The Suicide Squad

UNTER KEINEM GUTEN STERN

9/10


thesuicidesquad© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: IDRIS ELBA, MARGOT ROBBIE, JOEL KINNAMAN, JOHN CENA, DANIELA MELCHIOR, DAVID DASTMALCHIAN, PETER CAPALDI, VIOLA DAVIS, MICHAEL ROOKER, JAI COURTNEY, NATHAN FILION, TAIKA WAITITI, ALICE BRAGA, SYLVESTER STALLONE U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Marvel hat seine Guardians of the Galaxy, Star Wars die Bad Batch, Quentin Tarantino seine Inglourious Basterds. Und DC? Dort träumen skurrile Typen von Freiheit und lassen sich dafür sogar einen Switch-Off-Chip installieren, falls sie plötzlich Muffensausen bekommen sollten. Damit gemeint ist die Suicide Squad: Zusammengewürfelte Outlaws und Grenzgänger, chaotische Individualisten und über die Stränge schlagende Idealisten. Und manche sind scheinbar nur zufällig mit von der Partie. All diese Anarcho-Selbsthilfegruppen scheinen zwar ihren ganz eigenen egoistischen Bedürfnissen treu zu bleiben, das hehre Ziel allerdings schwebt über allem scheinbar unbemerkt, weil irgendwas oder irgendwer auf dieser Welt es dann doch noch gut meint. In diesem Sinne ist das aus den tiefen Kellern des Comic-Universums von DC hervorgeholte Rat Pack also wieder unterwegs. An David Ayers Versuch, ein ebensolches Team zusammenzustellen, erinnert sich niemand mehr. The Suicide Squad ist also weder Prequel noch Sequel, sondern viel mehr ein neuer Versuch, den richtigen Ton zu treffen. Das kann jedoch nur passieren, wenn die Studios, anders als bei Ayer, nicht andauernd ins Handwerk des Künstlers pfuschen. James Gunn muss her. Einer, der sich mit Antihelden, die das Herz dennoch am rechten Fleck haben, sehr gut auskennt. Die erfolgreichen Guardians gehen auf seine Kappe. Doch Gunn kann sein Können auch auf menschelnde Augenhöhe runterschrauben: Super – Shut up, Crime! ist ein Möchtegern-Heldenfilm mit und für Underdogs; teils geschmacklos, größenteils aber grundsympathisch. Blutig natürlich auch. Mit so etwas dürften Harley Quinn und Co mit dem Sanktus von ganz oben durchaus liebäugeln dürfen. Doch nur unter einer Bedingung: Keiner spuckt dem Meister seines Fachs in die Suppe.

Wie sieht das also aus, wenn visionäre Filmemacher freie Hand haben? So wie Zack Snyder’s Justice League? Ungefähr. Oder noch besser. The Suicide Squad ist nach Taika Waititis Thor: Tag der Entscheidung das wohl Abgefahrenste aus der Nische gerne als Einheitsbrei ausgeschimpftem Heldengetöses. Bei der Suicide Squad perlt sowas jedoch ab. Gegen die Suicide Squad wirken selbst Star Lord und Co wie gefällige Streber. Es ist, als wäre das Selbstmordkommando der gemeinsame Nenner eines ausgekotzten Brainstormings, die teils assoziative Auferstehung eines vollgekritzelten Scribbelblocks, in welchem James Gunn seine Ideen sammelt. Absurde Überlegungen, seltsame Anspielungen, groteske Anekdoten und skurrile Biomassen. „Ja, machen wir alles“, denkt sich James Gunn, „dieses mein Werk wird pure Anarchie, ein roter Faden muss aber dennoch sein. Ein konventioneller Plot als Unterbau, der allerdings so dermaßen zerfransen soll wie ein von einer Katze zerfetztes Wollknäuel.“ Dabei wirft James Gunn sein Publikum sofort ins kalte Wasser. Was braucht man schon viel erklären, die sozialen Interaktionen all der absurdesten Gestalten aus den gezeichneten Panels ebnen längst den Weg zu einem brachialen Guilty Pleasure-Kino, dessen Missionsziel zwar auf ein Post-it passt, dieses aber andauernd überschrieben wird.

Frei nach dem Motto „Tun wir mal, dann sehen wir schon“ gehen zwei Teams auf einer fiktiven südamerikanischen Insel an Land, um einen von den Nazis errichteten Gebäudekomplex mit Namen Jotunheim zu stürmen und diesen dann in Schutt und Asche zu legen. Diese zwei Teams sind sehr schnell ausgedünnt, und nur die wirklich zähen Hunde rund um Scharfschütze Bloodsport arbeiten sich durch den Dschungel Richtung Ziel. Unter anderem mit dabei: ein humanoides Hai-Wesen, ein Freak mit Punkte- und Mutterkomplex sowie eine Rattenbändigerin. Ach ja, Peacemaker darf nicht fehlen. Einer mit doofem Helm und Muckis, da bekommt selbst Arnie weiche Knie. Allerdings: das, was hinter den Mauern von Jotunheim vor sich hin vegetiert, wird nicht nur alle Pläne der Suicide Squad (sofern welche vorhanden sind) auf den Kopf stellen. Comicnerds werden jauchzen und alle anderen die aufrechte Sitzposition suchen. Man will ja schließlich keine noch so genüsslich verpeilte Szene verpassen, von denen es in The Suicide Squad so viele zu geben scheint.

Auf seiner genialen Stinkefinger-Tour könnte man Gunns Festival der verqueren Charge mit den überzuckerten Eskapaden von Spongebob Schwammkopf und seiner Entourage vergleichen, verbrüdert mit Deadpool und dem Roten Blitz. The Suicide Squad mag’s gern blutig, frohlockt mit perfiden Seitenhieben auf psychologische Traumata, verpönt politische Ambitionen und schert sich einen Dreck um welche Correctness auch immer. Im Laufe des Abenteuers entsteht dann sogar so etwas wie Gruppendynamik, die den Avengers stolz die Zunge zeigt. War‘s am Anfang schon absurd, wird’s am Ende noch absurder. Kontrovers wird’s allerdings nicht, was dem klitzekleinen guten Gewissen der Kämpfernaturen geschuldet bleibt.

Freie Hand zu haben, das ist schon was. Die eigenen Ideen im Rahmen eines sauteuren Blockbusterkino ausleben zu dürfen, muss für James Gunn wie der Himmel auf Erden gewesen sein. Inszeniert hat er aber einen saukomischen Höllenritt, nach dem man so manche Fauna mit anderen Augen sieht. Und wehe, es kommt irgendwann jemand auf die Idee, Harley Quinn und Bloodsport umzubesetzen.

The Suicide Squad

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

REDEN IST SILBER, SCHWEIGEN IST GOLD

4/10


TheSecretsWeKeep© 2020 LEONINE Distribution GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: NOOMI RAPACE, JOEL KINNAMAN, CHRIS MESSINA, AMY SEIMETZ, RITCHIE MONTGOMERY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Den Joke kennt jeder: Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? – Natürlich (schon ganz erpicht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren)! Ich auch, sagt der, der gefragt hat. Dumm nur, wenn dein eigener Ehepartner dich so dermaßen an der Nase herumführt, dass du letzten Endes feststellen musst, dass Vertrauen wirklich nur ein Lippenbekenntnis zu sein scheint. So oder ähnlich ereilt diese Erkenntnis den braven Ehemann Lewis, dessen Frau – eine Roma – ganz plötzlich allerlei traumatische Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg auspackt. Damit das ganze plausibel erscheint, schreiben wir die 50er Jahre, Schauplatz USA, und sowohl Lewis als auch dessen Frau haben sich in den Wirren der Nachkriegszeit kennengelernt. Auswandern schien da die beste Option, und so hat Maja ein neues Leben begonnen. Dazu gehören anscheinend nicht die schrecklichen Erlebnisse jenseits des Atlantiks, über die am besten der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Bis alles anders kommt – und die Mutter eines Sohnes in einem ihrer neuen Mitbürger ihren Peiniger zu erkennen glaubt. Der lang ersehnte Tag der Abrechnung scheint gekommen. Und auch wenn Ehemann Lewis von all dem bislnag keine Ahnung hatte: mitgehangen – mitgefangen.

Der Plot dieser Geschichte erinnert mich unweigerlich an Roman Polanskis Adaption des Theaterstücks von Ariel Dorfmann, Der Tod und das Mädchen. In diesem Film aus den Neunzigern, mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley, befinden wir uns in einem nicht näher definierten südamerikanischen Land, lange nach einer Militärdiktatur. Weaver erkennt in Kingsley ihren Peiniger – und will ebenfalls Genugtuung. Nur: Polanskis Polit- und Psychothriller bleibt dem von Yuval Adler (u. a. Die Agentin) inszenierten Revenge-Drama um Nasenlängen voraus. Polanski weiß, wie sowas geht. Adler wohl weniger. Das liegt daran, dass wir im Laufe des Films kaum die Gelegenheit haben, in den agierenden Figuren nie mehr als nur deren Momentaufnahmen zu sehen. Was fehlt, ist vor allem in Filmen wie diesen eine von mir aus grob skizzierte charakterliche Landkarte, ein bisschen mehr an Verhaltensbiographie. In Der Tod und das Mädchen hatten sowohl Weaver als auch Kingsley anfangs genug Spielraum, um in ihrer Rolle greifbar zu werden. Naomi Rapace und Joel Kinnaman haben das nicht. Rapace vielleicht mehr, aber auch sie katapultiert uns gleich anfangs in einen ratlosen Ist-Zustand emotionaler Aufwühlung, die am Publikum vorbeigeht. Auch später wird es nicht besser, nur einigermaßen platter und grober, die Rückblenden in hart kontrastiertem Schwarzweiß sind überdies recht plakativer Natur, während bei Polanski solche Szenen überhaupt gar nicht notwendig sind. Die Spannung entsteht dort aus dem Dialog – in The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit fehlen Noomi Rapace oftmals die Worte, während sich Kinnaman nicht nur als mutmaßlicher Verbrecher aus dem Keller dieses fremden Hauses wünscht.

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

The Informer

MÄNNER MIT TATTOOS

6,5/10

 

the-informer© 2019 Senator Home Entertainment

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA DI STEFANO

CAST: JOEL KINNAMAN, ROSAMUNDE PIKE, COMMON, CLIVE OWEN, ANA DE ARMAS, MARTIN MCCANN U. A. 

 

Küss die Hand, Herr Kerkermeister, ich bin wieder da! So singt schon seit den 80ern die Erste Allgemeine Verunsicherung vom Verweilen hinter schwedischen Gardinen. Was in diesem Liedchen noch für eine heimelige Zellenatmopshäre mit Assel sorgt, definiert sich in den Kittchens der USA stets mit schwerfälligen Muskelgiganten und deren Tattoos. Hast du kein Tattoo, bist du kein Verbrecher. Oder einfach nicht cool genug, um einer zu sein. Hast du keine, musst du klein und unscheinbar sein, denn je kleiner und unscheinbarer, desto mehr hast du das Zeug zu deligieren. Auch das wird aus dem Gefängnis kolportiert. Und das Personal ist sowieso so korrupt, das es schlimmer kaum geht. In so einen Häfen muss Special Ops-Agent Pete Koslow, selbstredend Dauergast beim Tätowieren, wieder zurückkehren, um der Drogenmafia das Handwerk zu legen. Was erstmal so aussieht wie eine gemähte Wiese, nämlich, dass Koslow nach verrichteter Arbeit wieder gemütlich aus dem Gefängnis spaziert, darf später bei all den Betroffenen nicht ganz unbegründet für Panik sorgen. Pete wird fallengelassen. Und muss sich auf eigene Faust freikämpfen.

Lock up könnte man sagen. Doch statt Sylvester Stallone darf diesmal Joel Kinnaman (u.a. Robocop, die Serie Hanna, Staffel 1) die Läusedusche über sich ergehen lassen. So finster wars im Knast schon lange nicht. Und so adäquat finster kann auch nur Joel Kinnaman dreinschauen, der wirklich nichts zu lachen hat. Das sind bewährte, aber knallharte Versatzstücke für einen wenig schienbeinschonenden Härtefall von Thriller, der auf spannende und mitunter gehörganglädierende Art zeigt, wie sehr ein Mann mit Erfahrung und einigem Abgucken von Mac Gyver den aussichtslosen Blick in die Zukunft abwenden kann. Daheim bangt Ana de Armas mit unvermuteter Lockenpracht, und FBI-Agentin Rosamunde Pike quält das Gewissen. Waren das alle namhaften Stars in diesem Film? Nein, Clive Owen ist das cellophanartige Zerrbild eines schmierigen Über-Leichen-Gehers. Und Rapper Common (Oscar für den Song Glory) von der CIA-Fraktion kommt einiges Spanisch vor.

Das Casting für die in Haft sitzende Belegschaft in diesem Film dürfte viele ärmellose Feinripps kommen und gehen gesehen haben, nicht ohne gewissen Unterhaltungswert. Kinnaman hat man seine wuchtigen Gemälde natürlich raufappliziert – und er ist auch unterm Strich der richtige Mann für diese Drecksarbeit, die Andrea di Stefano (Escobar – Paradise Lost) hier ergrimmte Gemüter machen lässt. Ein kurzweiliger, wenig zimperlicher Thriller mit allerlei Agenten- und Intrigenkram, der in seiner zornigen Art Althasen wie Stallone oder Schwarzenegger den Escape Plan klaut.

The Informer