Therapie für Wikinger (2025)

HANDICAP FÜR ALLE!

7/10


© 2025 Rolf Konow / Neue Visionen


ORIGINALTITEL: DEN SIDSTE VIKING

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANDERS THOMAS JENSEN

KAMERA: SEBASTIAN BLENKOV

CAST: MADS MIKKELSEN, NIKOLAJ LIE KAAS, SOFIE GRÅBØL, LARS BRYGMANN, SØREN MALLING, KARDO RAZZAZI, NICOLAS BRO, LARS RANTHE, BODIL JØRGENSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Der wirklich ganzen kaputten Familie widmet sich der Däne Anders Thomas Jensen schon seine ganze künstlerische Laufbahn lang. Wer den Rehabilitationswahnsinn Adams Äpfel bereits kennt, wird erahnen können, an welchen Orten Jensens Reise stets Halt macht. In Men & Chicken kippt der Autorenfilmer ins Bodyhorror-Genre, was er sonst nie tut. Dafür wird es in Helden der Wahrscheinlichkeit geradezu zartbesaitet und nachvollziehbar emotional. Indem er aber immer mehr das Absonderliche als die selten errungene Normalität hinstellt, ist die Conclusio dabei in Therapie für Wikinger eine erfrischend radikale. Und entbehrt nicht einer gewissen todessehnsüchtigen Logik.

Lieber Arm ab als arm dran

Das beginnt schon damit, dass Jensen die zutiefst makabre Parabel eines Wikingerprinzen erzählt, der im Gefecht einen Arm verliert. Als dieser so sehr darunter leidet, nicht mehr vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, erlässt der König den Befehl, all seinen Untergebenen ebenfalls den Arm abzuschlagen – damit alle wieder gleich wären. Der Epilog gestaltet sich als geschmackvolle Animation im Stile anspruchsvoller Bilderbücher für Kinder, zum Glück nicht als hyperrealistisches Gemetzel. Die Botschaft aber ist trotz all der geopferten Extremitäten zum Wohle des Einzelnen kaum zu missverstehen: Die Normalität als einen Zustand zu betrachten, dem sich alle Welt anzupassen hat – dem scheint in Therapie für Wikinger niemand mehr wirklich folgen zu wollen. Jensen hinterfragt dabei am Beispiel einer heillos zerrütteten, auf tragische Weise ausgeglittenen Familie, ob die Normalität nicht der Wahnsinn an sich ist, während der Wahnsinnige alleine deswegen einer ist, weil die Normalität ihn erst dazu gemacht hat.

Auch der Hund liegt hier begraben

Auf dieser Logik aufbauend – und ja, sie ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man die Perspektive wechselt – stolpert Jensens Schauspielverwandter Mads Mikkelsen in einer höchst ungewöhnlichen Rolle ins verrückte Bild eines lakonischen Dramas: Es ist die einer Person mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung. Schließlich ist Manfred fest davon überzeugt, John Lennon zu sein. Dass er dabei weder Liedtexte schreiben noch musizieren kann, ist nicht von Bedeutung. Nicht mal die Brille entspricht jener des Beatle. Bruder Anker ist entsetzt. Der kommt, eingebuchtet für Bankraub, frisch aus dem Knast und will an sein vergrabenes Geld, von dem aber nur Manfred weiß, wo es versteckt ist. Nur: Manfred ist schwer zugänglich, alles Gewesene scheint er vergessen zu haben, nur nicht, dass Anker sein Bruder ist. Womöglich liegt der Schatz im ehemals trauten Heim der Familie. Dort angekommen, steigen verschüttete Erinnerungen hoch, alte Rechnungen wollen beglichen werden und gefühlt eine ganze psychiatrische Abteilung Ausgestoßener tanzt in der Einschicht an, um die Pilzköpfe neu zu gründen. Eine Methode, die als Therapie für Wikinger angesehen werden kann, gemäß des Märchens, dass nicht der Verrückte sich anpasst, sondern die Welt um ihn herum es tun muss.

Die Welt braucht viel mehr Sonderlinge

Die Idee dahinter ist so kurios wie grandios. Anders Thomas Jensen darf sich rühmen, einer jener Filmschreiberlinge zu sein, die den Geschichten ihren Stempel aufdrücken. Seine Filme sind auch dann erkennbar, wenn man gar nicht weiß, dass Jensen dahintersteckt. Ein Kolorit wie dieses muss man als Filmemacher erst mal zusammenbringen – und es eben auch wagen, gegen den Mainstream gebürstete Grotesken zu entwickeln, die keinesfalls schöntun wollen und das Abartige und nicht Gesellschaftsfähige liebgewinnen wollen. Mikkelsen und Nikolai Lie Kaas – auch immer wieder im Ensemble Jensens – haben Spielraum genug, um sich in ihren Rollen zu entfalten, die mitunter auch einiges an Bereitschaft fordern, um die dahinterliegende Tragödie auch empfinden zu können. Neben all den mitunter explizit gewalttätigen Wendungen, die Therapie für Wikinger während dieser Filmsitzung bereithält, überzeugt vor allem das Kunststück, die tiefschwarze Schwere eines überhaupt nicht komischen Traumas dennoch als eine von der Ironie des Schicksals liebkoste Tragikomödie darzustellen, die ihre Antihelden mit so viel Gegenliebe feiert, dass letztlich gar nichts anders in Frage kommt als nur die Methode, auch selbst Außenseiter zu werden, um jene, die immer schon welch waren, nicht allein zu lassen.

Therapie für Wikinger (2025)

In A Violent Nature (2024)

SCHWEIGEN IM WALDE

6/10


InAViolentNature© 2024 capelight pictures


LAND / JAHR: KANADA 2024

REGIE / DREHBUCH: CHRIS NASH

CAST: RY BARRETT, ANDREA PAVLOVIC, CAMERON LOVE, REECE PRESLEY, LIAM LEONE, CHARLOTTE CREAGHAN, LEA ROSE SEBASTIANIS, LAUREN-MARIE TAYLOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Anderswo, zum Beispiel in Mittelerde, würde eine armselige und durch die Sünde der Gier ins Monströse verzerrte Figur nach einem Schmuckstück suchen, das man am Finger trägt: Die Rede ist von Gollum und seinem Ring, seinem – wie er selbst nicht müde wird zu betonen – Schaaaatz, den später Frodo Beutlin um den Hals baumeln lässt. Jemanden sein liebstes Kleinod zu entwenden geht gar nicht. Und tatsächlich haben diese Kreatur des Gollum und die Kreatur eines Untoten, geistig zurückgebliebenen Riesenbabys mit historischem Feuerwehrhelm auf dem Kopf abgesehen von ihrer leidvollen Lebensgeschichte, die beide Wesen letztlich korrumpiert hat, gemeinsam: Diese seltsamen Existenzen kreisen jeweils um ein Artefakt, sie stehen und fallen mit ihm, es provoziert sie oder hält sie in Stasis. In letztere befindet sich die Ausgeburt eines untoten Psychopathen, Zeit seines Lebens jemand mit besonderen Bedürfnissen, dem in einer wenig aufgeschlossenen Kleinstadtgesellschaft übel mitgespielt wurde. Und zwar so sehr, dass diese diesen Johnny tödlich verunfallen ließ. Der Sturz vom Feuerwehrturm war der Anfang vom Ende, was danach kommt, der blanke Horror. Den so wie Gollum will Johnny nur sein Artefakt zurück, koste es was es wolle. Anders als der verkorkste Hobbit treibt ihn aber noch etwas anderes an: Vergeltung und eine daraus resultierende Blutgier.

So gräbt sich das humanoide und stets schweigsame Monstrum aus dem Waldboden und macht sich im Trott eines Spaziergängers auf die Jagd nach neureichen Bobo-Erwachsenen der Smartphone-Generation, die wenig Achtsamkeit kennen und wenn es darauf ankommt, bereitwillig das Opfer spielen. Das Ungewöhnliche an Chris Nashs Naturpark-Slasher ganz ohne Hütte im Wald ist die sorgsam eingepflegte Meta-Ebene eines gefahrvollen Ökosystems, getarnt als natürliche Idylle, in der für den urbanen Fortschrittsmenschen, der sich zunehmend von der Natur zu distanzieren scheint, unberechenbare Gefahren lauern. Die volatile, schwer verortbare Existenz eines Unheils in Gestalt des Schlächters Johnny lässt ihn vollends im entschleunigten, stillen Grün des Waldes aufgehen, wie das Alien in der mechanischen Düsternis der Eingeweide eines Raumschiffs. Diese Gefahr einer bösen Natur entspräche der Conclusio aus John Boormans Beim Sterben ist jeder der Erste. Nur statt den Rednex, die in einer greifbaren Realität das Unheil säen, schlendert in In a Violent Nature etwas Metaphysisches und nicht Reales durch den Forst, bestückt mit zentnerschweren Ketten, an deren Enden wuchtige Haken baumeln. Was Johnny damit letztlich anstellt, lässt Nash in so deftigen wie bizarren Gewaltspitzen münden. Und eines muss dabei klar sein: In a Violent Nature mag anmuten wie die Neuordnung eines längst etablierten Subgenres des Horrorfilms, sucht sich letzten Endes aber genau jene bewährten Versatzstücke zusammen, die Fans an diesen Filmen so lieben.

Anfangs sieht es auch so aus, als hätte der Film die Ambition, aus der Sicht des Antagonisten erzählt zu werden. Eine Idee, die aber nicht aufgeht. Und wenn, dann nur szenenweise, wie John Carpenter es getan hat, um Kultfigur Michael Myers in Halloween ins Spiel zu bringen. Später aber wechselt auch dort der Blickwinkel, um das Böse nicht zu entmystifizieren und auch um Identifikationsfiguren zu schaffen, die Johnny partout nicht darstellt. Aus diesem Grund muss Chris Nash umdenken, aus einem konsequent geplanten Experiment wird nichts. Letztlich bleibt In A Violent Nature ein Slasher wie alle anderen – blutrünstig und bedrohlich, dafür aber auch langsamer, in sich ruhender.

Der Kontrapunkt einer von wärmenden Sonnenstrahlen begünstigten, lieblichen Natur, akustisch begleitet durch das Gezwitscher zahlreicher Vögel, lässt den einsamen Killer als modernen Waldschrat oder wilden Mann in einer mystischen Anthologie der schweigenden, aber archaischen Schrecken noch ausgefuchster erscheinen.

In A Violent Nature (2024)

The Crow (2024)

RÄCHER IM REGEN

5/10


thecrow© 2024 LEONINE


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: RUPERT SANDERS

DREHBUCH: ZACH BAYLIN, WILL SCHNEIDER, NACH DER GRAPHIC NOVEL VON JAMES O’BARR

CAST: BILL SKARSGÅRD, FKA TWIGS, DANNY HUSTON, ISABELLA WEI, JOSETTE SIMON, SAMI BOUAJILA, LAURA BIRN, JORDAN BOLGER, KAREL DOBRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Eric Draven würde das Wetter, wie es sich gerade über Mitteleuropa hartnäckig hält, wohl liebgewinnen. Es regnet wie aus Kübeln, so richtig hell wird es auch nicht mehr. Es ist trist, stürmisch, gerne hört man dazu Nick Cave, Leonard Cohen und The Cure. Oder überzeugt sich davon, wie die Comicfigur der Krähe in einem Remake abermals die schwarzen Schwingen ausbreitet, um seine blutige Rache über all jene zu bringen, die ihm seine Liebste genommen haben. Es war das Jahr 1994, als sich Hauptdarsteller Brandon Lee beim Dreh des Films eine Kugel einfing – und daran starb. Eines der tragischsten Momente der Filmgeschichte ließ Alex Proyas‘ Verfilmung der Graphic Novel von James O’Barr zum Kultwerk der todessehnsüchtigen Gothic-Szene avancieren. Satte dreißig Jahre später, so meint Hollywood, sei es an der Zeit, die Alleinstellung der Neunziger-Fantasy aufzuheben und die ganze Geschichte mit den technischen Mitteln, die heutzutage zur Verfügung stehen, als State of the Art-Interpretation neu zu erzählen. Das kann man natürlich machen, wenn Hollywood sich das traut. Am besten mit Bill Skarsgård, der ja schon bewiesen hat, dass er als der womöglich bessere Pennywise Tim Curry die Show stehlen könnte. Warum also nicht auch Brandon Lee? Sein Vermächtnis bleibt ohnehin unangetastet, denn sieht man sich Skarsgårds Draven an, hat der wohl nichts mehr gemein mit dem zirkushaften Robert-Smith-Lookalike an der Grenze zum traurigen Clown in Schwarz und Weiß. Diese Krähe hier ist bunter. Diese Buntheit aber macht Rupert Saunders Blutoper aber willenlos generisch. Als würde dieser Film nicht genau wissen, wohin mit seinem Stil, falls er welchen hätte.

Der neue Plot ist etwas anders als der aus den Neunzigern, dafür aber stehen Eric Draven und Shelly nach wie vor als unglückliches Liebespaar ohne Zukunft im Mittelpunkt – beide Ex-Junkies, die aus einer Entzugsklinik ausbüchsen, nachdem finstere Schlipsträger der jungen Frau nachjagen, um sie vermutlich das Zeitliche segnen zu lassen. Was alsbald auch passiert. Shelly wandert in die Hölle, was ein bisschen an die altgriechische Sage um Orpheus und Eurydike erinnert. Ihr Platz dort im Hades ermöglicht dem ewig lebenden Bösewicht Vincent Roeg (Danny Huston) aber ewiges Leben – eine Methode, die dieser schon seit Jahrhunderten pflegt, nämlich junges Blut vorschnell über die Klinge springen zu lassen, um den eigenen Jungbrunnen zu bewässern. Auch Eric wird sterben, landet aber aufgrund dieser tragischen Umstände in einer Zwischenwelt voller Krähen. Von dort muss er wieder zurück in die Welt der Lebenden, wenn er Shelly retten will. Das Ziel: Alle um die Ecke bringen, die mit ihrem Tod zu tun haben.

Liebe, Trauer, Herzschmerz und brachiale Gewalt. Damit The Crow auch wirklich überzeugen kann, müsste eine Liebesgeschichte her, dessen Paar auch fühlt, was es vorgibt, zu empfinden. Bill Skarsgård mag als Pennywise alle Stückchen spielen – für eine vom Schicksal und der Dunkelheit gebeutelte unruhige Seele aus der Zwischenwelt, auf welche nur noch die ewige Verdammnis wartet, fehlt es an Welt- und Herzschmerz. Die Sehnsucht nach Shelly bleibt ein Lippenbekenntnis, der Hass allerdings ebenso. Skarsgård tut, was die Rolle ihm aufträgt, bleibt aber überraschend empfindungsarm. Dafür kann er seine physischen Wunden ganz gut fühlen, vor allem sein Erstaunen darüber, blitzschnell wieder zu genesen. Ein bisschen dürftig ist das schon. Ein bisschen dürftig agiert auch Sängerin FKA Twigs in ihrem Spielfilmdebüt – auch sie schmachtet und leidet nach Drehbuch. Es ist, als würden beide sich verschworen haben, Brandon Lees Status nicht streitig machen zu wollen. Als würden sie bewusst Abstand halten vor der Möglichkeit, durch ihr Spiel den Kult zu schmälern.

Nichts davon wird passieren – Rupert Saunders‘ unschlüssige Interpretation findet keine eigene Note, die Szenen des Films bleiben professionelle Routine, der explizite Showdown in der Oper bietet schwarzroten Blutzoll en masse und lässt Fans des John Wick-Franchise in Sachen Gewaltdarstellung neidvoll erblassen. Die Blutleere, die man beim Killer-Gemetzel mit Keanu Reeves wohl beanstanden würde, erfüllt sich zumindest hier. Das Ganze bietet wohl die aufreibendste Szene des Films, bleibt aber austauschbar und es ist mehr oder weniger egal, ob die Krähe nun Rache übt oder John Wick.

The Crow (2024)

Love Lies Bleeding (2024)

DIE HARTE UND DIE ZARTE

6,5/10


Love-Lies-Bleeding© 2024 Courtesy of A24


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: ROSE GLASS

DREHBUCH: ROSE GLASS, WERONIKA TOFILSKA

CAST: KRISTEN STEWART, KATY O’BRIAN, ED HARRIS, DAVE FRANCO, JENA MALONE, ANNA BARYSHNIKOV U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Würde Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll seinen silbernen Haarkranz so ungeniert wie ungehemmt wuchern lassen, hätte er nicht nur eine stattliche Mähne wie Guildo Horn, sondern würde auch so aussehen wie Ed Harris in Love Lies Bleeding, nur vielleicht etwas faltenfreier. Harris, gern gesehener Charakterdarsteller schon seit Jahrzehnten, gibt in diesem sozialpornografisch angehauchten Thrillerstück den mit einem ordentlichen Pensum an väterlichen Ratschlägen ausgestatteten Projektil-Zampano, dem auf diesem wüstenstaubigen Eck in New Mexiko scheinbar alles gehört – von der Muckibude bis zum Schießstand, auf welchem waffengeile Sozialfälle ihr Aiming checken. Dabei ist Harris ja gar nicht mal die wichtigste Figur in diesem Film, obwohl sich letztlich jedwede weibliche Aggression gegen ihn richten wird.

Wichtiger noch als das fiese Patriarchat sind die beiden jungen Frauen Kristen Stewart als Lesbe Lou und die durchtrainierte Martial Arts-Sportlerin Katy O’Brian als heimatlose Jackie, die durch die Gegend treibt wie herrenloses Gut auf bewegtem Gewässer. Zumindest aber hat letztere ein Ziel: Ein Contest im Bodybuilding, welches unweit in Las Vegas bald schon über die Bühne geht. Dafür trainiert sie in jenem Gym, welches nicht nur Lous Vater gehört – eben Ed Harris – sondern Lou selbst auch angestellt ist, um als Mädchen für alles auch mal verstopfte WC-Anlagen zu säubern. Mit einem geschmackvoll bebilderten Ringen um intakte Sanitäranlagen findet Regisseurin Rose Glass auch jene stilistische Bildsprache, die sich zwischen Gekotze, Blut und Garbage-Close-Ups durch den ganzen Film zieht. Man muss wissen, wie man solche Motive immerhin doch noch so in Szene setzt, damit sie einen gewissen anti-ästhetischen Wert haben. Überdies macht das Visuelle mehr als deutlich, auf welchen Niederungen der Gesellschaft wir uns eigentlich befinden. Lou und Jackie sind beide nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen. Die Sozialen Defizite lassen sich im besten Fall durch eine Romanze schönreden, die alsbald auch eintreten wird. Welch ein Glück, dass Jackie auf Lou genauso abfährt wie umgekehrt. Dem hitzigen Liebesleben würde nichts im Wege stehen, wäre da nicht Lous ekelhafter Schwager, der scheinbar nichts anderes verdient hat als endlich von der Bildfläche zu verschwinden. Ein Umstand, den Jackie letztlich herbeiführt – auf die brutale, gewalttätige Art, einschließlich explizitem Kieferbruch. Was folgt, sind Schwierigkeiten, die man sich eintritt, wenn man Kapitalverbrechen begeht. Und wenn man zu viel Steroide spritzt.

Rose Glass eklig-bunte Thriller-Romanze hat ihre besten Momente, wenn sie abtaucht in eine bizarre Welt aus surrealen Visionen und düsteren Erinnerungen. Katy O’Brians durchtrainierter Körper, gepaart mit dem Blähen ihrer Muskeln, lässt sie zum She-Hulk für die Übervorteilten, Zurückgelassenen und Ausgestoßenen werden, an ihrer Seite Kristen Stewarts introvertierte Verletzlichkeit und die verzweifelte Suche nach Ordnung und Gerechtigkeit in einer Welt, in der das provinzielle Faustrecht regiert. Und auch wenn das aus Schweiß, Blut und Tränen vermengte tragische Märchen ihre verzweifelten Kämpferinnen durch einen waffen- und gewaltstarrenden Parkour treibt, setzt sich Rose Glass nur unwillig mit den Biografien ihrer Protagonistinnen auseinander. Beide bleiben vom Schicksal hin- und her gestoßene, jedoch flache Gestalten, die stereotype Eigenschaften besitzen und deren Motivation für ihre Taten sich nicht immer erschließt. Dahinter als drohende Gefahr ein traniger Ed Harris, wie der gottgleiche Schurke aus Panos Cosmatos‘ Psychedelic-Oper Mandy. Wohin die Flucht letztlich gelingt – in der Vorstellung oder auch tatsächlich – hängt davon ab, welche Ambitionen Rose Glass antreibt. Es sind jene einer schillernden Verliererballade mit vertrauten Lyrics, bekannten Phrasen – und manchmal komplett quergedachten Impulsen, die Love Lies Bleeding immer wieder mal das gewisse Etwas verleihen.

Love Lies Bleeding (2024)

Monkey Man (2024)

VOM WILDEN AFFEN GEBISSEN

7/10


monkeyman© 2024 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DEV PATEL

DREHBUCH: DEV PATEL, PAUL ANGUNAWELA, JOHN COLLEE

CAST: DEV PATEL, SHARLTO COPLEY, PITOBASH, VIPIN SHARMA, SIKANDAR KHER, MAKARAND DESHPANDE, ASHWINI KALSEKAR, SOBHITA DHULIPALA, VIJAY KUMAR, ADITHI KALKUNTE U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Er fühlt sich an wie ein Bollywood-Actioner, ist es aber nicht. Monkey Man von und mit Dev Patel verortet sich zwar irgendwo in einer fiktiven indischen Megacity, genannt Yatana, trägt die Versatzstücke für einen Bollywood-Overkill aber, wie ihn moderne Subkontinent-Klassiker wie RRR bereits entfesselt haben, nicht wie einen Bauchladen vor sich her. Denn Dev Patel will nur eines: Dass sein Actionfilm sich selbst genügt und zu einer respektvollen und nicht verlachbaren Verbeugung vor jenen Mythen wird, mit denen er womöglich großgeworden ist. Und so taucht Monkey Man tief in die hinduistische Götterwelt ein, ohne Götter von irgendwo her aus ihren Parallelwelten zu rekrutieren. Diese bleiben Legenden, ohne sie vorführen zu müssen. All das, all diese Geschichten, nähren den Überlebenswillen des Monkey Man im Kopf. Mit dieser Motivation und jener, die er aus dem entsetzlichen Schmerz lukriert, den der gewaltsame Tod seiner geliebten Mutter mit sich gebracht hat, nimmt Dev Patel sein Schicksal und das vieler böser Jungs selbst in die Hand.

Was er entfacht, ist weitaus, dreckiger, blutiger und emotionaler, als es der stoische Keeanu Reeves mit dem Hang zur selbstironischen Übertreibung jemals angepeilt hätte. Bei John Wick sprechen die Projektilwaffen eine andere Sprache, nämlich die auf Distanz. Bei Monkey Man ist es der brachiale Nahkampf mit Fäusten, Scherben, Messern. Diese Nähe zum Gegner ist nicht nur Voraussetzung für intensive Martial Arts-Parcours, wie wir sie aus Gareth Evans‘ The Raid kennen, einem modernen Klassiker des asiatischen Metzelkinos, in welchem sich Uko Iwais durch ein ganzes Hochhaus schnetzelt. Diese Nähe zum Gegner entfesselt vor allem eine tiefgreifende, traumatisierte Sehnsucht: Die endgültige Konfrontation.

In diesem Willen und der manischen Pflicht, die Mörder seiner Mutter zu stellen, liegt die ganze Triebkraft von Dev Patels Film, der erstmals selbst Regie führt und gut daran getan hat, die Rolle des Kid gleichzeitig auch mit sich selbst zu besetzen. Auf diese Weise kann Patel die subjektive Idee seiner Figur ungefiltert ausleben und gestaltet diese zu einer Nemesis, die gut zu einer Underdog-Gesellschaft passen würde, die in der fiktiven DC-Metropole Gotham rund um Batman mit ihren eigenen Dämonen hadert.

In so einem Moloch verdingt sich Kid als affengesichtiger Prügelknabe bei illegalen Boxkämpfen. Stets muss er, so ist es mit seinem Auftraggeber Tiger (Sharlto Copley, die beiden kennen sich aus Chappie) vereinbart, auf die Matte gehen, ohne selbst zu gewinnen. Er tut dies, um erstens den eigenen Schmerz zu ersticken, und zweitens, um nebenher an einem Racheplan zu schmieden, der zum Ziel hat, den selbsternannten Guru Baba Shakti und seine rechte Hand, den Polizeichef Rana, welche die ganze Stadt unter ihre Kontrolle bringen wollen, hinzurichten. Dabei muss er sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Tellerwäscher zum gnadenlosen Rächer hocharbeiten, knüpft Beziehungen, manipuliert und unterwandert das verkorkste Etablissement des King’s Club, der als Umschlagplatz für Drogen, Geld und für sinistre Machenschaften der beiden genannten Antagonisten dient. Es ist ein langer, steiniger Weg bis zum Tag X, an welchem die beiden Unmenschen dran glauben sollen.

Welche Action Dev Patel dabei entfesselt, ist, als hätte nicht S. S. Rajamouli, sondern einer wie Danny Boyle einen Slumdog Millionaire zum Slumdog Avenger werden lassen. Schnelle Schnitte, entfesselte Kamera, getaucht in Neonlicht, in den fahlgelben Schein müder Straßenlaternen, in Staub, Schweiß und Dreck. Mit erstaunlichem Gespür für Timing und von jenen gelernt, unter deren Regie er bislang gestanden hat, behält Dev Patel die konzentrierte Mitte zwischen exotischer Opulenz, weihrauchstäbchengeschwängertem Mystizismus und der sichtbaren Überanstrengung menschlicher Körper, deren physisches Potenzial bis an die Grenzen geht. Das sichtbar Indische in diesem Film wird zur Energiequelle, auf welche sich der Monkey Man erst besinnen muss, darüber hinaus ist alles andere jedoch ein ort- und zeitloses Stück Actionkino mit Event-Charakter, in welchem die unstillbare Wut eines der Zukunft beraubten Kindes im Körper eines Erwachsenen zu brüllen anfängt. Als wildgewordener Affe, der gerne auch mal zubeißt, wenn sonst nichts zur Hand ist, bleibt Patel wenig zimperlich. Tendenziell so brutal wie The Raid, aber immer noch gefälliger, sterben die Bösen explizite Tode. Die Unkaputtbarkeit eines John Wick weicht eines verausgabten, keuchenden Hanuman. Dass das Schauspiel durchaus immersiv wird, liegt auch an einem ausgewogenen, pointierten Score von Jed Kurzel, der indische Rhythmen mit erdigem Synthie-Score verbindet, manchmal gar mit Radio-Klassikern daherkommt und die gewaltsamen Szenen stimmig konterkariert.

Diese Stimmung ist es auch, die ihr Level hält. Natürlich können geradlinige Rachegeschichten wie diese, die nicht auf der Klaviatur melancholischer, französischer Noir-Gangsterfilme spielen, sondern Gut und Böse klar auf simple Weise voneinander trennen, nur zu einem einzigen Ziel führen, um zu entladen, was sich im Laufe der Handlung alles aufgestaut hat. Das ist ein gängiges Konzept, kann aber, wie man sieht, angenehm anders variiert werden. Man muss den Anti-Helden in seiner alles entpriorisierenden Todessehnsucht nicht überhöhen, man kann ihn Mensch oder Tier sein lassen, niederen Instinkten folgend, ohne ihn auf angeberische Weise seinen Krawattenknoten richten zu lassen, nachdem der Bösewicht besiegt ist. Monkey Man macht das. Sein tragischer Affe ist alles andere als Bingo Bongo, er könnte ein mythischer Superheld sein. Mit Kräften, die aus sich selbst heraus entstehen.

Monkey Man (2024)

Silent Night – Stumme Rache (2023)

EIN MANN SIEHT WEIHNACHTSROT

4/10


silent-night-2023© 2023 Leonine


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JOHN WOO

DREHBUCH: ROBERT ARCHER LYNN

CAST: JOEL KINNAMAN, KID CUDI, CATALINA SANDINO MORENO, HAROLD TORRES, VINNY O´BRIEN, YOKO HAMAMURA, ANTHONY GIULIETTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Freunde der abseitigen Seasons Greetings auf der Leinwand werden sich noch erinnern können, wie Stranger Things-Star David Harbour vorletztes Jahr als martialischer Weihnachtsmann in Violent Night ungeladene Gäste der Reihe nach und auch blutig genug ins Jenseits beförderte. Violent Night – ein keckes, gar silbentreues Wortspiel. Der Weihnachts-Faktor, sofern sich dieser bemessen ließ, war hoch genug und deutlich höher als bei Stirb langsam, an welchem sich die Geister scheiden, ob er nun in dieses spezielle Genre passt oder nicht. Santa Claus mochte in Tommy Wirkolas actiongeladener Zuckerstange viel Gutes im Schilde geführt haben – allerdings war der Umstand, böse Jungs zu bestrafen, nichts, was der Allmächtige tadeln hätte wollen. Der Equalizer würde das genauso sehen.

Nach Wirkola folgt nun Altmeister John Woo. Die im Jahreskalender der Kinos pflichtmarkierte Actionhülse durfte schließlich auch 2023 nicht fehlen. Diesmal aber ganz ohne Wortspiel. Schlicht und ergreifend als Silent Night – Stumme Rache betitelt, liegt der Clou dieses Streifens darin, gänzlich auf Dialoge zu verzichten. Fast wie Mel Brooks‘ Silent Movie, nur mit Geräuschkulisse. Ein Kniff, der zuletzt im Alienhorror No One Will Save You seine Anwendung fand (zu sehen auf Disney+). Das Donnern von Explosionen, fauchende Projektile und die akkurat gesetzte Handkante muss natürlich den Ton angeben, denn was ist ein Actionfilm ohne Sound Design. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Joel Kinnaman als trauernder Familienvater, der im sonnigen Süden der USA das Weihnachtsfest 2022 im Garten seines Anwesens verbringt. Da liefern sich rivalisierende Banden, wohl kaum im Bewusstsein, welcher Tag heute ist, jenseits des Gartenzauns einen Shootout. Eines dieser Projektile trifft den siebenjährigen Sohnemann tödlich. Kinnaman läuft den Gangstern hinterher, durchschwitzt dabei seinen blutverschmierten Rentierpulli, kann nicht mehr klar denken, denn sonst würde er wohl abschätzen können, dass die Wut in dessen Bauch niemanden der bösen Jungs davon abhalten würde, auch ihm den Rest zu geben. Letztlich wird auch er erschossen. Die Kugel tötet ihn zwar nicht, lässt ihn aber verstummen. So plant der finstere, trauernde und wortlose Normalo ein Jahr lang seine Rache – ganz zum Leidwesen der verzweifelten Ehefrau und Mutter, die nicht zu ihrem Gatten durchdringt.

Mehr gibt der Plot von Silent Night – Stumme Rache dann auch nicht her. Das alles ist ein klarer Fall für ein Sequel von Ein Mann sieht rot, Death Wish oder überhaupt eine Neuinterpretation des ganzen trivialen Musters, unbedingt und fast schon erzwungenermaßen getrimmt auf saisonalen Charakter, wie sie Weihnachtsfilme eben haben. Nur spürt man davon nichts. Silent Night – Stumme Rache kann, noch viel mehr als Stirb langsam, überall und irgendwann spielen. Das Übrige ist die Routine eines Rache-Plots, angereichert mit pathetischen Sequenzen, wie sie John Woo gerne inszeniert. Es fliegt viel Blei durch die Gegend, es spritzt das Blut in mehr oder weniger expliziter Martial Art. Es ist ein Film, der allein schon durch das durchschnittliche Spiel von Joel Kinnaman den Moment verpasst, am Zuschauer anzudocken. Die Schlachtplatte am Heiligen Abend zieht vorbei wie der Rentierschlitten am Firmament, weder gelingt die emotionale noch die Thrillerschiene. John Woo lässt es krachen, keine Frage. Für den Moment vielleicht befriedigend, darüber hinaus aber viel zu simpel und schmerzlich vorhersehbar.

Silent Night – Stumme Rache (2023)