Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

SCHWEIGEN WIE EIN FAMILIENGRAB

8/10

 

Llúcia Garcia stellt sich in Romería – Das Tagebuch meiner Mutter ihrer Verwandtschaft
© 2025 Quim Vives / Elastica Films

 

LAND / JAHR: SPANIEN, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: CARLA SIMÓN

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: LLÚCIA GARCIA, TRISTÁN ULLOA, MITCH ROBLES, SARA CASASNOVAS, JOSÉ ÁNGEL EGIDO, MIRYAM GALLEGO, CELINE TYLL, JANET NOVÁS U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Bei diesem Film könnte es passieren, dass die eigene Familie plötzlich fremder wirkt als jene in Carla Simóns Romería – Tagebuch meiner Mutter.

Wieso das? Nun, es kommt immer darauf an, wie viel Wert man dem biologischen Faktor des gemeinsamen Blutes beimisst. Dass manche schließlich in ihrer eigenen Familiengeschichte herumstochern, ohne gute Gründe dafür zu haben, und ohne dass es einen Anlass dazu gibt, eine ohnehin distanzierte Beziehung näher zu ergründen, wird wohl kaum passieren. Eher passiert es, dass eine adoptierte Person will Klarheit über jene Umstände erlangen, die schließlich dazu geführt haben, unter fremder Obhut aufgezogen worden zu sein. Weil die echten Erziehenden entweder ums Leben gekommen oder auf andere Weise gänzlich unpässlich waren? Vielleicht, weil sie auch gar keine Kinder wollten?

Meister der Verdrängung

Alt genug, um nun endlich zu studieren, benötigt die gerade volljährig gewordene Marina für ihr Vorhaben die Bestätigung der leiblichen Familie ihres Vaters, der viel zu früh von der Bildfläche verschwand. Ähnliches widerfuhr Marinas Mutter – auch sie, genauso wie ihren Vater, hat das AIDS-Virus dahingerafft, verursacht durch Drogenexzesse jedweder Art. Die Familie väterlicherseits hat sich längst distanziert. Über Alfonso breiten all die Angehörigen, vorzugsweise die über allem erhabenen Großeltern, den Mantel des Schweigens und zeichnen sich als Meister der Verdrängung dadurch aus, alles Unangenehme von dieser ihrer Sippschaft fernzuhalten.

Da kommt es natürlich ungelegen, dass die sogenannte „dreizehnte“ Fee, das letzte, blutsverwandte Kind, das verlorene Schaf, tatsächlich heimkehrt – oder besser gesagt: einen Seitenblick in das soziale Gefüge namens Familie wirft, um erstens eben all ihre Verwandten kennenzulernen. Und zweitens, dem Großvater das Zugeständnis abzuringen, dass Marina seine leibliche Enkelin ist. Der Weg dorthin mutet an, als würde man durch ein Fotoalbum blättern – das üppige, bildgewaltige Portfolio eines lebendigen Stammbaums, der, hin und hergerissen zwischen Wahrheit und Vergessen, Marina als die Chance erkennt, endlich reinen Tisch zu machen und das letzte fehlende Glied zu ergänzen.

Rollendynamik vom Enkel bis zum Patriarch

Carla Simón zeigt dabei, genauso wie in ihrem mit dem Goldenen Löwen 2022 ausgezeichneten Familienschicksal Alcarràs – Die letzte Ernte, wie virtuos sie ein ganzes familiäres Biotop aus dem narrativen Boden stampfen kann. In Romería (was so viel heißt wie Pilgerfahrt) schwirren eine Vielzahl an Charakteren vor den beobachtenden Blicken Marinas vorbei – Klein und Groß, Alt und Jung, sie alle vollführen ihren aufgeregten Alltag, als spiele man die Reise nach Rom.

Dennoch schafft es Simón, jeden einzelnen und jede einzelne im Auge zu behalten, sie greifbar zu machen, zumindest für Marina. Sie ist der Ruhepol, das windstille Zentrum. Llúcia Garcia vollbringt hier angesichts der Herausforderung, eine ganze Klaviatur an Emotionen empfinden zu müssen, eine schauspielerische Meisterleistung. Authentizität ist in diesem Film letztlich alles, und da mit dieser Figur einer spurensuchenden jungen Frau alles steht und fällt, ist die Verantwortung, den ganzen Film zu tragen, enorm groß.

Als wäre man selbst eingeladen

Umso mehr ist Zurücknahme das oberste Gebot – durch diese sanftmütige, präzise und niemals überzeichnende Charakterisierung einer Person, die sich selbst nicht als entwurzelt oder verstoßen sieht, sondern nur Bescheid wissen will, ist man auch als Zuseher plötzlich Teil einer fremden Familie und einem fremden Leben.

Stößt die Realität an ihre Grenzen, öffnen sich Visionen

Fasziniert von Llúcia Garcias Auftreten, im letzten Drittel des Films in leuchtend rotem Kleid aus dem Stoff, den schon ihre Mutter getragen hat, belohnt einen der Film am Ende sogar noch mit behutsam gesetztem, magischem Realismus, der Marina träumen und sogar noch in die Zeit zurückreisen lässt, während sie und ihr Cousin auf einer imaginären Erzählebene Marinas Eltern verkörpern. Dieses schmucke Präsent an verzaubernder Poesie hat sich Simón für den Schluss bewahrt – und niemals verliert Romería durch die Tragödie der beiden Biografien seine kontemplative Leichtigkeit, die den ganzen Familienzirkus wie eine gesellschaftliche Himmelserscheinung vielleicht bewundernswert, aber auch ablehnend erscheinen lässt.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter handelt im Grunde vom Vater, von seinen Brüdern, seinen Neffen und Nichten. Marinas Akzeptanz gegenüber deren Leben und Leiden schafft erstaunliche Tiefe, in der man, statt darin selbst zu ertrinken, neue Wurzeln schlägt – für ein neu erstarktes, mutiges und von Sippenhaftung befreites Selbstbewusstsein.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN

7/10

 

Anna Cobb verliert sich in We're All Going to the World's Fair im Internet
© 2021 MUBI

 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE

CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?

Der Bildschirm als bodenloser Abgrund

Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?

Metaphysik-Test für Teenager

We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.

Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?

Heraufbeschwören seltsamer Anomalien

Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.

Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.

Ein befremdender Trip ins Dazwischen

Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.

Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

Spider-Man: Brand New Day (2026)

DU ENTSCHULDIGE ICH KENN‘ DICH …

7/10


Tom Holland entdeckt neue Fähigkeiten an sich selbst in Spider-Man: Brand New Day
© 2026 TMG / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

DREHBUCH: CHRIS MCKENNA, ERIK SOMMERS, JUSTIN KURITZKES

KAMERA: BRETT PAWLAK

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, SADIE SINK, JON BERNTHAL, MARK RUFFALO, TRAMELL TILLMAN, LIZA COLÓN-ZAYAS, FLORENCE PUGH, MICHAEL MANDO, MARISA TOMEI, OLIVIA BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Kevin Feige im Kabelsalat

Diese Multiversum-Saga hat keinen roten Faden mehr, obwohl das neueste Abenteuer der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft immer noch dazugehört. Du meine Güte, wie haben sich Disney und Marvel, genauer genommen Kevin Feige hier nicht verheddert wie man sich sonst nur in einem Kabelsalat verheddern kann, der hinter dem Schreibtisch vor sich hinstaubt.

Zu Beginn war noch alles relativ strikt und stringent erzählt, bevor all die neuen Gesichter, Protagonisten und Antagonisten überhandnahmen, zwischendurch mal auftauchten, dann wieder gekippt wurden und gar nicht mehr weitergeführt, da es schier unmöglich schien, an all diesen Sidestorys, Nebenplots und sonstigen Abenteuern dranzubleiben. Die Multiversum-Saga hat irgendwann, vielleicht nach der letzten Folge der Serie Loki, ihren Geist aufgegeben. Die ganze Phase des MCU nennt sich vermutlich nur proforma so, damit das ungeliebte Kind einen Namen hat.

Bingewatching mit den Kinofilmen

Filme und Serien wurden seltener, die Abstände zwischen den Releases so enorm, dass wohl kaum jemand mehr den Konnex zu einem der älteren Filme herstellen würde. The Fantastic Four? Stimmt, da war doch was. Die sollten angeblich die Phase 6 des MCU einläuten, und nicht, wie es logischer wäre, die Thunderbolts* aka New Avengers. Die Fantastic Four: First Steps mit Pedro Pascal und Vanessa Kirby schwammen letztes Jahr irgendwo im Sommerkino mit, erzählten so nebenbei ein Abenteuer über und mit dem gigantomanischen Galactus, bevor das Alternative-Universum-Abenteuer wieder sang und klanglos aus dem Gedächtnis verschwand. In Avengers: Doomsday sollen sie dann erneut antanzen. Vermisst hat man sie nicht. Vielleicht aber einen wie Spider-Man mit Tom Holland in seiner Paraderolle – was spätestens seit der Odyssee klar wird. Statt Telemachos lieber Peter Parker.

Mister Anonym im Großstadtdschungel

Und der schließt mehr oder weniger nahtlos (5 Jahre später) an einen noch weiter zurückliegenden Film an, nämlich Spider Man: No Way Home. Dieses Abenteuer hat so seine Spuren hinterlassen, mitunter auch jene der anderen beiden Spider-Man-Darsteller: Toby Maguire und Andrew Garfield. So wurden die Sony-Filme in die MCU-Timeline aufgenommen, Stiefkind bleibt dabei nach wie vor Venom.

Aber gut: Dieser neue alte Peter Parker hat doch, um die Menschheit und seine Geliebte MJ (Zendaya) zu retten, seine Identität aus allen Gedächtnissen auf diesem Planeten gelöscht. Spider-Man: Brand New Day trifft es also ziemlich gut: Ein Neuanfang steht ins Haus, Business as usual, möchte man fast meinen – wozu auch gehört, einigen Mittelklasse-Bösewichten wie dem Skorpion (Michael Mando, Better Call Saul) das Handwerk zu legen.

Natürlich behält Peter seine ehemaligen Freunde weiter im Auge und wartet auf den Moment, um neu anzudocken, als kleiner großer Unbekannter. Währenddessen aber macht sich eine schwer zu fassende Präsenz in New York breit: eine, die man nicht sehen kann und nur in den Köpfen der Leute steckt. Ein telepathischer Unhold treibt sein Unwesen, und diese Bedrohung kommt natürlich gerade dann, wenn sich Spideys Spinnen-Gene entschließen, ein organisches Upgrade durchzuführen.

Alleine kann er diese ganzen Herausforderungen nicht stemmen, da braucht es einen alten Bekannten. Ist es Hulk? Ja, der auch, aber nur peripher. Vorrangig ist es der Punisher, die wohl brutalste und gnadenloseste Figur von Marvel, absolut nicht jugendfrei, moralisch zweifelhaft, aber im Ganzen als urbaner Berserker unwiderstehlich.

Der Harte und der Zarte

Tom Hollands Freund Jon Bernthal schafft doch irgendwie das Kunststück, vom brutalen Selbstjustiz-Killer, umhüllt von trostloser Trauer, zur einer immer noch martialischen, aber aufgeweckten und weniger grimmigeren Kampfmaschine zu wechseln. Das heisst nicht, dass sein Charakter, so wie ihn seine Fans bislang kannten, dadurch korrumpiert wird – einzig der Fokus ist ein anderer. Und der Punisher kann durchaus auch mal Licht am Ende des Tunnels sehen, vor allem, wenn er es mit Spider-Man zu tun hat, mit dem er auf Staten Island irgendein Ding gedreht hat und der bei ihm schließlich etwas gut hat.

So haben wir in Brand New Day doch einige bekannte Gesichter, ein überraschendes Cameo – und eine ganz neue Figur, über die ich hier natürlich nichts verrate. Diese Figur aber bemüht sich genauso wie Spider-Man selbst, die Brücke zu schlagen vom letzten Marvel-Film bis zum großen Opus Magnum im Dezember – Avengers: Doomsday.

Ein Superheldenfilm wie damals?

Was Destin Daniel Cretton dabei gelingt: Die Erinnerung an die phänomenale Infinity-Saga zu wecken. Schließlich waren aus diesem Handlungsbogen wohl die besten Superheldenfilme hervorgegangen, die es je gegeben hat und die es womöglich jemals geben wird. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Zusammensetzung war Marvel da am Zenit seiner Kunst.

Cretton kann sich noch daran erinnern, schließlich zählt sein Film Shang Chi and the Legend of the Ten Rings zu einem der besseren Episoden der Post-Infinity-Ära. Cretton weiß, und auch Holland weiß es, wie Spider-Man tickt; was er erlebt hat, und wie sich der Charakter weiterentwickeln könnte. Das fängt er gut ein, und hat auch nicht vor, hier seinen individuellen Stempel aufzudrücken, sondern begnügt sich damit, den Marvel-Kosmos weiter zu atmen.

Mit dem Auftritt von Hulk ist es dann fast so, als säße man wieder in den Avengers-Filmen von damals. Richtig nostalgisch und warm ums Herz wird einem da – auch wenn Spider-Man: Brand New Day wirklich nicht zu jenen Filmen zählt, die die größten Schauwerte und die spektakulärsten Erlebnisse bereithalten.

Es geht um Emotionen

Crettons neue Episode ist wie eine Serien-Staffel in kompakter Form. Sehr viel Freundschaft, sehr viele Begegnungen, dazwischen ordentliche Handgemenge und jede Menge Details, die Kenner der Materie mit Verzückung inhalieren. Auf fast schon bescheidene Weise, die mehr Geschichte erzählen will als wirklich zu beeindrucken, bleibt der Spider-Man: Brand New Day ein entspanntes Young-Adult-Abenteuer, das sich an vieles erinnert, was in diesem Universum schon so passiert ist, das wir als Fans vielleicht schon vergessen haben und das am Ende die Lust auf mehr weckt, auf noch mehr bewährtes Storytelling. Und auf eine Fusion, die manche schon lange herbeisehnen.

Spider-Man: Brand New Day (2026)

Rückkehr nach Ithaka (2024)

ZUHAUSE IST ES DOCH AM SCHÖNSTEN

6/10

 

Ralph Fiennes und Juliette Binoche als Odysseus und Penelope in Rückkehr nach Ithaka
© 2024 Piffl Medien

 

ORIGINALTITEL: THE RETURN

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ITALIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH, GRIECHENLAND 2024

REGIE: UBERTO PASOLINI

DREHBUCH: UBERTO PASOLINI, EDWARD BOND, JOHN COLLEE, NACH MOTIVEN AUS HOMERS EPOS

KAMERA: MARIUS PANDURU

CAST: RALPH FIENNES, JULIETTE BINOCHE, CHARLIE PLUMMER, TOM RHYS HARRIES, MARWAN KENZARI, CLAUDIO SANTAMARIA, AMIR WILSON, ÁNGELA MOLINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Auch hier spielt, wie in Christopher Nolans Blockbuster, Prinzessin Nausikaa von der Phäakeninsel keine Rolle. Auch hier liegt, mehr tot als lebendig, ein von Abenteuern und Entbehrungen geschundener Körper am Strand, der zu niemandem geringerem als dem schon seit zwanzig Jahren abstinenten König von Ithaka gehört. Zu diesem Zeitpunkt weiß das aber noch niemand. Nicht mal Sohnemann Telemachos, der den reumütigen Haudegen nicht mal als seinen Vater erkennen würde, wenn er vor ihm stünde. Auch Penelope weiß nichts davon und webt weiter ihr ewiges Leichentuch für den Großvater, der auch nicht mehr lange zu leben hat.

Vor Nolan war noch ein anderer dran

Bevor nun Christopher Nolan seinen marketingtechnisch klug konzipierten und breit gefächerten IMAX-Kamera-Hype losgetreten und für die Macht des Analogen im wahrsten Sinne des Wortes eine Lanze gebrochen haben wird, hat sich zwei Jahre zuvor ein bescheidener, italienischer Autorenfilmer namens Uberto Pasolini (grandios: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit) des Homerischen Epos angenommen und dabei jenen Teil verfilmt, der mit Odysseus‘ Heimkehr zu tun hat.

Erkennst du mich denn nicht?

The Return heisst das spartanische Werk, übersetzt: Rückkehr nach Ithaka. Stimmt schon, das Wort Ithaka lockt schon mal Freunde der Antike an. Da wissen die meisten schon: Hier wird der Bogen zwar nicht über-, aber gespannt werden, und zwar nur von einem einzigen, nämlich dem König, gehüllt in Tüchern eines Landstreichers und unkenntlich gemacht durch Bartwuchs und verfilzter Mähne.

Dass ihn Penelope aber trotzdem nicht erkennt, sich an seine Stimme nicht mehr erinnern und die Augen des Geliebten nicht mehr als die seinen identifizieren kann, mag schon in der grundlegenden literarischen Vorlage verwirren. Aber gut, mit dieser Prämisse und diesen Parametern musste auch Nolan klarkommen, der hat immerhin Penelope und Odysseus in einen erweiterten Beichtstuhl gesetzt, während die Gemahlin dem Inkognito-Reisenden die Sünden absolviert.

Das Epos gehört den Liebenden

Pasolini, der nicht mit dem großen Neorealisten Paolo Pasolini verwandt ist, stattdessen aber mit einem anderen, nämlich Luchino Visconti (ebenfalls Realist), konzentriert sich lieber auf die leidende Intensität seiner beiden Hauptfiguren. Mit Juliette Binoche als Penelope und Ralph Fiennes als Odysseus hat der Filmemacher zwei Kapazunder am Start, die in ihrer Rollenfindung aufgehen, und wodurch sich Pasolini auch leisten kann, alles in seinem Film komplett auf die beiden auszurichten.

Puristischer On Location-Anspruch

Was braucht es noch, um kostengünstiger und weniger egomanisch, trotz allem aber nicht weniger visionär ein Alternativprogramm zum Sommerblockbuster zu liefern? Vielleicht schmeckt Pasolini der Anspruch, alles on Location drehen zu wollen, genauso.

Bei ihm gibt es noch weniger Studio als bei Nolan. Er ergänzt seine Gemäuer nicht mit gezimmerten Kulissen, sondern lässt sie, wie sie sind – verfallen, verschimmelt, der Verputz blättert ab. Nichts weist darauf hin, dass es sich hierbei um ein Königreich oder gar um einen ehrwürdigen Palast handelt.

Pasolini macht Pasolini

Binoche, meist mit einem schwarzen Schleier verhüllt, der die Trauer und das Warten symbolisiert, wirkt wie aus einem Bibeldrama entnommen. Als die Version einer katholischen Heiligen geistert sie durch spärlich beleuchtete, dunkle Gewölbe. Wenn man da nicht depressiv wird. Pasolini macht es dabei seinem Namensvetter Pasolini gleich. Dieser hatte mit Das 1. Evangelium: Matthäus, einen expressionistischen und auf allen Schnickschnack verzichtenden Bibelfilm geschaffen, in harten Schwarzweißkontrasten und in einen sozialrealistischen Kontext gesetzt, den der andere Pasolini, nämlich Uberto, zwar nicht unbunt, aber ähnlich, zur Wirkung bringt.

Zu alt für diesen Scheiß

Die dramaturgische Wucht, die bisweilen bei Nolan entfesselt wird, hat Rückkehr nach Ithaka nirgendwo. Hier zählt das kontemplative, innere Ankommen und die Akzeptanz jener, die nach langem Warten gar keine Erfüllung mehr darin finden können, wenn der Ersehnte endlich anlandet. In sich gekehrt und mit nacktem Oberkörper, von der Sonne gegerbt, zerschunden und gezeichnet, probt dieser ersehnte Ralph Fiennes hier schon mal für seinen Auftritt als Knochenmann in den letzten beiden 28 Years Later-Episoden.

Von ihm geht nicht weniger Faszination aus als von Matt Damon. Fiennes ist im Gegensatz zu seinem Schauspielkollegen so richtig „zu alt für jeglichen Scheiß“ – desillusioniert und reif für den Ruhestand, ein bisschen wie Hugh Jackman als Robin Hood, gleichsam ernsthaft und grimmig, dafür aber sehnsüchtiger. Juliette Binoches Penelope ist verhärmt, verschlossen, und unterdrückt ihren Seelenschmerz. Beide also Menschen, die sich vieles zu sagen hätten, es aber nicht mehr können.

Gestelzte Theatralik

Da ist Nolans Altkönigspaar deutlich profaner, immer noch resolut und vielleicht auch kämpferisch, für ein letztes Gefecht. Der Vergleich zahlt sich aus, zumindest im Hinblick seiner Figuren. Allerdings bringt Pasolini einen zähen Rhythmus in sein sparsames Szenario – gestelzte Dialoge und unbeholfenes Auftreten erwecken den Spirit einer schulisch einstudierten Passionsgeschichte, fast wie ein kleines Fernsehspiel, das den Neo-Realismus vielleicht nur anwendet, um mangelnden Ressourcen zu kaschieren.

Die Zärtlichkeit, die Nolan nicht hatte

Das aber ist nur eine gewagte These. Die letzte Episode in Homers Epos auf das Wesentliche zu reduzieren, ist dennoch befreiend übersichtlich. Belohnt wird man am Ende mit dem wundersamen Moment einer späten Liebesgeschichte; mit einem Ehedrama, von dem nur Gesichter, Blicke und ein hölzernes Bett erzählen.

Damit schlägt Pasolini sogar die letzten Momente aus Nolans Odyssee – so eine zarte Annäherung, die in seiner Verletzlichkeit an James Ivorys Was vom Tage übrigblieb oder Eastwoods Die Brücken am Fluss erinnert, hätten auch Anne Hathaway und Matt Damon verdient. Nun, das bleibt Binoche und Fiennes vorbehalten, die sich, hoffnungsvoll und wahrhaftig, auf einen gemeinsamen Lebensabend einstellen, ohne dafür gen Westen segeln zu müssen.

Rückkehr nach Ithaka (2024)

Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

Is This Thing On? (2025)

ANLEITUNG ZUM GEMEINSAM UNGLÜCKLICHSEIN

8/10

 

Laura Dern und Will Arnett in Is This Thing On?© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BRADLEY COOPER

DREHBUCH: BRADLEY COOPER, WILL ARNETT, MARK CHAPPEL

KAMERA: MATTHEW LIBATIQUE

CAST: WILL ARNETT, LAURA DERN, SEAN HAYES, BRADLEY COOPER, CIARÁN HINDS, AMY SEDARIS, CHRISTINE EBERSOLE, ANDRA DAY, PEYTON MANNING U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN



Erst neuerdings hat der bayrische Kabarettist Michael Mittermeier in der von ihm wohl sehr geschätzten Wienerstadt einen Comedy-Keller eröffnet. Dieser hier, genannt Lucky Punch, dürfte die paar Etablissements, die es schon gibt, ganz gut ergänzen. So wie es scheint, lassen manche dieser Clubs einen das Mikro schnappen und drauflos improvisieren. Stand-Up Comedy nennt sich das. Fast sowas wie eine Stegreifbühne für Leute, die denken, sie wären lustig und eloquent genug, um damit ein ganzes Kellerpublikum zu begeistern.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie schwer sowas ist – eben lustig zu sein, die Leute zum Lachen zu bringen; den Humor an sich (denn jede und jeder hat einen anderen Sinn dafür) aus den Gedanken zu kitzeln – kann man sich denken. Umso mehr Hut ab, wenn sich da manche auf die Bühne zu stellen und losplaudern. So, wie es Alex Novak macht, dargestellt von Will Arnett, der das Zerbrechen seiner Ehe zum Anlass nimmt, um sich alles von der Seele zu reden, was eigentlich niemandem etwas angeht, was er aber so verpackt, dass es dann doch seine Relevanz hat, um vorgetragen zu werden. Ehefrau Laura Dern weiß davon zuerst nichts. Und zwar lange nicht. Was aber ist passiert?

Wenn man glaubt, sich verloren zu haben

Bradley Coopers neuer Film beginnt mit einer emotional erstaunlich aufgeräumten Alltagsszene eines Ehepaares im Badezimmer. Beim Zähneputzen stellen beide fest: es ist aus. Ob nur vorübergehend, ist nicht ganz klar. Kein Streit, keine Tränen, rein gar nichts. Als wäre die Liebe tatsächlich erloschen. Doch in Wahrheit trügt hier der Schein, und ganz andere Dinge sind hier am Querlaufen, deren Pfade geradegerückt werden müssen. Das geht nur, wenn beide sich selbst wieder finden. Schließlich haben sie sich verloren, in einem diffusen, allerdings funktionierenden Miteinander, in dem die eigene Persönlichkeit nicht mal in der anderen aufgeht, sondern in der Annahme, dieser keine Priorität mehr einräumen zu dürfen.

Ein konstruktiverer Woody Allen

Is This Thing On?, stellt der Film bereits im Titel die Frage. Läuft da noch was, oder nichts mehr? Bradley Cooper und Will Arnett, die mit Mark Chappel gemeinsam das Skript verfassten, lassen sich für die Beantwortung dieser Frage lange Zeit, doch es lässt sich schon erahnen: Arnetts Figur ist diese Trennung jedenfalls nicht gleichgültig, wuchtet er doch immer wieder, da er im Stand-Up seine neue Leidenschaft entdeckt hat, das Thema auf die Bühne.

Klar dreht sich viel ums eigene Ego, doch erstaunlicherweise nicht so viel wie in den Beziehungsfilmen von Woody Allen. Der legt seine meist psychisch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Figuren auf die imaginäre Couch, analysiert sie und macht sich daraus seinen tragikomischen Spaß aus Worten und Skurrilitäten. Gelingt natürlich, wir alle kennen die Stärken seiner Psychokomödien. Coopers Beobachtung einer Ehe aber ist weniger Psychoanalyse als Verhaltenstherapie, als proaktive, konstruktive Lehr- und Lernstunde in Sachen Wahrnehmung, Wertschätzung und Selbstbetrachtung.

Was soll das mit dem Beziehungs-Soll?

Beziehungen, die schon lange existieren, haben meistens einen guten Grund, warum sie das tun. Vielleicht, weil man sich aneinander gewöhnt hat. Weil man Veränderungen nicht schätzt, nur weil man zu bequem ist, um diese herbeizuführen. Weil ein neues Leben sehr aufwändig ist. Oder: weil man sich ganz einfach selbst vergessen hat.

Laura Dern und Will Arnett erarbeiten sich in Is This Thing On? ihr eigenes Leben, ihre eigene Leidenschaft zurück. Für sich selbst, und für ihr Gegenüber. Mehr Abstand klärt die Sicht auf die Dinge? In diesem Fall ja. In diesem Fall setzt Cooper auf fokussierte Weise seine charmant-witzige, gefühlvolle Reise ins gar nicht dunkle Herz einer scheinbar gescheiterten Beziehung Schritt für Schritt und Auftritt für Auftritt in die richtige, vielleicht einzig richtige Richtung, ohne sich mit oberflächlichem Klamauk aufzuhalten oder sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, die die ganze Geschichte aufpeppen sollen. Er setzt sich zwar selbst als schräger Künstler in Szene, doch diese Nebenfigur hat Grund genug, um ein Teil des Spiegels zu sein, in den Will Arnett blickt.

Letztlich durchfährt ihn eine unglaublich weise Erkenntnis, die man selbst als Zuseherin oder Zuseher nutzen und mitnehmen kann. Für die eigene Zweisamkeit. Für das eigene Glück des Miteinanders, welches mehr aushält, als man glauben möchte. Sogar jede Menge Unglück.

Is This Thing On? (2025)

Rental Family (2025)

WIE BORGT MAN SICH ECHTE GEFÜHLE?

7/10


© 2025 Searchlight Pictures


LAND / JAHR: JAPAN, USA 2025

REGIE: HIKARI

DREHBUCH: HIKARI, STEPHEN BLAHUT

KAMERA: TAKURÔ ISHIZAKA

CAST: BRENDAN FRASER, TAKEHIRO HIRA, MARI YAMAMOTO, AKIRA EMOTO, SHANNON MAHINA GORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Oscarpreisträger Brendan Fraser ist der neue Gutmensch Hollywoods, der legitime Nachfolger eines James Stewart – liebenswürdig, auf charmante Weise unsicher, niemals irgendjemandem etwas Böses wollend. Einer wie er würde sich wohl nie dazu verleiten lassen, sich so zu verhalten, dass andere die Nachsicht hätten. Und doch ist dieser Fremde in einer fremden Welt; dieser mittlerweile brotlos gewordene Schauspieler Phillip, bald in einer Situation, in der es nahezu keinen Ausweg dafür gibt, diese anderen schadlos zu halten.

Ein Land mit sieben Siegeln

Während seinerzeit Bill Murray zwar Lost in Translation war, aber zumindest Scarlett Johansson an seiner Seite hatte, muss Frasers Figur ganz alleine mit den Eigentümlichkeiten einer fernöstlichen, urbanen Kultur zurechtkommen. Dabei fließen hier jede Menge Mystizismus, uralte Philosophie und so dermaßen viele Traditionen ein, dass man zwangsläufig irgendwann in ein Fettnäpfchen treten muss, wenn man nicht hier, in Japan, aufgewachsen ist. Dieser Phillip ist ein Zugereister – einer, der wohl die Liebe zu Japan entdeckt haben muss – und der auch die Sprache fließend beherrscht. Ein Vorteil, den Murray nicht genossen hat, deswegen auch der Titel von Sofia Coppolas Film. Seit Phillips Zahnpastawerbung ist einige Zeit verstrichen, einige Castings später findet er sich im Büro für Leihfamilienmitglieder wieder, die gebucht werden können, falls bei den Japanern im wahrsten Sinne des Wortes Not am Mann ist. Das geht vom falschen Bräutigam bis zum eingekauften Zockerkumpel. Problematisch wird es, wenn Menschen daran beteiligt sind, die nichts von Phillips wahrer Identität wissen. Das geht sogar so weit, dass dieser sich als der verschollene Vater eines jungen Mädchens verkaufen muss, um die Ausbildung eines kleinen Mädchens zu sichern. Moral, wo darf man dich verorten? Ist es rechtens, dem Mädchen falsche Hoffnungen zu machen, falsche Gefühle zu vermitteln? Und wie steht es mit dem alternden Schauspieler, dessen Tochter Angst hat, dass man ihn vergisst? Für ihn macht das Leih-Chamäleon den interessierten Reporter, der jedes Detail aus dessen Leben wissen will.

Wandelnder Glückskeks

Regisseurin Hikari unterlegt ihr lebensweises Panoptikum der Zwischenmenschlichkeiten mit einer wohligen, versöhnlichen, gemächlichen Grundstimmung. In Rental Family kann, so scheint es, niemandem etwas Böses passieren. Das Werk strebt nach Verständigung, nach dem Schließen von Freundschaften, nach dem Glück eines Lebens, das man tunlichst nicht alleine verbringen möchte – ein Problem, dass Japan ohnehin umtreibt – ist die Einsamkeit, diese anonyme Isolation eine bittere Folge des Leistungsdrucks. Fraser Figur schafft ihr Abhilfe. Er ist der Glückskeks, der zufällig der eigenen Sehnsucht entspricht; der Zuhörer, der Achtsame, der sein Gegenüber vor der Unsichtbarkeit bewahrt. Schon in The Whale fiel Brendan Fraser als übergewichtiger Trauerkloß vorrangig mit seiner entwaffnenden Gutmütigkeit auf. In Rental Family ist der Fatsuit gottseidank verschwunden, zum Vorschein kommt Fraser ganz in Natur, ohne Klamauk-Attitüde, ohne Mumie – ein Typ für Wim Wenders (Perfect Days). Fraser tut gut, sein Handeln tut gut, seine selbstkritischen Überlegungen, sein geplagtes Gewissen. Als Verräter für die gute Sache könnte man ihn bezeichnen – als einen, dem man nicht übel nimmt, was er tut, weil es ihm gelingt, das eigene Ego zu überwinden.

Was soll dieses warme Gefühl?

Anders verhält sich Albrecht Schuch im österreichischen Film Pfau – Bin ich echt? von Bernhard Wenger, den ich hier noch abschließend erwähnen muss. Von der Grundidee sind sich beide Filme ähnlich, in beiden Filmen muss ein Mann andere Rollen spielen. Während Schuch aber nur um sich selbst kreist und sein Umfeld zynisch betrachtet, kreist Brendan Fraser um das Umfeld und packt dabei erst spät die Gelegenheit am Schopf, sich dabei selbst auch zu betrachten. Rental Family ist genau deshalb deutlich gehaltvoller.

Mit diesem guten Menschen von Tokyo betrachtet man eine besondere Figur in einer zarten, schmerzlos-berührenden tragikomischen Wärmflasche von Film, dessen bereichernde Energie man in kalten Tagen wie diesen gerne mitnimmt.

Rental Family (2025)

Alpha (2025)

IM FEGEFEUER DER PHYSIS

3/10


© 2025 Plaion Pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA DUCOURNAU

KAMERA: RUBEN IMPENS

CAST: MÉLISSA BOROS, GOLSHIFTEH FARAHANI, TAHAR RAHIM, FINNEGAN OLDFIELD, EMMA MACKEY, CHRISTOPHE PEREZ, JEAN-CHARLES CLICHET, LOUAI EL AMROUSY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Mit einer jovialen Leichtigkeit winkt sie ihrem Publikum zu, dass es eine Freude ist: Julia Ducournau beehrte in diesem Jahr die Viennale mit einem Live-Auftritt, und ja, die Dame ist wahnsinnig sympathisch. Gar nicht verkopft, unverkrampft, redselig – als derzeit wohl innovativste Filmemacherin Europas, die mit Themen daherkommt, die vielen anderen wohl zu bizarr und gewagt wären, um sie umzusetzen. Stets beschreibt ihre derweil noch überschaubare Anzahl von Filmen metaphorische Entwicklungsprozesse junger Frauen und Mädchen, stets verbunden mit der eigenen körperlichen Wahrnehmung, dem Begriff von Schönheit und Ästhetik. Der Ausbruch aus dem Gewohnten findet seine Entsprechung im ungefälligen Bodyhorror weit jenseits der Schmerzgrenze, Leben und Tod dabei zynisch betrachtend und den natürlichen Einklang über Bord werfend. Einmal ist Kannibalismus ein stilistisches Bildventil, ein anderes Mal die Unmöglichkeit der Vereinigung von Organischem und toter Materie. Titane gewann vor zwei Jahren die Goldene Palme in Cannes. Kein Wunder: Dieses Werk wirkt in seiner brachialen Intensität und seiner aus der Norm gefallenen Prämisse lange nach.

Im Wirrspiel der Viren

Endlich ist es wieder soweit. Im Vorfeld kann man bereits erahnen, dass Ducournau ihren Vorlieben treu bleiben und mit Alpha wohl wieder im abgründigen Meta-Bewusstsein von Körper und Geist herumanalysieren wird. Diesmal widmet sie sich der mikrobiologischen Geißel der Menschheit, der Seuche, die sich selbstredend pandemisch verhält. Dabei hat sie allerdings nicht Covid, sondern die vor einigen Dekaden omnipräsenten vier Buchstaben im Sinn: AIDS. Wie auch immer – ihr Film weist nicht explizit darauf hin, dass es sich um dieses Virus handelt, genausogut könnte es alle anderen Erreger auch betreffen, schließlich sind die Symptome in Alpha gänzlich andere, wohlgemerkt metaphorische, so wie alles in diesem Film. Der Body Horror tritt hier deutlich kürzer, offenbart sich aber diesmal in geschmackvoller Marmorierung – will heißen: die Infizierten werden zu Stein, genauer gesagt zu Marmor, was womöglich die besten Body Painter der Welt auf den Plan gerufen hat, um authentisch wirkende Körperbepinselungen vorzunehmen, die teilweise wirklich richtig glücken, manchmal aber auch tatsächlich so aussehen, als wäre der Life Ball die nächste Instanz. Etwas dekorativ gerät ihr hier das Unterfangen, die Physis des menschlichen Körpers abermals mit Anorganischem zu kombinieren. Doch das ist nur das geringste Problem, mit dem Alpha notgedrungen zu kämpfen hat. Da sind noch ganz andere Brocken am Start, die, als wäre Ducournaus Filmset ein Steinbruch, von den offen daliegenden klippen abgebrochen werden müssen.

Die grobe Skulptur eines Films

Mit Meißel und Hammer scheint die Visionärin hier zu hantieren. Staublungen haben dabei nicht nur die Darsteller, sondern gleich auch der ganze Film. Aus dem diffusen Dunst umherschwirrender Gesteinspartikel schält sich das titelgebende Mädchen Alpha, das im hysterischen Umfeld besagter Pandemie dennoch gerne auf Partys geht und sich dabei unwissentlich ein Tattoo einfängt – ein kalligraphisches A prangt nun wie ein Brandmal auf des Mädchens Oberarm, sehr zum Leidwesen von Mama, die noch dazu als Ärztin die Pandemie in den Griff bekommen muss und fürchtet, dass ihre Tochter vielleicht auch bald Gesteinsstaub hustet. Bei all der Burnout-nahen Hektik kreuzt auch noch Alphas Onkel auf, gespielt vom radikal abgemagerten Tahar Rahim, der außer Drogen sonst nicht viel im Sinn hat und in der Wohnung seiner Schwester, unter Entzugserscheinungen leidend, Unterschlupf findet – gerade im Kinderzimmer der Tochter, die mit dem Gedanken spielt, mit ihrem Freund zum ersten Mal Sex zu haben.

Ein völlig verhobener Kraftakt

So schafft sich in diesem teilweise apokalyptischen Paranoia-, Drogen- und Breakout-Drama wohl jeder seinen eigenen Kreuzweg – mittendrin eine Vision, von der die ganze Geschichte mitsamt ihrer Figuren gar nichts mehr wissen will. Einiges ist an dieser Arbeit schief gegangen, vieles wirkt gewuchtet, herbeigezogen, heruntergestürzt. Wohin Alpha eigentlich will, erschließt sich nicht mehr. Geht es um die Familie, die Menschheit, um Golshifteh Farahanis Charakter, die Beziehung zu ihrem Bruder, um die neue Stufe einer Existenz, die Endzeit? Vielleicht auch einfach nur ums Erwachsenwerden? Es geht um alles. Alles buttert Ducournau in ihren Film und stülpt eines über das andere, in zeitlichem Durcheinander und so, als müsste sie die krasse Exzentrik von Titane unbedingt noch einmal toppen; als stünde sie unter vehementem Druck, auf einem atemberaubenden Niveau zu bleiben, ganz in ihrer rauen, lauten, brutalen Manier. Durch die Dichte des Films geht dabei auch jegliche Feinheit verloren. Weder entwickelt sich die junge Mélissa Boros so recht in ihrer Rolle noch Farahani. Tahar Rahim hingegen lebt den ausgemergelten Expressionismus wie schon Joaquin Phoenix in Joker – das übersteigert sich noch und wirkt letzten Endes nur noch verkrampft. Womit wir beim eigentlichen Schlagwort wären, der die geröllige Physiognomie des Films als gemeinsamen Nenner unter enormem Kraftaufwand gerade noch trägt: Diesem Krampf erliegt dieses zerfahrene Erlebnis letztlich vollends.

Bei Titane hat sich Ducournau auf ihre Intuition verlassen, Raw war dagegen so angenehm unbekümmert in ihrer Methodik und voller Neugier auf sich selbst. Alpha ist pure Anstrengung aus dem Kopf heraus und vergisst dabei völlig, sich von Intuition und Gefühl leiten zu lassen.

Alpha (2025)

22 Bahnen (2025)

DIE ZUVERSICHT LIEGT IM SAFE SPACE

7/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: MIA MAARIEL MEYER

DREHBUCH: ELENA HELL, CAROLINE WAHL

KAMERA: TIM KUHN

CAST: LUNA WEDLER, ZOË BAIER, LAURA TONKE, JANNIS NIEWÖHNER, SABRINA SCHIEDER, LUIS PINTSCH, ERCAN KARACAYLI, BERKE CETIN, EDITH KONRATH U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der deutsche Film kann mit Genrekino nur bedingt etwas anfangen. Ausreißer gibt es immer, natürlich, doch meist ist es die lebensweise Tragikomödie mit viel Problemewälzen und dem Suchen nach einem Sinn im Leben. Die Schicksalsschläge sind meist erschütternd, es bleibt keine Auge trocken. Bestes Beispiel aus der jüngsten Filmgeschichte: Zikaden von Ina Weisse. Nina Hoss und Saskia Rosendahl übertrumpfen sich dabei gegenseitig, wer hier nicht das schwerere Los gezogen hat. Beide zusammen nehmen die gesamte bedrückende Schwere des deutschen Gegenwartkinos mit sich, auch wenn die Sommersonne hell vom Himmel brennt. Zu viel der Bedeutung, zuviel der Lebensberatung, zu nah an der Realität. Aber schön, dass die Deutsche Filmförderung gerade bei solchen Filmen ordentlich Budget springen lässt, andererseits lässt sich der Hang zum ewig ähnlichen Betroffenheitskino gar nicht erklären.

Mit geordneten Bahnen gegen das Chaos

Wie gerufen kommt da natürlich Caroline Wahl und ihr geschmeidiger Sozialrealismus, der sich mit Sicherheit ausgesucht und gleichermaßen gefällig liest. Bestseller sind das, die funktionieren auf der Leinwand natürlich genauso, ganz besonders mit Publikumslieblingen, die erst vor Kurzem schon auf der Leinwand zu sehen waren, um gelernte Gesichter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Eines muss ich dabei zugeben: Luna Wedler ist ein Gesicht, das vergisst man ohnehin nicht, auch wenn sie im Kino länger abstinent war, was letztlich nicht der Fall ist. Letztes Jahr noch im Marianengraben unterwegs, wird ihr das nasse Element schon noch vertraut sein, wenn diesjährig alles in geordneten Bahnen laufen soll. Es sind dieser nämlich 22, die ihre Filmfigur Tilda wenn möglich täglich schwimmen möchte – im sommerlichen Freibad, zu einer Uhrzeit, zu welcher noch nicht die halbe Schule das Planschen zelebriert, denn schließlich stehen die Ferien an, was dazu führt, das die um einiges jüngere Schwester Ida deutlich viel mehr Zeit im Dunstkreis der ewig besoffenen Mutter verbringen muss. Diese ist schließlich wie einst Harald Juhnke schwere Alkoholikerin, was sie selbst natürlich nicht so sieht. Männer wechselt sie wie Unterwäschen, die mütterliche Aufsicht wird tunlichst ignoriert und wenn es mal soweit kommt, und Mama schürt das Feuer am Dach, folgt das Entschuldigungsfrühstück auf dem Fuß. Tilda und Ida glauben längst nicht mehr dran, dass die Erwachsene in ihrem Haus noch irgendwann die Kurve kriegt. Also müssen sie sich zusammentun, sind gemeinsam das Ganze, und jede die Hälfte. Schöne Worte, die man gleich zu Beginn des Filmes hört. Und man folgt den Gedankengängen von Luna Wedler noch weiter, was beruhigend wirkt, einnehmend und sympathisch.

Das Problem dominiert nicht die Person

Sicherlich packt Regisseurin Mia Maariel Meyer auch hier eine ganze Bandbreite an Problemen aus, von Trauer und Verlust über Alkoholismus bis zum Fall für die Jugendfürsorge. Ganz schön belastend all das, und in Wahrheit will diese schweren Umstände niemand wirklich sehen, sind sie doch zu real, allgegenwärtig und alles andere als eskapistisch. Die andere Seite ist allerdings: Wahls Roman hat zwar all diese Schwierigkeiten zu bewältigen, beschäftigt sich aber viel lieber um ganze Charakterstudien als um das Hinbiegen von Missständen und Traumata. Vergleichbar ist 22 Bahnen mit dem intensiven Psychodrama Wenn das Licht zerbricht von Rúnar Rúnarsson, in welchem eine junge Frau den Tod ihres geliebten Menschen auf ungewöhnliche Weise verarbeiten muss. Dort liegt der Reiz des Films in der psychologischen Betrachtung einer ganzen Persönlichkeit, die sich in der Bewältigung eines Schicksals festigt. Wunderschön daher auch die zart skizzierte Beziehung zwischen einer atemberaubend authentischen und unprätentiösen  Luna Wedler und Jannis Niewöhner.

Dass Wedler heuer in Venedig den Marcello Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsdarstellerin für Stille Freundin mitnehmen konnte, ist mehr als verdient, gilt der doch auch irgendwie stellvertretend für ihr bisheriges Schaffen. Nicht zu übersehen in dieser Selbstfindung, die vom Safe Space eines jeden Menschen erzählt und davon, Veantwortung zu reflektieren, ist Jungstar Zoë Baier. Alle vier, einschließlich Laura Tonke, schaffen stimmungsvolles Schauspielkino mit Sinn für Menschenkenntnis.

22 Bahnen (2025)

Zikaden (2025)

LAUTER ZIRPEN ALS DIE ANDEREN

4,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: INA WEISSE

KAMERA: ANNETTE FOCKS

CAST: SASKIA ROSENDAHL, NINA HOSS, VINCENT MACAIGNE, THORSTEN MERTEN, CHRISTINA GROSSE, ALEXANDER HÖRBE, BETTINA LAMPRECHT U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Bei den Zikaden sind es ausschließlich die Männchen, die mit voller Dröhnung ihr Zirpen durch Wald und Wiese erklingen lassen. Das tun sie, um entweder Weibchen anzulocken oder ihr Revier zu markieren. Interessant, dass Ina Weisse gerade diese Gattung der Insekten zum Titel ihres Films gemacht hat, da doch zwei Frauen im Zentrum des Geschehens agieren. Vielleicht ist es dann doch nur eine Metapher darauf, sich selbst zu behaupten und aus dem Dickicht eines gemeinsam mit anderen Menschen geführten Lebens, in das man mehr oder weniger geworfen wird, hervorzutreten. Sei es nun akustisch oder auf andere Art. Ich nehme mal hin, dass mit diesen Zikaden wohl Nina Hoss und Saskia Rosendahl (u. a. Sterben) gemeint sind, auch wenn sie eben weiblich sind. Ihr Zirpen ist anfangs noch recht verhalten, man hört es vielleicht nur, wenn alles andere um sie herum verstummt. Irgendwann im Laufe des Films, der sich anfühlt, als würde er drei Stunden dauern, bleibt Zeit genug, um den Lautstärkepegel etwas aufzudrehen. Hoss und Rosendahl zirpen also, doch sie zirpen aneinander vorbei und scheinen nur kurze Zeit der falschen Annahme zu erliegen, dass dieses Geräusch der jeweils anderen gilt.

Oder zirpt vielleicht jemand ganz anderer – und die beiden Frauenfiguren in diesem sommerlichen Dilemma aus Schicksalen aller Art dürfen die Allgegenwart der Insekten als akustischen Richtungsweiser in sich aufnehmen? Beide laufen sich nämlich im ländlichen Brandenburg über den Weg, wo es ganz viel Wald und Wiese gibt. Die eine, Isabella, ist gescheiterte Architektin und kümmert sich um das elterliche Landhaus, das der eigene Papa, kein gescheiterter Architekt, damals eigenhändig aufgebaut hat. Jetzt ist der Patriarch ein Pflegefall und andauernd gibt es Zores mit den Heimhilfen. Die andere, Anja, ist überhaupt ein Mysterium. Alleinerziehend, in Untermiete bei anderen wohnend, die ihr die kalte Schulter zeigen. Und noch dazu gerade gekündigt. Mehr scheitern geht wohl kaum, doch da kann Isabella auch nochmal mitziehen, denn ihre Ehe steht kurz vor dem Aus. Beide haben nichts zu lachen, doch lächeln sich an, weil sie irgendetwas aneinander entdecken, das sie Leidensgenossinnen im Geiste werden lässt.

Ich hingegen kann diese Gemeinsamkeiten nicht entdecken. Vielleicht ist das Gemeinsame doch nur das Scheitern am Leben. Vielleicht ist es der Trotz der beiden, das Aufmüpfige, doch auch diese Verhaltensmuster sind nur vage konturiert. Womit Zikaden aber am meisten überfordert zu sein scheint, ist die Ambition, zwei parallele Existenzzustände zu entwerfen, die ihrer eigenen Biografie ausweichen. Ina Weisse, die schon in Das Vorspiel mit Nina Hoss zusammengearbeitet hat, verankert ihre Figuren bewusst nicht. Sie treiben durch ihre Leben ohne viel Bodenhaftung, vor allem Rosendahls Charakter der Anja ist ein einziges Fragezeichen, findet weder Ursachen noch wagt sich Weisse an das Innenleben dieser vielschichtigen, ambivalenten Person, deren Hintergründe wert gewesen wären, sie näher zu betrachten. Es scheint, als wolle dieser Sommer mit seinen Problemen und schicksalhaften Wendungen nicht enden, überall blickt Weisse nur ungenau hin, es fällt kaum möglich, sich zu fokussieren. Das Publikum wird von einer Tristesse in die nächste geschickt, alles Mögliche findet Erwähnung, nur nicht das Wesentliche – die Personen selbst.

In diesem komplexen, aber zunehmend langatmigen Wirrwarr aus aufeinanderfolgenden kurzen Szenen, die von Nina Hoss zu Saskia Rosendahl wechseln und wieder zurück und dabei vieles offen lassen, fragt man sich, warum hier zwei parallele Geschichten erzählt werden, die sich nur manchmal kreuzen, und nicht das Abenteuer einer beginnenden Freundschaft, die letztlich viel zu kurz kommt.

Zikaden (2025)