James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

DIE EINSAMKEIT DER DOPPELNULL

5/10


notimetodie© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM.  ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

CAST: DANIEL CRAIG, LÉA SEYDOUX, LASHANA LYNCH, RAMI MALEK, BEN WISHAW, RALPH FIENNES, NAOMI HARRIS, ANA DE ARMAS, JEFFREY WRIGHT, CHRISTOPH WALTZ, BILLY MAGNUSSEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 43 MIN


Es ist ja fast so, als könnte man anhand lange verschobener Filmpremieren die globale Lage in Sachen Corona ablesen. Wenn Filme wie Dune oder eben James Bond 007 – No Time to Die in den Kinos starten, fühlt sich das an wie ein in der Economy-Class händeringend erwarteter Take Off ins Urlaubsland. Von da an kann es nur noch bergauf gehen. Und es ist auch fast so, als wäre der Rückstau im Kinoprogramm damit endlich durch. Von nun an könnte man vielleicht doch eher stressfrei durch die Kino-Agenda gleiten.

Was auch lange braucht, oder sagen wir: dort, wo die Nachfrage am größten ist, könnte auch wirklich Großes verborgen sein. Natürlich, schließlich geht es um nichts anderes als das James Bond-Franchise, das sein Kinopublikum seit den Sechzigerjahren bei der Stange hält. Bond ist Kult, wandelnder Zeitgeist und gleichzeitig hartgesottener Held im maßgeschneiderten Anzug und im Rahmen seiner Missionen über dem Gesetz.

Mit diesem lukrativen Garanten für volle Kinosäle kommt sich eine wie Barbara Broccoli natürlich mächtig vor. Allerdings ist sie das auch. Wie Kathleen Kennedy bei Disney ist auch Broccoli eine toughe Macherin, der man sicherlich kein X für ein U vormachen kann. Entsprechend geschäftstüchtig denkt sie auch – und legt den letzten Bond mit Daniel Craig in die Hände von Cary Joji Fukunaga, der sich längst mit anspruchsvollen Filmen wie Beasts of No Nation bewährt hat. Den Künstlern ihre Arbeit, den Wirtschafterin die ihre, möchte man meinen. Nur – so einfach ist das nicht. Wer zahlt, schafft an – und pocht auf seine Ideen im Drehbuch. Dieses wird längst nicht mehr von einem wie Dalton Trumbo geschrieben, sondern da sind viele, die das Script für eine filmische Wollmilchsau dahingehend optimieren und mit den Entwürfen anderer Besserwisser vermengen, sodass ein verhobenes Konstrukt aus Reminiszenzen, Charakterentwicklungen und bodenhaftender Standard-Action entsteht. Im Finale soll alles vorhanden sein, was Bond ausmacht.

Der Kreis schließt sich also, so wie bei Star Wars. Statt „Ich bin alle Jedi“ heißt es diesmal „Ich bin alle Bonds“. Und es scheint gar, als würde No Time to Die dieses Versprechen erfüllen. Wir sehen und hören anfangs subtile Anspielungen auf frühe Klassiker, im Aston Martin rauschen Craig und Léa Seydoux über Italiens Landstraßen. Vor dem obligatorischen und diesmal im Stil etwas unentschlossenen Intro, gesungen von Billie Eilish, die ein gehaltvolles Flüstern entfacht, allerdings keine Shirley Bassey ist, atmet der Bond-Kult aus allen Poren, verlässt sich auf sein nostalgisches Repertoire, wirkt aber dennoch zeitgemäß. Womöglich stammt der Anfang gar von Autor Fukunaga selbst. Oder aber von Purvis & Wade? Oder Phoebe Waller-Bridge? Wie auch immer, viele Köche eben.

Was so schneidig und stilsicher beginnt, verliert sich in einem unter sichtbarem Bemühen in die richtige Richtung gelotsten Kompromiss aus wenig schlüssigen Handlungsfäden, frappanten logischen Fehlern und fragwürdigen Entscheidungen. Bond selbst versinkt in Trauer und Liebeskummer, hat aber dennoch so manche an Roger Moore erinnernde, verschmitzte Bonmots auf Lager. Craig versucht dabei, seiner legendären Rolle so gut es geht treu zu bleiben. Wäre da nicht das Hineinzwängen seiner Person in ein gnadenlos in die Länge gezogenes Patchwork-Abenteuer, das mit Rami Malek wohl eine der lächerlichsten Bösewichte auf dem Ian Fleming-Planeten aus der Mottenkiste holt. Viel Geschwurbel füllt leere Minuten, aus knackig wird gedehnt, und so gut wie alles, was in diesem Eventkino zum Einsatz kommt – sei es Setting oder Action – war im eigenen Franchise einfach schon mal dagewesen, und zwar viel besser. Selbst so integre und in ihrer Rolle fast schon autark agierende Nebenrollen wie Christoph Waltz oder Lashana Lynch ziehen sich irgendwann zurück, um beim Finale fassungslos zuzusehen, was an pathetischem Kitsch eigentlich alles möglich ist.

Nachher braucht man einen Martini. Geschüttelt oder gerührt ist auch schon egal.

James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

Kate

TOTGESAGTE BALLERN LÄNGER

4/10


kate© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CEDRIC NICOLAS-TROYAN

CAST: MARY ELIZABETh WINSTEAD, WOODY HARRELSON, MIKU MARTINEAU, MIYAVI, JUN KUNIMURA, TADANOBU ASANO, MICHIEL HUISMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Was Actionheldinnen und -helden heutzutage alles an Schmerzen ertragen müssen, ist wirklich nicht mehr als menschlich zu betrachten. Mit seinen Blessuren und offenen, blutenden Wunden wäre Norman Nordstrom aus Don´t Breathe schon längst jemand, auf dessen Sims man Blumen stellt, und auch John Wick wäre nach Sequel Nr. 2 nur mehr ein Häufchen gebrochener Knochen. Wer Nobody mit „Saul“ Bob Odenkirk gesehen hat, vermutet vielleicht eine ungesunde Form von Analgesie. Actionhelden müssen bluten, mit Ausnahme von Jason Statham oder Chuck Norris, aber sonst – sonst müssen sie alle aus dem letzten Loch pfeifen, sich nochmal und nochmal aufrappeln und Energien aus der Reserve zaubern, die man gerne hätte, um zumindest den Arbeitsmontag gut zu beginnen.

Geerdet hat das Bild vom heldenhaften Schmerzensmann Bruce Willis, barfuß im Nakatomi-Plaza – verschwitzt, verdreckt, blutend. Das andere Ende davon verkörpert nun Mary Elizabeth Winstead – vergiftet, will heißen: todkrank, blutend, von Hämatomen übersät und so lädiert wie ein VW Käfer nach einem Auffahrunfall. Dabei hat für die toughe Killerin, die das Knowhow fürs Morden und Töten schon im Schulranzen herumtrug, ihr Handwerk gut gelernt und auch sonst gute Karten. Schon deswegen, weil der väterliche Freund und Mentor Woody Harrelson alles Administrative erledigt. Kate muss also nur abdrücken. Doch das will sie nicht mehr länger tun müssen – sie will raus aus dem Geschäft. Wir erinnern uns: John Wick ist damals auch ausgestiegen, Jessica Chastain in Code Ava ebenso. Doch so einfach geht das nicht, das weiß man, wenn man ein oder zwei Killer-Thriller bereits gesehen hat. Kurz bevor das normale Leben also beginnen kann, gibt’s den Giftcocktail mit Polonium 204. Da gibt’s kein Gegenmittel, da stirbt man, während sich die Organe zersetzen. Was Kate aber vor ihrem Ableben zumindest noch erreichen will (bevor sie – Gott bepüte – als Geist mit unerfüllten Aufgaben durch die Gegend spukt): dem Verursacher dieses Attentats zur Rechenschaft ziehen.

Kate von Visual Effects-Profi Cedric Nicolas-Troyan (Fluch der Karibik 2, The Huntsman and the Ice Queen) trägt mindestens so dick auf wie Chad Stahelskis John Wick-Trilogie. Die Killer von heute sind Berserker, die beim Töten anderer, wildfremder Menschen nicht das Geringste empfinden. Emotional und auch sozial also enorm verkümmert – dank solcher Defizite kann man sich vor dem Screen also gemütlich zurücklehnen und einer kaltschnäuzigen Winstead dabei zusehen, wie sie sich durch ein verkitschtes, rosa-lila-flirrendes Tokyo ballert und sticht, dabei immer wieder ob ihres Gesundheitszustands doch auch zusammenbricht, um dann wieder durchzustarten, dank dosierter Energiespritzen, die sie sich in den Schenkel jagt. Kate ist am Ende noch kaputter als Keanu Reeves es jemals war, doch seltsamerweise, trotz des illustren Bodycounts, dem Medienoverkill kolportiert entertainmentsüchtiger Jungjapaner und zahlreichen Actionsequenzen ergeht sich der Streifen in austauschbarer Langeweile. Vielleicht, weil man alles schon gesehen hat, weil die Coolness, die Winstead zur Schau trägt, so aufgesetzt wirkt. Weil Woody Harrelson ebenfalls vor lauter Langeweile nicht weiß wohin mit seiner Fachkenntnis. Weil dann auch noch dieses beschützenswerte obligate Kind plötzlich mit dabei sein muss. Nicht schon wieder, denke ich mir. Sehe diesen rosa-lila Manga-Look und stelle fest, dass nicht jeder, der beim Film dabei ist, gleich auch Filmemachen kann.

Kate

Don’t Breathe 2

(M)EINE TOCHTER GEHÖRT MIR

6/10


 

dontbreathe2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RODO SAYAGUES

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: STEPHEN LANG, MADELYN GRACE, BRENDAN SEXTON III, ADAM YOUNG, FIONA O’SHAUGHNESSY, STEPHANIE ARCILA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Wandertrophäe eines Actionhelden geht nun an den nächsten, damit müssen wir und letztendlich abfinden. Was ich damit meine? Das blutige Feinripp von Bruce Willis. Das trägt nun jemand anderer, und zwar jemand, der gut und gerne John McClanes älterer Mentor hätt sein können. Stephen Lang ist der neue Tunichtgut für alle, die noch finsterer sind als die ewige Nacht, die der brummige Seals-Veteran stets vor Augen hat. Dem alten, weißen und weißhaarigen Mann sind schon anno 2016 einige grünohrige Jungspunde in den eigenen Vier Wänden durchs akustisch wahrgenommene Bild gestiefelt – den nächsten Morgen haben nur wenige erlebt. McClane hatte da zwar auch stets einen Bodycount zu verzeichnen, doch alles unter dem hellen Licht des Guten. Bei Norman Nordstrom sieht der Steckbrief anders aus. Der lakonische Misanthrop hat so einiges auf dem Kerbholz, seit Fede Alvarez‘ erfolgreichem Erstling wissen wir auch, zu welch perfiden Scheußlichkeiten er fähig sein kann. Sympathieträger ist er keiner. Dabei treibt ihn nur ein einziges Gefühl an: manische Trauer, und zwar die über seine verblichene Tochter. Seither versucht er vehement, an einen Ersatz zu gelangen.

Wer den Erstling allerdings kennt, wird sich bei Teil 2 anfangs etwas wundern. Denn es scheint, als wäre Don’t Breathe 2 sowas wie ein Prequel. Töchterchen Nordstrom scheint quietschfidel, allerdings darf sie weder zur Schule noch kaum sonst wohin. Die Vater-Tochter-Idylle wird jedoch bald durch wenig zimperliche, finstere Gestalten getrübt, die den Schützling nach einigem Hickhack mitgehen lassen. Der alte Nordstrom, sichtlich lädiert, ist aber nicht totzukriegen. Noch nicht. Wie es der Zufall so will, scheinen alle Wege geebnet, um endlich ordentlich blinde Wut zu entfesseln.

Blinde Wut – das erinnert mich an den bereits schon betagten Rutger Hauer-Klassiker aus den 80ern. Auch dort, im Film von Philipp Noyce, gab der Niederländer einen blinden Veteranen, der lieber das Katana als das Feinripp blutig hält. Der Schutz eines Kindes war auch hier oberstes Ziel. Und gäbe es Stephen Lang nicht, dafür aber einen Rutger Hauer in den besten Jahren, würde man nicht viel herum überlegen, um ihn als Norman Nordstrom zu besetzen.

Natürlich kann das Sequel den Schauplatz des Katz- und Mausspiels nicht mehr nur auf Nordstroms Anwesen reduzieren – das wäre zu viel vom selben, obwohl es eine Zeit lang den Anschein hat, dass es so bleiben würde. Doch nein – das Drehbuch von Alvarez und Rodo Sayagues, der diesmal Regie führt, hebt den neuen Thrill auf ein ähnlich perfides, aber leicht abgeändertes und mehr actionlastiges Level. Dramaturgische Kniffe und kuriose Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, sind klug gesetzt und lassen zum Glück fragwürdig handelnde Vollpfosten außen vor. Der Plot funktioniert besser als im Original, ganz besonders irritiert die Diffusion von Gut und Böse, wobei man vergeblich nach ersterem sucht und dennoch – vielleicht, weil die Figur des Mädchens so sehr danach drängt – mit dem geringeren Übel sympathisiert, dessen Identität während des Films aber zügig die Seiten wechselt. Nordstrom  als verlustverarbeitende Nemesis entfesselt somit schmerzhafte und brutale Action, die hätte John McClane vielleicht ein bisschen verstört. Stirb langsam also, mit einem Antihelden ohne Rückendeckung, und einer Schmerztoleranz, die fast schon anästhetisch scheint.

Don’t Breathe 2

Sweet Girl

BITTERE PILLEN FÜR AQUAMAN

5/10


sweetgirl© 2021 Clay Enos / Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: BRIAN MENDOZA

CAST: JASON MOMOA, ISABELA MERCED, MANUEL GARCIA-RULFO, JUSTIN BARTHA, AMY BRENNEMAN, RAZA JAFFREY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Müsse es nach diesem Film hier gehen, dürfte man allein aus Anstand und gesundem Moralempfinden nie wieder in eine Apotheke gehen. Was sich Pharmakonzerne oft leisten, und vor allem: wie sie es sich leisten – das lässt sich fast nur mit perfiden Methoden vergleichen. Einfach, um uns Normalsterbliche und Normalkranke, die immer wieder mal ein Schmerzmittel benötigen oder einen Spray für die verschnupfte Nase, allesamt in der Hand zu behalten.

Da mag schon das eine oder andere Mal was dran sein, schließlich geht es um unendlich viel Geld. Leider regiert das die Welt und somit auch die Gesundheit. Wen überrascht das noch? Selbst Altruismus bleibt nicht ohne Selbstzweck (siehe den Film Me, We). Wie weit Sweet Girl aber das Schreckgespenst finsterer Machenschaften aus der Kiste lässt, ist dann letzten Endes doch etwas lächerlich. Aber gut, schließlich will man Jason Momoa natürlich bis zur Weißglut treiben. Seinen Hass entfachen, seinen Sinn für hemdsärmelige Selbstjustiz. Grund genug hätte er dafür. Als Vater einer Tochter muss er mitansehen, wie seine bessere Hälfte dem Krebs erliegt. Und das nur deswegen, weil ein Pharmakonzern eingangs erwähnter Art lebenserhaltende Medikamente zurückhält, die längst getestet und verabreichbar wären. Nichts zu machen, die Zurückgebliebenen trauern, es vergehen einige Monate, plötzlich meldet sich ein investigativer Journalist, der das Zeug dazu hätte, besagtem Konzern das Handwerk zu legen. Ray Cooper (Momoa eben) soll dazu seine Aussage machen. Bevor es soweit kommt, wird der Journalist ermordet – und auch Cooper wäre dem Attentat beinah erlegen. Auch die Tochter überlebt – doch jetzt heißt es: Nicht mit uns. „Aquaman“ startet einen Rachefeldzug, um den Pharma-Fieslingen den Garaus zu machen. Tochter Rachel kommt natürlich mit.

Jason Momoa hat sich seit dem letzten Justice League kein bisschen verändert. Dieselbe Haarpracht, ähnlicher Bart. Nur diesmal in legeren Klamotten für Landratten, vorzugsweise mit Hoodie. Bevor dieser aber seinen Dreizack auspackt, greift er lieber zur Schusswaffe. Und hinterlässt alsbald ein Blutbad, stets im Beisein der Tochter. Ein schönes Vorbild. Auch in Sachen Vernunft und Moral. Zu glauben, auf diese Art die großen Geldmacher in die Knie zu zwingen, ist reichlich naiv. Doch die scheinen mit denselben Mitteln zu arbeiten, also ist es auch schon egal. Fernando Mereilles, der mit Der ewige Gärtner auf ganz anderen Wegen die Skrupellosigkeit der Konzern-Elite in den Fokus rücken konnte, oder eben Todd Haynes mit seinem unlängst höchst brisanten, authentischen Abwasser-Thriller Vergiftete Wahrheit – die hätten daraus einen relevanteren Film gemacht. Natürlich mit weniger Action, dennoch aber mit genug Toten.

Sweet Girl nutzt die fromme Ambition einer Wirtschaftskritik, um sich und seine kaltschnäuzig agierenden Protagonisten von der Leine zu lassen. Sie killen und ballern für eine gute Sache. Fragt sich nur, warum auf diese Art. Der Eindruck eines wenig durchdachten Drehbuchs macht sich breit. Eines Films, der will, dass Jason Momoa Radau macht. Jungstar Isabella Merced (u. a. Dora und die goldene Stadt) stiehlt dem hawaiianischen Hünen dabei aber vermehrt die Show. Sie scheint so unverwüstlich wie Alita und so wütend wie Retorten-Killerin Hanna – ein Highlight in einem sonst überschaubaren Low Budget-Film. Doch wer glaubt, dass das schon alles war, so kurz vor Ende, der darf dann noch mit einer Wendung rechnen, die wohl M. Night Shyamalan gerne gehabt hätte, braucht der doch immer seinen Plot-Twist. Allerdings: Dieser wirkt so, als hätte man ihn erst im Nachhinein eingefügt und lässt das bisher Erzählte mehr als bemüht erscheinen.

Sweet Girl

Cash Truck

NUR BARES IST WAHRES

7/10


CashTruck© 2021 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: JASON STATHAM, SCOTT EASTWOOD, HOLT MCCALLANY, JEFFREY DONOVAN, JOSH HARTNETT, LAZ ALONSO, RAÚL CASTILLO, NIAMH ALGAR, EDDIE MARSAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ein Mann übt Rache. Da schau her, doch so kreativ? Das kann einem im Grunde aber egal sein, denn Rache, die zieht immer. Und lässt sich auch im Bauchladen sämtlicher Billiproduzenten ganz ohne Déjà-vu-Effekt immer wieder auffüllen. Das ist der Stoff, auf dem die B-Movie-Schiene dahinfährt. Das ist auch der Stoff, der bereits im Jahre 2004 im französischen Thriller Cash Truck – der Tod fährt mit Verwendung fand. Müsste man theoretisch keinen Aufguss mehr machen. Aber Hollywood macht das immer. Weil Filme aus Übersee dortzulande einfach nicht funktionieren. Dabei kann der Stoff noch so billig sein, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Kleines Beispiel: Mehrere Künstler treffen sich in einem Atelier und malen eine inmitten des Raumes stehende, simple Vase, dabei dürfen sie ans Werk gehen, wie sie wollen. Bilder von Vasen, in denen Blumen stecken, gibt es viel zu viele, will doch keiner mehr sehen. Am Ende des Tages aber ist die Vase auf jedem Bild eine andere. Und Banales wird zu Besonderem. Dabei muss die narrative Basis nicht schon alle Stückchen spielen.

Dieses „Wie“ hat sich Guy Ritchie zu Herzen genommen. Filmfans kennen seinen persönlichen Stil: Erdig, kantig, lakonisch, hemdsärmelige Action und eine Vorliebe für das Actionkino der Siebzigerjahre, wo vorzugsweise im Tweed oder im grobem Textilsakko um die Ecke geschossen wird. Herumstehende Mannsbilder, mit markigen Textpassagen auf den Lippen. So funktioniert ein guter Ritchie, und trotz dieser banalen Vase als Kernstück seines Projekts hat dieser den plotmäßigen Ramsch so dermaßen gewieft aufpoliert, als hätten wir es mit einer völlig anderen und weitaus komplexeren Geschichte zu tun, als sie tatsächlich ist.

Das liegt auch an Ritchies Vergnügen, die Story nicht geradlinig ablaufen zu lassen, sondern zu zerschnipseln, irgendwo in der Mitte zu beginnen und die rätselhafte Bedeutung von Jason Stathams finsterer Figur langsam zu beleuchten. Keine Ahnung, ob das im Original auch so war. Ich jedenfalls würde vermuten, dass dieser dramaturgische Kniff neu ist. Ähnliches Muster gab es ja auch in seinem Vorgänger The Gentlemen, übrigens „der“ Geniestreich unter Ritchies Arbeiten. In Cash Truck (im Original: Wrath of Man) geht’s klarerweise und trotz des umgearbeiteten Scripts deutlich geradliniger zu. Und einsilbiger. Denn Jason Statham darf wieder mal, völlig spaßbefreit, die knallharte und bierernste Socke sein, die er immer gerne sein will. Das liegt ihm, wenn er nicht mit der Wimper zucken muss. Da weiß man schon: Bruder Mahlzeit, dieser Mann könnte im Alleingang alle Geldtransporer dieser Welt vor kriminellen Übergriffen schützen.

Das denkt sich die Firma, bei der Harry, genannt H, anheuert, bald ebenso. Schweigsam wie Chuck Norris und stoisch wie Statham eben selbst macht sich der Unbekannte in Arbeitskreisen bald einen Namen als Held und vor allem einer, der sich nichts gefallen lässt. Der mit griesgrämiger Miene ein finstere Vergangenheit mit sich herumträgt. Zeitgleich allerdings macht sich eine Bande Ex-Soldaten munter ans Werk: Ihr Plan ist es, nach mehreren Cash-Truck-Überfällen gleich das ganze Depot auszuräumen. Sie werden bald sehen, dass sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Denn H hat eine solche noch offen.

Das ist er, der ganze Plot. Doch schon allein der wummernde Score von Oscarpreisträger Christopher Benstead macht aus dem Actioner ein bisschen was Spezielleres. Die heftigen Töne, das grobkörnige Bild und ikonisch arrangierte Stills verleihen der Rachemär etwas Tragödienhaftes, ansatzweise gar ein Shakespeare’sches Drama, das den Noir-Charakter von Ben Afflecks Räuberballade The Town ebenso in sich trägt. Es wird schmutzig, blutig und pragmatisch. Sympathieträger gibt’s kaum, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Etwas zu sagen hat in dieser Welt nur jener am Ende der kriminellen Nahrungskette. Es lässt sich erahnen, wer das ist. Und es überrascht wenig. Erstaunlich aber, wie aus wenig mehr werden kann.

Cash Truck

Blood Red Sky

NOSFERATU FLIEGT ECONOMY

5,5/10


bloodredsky2© 2021 Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: PETER THORWARTH

CAST: PERI BAUMEISTER, CARL ANTON KOCH, ALEXANDER SCHEER, KAIS SETTI, DOMINIC PURCELL, ROLAND MØLLER, GRAHAM MCTAVISH U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


So eine Anreise mit dem Flugzeug ist oft langwierig, vor allem, wenn man von Europa aus nach Übersee will. Ereignisreich ist was anderes, es sei denn, man hat Flugangst, was natürlich nichts ist, was sich auszuleben lohnt. Während man also im Halbschlaf auf Stand-by verweilt, bleibt genug Gelegenheit, darüber nachzusinnieren, was in einem Flieger, kilometerhoch über den Wolken, sonst noch alles passieren könnte. Wie wär’s zum Beispiel mit Snakes on a Plane? Samuel L. Jackson weiß nun, wie sich hochgiftige Reptilien fern ihres Habitats nicht zu benehmen wissen. Terroristen on a Plane ist leider ein allzu realistisches Szenario, da denkt man lieber gleich weiter und wünscht sich Liam Neeson dazu – Non-Stop gefällig? Zombies fahren da lieber Zug (Train to Busan), doch wie wäre es mit Vampiren, die nach einer Bloody Mary in der Economy Class plötzlich unruhig werden? Guillermo del Toro und Chuck Hogan lassen ihre Vampirsaga The Strain ebenfalls in einem Flugzeug beginnen, doch dieses war da schon am Boden. In Blood Red Sky können wir, exklusiv auf Netflix, den ganzen Flug hautnah miterleben. Und wie es ist, nicht auszukönnen, wenn die Blutgier keine Klassenunterschiede mehr macht.

Im Zentrum des recht geradlinigen Geschehens steht Nadja – natürlich eine Vampirin, die aber immer noch die Pflichten einer Mutter lebt. An ihrer Seite ein kleiner Junge, der über Mamas Befinden natürlich Bescheid weiß. Nadja durchlebt dank spezieller Medikamente, die das Böse unterdrücken, ein halbwegs normales Leben, doch auf Dauer kann das so nicht weitergehen. In den USA verspricht ein Experte neue Hoffnung – also alles zusammenpacken und rein in den Flieger. Nur: so viel Pech muss man mal haben. Dieser Transatlantikflug wird von einer duschgeknallten Räuberbande übernommen, die mit dem Absturz der Maschine über London die Börsenkurse durcheinanderbringen und damit groß absahnen will. Alle Hausaufgaben haben die Jungs allerdings nicht gemacht, die eigenen Leute schießen buchstäblich quer – und entfesseln in Nadja ihr dunkles Geheimnis.

Voller Ungeduld wartet der Zuschauer natürlich auf das Hereinbrechen der panikmachenden Ausnahmesituation, die Motivation hinter jedem Katastrophenfilm. Viel anders als bei allen anderen Filmen, in denen es um entführte Flugzeuge geht, läuft dieses Szenario auch nicht ab. Bis eben Peri Baumeister, deren Schicksal in knackigen Rückblenden aufgearbeitet wird, ihre entsprechende Wandlung durchmacht und plötzlich so aussieht wie Max Schreck aus Nosferatu. Die Maske hat ganze Arbeit geleistet. Das Aussehen, kombiniert mit dem expressiven Gebaren eines solchen Dämons, der – halb Tier, halb Mensch – fauchend und zähnefletschend durch die schmalen Gänge tigert, ist die eigentliche Attraktion des von Peter Thorwarth inszenierten Horror-Actionthrillers, um dessen Realisierung dieser eine gefühlte Ewigkeit lang werben hat müssen. Weder hat, wie versprochen, Universal den Film unter seine Fittiche genommen, noch hat die Covid-Krise die Umsetzung des Projekts in die Gänge gebracht. Letzten Endes hat sich Netflix erbarmt, und nach vielem Hin und Her ist Thorwarths Herzensprojekt endlich Wirklichkeit geworden.

Die Idee ist ja prinzipiell eine gute – sieht auch hübsch aus, und das Volk der Nacht darf sich auch ausgiebigst am menschlichen Buffet gütlich tun. Wirklich auf Zug ist Blood Red Sky aber nicht inszeniert. Zu fahrig und zwischendurch in seiner Spannungskurve absackend, scheint sich der Plot des Reißers immer wieder neu orientieren zu müssen, so, als hätte er die Übersicht verloren. Der Horror gerät ins Stocken, ergötzt sich manchmal zu viel an blutverschmierten Mündern, und dann fragt man sich gar, wo denn Buffy eigentlich bleibt. Doch wie auch immer: Thorwarth führt seinen Flug der Verdammnis dann doch noch souverän bis an sein wie auch immer geartetes Ziel, und Peri Baumeisters so monströses wie verschrecktes Konterfei bleibt nachhaltig, aber interessanterweise nicht unangenehm, in Erinnerung.

Blood Red Sky

Nobody

DIE BLUTWIESE IM VORGARTEN

5/10


nobody© 2020 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ILJA NAISCHULLER

CAST: BOB ODENKIRK, CONNIE NIELSEN, ALEXEI SEREBRJAKOW, CHRISTOPHER LLOYD, RZA, MICHAEL IRONSIDE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Niemand hat mir mein Auge ausgestochen, jammert Polyphem, Poseidons Filius und bekanntester Zyklop der Weltgeschichte. Odysseus hat schon gewusst, wie er den monströsen Kannibalen in die Irre führt. Am besten, man lässt die anderen wissen, es gäbe einen gar nicht. Unterschätzt zu werden ist nämlich die klügste Taktik, um ein bedrohliches Gegenüber aus seiner Deckung zu holen. So ein Niemand ist auch Walter Whites Ex-Winkeladvokat Bob „Saul“ Odenkirk.

Dabei fällt es fast schwer, ihn nicht in seiner ambivalenten Gestalt des windigen Anwalts zu betrachten. Doch Odenkirk kann auch anders. Eben ein Nobody sein, ein Otto Normalverbraucher und duckmäuserischer Bürotrottel, der tagaus tagein stets denselben Rhythmus lebt. So einen Trott kennen wir alle – gelebte Vielfalt wäre da das Motto. Zwischendurch Dinge tun, die man gerne tut. Dieser Nobody, Hutch Mansell, gönnt sich nichts dergleichen. Entsprechend distanziert reagieren die Gattin und der desinteressierte Nachwuchs. Papa, die eintönige Schnarchnase. Die sich allerdings hätte bewähren können, als Familienheld sozusagen, wäre das Diebesduo, das da des Nächtens ins Eigenheim einsteigt, nicht ganz so glimpflich davongekommen. Schuld daran ist Hutch, der die Verbrecher inflagranti erwischt und nicht das geringste unternimmt, um den beiden die Leviten zu lesen, im Gegensatz zum Sohnemann, der von Papa nun gar nichts mehr hält. Gedrängt vom eigenen sozialen Umfeld, wächst der unscheinbare Familienvater wie aus heiterem Himmel über sich hinaus, spürt die Diebe auf, zeigt, wo der Bartel den Most herholt und legt sich noch so ganz nebenbei mit einer wildfremden Gruppe besoffener Russen an, deren pöbelhaftes Verhalten dem Nobody in seiner Rage wie gerufen kommt. Das hätte er besser nicht getan. Denn die sind Teil eines wüsten Syndikats, das alsbald den faustfreundlichen Adabei auf der Abschussliste hat.

Die Sache mit der Selbstjustiz ist in der Filmlandschaft bereits schon ein alter Hut. Charles Bronson, Michael Douglas und Bruce Willis haben rot gesehen, John Wick seinen Hund gerächt – jetzt räumt auch noch Bob Odenkirk den Stunkmachern das Wilde herunter. Nur so zum Vergleich: In Sachen Einforderung ziviler Rechte peilt der auf Netflix erschienene Streifen Fremd in der Welt eine ganz andere Richtung an. Und zeigt das weniger martialische Bild von Wutbürgern, die, frei von jedweden kämpferischen Skills, dennoch zwielichtiges Gesocks zur Rechenschaft ziehen. Chapeau – so viel Mut muss man erst mal aufbringen. Bob Odenkirk wäre fast auch so einer gewesen. Doch der hat (leider) seine Hausaufgaben gemacht, ganz so wie John Wick, und braucht nicht zu improvisieren. Beide geraten zu überstilisierten One-Man-Kampfmaschinen, die in ihrer Rabiatheit ordentlich glänzen, dafür aber kaum um sich bangen lassen, was der Action die Würze nimmt. Odenkirk selbst, der tut, was ein Mann eben gar nicht hätte tun müssen. Dieses Zugeständnis an toxische Männlichkeit kostet Sympathiepunkte. Ilya Naischuller verlässt sich trotz dieses Karmadefizits auf das unrasierte und gewollt zu unterschätzende Charisma seines Actionstars, verliert sich aber zusehends in stilistischer Beliebigkeit. Zwischen deplatziertem Ballerklamauk im Sinne von R. E. D. und kernigem Jason Statham-Overkill will man sich nicht entscheiden wollen. Die provokante Nötigung, es dennoch tun zu müssen, fühlt sich an wie die Faust aufs Aug.

Nobody

Tom Clancy’s Gnadenlos

BAUERNOPFER VON GESTERN

4,5/10


gnadenlos© 2020 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: STEFANO SOLLIMA

DREHBUCH: TAYLOR SHERIDAN, WILL STAPLES, NACH DEM ROMAN VON TOM GLANCY

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JODIE TURNER-SMITH, JAMIE BELL, GUY PEARCE, LAUREN LONDON, JACOB SCIPIO U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Es ist einfach schon ein alter Hut: sofern Filme nicht vorrangig mit visueller Raffinesse ihr Publikum abholen wollen, braucht es zumindest ein schneidiges Drehbuch. Eine plausible Story, wenig Leerlauf und je nach Genre ein entsprechendes Qualitätsbewusstsein. Figuren schälen sich auch nicht von selbst aus der konzipierten Ursuppe, und vielleicht, wenn man es hinbekommt, sitzen unerwartete Wendungen an der richtigen Stelle. Das ist schon mal eine zur Hälfte gemähte Wiese. Gegenwärtig kommt der Stoff, aus dem die Filme sind, aus der Belletristik-Ecke. Da wäre schon die Hälfte der zu mähenden Wiese abgedeckt. Was noch folgt, ist die Adaption der Prosa in ein formschönes Drehbuch. Hier hat gar Taylor Sheridan (Regie bei Wind River, They Want Me Dead) Hand angelegt. Bedient man sich aus dem Œuvre von Vielschreibern, kann es jedoch passieren, dass eines der Bücher so ist wie das andere – von welchem bereits etliche verfilmt worden sind. Die Rede ist hierbei von Tom Clancy, der, wie wir wissen, den unfreiwilligen politischen Actionhelden Jack Ryan an die Fronten geschickt hat. Harrison Ford hat ihn gespielt, Ben Affleck oder Chris Pine. Es gab da aber noch eine andere Figur: John Kelly aka John Clark, weniger Schreibtischheld als Jack Ryan, und eher der Mann fürs Grobe. Um für diese Figur ein Franchise aufzubauen, muss man ganz vorne beginnen – und auch Tom Clancys chronologisch gesehen erstes Buch zur Hand nehmen: Gnadenlos, im Original Without Remorse. Dieses Abenteuer mag zwar der Anfang einer neuen Ära sein – in seinem Aufbau und seiner Art der Geschichte jedoch bleibt es so nichtssagend wie der wahllos ausgewählte, x-beliebige Roman eines marketingtauglichen Tastatur-Virtuosen.

Ich hoffe, ich habe die Story nicht schon wieder vergessen – hier ist sie, kurz und bündig: Der Navy Seal John Kelly folgt den Anweisungen des CIA Operators Ritter (Jamie Bell), im syrischen Aleppo eine Geisel aus den Händen von Islamisten zu befreien. Es stellt sich heraus: die Entführer waren eigentlich Russen. Und die Russen folglich ziemlich sauer auf die Amis, die hier so mir nichts dir nichts Landsleute killen. Trotz Geheimhaltung landen die an der Operation Beteiligten alle auf der Abschussliste des russischen Geheimdienstes – und werden, nachdem sie in die USA zurückgekehrt sind, nach und nach terminiert. Irgendwann ist die Reihe auch bei John Kelly angekommen, der eines Abends in den eigenen vier Wänden um sein Leben kämpfen muss. Das seiner schwangeren Frau kann er nicht retten – und schwört als trauernde Kampfmaschine natürlich Rache.

Es kommt alles, wie es kommen muss. Und ja – natürlich – Tom Clancy´s Gnadenlos punktet mit kernigen, kontrastreichen Bildern und jede Menge Staub aufwirbelnden Actionszenen, die Vorlieb nehmen für alles, was vorzugsweise Autos treffsicher explodieren lässt – erdige Pyrotechnik nach alter Schule. Mittendrin Michael B. Jordan, der sich jedoch vergeblich bemüht, seiner Figur Ecken und Kanten zu geben. Irgendwas ist da schiefgelaufen – John Clark oder Jack Ryan mögen unterschiedlich ticken und ja, sie mögen als Protagonisten genug Charisma haben – die dunkelgraue Welt des politischen Geheimdienstes scheint hingegen erschreckend austauschbar. Clancy ist da wohl am wenigsten zu belangen – sein Buch funktioniert ganz anders als der Film. Obendrein geht der Verlust von Frau und Kind an Jordan fast schon spurlos vorbei. Angesichts dieses Dilemmas in Sachen Überzeugung nutzt Jodie Turner-Smith die Gunst der Stunde, um Jordan problemlos an die Wand zu spielen. Sie ist eigentlich der heimliche Star dieses Films – alle anderen sind so wie das Drehbuch selbst – ernüchternd beliebig. Und jeder weiß: sobald Guy Pearce Schlips und Sakko trägt, ist es kein Geheimnis mehr, wohin die Fäden letztlich führen. Die wiederum bemühen abermals den kalten Krieg auf lachhaft triviale Weise.

Tom Clancy´s Gnadenlos ist zwar handwerklich gut gemacht – als Auftakt für ein neues Franchise jedoch mangelt es an akuter Eigenständigkeit.

Tom Clancy’s Gnadenlos

Shadow in the Cloud

DAS MONSTER KRIEGT DEN FENSTERPLATZ

5,5/10


ShadowInTheCloud© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: NEUSEELAND, USA 2020

BUCH / REGIE: ROSEANNE LIANG

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, TAYLOR JOHN SMITH, CALLAN MULVEY, BEULAH KOALE, NICK ROBINSON, BYRON COLL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Sind zu Weihnachten alle Kekse weg, dann war das sicher die Weihnachtsmaus. Fällt in der Werkstatt das Werkzeug vom Tisch, war das bestimmt der Pumuckl. Sind im Bomber aber die Schrauben locker, könnte das gut und gerne ein Gremlin gewesen sein. Dabei denken viele natürlich sofort an Joe Dantes Mini-Monster-Rumble zur Weihnachtszeit: Niemals nach Mitternacht füttern, und auch nicht baden. So zumindest hießen die goldenen Regeln, um Gizmo nicht mutieren zu lassen. In Shadow in the Cloud braucht es hierfür weder nachmitternächtliche Fütterung noch einen nassen Waschlappen ins Gesicht – dieser Gremlin ist von vornherein schon fies, so groß wie ein Teenager und äußerst gelenkig. Und bleibt in diesem eigenwilligen Kammerspiel über den Wolken lange Zeit ein Mythos.

Von der Idee, Shadow in the Cloud irgendwo unterwegs auf einem mobilen Endgerät oder am helllichten Tag zu sichten, würde ich abraten. Dieser Film ist schwer verliebt in die Dunkelheit. Keine Ahnung, wieso mit dem Einsatz von Licht so dermaßen gegeizt wird. Aber gut, wir haben schließlich Nacht, und während des Pazifikkrieges der 40er Jahre wäre es auch nicht ratsam gewesen, über den Wolken einen auf Festbeleuchtung zu machen. Also bleibt die Ex-Kick Ass-Queen Chloë Grace Moretz im Halbdunkel des neuseeländischen Flughafens von Auckland gerade noch zu erkennen. Maude, eine Militärpilotin, ist auf geheimer Mission unterwegs und muss den Flieger – oder besser gesagt: den Bomber – nach Samoa erwischen. Eine ominöse Ledertasche ist mit dabei. Von ihrem Überraschungsgast samt Umhänge-Artefakt, das sich anfühlt wie ein MacGuffin, weiß die Crew allerdings nichts – und begegnet ihr relativ schlecht gelaunt, wenn nicht gar hochgradig frauenfeindlich. Macht nichts, nur weg, denkt sich Maude, und darf dafür in die Geschützkabine unter den Bauch des Fliegers klettern. Über Funk muss sich die Gute so einiges an verbalem Ungehorsam gefallen lassen – allerdings auch die völlig unerwarteten Attacken des herumgeisternden Gremlins, der dabei ist, den Bomber zu zerlegen, und nebenbei auch unseren Star.

Snakes on a Plane waren gestern – jetzt hat der Kreaturenhorror über den Wolken phantastische Gefilde erreicht. Und setzt aber genau dort zur Notlandung an. Was aus dieser kuriosen Konstellation herauszuholen gewesen wäre, wird von einem ins Flugzeug hineinkonstruierten Vorgeschichte verdrängt. Solche persönlichen Befindlichkeiten wären auf dem Frachter Nostromo fehl am Platz gewesen. In Alien zählte zum Beispiel nur das nackte Überleben. Hier allerdings macht Moretz auf Drama Baby zwischen Fliegeraction und zähnefletschendem Versteckspiel, alles in undeutlichem Zwielicht, und alles zwischen feindlichen japanischen Kampfflugzeugen. Ganz originell hingegen ist jene Strecke des Films, die ausschließlich in der Schützenkanzel spielt. Die eingezwängte Heldin kommuniziert nur per Funk mit den übrigen Passagieren, und dennoch hat man das Gefühl, auch alle anderen Co-Akteure wären physisch präsent. Ein geschickter Kniff, der schon in No Turning Back oder The Guilty außerordentlich gut gelungen war.

Shadow in the Cloud verlässt sich aber zu wenig auf seine eigentliche Büchse der Pandora – auf den Konflikt zwischen legendärem Geschöpf und lederbejacktem Flieger-As. Das hätte schon längst für einen Low Budget-Knüller gereicht. Das Abenteuer aber mit einem recht hanebüchenen Plotgerüst zu versehen, das keiner wirklich braucht, verwässert den sonst rotzfrechen Nachtflug zu einem unentschlossenen, den Gesetzen der Physik trotzenden Mischmasch und vergisst immer wieder beinahe auf den Endgegner.

Die emanzipatorische Metaebene, die ganz allein den weiblichen Helden der Lüfte gehört, hätte ich allerdings auch nicht weggelassen. Und überhaupt: Frauen werden mit Monstern einfach besser fertig. Das fetzt. Davon kann Ripley mit Pilotin Maude gerne ein Liedchen singen.

Shadow in the Cloud

Sentinelle

DER RAMBO-EFFEKT

6/10


sentinelle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: JULIEN LECLERCQ

CAST: OLGA KURYLENKO, MARILYN LIMA, MICHEL NABOKOV, ANDREY GORLENKO, MARTIN SWABEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 20 MIN


Gesetzt den Fall, ich wäre ein Soldat im Auslandseinsatz, müsste vor Ort viele schreckliche Dinge mitansehen und würde völlig traumatisiert wieder heimkehren – man würde mich erstens niemals mehr an die Front, sondern zu den Ärzten schicken, die mich versuchen würden zu therapieren. Und zweitens würde ich mich womöglich nach einer brotgebenden Alternative umsehen, denn als Soldat hätte ich ausgedient, da es für mich unmöglich wäre, auch die kleinste Bedrohung, die es abzuwehren gälte, richtig einzustufen.

Olga Kurylenko alias Soldatin Klara, der ist genau das passiert. Traumatische Ereignisse irgendwo im Nahen Osten führen schließlich dazu, dass die junge Frau wieder zu ihrer Familie in Frankreich zurückkehren kann und dort in die Einheit der Sentinelles versetzt wird. Schwerbewaffnete Aufpasser, die am Strandboulevard von Nizza nach dem Rechten sehen – der Feind liegt ja nur jenseits des Mittelmeers. Oder ist vielleicht schon da, beim Terror weiß man nie. Klara selbst ist für diesen Job allerdings nicht (mehr) geeignet. Schwer depressiv, innerlich gebrochen, ein ordentlicher Tremor lässt sie zittern. Was hat so jemand noch im Militärdienst verloren? Julien Leclercq will´s gar nicht so genau wissen und lässt die hagere Russin dennoch hier mitmischen – was in Real Life wohl niemals möglich wäre. Aber gut, wir haben nun mal diese Ausgangssituation, und es wäre ja an sich schon ein recht lakonisches Psychodrama mit Ansätzen, wie wir sie bereits aus Brothers kennen – aber es kommt noch dicker. Und es kommt so, wie es die Regiekollegen Pierre Morel oder Jaume Collet-Serra auch immer gerne haben: Der Actionthriller findet seine Erfüllung im Selbstjustiz-Genre.

Denn Klaras Schwester, die wird eines Morgens, vergewaltigt und wüst zugerichtet, in die Klinik eingeliefert. Die völlig durch den Wind befindliche Sentinelle hat nun etwas gefunden, um ihrer zerrütteten Psyche ein Ventil zu geben: sie macht Jagd auf denjenigen, der ihre Schwester ins Koma geprügelt hat. Und natürlich klar: hat sie diesen jemand gefunden, wird nicht irgendein Gericht, sondern Klara selbst über Leben und Tod entscheiden.

Charles Bronson, Liam Neeson, Jennifer Garner – jetzt auch Olga Kurylenko, die in Sentinelle gar keine schlechte Performance abliefert. Leclercq setzt auf Trübsal, untermalt mit stimmigem Score, und widmet sich die erste Hälfte des Films ganz und gar dem Prozess der Bewältigung einer innerlich Versehrten. Dann aber schaltet der Film um, lässt eine Kämpfernatur gegen alles und jeden antreten und letzten Endes auch zu radikalen Mitteln greifen. Wenig zimperlich ist der auf Netflix frisch eingetroffene Film, er setzt auf den von mir aus dem Stegreif erdachten Rambo-Effekt: Traumatisierte Kriegsheimkehrer sieht sich mit einer ignoranten und boshaften Gesellschaft konfrontiert und glaubt, wieder so richtig kämpfen zu müssen. So pusht sich die Anti-Heldin in dem auf 80 Minuten runtergeschnittenen Drama zur Nemesis, die nichts mehr zu verlieren hat. Und auch nicht mehr gefunden werden will.

Sentinelle