Small Engine Repair

WOZU HAT MAN FREUNDE?

7,5/10


smallenginerepair© 2021 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN POLLONO, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: JOHN POLLONO, JON BERNTHAL, SHEA WIGHAM, SPENCER HOUSE, JORDANA SPIRO, CIARA BRAVO, JOSH HELMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Nicht alle Bühnenstücke eignen sich zur Verfilmung fürs Kino. Dieses hier schon. Womit also kein Grund besteht, Small Engine Repair unter dem Radar fliegen zu lassen. Das Theaterstück von John Pollono, der in vorliegendem Film auch Regie geführt und die Hauptrolle übernommen hat, entwickelt sich so unerwartet, dass man lange Zeit eigentlich nicht weiß, womit man es zu tun hat. Mit einem gediegenen Melodram rund um Freunde und die Zeit, die an diesem sozialen Gefüge nagt? Oder mit einem sich langsam anbahnenden Thriller, dessen Ursprung lange im Verborgenen liegt und in so manchen Dialogzeilen, ohne dass es so recht bewusst wird, bereits vorweggenommen werden kann. Zu viel über Small Engine Repair zu verraten, kann leicht passieren und wäre auch zu schade. Dieser kleine, hemdsärmelige Film kommt durch die Hintertür an den Schauplatz einer schmucken Werkstatt und füllt die mit dem Duft von Schmieröl und halbdurch gebratenen Steaks durchzogenen vier Wände mit topaktueller Relevanz.

Für dieses besondere Werk konnte Pollono zwei durchaus namhafte Schauspieler verpflichten: Jon Bernthal, der bärig-sympathische Kumpeltyp auch fürs Grobe und vielleicht nicht ganz so Legale – und Shea Wigham, betont abgemagert und blass, stets mit Mütze und nerdigem Knowhow. Beide geben jahrelange Freunde von Frank Romanowksi (John Pollono), der Schwierigkeiten hat, seine Impulse unter Kontrolle zu behalten. Da kann es schon mal passieren, dass die Hand ausrutscht – und sich nicht mehr stoppen lässt. Gewalt ist sein Problem, und das führt dazu, dass der Freundeskreis zerbricht – bis Jahre später all die damals Vergraulten zu einem Grill- und Männerabend in Franks Werkstatt gerufen werden, um Vergangenes auszusprechen und sich wieder zu versöhnen. Das tun sie dann auch, es wird umarmt, gescherzt, Anekdoten aus den letzten Jahren preisgegeben, Bier getrunken und sogar Gras geraucht, das ein Kerl vorbeibringt, der seltsam distanziert, ja gar arrogant wirkt, der sich aber dazu überreden lässt, bei dieser kleinen Party auch sonst so mitzumischen. Mit diesem Kerl hat Frank aber etwas vor. Und genau dafür braucht er seine Freunde.

Es gibt Garagenbands, und es gibt Garagenfilme. Dieser ist einer davon. Ein Film für kleine Bühnen. Doch mehr braucht man oft nicht. Pollono statuiert mit seinem unter Anspannung sozialisierenden Männerdrama ein Exempel für Verantwortung und Achtsamkeit. Wie weit, lässt er auch fragen, geht das Einstehen für den anderen, wenn der andere ein Freund ist, der den Rückhalt entsprechend verdient? Es wird Abend, dann wird es Nacht rund um diese Werkstatt, das Neonlicht taucht den Verschlag in ein graugrünes Versuchslabor aus Wut, Sorge und Vergeltungsdrang. Irgendetwas ist hier im Argen, und wie Pollono dieses Arge aus dem bemüht versöhnlichen Beisammensein herauskitzelt, bleibt unvorhersehbar und nicht minder verblüffend. Die Wendung mag brillant sein, kann aber auch für andere vielleicht ein bisschen zu aufgesetzt wirken, zu gewollt globale Probleme erörternd, die auf diese Art hier vielleicht gar nichts zu suchen hätten, weil es die derbe Schulterklopfromantik gestandener Typen konterkariert. Doch genau das ist das Irre an dieser so schmerzvollen wie improvisierten Geschichte, die so plötzlich über einen lauen Herbstabend hereinbricht wie ein frühes Wintergewitter.

Small Engine Repair

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman

Home

DIE SCHANDE VON FRÜHER

5,5/10


Home© 2021 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2020

BUCH / REGIE: FRANKA POTENTE

CAST: JAKE MCLAUGHLIN, KATHY BATES, AISLING FRANCIOSI, DEREK RICHARDSON, JAMES JORDAN, LIL REL HOWERY, STEPHEN ROOT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit ihrer Rolle als rothaarige Lola im Duracell-Betrieb hat sie wohl den Sprung nach Übersee geschafft – Franka Potente war seitdem überall und nirgends, eine schwer zu verortende Schauspielerin, die sowohl an der Seite Matt Damons in Doug Limans Bourne Identität auf großer Leinwand als auch in fragwürdigen Produktionen wie Creep zu sehen war. Tom Tykwer hat sie ebenso besetzt wie Stefan Ruzowitzky oder Ridley Scott in der viktorianischen Düster-Thrillerserie Taboo mit Tom Hardy. Dann war wieder lange nichts, und jetzt plötzlich das! Franka Potente führt nun auch Regie, und zwar wieder in Übersee. Ob sie‘s dort nochmal probiert? Kann ja gut sein.

Jedenfalls nicht temporär, sondern dauerhaft kehrt im Familiendrama Home ein Ex-Knacki an den Ort seiner Jugend zurück, was ja weiter nicht so schlimm wäre, denn das alte zuhause gibt es noch, und die liebe Mama guckt auch noch aus dem Fenster. Nur die ist schon beträchtlich älter als zu dem Zeitpunkt, als Marvin hinter schwedischen Gardinen verschwand. Das Delikt: Mord. In einer Kleinstadt, wie sie in  Home als Location auszumachen ist, bleibt für so ein Vergehen Ächtung auf Lebenszeit, da ist es schließlich egal, ob dieser Jemand für seine Sünden gebüßt hat oder eben nicht. Einmal Mörder, immer Mörder. Dabei fällt mir ein – erst kürzlich gab’s auf Netflix etwas ähnliches, mit Sandra Bullock in der Hauptrolle und unter der Regie von Nora Fingscheidt (Systemsprenger). Bullock war in The Unforgivable ebenfalls eine, die nach rund zwanzig Jahren wieder das Licht der Alltagswelt hat erblicken dürfen. Bei so einem Mord bleiben dem Opfer immer noch genug Angehörige, die Rache schwören. So auch in Franka Potentes kleinstädtischem Reue- und Neuanfangsdrama. Der liebe Gott spielt da auch eine Rolle, und nichtsdestotrotz kann das Gebot der Vergebung plötzlich keiner mehr lesen.

Schön, die großartige Kathy Bates weitab von ihrer Paraderolle in Misery als pflegebedürftige Unterschicht-Raucherin zu sehen. Mit ihren langen grauen Haaren schlurft sie gottergeben und recht desillusioniert über die morsche Veranda des kleinen Eigenheims und weiß das Auftauchen ihres verlorenen Sohnes gar nicht mal richtig zu schätzen. Wohl auch, weil sie ahnt, dass seine Rückkehr unter keinem guten Stern steht. Franka Potente hat für ihr Regiedebüt gleich auch das Script mitgeliefert und sich dabei aber kaum bis gar nicht aus dem Erwartbaren rausgehalten. Über Trauma, Vergebung und Aufarbeitung weiß Potente so einiges zu berichten, und manche Szenen, die nicht nur beschämt die Missstände des White Trash aus den Augenwinkeln betrachten und sich dann weiterbegeben, suchen die Auseinandersetzung, wohlwissend, dass da durchaus Unschönes zum Abbild wird. Da ruht ihr Blick fast so gebannt auf das soziale Dilemma wie bei Nora Fingscheidt – nur tröstet sich Potente mit hollywood’scher Zuversicht über all die Probleme hinweg und überrascht auch keineswegs mit dem, was in diesem Melodrama letzten Endes seinen Weg geht. Ich will nicht sagen, dass es ausgetretene Pfade sind, die hier beschritten werden, und vielleicht bin ich auch in Sachen Menschliches Verhaltens zu zynisch geworden, aber dennoch: Home entwickelt seine Geschichte viel zu sortiert und artig nach moralischem Lehrbuch.

Home

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

REDEN IST SILBER, SCHWEIGEN IST GOLD

4/10


TheSecretsWeKeep© 2020 LEONINE Distribution GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: NOOMI RAPACE, JOEL KINNAMAN, CHRIS MESSINA, AMY SEIMETZ, RITCHIE MONTGOMERY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Den Joke kennt jeder: Kannst du ein Geheimnis für dich behalten? – Natürlich (schon ganz erpicht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren)! Ich auch, sagt der, der gefragt hat. Dumm nur, wenn dein eigener Ehepartner dich so dermaßen an der Nase herumführt, dass du letzten Endes feststellen musst, dass Vertrauen wirklich nur ein Lippenbekenntnis zu sein scheint. So oder ähnlich ereilt diese Erkenntnis den braven Ehemann Lewis, dessen Frau – eine Roma – ganz plötzlich allerlei traumatische Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg auspackt. Damit das ganze plausibel erscheint, schreiben wir die 50er Jahre, Schauplatz USA, und sowohl Lewis als auch dessen Frau haben sich in den Wirren der Nachkriegszeit kennengelernt. Auswandern schien da die beste Option, und so hat Maja ein neues Leben begonnen. Dazu gehören anscheinend nicht die schrecklichen Erlebnisse jenseits des Atlantiks, über die am besten der Mantel des Schweigens gebreitet wird. Bis alles anders kommt – und die Mutter eines Sohnes in einem ihrer neuen Mitbürger ihren Peiniger zu erkennen glaubt. Der lang ersehnte Tag der Abrechnung scheint gekommen. Und auch wenn Ehemann Lewis von all dem bislnag keine Ahnung hatte: mitgehangen – mitgefangen.

Der Plot dieser Geschichte erinnert mich unweigerlich an Roman Polanskis Adaption des Theaterstücks von Ariel Dorfmann, Der Tod und das Mädchen. In diesem Film aus den Neunzigern, mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley, befinden wir uns in einem nicht näher definierten südamerikanischen Land, lange nach einer Militärdiktatur. Weaver erkennt in Kingsley ihren Peiniger – und will ebenfalls Genugtuung. Nur: Polanskis Polit- und Psychothriller bleibt dem von Yuval Adler (u. a. Die Agentin) inszenierten Revenge-Drama um Nasenlängen voraus. Polanski weiß, wie sowas geht. Adler wohl weniger. Das liegt daran, dass wir im Laufe des Films kaum die Gelegenheit haben, in den agierenden Figuren nie mehr als nur deren Momentaufnahmen zu sehen. Was fehlt, ist vor allem in Filmen wie diesen eine von mir aus grob skizzierte charakterliche Landkarte, ein bisschen mehr an Verhaltensbiographie. In Der Tod und das Mädchen hatten sowohl Weaver als auch Kingsley anfangs genug Spielraum, um in ihrer Rolle greifbar zu werden. Naomi Rapace und Joel Kinnaman haben das nicht. Rapace vielleicht mehr, aber auch sie katapultiert uns gleich anfangs in einen ratlosen Ist-Zustand emotionaler Aufwühlung, die am Publikum vorbeigeht. Auch später wird es nicht besser, nur einigermaßen platter und grober, die Rückblenden in hart kontrastiertem Schwarzweiß sind überdies recht plakativer Natur, während bei Polanski solche Szenen überhaupt gar nicht notwendig sind. Die Spannung entsteht dort aus dem Dialog – in The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit fehlen Noomi Rapace oftmals die Worte, während sich Kinnaman nicht nur als mutmaßlicher Verbrecher aus dem Keller dieses fremden Hauses wünscht.

The Secrets We Keep – Schatten der Vergangenheit

Lady Vengeance

UNSER ALLER IST DIE RACHE

8/10


lady-vengeance© 2005 D.R.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2005

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: YEONG-AE LEE, MIN-SIK CHOI, SHI-HOO KIM, YAE-YOUNG KWON, SU-HEE GO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Verstörend, grotesk, mitunter lieblich und brutal – wer diese vier Adjektive im Film seiner Wahl nicht unter einen Nenner gebracht haben möchte, sollte Park Chan-Wook eher meiden. Wer Oldboy kennt – und den kennen sicher mehr als eine Handvoll meiner Leser – kann sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartet, wenn Lady Vengeance als Abschluss einer lose verknüpften Themen-Trilogie über den Screen flimmert. Chan-Wooks Filme sind nichts für Zwischendurch. Ungefähr so, wie Filme von Peter Greenaway einfach nichts für zwischendurch sind. Sie entspannen nicht, sie bereichern nicht, sie erquicken nicht. Sie fühlen sich auch nicht gut an. Das Kuriose dabei aber ist, dass Filme wie Lady Vengeance auf gewisse Weise die Erzählparameter des Kinos neu definieren und dabei Wege beschreiten, die andere womöglich für unbegehbar halten. Quentin Tarantino hat sich für sein eigenes Œvre von Chan-Wook und Kollegen merkbar inspirieren lassen. Und blieb wohl bis heute auch der einzige, dessen Werke zugleich komisch, melodramatisch und explizit brutal sind. Diese Mixtur ist wie eine selten genutzte, chemische Formel und das Ergebnis dieses Experiments eigentlich erst nach auserzähltem Film erkennbar. Also heisst es: Augen auf und durch. Denn in seinen einzelnen Szenen betrachtet ist auch Lady Vengeance etwas unerhört Bizarres und Abstoßendes. Wäre da nicht diese melancholische Melodie, die darauf folgt, und wäre da nicht dieses bittere Schicksal, das auch das Undenkbare legitimiert.

Mit so einem Schicksal muss die junge Geum-ja leben, die für einen Kindsmord, den sie nie begangen hat, für rund 13 Jahre ins Gefängnis gehen musste. Der Film setzt da ein, als Geum-ja entlassen wird. Nachdem man allerdings glaubt, nun eine geradlinige Geschichte erzählt zu bekommen, zerschnipselt Park Chan-Wook seinen Rachethriller in Rückblenden und Nebengeschichten, die allesamt dazu verleiten, die Orientierung zu verlieren. Doch egal, Chan-Wook fordert sein Publikum heraus und schert sich nicht um Gefälliges. Erzählt aus dem Frauengefängnis, stellt einige Randfiguren vor, die sich alle irgendwie ähnlich sind, und die allesamt bei Geum-ja in der Schuld stehen. Wieder in Freiheit, kennt Geum-ja aber nur ein Ziel. Den wahren Mörder zu finden und ihn für den Knast und der damit verbundenen Zwangsadoption ihrer Tochter leiden zu lassen. Hinter dieser plumpen Rache steht aber ein ausgearbeiteter Plan, der nicht nur ihr selbst Genugtuung bringen soll, sondern auch all jenen, deren Leben durch die grausamen Taten von Bestie Mensch zerstört wurden.

Auch wenn man es kaum für möglich halten könnte – ein bisschen Agatha Christie schwingt hier auch mit, auch ein bisschen was von Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder. Aber das nur peripher. Die Rache wird in diesem höchst faszinierenden Psychotrip zu einer theatralischen, rituellen Zeremonie, wie das letzte Dinner in Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber. Lady Vengeance versucht, diesen irrationalen und impulsiven Umstand auf kuriose Art zu institutionalisieren. 

Wie in Oldboy kennt Park Chan-Wooks Film kein Erbarmen. Nicht mit dem Zuseher, der sich dieses Kuriosum erst erarbeiten muss. Und nicht mit seinen Protagonisten, die Schlimmes oder gar arg Erniedrigendes erleiden müssen. Ich würde Lady Vangeance tatsächlich nur jenen empfehlen, die mit Park Chan-Wooks koreanischem Schaffen (Stoker ist da eher nur noch ein Schatten seiner Radikalität) zumindest ein bisschen vertraut sind. Oder auch jenen, die bereit sind, recht wertfrei Unerwartbares zuzulassen. Am Ende bekommt man ein perfekt geschliffenes Artefakt serviert, dessen Facetten jeweils ein anderes Lichtspektrum brechen. Bei koreanischen Filmen wie diesen hat man das Gefühl, etwas erlebt zu haben, auch wenn es im Grunde den eigenen Geschmack untergräbt. Sowas nenn ich ein Kunststück, das seiner selbst willen entstanden ist.

Lady Vengeance

Die Wütenden – Les Misérables

HINTER DEN KULISSEN VON PARIS

7/10

 

diewuetenden© 2019 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LADJ LY

CAST: DAMIEN BONNARD, ALEXIS MANENTI, DJIBRIL ZONGA, ISSA PERICA U. A. 

 

Über eine Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film durfte sich dieses Jahr der Filmemacher Ladj Ly freuen, nebst unzähligen weiteren Auszeichnungen, die sein Werk bereits eingeheimst hatte. Die Wütenden – Les Miserables, bezugnehmend auf Victor Hugos legendären Roman, ist ein wahrlich treffender Titel für diesen Schulterblick beim Polizeieinsatz in der Peripherie von Paris, genauer gesagt in der Satellitengemeinde Montfermeil. Was diesen Stadtteil so besonders macht, sind seine Bewohner: armutsgefährdete Menschen aller möglichen Nationen, und vor allem jener Länder, die Frankreich einst kolonisiert hat. Multikulturell ist fast schon ein Hilfsausdruck, auch Religionen treffen aufeinander, es leben auch Ethnien Tür an Tür, die sich nicht ausstehen können. In diesem Schmelztiegel sind Verbrechen an der Tagesordnung, jeder kocht sein Süppchen und die Kids, die loten ihre Grenzen aus, nämlich dort, wo gar keine sind. Dieses Kräftemessen muss in Zaum gehalten werden, sonst drohen wieder bürgerkriegsähnliche Unruhen wie seinerzeit 2005. Die Lunte ist stets kurz. Diese Gewalt braucht Gegengewalt – denkt so manch ein Polizist, sonst ist die Exekutive nur Staffage. In solch ein Grüppchen Ordnungshüter wird der Ex-Streifencop Stephane versetzt, der neben den vernachlässigbaren Schikanen seines Macho-Kollegen wohl den schlimmsten Tag seines Lebens haben wird.

Ladj Ly kennt dieses freie Spiel der Kräfte. Ein Kenner der Materie. Ly selbst ist dort aufgewachsen. Geprägt hat ihn dieses Leben mit Sicherheit. Dieses andere Paris, das muss verstörend sein. In die Schranken gewiesen werden die Elenden dort mit demonstrativer Gewalt, die auch so mancher Kamera nicht entgeht. Ly hat 2008 so eine Eskapade gefilmt, woraufhin die Cops vor Gericht gestellt wurden. Nach einer Doku rund um diese Gegend fiel 12 Jahre später die erste Klappe zu Die Wütenden. Auch hier ist das beobachtende Auge das Zentrum des Geschehens, denn der perfekt balancierte Flug einer Drohne ist der ruhende Gegensatz zum baldigen Überkochen der Emotionen, die in einem Alltag zwischen Notstand, Ziellosigkeit und Bandenpolitik mit stiernackigem Stolz die Ansprüche der Einzelnen geltend machen. Gehört werden sie von denen da oben ganz wenig, mit zynischer Geringschätzung aber von der Exekutive gezügelt. Von Anfang an herrscht in Die Wütenden hoher Blutdruck, wie Magma unter der Erdkruste. Lys Film erinnert an die früheren Werke von Spike Lee, ganz besonders an seinen Film Do the Right Thing, der ebenfalls an einem siedend heißen Sommermorgen beginnt und die Gewalt so richtig eskalieren lässt. Nebst diesem fliegenden Auge, das den Missstand dokumentiert, steht der exotische Traum für ein besonderes Leben – ein gestohlenes Löwenbaby. All das verschmilzt weit über dem Siedepunkt mit der wütenden Ohnmacht derer, die nicht gehört werden, und das sind sowohl die, die eingeschüchtert werden als auch die, die einschüchtern. Nur einer hört zu, das ist Cop Stephane, der aber auch sehr bald zur Waffe greifen muss.

Die Wütenden – Les Misérables ist so indiskret wie End of Watch und so beobachtend wie Jacques Audiards Dheepan – Dämonen und Wunder. Die Wucht hat er von beiden zusammen, die meist negative Energie, die hier kein Ventil findet, bekommt auch letzten Endes keine Chance, sich in etwas Konstruktives zu wandeln. Was bleibt, ist ein zum Zerplatzen aufgeblähter Konflikt, in dem keiner den anderen wahrnimmt. Vielleicht reicht es, wenn nur einer damit beginnt?

Diese Hoffnung jedoch schnappt uns Ladj Ly vor der Nase weg.

Die Wütenden – Les Misérables

The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section

Bad Boys for Life

IN DECKUNG, BRUDER!

6/10

 

badboys3© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

CAST: WILL SMITH, MARTIN LAWRENCE, VANESSA HUDGENS, ALEXANDER LUDWIG, JOE PANTOLIANO, CHARLES MELTON U. A.

 

Whatcha gonna do, whatcha gonna do if they come for you. Ein cooler Song, den Inner Circle da in den 80ern auf den Markt gebracht hat. Ein cooler Song für ein cooles Duo, das Michael Bay hier Mitte der 90er in die Kinos brachte. Will Smith und Martin Lawrence, die hatten Synchro-Vibes sondergleichen, da waren beide auf einer Wellenlänge. Was Miami Vice nicht mehr geschafft hat, hat Bad Boys dann mit ordentlich mehr Action und Buddy-Klamauk im sonnigen Florida auf Schiene gebracht. Worum es in diesem Blockbuster und dem nächsten eigentlich gegangen ist, hat sich aus dem Gedächtnis verflüchtigt. Das weiß ich von der vierteiligen Lethal Weapon-Reihe auch nicht mehr. Beide haben aber etwas gemeinsam: das Konzept des Buddy-Movies, das erstmals in Nur 48 Stunden einen seiner erfolgreichsten Einstände erleben durfte. Seitdem hat sich hinsichtlich des Aufbaus eines solchen Films nicht viel verändert. Es gibt Humor, es gibt Action, meist geht’s um Rache oder um die Genugtuung, wenn die platten Bösen ihre Abreibung bekommen. Und die bekommen sie, das weiß jeder. Und immer im Rahmen eines knüppeldicken Finales. Ein bisschen Herz ist auch dabei, Freundschaft ganz groß geschrieben. Sie stehen zusammen, sie fallen zusammen, das sagen Lawrence und Smith ja immer. Schön, so einer gemähten Wiese zu folgen, da weiß man, was man bekommt. Wie bei einer Schüssel Popcorn. Und immer wieder nascht man diese doch gern.

Teil Drei hat Michael Bay nun in die Hände der beiden belgischen Filmemacher Adil El Arbi und Bilall Fallah gelegt (obwohl er sich seinen Cameo-Auftritt letztlich auch nicht verkneifen konnte) und dabei aber auch ein gutes Händchen bewiesen: Bad Boys for Life folgt den gleichen Pfaden wie all die anderen Buddy-Movies, die bereits schon mehrere Sequels am Buckel haben, löst die altbekannte Formel aber mit markttauglichem Witz, der diesmal fast zur Gänze auf das Konto von Martin Lawrence geht. Der in die Jahre gekommene Kalauerschieber und Dauerquassler wird Opa und freut sich auf die Rente. Fast zeitgleich wird Buddy Mike von Unbekannten angeschossen – klarerweise überlebt er und will sich rächen. Anfangs solo, aber mit einer Gruppe Special Force-Leuten als Deckung – A-Team und Charlies Angels lassen grüßen. Später kommt auch Lawrence alias Marcus wieder dazu. Und los geht’s, um eigenmächtig ihrem Namen nochmal alle Ehre zu machen. Die bösen Jungs steuern also in einem schaumgebremsten Michael-Bay-Gedächtnisfilm – flirrende Sonnenuntergänge, coole Schlitten, Sonnenbrillen und wenige, aber doch tiefe Zoten – einem üppigen Showdown entgegen, der mit ordentlich Schmackes und Budenzauber in voller Länge fast schon einer theatralischen Götterdämmerung gleichkommt, was natürlich ordentlich pathetisch wirkt. Fast wie bei einer Telenovela – und diese Ähnlichkeiten kommen nicht von ungefähr, hat John Carnahan (Das A-Team, The Grey) doch eine Story konstruiert, die sich klassischen Aha-Momenten aus dem serialen Genre von Liebe und Leidenschaft bedient.

Während Will Smith relativ solide sich selbst und niemanden sonst überrascht, hat Lawrence ein paar wirklich brüllkomische Momente, die das zweite Dacapo dann auch noch nachdrücklich in die Richtung Actionkomödie locken, was Smith alleine nicht hinbekommen hätte. Aber immerhin – sich auf seinen Partner zu verlassen ist wie in Abrahams Schoß zu verweilen. Als Dank dafür könnte Lawrence filmischer Chaos-Cop endlich in Rente gehen. Denn ob Bad Boys 4 die bewährte Schiene noch mal variieren kann, ist fraglich. Es sei denn, die Popcorn-Rechnung geht nochmal auf.

Bad Boys for Life

Bloodshot

EINE RUNDE RACHE

5/10

 

bloodshot2© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: DAVE WILSON

CAST: VIN DIESEL, GUY PEARCE, EIZA GONZÁLES, TOBY KEBBEL, SAM HEUGHAN U. A. 

 

Vin Diesel gibt sein Bestes. Und das in zweierlei Hinsicht. Er tut erstens mal das, was er am Besten kann: als coole Actionsocke auftreten und den Bösen die Fresse polieren. Und er bemüht sich zweitens sichtlich und mit Hingabe, Emotionen glaubhaft darzustellen. Das kann er jetzt nicht zwingend am Besten, aber wie gesagt: er gibt sein Bestes. Das immerhin erstaunt schon mal. Und es erstaunt auch, dass die Verfilmung einer Comicreihe aus dem Hause Valiant sich anfangs so anfühlt, als wäre man mitten in einem Michael Bay-Film. Das verflüchtigt sich aber recht rasch. Nach der alles entscheidenden  Schlüsselszene, in der Vin Diesel sozusagen vorbehaltlich das Zeitliche segnet, geht´s in Sachen High-Tech so dermaßen in die Vollen, dass selbst einer wie Tony Stark vor Neid erblassen würde. Und noch was: die hier vorgestellte und als bemüht machbar erscheinen wollende Technik ist zumindest so sagenhaft überzeichnet wie jene aus Wakanda, der Heimat des Black Panther. Dort hat man anscheinend sowieso all den High-Tech-Kram mit der Muttermilch aufgesogen. In vorliegender SciFi-Action scheint das ein ähnlicher Fall gewesen zu sein, zumindest beim wissenschaftlichen Krösus Guy Pearce, der nur halb so viel Charisma hat wie Tony Stark, aber das Wissen eines ganzen Jahrhunderts der Technik für sich gepachtet hat. In dessen Labor erwacht eben Vin Diesel und kann nicht erstmal an nichts erinnern. Dann wird ihm offenbart, er sei von den Toten auferstanden und hätte statt Blut ausgefeilte Nanotechnik, die zerstörtes Gewebe wieder mir nichts dir nichts herstellen können, dafür aber aufgeladen werden müssen wie der Akku eines Smartphones. Und überhaupt ist Diesel nur noch eine gesteuerte Maschine, die unter der Remote-Fuchtel eines dubiosen Vereins steht, der aus versehrten Helden technisch ergänzte Wunderpuppen zimmert. Wobei mir jetzt das amazon-Format Doom Patrol in den Sinn kommt. Ja, so ähnlich ist das hier auch. Nur Bloodshot wird bald zur Staubwolke werden, da er nach einem Total Recall wieder weiß, wozu er noch am Leben ist: um Rache zu nehmen.

Bloodshot hat schon bei der Kinopremiere knapp vor Corona von Seiten der Presse allerhand Kritik einstecken müssen. Manche Argumente mögen berechtigt sein. Aber ehrlich: Es gibt immer noch weitaus Schlimmeres. Weitaus Eindimensionaleres, denn genau betrachtet ist die Story rund um den wiedererweckten Frankenstein, der für sinistre Zwecke missbraucht wird und sich erst nach und nach davon zu emanzipieren beginnt, gar keine so kümmerliche Basis, mal abgesehen davon, dass Vieles an ganz andere Filme erinnert. Verhoevens Total Recall oder Robocop zum Beispiel. Oder Universal Soldier. Es bisschen was von Duncan Jones´ Source Code schwingt mit, nur längst nicht so existenzialistisch. Das ganze ist klassisches Patchwork, und es beschleicht mich das Gefühl, Dave Wilsons Streifen hat kaum eigene Ideen. Die Comicvorlage stammt aber immerhin aus den frühen Neunzigern. Somit lässt sich durchaus auch die Frage in den Raum stellen, wer in manchen Fällen bei wem abgeguckt hat. Aber sei’s drum, der Zitatepunsch ist ganz ansehnlich geglückt und nicht so konfus wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Die Liebe zum Detail, die fehlt. Was noch fehlt, ist der große Wow-Moment, denn Szenen von der Art, wie Vin Diesel sich zusammensetzt, hat man alle schon im Trailer gesehen. Ein Film, der sich im Vorfeld bereits selber spoilert. Das war dann wohl die größte Überraschung.

Bloodshot

Birds of Passage

DAS ÜBEL MIT DER WURZEL

7,5/10

 

birdsofpassage© 2018 Ciudad Lunar, Blond Indian, Matea Contreras

 

ORIGINAL: PÁJAROS DE VERANO

LAND: KOLUMBIEN 2018

REGIE: CIRO GUERRA, CRISTINA GALLEGO

CAST: CARMINA MARTINEZ, JHON NARVAEZ, JOSÉ ACOSTA, NATALIA REYES, GREIDER MEZA, JOSE VICENTE COTES U. A.

 

Eine karge Ebene, über die der Wind weht. Dürre Bäume. Man möchte meinen, man wäre in der Sahelzone. Falsch gedacht. Dieses Ödland ist Kolumbien. Wobei ich bei Kolumbien in erster Linie an dichte Wälder denke, bis an die Küste. Die Hütten der Wayuu allerdings, die stehen dort, wo Touristen womöglich kaum hinkommen. Nämlich an der Halbinsel La Guajira im Norden des Landes, direkt an der Grenze zu Venezuela. Wer die Wayuu eigentlich sind? Ein indigenes Volk mit Prinzipien, strengen Regeln und Ritualen. Und mit einem schier grenzenlosen Glauben an eine höhere, fast schon prophetische Bedeutung der Dinge. Kommt bekannt vor? Zumindest wenn man ans Römische Reich denkt, da waren die sogenannten Auguren jene, die aus allem was sie sahen, hörten oder in die Finger bekamen, die Zukunft lesen oder zumindest erahnen konnten. Soweit ich weiß, wurde selbst Cäsar davor gewarnt, an den Iden des März im Jahre 44 v.Chr. den Senat aufzusuchen. In den Wind schlagen lässt sich sowas recht einfach. Und in den Wind, der da an der Halbinsel unablässig weht, schlagen auch die Wayuu sämtliche Omen, wenn es um Profit geht. Den entdeckt nämlich in den 60er Jahren ein in die Sippe der Wayuu eingeheirateter junger Mann namens Rapayet, der einigen Amis Marihuana verkauft. Die wollen bald mehr, und so wird das grüne Gold, wie es im Untertitel des Filmes heißt, Zankapfel sämtlicher Clans, die alle ein Stück vom Kuchen wollen und bald lästige Konkurrenz mit bewährtem Blei der Einfachheit halber auszuschalten gedenken. Irgendwie rauft man sich zusammen, auch wenn man sich nicht ausstehen kann und die Ehre der Familie ständig im Weg ist. Die wird dann auch, nachdem alle Jahrzehnte später in ihrem Reichtum förmlich ertrinken, allen zum Verhängnis – und eine bittere Tragödie nimmt ihren Lauf.

Birds of Passage – das sind die Zugvögel, die übers Land Richtung Süden ziehen. Das sind aber auch Seelenträger Verstorbener, die keine Ruhe finden. Der stelzende Graureiher ist ein Symbol, dass den ganzen Film frequentiert und Verrätern nicht von der Seite weicht. Stets stakst das Federvieh über Lehm- und Teppichboden, erinnernd an den Blutzoll, der dem Perpetuum Mobile der Gewalt erst den Anstoß gegeben hat. Der Kolumbianer Ciro Guerra, der schon mit der bemerkenswerten Dschungelodyssee Der Schamane und die Schlange den künstlerischen Aspekt des Schwarzweißfilms wieder zu neuen Sphären erhoben hat, reist nun vom Amazonas in die eigene Heimat und gräbt so tief es geht in der kolumbianischen Erde, um das grüne Übel an der Wurzel zu packen und die kriminelle Genesis des Drogengeschäfts von der Stunde Null an zu erzählen. Auch für Birds of Passage findet Ciro Guerra epische Bilder, die auf den ersten Blick so gar nichts mit irgendeiner Art des Suchtmittel-Business zu tun haben. Wenn das Wayuu-Mädchen Zaida vom Mädchen zur Frau wird, und das im Rahmen einer penibel durchexerzierten Initiation, dann erinnern die wallenden, vom Wind gebauschten roten Gewänder an die Bildsprache von Tarsem Singh, wie aus einem surrealen Märchen, das aber bei näherem Hinsehen nur scheinbar so anmutig und verzaubernd wirkt. Das rote Tuch – eine weitere Metapher, vielleicht für das vergossene Blut, das den heiligen Boden tränkt, der für das im wahrsten Sinne des Wortes fatale Joint Venture unerlässlich ist. Die Leichen aber, die hier den Weg pflastern, säumen wie Mahnmale die Landschaft. Was wir sehen ist nicht das Töten, sondern den Tod, das Resultat eines unlösbaren Konflikts, dazwischen gezogene Waffen, traditionelle Gesänge, und entrückte Visionen, die genauso zu deuten sind wie alles andere. Birds of Passage ist eine flirrende, womöglich nach eigenen filmischen Ritualen streng komponierte Oper um Gewalt, Reichtum und die Geißel ethnisch bedingter Zwänge. Und ein verlustreiches Lehrstück über die Institution Familie als Grundstruktur für das finstere Wesen der Kartelle, wie Pablo Escobar sie später mal regieren wird.

Birds of Passage