüngling, von fast schon klassischer Anmut, wie eine dieser Statuen, die vom Grund des Gardasees geborgen werden. Die Zartheit seines Gesichts, das an Michelangelo´s David erinnert. Der nackte Oberkörper, sehnig und muskulös, von der Sonne gebräunt. Thimoteé Chalamet ist der Eros der Antike, ein sinnlicher Träumer, ein Virtuose am Piano. Gerne badend, abhängend, philosophierend. Der amerikanische Schauspieler ist wohl eine der Entdeckungen des Jahres, so unamerikanisch, unverbraucht und leidenschaftlich bekennt sich dieser zu einer Rolle, die mit Sicherheit enorm schwer zu spielen ist. Keine Ahnung, welcher sexuellen Richtung Chalamet angehört, das ist auch etwas, dass mich wirklich nichts angeht. Doch wie es auch sein mag – mit Sicherheit ist die Darstellung lustwandlerischer Begierde dem gleichen Geschlecht gegenüber wohl etwas, dass sehr leicht ins Lächerliche abgleiten kann oder unaufrichtig wirkt. Das ist zum Beispiel bei Brokeback Mountain passiert – ebenfalls ein Film über eine homosexuelle Beziehung unter Männern, die aber von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger weder richtig verstanden noch empfunden wurde. In Call Me by Your Name ist sowohl die Schwärmerei, das kokettierende Verliebtsein bis hin zur gegenseitigen Liebe eine grandiose Symphonie der Gefühle, die sich entsprechend viel Zeit nimmt und bis ins kleinste Detail geht, um von der lockeren Ouvertüre bis hin zum Crescendo der Vereinigung beider Liebender alle nur erdenklichen Nuancen auf die Leinwand bringt, um dann in ein niemals tränentriefendes, aber melancholisch-schönes Finale zu münden, das mit dem intensiven Song Mystery of Love das minutenlang beobachtete Konterfei einer schmerzhaften Sehnsucht poetisch untermalt.

Guadagnino weiß in seinem sinnlichen Meisterwerk eigentlich in keiner Sekunde, was Kitsch überhaupt sein soll. Er erzählt die Geschichte eines unvergesslichen Sommers in wärmenden und kühlenden Bildern – sei es im Landhaus von Elio´s Familie oder im glutheißen Hinterland Norditaliens, im antik anmutenden, steingepflasterten Beckenbad oder verzaubert am See wie im Sommernachtstraum. Und ja – an Shakespeares märchenhaftem Spiel erinnert auch Call Me by Your Name. Vor allem in diesen Szenen, und meist, wenn Timotheé Chalamet an Oliver, gespielt von Armie Hammer, nonverbale Signale einer knospenden Lust entsendet. Armie Hammer übrigens, den ich bis dato längst nicht wirklich auf dem Radar hatte, überzeugt nicht weniger als der zeitlose Jung-Adonis, der wie ein griechischer Halbgott auf Erden sein eigenes sexuelles Erwachen bestaunt. Oliver ist nicht weniger bildschön, ein lässiger Intellektueller in kurzen Hosen und mit gewinnendem Lächeln, der aber das Problem hat, den Normen seiner Zeit verpflichtet sein zu müssen. Die Zeit – das ist Anfang der 80er Jahre. Homosexualität darf längst noch nicht unter solch einer Akzeptanz gelebt werden wie heute. Damals war die gleichgeschlechtliche Liebe etwas, das tunlichst innerhalb der eigen vier Wände bleiben hat müssen. Dass für das eigene Ansehen und den Erfolg im Leben schädigend war. Für Oliver also nichts, wofür sich ein Outing lohnen würde. Zuviel steht auf dem Spiel. Elio hingegen lassen die Ereignisse begreifen, welchen prägenden Wert sexuelle Freiheit hat. Das Elternhaus von Elio ist ein liberal denkender Zufluchtsort, eine Basis der Geborgenheit, die das Reifen jugendlicher Identität unterstützt. Michael Stuhlbarg´s Monolog zu dieser herausfordernden Problematik gegen Ende des Filmes ist von einnehmender Wucht, aufrichtig, bitter und bestärkend zugleich.

Call Me by Your Name ist wohl das Schönste und Vielschichtigste, was im Genre des Liebesfilms in letzter Zeit zu sehen war. Ein Film, in dem nicht viel passiert, in dem das Unsichtbare zwischen den Menschen in virtuoser Akrobatik die Schwierigkeit von Nähe, sexueller Bekenntnis und dem Reifen des eigenen Ichs porträtiert, versteht und in filmische Dichtung adaptiert. James Ivory, legendärer Kenner der Materie und Schöpfer von Werken wie Was vom Tage übrig blieb, welches ebenfalls von einer unlebbaren Liebe handelt, lässt sein zurecht prämiertes Drehbuch, in dem die kleinen Gesten alles sagen, eine unglaublich innovative und erfrischend junge Sprache sprechen. Die Sprache der Freiheit, zu lieben, wie oder wen man will.

Call Me by Your Name

Spotlight

VERRAT AM GLAUBEN

6/10

 

spotlight

Regie: Thomas McCarthy
Mit: Michael Keaton, Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Stanley Tucci

 

Die Wurzel des widernatürlichen Übels liegt weit in der Vergangenheit. Um ca. 306 nach Christus kamen bei einer Synode im spanischen Elvira alle anwesenden Würdenträger zu dem Entschluss, das Enthaltsamkeitszölibat über all jene zu verhängen, die zum Dienst in der katholischen Kirche bestellt wurden. Von nun an sind weder Ehe noch körperliche Intimitäten für Priester aller Art gestattet. Man hat ja schließlich mit Gott verheiratet zu sein. Dass die Kirche indessen die Natur des Menschen mit Füßen tritt und die Freiheit des menschlichen Empfindens ignoriert, ist mittlerweile vor allem jenen bekannt, die der zweifelhaften Institution den Rücken gekehrt haben. Oder zu Agnostikern wurden, wohlgemerkt mit ruhendem Glaubensbekenntnis. Der Mensch kann nun einmal nicht aus seiner Haut. Nicht jeder ist ein Apostel. Und zu glauben, die Apostel wären enthaltsam gewesen, nur weil die Bibel für diese Erwähnung keine Verwendung gefunden hat, geht einher mit naiver Frömmigkeit. Die Verteufelung des Sex führt natürlich soweit, dass der stärkste menschliche Trieb nach dem des Überlebens im Rahmen der Kirche folglich pervertieren musste. Was Jahrhunderte lang unter den klerikalen Teppich gekehrt wurde, findet nun im agnostischen Medienzeitalter des Westens das Licht der Öffentlichkeit: Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche der katholischen Kirche. Und was nicht weniger grauenerregend und verstörend als die triebgesteuerte Machtgier scheinbar frommer Menschenfischer zu sein scheint, ist der Eifer des Vatikans, die begangenen Verbrechen ihrer Gottesdiener zu vertuschen. Die Wahrheit, so sagt man, kommt irgendwann immer ans Licht. Dank des Engagements einiger weniger Journalisten, die für das Magazin Spotlight einen flächendeckenden Massenmord an unzähligen Kinderseelen aufdecken konnten. Dafür mussten die Frauen und Männer tief im Sumpf eines scheinbar organisierten Verbrechens wühlen, der in seinem Ausmaß nur sehr schwer bis gar nicht nachvollziehbar scheint. Und die Kirche zwar momentan erschüttert hat, diese aber des Weiteren wohl kaum beeinträchtigen wird. 

Ganz so wie Thomas McCarthy´s Film. Seine akribische Chronik rund um den Missbrauchsskandal ungeahnten Ausmaßes, der 2001 den amerikanischen Osten in Aufruhr gebracht hat, ist gut recherchiert und von einer illustren Besetzungsliste. Missbrauch ist klarerweise nichts für einen angenehmen Kinoabend. Und im Vorfeld kann es schon passieren, dass man zweimal überlegt, ab man sich einer derart schweren, unbequemen Thematik aussetzen möchte. Da muss die Situation schon passen, der Geist hellwach sein und die Stimmung nicht schon von vornherein getrübt. Doch keine Sorge – Spotlight ist weit davon entfernt, die Emotionen des Publikums über die Maße zu beanspruchen. McCarthy´s Film ist kein reißerisches Reality-Grauen, sondern nüchternes Infotainment. Das Drehbuch von Josh Singer ist von hohem Niveau – ausgefeilt, in seiner Perspektive wechselnd und ungemein präzise. Nachrichten im Kinoformat. Ein Report ohne CNN-Allüren. Etwas, das aufmerksam zuhören und teilnehmen lässt. Qualitätsfernsehen, ja. Aber kein Kino. Dazu lässt Spotlight trotz seiner menschlichen Tragödie überraschend kalt. Vielleicht, weil er sich zu sehr auf seine Fakten verlässt und weniger die menschliche Komponente mit einbezieht. Wer aber glaubt, dass hier nicht auch die Opfer selbst zu Wort kommen, irrt. McCarthy schenkt ihnen Aufmerksamkeit, doch nicht so ausdauernd wie dem vierköpfigen Spotlight-Team, das im Fahrwasser der Unbestechlichen zeigt, wie investigativer Journalismus zu funktionieren hat. Spotlight handelt von der Reportage der Aufklärung, weniger von dem Defizit der Kirche. Von der Hartnäckigkeit, die gerechte Wahrheit ans Licht zu bringen, weniger von den Folgen eines weitreichenden Missbrauchs. Würdenträger kommen kaum welche zu Wort. Die Institution bleibt ein undefinierbarer Schatten im Hintergrund, wie eine Weltverschwörung.   

Vielleicht ist Spotlight deswegen so sehr wie eine Zeitung, deren Bilder laufen gelernt haben. Ein fachliches Journalistendrama im Stile eines Sidney Lumet, nicht so sehr am Menschen interessiert als vielmehr an Schlagzeilen, die der Wahrheit verpflichtet sein sollen. 

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Spotlight

Der letzte Tanz

HAROLD & MAUDE IN DER ANSTALT

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letztertanz

Nach Gusti Wolf und Susi Nicoletti wohl die letzte des Grande Dame-Cercles österreichischer Bühnenpräsenz: Erni Mangold. Die eben erst 90 Jahre jung gewordene Charaktermimin ist das beste Beispiel dafür, das eine hohe Anzahl an gelebten Jahren nicht gleichbedeutend ist mit tatenlosem Warten auf das unvermeidliche Lebensende. Ganz im Gegenteil, der Lebensabend birgt Überraschungen, zumindest mal für Kainz-Medaillenträgerin Erni Mangold. Sie darf sich glücklich schätzen, neben Publikumslieblingen wie Josef Hader oder Tobias Moretti die Film-, Fernseh- und Theaterlandschaft Österreichs immer noch mitzubestimmen.

Eine ihrer aussagekräftigsten und mittlerweile berühmtesten Rollen ist jene der Insassin einer geriatrischen Pflegeanstalt. In Der letzte Tanz spielt sie mit unverhohlener Leichtigkeit und Engagement eine vermeintlich demente Patientin hohen Alters, die, verlassen von ihrer Familie, im jungen Zivildiener Karl so etwas Ähnliches wie eine Seelenverwandtschaft entdeckt. Darüber hinaus aber auch jemanden, der ihr das Gefühl einer lange nicht empfundenen, menschlichen Nähe vermittelt. Soweit, so berührend. Doch der iranisch-stämmige Regisseur Houchang Allahyari, der womöglich geplant hat, so etwas Ähnliches wie Harold und Maude im Pflegeheim zu inszenieren, hält sich leider viel zu lange mit erzählerischem Beiwerk auf und vergisst dabei, sich ausreichend dem Kern der Geschichte zu widmen. Anstatt die tabuisierte Beziehung zwischen Alt und Jung zu vertiefen und sich einfach mehr Zeit zu nehmen, die Gefühlswelten der beiden Protagonisten für den Zuseher nachvollziehbar werden zu lassen, opfert Allahyari mindestens ein Drittel der gesamten Laufzeit dem Prozedere von Verhaftung und Inhaftierung des sträflichen Zivildieners, noch dazu in blassem Schwarzweiß. Um zu zeigen, dass dieser eine Straftat begangen hat, wäre eine knappe Einleitung ausreichend gewesen. Dafür hätte man nach der Episode in der Pflegeanstalt durchaus noch einen Prolog über die gerichtlichen Konsequenzen dranhängen können. So bleibt aber für den eigentlichen Film kein Platz mehr. Auch bleibt dadurch der Charakter des Zivildieners Karl ungreifbar und diffus, ja fast schon auf seine eigene Art unsympathisch. Erni Mangold allerdings spielt mit Bravour, kann aber an der Sperrigkeit der eigenwilligen Liebesgeschichte nichts ändern. Dazu lässt sich der Iraner Allahyari letzten Endes dann sogar noch dazu verleiten, den Skandal einer unrechtmäßigen Beziehung zu exhibitionieren.

Unterm Strich erreicht Der letzte Tanz nicht mal ansatzweise die Intensität von Filmen wie Harold und Maude – dazu scheint Daniel Sträßer als der Jungspund an der Seite von Erni Mangold sichtlich zu überfordert. In seiner Rolle und als Schauspieler. Doch das fehlende inszenatorische Timing des Filmes stellt die schauspielerischen Defizite aber sogar noch in den Schatten. Liebe zwischen den Generationen – aus dem Ansatz einer berührenden Beziehungschronik abseits der Norm wird aus dem Film sowohl ein halbherziges Justizdrama als auch ein halbherziges Anstaltsdrama, was so womöglich nie beabsichtigt war.

Der letzte Tanz