Black and Blue

DIENST NACH GEWISSEN

5,5/10

 

black-and-blue© 2019 Sony Pictures GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEON TAYLOR

CAST: NAOMIE HARIS, TYRESE GIBSON, FRANK GRILLO, MIKE COLTER, REID SCOTT U. A.

 

Trau ihm, er ist ein Cop – so hieß der begleitende deutsche Untertitel des Polizeithrillers Internal Affairs aus den Neunzigern mit Andy Garcia und Richard Gere als schlimmem Finger. Spätestens seit damals ist uns Filmnerds klar: die Exekutive, die für Recht und Ordnung sorgt, dein Freund und Helfer in allen öffentlichen Lebenslagen, der meint es nicht immer gut. Vor allem nicht dann, wenn Profit im Spiel ist, das Geld der Bösen lockt und der Schlüssel zur Aservatenkammer locker in der Hand sitzt. Drogen sind auch gern gesehen, deren Handel gebilligt, sofern der Schnee nicht auf die blauen Schultern fällt. Kommt irgendwas ans Licht, gibt’s einen Triple 9 – folglich Tod der Schurken durch Notwehr, angeblich. Die meisten sind aber ohnehin rechtschaffen, tragen das Gesetz am rechten Fleck und verbiegen es nicht. Im Laufe von Filmen wie diesen sind das aber genau jene, die zum Handkuss kommen, und die, die das Gesetzt verdrehen, sitzen am längeren Hebel, weil sie ein besseres Netzwerk haben als so ein junges Greenhorn wie Naomie Harris. Miss Moneypenny ist hier als blauuniformierte Streifenpolizistin unterwegs, die ihr jugendliches Gossenleben hinter sich lässt und nach ihrem Einsatz in Afghanistan einen Neustart wagen will.

Wie es Copthriller wie diese eben wollen, fällt für die Hauptfigur aller Anfang schwer. Alicia, so heisst die brave Gesetzteshüterin, darf Zeuge davon werden, wie genau das Drogendezernat mit verdächtigen Subjekten umgeht. Und zwar nicht sehr zimperlich. Die Methode lässt sich auch gut und gerne auf unliebsame Augen- und Ohrenzeugen erweitern, vor allem dann, wenn diese eine Bodycam mit sich herumführen, die alles brav in Farbe festgehalten hat. Was folgt, ist natürlich ein Katz-und-Maus-Spiel. Niemandem ist mehr zu trauen und Naomi versucht, wo es nur geht, sich zu verstecken. Tyrese Gibson als brummeliger Ex-Krimineller, der, geläutert und resozialisiert, Schichtdienst im Supermarkt schiebt, wird auch irgendwann wichtig und gibt dem sonst sehr vorhersehbaren Thriller eine  – sagen wir mal so – gewisse Starthilfe in eine recht geschmeidige Richtung. Denn Gibson ist auf seine Art von einnehmender Vertrauenswürdigkeit, und zu sehen, wie der Schrank von einem Mann drauf und dran ist, sich abermals in gefährliche Situationen zu begeben, geht nicht ohne Bangen ab. Also hofft man, das für ihn alles gut ausgeht. Es sei Harris aber verziehen, den Kerl mit in die Sache hineingezogen zu haben, denn beide sind ein recht gutes Gespann. Dieses Buddy-Movie-Element im spaßbefreiten Stile von „Freunde in der Not“ macht den Streifen vor allem recht menschlich und von der Seite der Guten her angenehm aufrichtig.

Black and Blue könnte auch genauso gut Black and White heissen, da die Grenzen sehr klar gezogen sind. Die Guten und die Bösen. Grauzonen gibt es nur alibihalber. Wir wissen, woran wir sind. Klar spielt Frank Grillo nur den Oberbösling, was könnte der Mann mit der einschlägigen Visage eines Antagonisten denn sonst noch spielen? 100 Meilen gegen den Wind wird klar, welche Bullen zur inoffiziellen Sorte gehören. Da strengt sich Regisseur Deon Taylor nicht wirklich an, das läuft alles nach stereotypem Schema. Aber gut, dank dem ungleichen Pärchen lässt sich Black and Blue als brauchbarer Actionthriller, der nicht sonderlich aufwühlt, als Absacker nach einem aufwühlenden Tag durchaus genießen.

Black and Blue

Angel has fallen

SCHMERZ IST WAS FÜR WEICHEIER

6/10

 

angelhasfallen© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

CAST: GERARD BUTLER, MORGAN FREEMAN, NICK NOLTE, DANNY HUSTON, JADA PINKETT SMITH, TIM BLAKE NELSON, PIPER PERABO U. A.

 

Der Actionfilm steckt ein bisschen in der Sinnkrise. Entweder behelfen sich die Macher aktuell mit den guten alten Skills der Achtziger und lassen auch entsprechend grobkantige Stereotypen wieder auferstehen – oder sie mixen plakative Kalauer mit überzeichnetem Bombast, der das klamaukige Abenteuer vertritt, am Liebsten mit Dwayne „The Rock“ Johnson, der ja an sich sehr sympathisch ist, nicht umsonst hat er die meisten Follower auf Instagram. Was das Actionkino wiederum in Fernost bietet, ist ein ganz anderes Kaliber, da wird mit härteren Bandagen gekämpft, da ist das Publikum ganz andere Prioritäten gewohnt. Wo Martial Arts zuhause ist, wird bei Sichtung von Filmen wie The Raid sonnenklar. Stirb langsam war für Übersee-Begriffe wohl die unerreichte Benchmark – und bleibt es bis heute. Daran hätte bislang nur Gerard Butler als Mike Banning im Erstling Olympus has fallen zumindest ansatzweise etwas ändern können. Antoine Fuquas Belagerung des Weißen Hauses war in seiner Konsequenz und mit all seinen Opferzahlen die Tabula Rasa-Version für den Actionfilm der 2010er Jahre. Die Nachfolger des Mike Banning-Franchise allerdings weniger. London has fallen war wieder genauso austauschbar und nichtssagend wie gefühlt mehr als die Hälfte aller Actionfilme, die momentan so produziert werden. Größte Schwachstelle: der Antagonist. Unglaubwürdige Sinneswandlungen, sarkastisches Dauergerede und undifferenzierte Boshaftigkeit, vor allem aber irgendwelche abstrusen Ideale ziehen ansatzweise gute Plots in einen Mahlstrom cineastischer Reißbrett-Verhaltensmuster. Kawumm alleine reicht schon längst nicht mehr. Im Actionkino, das für Schauwerte auf das unserer Realität inhärente Spektrum an Möglichkeiten zurückgreifen muss und sich nicht auf Phantastisches verlassen kann, muss, und das scheint wichtiger als jeder Stunt, ein plausibler Plot für Spannung sorgen können. Irgendwie geht das nicht mehr, denn alles, was das Genre in seinem Bauchladen haben kann, war schon mal da.

Überrascht hat zuletzt Luc Besson mit seinem Actionfilm Anna. Das gleiche Thema wie eh und je, aber er hat es geschafft, sein Muster zu variieren, Wieso gelingt das im gängigen Elite-Actionkino nicht? Fragen wir den Stuntman und Filmemacher Ric Roman Waugh, ob er eine Antwort weiß. Denn der hat nämlich heuer das zweite Sequel der Banning-Eskapaden verfilmt. Und ehrlich gesagt: so richtig rund fällt seine Antwort auch nicht aus. Angel has fallen ist zwar deutlich stärker als der Vorgänger, doch letzten Endes verfällt Waugh genau den gleichen Schnittmustern, denen andere Actionfilme ebenso verfallen. Doch ich muss fair bleiben – Angel has fallen macht als Bodyguard-Version von Auf der Flucht längst nicht alles falsch. Schon gar nicht in Sachen Schauspiel. Gerard Butler gibt den Actionhelden, der eigentlich keiner mehr sein will, noch kaputter und psychisch geräderter als es Bruce Willis je war. Sein Mike Banning leidet an Schlafkosigkeit, Angstzuständen, Kopf- und Rückenschmerzen – der jüngste ist er auch nicht mehr. Diese Attitüde des Desolaten macht den Film an sich kerniger, erdiger, nicht so überzeichnet heroisch. Ihm zur Seite: ein rauschebärtiger, völlig nonkonformistischer Nick Nolte – das verschrobene Highlight schlechthin. Die beiden passen gut zueinander, ihre gemeinsamen Szenen sind das Beste, was der Film hergibt, die sehe ich lieber als das ganze Projektilgewitter, dass auf den Zuseher natürlich noch hereinbrechen wird. Und Morgan Freeman? Der ist freilich auch schon älteren Semesters und wirkt wie die afroamerikanische Ausgabe des Österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen. Dabei wäre es witzig, sich den Ex-Grünenpolitiker mit Hang zu Nikotin (raucht er noch?), Hunden und politischer Zuversicht in einem Actionfilm wie diesen vorzustellen. Nun – es geht! Erstaunlich gut sogar 😉

Angel has fallen

6 Underground

BLEIBEN SIE DRAN BIS NACH DER WERBUNG

2/10

 

6-underground© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: MICHAEL BAY

CAST: RYAN REYNOLDS, MÉLANIE LAURENT, DAVE FRANCO, ADRIA ARJONA, COREY HAWKINS, MANUEL GARCIA-RULFO U. A.

 

Durch das viele Streaming auf diversesten Plattformen und dem individuellen Zusammenstellen des Abendprogramms verlieren Werbeblöcke immer mehr an Bedeutung. Wer tut sich das heute noch an, einen Film auf einem Privatsender zu sehen, der mindestens dreimal von fünfminütigem Werbegedusel unterbrochen wird? Abgesehen vom Show-affinen Publikum wohl niemand mehr. Kommt der Film also nicht zur Werbung, muss die Werbung in den Film: Product-Placement. Und niemand nimmt hier so wenig ein Blatt vor dem Mund wie Michael Bay. Penetranter kann man Produkte nicht präsentieren, maximal bei James Bond war das so, aber Michael Bay rückt Whiskey, Kaffee und Uhrenmarken so dermaßen großformatig ins Bild, als würde er uns damit erschlagen wollen. Gusto auf Kaffee bekomme ich dennoch nicht, und die Digitaluhr meines Receivers zeigt mir ohnehin an, wie spät es ist – oder wie lange dieser Film, den ich mich bar jeder Vernunft entschieden habe, zu Ende zu gucken, noch dauern wird.

Dabei hat Michael Bay anfangs gar nicht mal so schlechte Filme gemacht. Das Handwerk hat meist gestimmt. The Rock mit Sean Connery war da noch ein richtiger Knüller, Pearl Harbour punktete abgesehen vom vielen Pathos mit ordentlichen Schauwerten und Pain & Gain war zwar heillos überzeichnet, dafür aber im Ganzen stimmig. Die Transformers-Filmreihe erwähne ich aber lieber nicht. Ich denke ich lehne mich da nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass dieses CGI-Gekloppe neben der unsäglichen Police Academy wohl für die schlechteste Filmreihe aller Zeiten herhalten muss. Und jetzt hat Michael Bay eine Stange Geld von Netflix in die Hand gedrückt bekommen, um zu machen, was er eben gerne machen will, weil es ohnehin schon egal ist, weil Kaffee, Uhren und Whiskey ohnehin schon ordentlich Bares auf den Tisch gelegt haben. Bei 6 Underground klappt einem durchaus die Kinnlade herunter, aber die ist schon bei Armageddon der Schwerkraft erlegen, und das sicher nicht, weil das Werk so gut war. Es ist auch schon wieder eine Art Kunst, einen durchschnittlichen Action-Plot (The Expendables ohne Bezahlung oder Rachegeister, die keiner gerufen hat) aus der Feder der Deadpool-Autoren so dermaßen ins Groteske zu verzerren, dass man beim Sichten des Filmes das Gefühl hat, am Restless-Leg-Syndrom zu leiden. Mit anderen Worten: ständig in ruheloser, unkoordinierter Bewegung, und auf äußerst unangenehme Weise. Bay kombiniert triefenden Gegenlicht-Pathos vor ganz viel Sunset mit fehlplatzierten Gore-Elementen und einer Werbeclip-Schnittästhetik, die eigentlich für 30 Sekunden-Spots gedacht ist, nicht aber für ein 2-Stunden-Monstrum wie dieses. Inmitten dieses Mischmaschs hypernervösem Krawumm und kreischigem Bumm Bumm ein stereotyper Ryan Reynolds, der sich in ein Deadpool-Sequel wünscht. Mélanie Laurent aber hat sichtlich Spaß, denn sowas in der Art hat sie noch nie gemacht.

6 Underground ist wie ein Indoor-Spielplatz für Erwachsene, auf die keiner ein Auge hat. Dass das ins Auge geht, zumindest dramaturgisch, ist nur die logische Folge. Platte Actionfilme gibt es natürlich wie Sand am Meer, aber solch einen noch dazu so aufzupolieren, als wäre er etwas Besonderes, ist so faszinierend wie Trash Marke Dschungelcamp, bei dem man genauso wenig wegsehen kann.

6 Underground

Anna

BESSONS NEXT TOP MODEL

7/10

 

ANNA© 2019 Studiocanal GmbH

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LUC BESSON

CAST: SASHA LUSS, HELEN MIRREN, LUKE EVANS, CILLIAN MURPHY U. A.

 

Kultregisseur Luc Besson (wir schätzen Ihn, so denke ich, alle für Im Rausch der Tiefe, Leon der Profi, Nikita und Das fünfte Element) hat eindeutig ein Faible für Frauen eines ganz speziellen Schlages. Diese Damen können kämpfen, sind tough, überaus intelligent, draufgängerisch, bildschön und verführerisch. Haben gelitten, und lassen jene zahlen, die sie misshandelt haben. Die Liste von Bessons Top-Models ist lang – Anne Parillaud, Milla Jovovich, Rie Rasmussen, Scarlett Johansson, Cara Delevingne – und aktuell: Sasha Luss. Bis auf Parillaud und Johansson kamen alle vom Catwalk zum Set, die Brücke vom Model zur Schauspielerin ist in vielen Fällen keine schwer zu überwindende, denn als Model braucht man schon ein gewisses Gespür für Selbstinszenierung. Das hat Besson bemerkt, und sein Stil ist nun mal, atemberaubende Weiblichkeit waffenbewehrt in Szene zu setzen, wenn möglich mit Strumpfband und knappen Kostümen. Das hat schon wieder etwas von Manga, und, was wir auch wissen: Besson ist ein leidenschaftlicher Comic-Fan – so gesehen zum Beispiel in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten. Seine ikonischen Ladies sind zu Überwesen stilisiert, zu einsamen Assassininnen oder mythischen Geschöpfen, feuern gerne mit zwei Pistolen in unterschiedliche Richtungen, während sie Gänge entlangspazieren als wären sie am Laufsteg. Sie sind längst nicht mehr das schwache Geschlecht und mindestens so brutal wie das siegesverwöhnte Patriarchat. Die Männer, die sind in diesen kontrastierenden Frauen-Filmen meist schwaches Beiwerk, das den Reizen der göttlichen, schier unverwundbaren Anmut der Weiblichkeit erliegt. Und gar nicht anders kann als ihr hörig zu sein.

Anna ist genauso eine Gestalt – anfangs ein Junkie aus der Gosse, fast schon gebrochen, und dann so tödlich wie das schärfste Sushi-Messer. Warum diese Wandlung? Ganz einfach: Anna ist eine Russin, und natürlich wird sie vom KGB rekrutiert, denn viele Alternativen bieten sich ihr nicht. Einmal KGB, immer KGB, das soll sich dann später als determinierte Zukunft erweisen, obwohl Anna schon fest damit gerechnet hat, nach 5 Jahren „frei“ zu sein. Frei ist die gertenschlanke Blondine nämlich noch nie gewesen – und umso mehr ist der Drang nach Selbstbestimmung a la longue ein kaum zu unterdrückender. Und nachdem sie auftragskillend und durchaus blutig durch Paris zieht, sind die späteren Leichen, die ihren Weg pflastern, unwillkommene Hindernisse, die ihren Ambitionen im Weg stehen. Und außerdem gibt es da noch Liebhaber sowohl beim amerikanischen als auch russischen Geheimdienst.

Was Luc Besson schon des Öfteren erzählt hat, wärmt er neu auf: die eingangs erwähnte Mär der Femme fatale gegen die tumbe, sinistere Männerwelt. Was Luc Besson aber neu erzählt, ist der Connex zum fast schon autobiographischen Ursprung seiner Hauptfigur – die Welt des Model-Biz. Schon wähnt man sich in einer Ausgabe von Germanys Next Top-Model und rechnet damit, dass Heidi Klum jeden Moment um die Ecke stakst. Die Fotografen sind allesamt die größten Arschlöcher unter dem Blitzlicht, und die Mädels leben alle zusammengepfercht in einer heruntergekommenen WG als wären sie Opfer ruchloser Menschenhändler. Natürlich trägt Luc Besson dick auf, hat nicht die geringste Lust zu differenzieren und kleistert seinen Film mit ordentlich deckenden Fingerfarben zu. Nichtsdestotrotz: Anna ist dennoch gelungen. Ein Thriller auf Zug, der keine Gefangenen macht und mich mehr besticht als David Leitchs Killerthriller Atomic Blonde mit Charlize Theron. Musikalische Ohrwürmer sind bestens platziert und Sasha Luss kann man schauspieltechnisch überhaupt nichts vorwerfen – ganz im Gegenteil. Keine Frage, vieles war bereits in unzähligen anderen Filmen Thema, doch wie gesagt: Der Aspekt des metzelnden Models und die alles andere als chronologische, zersplitterte Erzählweise, die zwischen den Zeiten hin und her pendelt wie die wechselnden Fronten in diesem Projektil-Märchen und dabei einfach nicht erlaubt, dass sich der Plot erraten lässt, lassen Bessons aktuelle Lustwandelei rund um Kreml und Eiffelturm zielgenau punkten.

Anna

Terminator: Dark Fate

EIN FRANCHISE WIDER WILLEN

5,5/10

 

terminatordarkfate© 2019 Twentieth Century Fox Deutschland

 

LAND: USA 2019

REGIE: TIM MILLER

CAST: MACKENZIE DAVIS, NATALIA REYES, LINDA HAMILTON, ARNOLD SCHWARZENEGGER, GABRIEL LUNA U. A. 

 

Alles begann mit einem ultrabrutalen, schnellen Actionthriller, der wie aus der Pumpgun geschossen das Publikum von den Kinostühlen schmiss. So einen Blockbuster will man als Studio natürlich nicht schubladisieren, sondern die Kuh melken, bis sie keine Milch mehr gibt. Für die Fortsetzung des Erstlings aus den Achtzigern hat James Cameron sieben Jahre verstreichen lassen. Es wäre wegen den Effekten gewesen – die dann auch noch die Benchmark der perfekten Illusion neu setzten. Cameron hat die relativ trashige, geradlinige Story in einer ebensolchen geraden Linie (Oscar für das komplexe Drehbuch gibt es keinen) zu einer geschmeidigen Fortsetzung und auch zu einem Ende geführt, welches im Extended Cut noch eines draufsetzt, sodass keiner mehr an dem Terminator-Mythos herumfriemeln kann. Ich war selbst recht verwundert, als ich zur Einstimmung für Terminator: Dark Fate diese Schnittfassung vor den Latz geknallt bekam. Und mit ansehen musste, wie mehrere Dutzend Jahre später Sarah Connor als rüstige Oma ihrem Sohnemann am Rande eines Spielplatzes dabei zusieht, wie er sich mit seinem Nachwuchs vergnügt. Ende der Geschichte. Ein paar sinnige Worte aus dem Off und das Franchise rund um den Terminator hätte mit diesem eher kitschigen Ausklang wirklich ins Archiv aufgenommen werden sollen. Gut, dass womöglich kein geringer Prozentsatz der Zielgruppe nicht weiß, dass es dieses Ende überhaupt gibt. Die Verwirrung wäre groß. Und tatsächlich wurde dieses seltsam kitschige Ende, wie auch aktuell Teil III, IV und V, einfach ignoriert. Womöglich besser so, denn das Terminator-Universum ist gelinde gesagt das beste Beispiel dafür, wie man ein Franchise tüchtig vermurksen kann. Bislang ist das Ganze zu einem Herumgepansche geworden, das für seinen Story-Mix wohl nicht ohne Golden Raspberry den Saal verlässt. Nichts passt mehr irgendwo zusammen, das reinste Patchwork, unvernäht bis in die Deckenfransen. Also Schlussstrich und anknüpfen an Teil 2.

Gesagt getan – entstanden ist im Grunde genommen ein Reboot derselben Geschichte. Wieder fallen zwei kybernetische bzw. teilkybernetische Rivalen in blitzezuckenden Energieblasen vom Himmel. Wieder sind sie nackt, und wieder jagt der eine, während die andere beschützt. Ja, auf der Beschützerseite ist diesmal eine Frau (die Terminatrix aus Teil 3 hatten wir schon, aber die hat es ja nach aktuellem Kanon nie gegeben), gespielt von der faszinierenden Mackenzie Davis, der man von Herzen danken muss dafür, dass Terminator: Dark Fate zumindest schauspielerisch kein totales Verlustgeschäft geworden ist. Ihre Figur der burschikosen Grace hat eine einnehmend gehetzte, verbissene Aura, wandelt von totaler Erschöpfung bis zur Raserei. Alleine dafür ist der offizielle sechste, aber insgeheim dritte Teil durchaus einen Kinogang wert. Was man am wenigsten von Linda Hamilton sagen kann. Aber die in ansehnlicher Würde herangereifte Dame sorgt für einen Effekt, den normalerweise Stargäste bei der Comic Con haben: Ikonen aus vergangenen Jahrzehnten haben den Kult auf ihrer Seite, auch wenn sie ewig nichts mehr gedreht haben. Mit dem Schauspielern tut sie sich rotzdem schwer. Arnold Schwarzenegger auch, aber der hat nur das mimische Soll eines T800 zu erfüllen. Was die beiden in diesem Film eigentlich verloren haben? Eigentlich nichts, denn erzählt wird ein ganz anderes, komplett neues Szenario. Und dieses Aufeinandertreffen der alten und neuen Riege fühlt sich ungefähr so an wie damals, als Jean-LucPicard auf den altehrwürdigen Captain Kirk in Star Trek VII traf. Dabei ist es halt rührend, jene, die uns in Jugendzeiten fasziniert haben, noch mal aufspielen zu sehen. Extended Cameos, würde ich sagen – die Story bringen sie nur bedingt weiter. Die hat Mackenzie Davis im Griff. Und Deadpool-Macher Tim Miller, der natürlich und völlig erwartet eine ordentliche Materialschlacht mit vorwiegend fahrbaren Untersätzen vom Stapel lässt. Fast & The Furious? Mad Max? Ja, ein bisschen. Und mittendrin der altbekannte Killerroboter mit stierem Blick, unzerstörbarer denn je. Dieses Hin und Her einer Hetzjagd ist genau das, was das Terminator-Franchise vorne und hinten abgrenzt. Die Zukunft, die Vergangenheit, irgendeine biographische Storyline von John Connor – will keiner sehen. Weil Terminator das ist, was es ist – ein Killerthriller aus den Achtzigern, der sich nicht ausbauen lässt, und wenn, dann nur mit dem Verblüffungsfaktor von flüssigem Metall.

Letzten Endes aber bekommt ein relativ vorhersehbares Krawallszenario tatsächlich noch soweit die Kurve, indem das Kaputtkriegen des Antagonisten zu einer Kraftanstrengung sondergleichen wird. Selten ist die Zerstörung von etwas geradezu Vollkommenen so eine Mordsdrumm Kraftarbeit – wirklich, das muss man gesehen haben. Aber mehr dann auch wieder nicht. Und es wäre jetzt gerade richtig, mit diesem filmischen Epilog die Sache einfach abzuschließen. Bevor sich wieder jemand die Energiekugel gibt.

Terminator: Dark Fate

Gemini Man

DIE SMITH-IDENTITÄT

5/10

 

null© 2019 Paramount Pictures, Skydance and Jerry Bruckheimer Films

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANG LEE

CAST: WILL SMITH, MARY ELIZABETH WINSTEAD, CLIVE OWEN, BENEDICT WONG U. A.

 

Will Smith, der grundsympathische Gutmensch, der niemals auch nur im Traum daran denken würde, die Rolle eines Antagonisten zu übernehmen, weil das sein Fanpublikum einfach nicht sehen will, ist auch schon in die Jahre gekommen. Dass bisschen Grau erkennt man schon im millimeterhohen Haaransatz seiner Stoppelglatze, und dank der Super-HD-Optik von Gemini Man ist der kräuselnde Faltenwurf an den Wangen unübersehbar. Wie gut, dass es längstens die Möglichkeit gibt, sich in der digitalen Welt einem Deepfake zu unterziehen – oder besser Deepface. Was aber auch nicht korrekt wäre, denn Deepface bezeichnet ja die Transplantation ganzer Köpfe auf andere Körper, die dann Dinge machen, die von begehrter Person ja gar nie gemacht wurden. Passender wäre wohl eher Facelifting – oder radikaler Jungbrunnen, wie eben im Falle von Will Smith, der, so wurde mir gesagt, fast schon schockiert war, sein jüngeres Ich so lebendig zu sehen. Ob ich an seiner statt im Zuge einer solchen Begegnung an mich halten könnte, mein unerfahreneres Ich über all meine körperlichen und geistigen Unzulänglichkeiten aufzuklären, um folglich dann Ratschlage vom Stapel zu lassen, auf die mein Gegenüber wohl gerne selbst gekommen wäre? In Gemini Man stellt sich diese Frage, und die Antwort löst sich in versöhnlichem Wohlgefallen auf. Dieses Harmonieren ist dermaßen auf einen allumfassenden, verständnisvollen Weltfrieden fokussiert, dass man meinen könnte, das Klonen von Menschen kann ja gar nicht mal so schlecht sein, wenn diese Fertigkeit nur in den richtigen Händen liegt. Vielleicht eben in jenen von Will Smith, doch der will einfach nur seine Ruhe haben, angeln gehen oder Vorsitzender humaner Ethik werden.

Schön, dass ihm das so gut gelingt. Ja, das tut es wirklich, denn Will Smith ist ein ganz anderer Auftragskiller als es Denzel Washington als Equalizer oder John Wick jemals waren. Smith hat nicht so diese „Hallo, da bin ich“-Attitüde und wirft sich auch nicht so medienwirksam ins Gemetzel. Er wäre auch nicht so ein Stehaufmännchen wie Keanu Reeves, und anstatt sich im Blutdurst an jenen zu rächen, die ihm sein Auto demoliert haben, würde er lieber einen Gesprächstermin mit seiner Versicherung checken. In Gemini Man geht es also um einen Killer, der ganz anders tickt, besonnener ist, mehr ins Kalkül zieht. Und gerne schmerzresistenter wäre als er letztendlich ist. Denn sein eigenes jüngeres Ich, das besorgt´s dem alten Mann, wie er ihn nennt, so richtig ordentlich. Mit Motorrad, Fäusten und wenig therapeutischen Wasserbädern. Das Ganze ließ Ang Lee, seines Zeichens überhaupt kein Verfechter des Actionkinos und eher auf entspanntere Filmstoffe spezialisiert, in 3D und mit einer Bildrate von 120 pro Sekunde verfilmen. Allerdings aber ist Gemini Man für so einen technischen Schnick Schnack der falsche Film. Weil er seine Darsteller gerne in Full Shots und die Action in einer seltsam beengten Halbtotale präsentiert. Einstellungen für einen hemdsärmeligen Actionfilm alter Schule, zu dem lupenreiner Hochglanz einfach nicht passen will. Durch diese Optik erhalten wir einen Bildeffekt, der bereits bei Wiedergaben in Super HD zu bemerken ist – jenen billiger Seifenopern. Das ist ein stilfreier Schuss ins eigene Knie.

Auch sonst strauchelt Gemini Man dabei, sich als denkwürdiges Beispiel des zeitnahen Science-Fiction-Films zu behaupten. Hätte der Plot nicht den Aspekt der Klon-Problematik mit zugegebenermaßen atemberaubendem Facial-Motion-Capture, anhand dessen perfekter Illusion ich wirklich kein einziges Mal bemerkt hätte, dass Will Smith nicht tatsächlich auch als jüngeres Ich existiert, würde nicht viel übrigbleiben als der verdünnte Aufguss eines Jason Bourne– oder Wer ist Hanna?-Szenarios. Kann ja spannend sein – in diesem Fall ist es das aber nicht, denn Ang Lee hatte wohl keine andere Wahl, als sich mit vorliegendem Schnellschuss-Drehbuch zufriedenzugeben, denn Gemini Man war, so vermute ich, für den Altmeister nicht viel mehr als eine Auftragsarbeit, mit all seinen stereotypen Antagonisten-Idealismen, die sich für eine bessere Welt ereifern. Smith steigt gemeinsam mit der smarten Mary Elizabeth Winstead am besten aus dem Szenario aus, ihnen sieht man gerne zu. Und ist froh, wenn sich der ehemalige Prinz von Bel Air irgendwann keine Blessuren mehr holt. Die seit Bruce Willis im Nakatomi-Plaza nur noch selten so glaubhaft verschmerzt wurden.

Gemini Man

Collide

FÜR HERZ UND NIERE

6/10

 

TT_Autobahn_SD32_42319.CR2© 2016 Universum Film

 

LAND: USA 2016

REGIE: ERAN CREEVY

CAST: NICHOLAS HOULT, FELICITY JONES, ANTHONY HOPKINS, BEN KINGSLEY, JOACHIM KROL U. A. 

 

Sieh mal einer an, wer tummelt sich denn da? Erstmal der großartige Anthony Hopkins, gefolgt vom legendären Ben Kingsley (der sich aber mittlerweile des Öfteren in unsäglichem Trash verirrt, und sei es auch nur für einen fünfminütigen Auftritt, um einen Billigfilm zu pushen). Des weiteren X-Men-Beast Nicholas Hoult und niemand Geringerer als Rogue-One-Star Felicity Jones, die für Die Entdeckung der Unendlichkeit mit einer Oscar-Nominierung geadelt wurde. Und wer ganz genau hinsieht, kann sich an Nebenrollen-Quereinsteiger Joachim Król erfreuen. Er darf sogar die Wumme auf „Hannibal Lecter“ richten, was will man als deutscher Filmroutinier im Rahmen einer internationalen Produktion denn mehr? Stellt sich die Frage: Was machen all diese Stars denn hier? Nun, ihr gemeinsamer Nenner ist, sagen wir´s mal so, ein relativ simpler Actionfilm. Nun, simpel heißt jetzt nicht zwingend misslungen. Simpel kann auch erstaunlich sehenswert sein. Collide von Eran Creevy ist irgendwo in der Mitte. Jetzt nicht ganz so erstaunlich sehenswert, aber auch längst nicht misslungen. Das liegt vor allem daran, wie die Rollen eben besetzt sind.

Ganz im Vordergrund steht Nicholas Hoult. Einer, der wahnsinnig gut Auto fährt und Boliden aus Fremdeigentum auch gerne kurzschließt. Zumindest hat er das mal gemacht. Die kriminelle Laufbahn will der us-amerikanische Endzwanziger zugunsten seiner großen Liebe Felicity Jones natürlich an den Nagel hängen – hätte das ganze nicht einen unübersehbaren Haken: die große Liebe erkrankt – und braucht dringend eine neue Niere. So Spenderorgane sind nicht billig, und das nötige Kleingeld hat man auch nicht in der Portokassa. Also noch mal einen Coup landen, im Auftrag von Drogenboss Geran – gespielt von Ben Kingsley –, um dem zwielichtigen Geschäftsmann Hagen Kahl – diesmal Hopkins – eins auszuwischen. Es heißt ja meist: wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. In Collide hat der Dritte allerdings wenig zu lachen, und ist wenig später andauernd auf der Flucht.

Collide ist sauber inszeniertes Handwerk ohne viele Schnörkel. Ein Actionfilm unter vielen? Nicht ganz, obwohl in seinen Ansprüchen genügsam, und die beiden Grand Seigneurs – vor allem Kingsley – überzeichnen sich bis zur Selbstparodie. Der Gummi, der glüht. Und zwar nicht nur auf der Autostrada, da wird auch Filmkulisse Köln zum heißen Pflaster. Die Action kann sich sehen lassen, die können getrost mit dem Karosserie-Geplänkel aus anderen Filmen mithalten. Und umso weniger zu verstehen bleibt da die Tatsache, dass Collide hierzulande nicht mal im Kino lief. Gut, es werden Unmengen an durchschnittlicher Actionware produziert, mit durchwegs ansehnlichem Cast – die alle ins Kino zu bringen geht natürlich nicht. Vieles ist auch wirklich zu banal. Doch Collide hat was. Da ist womöglich mehr dran als an Filmen wie Anna, Luc Bessons was weiß ich wievielter Interpretation einer Femme fatale. Collide ist augenzwinkernd genug, um zwischen verschwörerischer Lovestory und Seitenstechen fördernder Action in leicht wegzusteckender Schwebe zu bleiben, der Film hat ordentlich Drive und mit Felicity Jones ein Mädel, um welches sich nachvollziehbar bangen lässt. Durch den Druck, der hinter der Action steht, bleibt der Film auf Zug und Nicholas Hoult wünscht man dabei gutes Gelingen.

Collide