Sentinelle

DER RAMBO-EFFEKT

6/10


sentinelle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: JULIEN LECLERCQ

CAST: OLGA KURYLENKO, MARILYN LIMA, MICHEL NABOKOV, ANDREY GORLENKO, MARTIN SWABEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 20 MIN


Gesetzt den Fall, ich wäre ein Soldat im Auslandseinsatz, müsste vor Ort viele schreckliche Dinge mitansehen und würde völlig traumatisiert wieder heimkehren – man würde mich erstens niemals mehr an die Front, sondern zu den Ärzten schicken, die mich versuchen würden zu therapieren. Und zweitens würde ich mich womöglich nach einer brotgebenden Alternative umsehen, denn als Soldat hätte ich ausgedient, da es für mich unmöglich wäre, auch die kleinste Bedrohung, die es abzuwehren gälte, richtig einzustufen.

Olga Kurylenko alias Soldatin Klara, der ist genau das passiert. Traumatische Ereignisse irgendwo im Nahen Osten führen schließlich dazu, dass die junge Frau wieder zu ihrer Familie in Frankreich zurückkehren kann und dort in die Einheit der Sentinelles versetzt wird. Schwerbewaffnete Aufpasser, die am Strandboulevard von Nizza nach dem Rechten sehen – der Feind liegt ja nur jenseits des Mittelmeers. Oder ist vielleicht schon da, beim Terror weiß man nie. Klara selbst ist für diesen Job allerdings nicht (mehr) geeignet. Schwer depressiv, innerlich gebrochen, ein ordentlicher Tremor lässt sie zittern. Was hat so jemand noch im Militärdienst verloren? Julien Leclercq will´s gar nicht so genau wissen und lässt die hagere Russin dennoch hier mitmischen – was in Real Life wohl niemals möglich wäre. Aber gut, wir haben nun mal diese Ausgangssituation, und es wäre ja an sich schon ein recht lakonisches Psychodrama mit Ansätzen, wie wir sie bereits aus Brothers kennen – aber es kommt noch dicker. Und es kommt so, wie es die Regiekollegen Pierre Morel oder Jaume Collet-Serra auch immer gerne haben: Der Actionthriller findet seine Erfüllung im Selbstjustiz-Genre.

Denn Klaras Schwester, die wird eines Morgens, vergewaltigt und wüst zugerichtet, in die Klinik eingeliefert. Die völlig durch den Wind befindliche Sentinelle hat nun etwas gefunden, um ihrer zerrütteten Psyche ein Ventil zu geben: sie macht Jagd auf denjenigen, der ihre Schwester ins Koma geprügelt hat. Und natürlich klar: hat sie diesen jemand gefunden, wird nicht irgendein Gericht, sondern Klara selbst über Leben und Tod entscheiden.

Charles Bronson, Liam Neeson, Jennifer Garner – jetzt auch Olga Kurylenko, die in Sentinelle gar keine schlechte Performance abliefert. Leclercq setzt auf Trübsal, untermalt mit stimmigem Score, und widmet sich die erste Hälfte des Films ganz und gar dem Prozess der Bewältigung einer innerlich Versehrten. Dann aber schaltet der Film um, lässt eine Kämpfernatur gegen alles und jeden antreten und letzten Endes auch zu radikalen Mitteln greifen. Wenig zimperlich ist der auf Netflix frisch eingetroffene Film, er setzt auf den von mir aus dem Stegreif erdachten Rambo-Effekt: Traumatisierte Kriegsheimkehrer sieht sich mit einer ignoranten und boshaften Gesellschaft konfrontiert und glaubt, wieder so richtig kämpfen zu müssen. So pusht sich die Anti-Heldin in dem auf 80 Minuten runtergeschnittenen Drama zur Nemesis, die nichts mehr zu verlieren hat. Und auch nicht mehr gefunden werden will.

Sentinelle

Brennpunkt Brooklyn

SCHUSS INS KREUZ

7/10


the-french-connection© 1971 20th Century Fox


OT: THE FRENCH CONNECTION

LAND / JAHR: USA 1971

REGIE: WILLIAM FRIEDKIN

CAST: GENE HACKMAN, ROY SCHEIDER, FERNANDO REY, MARCEL BOZZUFFI, TONY LO BIANCO, EDDIE EGAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Die von mir sehr geschätzte Fachzeitschrift cinema liefert mit ihrer Rubrik „Geburt eines Filmklassikers“ monatlich jede Menge Hintergrundinfos zu Werken, die längst Geschichte geschrieben haben. Und die man eigentlich als Filmfan nicht links liegen lassen kann. Inspiriert vom letzten Beitrag, und weil auch derzeit das Filmangebot trotz Netflix weitgehend überschaubar bleibt, habe ich mir William Friedkins Drogenthriller Brennpunkt Brooklyn – im Original The French Connection – oder einfach beides – zur Brust genommen. Und es lohnt sich, das Making-Of im Vorfeld durchzuackern, denn dann ist der Filmgenuss um eine Dimension reicher, wenn all die beschriebenen Szenen nicht mehr aus dem Konzept gerissen, sondern als Teil des Ganzen zu sehen sind und der Zuseher weiß, was da hinter den Kulissen eigentlich alles los war.

Zum Beispiel die ausufernde Verfolgungsjagd mit dem Auto. Das Kuriose dabei: Gene Hackman, der hinterm Steuer sitzt, verfolgt gar nicht mal einen anderen Wagen, sondern hetzt dem Antagonisten hinterher, der in der Schnellbahn über ihm stets eine Nasenlänge voraus ist. Auch nach 50 Jahren – da fällt mir auf: der Film feiert heuer gar ein halbes Jahrhundert Jubiläum, Gratulation! – bietet diese Szene aufgrund seines innovativen Kameraeinsatzes und einem wirklich makellosen Schnitt feinstes Actionkino. Für den Schnitt gabs ja sogar einen von fünf Oscars. Die anderen gingen unter anderem an die Regie und an Gene Hackman. Verdient? Nun, Antihelden wie dieser sind mittlerweile in jeder zweiten Krimiproduktion zu finden. Damals allerdings waren Filmhelden noch Leute mit Ehre und Ethik und salonfähigem Auftreten. Gene Hackman war das, so wie zur selben Zeit Clint Eastwood als Dirty Harry, plötzlich alles nicht mehr. Hackman war gelinde gesagt ein Raubtier mit Polizeimarke und Porkpie-Hut, einer, der nicht anders konnte, als seiner Lust am Auflauern und Jagen einfach nachzugeben. Friedkin zeichnet diese Figur als eine, die sich rein durch dieses Tun definiert. So kommt es mitunter, dass das Sakrileg vom Schuss in den Rücken des Killers in dieses Charakterprofil einfach hineinpasst. Hier geht’s um das Erlegen des kriminellen Freiwilds an sich. Insofern wird Hackman in dieser Rolle richtig groß, und auch am Ende, als er im Halbdunkel einer verfallenen Fabrikhalle den Feind ausmacht, spricht direkt ein bisschen der Wahnsinn.

Brennpunkt Brooklyn ist tatsächlich ein guter Film. Allerdings nichts, das nahe geht, und nichts, das wärmt. Aber etwas, das bestechend akkurat seinen roten Faden verfolgt, ohne sich in Nebenstories zu verlieren. Der winterharte Thriller (da können selbst die paar Szenen in Marseille nichts dran ändern) reduziert seinen Plot aufs Wesentliche, lässt unentwegt bespitzeln und beobachten. Scheider und Hackman sitzen und stehen stets auf Nadeln, da ist nichts, was sie ruhen lässt. Nur die Kälte bremst den Drang, die Dinge am liebsten so zu regeln, als wäre Anarchie die neue Ordnung. Platzhirsche der Gerechtigkeit, wenn man so will. Und selbst die ist nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Denn – wäre die Biographie von Jimmy „Popeye“ Doyle, so Hackmans Rolle (die auf einer wahren Figur beruh – auch jene von Scheider), etwas anders verlaufen, könnte man ihn gut und gerne auch auf der anderen Seite des Gesetzes sehen.

Brennpunkt Brooklyn

Bajocero (Unter Null)

WIE DIE SARDINEN

5,5/10


bajocero© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SPANIEN 2020

REGIE: LLUIZ QUILEZ

CAST: JAVIER GUTIÉRREZ, KARRA ELEJALDE, LUIS CALLEJO, ANDRÉS GERTRUDIX, PATRICK CRIADO, MIQUEL GELABERT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Dieser Film hat ein Problem mit der Kälte. Klar hat er das – er heißt ja auch Bajocero (Unter Null). Das heißt – eigentlich haben die Agierenden im Film dieses Problem. Der Film selbst auch? Ja, der auch. Denn eigentlich soll diese Kälte, wenn man so will, die dritte Fraktion in diesem Actionthriller einnehmen, die sich weder greifen noch (mit Ausnahme dicker Jacken) bekämpfen, dafür aber spüren lässt. Womit wir genau beim Problem für den Film sind. Denn die Kälte, die ist in Bajocero (Unter Null) leider kaum spürbar. Dabei wäre sie so dermaßen wichtig. Doch mit Kälte kannst du als Regisseur deinen Cast wohl davonjagen. Leute wie Leonardo DiCaprio, die gerne einen Oscar wollen, die gehen auf du und du mit diesen Temperaturen. Auch Mads Mikkelsen im Survival-Streifen Arctic (zumindest siehts dort so aus). Andere hingegen tun nur so. Und das fällt auf.

Dabei ist Bajocero längst nicht der einzige Film, der die Kälte nicht zu schätzen weiß. Diesen Respekt zollen so manche Filme nicht. Was heißt Filme, auch Serien. Zuletzt gesehen in der Netflix-Sci-Fi Lost in Space. Familie Robinson stürzt in der ersten Staffel mit ihrem Schiff auf einen fremden Planeten, auf dem es angeblich saukalt ist. War´s am Set natürlich längst nicht, entsprechend witterungsbeständig agieren die Schauspieler. Wenn doch zumindest das Atemwölkchen wäre – aber das Atemwölkchen ist auch nicht. Muss auch nicht sein, hängt von der Luftfeuchtigkeit ab. Trotz allem aber könnte das ein hilfreicher visueller Kälteindikator sein. Den sieht man in Bajocero seltsamerweise nur manchmal – und dann wieder nicht. Spitzfindigkeiten? Andernorts vielleicht ja. Aber nicht in einem Film, der damit wirbt, die Kälte als Feind zu haben. Das sind dann enorme Plot Holes in der Plausibilität, mit der ein Actionfilm manchmal steht und fällt. Hier ist es die Physik des Frierens, um die man sich nur halbherzig kümmert.

Dabei hat Bajocero ein schneidiges Konzept zu bieten, das so klingt wie der dritte Aufguss von Alarmstufe Rot, nur ohne Steven Seagal, stattdessen mit Javier Gutiérrez als Familienvater und Cop, der bei einem nächtlichen Gefangenentransport mit plusminus einem Dutzend Gefangener unterschiedlichsten Kalibers einem Attentäter in die Quere kommt. Blöd nur, dass dieser nicht in den Wagen kann, der ist nämlich gepanzert und so verschlossen wie eine Sardinenbüchse, für die es einen Dosenöffner bräuchte. Den Schlüssel, den hat der Polizist. Draußen ist es also bitterkalt, innen bald genauso, weil die Autobatterie nicht heizt und es kann keiner weder rein noch raus. Spannend, dieses klaustrophobische Szenario.

Weniger spannend ist die Inhärenz auffallend großzügig ignorierter Logikhürden, auf die ich, um spoilerfrei zu bleiben, natürlich nicht genauer eingehen kann. Beim Betrachten von Bajocero (Unter Null) wird man nicht darum herumkommen, diese sowieso zu bemerken, selbst wenn man nur mit einem Auge hinsieht. Da stellt sich schon die Frage, warum manch einer die Situation so handhabt und nicht anders, wieso der menschliche Körper tut, was er will, um das Script zu retten und Offensichtliches erst später offenbart wird.

Trotzdem aber ist der spanische Kältewestern keine wirklich vertane Zeit. In Tagen wie diesen reicht vielleicht nur ein geöffnetes Fenster während der Sichtung, um die winterliche Frische auf ihren verdienten Platz, erste Reihe fußfrei, zu verweisen.

Bajocero (Unter Null)

Fatman

SANTA SPRICHT DAS NACHTGEBET

5/10


fatman© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: ESHOM & IAN NELMS

CAST: MEL GIBSON, WALTON GOGGINS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, CHANCE HURSTFIELD, SHAUN BENSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zur stillsten Zeit des Jahres tummeln sich in Film und Fernsehen neben traditionellen Klassikern und lieblichem Süßkram auch allerhand Skurriles. Zu erwähnen sei hier auf alle Fälle einmal das finnische Fantasyabenteuer Rare Exports oder auch Krampus mit Toni Colette. Geena Davis durfte es zur Weihnachtszeit auch schon ordentlich krachen lassen und Stirb langsam wird ebenfalls als jährliches Pflichtprogramm angesehen, obwohl dort Weihnachten nur als stille Bühne im Hintergrund fungiert. Zynisch und ungehobelt war Billy Bob Thornton als Bad Santa unterwegs. Und jetzt greift sogar noch Mel Gibson, seines Zeichens einmal großer Actionheld und exzentrischer Regisseur, recht desillusioniert nach der pelzumsäumten roten Mütze. Setkollege Kurt Russel hat es ja auch schon getan – heuer schon das zweite Mal. Beide tragen ihren grauweißen Swiffer stolz im Gesicht, das alleine reicht doch schon, um Santa Clause mal im diesseitigen Filmuniversum irgendwo zu positionieren.

In Fatman, einem brandneu erschienenen „Weihnachtsfilm“, darf sich ein um die Existenz bangender Mythos nun mit einem diabolischen Killer herumschlagen. Denn ein versnobter, ungeliebter und garstiger Junge, der unterm Christbaum nichts anderes als Kohle findet und darüber sehr erbost ist, will den Weihnachtsmann tot sehen. Klingt grotesk? Ist es allerdings auch. Dabei ist Fatman genretechnisch längst kein astreiner Actionfilm, genausowenig ein ernstzunehmender Thriller. Die Brüder Eshom und Ian Nelms haben hier einen vorweihnachtlichen Punsch zusammengerührt, der vor allem auch die Komponente des Fantasyfilms in sich trägt, als alkoholstarke Note wohlgemerkt. Hier tummeln sich spitzohrige Elfen mit Glockenschuhen genauso wie das amerikanische Militär, das die Geldprobleme des Weihnachtsmannes ausnutzt, um dessen freie Ressourcen für den Waffenbau zu nutzen. Der Glaube an eine artige Next Generation ist in Fatman auch längst hinfällig – zu böse, zu egomanisch, zu fies sind die Kids von heute, dass Santa um seine Arbeit bangen muss und zusehends nur noch Kohle verschenkt. Verheiratet ist er diesmal auch, und mit zwei rustikalen Knarren weiß auch er sich vor vergrämten Sterblichen zu verteidigen, die es zu ihm in den Norden schaffen.

Mel Gibsons glorreiche Zeiten scheinen tatsächlich vorbei zu sein, da kann er Bruce Willis die Hand reichen. Zumindest fällt dem gebürtigen Australier noch das eine oder andere originelle Script zu, aber als originell würde ich Fatman auch wieder nicht bezeichnen. Das mitunter blutige Fantasy-Abenteuer, gespickt mit Shootouts und Santas Gier auf Milch und Kekse, stapft als hanebüchener Murks durch den Schnee. Dabei genießt Walton Goggins jede noch so kleine arrogante Eigentümlichkeit seines akkuraten Antagonisten und zieht sein Image des obligaten Finsterlings mitunter freudvoll durch den Kakao. Gibson bleibt im Gegenzug recht flach. Bärbeißig zwar, aber flach. Doch wie man sieht: der American Way of Christmas lässt sich auf alle Arten ausleben – sogar im Stile eines Italowesterns mit Holzhammermoral.

Fatman

Unhinged – Ausser Kontrolle

ICH HASSE MONTAGE

6,5/10


unhinged© 2020 Leonine Distribution 


LAND: USA 2020

REGIE: DERRICK BORTE

CAST: RUSSEL CROWE, CAREN PISTORIUS, GABRIEL BATEMAN, JIMMI SIMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Ist das Wochenende vorbei, und die Arbeitswoche beginnt, hat nicht nur Kater Garfield jeden Grund zum Jammern. Der ganze Stress geht wieder von vorne los. Doch Kopf hoch: das nächste Wochenende kommt bestimmt – oder? Im Falle der frisch geschiedenen Jungmutter Rachel könnte dieser Montag zum schlimmsten ihres Lebens werden. Und das nur, weil Rachel, gestresst und entnervt, einem Verkehrsteilnehmer ein wutentbranntes Hupkonzert um den Latz geknallt hat. Jeder andere würde da maximal den Finger zeigen (auch nicht die feine englische), doch dieser hier verlangt bei der nächsten roten Ampel eine Entschuldigung. Was denn – den Verkehr behindern und dann noch die beleidigte Leberwurst spielen? Rachel denkt nicht daran, einzulenken. Und der andere, der namenlose bärtige Hüne im Cockpit eines monströsen Geländewagens, ebenso wenig. Nur: dieser ist ein Psychopath, Rachel hingegen nicht. Und es kommt, was kommen muss: ein Katz- und Mausspiel, für das nun an einem Montag wie diesen wirklich keiner Zeit hat, spinnt sich durch den Wochenbeginn.

Inspiriert von stilbildenden Klassikern aus dem Genre, wie zum Beispiel Steven Spielbergs Duell, darf Althase Russel Crowe mal so richtig den ganz bösen Buben spielen. Mit flatternden Nerven, die nur medikamentös zu beruhigen sind, schweißnasser Stirn und einer Wut in Bauch und Blick, das einem irgendwie anders wird, zieht seine Figur des scheinbar völlig grundlosen Irren eine Spur der Verwüstung durch New Orleans. Dabei hätte doch alles mit einem bisschen mehr an Selbstbeherrschung und vielleicht einer Anlehnung an die Binsenweisheit „Der klügere gibt nach, der Esel fällt in den Bach“, nur ein beschissener Montag wie jeder andere werden können. Aber nein – Wut tut nicht immer gut, Trotzverhalten genauso wenig. Nicht zu vergessen – die Arg- und Achtlosigkeit. Im Psychothriller Unhinged – Ausser Kontrolle scheint so manches arrangiert zu wirken, um überhaupt eine Gewaltspirale wie diese in Gang zu setzen: bei näherer Betrachtung allerdings sind diese Umstände durchaus reale, verdammt blöde Zufälle, die in garstiger Fatalität wie Dominosteine aufeinander fallen. Russel Crowe ist dieses Chaos eine Genugtuung. Warum allerdings, das weiß keiner so genau. Nur so viel: der Staat ist wieder mal an allem schuld. Näher geht Derrick Borte nicht auf seinen Wutbürger ein. Das unterscheidet ihn nicht gerade vorteilhaft von der Figur aus Joel Schumachers ähnlichem Amoklauf Falling Down. Michael Douglas Ambition für sein Ausrasten ist dort allerdings viel präziser, nachvollziehbarer – trotz all der sträflichen Handlungen war D-Fens immer noch einer, auf dessen Seite man war, da sein Unmut einem ganzen System galt. Russel Crowe quält hingegen nur einen einzelnen Sündenbock. Dieser widerwärtige Fokus ist längst nicht mehr Teil eines Vorhabens, diese Wut erklären zu wollen. Was bleibt, ist ein Hickhack zwischen Stark und Schwach, teils richtig perfid und finster, teils horrend überzeichnet. Unterm Strich aber grundsolide, auf Zug inszeniert und die Spannungsschraube lässt sich auch nur mehr mit Drehkreuz aufdrehen.

Unhinged – Ausser Kontrolle ist kurzweiliges Aggressionskino ohne sozialpolitischer oder gar psychologischer Metaebene. Hier geht´s um das, was man sieht und auch wieder nicht sieht, wenn der fahrbare Untersatz des bösen Mannes um die nächste Ecke biegt. Stimmt, ER kann jedem passieren. Also immer recht freundlich, nicht immer gleich hupen, denn das macht jeden Autofahrer rasend – wer weiß, wofür es gut ist. 😉

Unhinged – Ausser Kontrolle

Peninsula

ZOMBIEKEGELN IN SEOUL

5,5/10


peninsula© 2020 Koch Films


LAND: SÜDKOREA 2019

REGIE: YEON SANG-HO 

CAST: DONG-WON GANG, DO-YOON KIM, JUNG-HYUN LEE, KWON HAE-HYO, LEE RE, MIN-JAE KIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Vor vier Jahren zwängten sich blutdürstende Virenträger durch die schmalen Gänge und Abteile eines Zuges nach Busan. In Busan, so hieß es, könnte man als Gesunder vor einer nicht näher bestimmten Epidemie Zuflucht suchen. Dieser spannende und hochdramatische Thriller zählt für mich bis heute zu einem der stärksten Beiträge des Zombie-Genres. Nicht aber, weil es versucht, der bereits sehr abgegriffenen Thematik neue Aspekte abzugewinnen, sondern weil Regisseur Yeon Sang-Ho es gut verstanden hat, das Potenzial eines Katastrophenthrillers punktgenau und mit sehr viel Gefühl für Timing effizient auszunutzen. Die räumliche Enge – wir wissen, so etwas macht die Dramatik noch kerniger – tat ihr Übriges.

Völlig losgelöst vom Horror auf Schiene allerdings hat Sang-Ho an einer Fortsetzung gebastelt – die genauso vier Jahre später einsetzt und die nur so viel mit dem Erstling gemeinsam hat, als dass dieser vernichtende Virus jener ist, den wir schon in Train to Busan hatten. Statt eines Zuges fährt jetzt ein Schiff nach Seoul, und zwar eines mit illegalem Auftrag. Vier Flüchtlinge, die in Hongkong relativ mittellos auf ein Ende der Katastrophe warten, bekommen die Chance, sich ein neues Leben aufzubauen, sofern sie bereit sind, ein waghalsiges Ding zu drehen: Nämlich zurück ins Zentrum des Zombiewahnsinns, um einen Truck, angefüllt mit Millionen von Dollar, aus dem Chaos zu bergen. Auftrag natürlich angenommen, so schwer wird das wohl nicht werden, vor allem wenn die Operation nachts verläuft, da diese Zombies bei Dunkelheit sowieso nichts auf die Reihe kriegen. Untertags aber sind die kranken Horden jedoch schnell, rasend schnell. Und so sehr es auch danach aussieht – sie sind nicht das einzige Problem.

Klingt nicht so wirklich nach Horror? Stimmt – in Peninsula hat es das interessierte Publikum eindeutig mehr mit einer gewissen Art von Endzeit-Action zu tun, die in ihren wildesten Momenten ganz klar seine Inspiration im Mad Max-Universum sucht. Seoul – in ansprechend postapokalyptischen Panoramagemälden für den nächsten Jahreskalender verewigt – ist Rennstrecke und Hindernisparcour zugleich. Quer durchs Gemüse und durch Zombiecluster hindurch brettern aufgepimpte fahrbahre Untersätze, hinterm Steuer Gesetzlose, die anderen Gesetzlosen nachjagen. Natürlich gibt´s auch jene, die im Meistern der Situation ganz vorne mit dabei sind, und die selbstredend zu den Guten gehören, um einen Konflikt austragen zu können, der über den Zombies steht, die in ihrer instinktgesteuerten Aggression oftmals über sich selbst fallen, um dann umgeworfen zu werden wie Kegel, als wäre Seoul eine riesige Bowlingbahn.

Peninsula ist dystopische Action, die nur in seltenen Momenten überrascht, die zeitweise sogar mit so viel Vorhersehbarkeit um die Kurve schert, dass trotz all der quietschenden Reifen Langeweile aufkommt. So etwas passiert, wenn vom Waggon bis zur Stadtgrenze der Aktionsradius expandiert. Ein ähnliches Problem hatte auch damals Stirb langsam – jetzt erst recht. Der Actionfilm erklärte gleich ganz New York zur Bühne. Seoul ist auch nicht gerade ein Dorf, dementsprechend verliert sich der wüste Banditen-Eastern in so manche dramaturgische Sackgasse – und schwächelt dem straffen Original deutlich hinterher.

Wenn schon die südkoreanische Metropole von allen Göttern verlassen scheint – das Pathos hat´s da noch nicht rausgeschafft, ganz besonders aus dem Finale nicht, das alle Register der Theatralik zieht, was auch erst gekonnt werden will, und hier nicht ohne Wirkung bleibt. Klar wird – das Publikum ist manipulierbar, ein bisschen so wie all die Zombies, die nicht anders können als funkelnden Lichtern hinterherzutorkeln.

Peninsula

Marlene

SHOWDOWN IN LITTLE STYRIA

3/10


marlene© 2020 Panda Film


LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: STEFAN MÜLLER

CAST: PAUL HASSLER, CAROLINE MERCEDES HOCHFELNER, SOPHIA GRABNER, AUGUST SCHMÖLZER, EVA-MARIA MAROLD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn das Herzblut so sehr nach Filmemachen schreit, dann ist das ansteckend. Und Qualität nur noch sekundär. Kann ja auch sein, dass durch diese Leidenschaft sowas wie Kult entsteht. Man braucht nur die richtigen Vibes und den Spaß an der Sache. Manch ein Fanfilm zu sattelfestem Franchise hat ähnliche Eigenschaften. Auch wenn in ihren Filmen nur das Notwendigste bis zur finanziellen Schmerzgrenze eingebracht wurde – die Freude am Werkeln und das Ausleben des Fandoms macht manche richtig sehenswert.

Der österreichische Thriller Marlene ist zwar kein Fanfilm, wirkt aber wie einer. Da er sich keines Franchises oder eines bereits etablierten popkulturellen Interessensgebietes bedient, hat er auch anfänglich nichts auf der Habenseite, um in der Pole Position starten zu können. Was er hat, sind lediglich Vergleiche mit ganz anderen Filmen aus diesem Genre – nämlich weitaus besseren.

Marlene erzählt die relativ triviale Geschichte eines lakonischen Auftragskillers, der bald schon draufkommt, für den falschen Mann zu töten, als er sich in eines seiner Ziele verliebt. Da er den Auftrag folglich nicht durchführen kann, wird die titelgebende junge Dame von anderen Leuten aus dem Syndikat entführt. Was unser Protagonist natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Er startet einen Befreiungsfeldzug gegen eine scheinbare Übermacht.

Phantom Commando in der Steiermark? Dazu fehlen Arnies Muskelberge und die dazugehörige Camouflage-Schminke. Schauspieler Paul Hassler holt sich eher einige Ezzes aus Jason Stathams Filmschaffen. August Schmölzer gibt einen in Trachtenwesten gekleideten Paten im steirischen Hinterland. Und siehe da: österreichische Star Wars-Fans werden jubeln, wenn Sophia Grabner, bekannt aus Regrets of the Past, als schwertschwingender Vamp zum Duell fordert. Dennoch: die Charaktere sind Stereotypen, nichts ist hier wirklich originär. Und schauspielerisch bewegt sich der Film auf dem Niveau eines sommerlichen Laientheaters. In Sachen Intonation ist hier einige Luft nach oben, dramaturgisch fehlt es an Straffheit, zwischendurch hängt der Thriller immer wieder ratlos durch. Explodierende Köpfe wirken wie auch die übrige explizite Gewalt seltsam deplatziert. Hätte sich Marlene nicht so sehr aus den Schubladen vorhandener Werke bedient, hätte Marlene viel mehr etwas Eigenes geschaffen, ohne vorhersehbar Bekanntes zu erzählen, hätte Stefan Müllers Gehversuch eines Actionfilms zumindest ein gewisses Etwas. So allerdings hat es weder Raffinesse noch Spannung. Was bleibt, ist ein Genre-Fanfilm, der mit ordentlich Engagement und freundlicher Genehmigung des Bundeslandes Steiermark sogar das Licht des Kinos erblickt hat. Und doch – im Vergleich fehlen hinten und vorne die eigenen Argumente.

Marlene

The Informer

MÄNNER MIT TATTOOS

6,5/10

 

the-informer© 2019 Senator Home Entertainment

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA DI STEFANO

CAST: JOEL KINNAMAN, ROSAMUNDE PIKE, COMMON, CLIVE OWEN, ANA DE ARMAS, MARTIN MCCANN U. A. 

 

Küss die Hand, Herr Kerkermeister, ich bin wieder da! So singt schon seit den 80ern die Erste Allgemeine Verunsicherung vom Verweilen hinter schwedischen Gardinen. Was in diesem Liedchen noch für eine heimelige Zellenatmopshäre mit Assel sorgt, definiert sich in den Kittchens der USA stets mit schwerfälligen Muskelgiganten und deren Tattoos. Hast du kein Tattoo, bist du kein Verbrecher. Oder einfach nicht cool genug, um einer zu sein. Hast du keine, musst du klein und unscheinbar sein, denn je kleiner und unscheinbarer, desto mehr hast du das Zeug zu deligieren. Auch das wird aus dem Gefängnis kolportiert. Und das Personal ist sowieso so korrupt, das es schlimmer kaum geht. In so einen Häfen muss Special Ops-Agent Pete Koslow, selbstredend Dauergast beim Tätowieren, wieder zurückkehren, um der Drogenmafia das Handwerk zu legen. Was erstmal so aussieht wie eine gemähte Wiese, nämlich, dass Koslow nach verrichteter Arbeit wieder gemütlich aus dem Gefängnis spaziert, darf später bei all den Betroffenen nicht ganz unbegründet für Panik sorgen. Pete wird fallengelassen. Und muss sich auf eigene Faust freikämpfen.

Lock up könnte man sagen. Doch statt Sylvester Stallone darf diesmal Joel Kinnaman (u.a. Robocop, die Serie Hanna, Staffel 1) die Läusedusche über sich ergehen lassen. So finster wars im Knast schon lange nicht. Und so adäquat finster kann auch nur Joel Kinnaman dreinschauen, der wirklich nichts zu lachen hat. Das sind bewährte, aber knallharte Versatzstücke für einen wenig schienbeinschonenden Härtefall von Thriller, der auf spannende und mitunter gehörganglädierende Art zeigt, wie sehr ein Mann mit Erfahrung und einigem Abgucken von Mac Gyver den aussichtslosen Blick in die Zukunft abwenden kann. Daheim bangt Ana de Armas mit unvermuteter Lockenpracht, und FBI-Agentin Rosamunde Pike quält das Gewissen. Waren das alle namhaften Stars in diesem Film? Nein, Clive Owen ist das cellophanartige Zerrbild eines schmierigen Über-Leichen-Gehers. Und Rapper Common (Oscar für den Song Glory) von der CIA-Fraktion kommt einiges Spanisch vor.

Das Casting für die in Haft sitzende Belegschaft in diesem Film dürfte viele ärmellose Feinripps kommen und gehen gesehen haben, nicht ohne gewissen Unterhaltungswert. Kinnaman hat man seine wuchtigen Gemälde natürlich raufappliziert – und er ist auch unterm Strich der richtige Mann für diese Drecksarbeit, die Andrea di Stefano (Escobar – Paradise Lost) hier ergrimmte Gemüter machen lässt. Ein kurzweiliger, wenig zimperlicher Thriller mit allerlei Agenten- und Intrigenkram, der in seiner zornigen Art Althasen wie Stallone oder Schwarzenegger den Escape Plan klaut.

The Informer

The Old Guard

WHO WANTS TO LIVE FOREVER?

6/10

 

the-old-guard© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GINA PRINCE-BYTHEWOOD

CAST: CHARLIZE THERON, MATTHIAS SCHOENAERTS, KIKI LAYNE, MARWAN KENZARI, ALFREDO TAVARES, CHIWETEL EJIOFOR, HARRY MELLING U. A. 

 

Bei Highlander Connor MacLeod konnte es nur einen geben. Gut, ein Schotte macht noch keinen Sommer. Dieser Tage heizen uns andere Expendables ein, die alles andere als austauschbar sind. Bei The Old Guard sind es gleich mehrere, die auf eine nachhaltige Anomalie ihres Daseins zurückblicken können: sie sind unsterblich. Grand Dame dieser Selbsthilfegruppe unkaputtbarer Individuen ist Andy, oder wie sie eigentlich wirklich heißt: Andromache of Scythia, eine Legende der Antike, die gefühlt mir allen Feldherren der alten Zeit gekämpft hat. Und die auch nach tausenden von Jahren überraschend unverbraucht wirkt, womöglich weil sie sich stets neu erfindet. Die anderen in ihrem Geleit sind sich zumindest bei den Kreuzzügen gegenübergestanden, der eine ein Sarazene, der andere ein Tempelritter. Mittlerweile lieben sie sich – ein sehr sympathisches Detail zur Verbrüderung der Religionen. Alle zusammen kämpfen sie für die gerechte Sache – und sind dort zur Stelle, wo die Menschheit gerade mal jemanden benötigt, um sicherzustellen, dass das Überleben ganz anderer Leute einen globalen Impact gewährleistet. Bei ihrem neuesten Einsatz allerdings werden sie übers Ohr gehauen und fortan vom diabolischen Pharma-CEO Harry Melling (Harry Potter-Fans wissen: das war Dudley Dursley!) gejagt. Während des Katz- und Mausspiels bekommt ihre Truppe unerwartet Zuwachs – eine junge Marine, die im Irak eigentlich hätte draufgehen sollen, erfreut sich akuter Genesung.

Graphic Novels sind die neuen Drehbücher – oder die besten literarischen Vorlagen. Der Grund liegt auf der Hand: mit der Story werden gleich noch die Storyboards mitgeliefert. Seit Sin City und 300 wissen wir: Panels lassen sich geradezu eins zu eins fürs Kino adaptieren. Aber das muss natürlich nicht zwingend sein. Es ist auch voll in Ordnung, wenn die Regie nur den Steckbrief der Protagonisten übernimmt – mitsamt prägnantem Waffen-Arsenal. So schwingt Charlize Theron, die mit Vorliebe ihre Kampfamazonen rauslässt (so gesehen in Atomic Blonde oder als Imperator Furiosa in Mad Max: Fury Road) eine schneidige Axt. Alle anderen haben Schwerter und Schusswaffen. Dieser martialische Werkzeugkasten verleiht dem soliden Reißer etwas anregend Anachronistisches, ganz so wie bei Highlander. Was kann der Film sonst noch? Nun, zumindest ein stringentes Abenteuer rund um Leben, Tod und die Sehnsucht nach Sterblichkeit erzählen. Auf ewig existieren ist nichts, das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Also nochmal: Who wants to live forever?

Die Frage nach dem Warum dieser außergewöhnlichen Mutation stellt The Old Guard zwar schon, erhält aber keine Antwort. Vielleicht aber folgt diese im zweiten Teil der Verfilmung, denn angesichts der Post Credit-Szene, die man nicht verpassen sollte, muss das Schicksal des unbezwingbaren Grüppchens natürlich weitererzählt werden. Wobei sich letzten Endes die Frage stellt: Ist The Old Guard der bessere Film, oder die bessere Serie? Betrachtet man die Machart des Streifens, so wird das Medium austauschbar. The Old Guard hat nichts, was ihn definitiv als Kino-Event auszeichnet, sondern viel mehr, um das Werk als Pilotfilm einer qualitätsbewussten High End-Serie an den Start zu bringen. Dafür wäre die blutige Routine-Action mitsamt seinen Zeitraffer-Heilungsprozessen und wandelnden Geschichtsbüchern als Serienkino-Hybrid ein echter Hingucker.

The Old Guard

The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime