Sympathy for Mr. Vengeance

DAS ENDE DER RACHE

7/10


SympathyForMrVengeance© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2002

BUCH / REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: SONG KANG-HO, SHIN HA-KYUN, BAE DU-NA, LIM JI-EUN U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Ein Blick in den Nahen Osten reicht, um zu sehen, wie es ist, wenn auf Rache Rache folgt. Israel und Palästina kommen aus diesem Drehkreuz der gegenseitigen Vergeltung nicht mehr heraus. Das kaum unterdrückbare Verlangen, in einer aus mehreren Standpunkten gerechten Sache das letzte Wort haben zu wollen, bringt den Gewaltkreislauf womöglich erst dann zum Stillstand, wenn eine der beiden Parteien keinen Mucks mehr macht. Wie verlässlich dieses Grundprinzip funktioniert, und welche bizarren Wege Rache nehmen kann, hat der Südkoreaner Park Chan-Wook in seiner Rachetrilogie veranschaulicht, seinem großen Opus Magnum, das ihm sozusagen Tür und Tor in der Filmbranche geöffnet hat. Aus dieser Trilogie ist Oldboy natürlich das schillernde Mittelstück – mittlerweile längst ein Klassiker. Flankiert wird dieser irre Knüller von Mr. und Lady Vengeance. Zwei völlig andere Ansätze zu selbem Thema, und es ist auch ganz egal, in welcher Reihenfolge man sich diese Werke zu Gemüte führt, eines ist bei Park Chan-Wook aber gewiss: In Sachen Gemüt muss man hierbei schon einiges vertragen können, vor allem die drastische Darstellung von Gewalt.

Den Anfang dieses Triptychons macht ein blauhaariger, gehörloser junger Mann, dessen schwerkranke Schwester ganz dringend eine neue Niere braucht. Die eigene kommt aufgrund falscher Blutgruppe nicht infrage, und die Warteliste für Organe wie diese ist lang. Also geht Ryu andere Wege und lässt sich mit einer illegalen Organhändlerin ein, die das geforderte Geld und Ryus eigene Niere kassiert, mit dem in spe erstandenen Körperteil aber nicht rausrückt. Plan C ist es also, die Tochter eines Geschäftsmannes (Song-Kang-Ho, zuletzt in Parasite zu sehen) zu kidnappen und Lösegeld zu erpressen. Es wäre nicht Park Chan- Wook, würde dieser Plan nicht ebenfalls schrecklich schieflaufen. Wichtige Figuren in diesem Spiel des Schicksals verlassen vorzeitig ihr irdisches Dasein – und das ist Grund genug für die Rache am Rächer, der sich am Rächenden rächt.

Von allen drei Werken ist Sympathy for Mr. Vengeance (vom Original übersetzt: Mein ist die Rache) der wohl nihilistischste. Allerdings auch der introvertierteste, bedächtigste, der anfangs lange Luft holt und sich einfach die Zeit nimmt, die er ungeachtet eines nervösen Publikums braucht, um seine Charaktere und ihr gesellschaftliches Umfeld näher zu betrachten. Park Chan-Wook verschwendet dabei aber keine Spielzeit – sein fast über die ganze erste Hälfte des Film dauerndes Vorspiel macht die zweite Hälfte dann umso intensiver. Und dort bleibt kein Stein auf dem anderen, denn es ist, wie eingangs erwähnt, diese niemals anhaltende Drehtür aus Vergeltung und Gegenvergeltung, die wie ein Körper, der ins Wasser fällt, seine Kreise zieht. Die Eigendynamik der Rache spielt sich dann auch längst nicht mehr linear ab, sondern verzweigt sich und findet auf mehreren Ebenen und an mehreren Orten gleichzeitig statt. Sympathy for Mr. Vengeance nimmt dem Thema Rache seine Banalität, die nur zu gut und gern im Actiongenre stereotype Verwendung findet. Park Chan-Wook macht aus dieser scheinbar simplen Emotion ein kunstvolles Spektakel, das allerdings nichts mehr hat, woran man sich noch festhalten könnte. Hier stürzt alles ins Chaos, lässt andererseits aber seine strauchelnden und hasserfüllten Figuren übertrieben rasch zu sehr hässlichen Mitteln greifen, die man in ihnen keinesfalls vermutet hätte. Das macht den Streifen weniger plausibel. Und da auch des Weiteren all der Jammer wie Abwaschwasser in eine Richtung abläuft, bleibt aufgrund seiner makellos glatten Konsequenz überraschend wenig narrative Haptik.  

Allerdings: Sympathy for Mr. Vengeance mag zwar der schwächste Film der Trilogie sein – Park Chan Wooks Sinn für penibel arrangierte Tableaus, unorthodoxe Blickwinkel und schräge Details findet auch in diesem tiefschwarzen und bizarr bebilderten Klagelied seine praktische Entfaltung.

Sympathy for Mr. Vengeance

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

REDEN IST SILBER, SCHWEIGEN IST GOLD

4/10


TheSecretsWeKeep© 2020 LEONINE Distribution GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: NOOMI RAPACE, JOEL KINNAMAN, CHRIS MESSINA, AMY SEIMETZ, RITCHIE MONTGOMERY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Den Joke kennt jeder: Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? – Natürlich (schon ganz erpicht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren)! Ich auch, sagt der, der gefragt hat. Dumm nur, wenn dein eigener Ehepartner dich so dermaßen an der Nase herumführt, dass du letzten Endes feststellen musst, dass Vertrauen wirklich nur ein Lippenbekenntnis zu sein scheint. So oder ähnlich ereilt diese Erkenntnis den braven Ehemann Lewis, dessen Frau – eine Roma – ganz plötzlich allerlei traumatische Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg auspackt. Damit das ganze plausibel erscheint, schreiben wir die 50er Jahre, Schauplatz USA, und sowohl Lewis als auch dessen Frau haben sich in den Wirren der Nachkriegszeit kennengelernt. Auswandern schien da die beste Option, und so hat Maja ein neues Leben begonnen. Dazu gehören anscheinend nicht die schrecklichen Erlebnisse jenseits des Atlantiks, über die am besten der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Bis alles anders kommt – und die Mutter eines Sohnes in einem ihrer neuen Mitbürger ihren Peiniger zu erkennen glaubt. Der lang ersehnte Tag der Abrechnung scheint gekommen. Und auch wenn Ehemann Lewis von all dem bislnag keine Ahnung hatte: mitgehangen – mitgefangen.

Der Plot dieser Geschichte erinnert mich unweigerlich an Roman Polanskis Adaption des Theaterstücks von Ariel Dorfmann, Der Tod und das Mädchen. In diesem Film aus den Neunzigern, mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley, befinden wir uns in einem nicht näher definierten südamerikanischen Land, lange nach einer Militärdiktatur. Weaver erkennt in Kingsley ihren Peiniger – und will ebenfalls Genugtuung. Nur: Polanskis Polit- und Psychothriller bleibt dem von Yuval Adler (u. a. Die Agentin) inszenierten Revenge-Drama um Nasenlängen voraus. Polanski weiß, wie sowas geht. Adler wohl weniger. Das liegt daran, dass wir im Laufe des Films kaum die Gelegenheit haben, in den agierenden Figuren nie mehr als nur deren Momentaufnahmen zu sehen. Was fehlt, ist vor allem in Filmen wie diesen eine von mir aus grob skizzierte charakterliche Landkarte, ein bisschen mehr an Verhaltensbiographie. In Der Tod und das Mädchen hatten sowohl Weaver als auch Kingsley anfangs genug Spielraum, um in ihrer Rolle greifbar zu werden. Naomi Rapace und Joel Kinnaman haben das nicht. Rapace vielleicht mehr, aber auch sie katapultiert uns gleich anfangs in einen ratlosen Ist-Zustand emotionaler Aufwühlung, die am Publikum vorbeigeht. Auch später wird es nicht besser, nur einigermaßen platter und grober, die Rückblenden in hart kontrastiertem Schwarzweiß sind überdies recht plakativer Natur, während bei Polanski solche Szenen überhaupt gar nicht notwendig sind. Die Spannung entsteht dort aus dem Dialog – in The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit fehlen Noomi Rapace oftmals die Worte, während sich Kinnaman nicht nur als mutmaßlicher Verbrecher aus dem Keller dieses fremden Hauses wünscht.

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

Message from the King

DU KOMMST NOCH IN MEINE GASSE

4/10


message-from-the-king© 2018 Netflix

LAND / JAHR: USA 2016

REGIE: FABRICE DU WELZ

CAST: CHADWICK BOSEMAN, TERESA PALMER, LUKE EVANS, ALFRED MOLINA, NATALIE MARTINEZ, TOM FELTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


So wirklich wohl würde ich mich in der Nähe dieses Mannes selbst dann nicht fühlen, hätte ich keinen Dreck am Stecken wie so viele dieser finsteren Visagen, die da in Los Angeles für Unrecht und Chaos sorgen. Chadwick Boseman, der, leider verstorben, womöglich nächstes Wochenende posthum mit einem Oscar geehrt werden wird, verbrachte 2016 noch seinen Auslandsurlaub im schmuddeligen US-Moloch an der Westküste, um seine Schwester zu suchen, die, so wie er befürchtet, irgendwelchen Schergen zum Opfer gefallen sein könnte. Aus Südafrika reist dieser Jacob King also an, finster und wortkarg und irgendwie fehl am Platz. Eingemietet in einer ebenso schmuddeligen Absteige, in der auch die alleinerziehende Kelly haust, scannt er bald das gesellschaftliche Umfeld seiner nahen Verwandten und sucht nach Namen und Spuren. Ein solcher fällt sehr bald, und die dazugehörigen Gesichter sind wenig einladend. Klar haben die was damit zu tun, und klar kreuzt King nicht nur einmal bei diesen Leuten auf, die das wiederum gar nicht gerne sehen.

Message from a King, direkt vom Toronto International Film Festival von Netflix aufgekauft und abgeholt, setzt den zur damaligen Zeit gerade mal als Black Panther ins Feld geführten Boseman (First Avenger: Civil War) als martialischen Schnüffler in Szene, der in stoischer Selbstjustiz und familiärem Pflichtbewusstsein unschöne Angelegenheiten vom Tisch räumt. Wie er das macht, das weiß zum Beispiel auch einer wie Liam Neeson, der ein Liedchen davon singen kann, wie man lästiges Geschmeiss von der Kernfamilie fernhält. Nur – Chadwick Boseman ist nicht Liam Neeson. Letzterer hat diese gewisse hemdsärmelige Attitüde, wie ein autodidaktischer Heimwerker, der bei seinen Bösen für den nötigen Wasserrohrbruch sorgt. Boseman hingegen gefällt sich in arroganter Selbstgerechtigkeit und weiß anscheinend immer, dass er besser ist als alle anderen. Diese Überheblichkeit macht den Marvel-Helden, dem als Adeliger von Wakanda dieses Gehabe gut zu Gesicht steht, zu einem enervierend einsilbigen Nachtfalken.

Das allerdings ist nicht das einzige Handicap des so blutigen wie derben Thrillers, wo Fahrradketten eine einschneidende Rolle spielen. Das Problem ist auch, in relativ kurzer Zeit einfach viel zu viele Figuren ins Spiel zu bringen, die noch dazu einen recht konfusen Krimiplot flankieren, der einfach zu viel will. Nebst diesem Kommen und Gehen an Personen, die irgendwas im Schilde führen oder auch nicht, gibt’s sogar noch eine zarte Romanze mit Teresa Palmer. Dabei verpasst der Film aufgrund der vielen moralisch verwirrten, halb angedachten Figuren die Möglichkeit, das Moralbewusstsein des Zusehers entsprechend zu reizen. Will heißen: Regisseur Fabrice du Welz wählt in dieser unheilvollen, urbanen Wildnis als Kampfplatz gerade mal die emotionale Sackgasse.

Message from the King

Lady Vengeance

UNSER ALLER IST DIE RACHE

8/10


lady-vengeance© 2005 D.R.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2005

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: YEONG-AE LEE, MIN-SIK CHOI, SHI-HOO KIM, YAE-YOUNG KWON, SU-HEE GO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Verstörend, grotesk, mitunter lieblich und brutal – wer diese vier Adjektive im Film seiner Wahl nicht unter einen Nenner gebracht haben möchte, sollte Park Chan-Wook eher meiden. Wer Oldboy kennt – und den kennen sicher mehr als eine Handvoll meiner Leser – kann sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartet, wenn Lady Vengeance als Abschluss einer lose verknüpften Themen-Trilogie über den Screen flimmert. Chan-Wooks Filme sind nichts für Zwischendurch. Ungefähr so, wie Filme von Peter Greenaway einfach nichts für zwischendurch sind. Sie entspannen nicht, sie bereichern nicht, sie erquicken nicht. Sie fühlen sich auch nicht gut an. Das Kuriose dabei aber ist, dass Filme wie Lady Vengeance auf gewisse Weise die Erzählparameter des Kinos neu definieren und dabei Wege beschreiten, die andere womöglich für unbegehbar halten. Quentin Tarantino hat sich für sein eigenes Œvre von Chan-Wook und Kollegen merkbar inspirieren lassen. Und blieb wohl bis heute auch der einzige, dessen Werke zugleich komisch, melodramatisch und explizit brutal sind. Diese Mixtur ist wie eine selten genutzte, chemische Formel und das Ergebnis dieses Experiments eigentlich erst nach auserzähltem Film erkennbar. Also heisst es: Augen auf und durch. Denn in seinen einzelnen Szenen betrachtet ist auch Lady Vengeance etwas unerhört Bizarres und Abstoßendes. Wäre da nicht diese melancholische Melodie, die darauf folgt, und wäre da nicht dieses bittere Schicksal, das auch das Undenkbare legitimiert.

Mit so einem Schicksal muss die junge Geum-ja leben, die für einen Kindsmord, den sie nie begangen hat, für rund 13 Jahre ins Gefängnis gehen musste. Der Film setzt da ein, als Geum-ja entlassen wird. Nachdem man allerdings glaubt, nun eine geradlinige Geschichte erzählt zu bekommen, zerschnipselt Park Chan-Wook seinen Rachethriller in Rückblenden und Nebengeschichten, die allesamt dazu verleiten, die Orientierung zu verlieren. Doch egal, Chan-Wook fordert sein Publikum heraus und schert sich nicht um Gefälliges. Erzählt aus dem Frauengefängnis, stellt einige Randfiguren vor, die sich alle irgendwie ähnlich sind, und die allesamt bei Geum-ja in der Schuld stehen. Wieder in Freiheit, kennt Geum-ja aber nur ein Ziel. Den wahren Mörder zu finden und ihn für den Knast und der damit verbundenen Zwangsadoption ihrer Tochter leiden zu lassen. Hinter dieser plumpen Rache steht aber ein ausgearbeiteter Plan, der nicht nur ihr selbst Genugtuung bringen soll, sondern auch all jenen, deren Leben durch die grausamen Taten von Bestie Mensch zerstört wurden.

Auch wenn man es kaum für möglich halten könnte – ein bisschen Agatha Christie schwingt hier auch mit, auch ein bisschen was von Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder. Aber das nur peripher. Die Rache wird in diesem höchst faszinierenden Psychotrip zu einer theatralischen, rituellen Zeremonie, wie das letzte Dinner in Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber. Lady Vengeance versucht, diesen irrationalen und impulsiven Umstand auf kuriose Art zu institutionalisieren. 

Wie in Oldboy kennt Park Chan-Wooks Film kein Erbarmen. Nicht mit dem Zuseher, der sich dieses Kuriosum erst erarbeiten muss. Und nicht mit seinen Protagonisten, die Schlimmes oder gar arg Erniedrigendes erleiden müssen. Ich würde Lady Vangeance tatsächlich nur jenen empfehlen, die mit Park Chan-Wooks koreanischem Schaffen (Stoker ist da eher nur noch ein Schatten seiner Radikalität) zumindest ein bisschen vertraut sind. Oder auch jenen, die bereit sind, recht wertfrei Unerwartbares zuzulassen. Am Ende bekommt man ein perfekt geschliffenes Artefakt serviert, dessen Facetten jeweils ein anderes Lichtspektrum brechen. Bei koreanischen Filmen wie diesen hat man das Gefühl, etwas erlebt zu haben, auch wenn es im Grunde den eigenen Geschmack untergräbt. Sowas nenn ich ein Kunststück, das seiner selbst willen entstanden ist.

Lady Vengeance

Red Dot

PANIK IM PARTNERLOOK

5/10


reddot© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2021

REGIE: ALAIN DARBORG

CAST: NANNA BLONDELL, ANASTASIOS SOULIS, JOHANNES KUHNKE, KALLED MUSTONEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Dubiose Psychopathen, die einem im Nacken sitzen und den Urlaubsfrieden stören – das erinnert unweigerlich an John Boormans verstörenden Klassiker Beim Sterben ist jeder der Erste. In diesem auf Netflix erschienenen Thriller ist diesmal aber kein Freundeskreis unterwegs in die Wildnis, sondern ein schlichtes und relativ langweiliges Hetero-Ehepaar, das nach eineinhalb Jahren Ehe bereits versucht, mithilfe eines Abenteuers in Schnee und Wald die Zweisamkeit zu kitten. Nach eineinhalb Jahren schon? Was ist mit dem verflixten siebten Jahr? Irgendwie ist da ein Haken an der ganzen Sache. Kann aber auch sein, dass bei einem ehelichen Schnellschuss wirklich schon nach so kurzer Zeit die Luft entweicht. Wir wissen es nicht so genau. Und es macht sich dann auch Unbehagen breit, nachdem Ehemann David an der Provinztankstelle am Auto zweier zwielichtiger Individuen eine Delle hinterlässt und einfach davonfährt. Diese beiden Vögel tauchen immer wieder auf, dann kommt eines ins andere, und irgendwann rastet Gattin Nadja ein bisschen zu sehr aus. Im Zelt unterm nordlichternen Firmament weilend kann das Halali von Mister X auf die beiden Turteltauben beginnen – der Red Dot eines Zielgewehrs stört die Idylle. Und aus ist’s mit Krisenkitten. Jetzt geht´s nur noch darum, die eigen Haut zu retten.

Thriller aus Schweden haben genauso wie Thriller aus Südkorea ihre ganz eigene düstere Note. Deswegen sind Schwedenthriller ja so beliebt, weil sie nicht ganz so vorhersehbar sind wie all die Reißbrettthriller aus Übersee. Doch in Red Dot gibt´s eine grundlegende Schwierigkeit, die verhindert, dass sich der Film in starken Gesinnungskontrasten zeigt. Irgendwas ist bei den beiden Liebenden im Busch, und irgendwie könnte der unbekannte Verfolger vielleicht gar nicht der sein, für den die beiden ihn halten. Oder doch? Regisseur Alain Darborg fischt im Trüben, setzt auf garstige Panikattacken und Survival-Elemente wie aus Cliffhanger oder The Grey. Hundefreunde sollten diesen Film lieber meiden, so wie Hasenfreunde Eine verhängnisvolle Affäre.

Was aber weitestgehend die geordnete Disharmonie stört, ist das impulsive Verhalten zweier erwachsener Menschen, die auf unreflektierte Weise überhaupt nicht verstehen, was ihre Entscheidungen alles anrichten. Irgendwie tappen beide von einem selbstgemachten Unglück ins nächste. Ihnen dabei zuzusehen, wird zwar von verwunderndem Kopfschütteln begleitet, bleibt aber trotzdem spannend. Das Script zu Red Dot ist ein netter Entwurf – mehr aber auch nicht. Während manches viel zu umständlich konstruiert scheint, wird anderes soweit zurechtgebogen, damit hier ein Storytwist für den allzu gewollten Aha-Effekt dienen kann. Das ist zuweilen klar erkennbar, und auch der moralische Zeigefinger mag zwar gerecht sein, aber direkt ins Auge stechen.

Red Dot

The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section